Montag, 23. Juli 2012

DIE FRUCHT UND FURCHT DES LEIBES: Weibliche Perspektive und Männerbilder


Eigentlich („eigentlich“ ist ein Wort, denke ich manchmal, auf dessen Verwendung genauso wie auf „irgendwie“ eine Strafsteuer fällig werden sollte; könnte das nicht ein praktikabler Weg aus der Schuldenkrise sein?) wollte ich heute über „Die Perspektive als symbolische Form“ schreiben, über Erwin Panofskys Verständnis dieses Begriffes und über die Umdeutung, die Hans Belting in „Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks“ vorschlägt. Ich wollte eine Volte schlagen zur „Perspektive“ in epischen Gattungen, insbesondere im  Roman. Noch einmal wollte ich gedanklich die Scrovegni-Kapelle in Padua betreten und den „Standpunkt“ prüfen, von dem aus die „Geschichte gelesen“ werden soll – und den, von dem her sie erzählt ist. Ich wollte mir Gedanken darüber machen, was ein „nicht-perspektivisches“ Erzählen sein könnte, eines, das eben jenes „arabische“ Unverständnis ausdrücken könnte, das Hans Belting für Alhazen annimmt, den Mathmatiker, der dennoch „dem Westen“ mit seiner Sehtheorie das „Rüstzeug“ verschaffte für die Suche und das Begehren nach einem „festen Standort“, von dem her die Welt zu begreifen und zu entwerfen ist: den perspektivischen. Ich wollte überlegen, ob und welche Wirkung von der Privilegierung des festen Standorts, der Kontrolle des Blicks und der Distanzierung des Betrachters vom Objekt seiner Schau von der bildenden Kunst auf das literarische Erzählen übertragen worden ist – und wie ein Schreiben aussehen könnte, das diesen Standort aufgibt, den Blick frei räumt für eine „Strahlung“ und „Spiegelung“ des Lichts und der Töne, in denen kein „Ich“ seine Weltanschauung zur Erscheinung bringt, sondern....? Der perspektivische Blick ist, wie Belting schreibt, der „anthropozentrische“ – und eben jenen, so las ich, versuchen die Macherinnen der Documenta (ein spannendes Interview mit Kuratorin Chuz Martinez) in diesem Jahr aufzugeben. Was einem eurozentristischen und eben anthropozentristischen Denken wie „Wahn-Sinn“ erscheint, ist allerdings „aus der Sicht“ der arabischen (und möglicher Weise) anderer Welt-Kulturen nichts Neues: eine Haltung, von der her sich die Betrachtende nicht als Fluchtpunkt wahrnimmt (auch wenn dieser durch eine multiperspektivistische, „postmoderne“ Erzählweise immer wieder gewechselt wird), sondern eine „Stellung“ (asana) ein- und annimmt, um die Welt am eigenen Leib „zu erfahren“ ("In der Welt sein" anstelle von "die Welt anschauen") als etwas, das durch sie hindurch fließt oder sich an ihrer „Festigkeit“ bricht, d.h. auch, dass man sich nicht distanzieren und nicht "von sich absehen" kann, sondern sich "beteiligen" muss, um zu verstehen.

Privilegien-Tussis Sommerarbeitsplatz



Darüber also wollte ich schreiben. Nach der Rückkehr aus Bad Kissingen hatte ich mir unter anderem diese Aufgabe gestellt. Außerdem wollte ich weiter arbeiten an meiner „Besprechung“ der neuen Sammlung von Diotima-Texten „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ und dabei die Gelegenheit nutzen, einen Rückblick zu werfen auf die bisher in deutscher Sprache erschienenen Aufsatzsammlungen „Jenseits der Gleichheit“ und „Die Welt zur Welt bringen“ ("Werbung" für den "Differenz-Feminismus"). Meine kommenden Kurse müssen vorbereitet werden: über „Die Philosophie des guten Lebens/Lebenskunst“ (worauf ich große Lust habe) und eine Aktualisierung meiner Materialien zur Finanzmarktkrise (Davor graut mir!) und so weiter und so fort. Und bei den täglichen Spaziergängen sollte mein Unbewusstes nach einer Lösung suchen für den letzten Teil von „Punk Pygmalion“: EMMI, mit dem ich hadere.

