Samstag, 4. August 2012

DIOTIMA (2): Autorität ohne Macht


Dieser Kampf der Frauen ist eine Folge der Täuschung durch ein Phantasiegebilde, das aus dem Bedürfnis einer Frau entsteht gegen die universale männliche Machtübernahme zu kämpfen. Es ist nämlich das Phantasiegebilde jener Machtübernahme, das sich vor meinen Kampf um eine menschliche weibliche Identität stellt und so tut, als sei es ihr angemessener Gegner. Dieses Phantasiegebilde redet mir ständig ein, dass mir das, was mir zu sein fehlt, vom Mann zugestanden werden müsse und dass ich es nur von ihm zurückbekommen könnte.
Das Phantasiegebilde ist aber eine vollständige Täuschung. Der Mann hat nämlich die Güter nicht, die er gegebenenfalls der Frau geraubt hat. Auch wenn er ihr etwas genommen hat, ist er keineswegs in der Lage etwas zurückzugeben.“

(Luisa Muraro: Jenseits der Gleichheit; in: DIOTIMA: JENSEITS DER GLEICHHEIT. ÜBERMACHT UND DIE WEIBLICHEN WURZELN DER AUTORITÄT., Königsstein/Taunus  1999)

Die Differenz denken
Mein erster Post ("Keine Weisheit ohne Liebe") in der geplanten Reihe über die feministische Philosophinnen-Gruppe DIOTIMA galt dem Band „Der Mensch ist zwei. Das Denken der Geschlechterdifferenz“. Die Behauptung, die dieser Titel aufstellt, ist im feministischen Denken durchaus umstritten, gilt die Kritik vieler doch gerade der Fixierung auf die Zweigeschlechtlichkeit; eine Dichotomie die wiederum das Andere, das sich keiner von beiden Seiten zuzuschlagen vermag oder wünscht, ausschließt und unsichtbar macht. Ich halte diese Kritik für berechtigt. Dennoch bestehe ich auf das Denken dieser Differenz, weil es mir Voraussetzung dafür zu sein scheint, „die Frau“ überhaupt kenntlich und sichtbar zu machen und ihr einen Ort zu geben, von dem her sie sich aussagen kann, ohne von vornherein überschrieben und aufgehoben zu werden in einer Sprache und einem Denken, in dem sie, die Frau, nur in Bezug auf den Menschen, der ungesagt ein Mann ist, vorkommt, als Metapher für die Grenze dieses Denkens und seinen ungenannten Grund und in dem sie stets nur als Repräsentationsbild des Anderen vorkommen kann, der sie nicht ist. Notwendig wird das Sprechen der Frau, wenn es diese Differenz zum Mensch-Mann nicht mitdenkt und ausspricht, erneut zum puren Echo eines Denkens, dass sie als repräsentiertes Subjekt und als Produzentin ausschließt. Nicht zufällig endete daher mein Post zu „Der Mensch ist zwei. Das Denken der Geschlechterdifferenz“ mit einer Erinnerung daran, wie die Notwendigkeit, diese Differenz zu denken und mitzuschreiben, sich gleichermaßen aus meinem Leben und meiner Arbeit als Kunsthistorikerin ergab. Denn das „Denken der Differenz“, das an DIOTIMA, die Meisterin der Liebe, anschließen will, kann nur ein Denken sein, das die Trennung von Leben und Denken nicht als Voraussetzung der Philosophie anerkennt, sondern das eigene Leben in Beziehungen (wieder) zum Ausgangspunkt des Denkens macht.

Von mir ausgehen
Wir Baby-Boomer-Frauen (die Jahrgänge zwischen 1960 und 1970) aus der „alten Bundesrepublik“ waren, als wir ins Erwachsenenalter eintraten, vielfach überzeugt, dass der „Kampf“ gewonnen sei, die Gleichberechtigung im Wesentlichen verwirklicht, dass es nur noch auf uns ankäme, unser Selbstbewusstsein, unsere Wissbegierde, unseren Willen, um teilhaben zu können an Wissenschaft, Politik, Gesellschaft. Dass wir eine Anpassungsleistung erbringen mussten, die vor allem Selbstverleugnung erforderte, nicht selten gepaart mit unterschwelligem Selbsthass, der sich als Widerstand und Abkehr gegen die (eigene) Mutter richtete, machten wir uns entweder nicht bewusst oder verklärten es zur „Emanzipation“ (vielfach eben von dieser). Als Muster des Lebens  und Denkens, das in den Institutionen angeboten wurde, stand nur ein männliches Modell zur Verfügung, von dem her jeder traditionelle weibliche Entwurf nur als Opfer oder Versagen zu begreifen und abzuwerten war.

