Montag, 9. April 2012

JENSEITS DES HELIKON (Aus der Serie: WIR)


Lavinia Fontana: Minerva

Wie du unsere Weisheit züchtigtest und unseren Willen entkleidetest, das macht dir keiner nach. Einst tanzten wir mit unseren Musen, die wir einander waren. Dann rücktest du uns ins Bild, wartend auf deinen Moment der Erleuchtung. Ach, was könnte jäh dir entfallen, was wir nicht längst beschienen hätten in nächtlichen Freudenfeuern. Davon ahnst du nichts in deiner Selberherrlichkeit, oh HERR, wie wir im Dämmer dort draußen uns unter die purpurnen Mäntel greifen. Kehren wir zurück an dein Lager, so fraulich gegen deine Verhärtung uns schmiegend, so schaudert´s dich erwachend. Wir müssen nicht stehen bleiben, um uns fließend zu verschwenden. Wir sind die Öffnung, die dich lockt. Schau her, du erhaschst nur einen Augen-Blick, wenn wir uns wenden. Sei tapfer, Krieger, dein Helm kann dich vor unsrer Innigkeit, die dich umschlingt, nicht schützen. Jetzt komm! KOMM!


("Kiss me like you mean it")

Kommentare:

  1. Erst jetzt nehme ich die Wir-Reihe richtig war in ihrer poetischen Sprache, die sich auflehnt gegen vermutlich auch meinen männlichen Blick auf die nackte Kriegsgöttin. Als männliches Wesen habe ich beinahe Hemmungen, etwas zur weiblichen Selbstbehauptung zu sagen, denn ich bin ja nicht "Wir"! Dennoch fasziniert mich auch das Konzept, Gemälde und Kunst von Frauen als Inspiration für dieses eigene weibliche "Wir-Gefühl" zu nutzen. Bei dem Gemälde von Lavinia Fontana staunte ich, dass 1613 sich eine Frau bereits nackt selbst dargestellt hat, denn die Gesichtszüge sind eindeutig die der Malerin, warum sollte der Rest nicht auch "authentisch" sein. Schon stiess ich bei weiterer Klickerei auf ein kunstgeschichtlich wohl spannendes Buch: Salean A. Maiwald: "Von Frauen enthüllt". Was Sie so anrichten können beim männlichen Geschlecht. Die Reihe jedenfalls unbedingt weitermachen.

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  2. Das freut mich, dass die Serie Ihnen gefällt. Es fing ganz harmlos an. Die Skulptur von Louise Bourgeois sah ich neben einem Nachruf auf sie. Ich las damals gerade Jesaja (ja, ich bekenne es, ich lese gelegentlich in der Bibel). Der verletzte Körper, der luthersche Text mit der Anrufung des HERRN, ein Gespräch über die Zerstörung der Aschera-Statuen. So begann das. Die ersten Texte sind alle Überschreibungen von Jesaja-Stellen. Immer Sommer besuchten wir das Atelier und den Garten von Barbara Hepworth in Cornwall. Das passte zu einem Text, der da schon fertig war. Plötzlich war es eine Serie und ein Prinzip. Inzwischen nehme ich auch andere Ursprungstexte her, um sie dieser Form der Überschreibung zu unterziehen. Man kann den "Grund", denke ich, oft nur noch als Grundierung erahnen, wie bei einer Leinwand, die viele Male übermalt wurde. Es sind immer "männliche" Texte, deren das "Wir" sich annimmt. Meist religiöse. Doch die Texte, so hoffe ich, überschreiten den Mann/Frau-Gegensatz und drücken einen Widerstand aus gegen HERR-schaft überhaupt.
    Die Bilder sollen die Texte nicht illustrieren, sondern in einer Spannung zu ihnen stehen. Es ist der Versuch, eine Traditionslinie zu imaginieren. Dabei fällt mir auf, dass Künstlerinnen sich häufig sehr mit dem weiblichen Körper beschäftigt haben, weniger mit männlichen. Nicht zum ersten Mal. Die schönsten Darstellungen begehrenswerter männlicher Körper verdanken wir homosexuellen Künstlern wie Caravaggio oder Mapplethorpe. Ist das nicht auch sonderbar und vielleicht sogar traurig?

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  3. Ich halte es eher für folgerichtig, weil Abbildungen wohl immer auch von einem Begehren des Abbildenden begleitet ist, sonst würde er oder sie nicht festhalten und ausdrücken wollen, sondern wegschauen. Auch Ihre Texte reiben sich an der HERRschaft, weil neben einer Verachtung für die Deformation und Repression, die diese für das weibliche "Wir" mitbringt, dennoch auch gleichzeitiges Begehren vorhanden ist. Dass das, was uns abstößt, auch Anziehung und Spannung mit sich bringt, scheint mir ein ziemlich komplexes, verstörendes psychologisches Phänomen. Ob der männliche Körper auf Frauen genauso wirkt, wie der weibliche auf Männer kann ich nur theoretisch nachvollziehen. Generell halte ich uns Menschen in unserer Grundkonditionierung für sehr gefangene Wesen. Gerade der weibliche Akt ist wohl die ganze Kunstgeschichte hindurch von männlicher Sichtweise geprägt, gegen die ein paar Tupfer von weiblichen Künstlern mit tabulosem Blick auf den eigenen Körper stehen. (Eigentlich erst wieder mit Paula Modersohn-Becker zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Paris) Wahrscheinlich schlug sich üblicherweise in der Kunst wie in der Religion die gleiche HERRschaft nieder. Die Sprache der Bibel kann ja auch sehr poetisch sein und Ihr Schreiben als gegenläufiger Text nimmt dies auf und überhöht es auf seine Art. Bin gespannt auf die nächste Kombination.

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  4. Mit "sonderbar" und "traurig" meinte ich, dass es wenig Darstellungen gibt, die einen weiblichen Blick des Begehrens auf einen männlichen Körper zeigen. (Ich arbeite an einer/meiner Abhilfe. Zu der Serie "Frauensachen. Vier Frauen, Sex und der Tod.", die ausschließlich Gespräche zwischen Frauen wiedergibt, schreibe ich an einem Dialog, wo ein solcher Blick dargestellt wird. Mal schauen. Auch in "Melusine featuring Armgard" wird es eine solche Szene geben. Das Thema war hier im Blog schon einmal aufgerufen, während der Berichte von der England-Reise 2010:
    Blue Stockings in Oxford und
    Schönheit - sehen und gesehen werden

    (Dass erst mit Paula Modersohn-Becker die (Selbst-)erforschung und -darstellung des weiblichen Körpers durch bildende Künsterlinnen wieder einsetzt, stimmt nicht ganz. Weibliche Künstlerinnen sind nur nicht in die Kunstgeschichtsschreibung im gleichen Maße eingegangen wie männliche. Das wird die Serie, hoffe ich, auch noch zeigen. Ich weiß aber noch nicht genau, wie es weiter geht. Das ist immer sehr spontan. Ein Bild allerdings liegt schon hier...)

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