Weiterlesen will ich „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“, das faszinierende Buch von David Graeber auf dem Kindle. Stattdessen schnappte ich mir gestern Abend vom Stapel ungelesener Bücher einen Roman, den mir eine Freundin vor über einem Jahr empfohlen hatte: „Der russische Geliebte“ von Maria Nurowska. „Das interessiert dich bestimmt.“, hatte sie gesagt, „Es geht um eine Frau, die eine Liebesaffäre mit einem zwanzig Jahre jüngeren Mann hat.“ Ich hatte ein wenig gequält gelächelt damals. Denn darum geht es ja (auch) in meinem ins Stocken geratenen Roman-Projekt „Melusine featuring Armgard“. Der jüngere Mann. Die Qual einer Frau, die ihren alternden Leib im Blick dieses Mannes sieht. Die ihn begehrt, wie keinen vorher. Aber sich durch dieses Begehren ausgestellt fühlt, auf eine Weise, die ihr Angst macht. Ich habe damals das Buch zwar gekauft, aber beiseite gelegt. Gestern Abend nahm ich es, weil ich in der Badewanne lesen wollte, worein ich mich nicht traue, das Kindle mitzunehmen. Und las mich fest. Selbst in den Romanen von (heterosexuellen) Frauen wird selten ein erotisch aufgeladener Blick auf den Körper des Mannes geworfen. Vielmehr beschäftigen sich auch weibliche Autorinnen eher damit, wie ihre Protagonistinnen gesehen werden, als dass sie selbst auf den Mann als Objekt der Begierde schauen lassen. Es gibt noch immer vergleichsweise wenige „Männerbilder“ und viele bleiben seltsam diffus (ein Grund dafür, wie ich bereits vor zwei Jahren aus England geschrieben hatte, dass Männer sich nicht bilden!). Wenn es stimmt, dass Auto-Erotik ein wichtiger Teil der Erotik ist, dann bleiben viele Männer offenbar (ohne daran zu leiden?) eine „erotikfreie Zone“, da sie sich selbst nicht zum Objekt werden und sie sich auch nicht an der erotischen Sicht auf andere Männer „schulen“. Die schönsten Bilder von männlichen Körpern stammen von homosexuellen Männern, behaupte ich. Wir Frauen haben den Mann als Objekt der Begierde sträflich vernachlässigt, zumindest, wenn es darum geht, Bilder von ihm zu entwerfen. Die erotische Ausstrahlung eines Mannes, so wird stillschweigend (?) vorausgesetzt, hängt an anderen Attributen als am äußeren Bild, das er abgibt. Es werden Kategorien ins Spiel gebracht wie Intelligenz, Humor, Brillanz, gesellschaftlicher Status, Reichtum. Sicher ist da was dran. Trotzdem: Genauso wie in der bildenden Kunst und in der Literatur die Beziehungen von Frauen untereinander unterrepräsentiert sind im Vergleich zu der Bedeutung, die sie in einem „realen“ Frauenleben haben, genauso wird die Bedeutung der äußeren Erscheinung des Mannes für seine sexuelle Attraktivität bei Frauen unterschätzt. Ich jedenfalls gucke lieber jungen Männern mit knackigen Ärschen, straffen Waden und starken Muskeln hinterher als alten, faltenreichen Übergewichtigen (um es mal ganz plump auszudrücken). In den erotischen Phantasien auch von älteren Frauen spielen Männer über 40, denke ich, genauso häufig oder selten eine Rolle, wie in denen von älteren Männern Frauen dieses Alters.

Maria Nurowskas Roman entwirft Blicke auf den begehrenswerten, 20 Jahre jüngeren Mann, in den sich Julia, die Literaturprofessorin, mit 51 Jahren verliebt: „Mit übermenschlicher Konzentration beobachtete ich, wie er sich auszog. Ich spürte neben mir diesen schlanken, muskulösen Körper, ich erbebte, und Entzücken erfasste mich. Seine Brust war mit weichem goldblondem Haar bewachsen und dieselbe Farbe hatte das Haar zwischen seinen Beinen. Ich wagte, die Hand dort hinzulegen.“  Alexander, der in Geschichte promoviert und wie sie ein Jahr in Paris an der Sorbonne verbringt, ist kein einfacher Mensch, hochfahrend, jähzornig, besessen von seiner Arbeit und seinen Visionen. Weil Julia eine Frau ist, beschäftigt sie sich jedoch trotzdem mehr als mit seinem Körper mit dem ihren. Dessen Alterungsprozess scheint ihr das Haupthindernis für den Bestand der Liebe zu sein. Ich denke, aus der Perspektive eines älteren Mannes hätte im Mittelpunkt die Angst vor einem jüngeren Rivalen gestanden. Der Unterschied ist bedeutsam: Die Furcht der älteren Frau, den jüngeren Geliebten zu verlieren, stellt sich nicht als Eifersucht dar, sondern als Ungenügen am eigenen Körper: „Es war vielmehr die Sehnsucht nach Mutterschaft im eigenen Körper. Er war es, der sie in mir wachrief, der reine physische Liebesakt reicht ihm nicht mehr aus, er wollte mehr jetzt. Forderte die Befruchtung. Anfänglich war dies ein schüchterner Gedanke, der hartnäckig und hartnäckiger wurde. Das Einswerden mit den anderen Körper, die Lust, die ich durch ihn erfuhr, schien nicht mehr auszureichen. Die Erkenntnis, das der Unterleib so eine wichtige Rolle innehatte. Dort konnte sich der Samen einnisten, aus dem sich neues Leben entfaltete. Mich verlangte plötzlich auf so dramatische Weise danach, dass es mich entsetzte. Ich wollte noch mal ein Gefühl erfahren, an das mich nicht mehr erinnerte. Das Gefühl des Keimens, der Entfaltung. Des Anschwellens. Wenn man die Schwere des Kindes spürte und dann seine Bewegungen...Diese meine Sehnsüchte waren so unerwartet aufgetaucht, dass ich außer Bestürzung zunehmend Angst empfand. Etwas entschlüpfte meiner Kontrolle, konnte zu einer Katastrophe führen. Der Groll gegen den eigenen Schoß, der nicht mehr fähig war, eine Frucht zu tragen, war zugleich der Groll gegen die Liebe.“

Weiterlesen. Schreiben. Nachdenken. Spaziergehen. Lesen. Einkaufen. Kochen. Lesen. Schreiben. Schreiben. „Die Perspektive als symbolische Form“ – Eine bilderlose Welt...? Einblicke. Ausblicke. Voyeure und Exhibitionisten. So was. Geht mir im Kopf rum. Weiter.

