Mittwoch, 6. Juli 2011

ACHTLOS

Angelika Kauffmann
Als wir dich suchten mit tastenden Händen, beschworest du unser Schweigen. Stets blieben die Lampen gelöscht, wenn du uns brennen machtest.  Verächtlich und unwert ließest du uns den eigenen Leib erscheinen. Doch wir schufen mit Händen und Hüften die unaussprechlichen Wonnen. Das Verbrechen war deins, nicht das unsere, doch wie stets traf die Strafe die sterblichen Gebär-Mütter. Dein Zorn verwandelte unsere Leidenschaft in Stroh und ließ uns inwendig verbrennen.  Wir schrieen  dir unsere Verachtung  für die platonische Liebe entgegen, die du am Tage verkündetest, nachdem du dich des Nachts in unsere Kammer gestohlen hattest. Du erbleichtest noch einmal, doch dann schnittest du unbarmherzig unsere Flügel und hobst endlich die Jungfrau auf den Thron, die du dir erdacht hattest. Du wandest dein Antlitz von uns ab und ließest uns im Kleid des Frevels stehen. Wir aber hoben die Arme gen Himmel und tanzten und waren gar braun und lieblich, grün schimmernd wie die Zypressen und leuchtend schön wie die Sonne.

Kommentare:

  1. Liebe Melusine,

    ich könnte süchtig werden nach Deinen "Wir"-Texten (bestimmt lese ich sie sehr subjektiv!); der Zorn ist ansteckend. Wobei sich meiner eher gegen die sich selbstherrlich zwischenschaltende Instanz richtet. Ist es denn der Zorn des Opfers geistlichen Missbrauchs? So interpretiere ich es, und so gehen mir diese Texte runter wie Öl und verschaffen mir regelrechte Genugtuung.

    LG, Iris

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  2. Liebe Iris, danke! Zur Deutung: Ich weiß es nicht! Es ist ein Aufstand, ja - gegen...? Gott, die Un-Lust, all die Versuche, "Vernunft und Mäßigung" zu predigen, ein (männliches) Logos-Prinzip, die eigene Feigheit vor den phantastischen Welten? Ich weiß es einfach nicht!

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  3. Vielleicht weißt Du es mit einem zur Selbsterhaltung notwendigen Instinkt, wie sonst könntest Du so schreiben ... (vielleicht)
    Mir gefällt, dass es weit ab ist von Jammern und Klagen, um so vieles stärker.

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  4. Ich glaube auch, dass man manches nicht WISSEN darf, um es schreiben zu können. (Obwohl das paradox klingt.)

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