Sonntag, 8. September 2013

AFFIDAMENTO UND DISFIERI - (M)Ein Rückblick auf die DENKUMENTA 2013


Idee und Kreation: Eleonora Bonacossa
Text: Ina Pretorius
Serviette: Bildungshaus St. Arbogast
Goldene Wolle: Großmutter von Regula Farner
Roter Garn: Ur-Großmutter von Regula Farner
Der Feminismus, den ich meine, ist einer der Abkehr von jenem Gestus, der für sich in Anspruch nimmt, für andere, gar für ALLE anderen, reden zu können, oft in bester, in fürsorglichster Absicht. Für diese andere Art zu sprechen, die weder behauptet: „Was ich denke ist autonom und subjektiv.“, noch sich anmaßt zu sagen: „Ich habe denkend so von mir abgesehen, dass ich das Objektive, das Allgemeine, das Weibliche oder gar das Menschliche zum Ausdruck bringen kann“, für ein solches Sprechen von sich aus, aber auf die Andere, den Anderen zu, ein Sprechen aus der Differenz also, das Verbindung und Verbindlichkeit sucht, statt sie per se auszuschließen oder  schlicht vorauszusetzen, muss allererst eine Sprache gefunden werden. Auf der DENKUMENTA lag ein Buch auf dem Büchertisch, das ich lange schon lesen wollte, Dorothee Markerts brillante Übersetzung von Chiara ZambonisUnverbrauchte Worte.  Seither lese ich darin, immer wieder unterbrochen durch andere Aufgaben und Notwendigkeiten, aber mit wachsender Begeisterung und Beglückung.

Die DENKUMENTA habe ich als einen Ort erlebt, von dem die Suche nach dieser Sprache ausgehen kann, eine Suche, die Vertrauen braucht, Optimismus entwickelnd, gegen die Wahrscheinlichkeit und für die Möglichkeiten. Die Begegnungen zwischen 70 Frauen und zwei Männern, das gemeinsame Denken, das Lachen und Essen, Tanzen und Singen, Wandern und Waten, auch sich zurückziehen und für eine Weile allein bleiben, waren geprägt von einer Haltung, die die Differenz nicht überwinden, sondern leben will. (Ich, zum Beispiel, habe gedacht, gelacht, gegessen, gewandert, im Wasser gewatet, mich zurückgezogen, aber nicht gesungen und nicht getanzt.) Der schönste Moment für mich war jener, als Eleonora Bonacossa beschrieb, wie sie 2002 in Salzburg begriffen habe: „Das Patriarchat ist zu Ende, wenn wir nicht mehr daran glauben.“

Außerhalb von feministischen Zusammenhängen (und gelegentlich auch in diesen) wird „das Patriarchat“ häufig schlicht als „Herrschaft des Mannes“ übersetzt. Es war sehr entlastend auf der DENKUMENTA weiterdenken zu können, ohne immer wieder über diesen Irrtum aufklären zu müssen. „Das Patriarchat“ sichert keineswegs einer Mehrheit der Männer oder Männern im Allgemeinen die Herrschaft; im Gegenteil: Auch die meisten Männer bleiben im Patriarchat notwendig Knechte. Das Patriarchat, an das wir nicht mehr glauben und das damit zu Ende geht, ist vielmehr eine bestimmte Art zu denken, die von Dichotomien wie Herr und Knecht, Geist und Körper, Freiheit und Abhängigkeit ausgeht und zwischen diesen eine klare Hierarchie entwickelt, zum Beispiel: Philosophie ist bedeutender und menschlicher als Ackerbau; geistige Arbeit hat selbstverständlich einen höheren Wert als körperliche Arbeit; die „richtige“ Theorie ist wichtiger als die „richtige“ Praxis, Freiheit ist nur als Gegensatz zur Abhängigkeit vorstellbar. Die Dichotomie der Geschlechter ist diesem Denken nur ein – wenn auch konstitutives – Element. Die geistigen Höhenflüge der patriarchalen Denker waren immer schon undenkbar ohne das Wirken der Sklav_innen und/oder Hausfrauen, die sich all der Dreckarbeit annahmen, für die sich der Geist des Herrn zu schade war und blieb. Das Denken der Patriarchen hat immer schon die Mutter und ihre Sexualität unterdrücken, verleugnen und verschwinden lassen müssen.

