Sonntag, 9. Oktober 2011

LOST AND FOUND - das Erbe der Aufklärung in Philip Bloms "Böse Philosophen"

Ein Beitrag von Morel

Der Ärger der Autoritäten war verständlich. Ein Medium, in dem jeder einfach so aufschreibt, was er über ein Thema weiß. Anonym veröffentlichte Pamphlete zu Gott und der Welt. Und dann zirkulieren auch noch pornographische Schriften und Bilder, geraten am Ende noch in die Hände von unschuldigen Kindern. Die Rede ist nicht vom Internet, von Wikipedia, anonymen Blogautorinnen oder Chatroom-Vandalen. Und die gemeinten Autoritäten sitzen auch nicht in Peking, Teheran, Minsk, Washington oder Berlin. Es geht um das Paris des 18. Jahrhunderts, das Lexikon ist die berühmte von Diderot und d’Alembert organisierte Encyclopédie und Anonymität war eine Lebensversicherung. Denn nur zwei Exemplare der von Baron d’Holbach verfassten atheistischen Schrift Das entschleierte Christentum genügten, um einem Buchhändler und seine Frau ins Irrenhaus einweisen zu lassen. Der Gehilfe durfte neun Jahre auf einer Galeere büßen. Staat und Kirche im alten Europa waren kaum nachsichtiger als sowjetische Parteifunktionäre, islamistische Prediger und ein unmoralischer Justiz- und Geheimdienstapparat in der Neuen Welt unserer Tage.

Diese und andere Geschichten sind in dem unterhaltsamen Schmöker „Böse Philosophen“ von Philip Blom nachzulesen. Bloms Ausgangspunkt ist eine These, die ich nur bedingt teile (dazu gleich mehr), die aber offenbar sehr produktiv war: es sind die falschen Philosophen, die ins Pantheon der Überlieferung aufgenommen wurden, nämlich Voltaire und vor allem Rousseau. Vergessen wurden die zu ihrer Zeit durchaus berühmten und von Gelehrten aus aller Welt besuchten Philosophen, die sich im Salon des Baron d’Holbach versammelten. Blom gelingt es all diese unterschiedlichen Geister lebendig werden zu lassen: den genussfreudigen Atheisten d’Holbach, den quecksilbrigen Dialektiker Diderot, das gutmütige Genie Hume aus London und der unstete, von Paranoia geplagte Rousseau. Im Schatten – wie so oft – die Frauen, von Blom offen eingestanden, der sich aber mit der Überlieferung entschuldigt. So wurden alle Briefe von Diderots Geliebter Sophie Volland von seiner Tochter zerstört. Wir kennen Sophie daher nur aus den Briefen Diderots. Die mit ihm verheiratete Anne-Toinette, tiefreligiös und den Agnostizismus von Denis verabscheuend, ist noch mehr Hintergrundfigur (was sie im Leben Diderots aber wohl auch war).

Aber bei Blom finden sich nicht nur Anekdoten aus einer Zeit, die viele Parallelen zu unserem unruhigen Internetzeitalter hat. Ihm gelingt es auch sehr gut, die Gedankengebäude, die sich in den Salondiskussionen bei gutem Essen entwickelten, lebendig werden zu lassen. Viele Theorien scheinen ihrer Zeit voraus zu sein: der Materialismus d’Holbachs führt zu Überlegungen, die wir heute im Biologieunterricht lernen. Die Kritik an Todesstrafe und Justiz ist noch immer aktuell. Der erotische Libertinismus wird hier zum ersten Mal als Befreiung der Frauen gedacht (über die Praxis weiß Blom naturgemäß weniger). Die Widersprüche dieses Denkens werden allerdings auch nicht verschwiegen. Zuvorderst die offene Frage, wo in einem materialistischen und nach Naturgesetzen ablaufenden Universum die feste Grundlage für Gerechtigkeit und Moral zu finden sind. Die Antwort, die Adam Smith, der den Salon natürlich auch besucht hat, auf den Grundlagen der dort gehörten Gedanken entwickelte, wirft bis in unsere Tage immer neue Fragen auf. Auch wenn der Vorstandsvorsitzende von Goldman Sachs glaubt, er tue nichts als „Gottes Werk“, weil er quasi ein Monopol auf die unsichtbare Hand des Marktes habe.

