Mittwoch, 13. Juni 2012

NICHT WIR. ("Typisch Frau")



Ich habe diese Geschichte schon einmal erzählt. Ich habe sie als du erzählt. Sie klang so glaubwürdiger. Sie endete mit dem Satz: "Was wir miteinander hatten, war immer schon Erinnerung." Das war nicht gelogen. Doch habe ich diese Wahrheit mehr als zwanzig Jahre verraten. Am Ende jedoch bin ich treu. Es konnte nie um die Zukunft gehen, die ich mir nur erschlichen habe. Aber seinem Sohn habe ich sie zurückgegeben. Dir nicht, du hast sie dir vor langer Zeit genommen von ihm und mir... Ich werde auch für dich zu der Erinnerung werden, die ich immer schon war. Such mich nicht. Ich habe mit Absicht weder dich noch seinen Sohn die Leiche sehen lassen. In deinen Träumen wird dich kein  bleiches Gesicht heimsuchen. Du kannst dich so an mich erinnern, wie du willst. Oder nicht.“  
(Entwurf zu PUNK PYGMALION, Teil III: EMMI)

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So ist es abgespeichert gewesen, seit Monaten, auf meinem Laptop im Ordner: „In Arbeit“. Aber so geht es nicht. Emmi, wie ich sie jetzt verstehe, kann nicht „Ich“ schreiben. Es wäre sonst auch nötig geworden „Wir“ zu schreiben an einigen Stellen. Und Emmi, so wie es ist, wird dieses „Wir“, anders als M., meiden müssen, um sich schreiben zu können.

Vor einiger Zeit las ich in einer Einführung zu Jean Rhys „Wide Sargasso Sea“ für die Literatur von Frauen seien Doppelgängerinnen, Gefängnissituationen, Träume von Lähmung und eine Fixierung auf weibliche Körper und ihre Unzulänglichkeit typisch. Die Formulierung traf mich, weil ich erkannte, wie „typisch“ das, was ich schreibe, ganz offenbar ist. Immer spielt „die andere Frau“ eine zentrale Rolle, selbst wenn es um heterosexuelle Liebesgeschichten geht, rückt die Beziehung zur anderen Frau, der Widergängerin,  ins Zentrum. Das ist bei „Melusine featuring Armgard" so und auch bei „Punk Pygmalion“. Die geschlossenen Räume und die Lähmungserscheinungen sind in meinen Erzählungen metaphorisch: Die Unmöglichkeit an die Oberfläche zu kommen („Melusine featuring Armgard“),  die Sprechtabus zwischen M. und Emmi („Punk Pygmalion“), die Sehnsucht nach Ausbruch und Durchlässigkeit, die stets gegen Wände stößt, Bewegungsdrang und Bewegungsunfähigkeit. Fast zwangsläufig kommt es auf diese Weise zur Fixierung auf die Körper: Fischschwanz und Drachenflügel („Melusine featuring Armgard“), Exhibitionismus und Unterwerfung („Punk Pygmalion“). Es verletzte und besorgte mich, dass ich scheinbar unwillkürlich und zwanghaft „typisch“ bin und schreibe. „Frauenliteratur“ – das ist fast immer auch abwertend gemeint.

