Sonntag, 15. Juli 2012

AYING: Tradition und Toleranz (oder: Das gute Leben)


Aying bei München, auf der Rückreise von Venetien 2012

"Sein Leben lag aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil sich nichts zu verbergen brauchte. Sah man ihn, so schien er ein Alter,...aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird: Er hatte ein Herz...Er war recht eigentlich frei...Nichts Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst als Mensch empfand und sich eigener menschlicher Schwächen jederzeit bewusst war."

(Theodor Fontane: Der Stechlin)


Dass es sich eine gut gehen lässt, kann durchaus als Vorwurf formuliert werden. Dass jemand das Leben genießt, welches "im falschen" doch kein „richtiges Leben“ sein kann, ist für manche bloßer „Verblendungszusammenhang“. Die innerhalb der „herrschenden Strukturen“ geübte Toleranz, lehrte man auch, sei nichts anderes als „repressive Toleranz“, die allfällig daran mitwirke, eben diesen Zusammenhang als Gefangenschaft des unglücklichen Bewusstseins zu schaffen und zu erhalten.

Es gibt eine lange Tradition, das „gute Leben“ zu diffamieren. Notwendige Kritik am Bestehenden, in Form solcher Schlag-Worte wie oben trivialisiert, wird von manchen  als Knüppel gebraucht, um das eigene Unvermögen oder den Unwillen, an der Gestaltung eines „guten Lebens“ in der Gemeinschaft mitzuwirken, zu rechtfertigen. Tatsächlich ist mir diese Haltung als junge Studentin vor allem im "linken" Milieu begegnet. Da der Habitus, der hier entwickelt und gepflegt wurde, auf mich schon immer vor allem mysanthrop wirkte, überraschte es mich wenig, in eben diesen Kreisen häufiger Positionen und Akte der persönlichen Intoleranz, der Abgrenzung und Ausgrenzung zu erleben. Ich kenne kaum Frauen, Homosexuelle, Behinderte oder Farbige, die nicht Geschichten zu erzählen hätten davon, wie in diesen „linken Zirkeln“ dominante weiße, heterosexuelle Männer ihr Unvermögen sich in andere einzufühlen und ihre Unlust, sich mit  den eigenen Verletzungen und Ängsten auseinanderzusetzen, zu theoretischen Dogmen geformt haben, die ohne Anerkennung von Komplexität gegen jede und jeden eingesetzt wurden, die andere Erfahrungen diskursfähig machen wollten. (Das konnte so weit gehen, dass die Anzeige einer Vergewaltigung als "Denunziation bei den Bullen" bezeichnet wurde.)

Ich komme auf dieses Thema, weil ich gestern Abend und heute früh in Aying bei München in einem überaus „bürgerlichen“, traditionellen Gasthof, wo alles daran gesetzt wird, den Gästen einen Moment „guten Lebens“ zu verschaffen, Zeugin unerwarteter Momente der Toleranz und der Akzeptanz von Vielfalt und Differenz wurde. Auf der Heimfahrt von Italien übernachteten wir ein weiteres Mal im Brauereigasthof Aying. Im Restaurant gab es „französische Wochen“, weil eine ehemalige Mitarbeiterin des Hauses zu Besuch gekommen war, die inzwischen mit ihrem Mann ein Restaurant in Frankreich betreibt. Morel löffelte eine ausgezeichnete Bouillabaisse, ich aß Auberginenröllchen mit köstlichem Frischkäse, hernach hatten wir noch Seeteufel respektive Lammhaxe. Kurz nach uns betraten zwei Männer mittleren Altes den Gastraum, die vom Serviceleiter freundlich als Paar begrüßt und zum Tisch geleitet wurden.  Die beiden entsprachen in keiner Weise dem von den Medien gezeichneten Bild des flippigen „Vorzeige-Schwulen“, sondern waren zwei „bürgerliche“ Männer, die sich hier aber keinen Zwang antun mussten, ihre  Lebensgemeinschaft als „etwas anderes“ zu tarnen. Als sie uns dann den Sancerre servierte, fragte die Kellnerin: „Wer von Ihnen probiert?“ Diese einfache Frage ist uns zuvor kaum je so gestellt worden. Fast überall, wo wir gemeinsam essen gehen, wird „automatisch“ Morel gefragt, ob er den ausgewählten Wein gutheißt. Am Tisch neben uns saß eine Gruppe von vier Personen beisammen, zwei Frauen, zwei Männer unterschiedlichen Alters. Die Wirtin ging im Laufe des Abends von Tisch zu Tisch, um mit den Gästen kurz zu plaudern. Nach unserem Tisch wandte sie sich an diese Gruppe, mit der sie offenbar näher bekannt war. Man erkundigte sich nach dem Sohn der Gastgeberin. Er setze, so erzählte sie, seine Ausbildung fort, jetzt „beim Schubeck“ in München. Sie seufzte ein wenig dabei. Ob es ihr nicht recht sei, wurde sie gefragt, dass er auch ins „Hotel- und Gastgewerbe“ strebe. „Doch schon“, antwortete sie, es freue sie, dass er die Familientradition fortsetze, aber eine schwere Arbeit sei es und er hätte auch etwas anderes machen können. Er gehe ja nun  den „ganz harten Weg“, fügte sie hinzu, denn beim Schubeck, das sei noch mal eine ganz andere Welt. Aber er wolle es so und sie rechne damit, dass er die nächsten Jahre erst einmal herum kommen werde in der Welt und nicht wieder nach Hause so bald. Man unterhielt sich noch ein wenig, dann setzte sie ihre Runde fort. Schräg uns gegenüber saß eine Familie, beide Eltern weiß, das kleine Mädchen farbig. Kinderteller gab es nicht, doch wurde das Mädchen von dem dort zuständigen Serviceleiter eingehend beraten, wie groß die Portionen jeweils seien und wonach das ungefähr schmecken könnte, was sie nicht kannte. Sie hörte seinen Erläuterungen aufmerksam zu und traf dann ihre begründete Wahl. Wir haben mit unseren Kindern in manchen „gehobenen“ Restaurants solche Beratung erlebt, in den meisten allerdings nicht: Entweder wird vorausgesetzt, dass die Kinder eh nix anderes wollen (sollen) als Nudeln oder Schnitzelteller oder es wird ein wenig die Nase gerümpft, weil man überhaupt Kinder mitgebracht hat.

