Montag, 12. Juli 2010

Tagebuch (14) 1989 - Der Fluchtpunkt dieses Blogs?

MEIN BLOG - EIN VERSPÄTETES VORWORT?

Dieses Blog, wird mir immer mehr bewusst, hat als Fluchtpunkt das Jahr 1989. Vieles, was ich schreibe, ist offenbar mit der Suche danach verbunden, was 1989 mit mir, mit uns geschah, wie und warum, der Jahreswechsel 1989/90 mir rückblickend zum Bruch wird. Schon der erste Eintrag  kreiste um diese Frage (Lula Henne). Ich näherte mich ihr auf verschiedenen Wegen, auch sentimentalen (Trabis getankt, wir kommen). In den vergangenen Wochen begann ich eine Geschichte (Der Andere), die auf einen Kommentarwechsel mit Hans1962 zu einem Tagebucheintrag (Flirtscham) zurückgeht.  Auch diese Erzählung wird mich nolens volens wieder zurückführen nach 1989 (diesmal mit einem Umweg über 1968), wie auch mein Roman-Projekt  Melusine featuring Armgard" eine Rückwärtsbewegung dorthin ist. Warum ich immer wieder in diese Rückwärtsschleife gerate, selbst wenn ich es keinesfalls beabsichtige (Die Wortkette, die Hans1962 mir vorschlug, gab nichts dergleichen vor.), darüber denke ich seit Tagen nach.

(Ich überlege gerade, ob der Zusammenhang sich unbewusst herstellte durch die Jahreszahl, die er seinem Net-Namen beifügt?)

Ich bin 1965 in der BRD geboren. Damit gehöre ich zu den Baby-Boomer-Jahrgängen: Kinder der goldenen 70er Jahre, in denen eine Ölkrise zu autofreien Sonntagen führte, an den wir Rollschuh auf den Autobahnen fuhren. Wir haben von der Revolte der 68er profitiert, durch die nicht nur die Mini-Röcke, sondern auch eine neue Lockerheit in die Schrebergärten einzogen. Die 68er selbst aber saßen missmutig als verbeamtete Lehrer vor uns und versuchten uns den Spaß an Raumschiff Enterprise und Klimbim zu verderben. Deren Kulturpessimismus und auf Selbstgerechtigkeit reduzierte Ideologiekritik stießen uns ab. Gegen die entdeckten wir Edgar Wallace als Kult und lasen statt Adorno Foucault und Luhmann. Geschichte war zu Ende, das Subjekt eine elende Fiktion. Lasst uns auf tausend Plateaus spielen. Wir lachten uns schlapp über Helmut Kohls „geistig moralische“ Wende und die Voodonomics des Cowboy-Darstellers Reagan aus Hollywood. In diesem Trio wirkte einzig die Eiserne Lady nicht lächerlich. Tatsächlich zerschlug sie auf brutale Weise die englischen Unions. Aber Gewerkschaften waren eh uncool: die grauen Hosen und die ewigen Nelken. Die Gewerkschaftler hierzulande agierten als Anteilseigner der Deutschland AG, überzeugt davon, dass der Mensch vor allem ein paar DM mehr in der Tasche braucht, um glücklich zu sein. Wohlstandskinder, die wir waren, interessierte uns das nicht.  Wir wollten die Befreiung von der Arbeit, nicht deren verbesserte Bezahlung. Marx reloaded. Aber mit Spaßfaktor. 

Als – für uns völlig unerwartet – der sogenannte Ostblock zusammenbrach (Wir hätten es ahnen können, wenn wir dort nur einmal genauer hingeschaut hätten. Doch der Sex-Appeal von Honecker oder Breschnew hielt sich in überschaubaren Grenzen. Den Bruderkuss scheuten wir instinktiv.), mussten wir lernen: Geschichte wird gemacht. Nur nicht von uns. Wir machten einfach weiter unsere eigenen Sachen, dachten wir. Aber es stellte sich heraus: Es trat ein Kapitalismus seinen Siegeszug an, in dem unsere hoffnungslose Utopie der Kontigenz sich auflöste im totalen ökonomischen Verwertungszusammenhang. Das ging schleichend und wurde uns erst bewusst, als wir längst schon verinnerlicht hatten, dass Individualismus  jetzt heiße: Optimiere dich selbst, steigere deinen Warenwert. Das Land, auf dessen verantwortungsloses Zahlen und Stillhalten wir uns vorbereitet hatten, existierte nicht mehr. Wir lebten jetzt in Deutschland. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten wurde das Asylrecht abgeschafft, Genscher führte das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ins internationale Rechtsempfinden ein, so dass schließlich ein 68er-Steinewerfer und sein Brioni-Kanzler den ersten Bombenangriff deutscher Flieger nach 1945 anordneten, was aber kein vom Grundgesetz verbotener Angriffskrieg sei, obwohl auf den Alpenpässen keine Serben gesichtet worden waren.

