Donnerstag, 11. Oktober 2012

DIE GESTE DES WARTENS (Pflanzung)

Ff. zu "Gesten"


"Die Geste des Pflanzen ist, wie die Alten wussten, wir aber vergaßen, die Ouvertüre zur Geste des Wartens."

Vilém Flusser: Gesten. Versuch einer Phänomenologie



"Mir schien es in jenen Monaten vor der großen Katastrophe als liege Dorothea auf der Lauer. Wie ich hinter meinem Fensterladen auf die Mädchen in Weiß wartete, wenn sie zur Mittagszeit aus dem Lyzeum hinaus ins Licht traten, so kauerte sie hinter den Doppeltüren des Salons oder der schweren Eichentür zur Bibliothek, um mich abzupassen. Ich hatte eine Falle aufgestellt und sie war hinein getappt. Klebrig hatte sich der süßliche Honig, den ich ihr ins Ohr träufelte und der zarte Flaum, mit dem ich sie streifte, ihre sonst so elegante und überhebliche Erscheinung eingehüllt, verschwommen und fahrig gemacht, geschmeidig und fiebrig sich mir entgegen drängend, wo immer ich ihr eine Gelegenheit dazu einräumte. Doch nun hatte sie sich in eine Jägerin verwandelt, hatte sie den Spieß herumgedreht, um mich zu stellen. Ich ahnte nicht nur; ich wusste es sicher, dass sie meinem alten Herren seit Monaten schon ihr Schlafzimmer verschloss. Darum war es mir gegangen. Was ich in sie pflanzen wollte, sollte keineswegs als seine Frucht erscheinen können. Ich stellte mir ihren schwellenden Leib vor, noch bevor ich mich zum ersten Mal mit ihr vereinigte. Es sollte ihr unmöglich sein, ihre Schande zu verbergen und er sollte vor Scham versinken und unfähig sein, sich zu wehren. Denn der Schänder, müsste sie ihm gestehen, sei sein Sohn. Doch meinem gehegten Plan stand im Wege, dass vor dem Warten die Pflanzung notwendig wurde, eine Tätigkeit an die ich nur mit tiefem Widerwillen zu denken vermochte, wenn Dorothea meine Nase zwischen ihre Brüste quetschte."

Kommentare:

  1. Der Knecht und Desideria

    Und am Abend,
    So bei Mondenschein, o weh
    Sah ich ihn, den Knecht,
    Und ihren Leib aus Schnee.
    Sah noch manches dort am Hügel
    Wunderbar
    Stand die Fahne
    Wie sie blutgerötet war.

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