Das waren sicher alles nur sehr zufällige Beobachtungen. Dennoch hatte uns schon bei der ersten flüchtigen „Bekanntschaft“ mit diesem Gasthof die Herzlichkeit des Personals, die Sorgfalt in den Details, die geschmackvolle Dekoration, die Pflege der traditionellen Produkte und Formensprache gefallen. Mein Eindruck war, dass hier eine Form gesucht und gefunden wurde, die Bindung an das Alte, die Verwurzelung in den Traditionen nicht als Ausgrenzung und Abgrenzung gegen das Neue, das Andere und das Fremde zu begreifen, sondern als Ressource, die Freiheit und Toleranz ermöglicht. Es ist im Grunde das Thema, dass mich in den letzten Wochen auf vielfältige Weise und bei verschiedenen Lektüren begleitet, auf das mich auch diese flüchtigen Eindrücke wieder stießen: Wie eine Idee von Freiheit aussehen könnte, die nicht aus der Hybris des „autonomen Subjekts“ entwickelt werden müsste, sondern aus der Einsicht in die fremden und eigenen Bedürfnisse und Abhängigkeiten. Im Grunde nimmt auch mein „Bloggen“, mein Versuch wieder zu schreiben, der am Stechlinsee begann, von dieser Frage her seinen Ausgang. Mein Faible für die Figur des „alten Stechlin“ rührt ja eben daher, dass er im Bewusstsein des Untergangs „seiner Klasse“ eine Freiheit gewinnt und lebt, die jene, die in „Aufstiegskämpfen“ und Konkurrenzen um die Diskurshoheit gefangen sind, nicht erreichen können. Vielleicht ist es  gerade so, dass die Gefangenschaft im dichotomischen Denken, das „das Falsche“ vom „Richtigen“ trennen und die Welt aus Gegensätzen begreifen muss, die zu „synthetisieren“ sind (statt in einer Balance (aus)gehalten zu werden), grundsätzlich verhindert, Momente von Freiheit überhaupt  zu erleben.

Doch ich will hier auf keinen Fall ausblenden, wie sehr jene Momente eben auch und vor allem davon abhängig sind und bleiben, dass keine materielle Not herrscht. Auch Dubslav von Stechlin ist nur „frei“, weil er es sich leisten kann – und seine Haltung trägt nichts dazu bei, die Frage zu lösen, wie es gelingen könne, dass alle sich diese Freiheit einmal leisten können. Ganz Ähnliches gilt für jene Augenblicks-Gesellschaft, die sich im bayerischen Gasthof so angenehm gefunden hatte. Dennoch sollte man diese Momente nicht denunzieren, sondern in ihnen nach jenen Elementen suchen, die „ein gutes Leben“ –  für alle - ausmachen könnten.

Dass die kontinentaleuropäische, deontologische Philosophie die Frage nach dem „guten Leben“, nach der „Lebenskunst“, aufgegeben hat, macht sie mir so verdächtig, wie es mir einige ihrer exemplarischen Vertreter und deren menschenverachtender Habitus schon früher waren. Statt mich mit deren „Denk-Traditionen“ zu beschäftigen, folge ich nun schon länger nicht nur den Spuren der Veroneser Philosophinnen-Gruppe Diotima, sondern auch denen, die Martha Nussbaum und Amartya Sen, Arundhati Roy und Noam Chomsky gelegt haben und weiter legen, die auf unterschiedlichen Pfaden sich der alten Frage nach dem „guten Leben“ auf neue Weise nähern. Sie alle gehen von den Erfahrungen von Frauen und Männern in verschiedenen Kulturen aus, haben in konkreten politischen Projekten mitgewirkt und stellen sich in ihren philosophischen Werken der Aufgabe, diese Erfahrungen (und auch ihr Scheitern) zu verstehen und für die Frage nach dem „guten Leben“ fruchtbar zu machen. 

Kommentare:

  1. Ein wundervoller Text (mal wieder). Und hat mich dazu verleitet, mein einziges Buch von Nussbaum mal wieder in die Hand zu nehmen (Gerechtigkeit).
    Übrigens ist es ebenso erstaunlich, dass man an allen Ecken und Enden der Welt solche Orte und Nischen findet, in denen solche Hoffnungen blühen. Wahrscheinlich entdeckt man solche antifanatischen Heterotopien deshalb nicht, weil sie nicht sonderlich laut sind. Zwischenräume zwischen Privatheit und Öffentlichkeit.

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  2. Sie sind nicht laut und vielleicht ist man (bin ich) manchmal zu taub, um sie wahrzunehmen. Genau um diesen Zwischenraum geht es zwischen Privatheit und Öffentlichkeit - und ich glaube inzwischen, dass auch nur dort stattfindet, was Politik wirklich ist - anstelle von Machtspielen.

    Ich habe von Martha Nussbaum zuerst den kleinen Reclam-Band "Konstruktion der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge" gelesen, später erst das Buch über Gerechtigkeit. Ich bin immer wieder mit mir selbst im Streit, ob der "aristotelische Ansatz" - insbesondere die "Tugendlehre"- , den sie wählt, wirklich notwendig ist. Gerade jetzt wieder, wenn ich David Graebers "5000 Jahre Schulden" lese und mir bewusst wird, auf welcher ökonomischen Grundlage dieser Ansatz entwickelt wurde. Aber Nussbaum weicht diesem Problem (verkürzt könnte man es das "Soziale" nennen) nicht aus.)

