Samstag, 14. September 2013

DOPPELGESICHTIGKEIT: Unser verdrängtes pietistisches Erbe


Mein Hochschullehrer Günter Oesterle, selbst ein evangelischer Schwabe, wies uns immer wieder daraufhin, wieviel vom „deutschen Geiste“, vom gepriesenen Dichter- und Denkertum, aus dem Dunstkreis des schwäbischen evangelischen Pfarrerhauses, aus der Tradition des Pietismus komme: Hölderlin, Hegel, Schelling und die beiden Schlegels waren nur die prominentesten, die er nannte. Der Einfluss des Pietismus auf den deutschen Idealismus ist unumstritten, wenn er auch heutzutage nur noch selten Gegenstand der Reflexion und Kritik ist.

Als Erziehungsmodus „genießt“ der Pietismus indes inzwischen – entgegen dem Stolz des hochschullehrenden Schwaben Oesterle auf die heimatlichen Geistesgrößen – den denkbar schlechtesten Ruf. Pietismus steht für Zwang, Selbstbeschuldigung, Angst und Unterdrückung. In der Literatur und Kunst wimmelt es von Opfern pietistischer Erziehungsweise, die sich in Selbsthass und Selbsterniedrigung zerfleischen. Über dieser – berechtigten – Kritik am Pietismus ist dagegen in Vergessenheit geraten, wie sehr diese religiöse Bewegung über die Einzelnen hinaus das kulturelle und gesellschaftliche Leben geprägt hat im Versuch, so zu leben, „dass sich das Christentum im täglichen Leben auswirkt, dass es ethisch umgesetzt wird.“ Die verschiedenen pietistischen Strömung eint, so Markert, dieses Kennzeichen: „Der Glaube soll das Alltagsleben durchdringen.“

Der Pietismus wird allzu häufig gleichgesetzt mit den pietistischen Texten, ganz entgegen seiner erklärten Absicht, „die Schrift“ lebendig zu machen, „die Wahrheit“ zu leben. Selten wurde und wird in der Forschung über den Pietismus die Frage nach den Erfahrungen derjenigen gestellt, die pietistisch geprägt aufwuchsen, danach wie sie selbst ihre kindliche Umgebung und deren Wirkungen auf ihr Leben als Erwachsene beschreiben. Dorothee Markert geht in ihrem Buch „Lebenslänglich besser. Unser verdrängtes pietistisches Erbe“ genau dieser Frage nach.

Mich hat Markerts Buch auch aus persönlichen Gründen interessiert. Als Jugendliche hatte ich den Impuls mich scharf von meinem „frommen Umfeld“ zu distanzieren, dessen Lebenshaltung mir eng und beengend, freudlos und lustfeindlich erschien. Heute dagegen schaue ich mit einem versöhnlicheren Blick zurück, in den ich auch aufzunehmen versuche, was mir die pietistisch geprägte Erziehung an Positivem und Bewahrenswertem mitgegeben hat.

Dorothee Markert nähert sich dem pietistischen Erbe in ihrem Buch  durch Interviews mit Männern und Frauen, die pietistisch erzogen wurden. Dabei zeigt sich eine durchaus differenzierte und ambivalente Haltung der Interviewten zu ihrer pietistischen Prägung. Einerseits wird die Enge und Beschränkung beklagt und mehr noch die Selbstbeschädigung durch den dauernden Zwang zum Urteilen über sich und andere, andererseits heben viele Befragte positiv das erlebte Gemeinschaftsgefühl, die praktizierte Nächstenliebe und den Zusammenhang zwischen Glauben und Lebenspraxis hervor.

Die Ambivalenz des pietistischen Erbes zwischen dem Zwang zum „Schaffen“ und der Erfahrung sinnerfüllter Arbeit, zwischen religiösem Wahn und utopischem Gehalt des Glaubens, zwischen grundsätzlich positivem Menschenbild und Selbstunterdrückung wird in den folgenden Kapiteln von Markert herausgearbeitet. Sie zeigt, dass der Pietismus ursprünglich keineswegs im Gegensatz zur Aufklärung stand. Deren zur Hybris gewordenen Streben nach Autonomie vermochte die pietistische Prägung immer schon das Bewusstsein von der existenziellen Abhängigkeit und Bedürftigkeit jedes Menschen entgegenzusetzen. Beide, Aufklärung und Pietismus, tragen in sich den Keim zum Fundamentalismus, zeigt Markert. Sich wieder aufeinander zu beziehen, statt zueinander in Frontstellung zu gehen, könnte beide vor dieser Tendenz bewahren.

Ich habe bei der Lektüre dieses Buches häufig an Verwandte denken müssen, deren Denken mir als junge Frau so engstirnig erschien. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie diese Menschen in jedem und jeder, die ihnen begegneten, ein „Geschöpf Gottes“ erkennen und annehmen konnten. Dorothea Markert schreibt: „Für mich heißt das, dass ich Ausschau halte nach dem ´Begehren´ dieses mir fremden Menschen, also nach seinen oder ihren Visionen, Sehnsüchten und Herzenswünschen, nach dem, was hinter seinem oder ihrem Engagement steht. Auch wenn ich mit bestimmten Inhalten und Zielen überhaupt nicht einverstanden bin, kann ich bei dieser Suche nach ´dahinter´ meistens etwas finden, das mich mit diesem Menschen verbindet. Es ist leichter, etwas über das ´Dahinterliegende´  herauszufinden, wenn wir über konkrete Situationen sprechen, uns Geschichten gelebten Lebens erzählen, als wenn wir uns nur über das austauschen, was wir wissen oder zu wissen glauben.“ Ein Austausch, der sich auf das „nur“ beschränkt, auf Wissen, die Positionen, die „Argumente“ bleibt meist unfruchtbar oder kommt erst gar nicht zustande. Erst über die Geschichten kann Verbindung zum Fremden aufgenommen werden. Auch im Umgang mit dem Pietismus also geht es um „disfieri“, um das Aufziehen der Maschen, darum nicht zu verdammen und sich abzugrenzen, sondern sich die Gehalte neu zu erschließen, in – wie Markert formuliert  - der „früheren Breite und Vielfalt der pietistischen Bewegung“. 

€ 16,90
auch als Kindle-Edition, € 12,99

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