Samstag, 24. November 2012

PRINTPRODUKTE und AUTOMOBILE: Nur noch für Liebhaberinnen?

Wieder einmal war es überall Thema: Das Verschwinden der gedruckten Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, der Druck auf den "Qualitätsjournalismus" und die "Qualitätsliteratur" durch neue Vertriebswege wie Amazon und neue Medienträger wie Lesegeräte, Tablets und Smartphones. Die Redakteurinnen der Renommierblätter und die Verlegerinnen und Autorinnen der "Hochliteratur" beklagten, wie in der Vergangenheit so auch diese Woche wieder, wahlweise die "Umsonst-Mentalität" der Leserinnen oder die Marktmacht von Amazon, Google und Co. 

Viele sehen in Google, Facebook und Amazon bösartige Kraken, die Daten sammeln, Nutzerinnen manipulieren und Märkte beherrschen. Da ist was dran. Es sind kommerziell orientierte Unternehmen, die Gewinn machen wollen. Was bei aller Kritik aber meist vergessen wird: Ganz offensichtlich bieten diese Dienste den Nutzerinnen etwas, was diese wollen. Googles Suchmaschine ist leicht zu bedienen und bringt brauchbare Treffer, Facebook ermöglicht es Kontakte auf simple Weise zu pflegen und Amazons Service funktioniert reibungslos und schnell. Ich benutze als Standardsuchmaschine Ixquick, aber bei Maps und Bildern sind die Treffer über Google einfach besser. Bei Facebook bin ich, weil viele dort sind, auch jene, die ansonsten wenig im Internet unterwegs sind (zu dem Thema hat Antje Schrupp Anfang der Woche gepostet: Hier). Durch Amazon kann ich endlich englischsprachige Literatur genauso schnell erhalten wie deutschsprachige und muss nicht immer zweimal (zum Bestellen und Abholen) zur Buchhandlung radeln, die für mich eben nicht "mal um die Ecke" ist. 

Amazon-Chef Bezos antwortet heute in der bald wahrscheinlich vom Markt verschwindenden Frankfurter Rundschau auf die Frage, warum er an dem Ast, auf dem Amazon sich ganz gut eingerichtet hatte, nämlich dem Versand gedruckter Bücher, selbst durch die Entwicklung des Kindle-Lesegeräts gesägt habe: Weil es Spaß mache, Neues auszuprobieren. Vielleicht war diese Antwort kokett. Jene aber, die die neuen Entwicklungen und die wachsende Marktmacht einzelner Anbieter beklagen, haben sich allzu lange auf ihren bisherigen Geschäftsmodellen ausgeruht. Warum haben die deutschsprachigen Verlage nicht rechtzeitig eine eigene Versandplattform aufgebaut, die Amazon Konkurrenz hätte machen können? Warum haben sie keine Lesegeräte entwickelt? Warum haben sie so lange gezögert Ebooks anzubieten und tun es auch jetzt zum Teil nur widerwillig und zu Preisen, die aberwitzig sind? Warum haben die deutschen Zeitungsverlegerinnen keine Internetplattformen für den Kleinanzeigenmarkt entwickelt, der ihnen jetzt weg bricht? 

Es gibt für mich nur wenige Gründe, überhaupt noch gedruckte Bücher zu kaufen: Bildbände und wenige bibliophil ausgestattete Werke mögen dazugehören und ab und zu etwas zum Lesen in der Badewanne. Gedruckte Zeitungen kommen mir bald nicht mehr ins Haus. Ich bin die ewige Schlepperei zum Altpapier-Container leid. Hier warte ich nur noch darauf, dass die Verlegerinnen ein Modell entwickeln, wie ein Abo auf mehreren Lesegeräten angeschaut werden kann (damit ein Haushalt diesselbe Zeitung oder Zeitschrift nicht mehrmals abonnieren muss). 

Ja, es wird Verliererinnen geben durch die Veränderungen dieses Marktes. Ich denke, das wird vor allem das Verlagswesen und die Händler betreffen. Auch die Schmiede konnten sich nicht halten, als das Automobil sich durchsetzte. Ja, es besteht die Gefahr von Monopolbildungen. Gegen Monopole helfen Wettbewerbsgesetze; vielleicht müssen sie angepasst und verschärft werden. Die alten Geschäftsmodelle werden in Zukunft keine Arbeitsplätze mehr sichern und keine Verlegerdynastien mehr ernähren. So ist es. Wie es zukünftig sein wird, weiß man noch nicht. Die "New York Times" konnte die Zahl ihrer Abonnentinnen um 40% steigern, dank der Abos im Internet. Sie schreibt dennoch rote Zahlen. Das liegt nicht an der "Umsonst-Mentalität" der Kundinnen, sondern daran, dass noch nicht klar ist, wie der Verlust an Kleinanzeigenkunden wettgemacht werden kann. In den USA gründen sich Stiftungen zum Erhalt und zur Herausgabe von Internetzeitungen. Plattformen sammeln (wie im 18. Jahrhundert Verlage Subskribentinnen) Geld für Projekte (So wurde z. B. dieses tolle Buch finanziert: Womanthology). Noch ist nicht klar, welche Lösung am sinnvollsten ist. Wahrscheinlich wird es nicht eine einzige sein, sondern viele verschiedene Modelle werden neben- und  miteinander erprobt werden. Auch soziale Fragen werden sich neu stellen: Chancengleichheit erreicht man künftig wahrscheinlich weniger durch den Erhalt und Ausbau der städtischen Leihbücherei als durch die Bereitstellung von kostenlosem WLAN und preisgünstigen Tablets. 

Eines ist jedenfalls klar: Wer seine Kundinnen und Leserinnen als "Publikum" beschimpft, das einfach zu doof, zu faul, zu geizig sei, um die "Qualität" zu würdigen, die man ihm wie sauer Bier anbietet, der wird zu Recht verschwinden - vom Markt und aus der Geschichte. Die Mehrheit hat nicht immer Recht. Aber mehr Vielfalt haben weder die Internet-Natives zu bieten, die von den Nutzerinnen ein Interesse für Programmierung erwarten, das die Mehrzahl nicht aufbringen will und kann, noch die traditionellen "Hochkultur"-Verteidigerinnen. Ich möchte ebenso wenig in einer Welt leben, in der es nur Thomas-Mann-Gesamtausgaben und keine Comic strips gibt, wie in einer, in der alle Mercedes fahren und niemand einen VW-Bus. (Ich selbst fahre übrigens fast gar nicht Auto und glaube auch nicht daran, dass dieses Verkehrsmittel eine Zukunft hat. Es wird Liebhaberinnen dafür geben, so wie für gedruckte Bücher; aber als Massenfortbewegungsmittel ist das Auto genauso wenig zukunftsfähig wie das gedruckte Buch und die gedruckte Zeitung als Massenmedium.)

(Ach, übrigens: Der Weltuntergang ist abgesagt. Auch diesmal.)



Link:
http://generischesfemininum.wordpress.com

Kommentare:

  1. Off-topic bzw. ganz tief ins Detail: Ich LIEBE das generische Femininum!!! Wie ein Entspannungs-Wort-Whirlpool im großen Maskulinum-Meer ...

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    1. Ja. Das geht mir auch so! Eine Erholung. Sich einfach mal nicht "rein" denken müssen.

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