Sonntag, 20. Februar 2011

EIN JAHR BLOGGEN. (Lula heißt jetzt Melusine)

Den Jahrestag begingen sie tief im Märchenwald. Das Rauschen der Fulda übertönten gnadenlos die vorbeischießenden Wagen. Wo kein Wasser ist, finden sie keinen Weg zu den Worten: Melusine und die. Sie kniete nirgends nieder an der Böschung, um die Hand in den Fluss zu strecken. Ohne die Verbindung zum Meer aber bleibt sie stumm. Die andere schlägt sich tapfer durchs dichte Gestrüpp frühlingshaft ausschlagender Fühligkeit. Nur gelegentlich schmerzen ihre Füße, wenn sie die Wurzeln der Verlogenheit streifen. Heilmann, der unattraktive Held eines verrutschten Begehrens, ist in weite Ferne gerückt. Im Traum sah sie ihn den Ritualmord begehen, mit dem er den vom ihm im Suff gezeugten Sohn retten wollte. Seine Erinnerungen sind so falsch wie ihre Schlussfolgerungen. Er steht verlassen im Hagelsturm der Schläge, die ihm nicht gelten. Ein verwundetes tollwütiges Tier wird stets zubeißen, hatte der Förster schon früh gesagt. Ich hielt ihn für einen Menschen, dachte sie. Alle unsere Irrtümer pflanzen sich fort wie Karnickel. Nur wir bleiben steril. Im Fangnetz lebt sich kein Wild fort. Wer bloggt, verendet die Werkschöpfung innerlich. Nur die Wucherungen denken sich weiter. Wir huldigen unverdrossen der Verschwendung und geißeln die Sparsamkeit.

Am 18. Februar 2010 wurde auf diesem Blog, das damals noch anders hieß, der erste Text eingestellt. Jetzt trägt er den Titel „All die Jahre“. (Ich ändere dauernd und mache keine Änderung kenntlich. Im Cache findet sich manches, nur zufällig. Allein das „richtige Leben“ verdient Redlichkeit.) Dieser Text hat eine lange Geschichte. Er stand mit anderem Titel und unter anderem Autorinnennamen auch 2009 schon einmal im Netz. (Geben Sie sich keine Mühe beim Suchen. Ich habe die Spuren verwischt.) „Der König der Mode hat keine Geliebte“.  „Und es gab ihren geilen Onkel“, „Fredenhagens Zimmer“. Der elektrische Slim gab ein Zwischenspiel und verzog sich wieder. „Don´t think twice it´s allright.“ Erinnerungen gehen mit dem Wind. Es ist sowieso alles gelogen. Nur die Motive bleiben: Waldesdunkel und beschissene Nostalgie, schlechte Fotos, Jesus und Piece, Roy Bean und Lily Langtry, Wasser-Fälle. „The revolution never came.“ Auch nach Basel ging ich nie mehr. Doch diesen Sommer fahre ich nach Rom. IRRE.

Alles hat mit allem zu tun. Waldmeister und Weltmeister. Werk und Wille. Verdauung und Vermächtnis. Worum es sich dreht und hangelt, ist in den ersten beiden Texten festgezurrt. „All die Jahre“ und „EINE ZUVIEL (Liebe ist ein süßes Licht)“ (vom 9. Februar 2010). Ein Jahr. Kein Schritt weiter. Doch das ist das Ziel: Kreisbewegung statt Fortschritt: Spiraldynamik. Ich gehe zurück, um hinunterzusteigen. Die Bewegung ist falsch. Nicht klettern, sondern tauchen. Gleiten lernen. Dass man auch die Leichtigkeit üben muss. Erschöpfungszustände und geränderte Augen. Es war kein gutes Jahr. Aber das Beste, was ich machen konnte. Ich ist eine Andere (geworden). Sie weiß, wo sie hingehört. Alle wollen fliegen. „I´m a migratory bird.“ (on my way home). Ein Moment Windstille. Sonntagsruhe. CU.

Kommentare:

  1. f-l-i-e-g seele, flieg. ein wort hat immer einen buchstaben mehr als zwischenräume. scheinbar fehlt nie das, was fehlt. es gibt keine der hybris erwachsene schuld, es sei denn, man verschriebe den traditionellen tragödienhelden der tragik. also weiter im text.... g-e-n-a-u s-o!

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  2. Danke, dass Du diesen Rückblick teilst. Er löst folgende Assoziationen bei mir aus:
    Möglicherweise ist die Zeit ein Möbiusband, und wir begegnen uns immer wieder an denselben Stellen, sehen uns dort mit immer neuen Augen.
    Es gibt Bilder aus meinem Leben, die habe ich erst begeistert gemalt, beim nächsten Vorbeikommen aus Scham zerrissen, später die Schnipsel wieder eingesammelt, aus Verständnis neu zusammengefügt, besondere Liebe für die Klebestellen entwickelt, dann das Bild vom Zerreißen des Bildes zerrissen, später die Schnipsel ...
    Und wenn die Zeit ein Möbiusband ist, dann führen der Weg nach vorne und der Weg in die Vergangenheit in dieselbe Richtung ...
    Ich finde diesen Gedanken verführerisch.
    (Aber alles nicht fertig. Zum Glück. ;-))

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  3. @Syra und Iris : "Let me not become a ship-and-sailor strangled in a bottle, a glass bird upon a mantelpiece!" (Janet Frame, towards another summer)

    Nein, ich werde nicht stille stehen. Mich verführen, Flügel wachsen (lassen). (Aber, psst, niemand darf wissen, dass ich ein Vogel bin, eine Nixe, ein Flusspferd, ein Seelöwe, eine Maus, ein Windstoß, ein Hammer, ein Beil und...) Hybrid.

    :-) CU.

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  4. Liebe Melusine,
    ich freue mich sehr auf die künftigen Tauchgänge in Deinem Blog.
    Manche [Deiner] Texte sind [mir] wie Axtschläge, die die glatte Seeoberfläche aus ihrer Schockstarre befreien. Danke für die Wellenbewegungen ;-)
    Herzlich
    Teresa
    (vom Wiederworte-Blog)

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  5. Liebe Teresa,

    das gilt umgekehrt ganz genauso. Immer freue ich mich auf die Wi(e)derworte.
    Herzlich
    Melusine

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  6. Ganz schnörkellos sage ich einfach nur: Schön, dass Sie hier sind. Sie sind eine wirkliche Bereicherung meiner virtuellen Welt.

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