Mittwoch, 3. Oktober 2012

FLEISCHWÖLFE UND NOIRVELLE. Ein Double-Feature von Guido Rohm


Ein Beitrag von Morel


Gleich zwei Texte von Guido Rohm hat der noch junge, engagierte Evolver-Verlag zu einem Buch gebunden. Die blutrünstigen, comicartigen Cover versprechen einem ein billiges, leicht zynisches Vergnügen, wie es frühere Generation einmal in den Spätvorstellungen kleiner, schäbiger Bahnhofskinos erleben durften. Auch dort wurden ja gerne Double-Features gezeigt: Zombies und Surfer, Menschenfresser und Frauen im Gefängnis. Daran orientiert sich also Guido Rohms neues Werk in der Anmutung, was aber schon die erste falsche Spur ist, die dieser raffinierte Autor mit seinen neuen Texten legt. Denn es ist natürlich keine B-Literatur, die wir hier bekommen, wie immer geht Rohm aufs Ganze. Wer das nicht glaubt, möge das auf intelligente Weise verspielte Vorwort des Film-und Gesellschaftskritikers Georg Seeßlen lesen.

Alle Romane und Erzählungen Rohms durchzieht der Gegensatz zwischen Tätern und Opfern. Ambivalenz ist seinem Personal fremd (durch die Hintertür der ständigen Perspektivwechsel kommt sie aber wieder herein). Auch die zwei in einem Band vereinten Texte nehmen sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Welt ein. In Fleischwölfe geht es um eine Familie, die  nach dem Abwurf einer Atombombe und der darauf folgenden Zerstörung der Vegetation sich dem Kannibalismus verschrieben hat. Ihrer Nahrung lauern sie am Rande einer selten befahrenen Autobahn auf. Das B-Movie, das einem das Cover verspricht, würde nun davon erzählen, wie eine unschuldige Familie in die Fänge dieser degenerierten Barbaren gerät. Je nach Zynismus des Regisseurs kämen dann nur die Sympathischsten, die Dümmsten oder gar niemand frei. Rohm nennt Fleischwölfe Roman zum Film, weil es ihm im Kern aber gar nicht um das Ereignis geht, sondern um seine Verarbeitung. Denn nach ihrer Entdeckung wird die Geschichte der Kannibalen verfilmt, der Film skandalisiert, der Filmskandal vom Kulturfernsehen problematisiert und schließlich sogar die Entstehung von Film und Skandal dokumentiert. Dabei beginnt das Buch im Zentrum des Bösen mit einem Monolog des Sohns der Kannibalen, der ein Kind zweier Opfer entdeckt, das er mit Einverständnis des Vaters als Haustier halten möchte. Dieser Monolog ist sprachlich so brillant (gestaltet in einer degenerierten, atomverseuchten Kindersprache), dass man sich später manchmal wünscht, Rohm hätte diese Perspektive beibehalten (das muss ihm auch so gegangen sein, denn der Kannibalenjunge taucht als einer der wenigen Protagonisten dieses personenreichen Textes noch ein zweites Mal auf). Aber diese Sprache wird in der medialen Verwurstung und Ausbeutung, um die es nun in den folgenden Kapiteln geht, zum Schweigen gebracht. Zu Wort kommen abgebrühte Horrorvideofreaks, abgestumpfte Polizisten, bemühte Gefängniswärter und ein ahnungsloser Kulturjournalist, der auch aus dem Autor Guido Rohm nichts Verwertbares herauskitzeln kann. Diese Mediensatire ist also böse, kalt und immer komisch. Sie verliert aber nicht aus dem Auge, dass dieser Medienapparat tatsächliche Opfer für Unterhaltungszwecke verwertet. Die eigentlichen Kannibalen leben nicht in der Wüste, sondern bedienen die Schalthebel unserer Bewusstseinsindustrie (für Vorwortschreiber Seeßlen die Blödmaschinen).

Nach diesem Blick auf die Täter müssen wir das Buch auf den Kopf drehen und wenden, damit die andere Seite der Geschichte zur Geltung kommt. In der Noirvelle nämlich stehen die Opfer im Mittelpunkt – Frauen, die von ihren Vätern missbraucht, von ihren Männer misshandelt und von ihren Söhnen missachtet werden. Wie eine Mischung aus Fassbinder-Melodram und Elfriede-Jelinek-Theaterstück geht es um zwei Frauen, die auf rätselhafte Weise verschwinden und in einer anderen Welt wieder auftauchen. Die eine Sonja wird als pornographisches Model von ihrem Mann als Kapital behandelt, in das er in Form von Schönheitsoperationen investiert. Gleichzeitig sehnt sie sich nach seiner Liebe, für die er sich aber andere Frauen aussucht. Sonja ist die sichtbare Frau im Tageslicht. Mit der zweiten Frau Susie, beginnt Noirvelle – beim Versteckspielen haben die andern Kinder sie absichtlich nicht gefunden. Wie Sonja wurde sie als Kind missbraucht, aber sie geht einen anderen Weg: den der Frau, die zu haben ist, sich selbst zum Objekt macht, endlich gefunden werden will. Und dann von einem Mann geheiratet wird, der sie als Hausfrau im Eigenheim versteckt und so lange ausbeutet, bis ihre Sexualität sich in Spülmittel aufgelöst hat. Susie ist die unsichtbare Frau, die nur noch ein Loch im Dunkel des nächtlichen Schlafzimmers ist. Als Susie ihr Gegenbild Sonja in der Zeitung entdeckt, deutet sich für sie eine Lösung an, die auf die Überwindung der Einsamkeit hinausläuft. Das Verschwinden aus der Männerwelt, um an dem Ort aufzutauchen, wo die Literatur entsteht.  Und um die geht es Rohm letztendlich: eine Sprache zu finden, die sich nicht so einfach zum üblichen Medienquatsch verwursten lässt. Mediensatire und Melodram, das ist das Double-Feature, in das Guido Rohm mit seinem neuen Buch einlädt – wer dieser Einladung folgt, muss sich auf einen Film einstellen, der länger nachwirkt als eine Tüte Popcorn. 

Guido Rohm: Fleischwölfe - 0. Eine Noirvelle. Evolver Verlag, € 14,00

  

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