Mittwoch, 13. Oktober 2010

Ausgestellt: Wilhelm Meister (Goethe-Haus Frankfurt)




"Hat sich nicht Goethe über sich selbst als Dichter lustig gemacht? Oder was anders wäre der Kern seines Wilhelm Meister....wo zuletzt die Lumpe gewinnen?"


Arno Schmidt

Der Bücherblogger hatte mir den Tipp gegeben. Nachdem Freund T. und ich feststellen mussten, dass montags die Museen zu sind, machten wir uns auf den Weg zur Ausstellung  "Mein Name ist Wilhelm Meister" im Frankfurter Goethe-Haus (freilich nicht, ohne vorher im Café Karin einen Streuselkuchen zu essen). Diese Ausstellung will der Frage nachgehen: "Wie stellt man Literatur aus?" Gar nicht, hätte ich lange Zeit geantwortet. Bis ich im Sommer 2006 in Marbach mit Morel die Aussstellung zu Arno Schmidts Werk besuchte. Sie war großartig, eröffnete uns neue Zugänge zum Werk eines Autors, den wir beide auf ganz unterschiedliche Weise lasen und lesen. So kann man Literatur ausstellen. Diese Ausstellung stellte sich ganz in den Dienst des Werkes, dessen Entstehungsprozess sie zeigen wollte. Wenn Schmidt im Text, sahen wir, eine Frau im Badeanzug aus dem Wasser steigen ließ, dann schnittt er ein passendes Bild dazu aus dem Quelle-Katalog. Wir hörten an verschiedenen Stationen Radio-Sendungen Schmidts; wir lasen Zeitungsausschnitte, die er gesammelt hatte, wir vollzogen nach, wie Arno Schmidt mit seiner Frau gelebt hatte, was sie gelesen hatten,wie die Schreibmaschine anschlug, die er benutzte. Wir gewannen einen Eindruck, in die Art und Weise, wie dieser Autor sich Wirklichkeit angeeignet hatte. Wir blieben lange damals in Marbach. Viel länger als geplant. So kann man es machen: Eine ästhetisch und konzeptionell anspruchsvolle Ausstellung, die Werk, Biographie und Ausstellungsort miteinander in Beziehung setzt.

Im Frankfurter Goethe-Haus wird etwas anderes versucht. Ein Werk, sieben Künstler, die sich mit ihm - wie man so sagt - auseinandergesetzt haben. Ein düsterer großer Raum. Zuerst fällt eine dunkle Laufbahn mit mattschimmernden Eiern, in die eine Texstelle zu Mignon eingewebt ist, in den Blick: Ziehen Sie die Schuhe aus. An der Wand rundum das Personal des Wilhelm Meister als Pappfiguren-Kabinett: Barby, Superman oder Lausbub. Ein gefaktes Monument mit Sprüchen "großer" Autoren zum Wilhelm Meister. Eine Video-Installation. Eine "Meister"-Zeitung. Freund T. war ungeduldig. Gerade die Eier-Bahn ging ihm auf dieselben. Nicht ohne Grund. Diese "Werke" waren weder selbständige Kunst-Werke, noch stellten sie sich in den Dienst des Werkes "Wilhelm Meister". Sie warfen keine Fragen auf, sondern machten ironisch spöttische Statements. Immerhin, die Pappkarton-Figuren fand ich ganz witzig. Trotzdem: Wie kann man Literatur ausstellen?  So nicht. 

T., erzählte er mir, wird in Kürze selbst bei einem ähnlichen Projekt mitmachen. Jeweils ein Kunstwerk, das sich auf ein Buch beziehen soll. T. spielt mit dem Gedanken, "etwas" zu Thomas Pynchon zu machen. "Aber der Bezug wird ganz offen", sagte er. Ich bin gespannt. Vielleicht geht das. Wenn man nicht versucht, wie in Frankfurt zu "Wilhelm Meister" das Werk auf simple Weise zu "interpretieren", sondern eine eigenständige Arbeit zu entwickeln, die das andere Werk im anderen Medium gleichsam befragt oder sich von diesem befragen lässt. Das ist dann aber, denke ich, keine Literaturausstellung. 

Wir blieben nicht lange in dem düsteren Raum mit den "Meistern", sondern suchten schnell den Weg hinaus in den besonnten Sommernachmittag, ins Gärtchen hinter dem Haus. "Stell dir vor", sagte ich, "seit der Renovierung war ich noch nie im Goethe-Haus."
"Ich auch nicht", sagte T. So gingen wir hinüber in Goethes Geburtshaus, schauen, ob dort zu sehen wäre, wie man Literatur ausstellt.

Kommentare:

  1. Auch ich war schwer enttäuscht von den Reaktionen der Künstler auf die Frage, wie "man" Literatur ausstellen könnte. S o jedenfalls nicht. Das Ganze wirkte ausgesprochen lustlos und dilletantisch. Ohne Aura. Im Wohnhaus selbst dagegen spürt man was, wenn auch eher in den Zwischen- als in den Räumen selbst. Ich blieb im Treppenhaus stehen: da war noch was Witterung aufzunehmen, der Klang vieler vergangener Schritte.

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  2. So empfanden wir es auch. Ich werde vielleicht noch ein paar Fotos einstellen.

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  3. schoen, mal von der "anderen" seite der rezeption zu hoeren. eine installation, die sich oeffentlich ueber einen autor lustig macht, finde ich daneben... auch, wenn ich selbst noch nicht vor ort war.
    dann war das ziel wohl eher eine (wie es ausschaut, dazu noch unaesthetische) aktion fuer kunstkritik, nicht fuer die wunderbare befruchtung unterschiedlicher kuenste.

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