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  3. Liebe Melusine,
    das ist ein schöner Abschluss Deiner Urlaubsberichte und irgendwie wohl auch ein Ergebnis aus Ruhe, Abstand und schönem Erleben.
    Mir gefallen Deine Gedanken zu Freiheit und gutem Leben. Sie erinnern mich spontan an Rosa Luxemburgs Satz von der Freiheit, die die Freiheit des Anderen/Andersdenkenden ist. Ersetzte man Freiheit durch gutes Leben, stimmte der Satz genauso.
    Neben (u.a. materieller) Gerechtigkeit sehe ich aber auch das Selbstwertgefühl, oder vielmehr ein ausgeprägtes Selbstwertbewusstsein als Voraussetzung für eine Haltung, wie sie der Stechlin entwickelt ("Er hatte ein Herz...Er war recht eigentlich frei...Nichts Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst als Mensch empfand und sich eigener menschlicher Schwächen jederzeit bewusst war."). Eine solche Haltung ist meines Erachtens nicht nur aus einer begünstigten Position - sei es durch Stand, Schönheit, Reichtum, Bildung etc. - heraus möglich, sondern jeder Person, die sich einerseits ihrer Gleichheit und andererseits ihrer Schwächen bewusst ist. Erst diese Haltung erhebt ja und ist achtenswert, nicht der begünstigte Stand.
    Sorry, ich werde immer gleich so grundsätzlich, finde aber tatsächlich, dass alles mit allem zusammenhängt und immer unendlich viele Faktoren zu berücksichtigen sind. Z.B. treibt mich die Frage um (auch wieder angestoßen durch Deinen Text), warum Menschen, die Achtung erfahren, so unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen: Die einen, dass ihnen diese Achtung in besonderer Weise zusteht, die anderen, dass einem (jedem) Menschen mit Achtung zu begegnen ist. Oder warum von Menschen, die Verletzungen erleben, sich die einen fortan in einer exklusiven Opferrolle einrichten, die anderen aber Empathie entwickeln. Es führt zu weit ...
    Mir gefällt sehr das Beispiel dieses Gasthofs und wie selbstverständlich dort anscheinend Respekt (vor)gelebt wird. Das verstehe auch ich unter gutem Leben.
    Und sonst: Schön, dass Du wieder da bist! (Wobei Deine LeserInnen Dich ja gar nicht missen mussten.)
    Liebe Grüße, Iris

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  4. @Iris, --es war eine wunderbare Reise. Deine Überlegungen zielen in eine ganz ähnliche Richtung wie die meinen. Dennoch glaube ich, dass man die Existenzsicherung nicht außer Acht lassen darf. Wer hungert, kann nicht "frei" sein, genauso wenig wie jemand, der von der Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, faktisch abgeschnitten, indem ihm Informationen, Bildung, Teilhabe vorenthalten wird.

    Interessant, dass Du den Begriff Respekt verwendest - anstelle von Toleranz. Ich lese gerade Interview mit Martha Nussbaum in der FR und ich verstehe den Einwand, den sie gegen "Toleranz" macht. Er ließe sich auch gegen die von mir verwandten Beispiele anführen, denn tatsächlich ist es ja keine Situation der "Gleichheit", die ich beschreibe, sondern diejenigen, die "anders" sind (das homosexuelle Paar, das farbige Kind), bleiben auf die "Toleranz" der anderen, der "Hegemonialen" angewiesen. Das ist ein Einwand, über den ich nachdenken werde. Die Situation in diesem höchst luxuriösen Gasthaus ist natürlich eine ungemein privilegierte, das stimmt. Auch hier greift die Parallele zum Stechlin. Vielleicht muss man sich das klar machen: Die Privilegierten können ja nicht einfach die Privilegien abstreifen, die sie genießen (also - um zu meinem - nervigen! - "Lieblingsthema" zu kommen: Männer streichen die "patriarchalische Dividende" ein, ob sie wollen oder nicht, und frau kann ihnen ja nicht deshalb zur Kastration raten, was ihr selbst auch gar nicht unbedingt gelegen käme ;-). Sondern: Es geht darum, wie jemand mit Privilegien umgeht, ob er sie nutzt, um auch anderen mehr Freiheit zu ermöglichen oder ob er versucht, seine privilegierte Position abzusichern durch Abwertung und Marginalisierung des Anderen und Fremden.)

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    1. Zum ersten Abschnitt: Das sehe ich auch so.

      Zum zweiten Abschnitt: Das ist wirklich interessant! Martha Nussbaum drückt genau das aus, was ich meine, vor allem in diesem Abschnitt des Interviews:

      "Sie plädieren für größtmögliche Toleranz?

      Hinter dem Begriff „Toleranz“ steckt eine falsche, herablassende Weltsicht. So als ob die eine Gruppe von Menschen eine andere gnädigerweise in ihrer Art zu leben gewähren lässt, sie aber auch jederzeit daran hindern könnte.

      Was setzen Sie dann an die Stelle von „Toleranz“?

      Respekt unter Gleichen.

      Okay. Gibt es Grenzen dieses Respekts?

      Insofern der Respekt der einzelnen Person und ihren unveräußerlichen Rechten gilt, nicht ihrem Handeln gilt, ist er grenzenlos. Im Prinzip. Aber natürlich kann und muss der Staat gegen Verbrechen vorgehen. Er kann sogar ein „übergeordnetes öffentliches Interesse“ definieren und Praktiken verbieten, die den öffentlichen Frieden, die öffentliche Sicherheit oder die „Volksgesundheit“ bedrohen. Ob und wann das der Fall ist – da gibt es Grauzonen, keine Frage.

      In China wird die Universalität der Menschenrechte mit dem Argument bestritten, sie seien Ausdruck des westlichen Individualismus – eine Art ethischer Kolonialismus.

      Das Individuum gegen die Gemeinschaft auszuspielen, ist ein krasses Missverständnis der Menschenrechte. Solidarität und Verbundenheitsgefühl sind wesentlich für den Menschen und im Konzept der Menschenrechte mit verankert."

      Und sie beschreibt es ja auch als "Respekt unter Gleichen", was, wenn ich sie richtig verstehe, nicht gleich im Sinne von gleichgestellt, sondern im Sinne von mit den gleichen Rechten geboren meint. Das meinte auch ich mit gleich. Diese Gleichheit ist Fakt, ich finde es wichtig, das so zu sehen, denn es macht einen Unterschied, ob etwas von oben herab gewährt wird, oder ob es das Einsehen gibt, dass Oben und Unten gar nicht existieren und Menschen folglich weder sich selbst noch andere in eine der Kategegorien einordnen dürfen.
      Klar sieht die Praxis anders aus, aber für eine Umwandlung finde ich ein selbstverständliches Wissen um die eigene Gleichheit (der Geburtsrechte) wichtig, damit ich mich weder erniedrige und um etwas bettle, das mir sowieso gehört noch auf der anderen Seite mich über jemanden erhebe und ihm entweder verweigere oder gewähre, was ihm sowieso gehört.

