Freitag, 6. April 2012

"So soll dein Blut mein Purpur sein" (Paul Gerhardt)

Altdorfer: Kreuzigung (Ausschnitt)


Und als sie an die Stelle kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, da gaben sie ihm den Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er´s  schmeckte wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.  Und sie saßen da und bewachten ihn; und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift  mit der Ursache seines Todes:  Dies ist Jesus,  der Juden König.

Da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen:  Der du den Tempel abbrichst  und baust ihn auf  in drei Tagen, hilf dir selbst, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester und Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:  Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn, wenn er Gefallen an ihm hat, denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

Und von der sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, eli lama asabtani? – das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Einige aber, die dastanden, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich liefen einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass´ sehen, ob Elia kommt und ihm helfe. Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“

(Mt. 27, 33 – 50)

Ein Mensch verreckt. Der wird gefoltert und verhöhnt von seinen Mitmenschen bis zum bitteren Ende. Der kann sich nicht helfen und niemand hilft ihm, selbst in seinem letzten Atemzug wird er gequält. Es gibt hier nichts zu hoffen. Von Gott nicht und den Menschen nicht. Tiefste Verzweiflung: Er ist verlassen. Warum?

Sein Leben, seine Taten, seine Worte – eine einzige Anmaßung. Ich bin Gottes Sohn; ich erfülle das Gesetz. Die Entweihung des Tempels. Der Streit mit den Schriftgelehrten. Der will der König der Juden sein. Das wollen wir doch mal sehen.Kaum anders ginge es heute einem, der herumliefe, die braven Kinder guter Bürger einzusammeln, sie ihren Familien und Arbeiten entzöge, alles besser wüsste und das Gesetz nicht achtete, wie es geschrieben steht, sondern sich anheischig machte, seinen Vollzug außer Kraft zu setzen. „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Freilich wählte man andere Formen, ihn unschädlich zu machen, heutzutage, wahrscheinlich landete er in einer Anstalt. Und dass ihm recht geschehe, wäre Mehrheitsmeinung und möglicherweise auch die meine.

Karfreitag ist, wo keine Versöhnung ist und keine Rettung und keine Hoffnung. Karfreitag ist die Welt ohne Gott. Die Welt, in der wir leben. Der Bericht des Matthäus hebt nichts davon auf. Kein letztes Zeichen des Vaters, das dem Sohn Gerechtigkeit widerfahren lässt. Es gibt hier keine andere Macht als die der Gewalt des Menschen gegen den Menschen. Der Hohn ist im Recht: Alles war eine verdammte Lüge, der selbsternannte Gottessohn schreit sterbend seine Verlassenheit heraus.

Der Karfreitag ist der endgültige, der unwiderrufliche Bruch des Juden Jesu mit dem jüdischen Glauben. Der da hängt und schreit, den hat der Gott der Juden verlassen Von da aus trennt sich die Sekte des Nazareners vom Glauben Abrahams, der das Heil im Gehorsam gegenüber Gottes Willen sieht. Der hier qualvoll stirbt und dem keine Hand sich hilfreich entgegenstreckt, hatte die Gebote des Herrn auf eine Weise verschärft, die sie unerfüllbar machten. Das Ehebruchsverbot – schon der bloße begehrliche Blick auf einen anderen, i s t die Sünde. Zornig werden auf einen Mitmenschen, einmal nicht die Wahrheit sprechen – für immer verworfen! ALLES muss erfüllt werden, hat er gesagt. Das stellt Menschen vor Aufgaben, die sie nicht lösen können. Das wirft sie gleichsam noch einmal aus dem Paradies, aus der bloßen Möglichkeit gar, sich das Paradies als Ziel zu erträumen. Es kann sich durch diese Überforderung nur die Gottlosigkeit der Welt endgültig offenbaren. Golgatha – der Schädelberg. Mehr wird nicht übrig sein, als ein paar Knochen. 