Ich schreibe „wir“, doch ist das selbstverständlich völliger Unsinn. Ein „Wir“ zu bilden, gerade das hatten „wir“ ja grundsätzlich abgelehnt vor 1989. Keine Organisationen, keine Interessenvertretungen, keine Identität, keine Kontinuität: Anything goes - Melancholie total. Ich muss aufhören damit, eine ganze Generation beschreiben zu wollen, wenn ich michsuche jenseits der Resignation, die ich erst rückblickend auf das Ende des Jahr 1989 zurück datieren kann. „Das Private ist politisch.“ Selbst die Rückbesinnung auf diesen Feministinnen-Spruch macht mich skeptisch: Ist es nicht nur ein weiterer Versuch, das eigene Versagen historisch zu überhöhen?

Die Suche geht weiter.

Kommentare:

  1. Bei diesem Beitrag, stelle ich grade fest, sehne ich mich richtig nach Widerspruch :).

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  2. wieso zu 89 zurück ?
    also ich würde gerne in die 70er zurück.
    wurde echt gute musik gemacht, so zwischen 70
    und 80.
    das feeling war cool, wenngleich etwas unreflektiert, also der freakmann war durchaus noch ein komischer macho.
    die retro der 70er begann mit snap und später selig - war klar, dass auf das teutonische herumgemache von rammstein und anderen mal was anderes kommen musste.
    rammstein war nur das ende einer doofen bewegung aus den 80ern,- des ndw.
    ndw war die katastrofe.
    da kamen so blasse, milchige tüpen auf die bühne, die mit kurzhaarschnitt und zackigen beats ( und ein bisschen koks ) meinten sie müssten da was flott machen wo wir freaks eigentlich die turnstunde dominierten.
    für mich war das schon faschistoid - das wohin z.b. zur zeit der graf ( neue deutsche härte )
    wohl wieder hin will.
    nö die 70 er waren es, es war echt toll, obwohl ich das nur als akzeptierter nachzügler mitbekommen durfte.
    89 erlebte ich als die volle bremse.
    berlin die freaktown lief plötzlich auf zeitlupe
    dann kamen noch die bonner provinzler, die sonies und die daimlers und hauten noch ne menschenfeindliche kalte architektur rein.
    nö, es gibt ja kein zurück, noch darf man ja weitergehen wollen.

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  3. @lobsiebaby
    Ich glaube nicht, dass Melusine eine Rückkehr in eine Zeit vor dem Mauerfall herbeisehnt. Vielmehr empfinde ich aus ihren Zeilen eine Suche nach den entscheidenden Weichen, über die die verspaßte Gesellschaft bedenkenlos d'rüber ratterte. Ich glaube auch wahrnehmen zu können, dass Melusine über das Niemandsland nachsinnt, in das wir kapitalgetrieben geraten sind.

    @Melusine
    Ich widerspreche: Auch wenn das "Wir" allgemein verleugnet wird, existiert es doch.
    Mitten in der Pampa.
    Verloren, hilf- und hoffnungslos.

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  4. Guten Tag, Frau Gleisbau-Meisterin!

    Seltsamer Weise (?) erinnert mich dieser Text (mehr inhaltlich als stilistisch usw.) an Erzählungen Helga Schuberts, einer von mir geschätzten abseits des Mainstreams schreibenden Autorin, die in einer ähnlichen "Ansprache ähnlichen Text (alles ist Rhetorik!) immer wieder darauf hinwies, dass sich Leser immer wieder dieses "wir" verbeten hätten: sie solle doch für sich sprechen... Vermutlich sind das die Leute, die "gerade so durch kommen", sich mehr oder weniger durch wursteln usw., und es nicht ertragen können, dass da Eine(r) genauer hinsieht und die Dinge beim Namen zu nennen versucht; "Die Dinge so zu sehen, heißt, sie zu genau zu sehen"; Shakespeare, glaube ich (das ist dieser schottische Möbelfabrikant, Ihr wisst schon)...