Kommentare:

  1. Vor einigen Jahren durchforstete ich im Rahmen eines Fotoprojektes die Ausgaben von zwei Jahren eines Fotomagazines. Mir fiel auf, dass in jeder Ausgabe nackte Frauen, aber nicht ein einziger nackter Mann zu sehen war. Ich stellte mir die Frage, wann der nackte Mann aus der Kunst verschwunden war und wandte mich damit auch an einen der Redakteure des Magazines. Dieser bedauerte diese Entwicklung ebenfalls, wies ebenso daraufhin, dass nackte Männerkörper nur noch in den Ausgaben, welche homosexuelle Künstler thematisierten vorkamen. Dass weibliche Fotografen tatsächlich Sätze äußerten wie: "Ich finde den weiblichen Körper einfach schöner und fotogener".
    Woher kommt diese Entwicklung des "verschleierten" Mannes? War die Perfektion eines nackten männlichen Körpers nicht schon früher in der Kunstgeschichte häufiger im Zentrum, als der der Frau?
    Ich hatte während des Projektes große Schwierigkeiten männliche Modelle zu finden, die sich nackt darstellen ließen. Selbst unter den körperaffinen Bodybuildern.
    Weibliche Modelle sind hingegen selbst unter Amateuren wesentlich "williger" zu finden.
    Bin für eine Bewegung, die den nackten Körper des Mannes auch auf heterosexueller Ebene wieder stärker ins Zentrum der Betrachtung rückt!

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  2. Diese Erfahrungen decken sich mit den meinen. Außer, dass ich für das "wieder" keinen rechten Anhaltspunkt finde. Mir wollen einfach nur sehr wenige Beispiele einfallen, wo weibliche Künstlerinnen männliche Körper als erotische Attraktion dargestellt haben. In der Literatur kommen solche Beschreibungen eher vor, aber auch verhältnismäßig selten. -- Einerseits spiegelt das sicher gesellschaftliche Verhältnisse wieder, die eben eine "Perspektive", den Blick des Mannes auf die Frau, favorisieren. Zugleich ist "die Frau" für die Repräsentanz des Mannes selbst Symbol geworden: Er (der männliche Künstler) drückt sich selbst über die Darstellung der Frau aus. Gelesen aber worden sind diese Bilder oft so, als würden "Frauen" gezeigt. Tatsächlich zeigen sie aber einen männlichen, meist heterosexuellen Blick auf die Frau. In der Literatur (in den Interpretationen von Literatur) kann man eine ähnliche Haltung beobachten: Es wird so getan, als zeige sich in "Effi Briest", "Anna Karenina" oder "Madame Bovary" ein "weiblicher Blick", als werde dort sichtbar, wie Frauen die Welt erleben und in ihr leben. Selbstverständlich ist eine solche Lesart unsinnig. Diese Romane zeigen vielmehr -und das ist durchaus von Interesse und in diesen drei Fällen auch von großer literarischer Qualität -, 1. wie ein männlicher Autor sich eine weibliche Existenz imaginiert und 2. wie er diese imaginäre Lebensform als Ausdruck/als Repräsentanz seiner eigenen (dissidenten) Männlichkeit nutzt.

    Ich glaube, dass eine Ursache für das "Desinteresse" der Frauen an der Darstellung männlicher Körper genau das ist: Es gibt einfach viel zu viele Darstellungen des männlichen Blickes auf die Frau, die den Frauen einen eigenen Blick auf sich verstellen. Den zu erobern, scheint den meisten vordringlich. Es ist zunächst ganz offenbar für die allermeisten Künstlerinnen und Autorinnen wesentlich wichtiger, einen eigenen Blick auf den weiblichen Körper dem männlichen, kulturell dominierenden Blick entgegenzusetzen. Weil die Kunst- und Literaturgeschichte angefüllt sind mit Bildern von Frauen und Weiblichkeit, fühlen Künstlerinnen sich von diesen herausgefordert. Dagegen steht die "Wirklichkeit", in der der weibliche Blick den "schöne Mann" durchaus sucht und schätzt.
    Doch ich glaube, dass sich auf diesem Feld einiges ändern wird. (Denn ich bin überzeugt vom "Ende des Patriarchats" ;-) ). Voraussetzung ist allerdings, dass Männer auch sich selbst als Objekt der Begierde entdecken (Auto-Erotik) und Lust darin finden, sich zum Objekt zu machen. Einige "Avantgardisten" scheint es ja zu geben ;-) Und ich freue mich an ihnen.

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