      Die Situation, die Du geschildert hast, empfinde ich so, als ginge es um genau diesen Respekt unter Gleichen und nicht um ein Zugeständnis der Toleranz, deshalb gefällt sie mir so.

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    2. Liebe Iris, die Kritik am Begriff der Toleranz kann ich gut nachvollziehen. (Mich hat vielleicht auch ein wenig die Alliteration getrieben). Probleme habe ich nach wie vor mit der Idee der Gleichheit (die bei ihr aus dem amerikanischen Liberalismus, der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung hergeleitet ist: "We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness." Ich habe voller Ehrfurcht und Bewunderung am Grab Thomas Jeffersons gestanden. Dennoch glaube ich, dass diese Herleitung der Menschenrechte aus der "Gleichheit" immer wieder - und beinahe zwangsläufig - zur Abwertung und Ausbeutung der "Ungleichen" führt. Jefferson war eben nicht "zufällig" Sklavenhalter, Locke begründete die Idee der Freiheit nicht zufällig auf der Gleichheit der "Eigentümer" und wenn wir noch weiter zurück gehen, dann stoßen wir darauf, dass schon in den griechischen und römischen Republiken die Idee der Freiheit faktisch daran gebunden blieb, die "Gleichen" von den "Ungleichen" zu unterscheiden. (Von den Rechten der Frauen in diesen Gesellschaft braucht man gar nicht erst anfangen.) Es ist gegen diese Skepsis vorgebracht worden, dass sie eben kontrafaktisch als eine Ideal zu verstehen ist, an dem jeweils Wirklichkeit zu messen ist, dass also die "noch nicht" Gleichen ihre Ansprüche auf Gleichheit eben aus dieser Idee herleiten können: die Befreiung der amerikanischen Sklaven, das Frauenwahlrecht, die Rechte von Kindern...
      Ich halte diesen Einwand nicht (mehr) für zwingend. Denn die Prämisse: dass "wir" alle gleich sind, überzeugt mich nicht (mehr). Wir sind weder gleich in unseren Fähigkeiten, noch in unserer Bedürftigkeit (geboren). (Aber wir sind alle bedürftig. Darin allein läge die "Gleichheit".) Letztlich käme es also darauf an, wie Freiheit und Menschlichkeit unter der Bedingung der Ungleichheit begründet werden könnten. Die Diotima-Gruppe setzt hier auf die Beziehung der Mutter zum Kind als Grundmodell einer solchen "feministischen" Idee von Freiheit und wechselseitigem "Respekt", die unter der Voraussetzung absoluter Ungleichheit entwickelt wird (das Kind braucht die Mutter sehr viel mehr, als die Mutter das Kind; die Mutter ist im Verhältnis zum Kind geradezu "allmächtig"). Ich werde darauf näher eingehen, hoffe ich, wenn ich das Buch bespreche, das ich im Urlaub gelesen habe: "Macht und Politik sind nicht dasselbe". Die Thematik wird auf andere Weise auch in David Graebers "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" beleuchtet, wo er zeigt, wie die Idee der Gleichheit unter faktisch Ungleichen allererst die Möglichkeit eröffnet, s i c h so zu verschulden, dass die Schuld nicht abgetragen, aber doch berechnet werden kann. Graeber zeigt, dass eine solche Denkweise in einer Gesellschaft der Ungleichen unvorstellbar ist, dass dort also auch die Möglichkeit "sich selbst" an einen Gläubiger zu verkaufen, nicht gedacht werden kann. (Das ist mit Blick auf "Freiheit" ein sehr wichtiger Aspekt - nur gegenüber einem Gleichen kann ich diese Art "Freiheit" verlieren, bei der es darum geht, dass ich mit ihm "gleichgestellt" oder "gleichberechtigt" bin.) Ich bin mit diesen Gedanken längst nicht am Ende; es ist vielmehr so, dass es mir fast körperlich schwer fällt, mich von der Idee der Gleichheit, die ich eben so schön und wertvoll empfinde wie du, zu "verabschieden". Ich versuche beide - Diotima und Nussbaum - in meinen Gedanken miteinander ins Gespräch zu bringen. Ich glaube der Punkt, von dem aus ein gemeinsames Denken möglich wäre, ist die "Bedürftigkeit". --- Das arbeitet in mir. Es wird sicher einige Zeit brauchen, bis ich das in die Form eines Textes bringen kann. Noch habe ich auch das Schulden-Buch gar nicht zu Ende gelesen.

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    3. Tol(l)eranz leitet sich vom modus tollendo tollens ab, der aufhebenden Schlussfolgerung: wenn aus A B folgt, B aber nicht richtig ist, ist auch A nicht richtig. Die Toleranz als politische Form enthält einen "Aperspektivismus": was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, der unter der Hand eine totalitäre Perspektive mit sich führt. Und zumindest darin liegt dann die Etablierung einer "unwissenden", will sagen "unaufgeklärten" Freiheit. Es kommt aber darauf an, die Perspektive des anderen zu kennen und diese wissend, also "intollerant" (nicht aufhebend) zu vermitteln.
      In diesem Sinne schreibt Kant wohl auch in seinem Aufsatz über die Aufklärung, dass der Fürst (gemeint ist wohl der alte Fritz) zwar nicht tolerant sei, aber aufgeklärt, der seinen Untertanen in Religionsdingen die volle Freiheit lasse. Laut Kant etabliert nur dies den aufklärenden Diskurs. Ein sich als aufgeklärt verstehender Fürst kann also den öffentlichen Meinungsaustausch nicht nur dulden, sondern er muss ihn fordern, ohne darin einzugreifen. Dies ist wohl die Bedeutung des Satzes: Raisoniert so viel ihr wollt, nur gehorcht!, den Kant in den öffentlichen und den privaten (=berufliche) Gebrauch der Vernunft zerlegt.
      Das ginge dann wohl zumindest teilweise parallel zu der Trennung von Macht und Politik.