Ist das so? Muss es so sein?  Keine, die „literarisch“ schreibt, also nicht um der „Themen“ willen, möchte im Regal für „Frauenliteratur“ landen (Es gibt selbstverständlich in kaum einer Buchhandlung ein Regal für „Männerliteratur“, obwohl, legte frau das „Themenkriterium“ an, sicher die Hälfte der von männlichen Autoren verfassten Literatur - oder mehr - genau dahin gehörte, weil es um männliche Phantasien und Projektionen oder um die Beschreibung männlicher Lebenswelten geht. Das allerdings darf bei der Einordnung keine Rolle spielen, denn es zählt hier ja allein „der Text“, das geschlechtslose Subjekt der Lektüre, nicht wahr?) Mir wurde klar, dass das Problem nicht in einer Kränkung lag, die mir das Etikett „typisch Frau“ zufügte, sondern das Problem vielmehr darin bestand, dass ich die Zuschreibung als kränkend empfand. Ich müsste, fühlte ich, das umkehren. Ich will als Frau schreiben und nicht als geschlechtsneutraler „Mensch“, denn es ist ja genau das, was ich immer noch vermisse als Leserin: dass weiblichen Erfahrungen von Körperlichkeit, Lebenswelten, Projektionen, Sehnsüchten und Phantasien genauso viel Raum zugestanden wird wie den männlichen, von denen selbst die gröbsten Klischees Vorlage für Literatur werden können,  als Auseinandersetzung mit Trivialliteratur und Groschenromanen zum Beispiel, die als Referenzebene akzeptiert sind, wenn es um SciFi, Hardcore-Krimis oder Comic-Helden geht. Dagegen ist ein Rekurs auf, sage ich mal, Courths-Maler oder Arzt-Romane nach wie vor problematisch. Marlene Streeruwitz und Elfriede Jelinek haben sich nicht umsonst jedoch genau darauf bezogen. Nicht zufällig aber, wie ich glaube, eben nicht als „Fans“ dieser Hefte, wie es bei vielen männlichen Autoren in Bezug auf die „männliche“ Trashliteratur durchaus und ganz ungeniert vorkommt. Auch daran zeigt sich was. "Männlicher" Trash "empowert", macht größer und wichtiger; es geht um Gewalt, Macht und die Rettung der Welt oder mindestens der Stadt; "weiblicher" Trash macht anhänglich, abhängig und liebenswert; es geht um "den Richtigen" und ein trautes Heim. Es gilt aber, sich aus dieser Falle der patriarchalischen Wertung zu befreien: Beziehungslosigkeit und Unabhängigkeit nicht mehr als per se wertvoller anzusehen als Bindung und Liebesfähigkeit. Es geht darum, sich für "weibliche" Traumwelten und Sehnsüchte, auch wenn sie "falsch" sind, genauso wenig zu schämen, wie Männer sich offenbar für die ihren.

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„Die eine hatte die Melodie vorgegeben und die andere den Takt geschlagen. War es so gewesen? Im Spätherbst am Strand von Barcelona wusste sie es nicht mehr. Ihre Erinnerungen hatten sie im Stich gelassen. Sie hatte den Ort nicht finden können, obwohl sie ihn hinter jedem Hügel vermutet, hinter jeder Felsenecke gewittert hatte. Dort oben in den trockenen Hängen glaubte sie überall alles wiederzuerkennen und fand doch nirgendwo einen Anhaltspunkt, der Beweiskraft gehabt hätte. Vielleicht war das gut so. "Was wir miteinander hatten, war immer schon Erinnerung." M. hatte das geschrieben und Emmi hatte sich verletzt gefühlt. Doch die Wunde, dachte sie jetzt, hatte nicht M. geschlagen, die war längst schon Teil von ihr gewesen und M. hatte, gerade mit diesem letzten Satz, die Dauernarkose aufgehoben und sie gezwungen, sich dem Schmerz zu stellen. Und es war allein der Schmerz, durch den sie sich fühlen konnte. “
(Entwurf zu PUNK PYGMALION, Teil III: EMMI)


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So fängt es jetzt an, was Emmi schreibt. Ich weiß nicht, ob es besser ist. Aber dass es so sein muss.

Kommentare:

  1. sagenhaft, besten dank.

    a) hab ich mir auch immer mal gewünscht - die rubrik "männerliteratur". wie die wohl aussähe! ich glaube, es war Sarah kirsch, die so richtig genervt war davon, unter "Frauenliteratur" inventarisiert zu werden.

    b) Zitat:"Dagegen ist ein Rekurs auf, sage ich mal, Courths-Maler oder Arzt-Romane nach wie vor problematisch. Marlene Streeruwitz und Elfriede Jelinek haben sich nicht umsonst jedoch genau darauf bezogen. Nicht zufällig aber, wie ich glaube, eben nicht als „Fans“ dieser Hefte, wie es bei vielen männlichen Autoren in Bezug auf die „männliche“ Trashliteratur durchaus und ganz ungeniert vorkommt." wie geil ist das denn! genau so ist es! Ach, all die Phil-Studenten, die (na klar nur deswegen, weil sie zeichen dekonstruieren wollten!) damals zu mir kamen (ich hatte die beste Glotze!), um den stählernen Adler zu gucken. Und ich ging nach ner halben Stunde gelangweilt in die Küche. harhar, das triffts genau!!! Ich werds in meinen nächsten Roman stopfen...