So ist es. Ostern kann nicht kommen, die Auferstehung nicht und nicht das Leben durch den Tod, wenn man da nicht durchgeht. Es ist nicht das Opfer Jesu, in dessen Nachfolge gläubige Christen stehen, sondern der Verworfene. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du  mich verlassen?“ Ostern kommt für die, die sich so gesehen haben. Ohne Gnade. Sündig. Verloren. Die die Gnade brauchen und das Opfer dieses anderen, das sie nicht bringen können. Es ist ein Opfer, das alle andern überflüssig macht. Es gibt nichts zu verdienen und nichts abzutragen. Vor der teuren Gnade steht die Erfahrung der Verlassenheit. Der Opfertod des Gottessohnes setzt die Gerechtigkeit außer Kraft, nach der am Ende jeder kriegt, was er verdient. Es geht nicht mehr darum, was man sich verdient, sondern um das, was man braucht.


„So soll dein Blut mein Purpur sein.“


Kommentare:

  1. „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist.“ (W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

    Die Hölle der Immanenz, diese „transzendentale Obdachlosigkeit“, wie Georg Lukács es in seiner „Theorie des Romans“ formulierte. Jener Mann, den Lukács einst einen Formalisten scholt und der im Herrschaftsbereich der Sowjetmacht verboten war, schrieb oder sagte (wahrscheinlich zu Max Brod): „Es gibt unendlich viel Hoffnung! Nur nicht für uns.“ So zitiere ich sinngemäß Franz Kafka. Als Georg Lukács dann in die Gefangenschaft seiner eigenen Genossen geriet, fiel ihm auf, wie sehr Kafka doch ein Realist war.

    Womöglich ließe sich aber von einem Deus absconditus sprechen. Nur wissen wir nicht, ob dieser sich aus Bosheit oder aus Scham verbirgt.

    Am Jesus, der zum Christus wurde, ist sicherlich auch die Figur des Opfers, des bedingungslosen Opfers interessant. Daß kein anderer Mensch mehr, daß keinTier mehr und kein nichts geopfert werden müssen, weil ein Wesen seine Entäußerung zum Opfer brachte, um künftig auf jedes weitere Opfer zu verzichten. Dies ist auch der Impuls der Philosophie Adornos: Der Verzicht auf das Opfer, die Logik und die Spirale der Gewalt zu brechen. Vor ihm formulierte dies in anderer Weise Nietzsche im Zarathustra: den Geist der Rache zu überwinden.

    Wird die Gerechtigkeit oder aber das Recht in jener eschatologischen Perspektive außer kraft gesetzt? In Deiner Formulierung wäre es die falsch verstandene Gerechtigkeit, die durch dieses Ereignis suspendiert wird.

    „Ermöglicht die Dekonstruktion Gerechtigkeit, ermöglicht sie einen Diskurs über die Gerechtigkeit und über die Möglichkeitsbedingungen von Gerechtigkeit?“ (J. Derrida, Gestzeskraft) Derrida setzt sich in diesem Text unter anderem mit Benjamins legendärem Aufsatz „Zur Kritik der Gewalt“ auseinander, der zugleich mit Carl Schmitt korrespondiert. Der Antisemit Carl Schmitt führte in einem perversen Akt der Reinwaschung ausgerechnet Walter Benjamin zu seiner Rechtfertigung nach 1945 an. Aber dies ist nun ein Thema, das nicht recht zum Karfreitag passen will.

    Das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen, jene Dialektik im Stillstand, die Einhalt gebietet, inmitten der Katastrophe.

    „Freilich fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu. Das will sagen: erst der erlösten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden. Jeder ihrer gelebten Augenblicke wird zu einer citation à l‘ordre du jour – welcher Tag eben der jüngste ist.“ (W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

    Diese Fragmente sind gewissermaßen der Vorabdruck eines Textes, denn ich dann am Sonntag in meinem Blog ein wenig erweitert hineinstelle. Wenn ich es denn hinbekomme, aber für gewöhnlich schaffe ich alles das, was ich groß ankündige, nicht.

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  2. Auf den Text bin ich schon gespannt, der aus diesen Fragmenten hervorgehen wird.