Das Begehren nach „Mehr“
Viele von uns stellten jedoch irgendwann fest, dass diese Teilhabe uns nicht zufrieden stellte, dass innerhalb der Denk- und Lebensformen, die wir vorfanden und denen wir uns angepasst hatten, auch und gerade im akademischen, „linken“ Milieu, in dem wir uns bewegten, keinerlei Raum war für unsere Erfahrungen und unser Begehren. Dort galt es  großmütig (und also „weiblich“ ;-) „drüber wegzulesen“, wenn „die Frau“ vom Meisterdenker im Nebensatz dem Besitz des Menschen zugeschlagen ward, wenn hinter dem „Schleier des Nichtwissens“ nach einigen Volten ein „Familienvater“ die Entscheidung über den Gesellschaftsvertrag traf, wenn „wir“  im Text welche waren, die sich von „Weib und Kind“ lösen mussten, wenn Frauen den „unterdrückten Minderheiten“ zugeschlagen wurden oder wenn in Lektürevorschlägen eines literaturwissenschaftlichen Seminars zur Literatur der Moderne unter zehn Werken nur zwei von Autorinnen waren, wenn das Reden eines Mannes als Frau als Rede einer Frau interpretiert wurde, usw. usw. Auf all das kam es, selbstverständlich, nicht an. Frauen waren – trotzdem - immer irgendwie mitgemeint als „Menschen“ und verlangt wurde, das „einzusehen“, obgleich und weil Bilder von Frauen unentwegt vorgestellt und benutzt wurden, um das männliche Begehren auszudrücken und die Grenzen seiner menschlich-männlichen Weltanschauung aufzuzeigen. Was wir vermissten, konnten wir mit Grund nicht sagen, denn es war in der Sprache, die hier herrschte und verlangt wurde, im Bezugssystem, das hier galt, unsagbar.

