Donnerstag, 24. Januar 2013

TROTZ ALLEDEM (Aufruf zur Revolte gegen den frühen Vogel)


Manchmal geht die Geschichte schief. Der Weltgeist folgt dem Zeitgeist und so kommt sie vom Wege ab. Manchmal fängt etwas revolutionär an und endet als Sturm im Wasserglas. Manchmal braucht es einen zweiten Anlauf. Manchmal hat sich das falsche Bewusstsein so tief in Habitus und Sprache eingenistet, dass es mehrere Generationen braucht, die Verwirrung des Geistes, den Widerstand des Nicht-Denkens gegen die zu denkende Wahrheit in eine Wirklichkeit zu verwandeln. Unseren Bemühungen entgegen steht nicht nur eine Wirtschaftsordnung, die zur Religion erhoben wurde, sondern auch eine symbolische Ordnung, deren mit Wertung (d.h. Abwertung) aufgeladenes Zeichensystem erst in einem mühsamen Prozess umgedeutet werden muss.

Unsere Revolte im Jahre 2007, Schwestern und Brüder, lasst uns den Tatsachen ehrlich ins Auge schauen, verpuffte folgenlos. Wir unternahmen einen mutigen Anlauf, eine Gesellschaftsordnung radikal zu verändern, durch die unser Lebensmut täglich erstickt, unsere Freude beschnitten, unser Glück getrübt wird. Doch wir scheiterten, kläglich muss man sagen. Wir unternahmen eine übermenschliche Anstrengung, um uns in einer gemeinschaftlichen Aktion gegen die Unterjochung zu stemmen – und unterlagen!

Was waren die Gründe für unser niederschmetterndes Versagen? Ich brauche es euch nicht zu sagen, Schwestern, Brüder, ihr wisst es so gut wie ich. Die Methode, mit der unsere Feinde, die Parasiten an unserem Lebenssaft, uns klein halten, uns täglich die Kräfte rauben und unseren Widerstand erlahmen lassen, ist simpel: Wir sind immer müde. So ist es, Freundinnen und Freunde, Leidengenossinnen und – genossen! Sie zwingen uns durch ein perfektioniertes System aus Erziehungsanstalten, Arbeitsvorschriften und moralischer Diskriminierung ihren Lebensstil auf und halten uns durch eben dieses System in einem Zustand, der jeden Widerstand erlahmen lässt.

Sie nennen uns Morgenmuffel und sich selbst Frühaufsteher; die Liste der Worte, mit denen sie uns ausgrenzen und herabwürdigen ist lang: Murmeltier, Faulpelz, Matratzenwärter. Liebste Mithäftlinge, ich bitte Euch um Verzeihung, dass ich diese Worte ausschreibe, die euch schmerzen müssen. Doch ist es meine Absicht, euch aufzurütteln. Ich weiß: Ihr seid, wie ich, müde, ausgelaugt, ausgebrannt, durch diese ewige Anpassung an eine Lebensform, die euch nicht entspricht. Lasst uns dennoch und deshalb noch einmal gemeinsam einen Anlauf nehmen, die Welt zu verändern!

Es muss nicht sein, dass Menschen wie wir in der Dunkelheit grausam durch schmerzhafte Laute geweckt und aus dem wärmenden Bett gerissen werden, um irgendeiner Arbeitstätigkeit nachzugehen, die einen  - wie in meinem verzweifelten Fall – Dienstantritt um 7.30 Uhr verlangt. Das ist nicht natürlich! Das ist nicht Gott gewollt! Das sorgt nicht für ein höheres Bruttosozialprodukt, nicht für bessere Stimmung, heitere Mienen, glückliche Familien.

Ich mache mich vielmehr anheischig, eine Vielzahl schwerwiegender gesellschaftlicher Probleme auf eben diesen brutalen und rücksichtslosen Umgang mit dem natürlichen biologischen Rhythmus von Menschen wie uns zurückzuführen: Verkehrsrauditum, demographischer Wandel, Jugendkriminalität, Burnout – alles Folge der fürchterlichen Herrschaft der Alpha-Menschen (vulgo: Frühaufsteher) über Bildung, Wirtschaft und Politik.

Wir sind zu müde,  zu unorganisiert und – dank der umfassend und durchschlagend wirksamen ideologischen Verblendung – zu wenige Überzeugte, ihr wisst es auch, um jetzt, zu diesem Zeitpunkt den bewaffneten Kampf, die endgültige Revolution zu starten.

Lasst uns dieses Mal daher anders beginnen Lasst uns die symbolische Ordnung verändern. Lasst uns die Worte umwerten. Lasst uns stolz darauf sein, ein Morgenmuffel zu sein. Tragt Buttons! Erfindet Worte für die Bettflüchtlinge, die ihnen die Schamesröte ins Gesicht treiben. Seid vor neun Uhr morgens unausstehlich. Zeigt vor 8.30 Uhr nur noch indiskutable Leistungen. Rechtfertigt euch nicht. Gähnt. Ausgiebig. Lasst demonstrativ den Kopf auf eure Hände sinken. Gähnt noch einmal. Macht die Nächte durch. Seid am Morgen bewusst ungnädig, unwillig und unfreundlich. Aber vergesst nicht: Immer den Button tragen! Immer zeigen, worum es euch eigentlich geht. Seid tapfer. Rechnet mit Sanktionen.

Es wird ein langer Kampf. Vielleicht werden wir die Früchte unseres Widerstandes nicht mehr ernten gönnen. Lasst es uns für unsere Kinder und Kindeskinder wagen!

Vergiftet den frühen Vögeln den Wurm, spuckt es ihnen in die Visagen:

"Nur was zerfällt, vertretet ihr!
Seid Kasten nur, trotz alledem!
Wir sind das Volk, die Menschheit wir,
sind ewig drum, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem:
So kommt denn an, trotz alledem!
Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht!
Unser die Welt, trotz alledem!"

KAMPF UND UNTERGANG DEM FRÜHAUFSTEHEN!

Kommentare:

  1. Danke Ihnen für dieses schöne Pamphlet gegen die Diktatur des Frühen Vogels. Sie sprechen mir damit ja sowas von aus der Seele! Was habe ich nicht alles getan, um morgens motivierter, frischer, schwungvoller zu sein - in der Annahme, ich tickte etwa nicht richtig. Die vermeintliche Faulheit haben auch schon die Eltern an mir kritisiert, wenn ich morgens nicht das blühende Leben, sondern zerknittert und missgelaunt war. So ist der Umstand, dass ich mir eine Postkarte mit der Aufschrift "Der frühe Vogel kann mich mal" an die Wand gehängt habe, für mich die dezente Erinnerung an das Aufbegehren im Kleinen und daran, dass es mein gutes Recht ist, nicht glücklich zu sein über die ständige Müdigkeit und das Ausgelaugtsein, das Sie so treffend beschreiben. Im Grund ist es gesellschaftlich diktierte Körperverletzung, dieses Sich-aus-dem-Bett-quälen-müssen. Ich habe festgestellt, dass auch alle gern und vorschnell gegebenen Ratschläge wie "Dann geh' doch einfach früher schlafen!" der vollkommene Unfug sind und dass ich nun mal so getaktet bin. Offenbar bin ich nicht die einzige. Für diese Erkenntnis danke ich Ihnen sehr.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Den Dank gebe ich zurück. Auch ich bin immer froh, wenn eine oder eine auftaucht, die oder der meine Not und Verzweiflung begreift und teilt. :-)

      Löschen