Freitag, 3. Februar 2012

WUNSCHKINDER (Pathetische Worte zum Jahrestag eines großen Ereignisses)

Heute vor 18 Jahren ereignete sich, was mein Leben für immer änderte. Ich wurde reicher als ich mir je hätte vorstellen können und als jeder Lottogewinn mich machen könnte. Ich verliebte mich auf den allerersten Blick, rückhaltlos. Ich wusste, jetzt war ich gebunden, für immer und ewig. Es war nicht der glücklichste Tag meines Lebens, denn vieles ging schief. Am Ende dieses Tages hielt ich das Kind, das ich geboren hatte, nicht in den Armen, denn es musste auf die Intensivstation, wo ich nicht mit hin durfte.

Das Kind, das vor 18 Jahren geboren wurde, ist nun ein junger Mann. Dass es ihn gibt – und seinen Bruder – ist ein Glück, das durch nichts aufzuwiegen ist und mit dem nicht unbedingt zu rechnen war. Ich wurde schwanger, als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte. Der Sohn, der am 3. Februar 1994 geboren wurde, ist ein Wunschkind. In dem Jahr, in dem er geboren wurde, erreichte die Geburtenzahl in Deutschland einen neuen Rekordtiefstand. Das wird sein und das Leben seines anderthalb Jahre jüngeren Bruders prägen. Anders als meine Generation, die Babyboomer, wachsen sie in einer Gesellschaft auf, in der Kinder und Jugendliche in der Minderheit sind.

Der Geburtenrückgang und seine ökonomischen Folgen ist ein in regelmäßigen Abständen in  den Medien auftauchendes Thema. Man macht sich Sorgen um die Rente. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist diese mit Absicht geschürte Angst um die Altersversorgung  der Babyboomer unsinnig. Es handelt sich – wie bei allen sozialen Fragen – um ein Verteilungsproblem, das in einer reichen Gesellschaft zu lösen ist, wenn man nur will. Die Steigerung der Produktivität machte es lediglich notwendig, die sozialen Sicherungssysteme vom Faktor Arbeit zu entkoppeln. Es gibt jedoch gewichtige Interessen, die Ängste der alternden Babyboomer um die Lebensstandardsicherung wachzuhalten. Nur so ließen und lassen sich neoliberale Konzepte durchsetzen. Die Rentenpolitik ist dafür nur ein Beispiel. Auch aus globaler und ökologischer Perspektive ist das Gejammer um den  Geburtenrückgang in Deutschland allenfalls nationalistischer, schlimmstenfalls rassistischer Schwachsinn. Die Welt braucht nicht mehr deutsche Kids, die ihr noch einen fetten CO2-Fussabdruck aufpressen und dafür sorgen, dass anderswo ganze Länder untergehen.

Mich stimmt der Geburtenrückgang in unserer Gesellschaft aus ganz anderen Gründen traurig. Denn ich glaube er ist Ausdruck einer pessimistischen Grundhaltung. Dass immer weniger Menschen mit Kindern leben und leben wollen, ist ein Zeichen ihres mangelnden Vertrauens in die Zukunft, ihrer Weigerung, sich Leben nach dem Ende ihres eigenen vorzustellen und diese Vorstellung in die Gestaltung ihres Lebens mit einzubeziehen. Wut-Bürgertum, das sich verzweifelt daran klammert, das Erworbene zu erhalten, wachsende Intoleranz gegenüber adoleszenter Jugendkultur, die immer schon mit Gewalt und Risikio verbunden war, Technikfeindlichkeit und Natur-Romantizismus sind Ausdrucksformen dieser Haltung.