Anders in Leib und Seele
Es gibt zwei Erfahrungen, die meine Bereitschaft, mich diesem Anspruch, mich selbst „als Mensch“ zu verstehen, was meinem Frau-Sein vorgängig sei, nachhaltig erschütterten. Das erste Erlebnis spielte sich in einem Oberseminar über Lacan ab. Vom Phallus war die Rede; meine Gedanken schweiften ab; ich wusste plötzlich mit einer Klarheit, die mir lange gefehlt hatte: Das geht mich nichts an. Ich musste gähnen, wie so oft schon, und ich unterdrückte es diesmal nicht. Dann fiel der berühmte Satz: „Die Frau existiert nicht.“ – und ich konnte  endlich aufstehen und fortgehen.* Das war die Befreiung, nach der ich mich gesehnt hatte. Denn das war wahr und völliger Unsinn zugleich. Sie, die Frau, existierte hier nicht, aber ich existierte und war eine Frau - und hatte fortan jedes Interesse daran verloren, mich als irgendetwas anderes zu denken. Das zweite Erlebnis, das mir endgültig bestätigte, dass ich mich und andere nicht länger als geschlechtsneutrale Menschen denken konnte und wollte, waren meine Schwangerschaften. Ich musste die erschütternde Erfahrung machen, dass mein Körper zugleich „Ich“ und ein Anderer war, nicht symbolisch, sondern leibhaftig, dass mein Sein ein Anderes völlig umfasste und bedingte. Diese Erfahrung war nicht nur schön. Meine Schwangerschaften waren schwierig. Aber die Idee eines „autonomen Subjekts“ konnte von dieser Erfahrung des Empfangens, Austragens und Gebärens her nur noch irre erscheinen. Die ungeheure Abhängigkeit eines anderen Lebens von mir und meinen Handlungen, die körperliche Umfassung dieses anderen Lebens, das ich war und zugleich eben nicht war, der Schmerz und die Befreiung im Gebären, die Fremdheit des Anderen, das doch noch mit mir verbunden über die Nabelschnur auf meinem Bauch lag, die Trennung als Schnitt, die dieses Andere als hilfloses, mir nun vollständig ausgeliefertes, schutzloses Wesen zurückließ, das verlieh mir eine Autorität, die ich vorher nicht hatte, die ich mir nicht nahm, sondern die mich nahm und erfasste: Ich musste die sein und werden, woran und wodurch sich dieses Wesen bilden und wachsen konnte. Es ist in dieser existentiellen Erfahrung, davon bin seither überzeugt, etwas aufgehoben, was alle Menschen bestimmt und zugleich die Geschlechterdifferenz nicht unterschlägt: Wir alle werden auf diese Weise geboren und erleben die „Befreiung“ aus dem Mutterleib als Trennung und Ausgeliefertsein. Abhängigkeit und Freiheit sind - von hier aus gedacht – keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Die Differenz drückt sich darin aus, dass der weibliche Körper jener ist, von dem die Befreiung (aus der Symbiose) ausgeht und – in der Regel – zu dem die neue Abhängigkeit, die erste Bindung hergestellt wird. (Ich kann hier nicht darauf eingehen, was das für ein männliches Selbstbewusstsein bedeutet – und dafür, wie die Vaterschaft, deren Bedeutung ich für völlig unterschätzt halte, sich konstituiert. Sie ist jedenfalls nicht identisch mit der Mutterschaft und kann auch, darin widerspreche ich gewissen konstruktivistischen Ansätzen,nicht in derselben Weise wie die Mutterschaft konstruiert werden. Es bleibt vielmehr ein Desiderat, die Beziehung des Vaters zum Kind jenseits des „Gesetzes des Vaters“ für eine Konzeption von Männlichkeit zu bestimmen.)

Autorität(en)
Beide Erfahrungen – die Lösung von der universitären Wissenschaft und die Mutterschaft – konfrontierten mich auf unterschiedliche Weise mit dem Problem der Autorität. Indem ich aufhörte, die Autorität der Institution und ihrer Repräsentanten, aber auch die Autorität der Schrift(en) der Philosophen anzuerkennen, war nicht zugleich das Begehren nach Autorität, nach Orientierung verschwunden. Indem ich Mutter wurde, begriff ich, dass Autorität – entgegen jenem Misstrauen, das so tief und mit guten Gründen in unserer Generation verwurzelt war – nicht gleichzusetzen ist mit Macht und Gewalt, sondern notwendig ist in menschlichen Beziehungen, die auf Abhängigkeit beruhen. In diese Phase der Suche nach einem neuen Selbst- und Weltverständnis fiel fruchtbar  die Lektüre der Texte der DIOTIMA-Gruppe in dem zweiten ins Deutsche übersetzten Band „JENSEITS DER GLEICHHEIT. Über die Macht und die weiblichen Wurzeln der Autorität“ und die Bekanntschaft mit der Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger, deren Autorität ich, Jahre nachdem ich die Universität verlassen hatte, anerkennen konnte als Stimme einer Frau, nach deren Leitung ich mich schon so lange und so lange vergeblich, wie mir nun bewusst wurde, gesehnt hatte.