    Die Aufhebung des Opferzwangs halte ich für einen entscheidendes Merkmal des christlichen Glaubens, das ihn fundamental von den beiden anderen monotheistischen Religionen unterscheidet. (Dass die Kirchen, das Opfer auf Umwegen und verbrämt freilich wieder eingeführt haben, der Ablasshandel ist ja nur das herausstechendste Beispiel, steht auf einem anderen Blatt.)

    Der blutige Skandal des Karfreitags ist ganz offensichtlich gerade für die Würdenträger der christlichen Kirchen gar zu unerträglich, wie ich gestern mal wieder in den Nachrichten beobachten konnte. Hurtig wird darüber hinweg gegangen, dass GOTT abwesend war, sich nicht zeigt, nicht rettete, nicht mal tröstete. Da wird gleich weiter geleitet, ruckizucki, zu guten Worten und Taten: Friede, Freude, Eierkuchen. Der Hochmut der sich demütig gebenden Besserwisser, stets glaubensfest und moralisch versiert. Kein Zweifel, keine Angst, keine Verlassenheit. Aber man kämpft um den Erhalt des Tanzverbots. Immerhin, ein bisschen zwanghaft verordnete Besinnlichkeit (auch eines meiner Lieblingshassworte) muss sein!

    Die Spirale der Gewalt könnte ja nur gebrochen werden, wenn wir alle über uns hinauswüchsen. Also verzichteten auf das, wovon wir glauben, dass wir es verdienen und uns erfahren könnten aus unserer Bedürftigkeit. Das wird nicht sein. Das ist auch die Botschaft des Karfreitags: Keine Erlösung der Menschheit, die sich dieser Erfahrung nicht stellt. Und also keine. Weil wir weiter machen müssen.

    (Tja, zu Carl Schmitt sag´ ich jetzt nichts.)

    Herzliche Grüße

    M.

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  3. Ich möchte mich ganz einfach bedanken für diesen Text zum Karfreitag und auch für den Hinweis zm Sado-Maso Gott.

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  4. Dank zurück! Das freut mich sehr. Gerade die "religiösen" Texte stelle ich immer (selten genug) mit Furcht im Herzen ein. Denn ich bin keine Theologin und nicht "fest im Glauben" und in der Schrift, aber in diesem Punkt (in Glaubensfragen) verwundet und weiterhin verletzlich.

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  5. "Die Aufhebung des Opferzwangs halte ich für einen entscheidendes Merkmal des christlichen Glaubens, das ihn fundamental von den beiden anderen monotheistischen Religionen unterscheidet." Hm, das sieht Kierkegaard anders; bereits bei Abraham/Isaak wird das Menschenopfer verneint. Aber auch ich bin kein Theologe.

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  6. Das Menschenopfer, das stimmt. Aber es gibt eben immer noch das symbolische Opfer. Und die ganzen dazu gehörigen Rituale, deren Befolgung (Gehorsam! Gehorsam!) heilstiftend ist.

    (Man kann und muss natürlich einwenden, dass in den christlichen Kirchen solche Rituale wieder eingeführt worden sind. Das Abendmahl allerdings dreht die Sache - noch? - herum - es wird nichts "geopfert", sondern "vergeben". Dass dies als kannibalischer Akt zelebriert wird, hat mich als Kind manch schlaflose Nacht gekostet:
    Der Feind ist in der Burg

