Samstag, 23. Oktober 2010

OHNMACHT

„Warum gehst du nicht zum Arzt?“, schreibt die Freundin, „Ich mache mir Sorgen.“ Besorgt war ich auch. Und fühle mich ein wenig ohnmächtig, auch jetzt noch, Stunden später. Fielen Sie schon einmal in Ohnmacht? Mir ist das bisher nie passiert. Ehrlich gesagt: Ohnmacht, das klingt so nach Machtlosigkeit, Ausgeliefertsein, Opferstatus. Eine frühe Entscheidung im Leben: Das will ich nicht sein. Lange bevor ich wusste, was oder wer oder wie ich sein und werden wolle, legte ich fest: Niemals Magd. Gegen den gestickten Spruch über dem Sofa der Großmutter wehrte sich alles in mir: „Gebücket mit dem Hut in der Hand, kommst du durchs ganze Land.“ Den Rücken will ich nicht krumm machen und das Haupt nicht beugen, lieber Schläge einstecken und den Kiefer zusammenbeißen, ich weine keine Träne dem oder der nach und die Faust balle ich nicht nur in der Tasche. Das sind Gründe (oder zumindest solche, die ich mir zurecht und damit zur Rechtfertigung  bereit lege), warum ich mit Kranksein mich nicht gut abfinden kann; das Bett hüten oder nur zugeben, dass ich es müsste, das fällt mir schwer. (Einmal abgelegt, allerdings, kann ich mich völlig in die Schwebe versetzen, die Tage verdösen, schlummern und keinen Finger mehr rühren und kein Ohr mehr spitzen.)

Heute früh also fiel ich in Ohnmacht. Mit dem Rad fuhr ich zum Markt, noch ein paar Besorgungen zu machen; später Neffe und Bruder abholen, um zum Heimspiel zu fahren, ein Top-Spiel der Saison gegen die Gazprom-Angestellten von Schalke 04 (ging 0:0 aus, höre ich) Da freute ich mich schon drauf, auch, weil ich die Freundin, mit der ich zusammen sitze, eine Weile nicht getroffen habe. Kalt war es, ich hatte vergessen Handschuhe anzuziehen und die Finger waren so klamm, dass ich kaum das Radschloss zu bekam. Im Ladenlokal dann, wo ich mich kurz aufwärmen wollte, spürte ich wie der Boden unter den Füßen wankte. Dachte noch: Fixier einen Punkt, halt dich dran fest, Augen auf, geradeaus geschaut, konzentrier dich, dann geht das rum. Da war ich auch schon weg. Schemenhaft nahm ich beim Erwachen Gestalten wahr, die mich hielten, offenbar den Sturz abgefangen hatten, mich zu einem Stuhl führten, absetzten. Ein Glas Wasser wurde gereicht. „Atmen Sie ruhig. Länger aus als ein.“ Das ist gut. Das weiß ich vom Yoga. Das kann ich auch. Mich beruhigen, ruhig sein. Ganz ruhig auf dem Stuhl sitzen und klar werden. Jetzt sehe ich wieder: die Tür, die Theke, die Kasse, die besorgten Gesichter. „Sie sind ganz nass“, sagt eine Dame und reicht mir ein Erfrischungstuch. Plötzlich fühle ich es: mein ganzes Gesicht, nass vom kalten Schweiß. Ich wische mich ab. Versuche nachzudenken. Was ist jetzt zu tun? Schaffe ich die Besorgungen noch? Wenn nicht, was wird mit meinem Rad? Ich belaste probeweise einen Fuß. Das fühlt sich nicht stabil an. Schwankender Untergrund. Eswird nicht gehen. Ich lasse ein Taxi rufen. „In die Klinik?“, fragt der Fahrer. „Nein, ich will nach Hause.“ Meine Jungs nehmen mich in Empfang. „Kleine Mama“, sagt der zärtlich und hält mich im Arm, während der andere sich anzieht, um mein Fahrrad zu holen. Mir geht es gut, denke ich. Ich ruhe mich aus. Bloß jetzt nicht in einer Arztpraxis herumsitzen oder gar in der Notaufnahme.

„Ich mache mir Sorgen.“, schreibt die Freundin. Das muss sie nicht. Ich machte mir auch Sorgen. Aber es war wohl nur eine Kreislaufschwäche. Ohnmächtig sein, dennoch, ist sonderbar beunruhigend. Weg sein, nicht auf dieser Welt. Die Welt bleibt da und du bist weg.

Kommentare:

  1. Wenn schon ohnmächtig werden, dann so: noch vor dem Aufprall aufgefangen werden, ohne allzugroße Panik beim Erwachen, zuhause von den Söhnen bemuttert. Doch wir behalten Sie im Auge, liebe Melusine, sofern Sie uns Leser:innen lassen : ) Denn soviel ist klar, am zu engen Korsett wird's wohl unter diesen Umständen nicht gelegen haben. Ich kenne den Zustand selbst nicht, habe aber eine Freundin, die innerhalb eines Jahres mehrfach ohnmächtig wurde - nie vorher, und seitdem auch nicht mehr. Interessantes Phänomen. Sie hat nie herausgefunden, woran es lag.

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  2. Ja, ich hoffe auch, dass es einfach verschwindet. Wiederholung müssen nicht sein.

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  3. die hoffnung der/
    ohnmächtigen in besorgte/
    arme fallen zu können

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  4. Edith88, tatsächlich ist dieser Eintrag unter Tagebuch abgelegt. D.h.: Es handelt sich nicht um Fiktion. Der Kommentar tut mir weh, weil er eine Gehässigkeit offenbart, die ich nicht verstehe. Befriedigt Sie das?

