Sonntag, 5. Dezember 2010

WAS POESIE IST oder BILDUNGSFERNSEHEN

Hank sucht das Wort verzweifelt. „Das Beste aber war...“, erzählt er Walt und Walter junior, „nicht Symbol, auch nicht Sprichwort, nein, das war´s nicht, und auch nicht Sinnspruch....nein...hilf mir doch, Walt.“ Aber Walt guckt in die Luft und Walter junior kämpft mit seinem ersten Whiskey. Hank kommt dann selbst auf das Wort: „Das Beste war die Poesie. Das war´s: die POESIE.“

Dean Norris als Hank in Breaking Bad
Quelle: http://www.fancast.com/blogs/files/2010/03/Breaking-Bad-Hank.jpg
Hank erzählte zum x-ten Mal, was ihm bei einem Einsatz der DEA in El Paso an Mexikos Grenze passiert war. Ein Einsatz, der in die Hose ging, wenn man mal so abgedroschene Bilder verwenden darf, was aber in diesem Fall nicht nur bildlich zu verstehen ist, sondern bei einigen tatsächlich eintraf. Sie lauerten auf einem Hügel, gut verteilt mit ihren Jeeps, die im toten Blickwinkel standen, so dass man sie von unten, von der Ebene aus, die sie mit ihren Ferngläsern scannten, nicht sehen konnte; die Gewehre immer im Anschlag. Ihr Informant sollte sich mit einem großen Boss treffen, Absprachen über die Verteilung des Stoffes für ganz New Mexico, die Chance einen echten Coup zu landen. Sie warteten lange in der brütenden Hitze. Nichts tat sich da unten, den trockenen Sand bewegte kein Lüftchen, die ausgelaugten Kakteen darbten vor sich hin. Hank, der neu in der Einheit war, wurde ungeduldig: „Nix los mit eurem Informanten. Ihr seid viel zu lasch mit dem umgesprungen. Viel zu viele Extras.“ Der Informant hatte sich vorab aus einem einschlägigen Katalog seine Outdoor-Ausrüstung zusammenstellen können, alles nur vom Feinsten. Der Ton, in dem der seine Forderungen stellte, hatte Hank sauer gemacht. Hank griff sich das Fernglas seines Nachbarn. Da bewegte sich was. Hank zoomte sich heran und hielt den Atem an. Sekunden später jagten sie in ihren Jeeps den Hügel hinunter, umkreisten das Ding, fassungslos, sprangen aus den Wagen, um sich das näher anzusehen. Hank, der zuerst da war, wurde übel. So was hatte er noch nie gesehen. Er konnte die Kotze grade so zurückhalten, wankte zurück zum Wagen, um den Funkspruch abzusetzen. Das rettete ihm das Leben. Denn das Ding explodierte und riss, die in der Nähe standen, mit. Als die Detonation verebbte und sich der Rauch verzog, lag das ganze Desaster vor Hank: das abgerissene Bein seines Kollegen, der verzweifelt  schreiend  die Hand in die blutende Wunde steckte, der zerfetzte Körper eines  anderen, dem nicht mehr zu helfen war, ein Verwundeter, der auf allen Vieren durch den Sand kroch. Hank funkte an die Zentrale „Verdammt, wir haben Verletzte und Tote, Scheiße, das Ding ist explodiert. Die Schildkröte ist explodiert.“

Das war die Poesie: was Hank durch sein Fernglas vom Hügel aus gesehen hatte. Der abgeschlagene Kopf ihres Informanten auf den Rücken einer Schildkröte montiert. Der Mann war stolz gewesen auf seinen Kampfnamen: La Tortuga. Die Schildkröte. Den Kopf der Schildkröte als Bombe auf eine Schildkröte setzen; das, fand Hank, war POESIE.

So geschehen und gesehen gestern Abend in der vorletzten Folge der ersten Staffel einer grandiosen Serie:  „Breaking Bad“ auf ARTE.


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