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  7. Vielleicht doch noch ein bisschen Laientheologie (jedenfalls ist das Folgende die mir bekannte Standardinterpretation):
    "Das Ehebruchsverbot – schon der bloße begehrliche Blick auf einen anderen, i s t die Sünde. Zornig werden auf einen Mitmenschen, einmal nicht die Wahrheit sprechen – für immer verworfen! ALLES muss erfüllt werden, hat er gesagt. Das stellt Menschen vor Aufgaben, die sie nicht lösen können. Das wirft sie gleichsam noch einmal aus dem Paradies, aus der bloßen Möglichkeit gar, sich das Paradies als Ziel zu erträumen. Es kann sich durch diese Überforderung nur die Gottlosigkeit der Welt endgültig offenbaren. Golgatha – der Schädelberg. Mehr wird nicht übrig sein, als ein paar Knochen."
    Da verweist man gerne auf Joh, 8, 1 - 11. Und auch, wenn diese berühmte Passage - wer frei ist von Sünde etcetc - in den ältesten Fassungen des Johannes-Evangeliums noch nicht enthalten ist - der Satz Joh, 8, 15 ist es, und auch in ihm übt jesus epoché. Und hier erklärte uns einmal unser Religionslehrer (Religion war noch Pflichtfach in den End70ern/Früh80ern in Schleswig-Holstein unter Bendixen!): Die in der tat unmenschlichen, von keinem Menschen zu erfüllenden Forderungen des Glaubens - etwa das berüchjtigte "so reiße Dein sündiges Auge aus" etc - seien unter Verweis auf die Pericope Adulterae indirekt zu verstehen: Als "Ideal" (so knarrte es), welches jedoch niemals vollständig erfüllbar sei, wer im Glauben lebe, habe Teil an der Gnade, die auch das fehlerhafte des menschenlebens blablabla

    Ich halte Deine Deutung für interessanter und anregender, aber natürlich sollte man auf die (meines Wissens) Standarddeutung des von Dir angerissenen Problems schon hinweisen.

    Übrigens ist das Johannes-Evangelium, welches ja besonders Jesus Verhältnis zu "den" Juden thematisiert (genauer gesagt: zu dem damaligen jüdisch-theologischen Mainstream), aus Gründen , die auf der Hand liegen, alles andere als unproblematisch.

    Meine Güte, jetzt lese ich die Bibel, anstatt zu arbeiten... Max Weber würde rotieren...

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  8. ahoi Bersarin

    das Kafka-Zitat (ich merke mit aller Vorsicht an: ist es eines?) stammt aus Brods Erinnerungen:

    http://www.lexikus.de/Juden-in-der-deutschen-Literatur/Der-Dichter-Franz-Kafka-von-Max-Brod

    Brod ist auch auf Janouchs fröhliche Schmonzette herein gefallen. Allerdings "klingt" es schon very Kafka-like. Wir werden seine Authentizität nicht mehr belegen können...

    Danke für Deine Verweise auf benjamin und Derrida. ich habe zu tun und werde hier zur lektürre gezwungen, "Mist"!

    Ein paar kritische bemerkungen: "Vor ihm formulierte dies in anderer Weise Nietzsche im Zarathustra: den Geist der Rache zu überwinden." Naja, da wäre ich vorsichtig. Nietzsche war schon bereit, und zwar wortwörtlich, esliegen keine textfälschungen vor, menschen zu opfern - eben dann, wenn die keinen "Wert" aufwiesen... Nietzsche war, ist und bleibt mir ein Stachel. Wir reden zum teil über jahrtausendtexte - "Über Wahrheit und Lüge im..." etwa -, dennoch halte ich Taurecks Analyse für richtig: Nietzsche war Protofaschist. Nietzsche will hier Strafe und Konsequenz aufheben, und natürlich hat er einerseits recht (andernorts formuliert er es noch schöner, in der fröhlichen Wissenschaft nmE: "Was ist Dir das Menschlichste? Dem Anderen Scham ersparen!"), ich wüsste aber schon gerne, wem er damit bahn brechen möchte. Denen, die entscheiden, wer "ausgerottet" (leider O-Ton Nietzsche) zu werden hat?

    "Dies ist auch der Impuls der Philosophie Adornos: Der Verzicht auf das Opfer, die Logik und die Spirale der Gewalt zu brechen." tausend chinesische Verbeugungen in Richtung TWA, indessen: darauf hat er denn doch nicht die Copyrights.

