Dienstag, 9. Juli 2013

WIR SIND IMMER IM GARTEN GETHSEMANE (Verführung in Güstrow)


Der Norden: rote Backsteinkirchen, endlose Weizenfelder, wilder Mohn am Wegesrand, der Klang der Orgel in den Gassen, unter den Grabplatten zitieren die Inschriften immer wieder die Lichtmetaphorik bei Lukas und Matthäus. Es schallt gegen die düsteren Wände das stumme Gebet der Verworfenen, die volle Hoffnung schöpfen - was Not ist und tut, weiß, wer diesem Glauben huldigt und an ihm leidet. Der Protestantismus stellt seine Schlichtheit wie einen Schmuck aus. 

Wir sind immer im Garten Gethsemane.

(Ich will zu diesem Satz keine Deutung liefern. Es steckt alles darin: der Garten, das Paradies, die Verlassenheit, die panische Furcht, die überirdische Hoffnung: "Wer an mich glaubt..." - und musste doch erst einmal selber an sich glauben, der.) 

Vom Ruppiner See nach Güstrow. Auch dort gibt es einen See mit dem sonderbaren Namen Inselsee. An dem lebte und schaffte Ernst Barlach, baute sich 1930 noch ein Atelierhaus neben das Wohnhaus der Frau, die seine große Liebe und Lebensgefährtin wurde: Marga Böhmer, Ex-Frau seines Freundes und Händlers Bernhard A. Böhmer. Es bliebt ihm wenig Zeit. Die seine Kunst entartet nannten, kamen 1933 an die Macht; seine Werke schafften es rasch auf die von ihnen erstellten Listen verfemter "volksfeindlicher" Kunst. So nicht: So sollten nicht dargestellt werden: die Soldaten, die Bauersmänner und - frauen, die Mütter, Väter und Kinder, so ausgeliefert, so befangen, so bedürftig nicht - und so frei nicht, frei von ideologischer Selbstherrlichkeit und Hybris. Wer sich eine "neue" Welt schaffen will, kann diese Kunst nicht brauchen, in deren Mittelpunkt der Mensch als ein Bedürftiger, Verlassener, Suchender, Verzweifelter, aber auch Hoffender steht. Barlachs Skulpturen sind Darstellungen tiefer Gottverlassenheit und sehnsüchtiger Hinwendung zur Erlösungshoffnung zugleich; gegen die Begegnung mit einer gottlosen Welt wird die Hoffnung in den aberwitzigen Glauben der Menschen gesetzt. In der Gertrudenkapelle und im sie umgebenden Garten haben diese Skulpturen ihren schönsten und passendsten Ort gefunden: Ein Ort der Gräber und der Trauer, aber auch der Ruhe und Hoffnung. 

Gertrudenkapelle, Güstrow

"Ich bin als ein Licht in die Welt gekommen, 
damit jeder, der an mich glaubt, 
nicht in der Finsternis bleibt.“

Wir wandeln durch unser Leben wie an einem letzten Abend in der Dämmerung durch einen verschatteten Garten. Es gibt Zeiten, in denen die Hoffnung hassenswert erscheinen mag, in denen sie zum Trug wird, in der sich ihre Wärme und Zärtlichkeit in Häme und Spott verwandelt. Am Ende seines Lebens mag Ernst Barlach so gefühlt haben. "Der Schwebende" aus der Domkirche in Güstrow war eingeschmolzen, "Der Geistkämpfer" in Kiel und die "Trauernde Mutter mit Kind" in Hamburg entfernt worden, seine Werke aus den Sammlungen der Museen genommen; er selbst als "entarteter Künstler" gebrandmarkt. Als er 1938 starb, war er entkräftet und entmutigt. Käthe Kollwitz reiste zu seiner Beerdigung an und beschrieb in ihrem Tagebuch, wie der Freund so "klein und mager" in seinem Sarg lag. Sie fertigte eine Zeichnung des aufgebahrten Toten an. Barlachs Mahnmal des "Schwebenden", das nach einem geretteten Nachguss wiedererschaffen werden konnte, indes trägt unverkennbar die androgynen Züge Käthe Kollwitz´, ganz unbeabsichtigt, wie er behauptete.


Muttererde im Garten der Gertrudenkapelle

Die meisten Besucher der Residenzstadt Güstrow werden in der Domkirche nach Barlachs bekanntestem Werk "Der Schwebende" Ausschau halten. Es lohnt sich aber fast mehr noch der Besuch der stillen Gertrudenkapelle, die etwas außerhalb des inneren Altstadtringes liegt. Die backsteinerne Kapelle ist von einem kleinen Friedhofsgarten umgeben, in dem einige Skulpturen von Barlach und anderen Künstler wie beiläufig aufgestellt sind. 




Ein Garten umgeben von einer Mauer.
Wir sind unter uns. Bei uns. 
Aber es ist kein Verteidigungswall, mit dem wir uns umgeben. 
Warum braucht jeder Garten eine Begrenzung?

Es ist dunkel.
Durch die Baumkronen schimmert der Mond.

 Wir warten auf das Licht der Welt. 


"Heimat", schrieb Uwe Johnson, "ist da, wo meine Erinnerung Bescheid weiß." In Güstrow, in der John-Brinkmann-Schule machte Johnson Abitur. Heute trägt die Stadtbibliothek seinen Namen. 

Der Norden: Das Karge, die Gewissheit des Todes, die Unvermeidlichkeit des Leides. Aber auch: die grünen Hügel, das Gelb der Rapsfelder, die roten Tupfen des Mohnes dazwischen, hoch aufragend die wuchtigen Glockentürme der Kirchen, deren Rufe in flache Täler rauschen, vom Meer her ein Wind, der noch einen Hauch von Salz auf den Lippen hinterlässt. Wer sich nach Heimat sehnt, ist ein Protestant. Wer eine hat und kennt, mag ein Katholik sein. Oder etwas anderes. Wer keine braucht... Denn die Heimat, wo meine Erinnerung Bescheid weiß, ist immer da, wo ich nicht bin: in der Vergangenheit. 

Schwermut ist etwas anderes als Melancholie, die nach meinem Gefühl allzu oft in der Moderne jener ekle Hauch der Selbstbeweihräucherung des asozialen "Ausnahmemenschen" umweht, der sich gar so anders als die andern wähnt. Melancholie kann sich leisten, wer sich raushalten kann und mag. Ein Luxusgefühl für Beobachter mit manikürten Händen, wohlbestückten Bibliotheken und Weinkellern, denen Hunger eine bloße Metapher ist. Der Schwermütige sitzt mittendrin und trägt schwer und mit. Schwermütig kann eine alte Bäuerin inmitten ihrer Enkel sein. Es ist die Einsamkeit, die man nicht sucht und die Trauer um die Vergänglichkeit der Liebe, der keine/r entgeht.


Wir sind immer im Garten Gethsemane.


"Wohin ich in Wahrheit gehöre..."





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