Mittwoch, 4. Juli 2012

ARQUA PETRARCA: Katzenmumie und Laura


Casa di Petrarca
Europaweit neigte man offenbar im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zu Täuschungsversuchen, die nicht selten erfolgreich waren. Man fakte die Vergangenheit, die man sich erträumte. In England legte man Steine in Wiesenhänge um altertümliche Kulte zu beschwören, Macpherson erfand den Ossian, in Deutschland schuf Brentano  die Legende von der schönen Frau mit dem langen Haar auf dem Felsen am Rhein und in Italien stopfte man Katzen aus, um das treueste Haustier eines hochgeschätzten Dichters, eingelassen in einen kostbaren Schrein in der Wand, vorzuführen. Letztere (die skelettierte Katze)  ist zu sehen in der Casa di Francesca Petrarca, wo ein Nachbesitzer des Hauses  diese Geschichte erfand und mit Anschauungsmaterial versah. Der Verdacht liegt nahe, dass das Verlangen nach Authentizität, nach Echtheit. fast zwingend eine Kombination aus Sehnsucht und (Selbst-)Betrug hervorbringt. Zugleich schwingt immer etwas Restauratives mit, denn es ist eine Selbst-Erfindung, die aus einem imaginierten Vergangenen schöpft und sich zum melancholischen Sklaven dessen macht, was schon in Trümmern liegt. Je ernster dieser Sog genommen wird, je weniger es um einen scherzhaften (und alsbald offen gelegten) Fake geht, je mehr der romantisch Sehnende also selber glaubt, was er sich als Vergangenheit verklärt, desto stärker wird dieser Zug. Es wird als immer schon Verlorenes behauptet, was niemals war, damit man sich um eine Verwirklichung der Träume gar nicht erst bemühen muss, sondern die - eingebildeten - Ver- und Entsagungen zelebrieren kann.

Ob die Fake-Spezialisten mit ihrer (Selbst-)Ironie ein Moment trafen, das schon in der Dichtung des Humanismus und der Renaissance verborgen liegt, kann ich nicht hinreichend beurteilen. Dante habe ich in Auszügen gelesen, von Petrarca kaum etwas und beide stets nur in Übersetzungen, die sich stark voneinander unterscheiden. Die Ähnlichkeit des Grundmotives - die Hingabe an die unerreichbare Frau – fällt allerdings auf: Beatrice (siehe unter "Der tödliche Blick" und Laura. Was steckt wirklich hinter dieser Anbetung? Petrarca, las ich, hatte zwei uneheliche Kinder mit einer namenlos bleibenden Frau. Er liebte diese Kinder offenbar und verleugnete sie nicht. Der Sohn starb früh; mit der Tochter Francesca und deren Familie lebte er die letzten Jahre in Arquà Petrarca zusammen. Navid Kermani beschreibt in „Dein Name“, wie ihn bei der Lektüre von Hölderlins „Hyperion“ die Darstellung der  „reinen“, der sublimierten Liebe zu Diotima genervt habe, solange genervt habe, bis ihm durch zeitgleich geschriebene Briefe und Waschzettel, wie sie die Frankfurter Hölderlin Ausgabe neben das „Werk“ stellt, klar geworden sei: Hier schreibe einer, dem keineswegs fremd oder unbekannt gewesen sei, was er aufgebe, wenn er die körperliche Verwirklichung der Liebe mit der so sehr geliebten und begehrten Frau nicht mehr anstrebe. Erst da und dadurch, dass er dies dazu gelesen habe, seien ihm Hölderlins Texte erträglich und schließlich sogar lieb geworden. Auch für mich liest sich – soweit sich das in der Übersetzung überhaupt erschließen lässt – so manches Sonett von Petrarca anders, seit ich weiß, in welch inniger Gemeinschaft er am Ende seines Lebens mit jener Tochter lebte, die ihm eine Frau schenkte, die er nicht bloß mit Worten anschmachtete.
Ca´orologio

Wir besuchten das idyllische Städtchen Arquá Petrarca, wo der Dichter seine letzten Jahre verbrachte. Unter der Woche ist es ruhig dort, beinahe verlassen wirken die vielen Ausflugslokale, deren Tische und Stühle verwaist bleiben und die Spezialitätenläden, wo Marmelade und Liköre aus einer mir bisher unbekannten Frucht namens Guiggiole angeboten werden. Ganz begeistert pries uns eine ältere Dame diese einheimischen Spezialitäten an. Abends saßen wir beim sehr guten Rotwein der auf Ca´orologio produziert wird und lauschten mittelalterlicher venezianischer Musik, die zu einer Weinprobe dargeboten wurde.