„Das Gebot der Mutter“ und die Stimme der Vernunft
Diana Sartori fragt in dem einleitenden Text des Bandes nach der weiblichen Autorität, dem „mütterlichen Gebot“.  Die Begründung der Autorität der Mutter, die sie vorstellt, wendet sich ab von der Idee der Aufklärung, die Kant so prägnant in „Was ist Aufklärung?“ formuliert hatte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Die Leitung des Anderen, von der es sich zu befreien gilt, Kant stellt es in Beispielen dar, ist die Leitung durch die  männlichen „Autoritäten“: des Vaters, der Kirchenmänner, der Staatsbediensteten, der Lehrer. Ungenannt bleibt, wie Sartori feststellt, in dieser Reihe die Autorität der Mutter, die „erste Autorität“ wohl auch für das Kind Kant war.  Sie wird idealiter, sobald die Vernunft erwacht, im „Kategorischen Imperativ“ ersetzt durch die „Stimme des Gewissens“. Autorität hat für das „autonome Subjekt“ allein „die Vernunft“. Im Raum der Vernunft begegnen sich atomisierte Vernunftwesen, die durch nichts aneinander gebunden sind: frei und gleich. Freiheit ist in diesem Denken gleichzusetzen mit Unabhängigkeit. Die Autoritäten (die nur als männliche „Vormünder“ vorgestellt werden können) stehen der Freiheit im Wege; es gilt, sich von ihnen zu lösen. Auch die Frauenbewegung hat diese Vorstellung aufgegriffen: „Wie ihre Brüder haben sie gegen die autoritäte Macht der Väter gekämpft und tun das immer noch – dies, so meinen sie, sei die Schlacht, die zu schlagen ist, und deshalb misstrauen sie auch der mütterlichen Autorität.“ (Diana Sartori: „Du sollst.“ Ein mütterliches Gebot.)

Die andere Freiheit
Die Philosophinnen der DIOTIMA-Gruppe stellen diesem Kampf um die Übernahme oder Teilnahme an der Macht eine andere Idee von Freiheit und Autorität entgegen, die aus der „Symbolischen Ordnung der Mutter“ (Luisa Muraro) hervorgeht. Es ist die Idee, dass Freiheit nur möglich und lebbar ist in Beziehungen (und das heißt Abhängigkeiten). Die Besinnung auf die Autorität der Mutter ermöglicht es, die eigenen Freiheitsmöglichkeiten wahrzunehmen, ohne die eigene Bedürftigkeit leugnen zu müssen. Sartori weist dabei die Idee zurück, dass die Autorität der Mutter notwendig mit bestimmten moralischen Inhalten (etwa denen einer „Fürsorgeethik“ als typisch weiblich) verbunden sein muss. Es geht eben nicht um die Inhalte, die von der mütterlichen Autorität vertreten werden (denn die konkrete Mutter kann ja durchaus Agentin des Patriarchats sein), sondern um die Form dieser Autorität, die auf der Beziehung gründet. Autorität ist in dieser Beziehung nicht, was jemand hat, sondern was eine Andere anerkennt: „Das Wesentliche, nämlich eine Ordnung für den Bezug zur Autorität selbst zu schaffen, findet ...statt, und es kann gar nicht ´abdanken´. Macht kann man durch Vollmachten ausüben und weitergeben. Autorität dagegen genießt diese Fähigkeit des Stellvertretertums nicht, denn sie geht dann unweigerlich verloren..., da die Autorität immer daran gebunden ist, im eigenen Namen ausgeübt zu werden.“ Die Freiheit, die hieraus hervorgeht, ist keine Freiheit, die sich im Raum des Rechts zwischen unabhängigen atomistischen Vernunftseinheiten realisiert, sondern eine Freiheit, die sich auf das konkrete „Du“ bezieht, auf das sie bezogen bleibt und auf eine konkrete Situation, in der sie sich verwirklicht.

Glücksfälle: Die andere Frau
Das Begehren nach der  „symbolische Ordnung der Mutter“, der Verwirklichung der Freiheit in der Beziehung zur Anderen, der Anerkennung der Autorität der Anderen, die mich leitet und mir ermöglicht, meinen eigenen Weg zu finden, kann in den patriarchalischen Systemen (und also auch in der Universtität) für eine Frau in der Regel keinen Widerhall finden. Denn die kulturellen symbolischen Formen dieser Institutionen stimmen mit den Erfahrungen von Frauen nicht überein. Eine Frau, also, braucht eine Frau, um mit dieser gemeinsam und geleitet durch diese eine symbolische Ordnung zu errichten, die ihren Erfahrungen entspricht. Ich hatte das Glück, einer solchen Frau, deren Autorität ich anerkennen konnte, zu begegnen, als ich es am meisten brauchte.

