Mittwoch, 12. Januar 2011

GROSSE SEHNSUCHT EINSAMKEIT

„Du hast“, sagt die Freundin, „keine Ahnung, wovon du redest. Du bist doch nie allein gewesen.“ Das stimmt. Ich habe nur knapp drei von fünfundvierzig Jahren alleine gewohnt und auch in dieser Zeit bin ich nur wenige Monate „Single“ gewesen. Es ist wahr: Ich habe keine Ahnung, wie es ist, allein zu sein.

Die Sehnsucht nach einer Tür (und sie müsste nicht einmal blau sein), einer Tür zu einem Raum, der leer ist und den niemand außer mit betritt, die Sehnsucht auf dem Boden zu liegen und die Decke anzustarren ohne zu fürchten, dass jemand hereinkommt und sagt: „Was machst du da?“, die Sehnsucht, den Kopf an die Wand zu lehnen und zu weinen, ohne dass einer fragt: „Was hast du denn?“, sie ist nichts weiter als Ausdruck jener grundlosen Traurigkeit, die sich nur leisten kann, wem es  gut geht.

Wie gerne hieße ich jenen Trübsinn, in den ich mich tauche, Melancholia ! Was gewönne er durch dieses Wort an Schönheit und Würde. Ich hätte teil an dieser „erhabenen Gesinnung der Selbsterfahrung und Veredelung“, statt ein undankbarer Trauerklotz zu sein. Wie stünde mir dieser rotgoldene Firnis, könnte ich mich in diese Staubsternenfunken hüllen, statt ein verwerfliches Häufchen ungeglücktes Glück darzustellen.

Doch wie verlogen wäre das?

Ich gönne mir das düsterwohlige Schaudern, weil das warme Licht der Geborgenheit mich umfängt. Ich bin nicht allein, aber ich bin traurig und  suche Gründe. Es geht mir gut und ich fühle mich verloren. Ich bin gehalten, aber ich versinke. Ich habe kein Recht zu klagen. Doch füllt sich mein Körper mit Schwere, wird mein Atem lang und langsamer, sehne ich die Leere herbei, in der meine Trauer über alles lacht...

Da schlägt die Tür. Einer ruft: „Mama.“ und das fühlt sich an, als hätte jemand mir wieder einmal das Tor zum Höllenparadies, in dem ich daheim sein will, zugeschlagen.

„Du hast keine Ahnung, wovon du redest.“, sagt die Freundin. Das ist wahr. Ich bin ungeahnt traurig.

Kommentare:

  1. wir haben auch keine ahnung, finden es aber wunderbar, die einsamkeit.

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  2. Eine Insel müsste man haben, nein, sein...

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  3. Sehr ergreifend geschrieben - ich kenn das ...

    Ulli

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  4. Liebe Melusine,

    wenn Sie mir erlauben wollen, interpretiere ich Ihre Sehnsucht nach "Ein-samkeit" um zur Sehnsucht nach "Allein-samkeit". Denn Einsamkeit gibt es nicht isoliert zu haben. Sie kommt stets im Doppelpack mit der Verzweiflung. Einsamkeit beengt furchtbar.

    Alleinsamkeit hingegen bildet den Rahmen für Ausdehnungsmöglichkeiten des ICH. Dafür ist im Verbund der Familie schmerzlich wenig Gestaltungsfreiheit vorzufinden. Die Kinderbeschenkten sehnen sich nach den unbeschränkten Entfaltungsmöglichkeiten der Kinderlosen. Umgekehrt phantasieren die Unverpflichteten einen Modus des Gebraucht-Werdens. Es sind die Kinderbeschenkten, denen fortgeschrittenes Lebensalter weitere Entwicklungsmöglichkeiten bringt, im Gegensatz zu den Kinderlosen. Letztere können lediglich perfektionieren, was sie schon kennen.

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  5. Lieber Hans,

    Sie haben sicher Recht, dass jemand wie ich gar nicht wirklich beurteilen kann, wie es sich anfühlt, tatsächlich einsam zu sein.

    (Andererseits - man kann sehr einsam sein, auch wenn man nicht allein ist.)

    Ich freue mich, dass Sie diesen Beitrag noch einmal aufgreifen. Er hat mir gleich beim Freischalten ein schlechtes Gewissen verursacht. Eine Klage über das Glück. Die Sehnsucht danach traurig sein zu dürfen. ("Unbeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten" sind es gar nicht.) Es ist wirklich ver-rückt.

    Meine Paradoxe: Dass ich so unstet bin und ohne Routinen und doch so zuverlässig und treu, so ein Familienmensch und doch so unfähig zur Geselligkeit usw.usw.

    Aber: Es stimmt, dass diese Gegensätze sich schmerzlich verschärft haben durch das Erwachsenwerden meiner Söhne. Vielleicht haben Sie Recht, dass mir das "Gebraucht-Werden" fehlt. Der Gedanke gefällt mir gar nicht.

    Herzliche Grüße und viel Gück beim "Perfektionieren" (aber ich denke, man kann immer etwas anfangen, was man noch nicht kennt!)

    Melusine

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  6. Liebe Melusine,

    darin erkenne ich den Trost für meine verbleibende Daseinszeit: Anfangen, was ich noch nicht kenne! Das steht Ihnen jedoch ohne Einschränkung ebenso offen. Über (notwendige) Abschiede hatten wir schon ansatzweise gesprochen. Vielleicht komme ich nochmals darauf zurück...

    Anmerkung: Mit keiner Silbe beabsichtigte ich, Ihnen das Empfinden von Einsamkeit abzusprechen. Das wäre ein schreckliches Missverständnis.

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  7. Lieber Hans,

    das weiß ich! Kein Missverständnis.

    Ich bin nicht gut im Abschied nehmen.

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