Es ist schwierig, sich zu dieser Frage zu äußern, ohne in Fettnäpfchen zu treten oder Menschen zu verletzen, die man sehr schätzt. Gut die Hälfte meiner Freunde hat keine Kinder. Nur in den wenigsten Fällen ist die Ursache für die Kinderlosigkeit eine Grundsatzentscheidung. Aber gewachsene Ansprüche an Selbstverwirklichung, Beziehungsqualität und  Erziehungskompetenz, Misstrauen gegen sich selbst und mögliche Partner, Zögerlichkeit, Weltschmerz und –skepsis spielen doch in einigen Fällen eine Rolle. Es ist häufig die Rede davon, dass man Kindern „etwas bieten“ können müsse oder dass man Kindern die Welt, wie sie ist, „nicht zumuten könne“.

Fakt ist: Die Zahl der Geburten geht nicht in jenen sozialen Gruppen am stärksten zurück, die über das geringste Einkommen verfügen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie geht dort am stärksten zurück, wo die höchsten Einkommenseinbußen nach der Geburt von Kindern zu erwarten sind. Lebensstandard, Gesundheitsvorsorge und Lebenserwartung waren nie irgendwo besser als in unserer Gesellschaft. Beide Argumente „ziehen“ also nicht. Viel eher ist es so, dass erwartet wird, die eigene subjektive Lebensqualität werde mit Kindern sinken oder die subjektive Lebensqualität der potentiellen Kinder werde fallen in einer Gesellschaft, die als im Niedergang befindlich wahrgenommen wird. Kulturpessimisten („Fernsehen verblödet“, „Facebook ist eine Krake“, „Gefühlsverrohung“) und „linke“ Politiker und Ökonomen („Verarmung“, „Bildungsnotstand“, „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“) singen ihr trauriges Lied auf allen von ihnen verteufelten Kanälen. Sie haben mit vielem ja Recht. Aber ihr Refrain: „Alles wird immer schlimmer.“ ist objektiv betrachtet schlicht Unsinn. (Eine Zeitreise in die 50er oder 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts würde ihnen das rasch klarmachen.)

Woran liegt es also, dass immer weniger Menschen in Deutschland mit Kindern leben wollen? Als mein erster Sohn geboren wurde, war ich 28 Jahre alt. Vor 30 Jahren wäre ich damit eine „Spätgebärende“ gewesen. Ich habe hier im Blog vor einige Zeit die Anti-Baby-Pille als größte Erfindung der Menschheit gepriesen, weil sie Frauen das Recht und die Möglichkeit eingeräumt hat, Kinder zu bekommen oder nicht zu bekommen, wann sie wollen. Eine Mehrheit der Frauen möchte offenbar Kinder erst dann haben, wenn die eigene Ausbildung abgeschlossen ist. Denn die ökonomische Abhängigkeit vom Kindsvater ist für viele Frauen ein zu hohes Lebensrisiko. Außerdem können viele im Beruf Anerkennung und Befriedigung finden, die Hausarbeit nicht gewährt. In anderen, ähnlich entwickelten Gesellschaften entscheiden sich Frauen auch später für das erste Kind. Aber in Deutschland, Italien und Spanien wird diese Entscheidung häufig so lange hinausgezögert, bis es zu spät ist. Fällt Ihnen etwas auf? Es handelt sich bei diesen Staaten mit der geringsten Geburtenrate um die postfaschistischen Staaten in Europa.

Meine These ist: Je mehr eine Gesellschaft von einer faschistoiden Mütter-Ideologie durchdrungen ist, die Frauen zu Gebärmaschinen, Milchkühen und Pflegekräften degradiert und sie auch noch glauben machen will, das sei ihre „Natur“, desto weniger Frauen entscheiden sich für ein Kind. Denn die widerliche Pseudo-Aufwertung der Vollzeit- und -blut-Mutter, die sie zugleich zu einem Instinktwesen herabwürdigt, bleibt den Frauen ja nicht bloß äußerlich. Es ist eine Sache, sich gegen solche Zuschreibungen von außen zu wehren, eine andere ist es, wenn diese Ideologie über Familie und Kultur in uns selbst eingesickert ist, so dass sie uns immer wieder ein schlechtes Gewissen zu verursachen vermag, wenn wir ihr nicht „gehorchen“, ja schon, wenn wir die „natürlichen“ Gefühle, die sie uns vorschreibt, nicht empfinden. Dass so wenige Kinder unter uns leben wie nie zuvor, ist meiner Meinung nach vor allem die Folge dieser Ideologie, die tief im „deutschen Wesen“ verankert worden ist. Sie auszumerzen, bedarf es mehr, als bessere Kinderbetreuungseinrichtungen oder sozialer Umverteilungsmechanismen zugunsten von Kindern.

