Montag, 18. März 2013

FRÜHLINGSNACHT. Jean Paul


Ein Beitrag von Morel

Jean Paul Richter
Geboren am 21. März 1763 ist er ein Frühlingskind, ein früher Popstar, beliebt an allen Höfen und Brecher zahlreicher Herzen. Dann wie immer das Vergessen, verstiegene Romane, teilweise düstere Visionen, Alkohol und Schweinebraten. Aber herbstlich wird das Werk Jean Pauls nie – es bleibt dem Frühling treu, nur ist es nicht der Morgen, sondern die Nacht, aus der seine Sätze kommen. Eine Nacht, von der niemals ganz klar ist, ob ihr ein Morgen folgt. Es gibt viel Dunkles in Jean Pauls Romanen: Doppelgänger, extreme Spannungen, eine Welt ohne Gott, Entfremdung von der Heimat. Aber das liegt verborgen unter Witzen und Sentimentalität, Blumen und gemalten Bergen. Und dann eben doch der Sonnenaufgang und das Aufgehen der Saat aus einer anderen Zeit. Nur für ihn, seltsamerweise nicht. Im deutschen Literaturmuseum steht er im Kuriositätenkabinett: ein skurriler Kauz, voller verschrobenem Witz, gleichzeitig sentimental und zynisch. Seine Wirkung, bei einigen wenigen Eingeweihten, entsprang vor allem seiner Sprache.

Zuerst war es der George-Kreis, der ihm aus dem verschroben Provinziellen befreien wollte, ihm damit aber das Erdige und vor allem den Witz nahm. Hieran schlossen sich dann Walter Benjamin oder Paul Celan an, der Worte wie Sprachgitter aus den Jean Paulschen Sprachströmen in seine Lyrik umleitete. Später die Korrektur durch Eckhart Henscheid oder Brigitte Kronauer, die das Komische wieder zu rehabilitieren versuchten. Zuletzt mehr oder weniger gelungene biographische Annäherungen und die Plünderung der Zettelkästen. Es ist die Spannung zwischen Tag und Nacht in seinem Werk, die Jean Pauls Werk auch in der Rezeption keine Ruhe finden lässt.

Es sind bis heute nicht die oft klischeehaften Verwicklungen seiner Romane, die faszinieren, sondern die einzelnen Sätze und die manchmal fantastischen Worterfindungen, aus denen diese sich bilden. Nur dürfen diese funkelnden Diamanten der Sprache Jean Pauls nicht aus den Schluchten ihres Romanbergwerks gehoben und geschliffen werden – dann werden sie zu Modeschmuck. Aber wie Jean Paul lesen, wenn die Prinzessinnen und Dorfpastoren uns fremd bleiben, das Dickicht seiner überbordenden Sprache für Schnellleser nur aus Schwulst zu bestehen scheint? Der Buchmarkt und die Editionspraxis setzten zuletzt auf Aphorismen und Sudelbücher, aber der Zauber Jean Pauls geht verloren, wenn die Zettel nicht zum Werk zusammenschießen dürfen.

Öffnen wir einfach den ersten Roman, Die unsichtbare Loge, um einen Satz zu lesen, denn nur der langsamen Leserin wird sich nach all den Jahren erschließen, worum es bei Jean Paul geht. „Alles Große oder Wichtige bewegt sich langsam… – die Wolken bei schönem Wetter“, wie es darin heißt.

Die unsichtbare Loge, ein Fragment, versetzt Ideen Rousseaus auf groteske und immer wieder vom Erzähler unterbrochene Weise in ein Traumdeutschland voller Burgen, Wälder und Höhlen. In einer solchen wächst Gustav begleitet von einem pädagogischen ‚Genius’ die ersten acht Jahre seines Lebens auf (weil es seine Großmutter eben so will). An seinem achten Geburtstag wird er „gegen die Schönheiten der Natur und die Verzerrungen der Menschen zugleich“ abgehärtet ans Licht gebracht. Dabei leistet sich der „Genius“ einen diabolischen oder himmlischen Scherz. Er macht nämlich Gustav weis, wenn er eine weiße Lilie in der Höhle fände, müssten sie bald sterben. Nach dem Fund von drei weißen Lilien entsprechend gespannt und auf den Tod vorbereitet, kommt es am 1. Juni zum großen Moment, im gemeinsamen Gebet vor den bislang immer geschlossenen Türen der Höhle:

Diese Türen ließ er in der Nacht vor dem ersten Junius, als bloß die weiße Mondsichel am Horizonte stand und wie ein altergraues Angesicht sich in der blauen Nacht nach der versteckten Sonne wandte, mitten in einem Gebete unvermerkt aufziehen – – und nun siehst du, Gustav, zum ersten Male in deinem Leben und auf den Knien in das weite, 9 Millionen Quadratmeilen große Theater des menschlichen Leidens und Tuns hinein; aber nur so wie wir in den nächtlichen Kindheitsjahren und unter dem Flor, womit uns die Mutter gegen Mücken überhüllte, blickest du in das Nachtmeer, das vor dir unermeßlich hinaussteht mit schwankenden Blüten und schießenden Feuerkäfern, die sich neben den Sternen zu bewegen scheinen, und mit dem ganzen Gedränge der Schöpfung!

In diesem Satz steckt der ganz Jean Paul: der Umschlag vom Dunkel ins Licht, das Leben als Vorschein des Tods, der Tod als Abglanz des Lebens, die Natur als großes Theater, die Wiederholung der strahlenden Sterne in den „schießenden Feuerkäfern“. Wie überhaupt alles bei Jean Paul immer gedoppelt sein muss. Auch die falschen Tode gibt es bei Jean Paul mehrfach – in der Unsichtbaren Loge hat das einen pädagogischen Sinn: Gustav soll lernen das menschliche Leiden und Tun als ein Theater wahrzunehmen, gesehen mit den Augen eines Sterbenden, genau abgemessen aber mit den Instrumenten eines Naturwissenschaftlers (denn nur der weiß, wie viele Quadratmeilen es umfasst). Gleichzeitig, auch wenn nur die wenigsten Marxisten Jean Paul gelesen haben dürften, ist die Erde schon das Paradies, auf das wir warten. Und natürlich ist alles ein Schein: die Feuerkäfer neben den Sternen und der Flor, durch den wir als Kinder in die Welt schauen. Offensichtlich wird hier mit Platons Höhlengleichnis gespielt und ein fahler Lichtstrahl fällt aus dieser Höhle, die einem Kino gleicht, auch auf die künstlichen Paradiese des 20. Jahrhunderts. 

Das Licht seiner Theaterwelt erblickte er vor 250 Jahren. 


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Ein Großteil des Gesamtwerkes für 0,00 € als ebook: Jean Paul

Kommentare:

  1. Nietzsche hatte ihn durchschaut. Machen Sie sich doch die Muehe und legen Sie Nietzsches Verhältnis zu diesem Schlafrock aus.

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    1. Wir nehmen keine Aufträge entgegen! (Außer gegen horrende Honorare.)

      (By the way: Nietzsche interessiert m i c h nur als Religionskritiker und unterhaltsamer Stilist. Wenn Sie sich für ihn anders und mehr interessieren, lesen Sie Heide Schlüpmann.)

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