Freitag, 2. August 2013

Kanon-Bildung: ABSCHRECKEND

Morel freut sich: "Heute wird er seinen Spaß haben mit der FAZ, der Mastermind. Das muss er lesen. Frau Schmoll zitiert einen Didaktiker, der dringend von ´Faserland´ als Schullektüre abrät. Zustimmend." Ich bin noch verschlafen und verstehe erst eine Stunde später beim Erdbeeren-mit-Müsli-Löffeln, wovon die Rede war.

In den heutigen "Bildungswelten" der "Zeitung für Deutschland", die der Mastermind im Rahmen eines Schulprojektes für ein Jahr kostenlos erhält (und seine Eltern gnädig mitlesen lässt), wird ein "früherer Deutschlehrer und Didaktiker" in einem längeren Artikel zitiert, der eine niederschmetternde Textanalyse von Christian Krachts Roman "Faserland" vorgelegt hat: "Abschreckend" lautet die Überschrift. "Abwegig" und "fragwürdig" sei die Story, "ichbezogen", "völlig ungehemmt in seinen Antipathien" der Erzähler. "Besonders peinlich und für Jugendliche gerade zu abstoßend dürfte es sein, wie der Autor sich anbiedernd den Jugendjargon zu eigen macht und diese Sprechweise zu imitieren sucht." Anlass des Artikels ist die Aufnahme des Romans in den niedersächsischen Pflichtlektüre-Kanon für das Abitur. 

Heike Schmoll kämpft seit langem in der FAZ einen - immer aussichtsloseren Kampf - um den unveränderten Erhalt des noch der Ständeordnung zu verdankenden sogenannten  "humanistischen" Gymnasiums mit Altgriechisch und Latein als Pflichtfächern, dessen besondere Verdienste um die Bildung seiner Zöglinge in einer großen Zahl literarischer Werke, deren Aufnahme in den Kanon ihr sicher genehm wäre, hinreichend deutlich beschrieben worden ist. Auch am Fortbestand der Hauptschule für die mehr "praktisch Veranlagten" ist Heike Schmoll sehr gelegen. Beide Typen schulischer Angebote werden zu ihrem Leidwesen von immer weniger Menschen nachgefragt: die praktisch Veranlagten drängen in die höheren Bildungsanstalten, weil sich auch bis zu ihnen rumgesprochen hat, dass der "Schrauber" am Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt ist, sondern man ein Manual lesen und analysieren können muss, wenn man praktisch in, sagen wir mal, der Automobilbranche tätig werden will. Ob sie aber, wie Morel heute morgen meinte, diesen Didaktiker tatsächlich zustimmend zitiert oder der "Abschreckend"-Artikel eher als Satire gemeint ist? Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber doch: die Länge des Textes und die beinahe durchgehende Verwendung des Indikativs lassen darauf schließen, dass das im Ernst Schmolls eigene Meinung zu "Faserland" als Schullektüre ist. 

Gerne wüsste man, was Heike Schmoll stattdessen aus der Gegenwartsliteratur in den Kanon aufgenommen hätte: Vielleicht das in vielen Bundesländern so beliebte, aber/weil politisch und literarisch unsägliche "Der Vorleser" von Bernhard Schlink? Oder das vielfach unvermeidliche "Das Parfüm" von Patrick Süskind, erschienen 1986, das aber schon kaum mehr als Gegenwartsliteratur zu betrachten ist? 

Warum der Artikel in der FAZ so interessant für Mastermind, meinen in wenigen Wochen 18jährigen Sohn, ist? "Faserland" von Christian Kracht ist eines der Lieblingsbücher dieses jungen Mannes, neben "Tschick" von Wolfgang Herrndorf. Morel und er haben stundenlang über diesen Roman, die Haltung der Hauptfigur, die ironische Sprache, das tiefe Gefühl der Sinnlosigkeit, das der Roman vermittelt, gesprochen. "Es geht", schrieb Georg Diez, auch in der FAZ, "in Faserland um nichts weniger als die Möglichkeiten von Freiheit." 

Ja, mag sein, dass ein solcher Text in "Bildungswelten", wie sie Heike Schmoll vorschweben, nichts zu suchen hat. Es könnte ja einer oder eine durch diese Lektüre zum Denken gebracht werden, zum Widerspruch oder gar zum Lachen; statt "relevante gesellschaftliche Themen zu erörtern", nach vorgeschriebenen Aufsatz-Schemata. Wenn Lektüre "abschreckend" wirkt, hat sie immerhin eine Wirkung. Auf die meisten Werke, die Mastermind und Amazing gezwungenermaßen in der Schule lesen mussten, trifft nicht einmal das zu. Sie haben die Lektüre schlicht ertragen, obwohl zumindest Mastermind ein durchaus "literaturinteressierter Schüler" ist, dem allerdings die biographische Lesart von Kafka-Texten, die ihm der Unterricht nahelegen will, ziemlich "auf den Sack" (Original-Zitat) geht. 

Ich bin keine so begeisterte Leserin von Christian Krachts Romanen wie Morel und Mastermind (dem allerdings "1979" weniger gut gefallen hat). Doch bin ich dankbar, in der beruflichen Bildung zu arbeiten, wo gelegentlich noch die Möglichkeit besteht, Lektüren für Lerngruppen jenseits eines Kanons auszuwählen, der Menschen wie Heike Schmoll und jenem von ihr zitierte Didaktiker vorschwebt. Mit meiner Lerngruppe werde ich im kommenden Jahr "Der Zwerg reinigt den Kittel" von Anita Augustin lesen. Ich freu´ mich drauf. 