Frauen müssen das Gefühl haben können, Mütter sein zu können, ohne alles andere zu verlieren, was sie sind. Es ist wunderbar, Mutter zu sein, finde ich. Ich war immer berufstätig. Meine Söhne haben sich prima entwickelt. Dass ich das in dem Zusammenhang betonen muss, ist der Skandal. Aber so war es: Sie wurden mitleidig betrachtet, als sie nach der Schule in der Hort mussten, statt nach Hause zu Muttern zu traben. Ich selbst habe oft ein schlechtes Gewissen gehabt, weniger weil ich mich nicht genug kümmerte, als weil ich nicht zufrieden damit bin und war, ausschließlich Mutter zu sein. Immer habe ich auch Frau, Kunsthistorikerin, Dozentin, Freundin, Geliebte, Autorin sein wollen (und noch vieles mehr). Eine Gesellschaft, die sich keine Kinder wünscht, die meinetwegen melancholisch, aber doch höchst annehmlich, bequem und  abgesichert „Apokalyspe now“ stöhnt, sich über die Verkommenheit und Kulturlosigkeit der (wenigen) Jungen beklagt und Zeiten verklärt, als weniger Leute weniger Freiheiten hatten - das ist eine, in der ich nicht so gerne leben möchte. Menschen sind intelligenter, plastischer, vielfältiger, sonderbarer, eigenwilliger, als der Kulturpessimist in seiner erbarmungslosen Selbstgerechtigkeit es wahr haben will. Kein natürlicher Instinkt hat mich zur Mutterschaft getrieben, sondern meine bewusste Entscheidung. Denn ich glaube an die Zukunft des "unterschätzten Menschen" und ich freue mich über Veränderungen. Deshalb sind meine Kinder Wunschkinder.

Die Wunschkinder :-) , 1999

Kommentare:

  1. Schönes Statement. Wo, wenn nicht hier, ist etwas Pathos angebracht.
    Prost! Auf die Kinder! Und darauf, dass sie nicht zu unterschätzen sind.

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  2. Danke, liebe Iris.
    Mich wundert es ja ein bisschen, dass niemand hier vehement widerspricht und den (gesellschaftlichen und/oder individuellen) Verzicht auf Kinder als tiefere Einsicht in die Unrettbarkeit der Welt preist. Denn anderswo ist ähnliches doch dauernd zu lesen :-).
    Bist du auch so gespannt, wie es weitergehen wird mit unseren Abiturienten???

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  3. Und ob ich gespannt bin! Mein Sohn studiert ja bereits im dritten Semester Physik und ist damit sehr zufrieden. Und meine Tochter - aber das hast Du ja gelesen. ;-)
    Für mich lag im Kinderkriegen ein Stück Selbstverwirklichung, ich habe es nie als etwas mir nicht Entsprechendes empfunden, habe aber sehr wohl oft gehadert mit meinem Angebundensein, dem schlechten Gewissen, wenn ich keine Zeit für sie hatte, weil ich arbeitete o.a. und den Sorgen, die man sich für immer auflädt (wie einem ja erst nach und nach bewusst wird, auch wenn es die eigenen Mütter oft genug aus ihrer Erfahrung heraus prophezeit haben).
    In erster Linie die gesellschaftlichen Strukturen für den Geburtenrückgang verantwortlich zu machen, nimmt für meinen Geschmack zu sehr das Individuum aus der Verantwortung. Ich glaube ja, dass wir verwöhnt sind (nicht alle, zugegeben, es geht ungerecht zu, ich verallgemeinere, und das passt nie ganz, trotzdem) und bequem, dass wir lieber vermeintliche Ansprüche geltend machen, als selbst für uns zu sorgen usw. Kinder sind da ein deutlicher Störfaktor, ein unbequemer "Besitz".