Doch bleibt ein solch polemisches Sprechen wider das patriarchale Denken selbst noch der Sprache des Patriarchats verhaftet. Es geht nämlich weder darum, die Frauen in die „höhere Sphäre“ zu versetzen (also klassische „Gleichstellungspolitik“), noch die falsche Ordnung einfach umzudrehen mit Parolen wie „Zurück zur Natur“ oder indem Gefühle gegen die Vernunft in Stellung gebracht werden. Was vielmehr zu lernen, wofür Orte und Sprache zu schaffen sind, ist das Denken des DAZWISCHEN.

Der Beitrag der Frauen zu diesem Denken ergibt sich aus der Erfahrung im (noch) herrschenden Denken immer nur als „das Andere“ vorzukommen. Aus dieser Erfahrung lässt sich eine Tradition von Verfahren und Formen, wie dieses Denken zu unterlaufen ist, entwickeln. Diese Tradition können Frauen gemeinsam entdecken und fruchtbar machen, auf vielfältige Weise, durch die Schriften von Vorgängerinnen, durch die Weitergabe von Techniken des Handarbeiten, Kochens und Schmückens, durch die Anerkennung der Autorität der Mütter, im Wissen um die Gebürtigkeit: Affidamento. Die Fähigkeit zum Affidamento stellt damit eben jene andere Art Art, sich denkend zu nähern, zur „Analyse“ vor; (ein Wort, das Lessings Schwager Mylius nicht umsonst als „Zerstückelung“ ins Deutsche übersetzt hat). Dabei ist Affidamento keineswegs kritiklose Übernahme, sondern die Fähigkeit, sich in der Differenz zueinander zu erkennen.

Auf der DENKUMENTA ergab sich die Möglichkeit eines solchen Denken aus den Beziehungen der Frauen und Männer zueinander. Für mich war wichtig, dass Antje Schrupp etwas ausgesprochen hat, was ich vorher nur schwer in Worte fassen konnte: Diese Beziehungen sind kein „Netzwerk“. Ihre Basis sind nicht Zusammenschlüsse  als strategische Bündnisse mit bestimmten Zielvorstellungen (wie beispielsweise Parteien). Die Beziehungen, die sich in diesem Denken verweben, sind zunächst stattdessen Beziehungen zwischen zwei Personen, die sich aufeinander beziehen und eben nicht auf „eine Sache“. Aus diesen konkreten Beziehungen zwischen zwei Menschen ergeben sich dann immer wieder Überschneidungen mit anderen, es bilden sich an bestimmten Stellen des Denkens und Handelns „Knäuel“, wo zwei, drei, vier, viele miteinander Weiterdenken können, um sich dann auch wieder zu trennen, in anderen Beziehungen neu zu finden und wieder aufzulösen. So kann ein Denken entstehen, dem es nicht darum geht, etwas zu „widerlegen“, „niederzureißen“, „abzulösen“, also sich immer wieder in die fatalistische Abfolge der (gewaltsamen) Revolutionen einzureihen. Mir ist im Anschluss an die DENKUMENTA noch einmal auf neue Weise klargeworden, dass hierin auch der entscheidende Unterschied zwischen dem Gebrauch der Worte  „Dekonstruktion“ und "disfieri(Luisa Muraro; damit ist gemeint, etwas – ein Gewebe – auflzuösen, aufzutrennen, im übertragenen Sinne „ent- machen“, „ent-machten“) besteht. Denn bei letzterem geht es eben nicht darum, etwas als das „Falsche“ zu entlarven und zu zerstören, sondern es aus seiner „Verstrickung“ zu lösen, wie einen Faden aus einem Gewebe, um daraus etwas Neues zu stricken oder zu weben, aber immer so, dass wieder Fäden lose hängen bleiben, an denen gezogen werden kann. Es ist Denken, das nicht „Recht haben“ will, sondern sich selbst als Vorläufiges, als gemeinsam zu Umschreibendes, zu Verwendendes, wieder Aufzulösendes begreift, ein Denken jenseits der Begriffe, eine Bewegung auf die Namen zu, in dem Bewusstsein allerdings, dass wir ihrer niemals habhaft werden, dass sie sich uns nicht als Besitz öffnen, sondern durch Gebrauch.