    "Das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen" - vorzüglich! Genau mein Problem. Ggfls unser aller Problem (?). Ich sagte kürzlich irgendwo einmal: Irgendwann muss man die dialektisch darstellbaren Strukturen aufbrechen, irgendwann in der immer weiter treibenden Analyse anhalten und ganz konkret werden. Irgendwann muss irgendeine/r sagen "So, jetzt machen wir die Bastille platt!" Wer konkret wird, wird undialektisch. Muss undialektisch werden. Das wäre mein einziger, allerdings entscheidender Einwand gegen Hegel. Hegel, ich weiß nicht, ob die Story stimmt, soll ja jedes Jahr am 4. Juli nen Rotwein entkorkt haben... weil am 4. Juli 1789 der Weltgeist auf der Strasse war. Das war er zweifellos...

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  9. Wenn ich es recht erinnere (ich müsste die Stellen aber noch einmal nachschlagen), entspricht meine Interpretation durchaus dem "orthodoxen" Luthertum bzw. dessen Ausformulierung durch Karl Barth, der die Bergpredigt radikal auf den Sprecher bezieht, der das Gesetz "erfüllt", weil die Menschen es nicht können. Das Leben Jesu wäre damit die "Antwort" auf die Schöpfungsgeschichte: die Verwerfung aus dem Paradies. Bonhoeffer leitet von dieser Interpretation der Bergpredigt her auch das Konzept "billige Gnade" (wie sie mir der Religionlehrer, den du paraphrasierst zu "verkaufen" scheint) gegen "teure Gnade" ab, das eben darauf beruht, dass in der Gnade nur steht, wer die eigene Verworfenheit erfahren/erlitten hat. Hier hat die viel geschmähte "Zwei-Reiche-Lehre" ihren Ursprung, die allerdings ihre Untiefen hat, jedoch keineswegs so simpel überwunden werden kann, wie sich das manche/r im Streben nach "Authentizität" wünschen mag. Das protestantische Konkurrenzmodell dazu (jenseits der Volkstümelei des "Wir ham uns alle lieb, piep,piep" + "Alles wird gut") wäre Albert Schweitzers Deutung der Bergpredigt als radikale Interimsethik.
    Wie gesagt - ich bin keine Theologin und was die katholische Theologie sagt, kenne ich überhaupt nur ansatzweise.

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  10. @ Hartmut Ha, sorry, den letzten Beitrag hatte ich noch nicht gelesen. Hegelianerin werde ich in diesem Leben nicht mehr. Blasse junge Männer trafen sich Mitte der 80er Jahre im Morgengrauen, erinnere ich, um die "Phänomenologie des Geistes" zu studieren. Ich schlief lieber weiter. ---Der Einwand jedoch, den du vorbringst, hat mich immer schon ganz schlicht und undialektisch überzeugt! :)

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  11. "billige Gnade" versus "teure Gnade" überzeugt mich sofort! Ob Barth orthodoxes Luthertum ist, wäre verhandelbar ;-) Theologisch vermutlich ja, aber hier gehts ja eben (Stichwort: Großinquisitor) um das Christentum für den Hausgebrauch. Also um die Sonntagspredigt. Ums Wort zum Sonntag, 5 Minuten.

    Ich habe den reli-Lehrer halt aus der Erinnerung zitiert (was immer ein verfälschendes Zitieren ist; naja). man muss Texte nicht nur wörtlich lesen, und die "billige Gnade"-Fraktion hat immerhin ein Argument für sich: Wenn denn das alles stimme...wozu dann noch eine Auseinandersetzung? Man kann das Gesetz also nicht erfüllen, okay, aber wozu dann sich quälen? Liegt die Antwort in der Qual? Sollen wir beschämt werden? Was läge daran! Stehe ich dann da und sage (was natürlich stimmte), ich könne Jesus Opfergang nicht mitmachen, ich hätte zu viel Angst allein schon vor den körperlichen Schmerzen...und mit diesem Eingeständnis, dessen Aufrichtigkeit niemand nachprüfen kann, wäre ich salviert? Weil ich die teure Gnade erfuhr? Wer bestimmt, welche gande ich erfuhr? Der Großinquisitor? Luther sagt: Gott. Aber naja...

    Ich frage nur.

    Ganz abgesehen davon, dass ich (ich zitiere aus dem noch unveröffentlichten zweiten Teil meiner Trilogie) an Gott sowieso nicht glaube; nur motze ich ständig mit ihm, weil er die menschen so dumm und gemein gemacht hat...