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  4. Ich glaube ja, es ist genau das Gegenteil der Grund, warum immer weniger Kinder geboren werden, eben weil jeder bestmöglichst für sich selbst sorgen will, wird der Kinderwunsch immer weiter herausgeschoben, bis es dann plötzlich zu spät ist, das ist kein Verhalten verwöhnter Menschen, sondern das hat viel mit Angst zu tun, und damit, dass nichts mehr selbstverständlich ist. Ich erinnere mich da an einen Artikel hier, in dem die Pille als die größte Erfindung der Menschheit gepriesen wurde, ich erinnere mich daran, weil im Laufe des Gesprächs die Rede darauf kam, dass Kinder zu bekommen eben spätestens seit der Pille etwas sehr Voraussetzungsvolles ist, also muss man sich bewußt dafür entscheiden und wägt ab und lässt alle möglichen Ängste ins Spiel kommen. Ist es nicht viel verwöhnter, über diese Bedenken hinweg zu gehen und einfach schwanger zu werden?

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  5. @Iris Mir geht es ganz ähnlich wie dir. Kinder haben zu wollen hat "irgendwie" immer zu meinem Lebensplan gehört. Allerdings sah es eine Weile so aus, als würde sich das nicht erfüllen. Dass ich doch zwei Söhne habe, erscheint mir daher als besonderes Glück.

    Dass Individuum aus der Verantwortung zu nehmen, war nicht meine Absicht. Wie ich auch der Weberin geantwortet habe, begrüße ich die gewonnene Freiheit, die es überhaupt erst ermöglicht, von "Wunschkindern" zu sprechen, weil es die Wahl gibt. Ich möchte den Einzelnen aber nicht gerne "Verwöhntsein" unterstellen. In vielen Einzelfällen weiß ich, wie schwer sie sich die Entscheidung gemacht haben und dass es tatsächlich oft unmöglich erschien, Kinder in das eigene Leben zu integrieren. In den allermeisten Fällen, bei denen ich Genaueres weiß, lag es an instabilen Partnerschaften (entweder weil der Mann kein Kind wollte oder weil die Frau sich nicht vorstellen konnte, dass dieser Mann seine Vaterschaft ernst nehmen würde). Oft waren auch medizinische Gründe ausschlaggebend. (Ich kann nicht beurteilen, ob das zugenommen hat.) Interessant finde ich aber, dass die Balance zwischen den Geschlechtern, die offenbar gegeben sein muss, damit sich ein Paar für ein Kind entscheidet, in jenen Ländern statistisch am wenigsten zustande kommt, die faschistisch geprägt. Das ist für mich ein Zusammenhang, der sich weniger in Oberflächenstrukturen zeigt, als in den Prägungen, die wir als Kinder schon erhalten haben. Man wüsste da natürlich weiter forschen.

