Sonntag, 21. Juli 2013

HOCHGOTIK: Pein und Heim. Das Münster in Bad Doberan

Münster, Bad Doberan
Nur im Norden, in den roten, backsteingotischen Kirchen, in denen alles Vertrauen in die Effekte des Lichts gesetzt wird, um jene farbenfrohe Schlichtheit zu erzeugen, nur dort, nicht aber in den barocken, von Gold gefluteten, mit rundlichen Putti ausgestatteten, auf die Fülle der Bilder setzenden Gotteshäuser des Südens überkommt mich noch die Sehnsucht nach jener kindlichen Frömmigkeit, die sich anheim geben kann. 

Ich verehre den Überfluss, den schönen Schein, den Widerstand gegen die Sparsamkeit, die heillose Verschwendung, den dem Bewusstsein um die Endlichkeit entgegen gestemmten Willen zu Lust und Farbe, gerundeter Weiblichkeit und kindischem Übermut. Aber ich verschwende mich an den Schall der gottesfürchtigen Lieder in hohen  Hallen und an das flimmernde Licht, wie es aus den spitzen Bögen auf geometrisch strenge Muster fällt. "Das Gotische", sagt Morel, "entspricht dem Deutschen." Schnell fügt er an: "Sagt das Klischee ." 

Sich Gefühlen hingeben, denen eine mit Grund zu misstrauen gelernt hat: der Lust, sich zu unterwerfen unter den stärkeren Willen einer Himmelsmacht. "Ich weiß, mein Gott, dass all mein Thun und Werk auf deinem Willen ruh, von dir kommt Glück und Segen, was du regierst, das geht und steht auf rechten guten Wegen." Die Mutter, wie sie die verkrampften Hände der Großmutter von der Decke hob und in die ihren legte, Paul Gerhardts Weisen singend, wie sich etwas löste in deren verhärmten Zügen; ein verunglücktes, langes Leben, dem in seinen letzten Moment dies der einz´ge mögliche Trost war: "Der Weg zum Guten ist fast wild, mit Dorn und Hecken ausgefüllt, doch wer ihn freudig gehet, kommt endlich Herr, durch deinen Geist, wo Freud und Wonne stehet. Du bist mein Vater, ich dein Kind; was ich bei mir nicht hab und find, hast du zu aller Gnüge, so hilf nun, dass ich meinen Stand wohl halt und herrlich sieg." Da erst trat eine Träne aus den vertrockneten, blinden Augen einer alten Frau, die viel zu lange keiner geliebt hatte. Es hätte anders sein müssen. Der Betrug, der an ihr und vielen begangen wurde, um Lebensmut und -glück, der lag auch - und viel davon -  in dieser Art von Ergebenheit, von anerzogenem Unvermögen, sich selbst  zu erspüren und zu behaupten. Sie nahm sich ein Leben lang nichts (heraus), außer dem Vorwurf, den ihr ganzes Dasein darstellte, gegen Heiterkeit, Übermut und Lebenslust. 

Ich habe das hassen gelernt und dagegen rebelliert. Aber wann immer sich eine Tür öffnet zu einer Kirche dieser Art, kehrt die Sehnsucht zurück danach, sich klein zu machen, den Kopf zu neigen und die Knie zu beugen: Hier bin ich, nimm mich hin in deine Hände. 

***

Das Bad Doberaner Münster ist ein beeindruckendes Beispiel hochgotischer Bauweise und Ausstattung: bunt, reich ausgestattet und doch von hinreißender Schlichtheit, weil Raum ist und bleibt für die Regie des Lichtes, das aus den farbenfroh verglasten Fenstern fällt. Das Lettnerkreuz ist wie ein Lebensbaum gestaltet, statt des Leidens und des Todes wird die lebenspendende Kraft des Glaubens gefeiert. Obwohl das Münster Grabstätte des mecklenburgischen Fürstenhauses ist, dominiert hier das Leben, in dessen Unendlichkeit sich der Tod - in Gestalt der Gräber und Grabkapellen -  fügen muss. 

Lettnerkreuz, Münster in Bad Doberan

In der kleinen Residenzstadt Bad Doberan, von der aus im 18. Jahrhundert die ersten Badegäste an die Ostsee nach Heiligendamm fuhren, sind viele schöne Villen aus jener Zeit  und dem folgenden 19. Jahrhundert erhalten. Im städtischen Museum kann man die Geschichte des ersten deutschen Seebades nachvollziehen oder sich am Modell klarmachen, wie ein Zisterzienserkloster im 14. Jahrhundert aufgebaut war. Der Benediktinerorden setzte auf klösterliche Autonomie, was die große, zum Teil erhaltene  Anlage rund um das Münster gut widerspiegelt: Ora et labora.  

Zurück in der Stadt, auf dem Alexandrinenplatz steht dann plötzlich ein Denkmal, das eine hier kaum erwartete: Für Frank Zappa. Vom 1.-4.August, so las ich auf Plakaten, findet im kleinen Städtchen die "Zappanale" statt, mit Beiträgen wie "Dylan, Hendrix, Zappa spielen für Bach" - womit dann, auf überraschende Weise der Bogen wieder zurückgeschlagen wäre zum Beginn dieses Textes und zur Musik der Frömmigkeit: 

"Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!"

(Matthäus-Passion von Bach, Text von Paul Gerhardt)




Kommentare:

  1. Da werden Erinnerungen wach... 2010 waren wir auch in dieser Kirche. Besonders beeindruckt haben mich einige Ecken, die mich an islamische Einflüsse erinnert haben.
    Die Sehnsucht, mich klein zu machen, empfinde ich nicth, wenn ich eine Kirche betrete, es ist eher der Wunsch zu schweigen. still zu sein.
    Das kann aber auch schnell wieder umschlagen,es gibt Kirchen, da verschlägt mir der Rummel die Sprache, zB. Notre Dame in Paris. Da überkommen mich dann ganz andere Gefühle und ich gehe schnell wieder raus.
    Danke für deinen Text, hat mich berührt.

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    1. Danke dafür, dass Du Deine Erinnerungen teilst. Es ist wahrhaftig eine ganz wunderbare Kirche, ein ganz besonderer Ort.
      Das "Klein-Sein" ist durchaus ambivalent, denke ich. Es bedeutet ja nicht nur, "sich kleinmachen" im Sinne von "unterdrückt sein" oder "sich verstecken", sondern auch: "geschützt sein", "Verantwortung abgeben zu können". Als ich ein Kind war, betete ich jeden Abend: "Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein." Lange Zeit fühlte sich das schön an: Die Vergünstigung der Naivität, auch ihre Bereitschaft, sich vollkommen einzulassen und hinzugeben. Dennoch steckt auch da schon die Ambivalenz drin, auch darüber habe ich einmal, in literarisierter Form, geschrieben: Der Feind ist in der Burg

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