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  12. Der Witz wäre ja: Wir haben nicht die Wahl - diese "Auseinandersetzung" "lohnt" nicht, aber wir kommen nicht drum rum, sie zu führen. Nicht weil es uns was bringt, sondern weil wir uns zwanghaft da rein verbeißen. Weil selbst die eingefleischtesten Atheisten und fröhlichsten Agnostiker dauernd hadern! Siehe oben den bewussten Mann aus Hamburg! ;-) Es bestimmt niemand, wem die Gnade zuteil wird. "Mein Lehrer" Notger Slenczka, seines Zeichens Dogmatiker (hehe, das gibt´s noch!), leitet eben aus der Unverfügbarkeit der Gnade und der Offenbarung das Toleranzgebot her.

    (Die Schöpfungsgeschichte ist aus diesen Gründen ja auch nicht der älteste Teil der Tora, sondern einer der "jüngsten" - das war der Trick, die ganze Chose zu erklären. Die waren schon genial, die Schriftgelehrten. Bis der Mann aus Nazareth ihnen noch eine Schippe drauf gelegt hat. Jetzt wird´s ganz großes Kino. Und dann wird Saulus zum Paulus und... oh weia...)

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  13. "Siehe oben den bewussten Mann aus Hamburg! ;-)"
    Wer? Hä?
    (Sollte ich gemeint sein: Ich bin Agnostiker, aber natürlich nur philosophischer Agnostiker. Was ich sonst bin, geht Euch sowas von sonstwas an...)

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  14. Philosophischer Agnostiker, aber nicht fröhlich hadernd? Schade.
    Ich bin keine Agnostikerin und nicht philosophisch. Aber auch schön motzig.
    Wahrscheinlich muss man Dogmatiker sein, um dabei (der Bibel-Lektüre und der Theologie) fröhlich zu bleiben.

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  15. Merrit wird hadern. Ich? Naja...

    Ist letztlich nur ne etwas subtilere Variante von Dr. Pangloss/Voltaire. Auch ich wüsste sehr gerne, wie grausam ein Gott sein muss, um DAS zuzulassen...

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  16. @Hartmut
    Kafka lassen wir mal außen vor. Die Passage zur Hoffnung ist einfach zu schön als daß sie unwahr sein könnte. Und über die Hoffnung geben ja auch „Der Prozess“ und „Das Schloß“ Auskunft. (Ich schreibe dazu sicherlich bei mir noch etwas. In nächster Zeit.)

    Natürlich war Adorno nicht der erste, der von der Überwindung, der Aufhebung des Opfers (jedes Opfers) schrieb, denn in der Philosophie gibt es kein Copyright. Aber die Weise, wie er diesen Aspekt in sein Denken und zum Teil dann auch in die materialistische Philosophie einbettete, gleichsam als Denkmodell, das ergab eine spezielle, einen neue Konstellation der Philosophie – und deshalb ist die „Negative Dialektik“ immer noch nicht abgegolten und ein Werk, das – im Zusammenspiel mit der „Ästhetischen Theorie“ beschäftigt. Allerdings: mit der schwarz verhüllten Utopie, bzw. in anderer Weise, auf der pragmatischen Ebene, mit dem Modus des Als-ob, den Du formuliertes, habe ich Schwierigkeiten und halte es eher mit Derrida, der sich von der Utopie verabschiedet hat (um ihn hier etwas verkürzt dazustellen) zugunsten einer Dekonstruktion der geschichtsphilosophischen als auch der pragmatischen Begrifflichkeit. Die Frage bleibt aber, ob nicht über dieses Modell von der Ethik der Gabe bei Derrida und dem sich verausgabenden Potlatch doch wieder eine Form von Ethik einzieht, die Berührungen zu Adornos verhüllter Utopie aufweist. Etwas abgescheift.