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    4. Dieser Unterscheidung Kants bin ich lange gefolgt. Sie etabliert jedoch einen Politikbegriff, den ich nicht mehr teile. - Es beruhen auf dieser Unterscheidung - die sich bei Kant übrigens von Luthers Zwei-Reiche-Lehre herleiten lässt - die "bürgerliche Öffentlichkeit" und ihre - idealisierten - Politikformen. Letztlich entsteht daraus ein Politikverständnis, dass Politik mit Rechtssetzung identifiziert und Macht mit Rechtsdurchsetzung. Die Diotimagruppe schlägt in ihrer Analyse ein völlig anderes Verständnis beider Begriffe vor, dass aus einer kritischen, sich auch durchaus distanzierenden Auseinandersetzung mit Hannah Arendt auf der einen Seite und Michel Foucault auf der anderen Seite resultiert. Ich werde das Buch demnächst besprechen. (Die Kritik Oskar Negts/Alexander Kluges in "Geschichte und Eigensinn" bzw. "Der unterschätzte Mensch" geht in eine ähnliche Richtung, ohne jedoch einen geschlechterdifferenzierenden Blick mit einzubeziehen, was sehr bedauerlich ist.)

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    5. @Frederik Weitz (und auch nochmal @Melusine, weil wieder der Unterschied Respekt-Toleranz, und ja, ich muss auch noch weiter drüber nachdenken):
      "Es kommt aber darauf an, die Perspektive des anderen zu kennen und diese wissend, also "intollerant" (nicht aufhebend) zu vermitteln."
      Ein Glücksfall, wenn "Kennen" und "Wissen" eintreten, möglicherweise sogar noch "Verstehen". Mit welcher Haltung aber fülle ich den zwischenmenschlichen Raum bis dahin oder auch dann noch weiter, wenn keins davon eintritt? Ist nicht Respekt die einzige Möglichkeit, die wir haben, einem Menschen zu begegnen, den wir nicht kennen und verstehen, der möglicherweise auch nicht mit dem Versuch des Verstehenwollens angegangen werden will, könnte dies doch seine Integrität verletzen, und wie viel Verstehen/ Kennen/ Wissen ist uns überhaupt möglich? Respekt gilt dem Fremden, meine ich, inklusive seiner Bereitschaft oder Weigerung, sich zu zeigen. Ich erwarte das im Gegenzug auch. Und Respekt von oben herab ist keiner.

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    6. Liebe Iris, zu diesem ganzen Komplex, glaube ich, werde ich noch eine Weile nachdenken und Schreibversuche unternehmen müssen. Da geht mir im Moment so vieles durch den Kopf, bilden sich Ketten und Assoziationen, aber auch Brüche und Widersprüche.
      Gerade das Wort "Respekt" erscheint mir zunehmend problematisch, zumindest im Deutschen (ich bin nicht ganz sicher, welche Konnotationen im amerikanischen Englisch damit verbunden sind). Man bindet es in vielen Formulierungen an Verdienst und Verpflichtung: man "erweist" Respekt oder "verweigert" ihn. Es scheint dabei häufig um Beziehungen der Ungleichheit und der Abhängigkeit zu gehen: der Dienstmann erweist dem Dienstherrn Respekt (zum Beispiel durch das Ziehen des Hutes), die Verweigerung des Respekts kann der Beginn eines Aufstandes sein (der Hut im "Wilhelm Tell"). Gelegentlich werden solche Respektbezeigungen dann in den Umgang der Gleichen miteinander übernommen (den Hut voreinander ziehen), sie scheinen dann aber stets Zitate zu sein aus einer Beziehung der Ungleichheit - also Übernahmen aus der Beziehung zwischen Adel und Bürgertum in den Habitus der Bürger untereinander. Wenn Jugendliche "Respekt" verlangen, meinen sie damit häufig, jemand solle sich "unterwerfen". Deshalb glaube ich, je mehr ich darüber nachdenken, dass deine Formulierung "Respekt von oben herab ist keiner" auf eine noch ganz andere Weise wahr ist, als du ihn gemeint hast. Es gibt vielleicht "von oben" gar keinen Respekt. Respekt wird immer jemandem entgegen gebracht, von dem man abhängig ist oder dem man verpflichtet ist. "Echter" Respekt wäre dann jener, der freiwillig, ohne Drohung und ohne Angst, erwiesen wird; "unechter" jener, der nur aus Angst erwiesen wird.

      Das Geschehen im Gasthaus in Aying wäre dann noch etwas ganz anderes, das weder mit "Respekt" noch mit "Toleranz" beschrieben wäre. Respekt wäre eine Haltung, die die Verpflichtung und Abhängigkeit anerkennt und die Leistung desjenigen anerkennt, der Pflichten erfüllt und Abhängigkeit nicht ausnutzt. Toleranz wäre eine Haltung, die das Fremde duldet, solange es nicht das Eigene stört, verändert, beeinträchtigt (also von oben herab). Eine "Anerkennungskultur", die nicht auf Machtverhältnissen beruhte, beschrieben beide nicht. Aber... ich schreibe das völlig ins Unreine. Wie gesagt...ich werde darauf sicher eingehen, wenn ich das Diotima-Buch bespreche. Aber wie und mit welchem Ergebnis, das weiß ich noch gar nicht.

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    7. Ich möchte den kühnen Versuch unternehmen, eine Besonderheit des Begriffs "Toleranz" im postmodernen Verständnis ("du darfst niemals sagen, dass etwas "falsch" sei) in die Überlegungen einzubringen: der Begriff "Toleranz" trägt die unausgesprochene Voraussetzung - Präsupposition heißt das wohl - in sich, dass erst Ablehnung vorhanden sein muss, ehe Toleranz geübt werden kann. Ihr eilt also eine Wertung voraus, die feststellt, dass etwas "falsch" sei. Das ist mit folgendem sprachlichen Beispiel rasch nachgewiesen:
      "Ich stimme A nicht zu und toleriere A.
      Ich stimme B zu und toleriere B."
      Die B betreffende Aussage ergibt offenkundig keinen Sinn.
      Sogleich müsste aber gefragt werden, worauf die Befähigung zur Ablehnung gründet. Auf der Suche nach einer Antwort wird man rasch bei "Ideologie" und der Frage nach Machtverhältnissen ankommen. Das alles wurde bereits in mehreren Kommentaren sinngemäß ausgeführt - soweit nichts Neues.

