Donnerstag, 21. Februar 2013

"KEIN BUCH HAT EIN ENDE" - Danke, Otfried Preußler!

"Welches war dein Lieblingsbuch von Otfried Preußler", wurde ich im "realen Leben" genauso wie auf Facebook und Twitter gefragt, nachdem sich die Nachricht verbreitet hatte, dass der Kinderbuchautor am Montag gestorben ist. Ich musste keine Sekunde überlegen: Der Räuber Hotzenplotz, na klar. 

Ich habe dieses Buch geliebt. Auch die Hörspiel-Platte hatte ich und hörte sie rauf und runter, bis sie ganz zerkratzt war. Es sind vor allem die Namen, die es mir angetan hatten: Hotzenplotz, Petrosilius Zwackelmann, Wachtmeister Dimpfelmoser oder auch die Stadt Buxtehude, in die Zwackelmann reist, was dem Kasperl die Gelegenheit gibt die Fee Amaryllis zu befreien. (Ich wusste damals nicht, dass es in Norddeutschland ein "echtes" Buxtehude gibt.)  Das Buch ist, wie ich jetzt recherchiert habe, 1962 zum ersten Mal erschienen, drei Jahre vor meiner Geburt. Ich weiß nicht genau, wann ich es zum ersten Mal gelesen habe, aber ich glaube, dass es mir vorgelesen wurde. 

Was das Kind, das ich war, am "Räuber Hotzenplotz" schätzte, sind Lese-Erfahrungen, die auch heute noch viel damit zu tun haben, ob eine Erzählung mich "mitreißt" oder eher kalt lässt. Ich mag eine begrenzte Anzahl an Figuren, nicht allzu viel Psychologisierung und eine eher überschaubare Handlung. Wie´s in einem Kasperltheater zugeht, dass wusste ich schon, bevor ich den "Hotzenplotz" kennenlernte. Die Überraschungsmomente einer Prosalektüre, an denen ich mich erfreue, ergeben sich meist weniger aus einem raffinierten "Plot" als aus Sprachspielen, aus  Namen und Redeweisen, aus den vertrackten Beziehungen zwischen den Figuren. Und ich mag optimistische Geschichten, das "Märchenhafte": Alles und alle können sich ändern, hast du´s nicht gesehen. 

Und dann denke ich: Aber was du geschrieben hast, dein Roman "PUNK PYGMALION", dem fehlt all das oder er hat "zuviel" davon - eine ziemlich verwickelte Handlung, Psychologie, zu wenig Dialoge und es endet pessimistisch. Schreibe ich etwa nicht, was ich gerne lesen würde? Vorgestern und gestern habe ich noch einmal in meinen Roman hineingelesen, dem sich jetzt andere annehmen werden, und trotz all dieser Aspekte, las er sich gut, empfand ich ihn als spannend und entdeckte - natürlich - gleich wieder einige Schwachstellen. Ich bin nicht unzufrieden mit diesem "Erstling" (insofern es um die Gattung "Roman" geht), aber demnächst will ich etwas ganz Anderes schreiben. Ein Konversationsstück, dialoglastig und handlungsarm. Einen Arbeitstitel habe ich auch schon: "Drei Sabinen".  Außerdem: Zu meinen Lieblingsromanen gehören dicke Brocken wie Johnsons "Jahrestage" oder Peter Weiss´ "Ästhetik des Widerstands", genaus so wie Austens "Emma" oder Brontës "The Tenant of Wildfell Hall" oder Woolfs "Orlando". Ein "Muster", warum etwas mich begeistert, lässt sich nicht wirklich erkennen.

Heute früh, als ich zum Frühstück hinunter in die Küche kam, lagen da die Frankfurter Allgemeine Zeitung  und die Frankfurter Rundschau, beide mit dem Hotzenplotz auf dem Titel. Dieser unmittelbare Vergleich bestätigte mir noch einmal, dass ich die Rundschau nicht vermissen werde: 

Arm oder lebendig?
Romane für Kinder werden nicht von allen für "voll" genommen. In der Debatte über die Änderungen, die der Thienemann Verlag in der "Kleinen Hexe" vorgenommen hat, konnte man das deutlich erkennen. Viele Diskutanten, vor allem diejenigen, die gegen die Änderung argumentierten, bezogen sich kaum oder gar nicht auf Preußlers Werk. Es war ihnen, nehme ich an, nicht wichtig genug. Dabei ist es egal, ob eine für Kinder oder Erwachsene schreibt: Es wird jedenfalls nie gelingen, wenn eine Autorin oder ein Autor das  Publikum verachtet. Otfried Preußler hat sein junges Publikum immer ernst genommen und sich dessen Kritik gestellt. Aus meiner Sicht hat Otfried Preußler Welt-Literatur geschrieben. Literatur, die über Kulturgrenzen hinweg, wie die großen Auflagen im Ausland zeigen, ihren Zauber und ihre Faszination entfalten kann; Literatur, die über die Zeit hinaus, in der sie entstanden ist, eine Leserschaft findet, die von den Figuren und Geschehnissen, die hier erzählt werden, ergriffen wird, lacht, weint, mitzittert und -leidet, nachdenkt und versteht.

Es sind Texte wie diese, durch die Menschen  Leserinnen und Leser von fiktionaler Literatur werden und bleiben. Das "Interpretieren" von Texten, wie es im literaturwissenschaftlichen Seminar, häufig unter Beiführung philosophischer Theorien und zuletzt gar als deren Illustration, gepflegt wird, hat noch niemandem zum Lesen von Belletristik verführt. Ich lese erst wieder wirklich gerne, seit ich so nicht mehr lese. (Diese Unterbrechung meiner kindlichen Lese-Lust hat zum Glück nur 4 Jahre gedauert.) Die meisten Leserinnen und Leser wollen entführt werden in eine fremde Welt, die der eigenen zum Spiegel werden kann oder zum Fluchtort oder zur Utopie oder zum Alptraum. Wie dankbar ich bin, dass es Autorinnen und Autoren gibt, denen diese Entführung gelingt! Dann hat ein Buch, wie Otfried Preußler sagte, kein Ende, weil die Welt, die es entwirft, in der Leserin weiterlebt. Dennoch - und paradox - bleibt dies ein schrecklicher Moment: Wenn ein solche Buch "ausgelesen" ist, wenn die letzte Seite umgeschlagen wird. Manchmal, schon als Kind, habe ich diesen Moment hinausgezögert, und schnell parallel ein anderes Buch angefangen zu lesen, um bloß nicht ans Ende zu gelangen. 

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