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    1. Danke! (Aber ich will´s vielleicht auch verwenden...wie auch immer...kein Urheberschutz !) ;-)

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  2. Liebe Melusine,
    könnte das Problem vielleicht im Zustandekommen dieser Typisierung liegen? Ich vermute, hier wurden Elemente gesammelt, die in Büchern von Frauen zu finden sind (aber sicher nicht in allen, und sicher nicht ausschließlich), andere Elemente, die ebenfalls Teil sind, u.U. sogar mehr Raum einnehmen, wurden weggelassen, wenn sie ebenso in Büchern von Männern zu finden sind. Natürlich lässt sich alles finden, was zu finden man erwartet. Es ist dies eine unlautere Methode, die ich der Autorin (dem Autor) dieser Einführung blind und voller Vorurteil gegenüber jeglicher Form von Kategorisierung unterstelle.
    Ich würde mich davon nicht beirren lassen, sondern weiter "als Frau" schreiben, und zwar weder deshalb noch trotzdem.
    (Aber schon kommt der Zweifel: Vielleicht irre ich mich ja in allem und bin nur gerade genauso empfindlich getroffen wie Du im ersten Moment ... Egal, weiter im Text.)
    LG, Iris

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  3. Natürlich schreiben Frauen aus einer weiblichen Sicht auf die Welt und Männer aus einer anderen, aber Kunst ist eben auch, diese Grenzen zu durchbrechen, darüber hinaus zu gehen und dem Typischen das Besondere hinzuzufügen, oder das Andere.

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  4. @"natürlich" - Es ist ja gerade das: Nichts ist natürlich, nicht, was man erwartet und keine "Sicht auf die Welt". Und obwohl das so ist, leben, denken und fühlen die meisten nicht von der Selbstwahrnehmung her: "Ich bin ein weiblich/männlich sozialisiertes Wesen", sondern aus der Überzeugung "Ich bin eine Frau/ein Mann" (nicht alle, natürlich ;-). Das Geschlecht wird durchaus als definierend erfahren, mit dem Unterschied, dass viele Männer aus der patriarchalischen Sozialisierung und Tradition das Empfinden mitnehmen, ihr Mannsein sei identisch mit dem Menschsein schlechthin. Daher haben viele (vor allem philosophische "Meisterdenker") kaum Hemmungen universalisierende Aussagen zu treffen und vollkommen auszublenden, aus welcher Perspektive sie schreiben und denken. Sie können, davon sind sie überzeugt, einen "übergeordneten" Standpunkt einnehmen.
    Auch der Schöpfungsmythos "männlichen" Kunstschaffens enthält diese "Gott"-Perspektive, oft ganz unreflektiert. (Hierzu:Gebärmythos und Musentod) Es ist halt kein Zufall, wenn vor dem Hintergrund dieser Traditionen Männer (sich) über Frauen schreiben und darstellen, während weibliche Künstlerinnen (gerade auch in der bildenden Kunst) versuchen, ein eigenes Bild von Weiblichkeit und weiblicher Körperlichkeit dieser permanenten Überschreibung entgegenzusetzen.
    Ja, liebe Iris, es lässt sich alles finden, in den Texten von Männern und Frauen. Trotzdem glaube ich, dass zum Beispiel an der Beobachtung etwas dran ist, wie bedeutsam "die andere Frau" in den Texten von Frauen ist (und zwar nicht als die Rivalin um einen Mann, sondern als Schwester, Freundin, Spiegel, Mutter) und dass dies in den Texten von Männern eher nicht vorkommt (die Vielfalt möglicher Beziehungen von Frauen zueinander), aber auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper als einem, der traditionell Objekt ist und zur Selbsterfahrung (durchaus auch lustvollen) als Objekt (ver-)leitet. Damit verbunden auch die Erfahrung, dass dieser Körper immer ungenügend ist, gemessen an den (Ideal-)Bildern, die von ihm in Umlauf sind.
    Also - ich will schreibend vom Geschlecht nicht absehen, wobei es nicht um Wertung geht, sondern darum, "von sich auszugehen", statt sich überschreiben zu lassen und sich über männliche gesetzte Bilder zu definieren.
    (Umgekehrt finde ich männliche Autoren gerade dann besonders spannend, wenn sie sich mit Männlichkeit und männlicher Körperlichkeit auseinandersetzen, statt diese als "natürlich" vorauszusetzen, wenn sie also von der anderen Seite her die patriarchalischen Zuschreibungen aufbrechen.)
    Mein heutiger Post spielt damit, wie alles Zuschreibung ist und zugleich unumgänglich (Selbst-)Definition. Es gibt wohl keinen Ausweg, nur Beweglichkeit im Spielfeld.

