Samstag, 6. November 2010

Warum ich heute nicht nach Dannenberg fahre

Der Bus ist schon länger gechartert. Ich erhalte seit einer Woche, zuletzt im Stundenrythmus,  e-mails, in denen ich aufgerufen werde, mit den „lieben Freundinnen und Freunden“ zum Protest gegen den Castor nach Dannenberg zu fahren. Statt nach Dannenberg zu fahren, könnte ich mich aber auch an die Gleise ketten, denn sehr wahrscheinlich nimmt der Castor diese Strecke, an der ich wohne. Ich bräuchte also nur in den Baumarkt fahren und mir zweidrei Ketten besorgen und entsprechende Vorhängeschlösser, schon wäre ich  ausgerüstet und könnte den Castor stoppen.

Eins ist klar: Über den Atom-Deal der Merkel-Regierung habe ich mich geärgert, so dass ich politisch wieder aktiv geworden bin; deshalb bin ich jetzt im Verteiler der Anti-Atomkraft-Freundinnen und Freunde. Ich bin aber nicht mehr 20 und es macht mir nicht mehr per se Spaß, im Regen (oder in der Sonne) Hand in Hand mit den Guten zu stehen und die Bösen in Gestalt der Ordnungshüter anzubrüllen. Wenn ich in die Gesichter unter den Helmen auf der anderen Seite schaute, dächte ich heutzutage vielmehr: Der arme Kerl, wahrscheinlich seit Donnerstag in einer Polizeikaserne eingepfercht, üble Eintöpfe, Scheiß-Hagebuttentee und jetzt die Angst, dass die Chaoten angreifen oder er selbst einfach durchdreht, wenn die näher rücken. Mein Unbehaglichkeitsgefühl beim Blick in das Bubengesicht wäre aber kein Grund nicht hinzufahren nach Dannenberg, denn es geht ja nicht um den Spaßfaktor, den mir das bringen könnte und früher durchaus auch mal gebracht hat, wenn ich auf der richtigen Seite stehend mal ordentlich auf den Putz hauen konnte.

Ich fahre aber nicht. Ich fahre nicht, weil ich mich nicht mehr dazu stellen kann zu den Guten, denn ich gehöre da nicht hin. So sieht´s nämlich aus. Ich bin gegen die weitere „friedliche Nutzung der Atomkraft“, aber nicht weil ich so gut bin und so natur- und menschenfreundlich, sondern weil keiner eine Antwort auf die Frage hat, wo der Müll hin soll, der notwendig anfällt. Salzbergstöcke, Meeresverklappung, ins All schießen – jeder dieser Vorschläge ist geprüft und im Prinzip verworfen. Für die Verklappung in die Meerestiefe fehlt das beständige Material, das dauerhaft dem Druck und Verschleiß standhält, den Müll so ins All  zu schießen, dass er sicher nicht wieder runter kommt,  ist technisch (noch) nicht und finanziell (wahrscheinlich dauerhaft) unmöglich, wie sicher Salzbergstöcke sind, hat die Entwicklung in der Asse gezeigt. Also: Wohin mit dem Zeug?, frage ich und es gibt darauf keine vernünftige und verantwortbare Antwort. Der Müll wird sich aber nicht in Luft auflösen und unter den weltwirtschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben, wird das Zeug da landen, wo alles landet, was wir – die Reichen – uns vom Hals schaffen wollen, nämlich bei den Armen, in der sogenannten Dritten Welt.

Jetzt bin ich aufgerufen, mich an Protesten gegen den Transport des Mülls zu beteiligen. Ich bleibe aber daheim und freue mich auf einen Nachmittag mit Guido Rohm und Seraphe. Mit denen muss ich wahrscheinlich auch nicht Händchenhalten. Das ist aber  nicht der Grund, warum ich nicht nach Dannenberg fahre. Ich fahre nicht, weil ich nicht verstehe, warum ich gegen den Castor-Transport protestieren soll. Im Castor ist „unser“ Müll, der kommt zurück aus LeHague und es gibt keinen Grund, warum die Franzosen „unseren“ Müll behalten sollten. Wohin damit? Dafür gibt es keinen Lösungsansatz. Jürgen Trittin, als er noch Umweltminister war, hatte Recht damit, dass Castor-Transporte rollen müssen, weil wir verpflichtet sind, den Müll, den wir produziert haben, zurückzunehmen. Demnächst werden die Transporte aus Sellafield kommen. Ich bin nicht gegen die Castor-Transporte, sondern gegen die weitere Nutzung der Atomenergie. Und deshalb fahre ich nicht nach Dannenberg. Den Müll, der da ist, schaffe ich durch Protest gegen Transporte nicht aus der Welt. Es geht darum, meine ich, zu vermeiden, dass weiterer Müll produziert wird. Das heißt: Das nächste Mal in Biblis bin ich dabei. Den Castor aber stoppe ich  auf seinem Weg nach Gorleben erst, Freundinnen und Freunde, wenn ihr mir sagt, wo er stattdessen hin soll.

(Morel, übrigens, meint: Du musst taktisch denken. Die Leute sind in Massen nur zu bewegen, wenn etwas Außergewöhnliches und Sichtbares passiert: wenn der Castor rollt. Morel hat gut reden, der steht nie im Regen und muss Händchen halten. Das lehnt er ganz prinzipiell ab.)

Kommentare:

  1. Natürlich musst du mit uns Händchenhalten!

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  2. Dann müsst ihr aber auch eine Laterne basteln fürs Laternenfest! Und singen: Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne...

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  3. Weil es für mich aus der Distanz nicht recht erforschbar ist: gibt es auch Proteste gegen den Abtransport des Kraftwerkmülls? (ist das mit Biblis so gemeint?)
    Die Demonstrationen gegen die Rücklieferungen sind mir ja völlig einsichtig. Eine - ich hoffe, Sie stören sich nicht an dem deftigen Ausdruck - parasitäre Gesellschaft funktioniert im allgemeinen so.

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  4. Biblis ist eines der Alt-AKWs, die nach der alten Vereinbarung abgeschaltet werden sollte, nun aber weiter laufen sollen. An Demonstrationen f ü r eine Abschaltung von Biblis beteiligte ich mich.

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  5. Wenn's legitim wäre, würd' ich zur Demo kommen - zur Not auch auf dem Fahrrad.

    Ich möchte gern noch kurz erläutern, wie ich auf die "parasitäre" Gesellschaft gekommen bin: hierzulande (A) wird im Zuge einer so bezeichneten Steuerreform unter anderem auch die Anhebung der Mineralölsteuer (auf Treibstoffe) um 4-5 Ct. geplant. Das Ausmaß der Anhebung wurde an den Preisniveaus der Nachbarstaaten orientiert, um den "Tanktourismus" nicht zum Erliegen zu bringen. Von diesem erhofft man expressis verbis, dass der größte Teil der mit 500 Mio. projektierten Mehreinnahmen getragen werde...

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  6. Legal ist es, legitim meiner Meinung nach auch. Kommen Sie also? (Mit dem Fahrrad ist allerdings ´ne Strecke von Wien ;-).

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