    Dialektisches Denken schließt auch das Moment der Praxis mit ein. Es wäre sonst ein Marx nicht möglich gewesen, der die Kritik der Politischen Ökonomie betrieb. Und eines von Adornos Büchern heißt sicher nicht durch einen Zufall „Eingriffe“. Theorie und Praxis sind nicht separiert zu nehmen.

    Die ambivalente Einschätzung Nietzsches teile ich. Es existiert bei ihm dieses die Philosophie übersteigende Moment. Und da bricht Nietzsches mit der Tradition und das macht jenes Neue an ihm aus: die Heterogenität seines Stils, seiner Stile muß man schon fast sagen, es ist nicht eine Sprache, nicht bloß ein Sprechen, sondern eine Vielzahl von Stimmen. Das, was wovon er schreibt, nämlich die Philosophie der Perspektivität, wird von ihm genau so auch im Text durchgeführt. Das macht die Konstruktionsleistung an Nietzsche aus. In bezug darauf schien mir der Nietzsche-Text von Derrida „Sporen. Die Stile Nietzsches“ interessant und erhellend, der das Schillernde, diese Vielfalt und Durchstreichung jeder gewonnenen Perspektive im Sinne einer Unentscheidbarkeit herausstellte: Wahrheit als Interferenzphänomen. Die Wahrheit ist eine Frau, wie es bei Nietzsche heißt. Und diesen Diskurs der Weiblichkeit bei Nietzsche entfaltet Derrida. Die Diagnose Taurecks ist allerdings richtig, es gibt bei Nietzsche Passagen, die lassen sich auch nicht mehr über das Moment der Literarisierung und der Metapher in einen andere Lesart bringen.

    Und in der Verbindung dieser drei Pole wäre in etwa auch mein Denken zu situieren.

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  17. @Melusine Barby
    Die Hegel lesenden Männer, welche sich, bleich im Gesicht und mit häßlichen Nyltesthemden gekleidet, in den späten 80ern und im frühen Morgengrauen trafen – manchmal etwas nach kaltem Schweiß müffelnd –, das waren die Rechtshegelianer.

    Die Linkshegelianer hingegen fanden sich zur Lektüre abends zusammen, fuhren gerne gute oder teure Rennräder (als Rennradfahren noch nicht werbermäßig modern war), sie tranken Rot- oder Weißwein in rauen Mengen, sie lasen und studierten nicht nur die „Phänomenologie“, sondern auch gleich noch die „Wissenschaft der Logik“ und hernach die „Enzyklopädie“. Einer dieser Linkshegelianer tat dies besonders gerne mit attraktiven Frauen zusammen, bei denen er mit den Gaben seines Geistes, mit seinem Esprit glänzen konnte. Manche hat es ihm vergolten, andere wieder nicht. Eine dieser Frauen war sogar so attraktiv, daß er sich breitschlagen ließ Habermas‘ „Faktizität und Geltung“ gemeinsam zu lesen. Diese Lektüren Hegels und die daran anschließenden Gespräche, etwa wenn der Linkshegelianer den Text Hegels auf Derrida bezog und versuchte, die Geschichtsphilosphie literarisch und wild werden zu lassen, erstreckten sich manchmal bis in das Morgengrauen. Manchmal kehrten der Barmann oder eine Barfrau beide mit dem Besen aus der Bar heraus, weil der Bararbeiter nach Hause wollte. Es waren diese Nächte ein unendliches Gespräch, das immer und immer so hätte weitergehen können. Und dann fielen beide trunken ins Bett oder auch mal übereinander her. Suff und Sex geht in jungen Jahren noch ganz gut, wenn man‘s nicht übertreibt. (Im Vordergrund stand aber schon die Lektüre.) Bis irgendwann diese „wunderbaren Jahre“ vorbei waren, so wie eben alles vorbei geht und dann nicht mehr ist. Der Aspekt der Zeit. Und da hilft im Hier und Jetzt, an die Daten gebunden, keine Dialektik heraus.

    Du siehst: Du hättest unbedingt die Linkshegelianer kennenlernen müssen.

    Ich hoffe, ich habe mit diesem langen Text, Deinen Blog nicht zu sehr überanstrengt und beansprucht.

