Freitag, 14. September 2012

NATRIX ("Verbinde dich mit meiner Gier")


Sie hatte die Zettel offenbar hastig mit einem Bleistift beschriftet. „Es zeigt sich, wie begründet unsere Vorsicht war. Die optimistische Einschätzung unserer Vorgänger hat sich als voreilig erwiesen. Wir können B. zu keiner Zeit vertrauen.“, diktierte Chefarzt K. in sein Phone, nachdem er die schmutzigen Papiere durchgesehen hatte, die unter der Matratze der Gefangenen gefunden worden waren. 

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Dein Gesang macht mich nie müde. Ich lausche deiner Stimme und lasse meinen Körper zum klingen bringen, bis er dir aufs Wort gehorcht. Das bin nicht ich, die sich dir so biegsam entgegen windet, das ist mein Geist, der der Poesie deiner Worte folgt. (Ich habe geschworen!)

Dies ist ein Bund für die Ewigkeit, den die Sterblichen nicht schließen können. Wer nicht töten kann, soll nicht zu uns gehören. Ich träufele mein Gift in den Biss, mit dem ich mich dir unterwerfe. Verbinde dich mit meiner Gier. 

Wie treu kann eine sein, die solche Wunden schlägt? Was glaubst du? Doch mein Geist ist nicht verworren. Ich sehe klar. Du hast mich inhaliert. Ich bin in deinem Blut. Dachtest du wirklich, dass du mich los wirst, wenn du mich einsperren lässt? Hier bin ich nicht. Ich bin in dir.

Du gabst mir ein Frauenzimmer, ausgestattet mit roten Teppichen.  Ich sollte mich darauf, ließest du ausrichten, in Unzucht wälzen. Ich gehorche dir immer, wie du weißt. Doch ich stellte eine Blume ins Fenster, die leuchtete meine glühende Lust hinaus.

Ich kann nicht lügen. Du bist verloren.

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Drei Tage nach der Lektüre der schmuddeligen Papiere wurde bei der Dr. K. Prostata-Krebs diagnostiziert. Die Prognose ist günstig. Doch bis auf Weiteres hat Kollege H. die Leitung der Anstalt übernommen.. Manchmal plagen den H. die Aufzeichnungen der B. in seinen Träumen. Doch er glaubt nicht, dass die Gefangene eine ernsthafte Gefahr darstellt.



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Das Ende der Handschrift


Kommentare:

  1. Das Lesen Deiner Fabelwesentexte löst bei mir häufig eine Art Verwandtschaftsgefühl aus (mir fehlt ein treffenderes Wort), Verwandtschaft zwischen diesem nach außen gebrachten und meinem inneren Text, so ungefähr, auch diesmal wieder.
    Vielleicht gibt es doch eine Art Kommunikation zwischen Texten, zwischen den geschriebenen und den inneren, denen die Worte fehlen.

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  2. Dies "Verwandtschaftsgefühl" freut und ehrt mich. Die "Fabelwesen"-Texte verstehe "Ich" (mein Bewusstsein) selbst nicht. Da redet "etwas" (was dennoch auch "ich" - klein geschrieben ? bin) aus mir heraus, das mir fremd bleibt, aber nah. Dennoch glaube nicht an "die Rede" der Texte untereinander, so wenig, wie ich an "Fabelwesen" "glaube" - was geschrieben steht, ist aus mir gekommen - und wenn ich Glück habe, klingt es in einer anderen wider. Es sind die Körper, denke ich, die diesen Resonanzraum schaffen, in dem die Worte klingen, statt "Bedeutungen " zu haben.