***

Ein sehr lesenswerter und sicher auch Widerspruch provozierender Text über Bildung in postpatriarchalen Zeiten ist vor wenigen Tagen auf "beziehungsweise weiterdenken", dem Internet-Forum für Philosophie und Politik, erschienen, bei dem ich seit Kurzem als Redakteurin mitarbeite: Ulrike Pittner: Bildung neu denken - Visionen und Thesen für ein postpatriarchales Bildungswesen.

Und weil ich schon mal bei Link-Tipps bin: Auf femgeeks wirft Helga Hansen "Eine feministische Perspektive auf die Kämpfe im Internet und um das Internet"

Noch einer: Jennifer Egan hat einen Twitter-Roman(?) geschrieben."A visit from goon squad" war eine echte Entdeckung. Den neuen Roman "Black Box" muss ich unbedingt lesen. Sie auch? 

Außerdem gibt es auf kleiner drei.org einen guten Text, in dem ich mein Unbehagen gegen die "Lösung" des Troll- bzw. Sexismus-Problems mit Hilfe von Beschwerde-Buttons (z.B. bei Twitter) ganz gut wiederfinden kann: Gerechtigkeit auf Knopf-Druck? Über Sinn und Unsinn eine Twitter-Melde-Buttons (mit Links zu Texten, in denen die unsägliche Kampagne gegen Caroline Criado-Perez wegen der Ankündigung, dass künftig Jane Austens Konterfei die britische Zehn-Pfund-Note schmücken soll, noch einmal zusammengefasst wird). 

Ach ja - to whom it may concern: Ich schalte "anonyme" Kommentare, bei denen sich der Kommentator/die Kommentatorin nicht einmal die Mühe macht, sich unter einem Pseudonym eine "Internet-Identität" zuzulegen, grundsätzlich nicht mehr frei. 

Kommentare:

  1. Liebe Melusine Barby,

    ich habe mir erlaubt einen Link zu diesem Artikel in meinem Facebook-Profil zu veröffentlichen. Der "Vortext" dazu lautet: "FAZ fäzzt krachig Kracht. Fazerland, Faserland und das humanistische Gymnasium. Mir ist heut so altsprachlich. Heike Schmoll schmollt in Literaturlatein. Ihr ist alles Pilcher. Na dann Prost. Dazu passt Liebfrauenmilch und Käseigel.
    GLEISBAUARBEITEN sagen alles darüber, was darüber gesagt werden muss."

    Herzliche Grüße
    Leander Sukov

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    1. Lieber Leander,

      herzlichen Gruß nach Berlin. Und: Danke für die Verlinkung.

      Christian Kracht ist durchaus keiner meiner Lieblingsschriftsteller, aber die Argumentation von Schmoll und diesem ehemaligen Lehrer ist wirklich gar zu kurios. Z.B.: Der Ich-Erzähler irre sich über Walter von der Vogelweide, den er für einen Maler halte. Solche Fehlinformationen dürfe man doch den Gymnasiasten nicht zumuten. Literatur soll also Fakten-Wisssen vermitteln - wie Nachrichten. Oder jedenfalls: Jugendliche sind zu blöd, sie anders zu lesen. Das ist witzig, einerseits, aber andererseits auch traurig, weil es Macht hat und damit Folgen, dieses Verständnis von Literatur und Lektüre, das beide unterschätzt: die Texte und die jungen Leser_innen.

      Als ich begann zu studieren, diskutierte man "den Kanon" als Idee höchst kritisch. Heuer wird kaum einmal die in fast allen Bundesländern eingeführte verbindliche Liste kritisch hinterfragt, außer eben auf eine solche Weise und - natürlich - ausschließlich mit Blick auf die Gegenwartsliteratur. Die Liste liest sich allüberall wie der berühmte "kleinstmögliche" Nenner. Kleinst. Kleingeistig. Und mutlos. Entdeckt wird nichts. Gut für die Schulbuchverlage, die können die x-te Auflage von Erläuterungen und Materialien zu den Klassikern drucken.

      Nur als Ergänzung: Der Anteil der von Autorinnen verfassten Texte in den "Verbindlichen Listen" aller Bundesländer (habe grad mal einen Blick drauf geworfen) liegt weit unter 20%. Das aber beunruhigt weder Frau Schmoll noch sonst einen "renommierten" Literatur-Didaktiker. Wen soll´s auch stören: Die Blicke auf die Welt, die Literatur eröffnet, sollen eh allgemeinmenschlich und vor allem "sachlich-fachlich" korrekt sein, gelle? (Nur Feministinnen - a bäh! eklig!, ruft das Mainstream-Bewusstsein - wie ich (!) glauben, dass mit so einem menschlichen Blick was nicht stimmt, wenn er immer bloß und immer wieder nur von männlichen Menschen entworfen wird.)

      (Ein Beispiel: Schiller, Kleist, Goethe, Büchner, Fontane, Hofmannsthal, Kafka und Süskind stehen in Hessen auf der Liste. Dazwischen einmal Christa Wolf. ---To whom it may concern: Kommentare à la "Es gibt eben keine gleichwertigen Autorinnen aus diesen Epochen." bitte ich mir zu ersparen. Mit so offen zur Schau gestellter Unkenntnis will und werde ich mich nicht mehr abgeben.)

      Hach, wirklich gut, dass mein Blutdruck so niedrig ist. :-) )

      Und: Dass ich lesen kann was ich will, zum Glück hab´ ich das Abi schon. Und meine Söhne sind auch bald alle beide "durch".

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