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  5. "Mir wurde klar, dass das Problem nicht in einer Kränkung lag, die mir das Etikett „typisch Frau“ zufügte, sondern das Problem vielmehr darin bestand, dass ich die Zuschreibung als kränkend empfand."

    vielen dank für deinen beitrag und insbesondere für diesen satz. ich kämpfe seit einiger zeit mit genau diesem problem, welches mir schon die ein oder andere schreibblockade bereitet hat. ich bin den gedanken, meine texte seien weniger wertvoll anzusehen weil 'typisch weiblich', so etwas von leid. noch bin ich mir allerdings nicht sicher, wie ich dieses problem für mich lösen und eigene maßstäbe finden kann. manchmal bedaure ich fast dieses problembewusstsein, da ich finde, dass es mich oft dazu verleitet 'verkopft' zu schreiben. andererseits möchte ich mich nicht, wie du so schön sagst, "überschreiben". ich finde es schwierig meine authentische stimme zu finden, aber vermutlich verfalle ich hier wirklich in ein falsches denkmuster und sollte mich selbst nicht so einengen.

    zum thema "die andere frau" fallen mir spontan passagen in virginia woolfs "a room of one's own" ein:

    "chloe liked olivia,’ i read. and then it struck me how immense a change was there. chloe liked olivia perhaps for the first time in literature. (...) all these relationships between women, i thought, rapidly recalling the splendid gallery of fictitious women, are too simple. so much has been left out, unattempted. and i tried to remember any case in the course of my reading where two women are represented as friends. (...) they are confidantes, of course, in racine and the greek tragedies. they are now and then mothers and daughters. but almost without exception they are shown in their relation to men."

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    1. Dieser Satz, den du herausgreifst, ist auch für mich der wichtigste in diesem Text. Dass ich lerne "typisch Frau" als eine Auszeichnung zu begreifen und etwas, dass mich tatsächlich beschreibt - aber eben nicht zur Gänze.

      Vielen Dank Dir für das Zitat von Virginia Woolf: Genau das steht im Zentrum der Texte, die ich schreibe, ohne dass mir das immer klar war - die Beziehung zwischen Frauen, durchaus auch problematisch, verräterisch, traurig - aber eben nicht ausschließlich definiert über ihr Verhältnis zu Männern. Dass heterosexuelle Frauen Männer begehren, ist ja nur ein winziger Teil ihres Lebens und ihrer Empfindungswelt. Zugleich hat natürlich die Über-Repräsentanz der Frauenbilder in Literatur und Kunst, die Männerwunschbilder sind, etwas mit "uns" gemacht. Vielleicht ist das eine Ursache dafür, dass wir - also die Frauen - einander auch immer wieder verpassen als Liebende und Freundinnen oder nicht achtsam genug mit diesen Beziehungen umgehen, wenn sie in Konflikt geraten mit heterosexueller Partnerschaft oder Mutterschaft.

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