Freitag, 25. Februar 2011

ÜBERFORDERTE LEISTUNGSTRÄGER

"Ich war sicher so hochmütig zu glauben, dass mir die Quadratur des Kreises gelingt", sagte Guttenberg. Er habe seinen Aufgaben als Politiker und junger Familienvater mit den Herausforderungen einer Doktorarbeit vereinbaren wollen. "Ich war offensichtlich damit überfordert."
(Quelle: spiegel-online, 23.02.2011, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,747280,00.html)

Meine Promotion habe ich als junge Mutter (mein ältester Sohn war zu Beginn anderthalb Jahre alt, der jüngere gerade geboren), begleitet von einem Zweitstudium und ohne die Unterstützung eines Hausmannes oder Hauspersonals geschrieben. Der junge Vater musste aushäusig ganztags Geld für Miete, Kleidung, Essen verdienen. Ich bekam ein Stipendium, das es mir ermöglichte, einmal in der Woche für wenige Stunden eine ältere Dame zu bezahlen, die sich liebevoll um meine Söhne kümmerte, während ich schrieb. Ansonsten nutzte ich die Nächte und die Vormittage, wenn der eine schlief und der andere in der Krabbelstube war.  Mein älterer Sohn wurde zu früh geboren und brauchte am Anfang seines Lebens eine aufwändige gymnastische Therapie. Der Jüngere schlief in den ersten neun Monaten niemals länger als zwei Stunden am Stück. Er ließ sich nur an meinem Körper beruhigen. Am schlimmsten in jenen Jahren, erinnere ich, war der Schlafentzug.


Einmal, das werde ich nie vergessen, saß ich nachts völlig erschöpft auf dem Boden im Badezimmer und lehnte den Kopf an die kalten Fliesen. Ich war überzeugt, nie wieder aufstehen zu können. Irgendwie ging es doch immer weiter. Drei Jahre brauchte ich, um die Promotion abzuschließen. Nebenbei begann ich ein Referendariat und legte wenig später das zweite Staatsexamen ab. Ich habe viel geweint in jenen Jahren,  auch viel gelacht. Und jeden Tag gedacht: Ich schaff das nicht. Ich war eine überforderte Frau. Viele Fehler habe ich gemacht, bin unleidlich, hektisch, hysterisch gewesen.

Wenn ich Guttenbergs Ausreden lese, muss ich kotzen.

(Nicht wirklich, nur metaphorisch: Dazu ist der doch eine Nummer zu klein, zu dumm, zu ehrlos für mich. Meine Freundin sagt: "Du bist zu hart. Du kannst doch nicht ernsthaft von einem verlangen, der Minister werden will, dass er genauso leistungsstark ist wie eine junge Mutter." Da hat sie natürlich Recht.*) 


* Ich meine das nicht sexistisch. Es gibt sehr toughe Männer.

Kommentare:

  1. liebe Melusine, ich erachte deinen vergleich als berechtigt an. schwache, kleinlichtige ausrede fuer seinen pfusch.

    nebenbei: aber du selber hattest sicher auch familiaere unterstuetzung waehrend deiner diss, oder?

    zum thema schlafenzug kann ich auch so manches lied singen...

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  2. Familiäre Unterstützung hatte ich durch meine Eltern, allerdings wohnten (und wohnen) sie entfernt, so dass sich das auf Ausnahmefälle beschränken musste und keineswegs täglich oder wöchentlich oder überhaupt regelmäßig mögich war. Mein Mann war tagsüber nie da. Am Wochenende hatte ich durch ihn Entlastung, ja.

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  3. Insgeheim bin ich belustigt über den Umstand, dass ich vor etwa einer Woche in einem Beitrag bei mir über die dissozialen Milieus an beiden Enden des gesellschaftlichen Spektrums schrieb. Was zu Guttenberg an schamloser Erledigungsstrategie erkennen ließ, passt saugend exakt in jenes Milieu am obersten Ende - die Kanzlerin dient sich gewissermaßen noch als Schuhlöffel an.
    Das tumbe Volk darf ausnahmsweise Recht behalten, wenn es ein Ende der Verfolgung des Hochwohlgeborenen fordert. Schließlich weiß man doch, was gut ist für, für, für... *räusper*?

