Mittwoch, 28. Dezember 2011

BESTIEN. Kleists "Hermannschlacht" mit Barbara Vinken gelesen

Kleist ist oft nicht gelesen worden, wenn er gelesen wurde:

„Wehe , mein Vaterland, dir! Die Leier zum Ruhm dir zu schlagen, ist, getreu dir im Schoß, mir, deinem Dichter, verwehrt.“

Diese Vor-Worte ignorierten die Deutschen getrost und sahen begeistert zu, wie Anführer Hermann die Germanen in reißende Rache-Bestien verwandelte und statt des ewigen Reiches den ewigen Krieg beschwor. Dass man Kleists Anti-Helden, den widerwärtigen Cherusker-Fürsten, so ungeniert sich zum Führer-Vorbild erkor und mit bebenden Herzen zusah und –hörte, wie Zähne ausgeschlagen und Haare geschoren, Frauen geschändet und zerstückelt und Männer von wilden Tieren zerrissen wurden, bestätigt die Voraus-Schau des preußischen Dichters auf „sein“ Heimat-Volk, dessen Selbst-Befreiung er sich nur noch in einem Akt der abscheulichsten Barbarei vorstellen konnte. Nicht nur die Nationalsozialisten aber, sondern auch so manch anderer Leser der Kleistschen „Hermannschlacht“  hat den intriganten Hermann als Sprachrohr des Dichters begriffen, der sich zum Propagandisten des Partisanenkampfes gemacht habe. Das war nur möglich, weil die (meist männlichen) Leser, - ihrer üblichen Lesart treu  - die geschlechtlichen Implikationen des Kleistschen Textes  überlasen. Gerade das ist aber bei Kleist immer ein schwerer Fehler. Keines seiner Werke ist ohne die Geschlechterperspektive zu verstehen. Der Kampf der Geschlechter als Urgrund der Gewaltverhältnisse verbirgt sich hinter all den Zweifeln, Verführungen und Zernichtungen, die die Kleistschen Figuren  einander und sich selbst antun. Dass man nicht sehen wollte, nicht sehen will, wie bei Kleist aus einem pervertierten Geschlechterverhältnis die zerrüttete Familie und das barbarisierte Volk hervorgehen, kann nicht überraschen. Denn es ist deutsche Sitte und deutsche Hochkultur, sich in der Imago von Familienglück, Mutterliebe und Hausväterlichkeit die Gewalt wegzudichten.

Barbara Vinken hat in einer großartigen Studie bloßgestellt, wie im Zentrum der „Hermannschlacht“ eben nicht die Schlacht steht sondern der Geschlechterkrieg. Kleists Drama verlagert den Krieg in die Familie, die vom deutschen Helden Hermann nicht mehr geschützt, sondern zernichtet wird. Die Freiheit, die Hermann verteidigt, ist nur noch jene Freiheit, die Janis Joplin  so gnadenlos besingt: „Freedom is just another word for nothing left to loose...“ Denn Hermann stellt seine Söhne als Geiseln zur Verfügung, er opfert die deutsche Jungfrau Hally und lässt ihren geschändeten Körper zerstückeln und er verwandelt seine eigene Frau in einen Lockvogel und schließlich in ein Raubtier. Hermann entmenschlicht konsequent alle ihm anvertrauten Nächsten und setzt sie als Mittel in seinem totalen Krieg ein. Was in Schillers „Wilhelm Tell“ als letzte Rechtfertigung des Aufstandes gilt, nämlich der Übergriff der Tyrannen auf Frau und Kind, tut in Kleists „Hermannschlacht“ der Hausvater und Landesherr selbst den Seinen an. Der Höhepunkt der „Hermannschlacht“ ist die Zerteilung des namenlosen weiblichen Opfers, die Zernichtung der geschändeten Unperson, an der die „Familienmänner... in grotesker Mimesis die feindliche Durchbohrung der sexuellen Gewalt“ wiederholen. Ihr Leib wird „aufgebrochen“ wie der eines Wildes, ihre bestialische Vertierung durch die, die sie schützen sollten, ist der Auftakt, das „Halali“ zur großen Jagd auf den Feind.  Es hat selbst männliche, deutsche Leser seit je irritiert, dass die Schlacht bei Kleist nicht stattfindet. Sie wird stattdessen repräsentiert durch die Zerreißungsszene, in der Hermanns Frau Thusnelda ihren römischen Verehrer Ventidius durch eine Bärin zerfleischen lässt. Diese Tat zerstört auch das „Thuschen“, wie Kleists Hermann seine Frau nennt. Das innige Verhältnis in der treudeutschen Ehe wird vom Helden Hermann gründlich zerrüttet. Dass eine Liebesbeziehung, in der einer die andere „Thuschen“ nennt, unweigerlich widerlich enden muss, aber ist der wahre Kern jener vernichtenden Kritik, der Kleists Drama die „deutschen Tugenden“ unterzieht. Es bleibt nichts, rein gar nichts übrig von tumber deutscher Treu und Redlichkeit in Haus und Hof und Ehe, liest man die „Hermannschlacht“ wirklich, statt zu lesen, was Anti-Held Hermann rhetorisch geschickt, aber vom Autor klar als verlogenes Kalkül ausgestellt, propagiert.