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  3. Jetzt musste ich eine Weile darüber nachdenken, wieso ich Deine Sicht gar nicht als Widerspruch zu meiner empfinde (ohne auf eine "Einigung" aus zu sein :-)). Vielleicht, weil ich den Eindruck habe, dass diese von einem unserem Bewusstsein fremden Teil unserer selbst gesprochenen/geschriebenen Texte in Wirklichkeit mehr wir selbst sind, oder uns zumindest näher kommen, als bewusst von uns konstruierte und gründlich überlegte Texte. Die Distanz zwischen einer Person und ihren Worten bzw. dem, wie sie sich in Worte fasst/ fassen lässt (von dem fremden und dennoch zugehörigen Teil ihrer selbst) ist, glaube ich, geringer, wenn sie sich den aus ihr kommenden Worten hingibt, statt diese Worte sich unterzuordnen. Etwas Instinktives und ja, deshalb auch Körperliches. Es findet dann Widerklang in einer anderen Person, die ebenfalls nicht zerdenkt, sondern einfach aufnimmt, als Ganzes (oder mit dem ihrem Bewusstsein fremden Teil ihrer selbst). So in etwa empfinde ich es und kann deshalb Dir ganz zustimmen, ohne meine "Position" aufzugeben. Hoffentlich klingt es nicht zu wirr.

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  4. Ja, in dem Sinne bin ich damit ganz einverstanden, die Metapher zu benutzen "die Texte sprechen miteinander", aber eben a l s Metapher (und nicht in dem Sinne als seien die Texte selbst tatsächlich Subjekte - für mich ist die Idee von einem Subjekt ohne Körper vollständig "leer".)

    In Texten wie dem oben spricht das Verborgene, Fremde, Nicht-Identische (hoffe ich). Christina von Braun nennt es mal das "kleine ich", das sich gegen das große ICH, das Identität, Integrität, Selbst-Bewusstsein behauptet, immer wieder "durch"-spricht und dieses kleine ich, das sich eben körperlos, als "reiner Geist" gar nicht denken kann, kann vielleicht ein anderes ich "treffen".

    Danke noch mal für den Hinweis auf Magriet de Moor. Ich habe "Der Maler und das Mädchen" gelesen. Hast du das auch gelesen? Darin wird erzählt, wie eine Zeichnung Rembrandts entsteht - nicht als Ausdruck seines bewussten Willens, aber auch nicht als "Gegensatz" dazu, sondern im Zusammenspiel von Zufall, Durchlässigkeit, Empathie, Handwerk und Wissen - und es entsteht nicht Wahrheit, sondern eine Wahrheit - die jenes Mannes, jenes Mädchens und einer zufälligen Betrachterin.

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  5. Nein, das habe ich noch nicht gelesen, liegt aber im Wartestapel. Was Du darüber schreibst, klingt interessant. Ich habe "Erst grau dann weiß dann blau" gelesen (mindestens fünf mal, es ist für mich ein tief prägendes Buch), "Der Virtuose", "Die Verabredung", "Herzog von Ägypten" und "Sturmflut", alle empfehlenswert, wie ich finde. Interessant finde ich auch die Autorin selbst und ihre Sicht vom Schreiben: http://www.margriet-de-moor.de/index.cfm

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  6. Ich bin entschlossen, auch noch weitere Bücher von ihr zu lesen. Nach deiner Empfehlung wird es nun zuerst "Erst grau dann weiß dann blau" sein. Da verlasse ich mich ganz auf dich. Was sie über das Schreiben sagt, kann ich gut nachvollziehen: dass es kein Weg zu sich ist, sondern von sich weg. Das erlebe ich auch so, sogar und gerade bei Texten, die autobiographisch begründet sind. Ich suche mich nie beim Schreiben, sondern gehe von mir aus - weit weg, dahin, wo es fremd ist, auch ich mir fremd bin und wo die Stimmen der anderen zu hören sind, die ich nie ganz verstehe, so wenig wie mich, aber nach denen ich mich doch sehne. Die Fremdheit, von der sie spricht, auch in den intimsten Beziehungen (gerade in denen), weckt meine Neugier. Denn das bewegt mich auch: Wie wir uns danach sehnen, einander gerade nicht zu erkennen, in der Liebe. Dies sonderbare Gummiband - die Anziehung und das Wegstoßen.

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