„Im Mittelpunkt dessen, was die Anerkennung von Autorität ermöglicht hat, stand jedoch die Arbeit an den Unterschieden unter Frauen. Nicht nach jener Vorstellung von Differenz, nach der eine Frau anders ist als jede andere, wodurch sich das Ganze in eine gleichgültige Beliebigkeit, in eine unendliche Reihe von Differenzen verwandelt. Es geht vielmehr um Differenz im Sinne von Ungleichheit, die zwischen zwei Frauen anerkannt wird, wobei immer von dem Reichtum ausgegangen wird, den jede hat: das Begehren. Eine Frau hat ein Begehren, und die andere wird als diejenige empfunden, die den Weg zur Verwirklichung dieses Begehrens bahnen kann. Dieser anderen Frau wird dann die Autorität zugesprochen.“

(Chiara Zamboni: Symbolische und gesellschaftliche Ordnung; in: DIOTIMA: JENSEITS DER GLEICHHEIT. ÜBERMACHT UND DIE WEIBLICHEN WURZELN DER AUTORITÄT., Königsstein/Taunus  1999)

Christa Bürger: „Mein Weg durch die Literaturwissenschaft“
Christa Bürger befand sich zu jenem Zeitpunkt, als ich in ihr Doktorandinnenkolloquium eintrat, selbst an einem Wendepunkt auf ihrem „Weg durch die Literaturwissenschaft“. Sie hat diese Wende einige Jahre später im gleichnamigen Suhrkamp-Band beschrieben, der  damit beginnt, eine solche Autoritätsbeziehung zu benennen, auf die sie sich in der Beziehung zu einer anderen Frau einließ: „Ohne die Begegnung mit Christa Sengespeick“, schreibt Christa Bürger, „hätte ich dieses Buch nicht geschrieben.“ Christa Bürger erzählt hier davon, wie sie das „mächtige Tabu“  der Wissenschaft überwindet: „das Verbot im eigenen Namen zu sprechen.“ Erst dadurch, indem sie nach diesem „Ich“ fragt, wird es ihr möglich, die Stimmen der toten Frauen zu hören, die eine andere Ästhetik vertreten haben als jene, die die Literaturwissenschaft als Kunst adelt: „wo Sprache nicht LITERATUR ist, sondern Mitteilung.“ Bürgers „Annäherung an den Feminismus“ geht aus dem Gespräch mit anderen Frauen hervor, dem Gespräch mit der Schwester zum Beispiel: „denn während sie mir ihre Geschichte zu erzählen versuchte, habe ich erfahren, wie wichtig es ist zuzuhören, und ihr zuhörend habe ich gemerkt, dass ich ein winziges Teilchen einer großen, nie aufgeschriebenen, selten erzählten Geschichte zu fassen bekam, und ich habe mir vorgenommen...zu verstehen.“ In „Mein Weg durch die Literaturwissenschaft“ spürt Christa Bürger ihrer eigenen „Selbstvergessenheit“ nach, die ihr den Zugang zur Institution ermöglicht hatte und sie zugleich zwang, sich selbst fremd zu werden: „Indem selben Maße, wie ich schreibend verstehen wollte, veränderte sich auch meine Schreibhaltung. Das methodische Nicht-Wissen, mit dem ich mich dem durch die Wirkungsgeschichte abgesicherten Wissen der Institution Literaturwissenschaft entzog, bedeutete den Verzicht auf die Konstruktion und die Suche nach dem mir gemäßen Essayismus. Die überkommene Vorstellung vom Werk und von der Form, das institutionalisierte Wissen, konnten einer Literatur nicht gerecht werden, die sich dem Autonomiegesetz nicht fügen wollte und der ich ihre je besondere Weise des formenden Umgangs mit dem Leben geduldig erst abfragen musste.“ Aus dieser Haltung ist eine Weise entstanden, dem „Denken des Lebens“ (Christa Bürger) nachzuspüren in den Texten von Frauen und Männern, von der ich mich leiten lassen wollte bei meiner eigenen Arbeit.