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  6. @Weberin Nein, das finde ich nicht. Es macht (mir) Freude mit Kindern zu leben (meistens ;-) )
    Und es ist gut, dass es eine freie Entscheidung sein kann. DIe Pille als beste Erfindung erwähne ich ja auch noch einmal - denn Kinder zu bekommen, weil man nicht anders kann, ist für mich nicht die wünschenswerte Alternative. Es liegt nicht in der "Natur" der Frau, Kinder kriegen zu müssen. Gerade das ist mir wichtig: Dass es Wunschkinder sind - und nix, was einem eben so "passiert."
    Ist eine Zumutung unter diesen Voraussetzungen Kinder zu wollen? Es stimmt jedenfalls, dass viele Angst haben. Sie sind keine Egoisten, denke ich, sondern Pessimisten. Sie sehen überall Risiken und keine Chancen. Vielleicht ist das nicht nett, aber wahr: Ich für meinen Teil lebe lieber unter Optimisten, die hoffen, träumen, wagen. Das muss nicht heißen, dass sie immer recht haben. Aber ich habe lieber mit ihnen zu tun als mit den Furchtsamen. Denn die Wahrheit ist: Mir machen die Ängstlichen Angst. Jedenfalls oft. Denn ich glaube an selffulling prophecies.
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  7. Was war denn jemals selbstverständlich und ist es heute nicht mehr? (@Weberin)
    Mit Verwöhntsein meine ich eine Haltung, die auf eine Erfüllung der eigenen Bedürfnisse ausgerichtet ist und diese Erfüllung von außen erwartet und nicht in erster Linie als eigene Aufgabe ansieht und nicht bereit ist, Einschränkungen hinzunehmen. Aber ich stimme dem zu, dass das Zeugen eines Kindes genau diesem Wunsch nach eigener Bedürfnisbefriedigung entspringen kann und somit wenig verantwortungsvoll ist. Es gibt wohl auf beiden Seiten (und in Abstufungen) die Egoisten und die Verantwortungbewussten.
    Wie weit soll denn aber ein Absichern gehen, und welcher Level muss erreicht sein, um sich guten Gewissens für ein Kind entscheiden zu können?
    Mir geht es wie Melusine, dass ich mit den Optimisten besser zurechtkomme, deren Vertrauen ja nicht blind ist und davon ausgeht, dass schon nichts passieren wird, sondern dass, egal was passiert, Erfahrungen von Mut und Menschlichkeit möglich sind. Ich denke auch, dass die Welt unseren Kindern zumutbar ist und dass wir ihre Fähigkeit, in dieser Welt zurechtzukommen und Positives erfahren und bewirken zu können, nicht unterschätzen sollten.

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  8. Iris, ich kann diese Fragen nicht beantworten, aber ich glaube es nachvollziehen zu können, wenn Menschen, die nach einem langen Studium von Praktikantenverhältnis in Praktikantenverhältnis rutschen oder sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag hangeln, glauben ihre wirtschaftliche Lage wäre nicht danach Kinder zu haben.
    Was ich damit sagen wollte, ist vielmehr das "Wunschkinder" eben auch bedeutet, dass man sich sehr bewusst für etwas entscheidet. Also abwägt und dann die Folgen durchaus auf sich bezieht, mit sich ausmacht, wenn das Kind später in der Schule ausgegrenzt wird, weil es keine Markenkleidung trägt und nicht drei Mal im Jahr in exotische Länder reist, z.B., um ein etwas überzogenes Beispiel zu nehmen. Ich glaube es geht genau um diese Frage, wann man sich "guten Gewissens" ein Kind leisten kann. Das ist eine nicht zu unterschätzende Zumutung.
    Melusine: ich meinte nicht mich und Sie, ich meinte, dass es generell eine "leichtfertigere" Haltung erfordert, vielleicht auch eine optimistischere, oder eben eine die nicht nach allen Seiten weiterdenkt, wenn es um die Frage des Kinder bekommens geht. Selbstverständlich sind Kinder ein großer Segen, für mich das woran ich in meinem Leben am meisten gewachsen bin, mit dieser Anforderung bin ich überhaupt erst "erwachsen" geworden, aber die Menschen, die sich diesen Wunsch versagen sind m.M. nach zu ebenso großen Teilen ängstlich und möglicherweise überverantwortungsbewusst, als verwöhnt und egoistisch. Man nimmt sich persönlich ja viel mehr, als man gewinnt, ohne Kinder.