Barbara Vinken zeichnet in ihrer Analyse nach, wie Kleist den Mythos des Cheruskerfürsten zerlegt, die Mär vom deutschen Helden, der aufrecht der Deutschen "Heim und Herd" beschützt und den „welschen“ Feind, den verlogenen Verführer, besiegt. „Dass Hermann die Deutschen geeint und das Land geortet hat, heißt Folgendes: Hermann hat jegliches Kriegsrecht gebrochen und die Besiegten verspottet, verhöhnt und abgeschlachtet....Das mag zum Partisanenkrieg gehören. Menschen, vor allen Dingen aber die eigenen Landestöchter, die eigene Ehefrau und nicht zuletzt die eigenen Kinder zu vertieren, gehört nicht mehr in diese Logik. ´Germaniens Jungfrau´ wird einer –deutschen oder römischen – Hundemeute zur Jagdbeute, um dann von den Jägern, ihren Vätern und männlichen Verwandten, aufgebrochen und ausgeweidet zu werden...Das Leben seiner eigenen Kinder vertraut Hermann fahrlässig der Fortuna an, ohne dass sie oder ihre Mutter auch nur wüssten, worum es ginge. Seine Ehefrau hat Hermann strategisch als Lockvogel eingesetzt, um ihre angelockte Beute dann...von ihr als Bestie zerreißen zu lassen. Davon, dass ihr alles Menschliche fremd geworden ist, kann sich Thusnelda nicht mehr erholen. Traute Eheverhältnisse kann es danach nicht mehr geben.“

Vinken liest Kleists „Hermannschlacht“ als eine Pervetierung der legitimen Gewalt, mit der Ehemänner und Väter bei Livius oder Schiller die Ihren gegen den Tyrannen verteidigen: „Die patria potestas wird hier nicht mehr von einem brüderlichen Bund der Väter geschützt; sie selbst hausen tyrannisch.“ Tatsächlich, so denke ich, kann man weiter gehen: Bei Kleist wird das dieser patria potestas zugrunde liegende Geschlechterverhältnis selbst bloß gestellt und vernichtet. Es kann keinen gerechten Krieg zur Verteidigung der Freiheit geben, solange Frauen und Kinder als Besitztümer ihrer Männern angesehen werden. Die Ehre eines Mannes ist die Möse seiner Frau. Wo solche Verhältnisse herrschen, ist die offene Barbarei kein Umschlag, sondern schlicht (treudeutsche) Ehrlichkeit. Kleist hat tief auf den Grund geschaut, hinein in die Familienverhältnisse, von denen aus die Gewalt ihren Weg nimmt. Die Freiheit, die Schiller und andere meinen, ist die Freiheit von Männern, denen daheim eine im wahrsten Sinne des Wortes "Besessene" Kinder gebiert und die Socken stopft: „ein Thuschen.“ Wo „Thuschens“ mal zärtlich umflauscht werden, wenn´s den Herren passt, da werden sie auch „geopfert“ für Ehre, Volk und Vaterland, wenn´s Not tut.

Bei Kleist gibt es kein Entkommen: Das sächliche Vaterland hat einen mütterlichen Schoß. Der daraus kroch und sich dessen bewusst wird, dem ist die Leier „zum Ruhme zu schlagen“ von jeher verwehrt.


Verwandte Beiträge:


Kommentare:

  1. Ein Facebook-Dialog-Strang zum Text, der immer schneller Pirouetten dreht:

    parallalie: "Denn es ist deutsche Sitte und deutsche Hochkultur, sich in der Imago von Familienglück, Mutterliebe und Hausväterlichkeit die Gewalt wegzudichten." Das scheint mir selbst ein Substrat zu "Men and Wives"... aber ich bin noch nicht ganz fertig. Zumindest überrascht die Prägnanz einer solchen Aussage in diesem Zusammenhang. Nimmt aber gleichzeitig dem Trio der Begriffe ihre nationalistische Brisanz und scheint anderswohin zu führen.