Die Unordnung, die sich aus der Auflösung des Patriarchats ergeben hat, die  Zerfallserscheinungen einer immerhin Jahrtausende alten Art und Weise, sich die Welt zu erklären, macht vielen Angst, nicht nur Männern. Wenn nicht mehr gilt, was  bisher gesagt, wie die Worte bisher definiert wurden, dann kommt das Enteignungen gleich. Was (Herrschafts-)Wissen war, wird obsolet.  Auf der DENKUMENTA war praktisch erlebbar, was diesen Verlusten gegenüber steht: Die Lust am NEUBEGEHREN; die Hoffnung auf die Entdeckung der DIFFERENZEN, die Chance, das DAZWISCHEN endlich denken zu können, statt sich immer wieder in die unfruchtbaren Kämpfe um das Entweder-Oder zu begeben.

Am Anfang und am Ende von allem steht die DANKBARKEIT. Ohne die Fähigkeit zur Dankbarkeit wird es kein gutes Leben geben.

Danke den Veranstalterinnen der DENKUMENTA  für diese Erfahrung!

Luisa Muraro: Die Menge im Herzen, € 12,50 (antiquarisch)

Links zu weiteren Rückblicken auf die Denkumenta aus anderer Perspektive:
Hier.

Kommentare:

  1. " ... geprägt von einer Haltung, die die Differenz nicht überwinden, sondern leben will."

    "Was vielmehr zu lernen, wofür Orte und Sprache zu schaffen sind, ist das Denken des DAZWISCHEN."

    Was Du da beschreibst, spricht mich sehr an, spricht mir zum Teil aus der Seele, fasst zum Teil in Worte, wofür mir die Worte fehlen.
    Ich spüre deutlich, das ich mich gerne in diesen Prozess mit hineinziehen lasse, solche Anregungen aufsauge, die eben nicht revolutionär-umstürzlerisch-besserwisserisch-ungeduldig daherkommen, aber auch nicht gefühlig-harmoniebedacht, sondern denkfreudig-neugierig-weit ...
    Es arbeitet in mir, das gefällt mir.

    Danke fürs Teilen!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Iris,
      diese Neugier (Ina Praetorius gefiel die "Gier" im Wort nicht, deshalb erfand sie Neubegehren) empfinde ich nach den Tagen in St. Arbogast sehr stark und sie macht mich froh. Lange war mein Empfinden und Denken davon geprägt, dass es einfach keinen Ort gibt, von dem eine ausgehen kann, dass alles schon "besetzt" und "falsch markiert" ist. Diese Krise (des Denkens und Lebens) hat mich ja auch "ins Netz" gebracht. In St. Arbogast (und im Denken, das dort möglich war) hat sich für mich ein solcher Ort eröffnet, von dem eine ausgehen und etwas "anzufangen" (auch so ein wichtiges Wort) kann. Es geht mir auch schon länger so, auch beruflich, dass ich nach vielen Jahren, in denen ich vor allem die Zwänge und das "Falsche" gesehen habe, jetzt die Chancen erkenne, die Möglichkeiten, eben einfach anzufangen. (z.B. in das Fach Ökonomie trotz Lehrplan ein wenig Care-Ökonomie "einzuschmuggeln"). Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Manchmal führt es mich wo ganz anders hin, als ich erwartet hatte.
      LG

      Löschen
  2. leider gibt es das wort "disfieri" nicht. es sollte schon "disfare" sein. und es ist auch kein "entmachten", sondern tatsächlich, wenn man so will, ein "entmachen", das sich dem "machen" entgegenstellt, ein quasi überdenken und rückgängig machen und dann wieder von vorn. sofern es denn immer möglich ist.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Lieber Helmut,
      "disfieri" ist eine Wortschöpfung von Luisa Muraro. Es gibt das Wort also, allerdings noch nicht in den Wörterbüchern :-).
      Dein Hinweis hat mir geholfen, aber Muraros Wortschöfpung lautet eben noch ein wenig anders als das "richtige" Wort. Sie versteht es, wenn ich sie recht verstehe, durchaus als ein "Dazwischen" zwischen "entmachen" und "entmachten". Ich muss da den Übersetzerinnen trauen.
      Neue Worte zu (er-)finden ist Teil jener freudvollen Arbeit, die auf der Denkumenta auch stattfand. "Neubegehren" ist eines der schönsten davon. Das wird sich auch (noch) in keinem deutschen Wörterbuch finden. Ebenso wie "kunspirieren", mein liebstes.
      Liebe Grüße
      Jutta

