Montag, 18. Februar 2013

Drei Jahre "GLEISBAUARBEITEN"

Drei Jahre Gleisbauarbeiten. Die erste Strecke gefahren am 18. Februar 2010 ("All die Jahre"), 9 Tage, nachdem ich es gewagt hatte, den ersten Post in "Melusine featuring Armgard" online zu stellen ("Eine zuviel. Liebe ist ein süßes Licht"). Damals schien das ein ungeheurer Schritt, heraus aus den Tagträumen, den Nachtstillen, den mit unleserlichen Buchstaben vollgeschriebenen Notizbüchern, in eine "Öffentlichkeit", von der ich mir einbildete, sie sei ein schwarzes Loch, in das ich all das Ungesagte, Ungelebte, unvollständig Gebliebene, das Sehnen, die Traurigkeit, den Zorn, die Lust ausgießen könnte, ohne dass etwas davon als ein Unheil über mich käme, das ich unvorsichtig gerufen hatte. 

Ich war eine andere vor drei Jahren. Ein Lebensabschnitt, das fühlte ich, ging unweigerlich zu Ende, jener, in dem ich vor allem Mutter gewesen war. Als mein älterer Sohn, den ich im Blog Amazing nenne, für ein halbes Jahr nach Neuseeland ging, erkannte ich, dass ein Abschied bevorstand, ein Abschied vom gemeinsamen Alltagsleben mit den Kindern, aber auch ein Abschied von der, die ich geworden war, in diesen Jahren. Es lag viel Angst und Schmerz in dieser Wahrnehmung, denn die ich geworden war, so schien mir, war belanglos, trostlos, perspektivlos. Mein Leben hatte ich, so dachte ich damals, in eine Sackgasse gesteuert und das anonyme, irreale Meer des Netzes eröffnete eine Möglichkeit, eine Flaschenpost auszusenden, ganz ohne eine Vorstellung davon allerdings, ob und was damit anzufangen wäre, wenn eine oder einer sie finden und auf sie reagieren würde.

Es kam anders, nämlich so: Briefwechel einer Melusine mit Alban Nikolai Herbst. Und so: Wegweiser über die Gleise. Der Ehe-Roman rückwärts, den ich zu schreiben begonnen hatte, wurde ein Projekt von vielen. Ich lernte Menschen kennen in diesem Internet, denen ich schließlich auch im "realen" Leben begegnete. Ich begriff, wie sich durch das Netz Möglichkeiten des fiktiven Schreibens eröffneten, wie ich sie mir in den 80er Jahren erträumte hatte. Wie alle Träume, die sich verwirklichen, trug auch dieser durchaus Züge eines Alptraums. Zum Roman-Projekt kam ein Sequel hinzu "Ich küsse mein Leben in dich (Die Marten-Ehen)." Das Gleisbau-Projekt erforderte eine neue Balance zwischen fiktionaler Autorin "Melusine" und "Ich", derjenigen, die nicht nur schreibend, ein Leben führte. Eine Form von Fiktionalisierung zu finden, die nicht Tarnung, nicht Maskierung war, sondern Vervielfältigung, Befreiung aus dem "Ich"-Zwang ohne Autonomie-Wahn gewissermaßen, wurde ein auf vielen Wegen gesuchtes Ziel: "Auto. Logik.Lüge.Libido." war ein solcher Versuch; der Roman, der aus Briefen entstand, "PUNK PYGMALION" ein anderer. Von dieser Baustelle zweigen weitere Gleisstrecken ab: "Fabelwesen" und andere. Wie das Leben in die Schrift kommt, wie das Geschriebene lebendig wird. Wer weiß. 

Alles wird anders. Die Traurigkeit des Anfangs hat sich in Dankbarkeit verwandelt. Amazing hat ein Studium begonnen und ist ausgezogen. Mastermind, wie unserer jüngerer Sohn hier im Blog heißt, wird im kommenden Jahr sein Abitur machen. Ich bin nicht mehr die Mutter von Kindern. Sie treffen Entscheidungen, zu denen ich nicht einmal einen Rat parat habe. Sie stehen vor einer aufregenden und entscheidenden Phase in ihrem Leben. Zwischen zwanzig und dreißig werden viele Weichen gestellt. Doch heute freue ich mich darauf, sie durch diese Jahre zu begleiten. Ich bin gespannt und optimistisch. Morel und BenHuRum sind regelmäßige Beiträger dieses Blogs geworden und der Blog selbst ein Teil meines Alltags. Neue Roman-Projekte beginnen zu reifen. Ich habe herausgefunden, wieviel meine Erwerbsarbeit mir bedeutet - und was nicht. Womit ich Geld verdiene, macht mir Freude (meistens) und ich erachte es als sinnvoll. Viel mehr kann man nicht verlangen. Es ist nicht der Inhalt oder Gehalt meines Lebens. So wenig wie das Schreiben. Oder das Lesen. Oder, sogar, die Familie. Mein Leben ist all das und noch viel mehr. 

Drei Jahre Gleisbauarbeiten. Ich habe mich verändert. Das Blog hat sich verändert. Ich weiß nicht, wohin das führt. Ein Experiment. Was aus einer Verzweiflung begonnen wurde, wird aus Neugier weitergeführt? Wer weiß, wie lange. 



Kommentare:

  1. Ich gratuliere ganz herzlich! Louis mit allerbesten Grüßen :-)

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  2. Herzlichen Glückwunsch! Dir und Deinen Lesern.
    Ich möchte die Gleisbauarbeiten nicht mehr missen.
    LG, Iris

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  3. Ich auch nicht!
    Deine Präsenz im Netz hat sich für mich von Anfang an wie pure Energie angefühlt.
    LG Phyllis

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  4. Welch` schöner, Sinn stiftender Rückblick und welche Fülle an Leben, liebe Melusine!
    Ich freue mich auf die nächsten drei Jahre... mindestens ;-)
    [gibt`s eigentlich schon ein gedrucktes Buch? Oder ist mir das durch die Lappen gegangen?)
    Herzlich
    Teresa :-)

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  5. @Teresa HzW Herzlichen Dank! (Zum gedruckten Buch - ist in Arbeit, dauert aber noch! Ich werde nicht versäumen, darauf hinzuweisen, ist doch klar. Schließlich bin ich dann stolz wie Bolle, oder so :-).

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