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  9. @ Iris Zur "Selbstverständlichkeit" - ich glaube, früher kam es noch öfter vor (obwohl es das auch immer noch gibt), dass Frauen ungewollt schwanger wurden, in oder außerhalb von Ehen. Sie bekamen die Kinder halt, scheinbar "selbstverständlich". Konservative und Reaktionäre sehnen sich oft nach solchen scheinbar "natürlichen" Verhältnissen zurück, wo weniger Freiheit und - scheinbar - auch weniger Komplexität herrschte. Da "funktionierte" auch die Institution Ehe, so meinen manche, noch besser (ungeachtet der Tatsache, wie viel Unglück sich unter der "heilen" Oberfläche verbarg). Diese "Selbstverständlichkeit" konnte aber auch damals schon gleichermaßen gepaart sein mit Fatalismus wie mit Optimismus ("sich abfinden" oder "sich einlassen").
    @Weberin Die Idee, dass man sich Kinder "leisten" können muss, mag ich nicht. Ich halte dies Argumentation auch für vorgeschützt. Tatsächlich, das schrieb ich ja schon, haben viel mehr Menschen in prekären finanziellen Situationen Kinder als solche im Mittelstand (wie immer subjektiv oder objektiv gefährdet der eigene Status ist). Ich kaufe das niemandem ab, dass er oder sie sich ein Kind nicht "leisten" kann oder dass er oder sie ein schlechtes Gewissen hat, weil er oder sie nicht genügend Markenkleidung bereitstellen kann. Es gibt gute Gründe, in bestimmten Lebensphasen keine Kinder zu wollen. Oder vielleicht überhaupt nicht, weil man sich ein Leben ohne Kinder schöner vorstellt. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand Kinder bekäme, weil man ihm oder ihr eine lebenslange Prämie dafür zahlte, damit er oder sie sich das "leisten" kann. Jedenfalls hoffe ich das. Denn wenn es doch so jemanden gibt (womit leider - wie ich bei näherer Überlegung feststelle - allerdings zu rechnen ist), sollte der oder die meiner Meinung nach ein superschlechtes Gewissen haben!
    Es ist doch grotesk und eben gar nicht verantwortlich, die Entscheidung für oder gegen Kinder davon abhängig zu machen, ob hinreichend Luxusartikel bereitgestellt werden können. Das war für keinen und keine meiner Freunde und Freundinnen ein Grund, keine Kinder zu bekommen. Es hätte mich auch enttäuscht, wenn es so wäre. Tut mir leid, aber dafür kann ich kein Verständnis aufbringen. Für viele andere Gründe schon eher. Sogar für egoistische.

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  10. @Melusine Diese Art von Selbstverständlichkeit war vielleicht eher ein unreflektiertes Hinnehmen und ist sicher nicht (zurück)wünschenswert. Allerdings war es damals weniger selbstverständlich als heute, dass Mutter und Kind Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebensjahre gesund überstehen. Der Unterschied liegt vielleicht tatsächlich in der Haltung, ob es ein "sich Abfinden" oder ein "sich Einlassen" ist (was mich im weitesten Sinne an Deine Opfer-Thematik erinnert).
    @Weberin Wenn meine Kinder mal Markenkleidung getragen haben, waren es Einzelstücke aus dem Secondhandladen, und es war für sie nie nur kein Problem, sondern noch nicht mal ein Thema. Ich kenne aber Familien, in denen es ein Problem war, und für mich schien es da immer so zu sein, dass auch die Erwachsenen solchen Statussymbolen eine gewisse bis große Bedeutung beimaßen. Ehrlich gesagt würde ich mir größere Sorgen machen, wenn mein Kind zu den Ausgrenzern gehörte. Es geht doch um die Werte, die wir Kindern vermitteln, dazu gehört für mich auch, dass ich mein Lebensglück nicht vorrangig in materiellem Reichtum und einer darauf beruhenden Zugehörigkeit suche, sondern in der Entfaltung meiner Persönlichkeit und meiner Talente, innerer Reifung und der Fähigkeit, mit den anderen Erdbewohnern Frieden zu halten.

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