    Und jetzt schreibst Du das selbst, mit dem "wir", ha...

    Ich glaube, das "wir" ist (auch deshalb) belastet, weil es über strapaziert wurde, einmal in Braun und dann in Rot... Es scheint mir wieder einmal etwas Unbewusst-Psychodynamisches eine entscheidende Rolle zu spielen, indem immer wieder aus Zusammenbrüchen von Lebenswelten resultierende Identitätsprobleme durch ein dröhnendes "wir" nicht gelöst, sondern übel zu kompensieren versucht wurde...

    Als "Verhaltensmaßregel" wurde übrigens besagter Frau Schubert auf ihrem Trip nach Westberlin von West-Frauen mitgegeben, dass man nicht "BRD" sagen würde... Chch.

    Ja, Du bist auf der Suche, und während ich das kenne, bin ich doch neidisch, dass und wie sehr Du in Deinem Text-Dickicht steckst ("Text" kommt von "Gewebe, Geflecht", was ja auch wieder "was hat"); da musst Du durch, hähä (und ich bin mir sicher, dass Du das weißt; ich wollte nur zeigen, dass ich es auch wahrgenommen hätte, hüstel).

    MifreuGrü

    Das Fossil

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  5. Peh-Ess:

    Der unerwartete Zusammenbruch des Ost-Blocks war (nachher klug scheißen kann jeder, Herr Dino!) lange Jahre vorher in der Literatur zu "ahnen", insbesondere in der sowjetrussischen, bei Trifonow, Tendrjakow, Aitmatow...

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  6. @Lobster Ich sehne mich nicht zurück in die 80er. Vor allem nicht zur ndw. Doch war ich jung damals - und übermütig (zumindest oft). Das ging verloren. Musikalisch bedeuteten mir die Go-Betweens viel. Und immer noch. Ich vermisse Grant MacLennan. Auch wenn erst kürzlich einer mir schrieb, sie seien zu "soft". Das bin ich auch :)

    @Hans1962 Können Sie sich tatsächlich wieder finden, in diesem (Selbst-) Porträt, dem "Weg ins Niemandsland" (eine feine Formulierung)? "Drüber weg gerattert"- ja, auch das. Schreiben Sie mir davon? Mir läge viel dran.

    @Graphodino - "Wir" hätten es ahnen können, wahrscheinlich. Ich gestehe es: Ich las keine sowjetrussischen Autoren, war fixiiert nach Westen (US-Amerika vor allem). Dieses Gespräch zwischen uns Gleichaltrigen aus der alten DDR und der BRD (ich bleib dabei!), das suche ich. Ich stelle mir vor (aber das ist nur meine Außenperspektive, dass jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, den Eindruck gewinnen muss, seine Vergangenheit sei quasi "ausgemerzt" im Mainstream. Ist das so?

    Liebe Grüße
    Melusine

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  7. @Melusine
    Ja tatsächlich, ich kann. Schmerzhafter, als mir lieb ist.
    Vielleicht ist es tatsächlich hilfreich, darüber zu schreiben, wie Phyllis kürzlich meinte. Doch fürchte ich, dass es den hiesigen Rahmen als Kommentar bei weitem sprengen würde.
    Es wäre eher angemessen, meine ich, darüber in meinem eigenen Blog zu schreibdenken. Demnächst. Möglicherweise.

    Lieben Gruß
    H.

    PS: ich bin Jahrgang 1962, wie unschwer zu erraten war.

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  8. Lieber Hans, tun Sie das doch (in Ihrem eigenen Blog darüber schreibdenken). (Wo denn???) Es schmerzt, ja. Man kann auch anders drauf schauen: Es nicht tragisch nehmen, sondern die Komik wahrnehmen. Versuche ich, manchmal.

    Ich freue mich auf Ihr SchreibDenken. (Und nehme Sie damit ein wenig in die Pflicht:).

    Lieben Gruß
    Melusine

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