      Was mir allerdings wichtig erscheint, ist die Tatsache, dass Toleranz nicht dem Menschen an sich gilt, sondern stets einer "Sächlichkeit", also einem Verhalten, einer Eigenschaft, einer Sichtweise, etc. Darüber hinaus enthebt geübte Toleranz auf bequeme Weise der Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit dem "anders beschaffen sein". Und zementiert damit Intoleranz - siehe Präsupposition. Dem gebräuchlichen Toleranzbegriff haftet somit Inkohärenz an, weshalb Toleranz nicht nur als Begriff, sondern vielmehr als Haltung meines Erachtens rundweg abzulehnen ist.

      Respekt und Achtung betreffen hingegen den Menschen an sich und begreifen ihn als Wesen. "Ebenbürtig" oder "gleich" als Ordnungskriterium verböten sich in dieser Haltung, weil damit wieder die Vorstellung in Spiel käme, dass ein "nicht-ebenbürtig" oder "ungleich" existierte. Der Agape beispielsweise ist diese Vorstellung fremd.

      (auf dass niemand auf irrige Gedanken komme: ich bilde mir lediglich ein, Žižek und Carson halbwegs verstanden zu haben)

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    8. Lieber Kienspan, die Überlegungen zu "Toleranz" teile ich.

      Bei Respekt/Achtung bin ich noch in einem Klärungsprozess. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, Ungleichheit und Nicht-Ebenbürtigkeit als Voraussetzung von Bindung (und damit auch von Respekt) zu begreifen. Sowohl Graebers Buch als auch die Diotima-Gruppe haben mir hierzu noch einmal eine Menge Anregungen gegeben. Unter "Gleichen" entstehen keine Bindungen, wie Graeber zeigt, aber auch schon bei Rousseau nachzulesen ist. Die Bindung beruht gerade darauf, dass kein "Gleichgewicht" entsteht und dieses auch nicht unbedingt angestrebt werden muss. Als Beispiel: Ein Kind ist nicht ebenbürtig, sondern völlig abhängig. Ich mute dem Kind vieles nicht zu und übernehme Verantwortung für es, gleichzeitig "missachte" ich notwendig einen Teil seiner eigenen Willensentscheidungen, weil ich sie für unvernünftig oder gefährlich halte. Diese Unebenbürtigkeit tritt immer ein, wenn jemand f ü r einen anderen/eine andere eintritt und entscheidet (vor allem dann, wenn das strukturell und nicht nur situativ geschieht). Das ist - so denke ich inzwischen - eben nicht zwingend "ungerecht" oder "falsch", sondern notwendig. Die unterschiedliche Bedürftigkeit von Menschen erzeugt diese Ungleichheit und das Ungleichgewicht in den Abhängigkeitsbeziehungen. Die Ideologie der "Gleichheit" zwingt uns nun immer wieder dazu, das zu leugnen und eine sehr abstrakte "Gleichheit der Rechte" vorauszusetzen, die letztlich immer nur negativ bestimmt werden kann (unbedingte Pflichten, was wir einander - generell als Menschen - nicht antun dürfen), während die bedingten (also, zu was wir einander . in konkreten Beziehungen - verpflichtet sind) unbestimmt bleiben.

      Vielleicht brauchen wir dann auch kein Rekurrieren auf das "Wesen" des Menschen, eine Überlegung, die in vielerlei Hinsicht auf abschüssige Bahnen führen kann, wie man an Diskussionen über Tierrechte oder Behindertenrechte oft sehen kann.

      Aber - wie gesagt - ich bin längst noch nicht am Ende mit diesen Überlegungen. Der "Abschied" von der Idee der "Gleichheit" aller Menschen fällt mir schwer. Ich kann von mir jedenfalls sagen, dass ich nicht jedermann oder -frau Respekt entgegenbringe, was jedoch nicht heißt, dass ich den von mir nicht oder wenig respektierten Rechte entziehen wollte. (Beispiel: Mir fehlt der "Respekt" für Menschen, die foltern.) (Eben weil Rechte in mancherlei Hinsicht m e h r sind als Respekt und in anderer sehr viel w e n i g e r. Bestimmte Rechte stehen jede/r zu. Respekt ist etwas, was ich "bezeuge".)

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    9. @Kienspan Dieser Unterscheidung zwischen Toleranz und Respekt stimme ich zu, die Übersetzung von Respekt in Achtung finde ich treffend. (Wörtlich übersetzt wäre es ja Rücksicht, was ja auch mit Achtung, (auf)einander achten zu tun hat.)

      @Melusine Vielleicht definieren wir Respekt tatsächlich leicht voneinander abweichend. Den Satz, dass Respekt von oben herab keiner ist, würde ich übrigens ohne weiters auch umkehren: Respekt von unten herauf ist für mich nämlich auch keiner.
      Interessant, dass Du nun den Aspekt der Bindung hineinbringst, denn meiner Auffassung nach ist Distanz eine wesentliche Voraussetzung für Respekt. Eine Distanz, die sich auch innerhalb einer Beziehung einnehmen lässt, indem ich nämlich mein Gegenüber als eigenständiges Wesen anerkenne, das nicht in erster Linie zur Befriedigung meiner Bedürfnisse da ist und, umgekehrt, in dessen Bedürfnisbefriedigung ich nicht gänzlich aufgehe. Es muss ein Rest Unabhängigkeit da bleiben (auch gegenüber dem Menschen, der foltert und der für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen ist, da muss sich vielleicht das Handeln vom Empfinden lösen), ein Stück Unantastbarkeit und Integrität ... Ich empfinde dies nicht als realitätsferne Ideologie, genausowenig wie Liebe. Es ist nicht einfach, in der Praxis noch weniger als in der Theorie, aber es lässt sich doch üben und kann im "Kleinen" gelingen, z.B. im Umgang miteinander in einem Gasthof oder in einem Kommentarthread.
      Klingst das zu banal? Oder zu schwärmerisch? Auch meine Gedanken sind ja nur vorläufige ...