Die Grundthese Bloms, dass es sich bei der von ihm unterhaltsam porträtierten Aufklärung um ein „vergessenes Erbe“ handelt kann ich daher nur bedingt teilen. Nicht immer sind es Namen und Statuen die vererbt werden und nicht jeder, der im Pantheon geehrt wird, ist heute noch relevant. Die Ideen aus dem Salon Holbach waren durchaus wirksam, allerdings nicht in den philosophischen Fakultäten, wohl aber in den ökonomischen und naturwissenschaftlichen. Die erfolgreichsten Ideen sind eben meistens diejenigen, deren Urheber unbekannt geblieben sind. 

Kommentare:

  1. Ich habe das Buch von Blom angefangen, und ich habe es wieder zur Seite gelegt. Zunächst weil mir Bloms häufiges und doch ein wenig unreflektiert eingestreute Lob des Empirismus auf die Nerven ging. Das kann dann schnell in einen Naturalismus umkippen, der selbst das Gesellschaftliche naturalisiert und zum Fetisch erhebt. (Wobei ich nichts gegen Fetische habe. Aber das korrespondiert bei mir dann mehr mit Frauen.) Mag sein, ich komme zu sehr von Hegel und von Adorno: da wird man schnell mißtrauisch, wenn alles nur in der sinnlichen Gewißheit fußt.

    Zudem kamen mir die Angriffe auf Voltaire und insbesondere auf Rousseau eine Spur zu giftig und polemisch daher. In der Weise wie Blom das schrieb, hatte es etwas von Ressentiment.

    Auch der Schreibstil von Blom fesselte mich wenig. Viele schimpfen auf Rüdiger Safranski. Aber er ist ein Meister des populären und zugleich wissenschaftlichen Buches, so in seiner grandiosen Schopenhauer-Biographie. So schreibt man, möchte ich Blom zurufen. Womöglich lese ich Bloms Buch weiter, wenn ich Zeit habe. Doch mittlerweile bin ich an dem Punkt, wo ich mir sage: Bücher, die mir nicht gefallen, lege ich zur Seite.

    Ich stimme Dir zu, daß die Wendung des „vergessenen Erbes der Aufklärung“ doch ein wenig überzogen erscheint. Ich würde vielmehr behaupten, daß diese Naturalisierungen einiges an Schaden angerichtet haben. Insbesondere fehlt Blom der dialektische Dreh und die Vermittlung von Natur und Gesellschaft.

    Aber meine Kritik bleibt lediglich eine vorläufige, da ich das Buch nun einmal nicht zu Ende gelesen habe.

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  2. Ja, Blom gibt sich etwas als PR-Agent des Salon Holbach. Stilistisch brillant ist das Werk nicht. Die faszinierendste Figur ist Diderot (was vor ein paar Jahrzehnten aber auch schon Enzensberger bemerkt hat) und er wird hier sehr lebendig. Vielen Dank für die Einschätzung.

    Morel

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  3. Gerne, allerdings ist es eben bloß ein erster Reflex. Wenngleich ich denke, daß sich der Stil nicht bessern wird. Die Passagen zu Diderot gefielen auch mit mit am besten. Vielleicht lese ich ja doch weiter. Zum Kauf des Buches reizte mich wahrscheinlich am meisten das Adjektiv "böse". Na ja, manchmal fällt man böse auf die Nase.

    Im zweiten Satz meines ersten Postings muß es übrigens heißen: "so daß Natur zum Fetisch sich erhebt". In der Art, wie der Satz dort formuliert wurde, wäre die Gesellschaft der Fetisch. Das soll ebensowenig sein wie ein blinder Naturalismus und Empirismus.

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