Mittwoch, 5. Oktober 2011

SEHNSUCHT NACH VERSCHWESTERUNG (oder: Angriff der als Wissenschaftlerin verkleideten deutsche Hausfrau)


"Hier ging es um Verteilung. Dies Frau wollte Platz für ihren Mann, und weil sie Frauen sowieso verachtete und das in Ruhe tat, ohne es wissen zu müssen. So weit war die Wissenschaft da nicht gediehen. Zweigeteilt in eine Wissenschaftlerin würde diese Frau sehr ordentlich ihr gender mainstreaming betreiben und als Frau verblieb sie unbefragt in den Normen, die Macht versprachen. Macht und Schonung. Das war das Motto dieser Frau. Macht für den Mann und Schonung für sich. Wie angsterfüllt musste sie sein. Sie konnte die Macht nicht für sich verlangen, weil dann die Schonung wegfiel. Diese Frau hatte das vorgeführt. Diese Frau hatte als Agentin gehandelt. Als Agentin der Machterhaltung des Prinzips der Beherrschung. Weil sie eine Frau von heute war, konnte sie das so offensiv machen. In einer öffentlichen Diskussion. Sie konnte damit rechnen, widerständig zu wirken. Der neue Widerstand wollte die alte Beherrschung als neues Prinzip vorführen. Und es waren alle aufgewacht bei der Wortmeldung dieser Frau. Alle hatten die Köpfe gehoben und hatten geschaut, was die beiden Künstlerinnen dazu zu sagen hatten, dass eine Wisenschaftlerin alles über Kunst wusste, weil sie mit einem Künstler verheiratet war.

Verheiratet. Das war wie eine Hautfarbe. Das war ein Religionsbekenntnis. Sollte sie sagen, sie wäre ja auch verheiratet und dass das zu ihrem Wissen über Kunst nichts beigetragen hatte, weil sie sich dieses Wissen selbst verschaffte. (...) Jedes Bekenntnis hätte sie eingereiht. Sie wäre durch ein solches Bekenntnis in die verheirateten Heterosexuellen eingereiht worden und alle hätten freundlich genickt. Ja, hätten die Leute genickt. Das ist eine von uns und jetzt darf sie sagen, was sie will, weil wir wissen, dass sie ja doch am Ende normal ist und zu uns gehört und wir müssen uns mit ihrer Kunst nicht mehr auseinandersetzen, weil sie zu uns gehört. Alle würden zufrieden sein. Sie würde gut angekommen sein. Sie hätte sich dieser Normierung unterworfen und die Frau würde nach der Diskussion zu ihr kommen und sagen, dass es nicht so gemeint gewesen war. Sie würde sich verbrüdern mit ihr und das wollte sie nicht. Das konnte sie nicht. Sie musste lächeln über sich. Sie wollte sich verschwestern und das war etwas ganz anderes als diese Bestätigung der Ungefährlichkeit."


(Ein Beitrag in "Erlesen. Buch-Empfehlungen" folgt.)

Kommentare:

  1. Ui. Dieser Text versetzt mich schon beim ersten Lesen ins Identifizierungsschlingern. (Eine Vokabel, die Phorkyas heute in anderem Zusammenhang bei mir verwendete)

    Schonung und Vermeidung: meine Nesthäkchen. Sie wollen und wollen nicht ausziehen, die beiden!

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  2. Ich kenn die lieben Kleinen. Verdammt! Frau sollte sie vor die Tür setzen. Aber sie sind doch so süß! Fuck!

    (Das Buch kennt viele Geschichten. Diese Textstelle hat mich besonders erwischt: Weil ich beide bin: die und die. Wie ich mich versteckt habe hinter der "normalen" Fassade: Beruf, Mann, Kinder, Haus. Alles da. Kann mir keiner was. Schaut her. Norm erfüllt. Kuchen gebacken. Treppe geputzt. Netto-Verdienst. Und dann der ganze Un-Grund. Die Traurigkeit, die so rasch in Aggression umschlagen kann. All die Träume. Die Kritzel-Hefte. Dass nichts stimmt. Dass ich ein Monster im Tarnkostüm bin. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." - Adorno kotzt mich auch an, der alte Weiberheld mit seiner Gretel!)

    --Und wo ist da jetzt der Zusammenhang???

    Sie verstehen mich schon, Phyllis, hoff´ ich, obwohl Sie sich nie so feig versteckt haben!

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  3. Oh, ich versteh' Sie durchaus! Obwohl ich mich, wie bereits mehrfach erwähnt, immer noch darin übe, Traurigkeit in Aggression zu verwandeln: ein Kopfklick, der Ihnen leichter zu fallen scheint. Lektüre - sei sie auch noch so feurig - ist mir kein Katapult, "Mut" brachte mich noch selten dazu, gegen eigene Prägungen zu handeln. Eher das: Sekunden vor einer Handlung genau das Gegenteil dessen tun, was ich vorhatte.

    (Als ich Streeruwitzens Buchtitel las, musste ich übrigens lachen: Wie "bleibe" ich Feministin?! Erstmal eine sein! : )

    Zugeneigte Grüße!
    Auch von den Nesthäkchen.
    Phyllis

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