      Übrigens finde ich, dass genau dafür, für das Ausbilden eines unabhängigen und gleichzeitig respektvollen Charakters, Literatur wichtig und nützlich ist, gut geschriebene Geschichten, deren AutorInnen es verstehen, respektvoll mit all ihren Figuren umzugehen. (Hier muss ich eins meiner Lieblingszitate einfügen, es stammt von Julian Barnes: "The writer must be universal in sympathy and an outcast by nature: only then can he see clearly.") Ich finde, dass solche Geschichten (aber auch Musik, auch bildende und darstellende Kunst) mehr bewirken können als kluge theoretische Betrachtungen oder Appelle, weil sie einen an einem zentraleren Punkt erreichen.

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    10. Liebe Iris,
      eine Definition von "Respekt" wollte ich nicht vorschlagen; ich habe nur überlegt, in welchen Zusammenhängen das Wort benutzt wird - da sind mir diese spontan eingefallen, die nicht ganz zu der Deutung passen wollen, dass Respekt etwas sei, was jeder/jedem immer zustehe. Man sagt ja auch "Respekt muss man sich verdienen..." und Akte der "Respektlosigkeit" haben nicht selten ein Potential des Widerstandes gegen die Autorität oder die Norm. Aber ich werde vielleicht darüber heute noch einen Post schreiben - ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder gar "Deutungshoheit", eher als Sammlung von Geschichten und daran geknüpfte Überlegungen.
      Das Problem bleibt, so nehme ich das wahr, dass Kienspan oder du mit "Respekt" etwas bezeichnen wollen, was mehr sein soll als das "Recht auf Menschenwürde", dasim Wesentlichen festlegt, was man jemandem nicht tun darf. "Respekt" in dem von euch verwendeten Sinne wäre insofern mehr, weil es eine Hinwendung beinhaltet, Wertschätzung und Solidarität. Es könnte ja sogar sein, dass unsere Sprache d a f ü r kein Wort hat. Das wäre mein Verdacht. Der Grund für diese Lücke könnte eben sein, dass wir die Menschenrechte an die Idee der "Unabhängigkeit", der "Freiheit" und der "Gleichheit" binden, statt an die Idee der "Bindung", der "Abhängigkeit" und der "Akzeptanz und Wertschätzung von Ungleichheit". (Ich will immer wieder betonen, dass das ins "Unreine" gedacht ist.). Ich finde deine Überlegungen, liebe Iris, keineswegs zu schwärmerisch oder zu banal. Es ist nur so, dass ich gerade nach der Lektüre des neuen Buches von Diotima und dieses Buches über Schulden noch einmal große Zweifel an "unserer" westlichen Konzeption des Subjekts und der Idee der Freiheit bekommen habe, die genau mit diesen Begriffen zusammenhängen: Autonomie, Unabhängigkeit, Distanz.

      Dass ein Autor sich in alle s e i n e Figuren einfühlen muss, halte ich für richtig. Dennoch glaube ich nicht, dass am Ende eine "neutrale" Haltung eine Erzählung prägen kann oder muss. Ich glaube vielmehr, dass ein Autor in a l l e n Figuren "sich" schreibt und es eben auch Teil der abendländischen Hybris von Autorschaft ist, zu glauben, man könne sich "in alles und alle" hinein denken (das ist ja eine Haltung, die gerade von marginalisierten Gruppen immer wieder sehr beklagt und angeklagt wird - dieses "Fürsprechen"-Wollen). Die Überschreitung des eigenen (beschränkten) Rahmens geschieht eher, das ist zumindest meine Erfahrung, wenn man Fremdheit erfährt, statt glaubt, sich "wiederzufinden", durchaus auch als Schock erfährt. Das knüpft in gewisser Weise an den "Streit" über die Art an, wie man Texte liest. Wenn ich einen Roman von Julian Barnes lese, dann lese ich das insgesamt als "Aussage" Julian Barnes - und eben nicht als Sprechen der Figuren, die er erfindet. Also, um es zuzuspitzen: Ich glaube ihm nicht, dass er etwas sagen kann, was seinen "Horizont" überschreitet. Die Überschreitung gelingt, indem man sich als Leserin auf diese fremde Welt einlässt: die mir fremde Welt in diesem Fall des "Julian Barnes" - das kann meine Welt verändern und erweitern (und natürlich ist seine Erzählung Ergebnis, weil er gut ist, vieler Erweiterungen "seiner Welt", die er zugelassen hat, für die er sich "durchlässig" gemacht hat, weil er sich für "Gespräche" mit dem Fremden geöffnet hat...) ---
      Aber das führt alles schon wieder auf ein anderes Feld. Und ich muss heute unbedingt noch den Urwald ein wenig lichten, der sich um unser Haus gebildet hat, als wir Italien waren. Die Tatsache, dass ich mich dieser Herausforderung stelle, verdient nach meiner Meinung enormen Respekt ;-).

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    11. Liebe Melusine,

      nochmal zum Respekt: Ich fühle mich gar nicht so weit von Dir entfernt, kann es aber schwer fassen, vielleicht fehlt tatsächlich das passendere Wort und zeigt sich in der Schwierigkeit (die ich aber nicht als Problem empfinde) eines Übereinkommens auch gerade, dass wir noch nicht am Ende sind mit unseren Gedanken, und das ist ja wiederum ein Glück.
      Dieses Mehr als das Recht auf Menschenwürde sehe ich wesentlich in der Weise, wie ich einem anderen begegne. Respektvoll hieße für mich den anderen wahrnehmen, ohne zu interpretieren und zu werten (im Sinne von Unterstellen einer bestimmten Motivation). (als Ideal)

      Und damit nochmal zum Autor: Es ging mir eben nicht um das Einfühlen des Autors in seine Figuren, sondern auch da um jene respektvolle Distanz, aus welcher heraus er die Figuren und ihre Handeln beschreibt, ohne zu interpretieren und zu werten. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Autor tatsächlich nur sich schreiben kann, ob er nicht im Gegenteil auch in der Lage sein kann/ muss, von außen zu betrachten und wiederzugeben. Margriet de Moor ( http://www.margriet-de-moor.de/index.cfm?task=001 ) z.B. ist für mich eine Autorin, die das kann. Natürlich hat dies mit ihrer persönlichen Haltung zu tun, die sich also wiederum herauslesen lässt aus der Art, wie sie ihre Romane schreibt und wie sie mit ihren Figuren umgeht, aber sie ist nicht ihre Figuren.
      ...
      Ich weiß auch nicht, warum ich zu diesem Thema einfach nicht meinen Mund halten kann, ist sonst gar nicht meine Art. ;-) Dieser ganze Komplex interessiert mich einfach sehr. Aber vielleicht haben wir ja demnächst in Frankfurt Gelegenheit, auch darüber noch ein bisschen ausführlicher zu sprechen.