Heute geht´s nach Venedig!

Kommentare:

  1. Offenbar - wie Helmut Schulze auf Facebook kommentiert - werden unterschiedliche Legenden über die Katze kolportiert:
    "„"Dieses arme Aas soll die Katze gewesen sein, die Petrarca lieb gewesen: anmutige lateinische Verse unter der Nische (sechzehntes Jahrhundert, wobei die Katze in der ersten Person Singular spricht) weisen drauf hin, der etruskische Dichter sei in zweierlei Lieben entbrannt gewesen, von denen Laura die geringere gewesen sei und die größere ihr selbst gegolten habe, die stets die edlen Carmina vor den grausen Mäusen geschützt habe, die die andere ihm eingegeben. Was diese Mystifikation und das Tier betrifft, war der Wärterin nichts Ausdrückliches zu entlocken. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, daß sie einer Überlieferung zufolge nach dem Tod des Dichters von Jemandem getötet und ausgestopft worden sei, um sie vor dem Nichts zu bewahren und sie in der Gestalt zu verewigen, die ihm lieb gewesen. Nun gut, wenn ein solch barbarisches Vorgehen tatsächlich erfolgt ist, dann versteht man, daß es sich durch ein Nichts auszahlt." Tommaso Landolfi: La gattina del Petrarca. Es folgt noch ein "schräger Ästhetizismus", aber die ganzen zehn Seiten des beißend ironischen Textes werden Sie mir sicher ersparen, bin schon froh, dass ich ihn durch Ihren Besuch wieder in die Erinnerung bekam. Viel Spaß dort oben! Die Ecke fehlt mir noch. Also die Colli Euganei. [das Einstellen im Blog klappte diesmal nicht wie neulich...: blogger verlangte einen blogger-account]“
    In der - in schräges Deutsch übersetzten Broschüre - die man uns übergab steht bloß, die Katze sei von einem Nachbesitzer im 18. Jahrhundert in den Schrein gemauert worden. Laura oder die Katze - ich tippe mal: weder noch - die schöne Unbekannte wird´s gewesen sein - und später ihre Tochter, die seinen Namen trug.
    In dem Örtchen tummelten sich die Jahrhunderte nach Petrarcas Tod so mancherlei Legendenstricker und Grabräuber. Ein Reiseführer berichtet, auch der Pfarrer habe den Sakrophag (vom Schwiegersohn monumental errichtet) aufgebrochen, um sich ein paar Knochen des edlen Poeten zu entnehmen - und noch später wurde festgestellt, oh Schreck, dass der Totenkopf von einer Frau stammte...und lediglich, eventuell, der Rest der Gebeine vom Dichter.

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  2. "[...:blogger verlangte einen blogger-account]
    Das kann ich bestätigen. Sämtliche Versuche, über "OpenID" oder "Wordpress" hier kommentarweise anzudocken, schlugen fehl. Macht aber nix, solange man sich einen blogger-account zulegen kann und nicht so blöd wie ich ist, an die vermeintliche Kunst der Programmierer zu glauben. Tatsächlich funktioniert in der Regel weniger als die Hälfte von dem, was sie als "features" anpreisen. Naja,...
    (diese "off-topic"-Antwort war ich schuldig geblieben, 'zeihung! :-)

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    1. Das sollte nicht so sein. Eingestellt ist Open-ID. Beim Bücherblogger scheint es auch mit dem Wordpress-Account funktioniert zu haben. Seltsam. Ich habe es jetzt noch mal neu eingestellt und hoffe es geht auch ohne google-Account ;-). Im Urlaub, wenn ich oft nur einmal am Tag kurz ins Netz schaue, möchte ich aber zumindest diese kleine "Sicherheit" einbauen, um Spam-Kommentare zu verhindern.

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