„Es kann nicht sein, habe ich mir gesagt, dass keine gegen die einsame Geburt des modernen Subjekts Einspruch erhoben hat, gegen diese lächerliche Selbsthervorbringung des Philosophen aus seinem eigenen Geist, die zugleich die kreatürliche Einheit zerreißt in ein Geist-Ich, das sich die Außenwelt unterwirft, und ein Körper-Ich, das Teil der Außenwelt ist. Es muss eine andere Subjektivität gegeben haben, ein anderes Ich-bin-Gefühl als das Cogito Descartes´, das ein sich selbst ermächtigendes Subjekt der Ordnung der Natur gegenüberstellt, die es fortan nur noch in ihrer Mechanik erforscht, um ihre Kräfte für seine Zwecke – welche? – zu nutzen. Es muss eine andere gegeben haben, die nicht bereit war, sich zuzurichten, ihre Leidenschaften in Regie zu nehmen, sie in Antriebskräfte einer rastlos tätigen Selbstverwirklichung zu verwandeln und zu vergessen, dass sie sterbliche Kreatur ist, abhängig vom Du, um selbst zu sein.“ 

(Christa Bürger: Mein Weg durch die Literaturwissenschaft., Frankfurt 2003)

Diese Hoffnung, eines Tages nicht mehr allein zu denken
Aus der oben beschriebenen (Selbst-)Reflexion sind unter anderem die Erzählungen entstanden, die Christa Bürger 1996 unter dem Titel: „Diese Hoffnung, eines Tages nicht mehr allein zu denken. Lebensentwürfe von Frauen aus vier Jahrhunderten“ veröffentlich hat. Diese Hoffnung hat sich für mich in der Begegnung mit Christa Bürger, den in den Texten der DIOTIMA-Autorinnen ausgesprochenen Ideen und den Gesprächen mit vielen Frauen (auch im Netz) zum Teil erfüllt und zum Teil immer wieder erneuert.  „JENSEITS DER GLEICHEIT“ hat mich einverstanden werden lassen, mit meinem Begehren, nicht „gleich“ sein zu wollen, mich keinem „männlichen“ Prinzip anzupassen und Freiheit nicht im rechtlichen Status zu suchen. Das sind negative Bestimmungen. Sie erfassen daher nicht wirklich, was die Lektüre der DIOTIMA-Schriften und die Begegnung mit Christa Bürger für mich bedeuteten. Denn diese Begegnungen und Texte haben mich eine positive Bestimmung der Autorität und des Gehorsams gelehrt (u.a. auch, indem sich als wahr erwies, dass die Autorität der Mutter sich nicht auf eine andere Frau übertragen lässt, sondern mich ihre Anerkennung zu einer neuen Freiheit in der Beziehung zur eigenen Mutter führte). In JENSEITS DER GLEICHHEIT schreibt Chiara Zamboni, dass lebendige Vermittlung niemals Verschmelzung auf höherer Ebene“ ist. Das Denken der DIOTIMA richtet sich auf die Praxis, die niemals zur „Lösung“ gelangt, sondern in beständiger Veränderung bleibt. Dazu „Ja“ zu sagen, war der Schritt, den ich, jenseits der Idee des Kampfes und der Machtübernahme, als Befreiung erlebte.

 ***

*Dass in diesem Seminar, weder vom Dozenten noch von den Student_inn_en, die feministische Kritik von Luce Irigaray, Julia Kristeva u.a. erwähnt wurde, war Pech – und symptomatisch zugleich.


Kommentare:

  1. 1. es ist zu spät, fast 2 Uhr
    2. bin mir meiner Argumente noch nicht sicher.

    aber ich möchte doch vorläufig das abstrakte, dürre Subjekt verteidigen gegen alle konkretheiten, die dann immer wieder auch zu konkreten gemeinheiten führen. Was ist denn konkret? Wer ist es? Heidegger, de Man, Benn, Nietzsche? Okay okay, das war gemein. Aber ist es falsch?

    Heideggers Haßansage an Hönigswald (http://kritikundkunst.wordpress.com/2012/08/30/nietzsche-steinbruch-ix/) bleibt mir Warnung: da sind mir kantische Subjektabstraktheiten aber lieber als seinsgeschichtlich-konkret verankerter Menschenhaß...