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  5. oh, liebe Melusine, das geht tief, was Sie da beschreiben... Sie sind sehr streng mit sich! Ich widme Ihnen meine Rose zum Trost.
    Herzliche Grüße Ihnen!

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  6. mir ist es voriges jahr passiert, dass ich neben dem krankenbett meines sohnes (anscheinend aus sympathie) in aller oeffentlichkeit in ohnmacht fiel. zuletzt hatte ich das waehrend der pupertaet wegen zu niedrigem blutdruck. soetwas haette ich auch nie von mir gedacht. ich dachte, das passiert planmaessig nur weicheiern, aber vielleicht war ich auch weich in diesem moment. ;)

    ich tippe auf voruebergehende kreislaufschwaeche, abrupte lageveraenderung...
    gute besserung. ich denke, sich dafuer zu schaemen ist quatsch.

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  7. Pupertät ist aber auch lustig - und stiftet zum Quatsch an: Pupsertät. usw.

    Geschämt habe ich mich nicht, dass ich umgefallen bin. Aber geschockt hat es mich: dieser Moment, in dem alles wegsinkt, du willst es nicht, du versuchst, die Dinge, die Gesichter festzuhalten, aber sie schwimmen weg...

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  8. Liebe Melusine,

    las es eben erst. Seraphe und ich sind in Gedanken bei dir. Wir melden uns.

    Alles Liebe

    Seraphe und Guido

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  9. Liebe Melusine,

    vielleicht machen Sie einfach ein bisschen zu viel. Arbeiten, jeden Tag ein neuer Blogeintrag, Kommentare bei anderen, Lektüre nur unter Stress (Was ich noch alles lesen muss!). Die Kommentatoren laufen nicht weg, wenn Sie weniger im Blog schreiben und die Bücher werden nicht weniger, wenn Sie mehr lesen. Die Anonyma dieser Welt werden Sie nicht los, wenn Sie Ihnen antworten.

    Legen Sie die Beine hoch, stabile Seitenlage – passt das zusammen? – und alle Systeme, die nicht unbedingt zum Leben notwendig sind, herunterfahren. Das tun alle Menschen manchmal! Sie machen doch Yoga!

    Gute Besserung!
    Aléa

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  10. Liebe Aléa,
    vielen Dank für die Besserungswünsche. Es geht mir wieder gut. So wie dem "Anfall" ja auch kein Sich-schlecht-fühlen voraus ging.

    Ansonsten denke ich, Sie machen sich ein falsches Bild von meinem Leben. Kommentieren und Schreiben erlebe ich überhaupt nicht als "Arbeit" oder Anstrengung. Es nimmt auch viel weniger Zeit ein, als Sie wohl annehmen (vielleicht 1 bis 2 Stunden am Tag, höchstens bei langen Texten mehr). Ich sitze nie einen ganzen Tag vor dem Bildschirm oder im Sessel, meistens bin ich unterwegs zu Fuß oder mit dem Fahrrad. (Erst vorgestern war ich 5 Stunden wandern.) Ich habe in den letzten drei Jahren viel mehr gearbeitet als in diesem Jahr, in dem ich erstmals ein paar angehäufte Überstunden abbauen kann.

    Daher glaube ich nicht, dass die Ursache Überlastung ist. Ich habe eine Idee, was Ursache sein könnte. Das ist ein Ereignis in der erweiterten Familie, über das ich hier nicht schreiben möchte, das mich aber vielleicht mehr getroffen hat, als ich mir eingestehen wollte. Daran kann ich nichts ändern. Und einfach nur hoffen, dass "die Zeit heilt."

    Herzliche Grüße
    M.

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  11. Naja... erst auf dem Fahrrad den Kreislauf in Wallung bringen, dann absteigen, sich bücken um das Rad abzuschließen. Vielleicht danach zu schnell aufgerichtet?... kann passieren. Es ist gut, wenn in dem Augenblick jemand da ist, der auffangen will und auch kann, weil Menschen, die ohnmächtig werden, meistens schneller fallen, als man schauen kann. Da haben Sie noch großes Glück gehabt, daß Sie sich bei dem Sturz nicht verletzten. Evtl. mal ein wenig Magnesium? Schüssler Salz Nr. 7. *Grinst*.... (meine Ratschläge und ich)... *Grinst nochmal* Schön zu lesen, daß es Ihnen wieder besser geht.

    Einen schönen Sonntag für Sie.
    Syra

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  12. Habe mir auch Sorgen gemacht, als ich das gelesen habe. Gut, dass Du im Laden warst. Wir sehen uns. S.

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  13. Liebe Melusine,
    meine [aller]erste Reaktion ähnelte der von Aléa, meine zweite war wie die von Syra.
    Ganz wunderbar finde ich wie Deine Söhne [re-] a g i e r t e n ! TOLL!
    Alle guten Wünsche, Dir,
    herzlich
    Teresa

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  14. Danke für die guten Wünsche, liebe Teresa. Mir geht es auch wirklich gut, heute bin ich schon wieder eine Stunde gelaufen durch den wunderschönen Herbstnachmittag.

    Sie sind grandios, wenn es drauf ankommt, die "faulen Riesen", meine Söhne. Die ganzen Ferien verbummeln sie auf dem Sofa, aber in dem Moment, in dem man sie braucht, sind sie da: patent, zupackend, liebevoll.

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