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  18. "Dialektisches Denken schließt auch das Moment der Praxis mit ein."

    Marx Praxisbegriff (über den wir uns damals virtuell kennen gelernt haben, Du erinnerst...) ... ja, sicher. Aber ist er konsistent? Und wie wurde er realisiert? Wie kann er ealisiert werden? Im Wissen um die Strukturen praktisch werden - sicher. Ich bin gebunden, sozio-ökonomisch (vorde)formiert, kann mich dennoch frei bewegen, wenn ich im Wissen um meine relativiertheit handele...alles richtig. Aber für mich bleibnt es dabei: Es klafft eine Lücke zwischen Praxis und Einsicht, und in dieser Lücke ist das dauerhafte linke Scheitern aufgehoben.

    Deine Linkshegelianer haben mir literarisch viel Spaß gemacht, aber natürlich bist Du theoretisch zu fundiert, als dass Du nicht wüsstest: mit solchen Späßchen entgehst Du dem grundlegenden problem nicht, um das es hier geht. Strukturanalyse aus der Metaperspektive versus Praxis eine/r/s in der konkreten Situation gebundenen...

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  19. @ Hartmut "Strukturanalyse aus der Metaperspektive versus Praxis eine/r/s in der konkreten Situation gebundenen..." Das hätte Merrit nicht schöner und treffender sagen können. Spaß beiseite: In der Lücke des Scheiterns ist ja auch viel Leben aufgehoben, das als gescheitertes nicht ganz oder auch gar nicht zutreffend beschrieben wäre. Zwar ist es wahr, dass es ist, wie es ist und also fürchterlich und es kein richtiges Leben im falschen gibt, aber dennoch...leben wir auch unverzagt...weiter und nicht einmal unglücklich - mit und ohne Einsicht und praktisch so, dass wir nie genügen, aber - zum Glück - auch nicht genug kriegen davon.
    (Oder?)
    @ Bersarin Die blassen Hegelianer gehörten in ihrer Mehrzahl dem MSB Spartakus Sektion Germanistik an. Es mag gleichwohl sein, dass sie aus ideologiekritischer Perspektive Rechtshegelianer waren. Im weiteren Verlauf verschwand einer von ihnen, wie wir als Gerücht hörten, nach Ostberlin, weil er im Westen wegen einer Bürgschaft gesucht wurde, die er für ein Import/Export-Geschäft seines Vaters übernommen hatte. Nach der Wende wurde angeblich gesehen, wie er aus dem Kofferraum eines Trabants Kalaschnikows in einer Seitenstraße der Karl-Marx-Allee verkaufte. Bei Facebook konnte ich ihn nicht finden. Vielleicht hat er seinen Namen geändert und ist auf Rügen untergetaucht. Ein anderer ist inzwischen Botschaftsattacheé für Kulturaustausch in London. Seine marxistische Vergangenheit wird im Lebenslauf, der online steht, nicht erwähnt. Der kleine Spanier, der als Sproß einer verdienten Dynastie von Widerstandskämpfern gegen Franco unsere besondere Hochachtung besaß, ist inzwischen Professor in Amsterdam. Der theoretisch Beschlagenste unter ihnen allerdings hat nur seine Augenringe vertieft und seine Trinkgewohnheiten beibehalten. Er spielt in einer Off-Off-Band in Berlin Saxophon und erteilt Latein-Nachhilfe. Wir dagegen, die wir sorgsam Abstand zu allen Gruppierungen hielten, die überregionale Organisationsstrukturen hatten und statt bei Demos rote Fahnen zu schwingen, lieber einen Minigolfplatz betrieben, die Pop-Poesie miterfanden (noch immer unentdeckt und ohne die verdienten lobenden Erwähnungen in den einschlägigen Anthologien) und uns zu Experten für Edgar Wallace- und Splatter-Filme ausbildeten, können keine ähnlich beeindruckenden Karrieren vorweisen. Wir schlagen uns so durch. Unverzagt. (s.o.)

    (Selbstverständlich ist das alles frei erfunden!)

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