Freitag, 1. Juni 2012

Reife geprüft


Amazing 2000


Die Klischees klappern: Es kommt mir vor wie gestern, dass... Nur ich komme mir nicht vor wie gestern, sondern tatsächlich um ein Dutzend Jahre älter. Fast zwei Meter lang ist er jetzt und manchmal, wenn er durch die Tür geht, habe ich Angst, dass er sich am Rahmen stößt. Seit Februar hat er das Wahlrecht (noch nicht praktiziert) und darf unbegleitet Auto fahren (kein Interesse). Das „G8“ hat er als einer aus dem erstem „Probe-Jahrgang“ absolviert, überlastet wirkte er nicht, aber auch wenig „gefordert und gefördert“. Ein halbes Jahr von den zwölf Schuljahren hat er in Neuseeland verbracht und hinterher hatten wir nicht den Eindruck, er habe „wichtigen Stoff“ verpasst. Nächste Woche geht´s auf nach „Malle“ mit dem Abi-Jahrgang und im Juli reisen die Brüder Amazing und Mastermind  eine Woche „All inclusive“ in die Türkei, in jenen Pauschal-Traum-Urlaub, den ihnen die Eltern bis dato versagt haben. Der Plan ist, die Ferienanlage (mit mehreren Pools, Flachbildschirmen, Disco, Sportanlagen und vor allem: Rund-um-die-Uhr-Buffet) bis zur Shuttle-Bus-Abreise kein einziges Mal zu verlassen. Was dann kommt, steht in den Sternen. (Klapper, klapper!)

An den Elternsprechtagen musste ich mir anhören, mein durchaus begabter Sohn beobachte das Unterrichtsgeschehen mit hochmütiger Gleichgültigkeit, statt den Lehrkräften bei der Herstellung von Ruhe und Ordnung behilflich zu sein. Da war er 15. Nach einem Beinahe-Eklat, den meine (Über-)Reaktion provozierte, wurde entschieden, dass fortan der Vater den Besuch der Elternabende übernimmt. Übermäßig geschuftet hat dieses Kind nicht in den zwölf Schuljahren. Meist war ein sehr entspannter Jugendlicher zu beobachten. Das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag ist daher überragend. Auf seinem Pokal steht „Best Chiller“. „Viele“, sagt der Amazing in einer imaginierten Abschiedsrede, „werden es versuchen, aber nur wenige werden es erreichen.“ Er ist reif. Wofür auch immer. 

Kommentare:

  1. Die Jugend heutzutage sollte geschlossen Heuristik studieren und in den Semesterferien pauschal faulenzen! Mein Neffe hat eben seine Abiturprüfungen hinter sich und will jetzt erst mal nichts tun. Große Aufregung in Teilen der Familie. Ich wollte damals nach dem Realschulabschluß auch nichts tun, große Aufregung in der Familie, mir wurde eine Lehrstelle als Tischler besorgt. Bin ich heute noch Tischler? Nee. Jeder echte Tischler würde sagen, wenn überhaupt, dann nicht arbeitsmarkttauglich, zu langsam, zu verträumt. Hätte man mich mal Nichts tun lassen, wer weiß, was aus mir geworden wäre! Vielleicht wäre ich sogar mal nach Neuseeland gekommen, obwohl Berlin ja auch nicht schlecht ist.

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  2. Der Amazing (leider???) interessiert sich Null für Literatur, Kunst, E-Musik - und überhaupt: Kultur im "gehobenen" Sinne. Das ist alles "sinnlos", wie der Amazing gerne sagt. Er liest historische Bücher, guckt Wrestling, gamt mit der X-Box und philosophiert über Politik, Recht und Gerechtigkeit. Er ist unglaublich (wenn man bedenkt, wie seine Mutter ist) besonnen, entspannt und höflich, findet leicht Kontakt und kann mit Menschen aller Altersgruppen gut umgehen. Manchmal spricht er ein wenig zynisch daher, aber wenn es drauf ankommt, setzt er sich für die ein, auf denen andere herumhacken, tritt Rassismus und Fremdenfeindlichkeit entgegen und für Pluralität und Liberalität ein. Er engagiert sich sozial und leitet Jugendgruppen. Er hält an Männlichkeitsstereotypen fest und findet, dass es seine Mama mit dem Feminismus "voll übertreibt".
    Er wird - wenn sich auf Malle oder in der Türkei nichts Entscheidendes ändert - wohl Jura studieren. Mal schauen. Ich hätte es auch in Ordnung gefunden, wenn er ein soziales Jahr machte. Hätte er allerdings ein Jahr auf dem Sofa in meinem Wohnzimmer liegen wollen (bedenken Sie: ich habe kein eigenes Zimmer!), wäre ich ungehalten geworden. Ich freue mich durchaus, nun einmal nicht mehr dafür zuständig zu sein, den Kühlschrank für ihn zu füllen, seine Wäsche zu waschen und mich über seine Hinterlassenschaften im Wohnzimmer und in der Küche zu ärgern; das kann ich nicht leugnen. Ich werde ihn schrecklich vermissen. Aber, nein: Das Nichtstun hätte er, gegebenenfalls, andernorts durchziehen müssen.

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    1. Warum sollte sich die Jugend für "Literatur, Kunst, E-Musik - und überhaupt: Kultur im 'gehobenen' Sinne" interessieren – das machen wir doch schon, eben w e i l es so schön sinnlos ist. Wir ein klein wenig Älteren scheinen auch einen Hang zum sozialen Jahr zu haben, meinem Neffen wurde das auch ohne Erfolg vorgeschlagen, denn bevor er nichts tut … Er will Sportwissenschaft studieren, soll er mal, denn so unvernünftig ist das ja nicht. [Unter uns: ich glaube, der Jugend fehlt es an Sehnsucht, denn wo alles verfügbar scheint, braucht man auch keine Kunst.]

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    2. Das stimmt vielleicht, ein wenig. Ich wollte in dem Alter einfach "raus". Etwas sehen von der Welt. Meine Freundin und ich haben zwei Monate im Schichtbetrieb in einer Plastikfabrik gearbeitet, dann hatten wir die Taschen voller Geld (für uns fühlte sich das echt wie Reichtum an), haben die Rucksäcke geschultert, sind nach Frankfurt gefahren und haben den erstbesten Zug nach Paris genommen. Auf dem anderen Gleis wartete einer, der in die Bretagne fuhr, als wir im Morgengrauen ankamen. Also ließen wir Paris erst mal liegen und fuhren nach St. Malo. Wir blieben mehrere Wochen. Es war wunderbar. Auf dem Rückweg war ich zum ersten Mal in Paris. Ja, diese Sehnsucht fehlt den "Bürgerkindern" wohl. Vielleicht treibt sie eine andere. Sehr anspruchsvoll ist der Amazing nicht. Er lässt sich treiben. Trotzdem kann ich mich jetzt ganz gut zurücklehnen: Ich traue ihm, dass er seinen Weg findet. Vielleicht wird er ja doch noch Feuerschlucker (die Idee gefiel mir, aber ihm gar nicht.) ;-).

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