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    1. dir natürlich auch - falls das falsch rüber gekommen sein sollte...

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    2. Wo gehört das hin? Heidegger? Interessiert mich nicht besonders. de Man, Benn - habe ich vor 20 Jahren gelesen, hat mir nicht viel bedeutet. Nietzsche - ist wichtig für mich als Gläubige, um mich immer wieder mit dem Kontrastprogramm zu konfrontieren.

      Aber der Zusammenhang zu den Diotima-Philosphinnen oder meinem Text kann ich nicht herstellen. Menschenhaß finde ich abstoßend - und langweilig. Ich verstehe ihn auch nicht. Und ich bemühe mich nicht drum. Zyniker, die älter als 25 Jahre sind (maximal), halte ich für dumm und inkonsequent. Was hält die denn am ekligen Leben in mitten der Doofen anderen?

      Gehört dieser Kommentar woanders hin?

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  2. Den einzigen Zusammenhang, den ich beim nochmaligen Lesen finde, ist der zur Kritik an Kant. Allerdings wollen die Diotima-Philosophinnen gerade nicht das Subjekt auflösen. Ihre Philosophie entsteht ja auch als Kritik am Dekonstruktivismus, an Derrida und Butler z.B. Es geht hier eher darum, den Prozess der Subjektwerdung anders zu verstehen (aber nicht als Gegensatz, sondern ergänzend) zu dem, den Kant vorschlägt. Was "konkret" in diesem Zusammenhang bedeutet, wird ja gesagt: Das "DU", die andere Frau (kein Text!)

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  3. so, jetzt weiß ich wieder, worauf es hinaus lief: Es hat allerdings mit meinem sehr speziellen Verständnis von Subjekt zu tun: Ohne alle Eigenschaften, kahl, und also frei, will sagen: volkommen offen für alles und alson möglichst bunt inmitten lauter anderer bunter "Subjekte". "Subjekt", sonst eher ein Begriff aus der Kriminalistik ("verkommene Subjekte") habe ich niemals negativ gesehen, habe auch den kriminalistischen Sinn des Wortes immer mitgelesen.

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  4. Vielleicht bist du da wesentlich näher dran an den Diotima-Philosophinnen, als es sich auf den ersten Blick ausgenommen hat. Offenheit und Bindung schließen sich ja gerade nicht aus. Deren Behauptung wäre ja, dass Offenheit erst aus Bindungen heraus möglich wird. Denn Offenheit wäre das "aus sich herausgehen können", während "Autonomie" ja hieße: Ich bleibe immer ganz bei mir, bin gerade nicht offen, sondern "geschlossen", unzugänglich.

    Worum es hier in meinem Text, bei den Diotima-Philosophinnen und auch bei Christa Bürger jedoch vor allem geht ist ein Aspekt, auf den du (zumindest nicht für mich erkenntlich) gar nicht eingehst und der eben gerade bei den von dir benannten "Gewährsmännern" auch gar keine Rolle spielen kann: nämlich das weibliche Erstaunen (auch durchaus verbunden mit einem nachsichtigen Lächeln), wie es z.B. Christa Bürger in der von mir zitierten Passage formuliert, über die Wahn-Idee, das Subjekt könne gleichsam aus dem Nichts "selbst-gebürtlich" erscheinen. Walter Benjamin hat dafür ein Bild gefunden,über das frau wahlweise erschrecken oder lachen kann: Benjamin: Denkbilder

    Diese Subjektidee wird hier kritisiert, aber durchaus wohlwollend, liebend, wenn du so willst, wie ja auch das Lachen der Frauen die einzig angemessene Reaktion auf Nietzsche sein kann. Ein Lachen, das kein Aus-Lachen ist, sondern das ist, was dieses Denken fordert, was es begehrt: Zurückgeholt zu werden in die Körper und deren Offenheit, auch deren Verletzlichkeit, der man ohnehin nicht, auch nicht denkend, schöpfend, schreibend, entkommen kann. Sich dieser Offenheit zu stellen, sie anzunehmen und zu wollen, das wäre die Aufgabe (mit Kant: die Pflicht ;-) ).

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