      Löschen
  3. Ich glaub', ich bin der (lateinischen) Wurzel auf die Spur gekommen: ein im Ital. nicht unbedingt üblicher, aber bekannter Begriff für "im Entstehen/Werden begriffen" ist, wenn etwas "in fieri" ist (Nachweise auch fürs Englische). Also nimm noch dazu "entwerden" oder "verwerden" und "verstehen" (als Gegensatz zu "entstehen") hinzu. Nun zweigt's aber gewaltig mit den Vorsilben und den Stammverben, die sich zu Knüppeldämmen zusammentun, die keinen sicheren Tritt mehr garantieren. Soweit kunspiriert und transpiriert beim Nachschlagen. Gruß. Helmut

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für Deine Spurensuche. Ich selbst bin ja des Italienischen gar nicht und des Lateinischen nur mehr theoretisch "mächtig", also eigentlich ohnmächtig.
      LuIsa Muraro spricht auch von " l'arte del disfieri"; die Bilder, die sie verwendet, kommen häufig aus dem Bereich der Handarbeit, wo etwas aufgeknüpft, Maschen aufgezogen oder ein Gewebe aufgetrennt wird, immer aber so, dass die Fäden wieder verwendet werden können.
      Ja, im postpatriarchalen Durcheinander kann einem schon schwindelig werden :-), auch sprachlich. Solltest erst mal Chiara Zambonis "Unverbrauchte Worte" lesen; das ist ein Karussell! Ich mag das. Auch "Knüppeldämme" (is ja auch so ein Wort, ein Bild für eine Stauung, halb gewollt, halb zufällig.) Für eine Übersetzerin/einen Übersetzer ist es aber bestimmt ganz schwer. Das macht ja Dorothee Markerts Arbeit so großartig, die in Kommentaren auch immer wieder auf die Übersetzungsarbeit eingeht.
      (Bin auch schon sehr gespannt auf Deine und Albans Übersetzung des "Giacomo Joyce"!)

      Löschen
  4. Im Zusammenhang mit Sprachspielen kann ich eine meiner derzeitigen Lektüren empfehlen: Die Verwandlungen des Abu Seid von Serug von Hariri in der Übersetzung Friedrich Rückerts. Da klingelt's nur so. Und der grandiose Rückert schafft es, arabische Wortspiele im Deutschen verblüffend nachzuahmen. - Ich aber bin gespannt auf die Reaktionen, falls welche kommen, was den Giacomo betrifft!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wow! Wo treibst Du so was auf? Das erinnert mich an das kuriose, fabelhafte Buch, das Du nach Rom mitgebracht hattest, von Giuseppe Gioachino Belli: Die Wahrheit packt dich... Erinnerst Du Dich? Ich schlag es auf und - zack!:

      DIE VORLAUTE NICHTE

      Mein liebes Kind, du bist mir ganz schön keck,
      Nun hör´sich einer die Scheißgöre an,
      Kackfrech! Die reißt den Schnabel auf und dann
      Steckt sie die Nase doch in jeden Dreck.

      Heiraten? Ach! Und was wird Mamma sagen
      Und Opa? Aber das ist dir wohl Wurst,
      Jetzt ziehst du wieder deinen Flunsch und knurrst,
      Mann sollte dich verdammt zum Teufel jagen.

      Bei mir kommst du nicht durch mit deinen Kapriolen,
      Und Unverschämtheit steht dir gar nicht zu!
      Als gute Tante sollt´ ich dich versohlen.

      Gehorchen sollst du, das ist deine Pflicht,
      Und freche Reden führen, das darfst du,
      Wenn mal die Hühner pinkeln, eher nicht.

      (Giuseppe Giachino Belli, übersetzt von Otto Ernst Rock)

      HA!
      Die Hühner pinkeln!

      Löschen
  5. Sooooooo viele Worte, dachte ich. Und dann bekam ich nicht genug davon beim lesen; danke! und füge sogar noch ein neues in diese Zeile ein <...aufzutrennen im übertragenen Sinne "ENT-MASCHEN", „ent- machen“, „ent-machten"...> eine leise Lautverschiebung.

    Dir soll es gut gehen, wünscht dir Fidi!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke, liebe Fidi.

      Im Ent-Maschen war ich immer schon besser als im Maschen häkeln oder stricken (Herrje, wie oft habe ich im Handarbeitsunterricht in der Ecke stehen müssen wegen meiner missratenen Kreationen.). Deshalb begeistert mich das "Disfieri" ja so ;-).

      Löschen