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  4. Sehen Sie, liebe Melusine, deshalb sind Sie auch nicht so berühmt, reich und charismatisch geworden und haben nicht so viele VerteidigerInnen und AnhängerInnen, die meinen, das wäre doch alles nicht so schlimm, und haben nicht so eine tolle Karriere gemacht.
    Warum wollten Sie auch partout den harten Weg gehen? Das haben Sie jetzt von Ihrer Eigensinnigkeit.

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  5. @Zicke Ja, warum bloß? Es gäbe viele Antworten. Aber die Wahrheit ist: Als Betrügerin hätte ich die Achtung meiner Eltern und die Selbstachtung verloren. Auf beide kommt´s mir an. Schrecklich konservativ, stimmt´s ?

    (wg. der Karriere: Ich wäre eine tolle Verteidigungsministerin, ganz bestimmt. Und ich träte auch sofort zurück, nachdem ich einmal im Panzer kreuz und quer durch Berlin gefahren und das Straßennetz ruiniert hätte.)

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  6. @Hans1962 Eine Freundin schreibt mir: "Du mit deinem ****-Dünkel" (die Sternchen stehen für meinen Geburtsnamen). Da ist was dran. In dem Milieu, aus dem ich komme, gilt der Grundsatz: " So was machen wir nicht." - "Wir" betrügen nicht, weil wir Angst vor Entdeckung haben oder so moralisch sind, sondern aus einem Gefühl heraus, da "drüber" zu stehen. "Hochwohlgeboren" - ich gestehe zerknirscht, dass ich tatsächlich manchmal so fühle. Ein "dissoziales" Milieu, das irgendwie queer zu den beiden anderen von ihnen erwähnten steht. Ja, da muss ich mich an die eigene Nase fassen. Die Freundin hat recht.

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  7. Schrecklich konservativ, liebe Melusine, so richtig retro.
    Aber im Ernst: Das ist doch das Erschreckende dran, dieser große Zuspruch. Das Ergebnis ist es, das zählt, nicht der Weg da hin. Ob ich via Berlusconis Bunga-Bunga-Parties Politikerin oder zumindest wohlhabend geworden bin, oder mir eine politische Karriere durch Betrug zumindest erleichtert habe, was spielt das schon für eine Rolle?
    Auf Werte Pochen doch ohnehin nur noch die Kleingeister, die Neider. "Ehre" und "Selbstachtung" haben doch nur noch die nötig, denen sich andere Möglichkeiten nicht bieten.
    Bunga-Bunga ist okay, Seilschaften sind okay, erschlichene Titel sind okay. Aber Frauenquoten!!! die sind wirklich pfui, denn dass bei zumindest gleicher Leistung einer Frau er Vorzug gegeben werden soll, ist der Skandal schlechthin. Das können nur Kampfemanzen legitim finden, die niemals eine Chance haben, es ehrlich übers Bett zu versuchen. Frigide, frustrierte Birkenstockträgerinnen ...

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  8. Die Tippfehler würde ich korrigieren, könnte ich das nachträglich. Das nächste Mal schicke ich besser doch auch um diese Zeit meinen Ghostwriter ins Rennen. ;)

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  9. Ja, das ist Mist, dass man nichts Korrigieren kann. ---Was soll´s. Fehlerscham ist auch retro. ;-).

    Birkenstock ist aber auch...vor allem seit Heidi Klum...so was von...

    Morgens in der Bahn erschrecke ich manchmal, schau mich um und denke: also Zweidrittel von denen finden Guttenberg klasse oder - schlimmer - stimmen Sarrazin zu. Das Böse ist, dass ich in solchen Momenten wirklich so einen widerlichen Dünkel, eine Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit spüre, die zum Menschenhass werden könnte.

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