    MB: Ich dachte, als ich das schrieb, vor allem an Schiller und an Kittlers Analysen zur Bedeutung der "Muttersprache" im Deutschen. Doch es ist wahr: In "Men and Wives" wird mit diesen dreien selbst noch der schnöde Mord "weggedichtet". Und tatsächlich: Es scheint kein (rein) deutschnationales Phänomen. Doch glaube ich Kleists selbst brachte mich auf diese (falsche?) Spur. Er fasst das Trio "deutsch" - und lässt es seinen Herrmann zertrümmern.
    Mittwoch um 23:08

    parallalie i should read that (seit einem jahr stehen kleists werke hier... wbg!) next. kam so frappant in die quere, weil ich diesem englischen roman von anfang an einen solchen schlüssel unterlegte. warum an schiller? von kittler weiß ich leider nichts. gibt es eine muttersprache? oder ist die sprache nur ein hineinwachsen in ein wie auch immer geartetes weltgebäude?
    Mittwoch um 23:28 ·

    MB: Muttersprache - Kittler hat über Medien geschrieben und darin zeigt er - wie ich finde überzeugend - wie in Deutschland im späten 18. Jahrhundert die "Muttersprache" erfunden wird, nämlich die Mutter zum Medium wird, das dem Knaben Sprache einhaucht. Er verfolgt diese Spur dann weiter in die Wiederkehr der Muse an der Schreibmaschine - wäre jetzt zu schwierig für mich, den ganzen komplexen Zusammenhang hier zu entwickeln. Die "Muttersprache" ist also nichts, was es "natürlich" gibt, sondern was als Ideologie entwickelt wird. (Und natürlich ist sie doppelzüngig, diese Schlaflied singende Muttersprache: "Schlaf Kindchen, schlaf...Lummerland ist abgebrannt.")
    Und Schiller: An dem arbeite ich mich ab. Das Lied von der Glocke: Mutter, Vater, Kind - hinaus ins feindliche Leben - der Mann, treusorgend die Mutter daheim. Die zwei Schwestern (Caroline und Charlotte), die kehren mir ja immer wieder (Melusine und Armgard). Und er wählt selbstverständlich das Hausmütterchen. Im "Tell" gibt´s auch einige gar gruselige häusliche Szenen....Vinken zeigt, dass Kleists "Partisanenstück" sich mit dem Schillerschen "Tell" auseinandersetzt in einem fiesen Kampf, an dessen Ende die heldischen Hausväter als üble, verlogene Kinderschänder und Luden entlarvt werden.
    Mittwoch um 23:43 ·

    parallalie: über die glocken wäre zu arbeiten! ich finde tatsächlich das glockenthema derzeit bei der lowry-lektüre (Unter dem Vulkan) wieder, allerdings in der goethe-version, nämlich die glocken-paranoia. also das von der glocke eingeholte kind. [eher doch: pommer- statt lummerland... hm?]... storm und sein häwelmann? mutter courage und ihr eiapopoeia? väter sind da nie. - und schließe für heut'.
    vor 23 Stunden ·

    AntwortenLöschen
  2. Nächster Teil des Dialogs mit parallelie auf FB:


    MB:Stimmt: Pommerland. (Was ist das wohl in mir, das sich sogleich Lukas, Emma und Jim herhalluziniert, mitsamt Herrn Turtur natürlich, und auf diese Weise auch was wegdichtet!...)
    vor 23 Stunden ·

    parallalie: endlich hab' ich's (ich würde solch ein herhalluzinieren auch synapsengewitter nennen... klingt auf jeden fall rasant!): slumberland! abgesehen von nemo und welsh rarebits war's eine kneipe in Berlin, nähe Nollendorfplatz. und Lummer? damals zu meiner zeit dort zuständig fürs innere in Westberlin, wie's auf den DDR-schildern an der autobahn dorthin hieß. also doch lummerland. wegdichten ist aber auch immer ein hinzudichten.
    vor 4 Stunden ·

    MB: Auf Gewitter bin ich schon als Baby abgefahren...:-) --aus dem Nebel taucht eine Erinnerung an Lummer auf...ziemlich rechtsextreme Knalltüte "Deutschland den Deutschen" und so...der Zusammenhang ist DA! Setz ihm ein Häubchen auf und der sieht aus wie der Wolf, der sich als Großmutter verkleidet hat, um das Rotkäppchen zu fressen. Märchenland, deutscher Wald....aber in Wirklichkeit ist das Rotkäppchen eine kapriziöse fille aus Frankreich (Wein zum Kuchen!) ---eine Pirouette, die ganze Verkehrung: und schon sind wir wieder bei Kleists Herrmann...wie Vinken ihn liest: ein schlimmer Finger, der die ganze Falschheit, die den romanischen Männern im deutschen Volkstum zugeschrieben wird, adoptiert hat, verkleidet wie der Häubchen-Wolf, allerdings mit patriotischen Rüschen.

    AntwortenLöschen