      Jetzt wünsch ich Dir erstmal viel Glück und Erfolg im Dickicht. Meinen Respekt für diese Wagnis hast Du!

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    12. Das war offenbar ein Missverständnis, stelle ich fest: Auch dir geht es nicht um "Einfühlung". Insofern sind wir uns einig. Es stimmt: Der Autor/die Autorin betrachtet seine Figuren/die Welt von "außen", von einem "Standpunkt" aus (oder auch, indem er/sie diesen Standpunkt, die Perspektive wechselt). Es ist aber immer Perspektive darin, nämlich jene, die der/die einnehmen kann (mein Einwand richtet sich gegen die Illusion, eine/r könne alle beliebigen Standpunkte einnehmen, ganz unabhängig von seinen/ihren persönlichen Beschränkungen) Ich glaube , dass es eine der Voraussetzungen für das, was ich mal mit dir "respektvollen" Umgang nenne, ist, das Fremde als "das Andere" zu erkennen. Die Frage des "Wertens" finde ich sehr schwierig: Einerseits teile ich den Wunsch, Wertungen zu vermeiden. (Beispiel: Ich mag chinesische Musik nicht, aber ich maße mir nicht an sie zu bewerten). In anderen Bereichen finde ich eine Wertung sogar zwingend notwendig, weil Unterlassen eine Form von unterlassener Hilfeleistung wäre, zum Beispiel die Genitalverstümmelung von Mädchen. Dazwischen gibt es ganz viele "Grauzonen". Es geht vielleicht hier um das Spannungsfeld (und eben nicht den Gegensatz!) zwischen Freiheit (etwas Neues zur Welt bringen) und der Gebundenheit in die vorgegebene Ordnung (ohne die wir gar nicht lebensfähig wären) - Eltern müssen "werten", d.h. eine Ordnung vorleben und symbolisch darstellen, in der das Kind sich orientieren kann. Distanz wäre hier Gleichgültigkeit. So schließt sich "der Kreis": Ich habe mich lange mit den "Vertragstheorien" von Hobbes, Locke, Rousseau, Kant bis zu Rawls befasst. Sie alle gehen von einem Individuum aus, dass "unabhängig" in der Welt ist und sich dann aus unterschiedlichen Gründen gesellschaftlich organisiert (also den Gesellschaftsvertrag) schließt. Das ist ein Denkfehler, meine ich immer häufiger: Es gibt gar keine Existenz außerhalb der Gemeinschaft (auch nicht als "Ideal" ): Wir sind immer schon in Ordnungen eingebunden und ohne sie würden wir verrecken. Wir entscheiden uns nicht für die Bindung, sondern sind notwendig gebunden. Der "moderne" Mensch empfindet nun diese Bindung als Fessel, der er sich entledigen will bzw. deren Form er selbst - quasi voraussetzungslos - bestimmen können will. Vereinfacht: Er verneint die Tradition. Die Folgen dieses "Ich"-Zwangs finde ich auch beänstigend. Wobei ich annehme, dass wir uns an einer "Zeitenwende" befinden. ("Das Ende des Patriarchats" :-)

      Margriet de Moor kenne ich nicht, werde ich aber meinem Stapel ungelesener Bücher beifügen. Für mich ist - ich habe es hier schon mehrfach betont - Alice Munro eine jener Autorin, die eine Erzählhaltung finden, die mich begeistert. Munro erzählt stets von und über eine Welt, die sie genau kennt. Das heißt: Sie bleibt in den engen Grenzen "ihrer Welt", aber gerade deshalb vermag sie "entgrenzend" zu schreiben (weil sie die Anmaßung vermeidet die "ganze Welt" in den Blick zu nehmen). Man könnte sagen, sie nimmt Distanz zu ihren Figuren ein; mir gefällt eine andere Formulierung, die du vorschlägst besser: Sie spekuliert nicht über deren Motivation. Sie zeigt vielmehr wie sich Haltung ändert, einfach durch Zeit. Man geht ein Jahr später an einem Haus vorbei und sieht es ganz anders...Munro verfällt nun nicht in den Zwang, eine Ursache-Wirkungskette vorzustellen. Das gefällt mir. (Aber auch hier: Ich möchte schon so lange über ihre Bücher schreiben, brauche aber dazu noch Zeit.) Auch ich, wie du siehst, kann hier einfach nicht den Mund halten bzw. die Finger still! Liebe Grüße!

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  5. Ich möchte noch anfügen: Mir ist, wenn ich das schreibe und beschreibe durchaus bewusst, aus welch privilegierter Position ich selbst schreibe. Das betrifft ökonomisches, soziales und kulturelles "Kapital". Tatsächlich ist auch das eine der Fragen, die mich umtreibt: Welcher Umgang mit diesen Privilegien ist angemessen? Wie - um nur ein Beispiel zu nennen - über Liebe schreiben, ohne an einer Diskriminierung anderer Liebes- und Lebensweisen mitzuschreiben als jener des heterosexuellen Paares? Andererseits: Ich möchte gerade nicht eine "Fürsprecher"-Rolle einnehmen, also über und von Erfahrungen schreiben, die ich nicht habe.

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  6. Hat Spaß gemacht, deine Impressionen der Venetien-Reise zu lesen. Tolle Unterkunft!
    Der bayerischen Honoratioren-"Toleranz" stehe ich ein bisschen kritischer gegenüber ;-). LG

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