Freitag, 6. September 2013

WUNSCHKINDER (Noch mal pathetische Worte zu einem Großereignis)

Klassisch schön - im alten Rom lebte ein Doppelgänger
Seit heute bin ich nicht mehr erziehungsberechtigt. Das ändert wenig. Denn die Sorgen der Mutter und ihre Angewohnheit, diesen Sorgen gelegentlich auch Ausdruck zu verleihen (was dem nicht mehr zu Erziehenden gehörig auf die Nerven geht), hören nicht einfach mit diesem Datum auf. Wahrscheinlich hören sie nie auf. 
Ich habe dieses Geschichte schon oft erzählt. Es ist immer eine andere Geschichte. Manchmal war es ein Tunneldurchbruch. Mit der Geburt dieses Kindes gelangte ich zurück, konnte ich meinen Körper wieder fühlen. Bis ich ihm wieder zu trauen begann, vergingen indes noch Jahre.

Wahr ist aber auch diese Erzählung: Als sie ihn zum ersten Mal sah, wenige Stunden nach der Geburt, beugte sich seine Großmutter tief über das kleine Gesicht. Vielleicht machte er eine Grimasse, ganz unbewusst. Neugeborene können nicht lächeln. Sie erkannte ihn dennoch: "Der hat Charme.", sagte sie, "da müssen wir uns in Acht nehmen." Sein Lachen, das immer noch so unmittelbar aufblitzt, hat von Anfang an alles erstrahlen lassen. Diese Metapher ist abgenützt, aber so es ist tatsächlich. Alles wurde heller, farbiger, strahlender, wenn dieses Kind im Sandkasten sitzend, seinen Kopf hob, mich von weitem kommen sah und sich dieses herrliche Lachen auf seinem Gesicht ausbreitete. Sein Vater hat sich manchmal zum Scherz gewünscht, er möge niemals älter werden, damit er dieses Lachen nicht verliert, diese Fähigkeit sich unumwunden, rückhaltlos zu freuen. 

Er ist begabt und klug. Ab und an habe ich mir fast erschrocken eingebildet: "Der kann einfach alles." Das ist ein Kind, das jede Ballsportart beherrscht, ein Kind, das abends in Schlafzimmer stürmt und ruft: "Ist doch so, oder? Kafka ist witzig.", ein Kind, das Gitarre und Theater spielt und Mathearbeiten leicht findet. Aber singen kann er nicht! So viel Wahrheit muss auch sein.

So dankbar bin ich für dieses wunderbare Kind, das jetzt erwachsen ist, und für mich doch immer mein Kind bleiben wird. 


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Kommentare:

  1. Das mag jetzt furchtbar kitschigtantchenhaft von einer klingen, die keine eigenen Kinder hat, aber bei der Lektüre bildeten sich kleine Pfützen in meinen Regentropfenaugen...

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  2. Jeder singt! ... -auf die ein oder andere Weise. So viel Wahrheit muss sein!

    Auch deinem Sohn ein Glückwunsch zu so ner tollen Mutter!

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  3. ein? Das heißt doch: einen Glückwunsch. Oh Gott, ich komm ja gar nicht klar! Wer soll das alles lektorieren?

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  4. Danke für die Reaktionen.

    Nein, liebe Frau Feuerfalter, ist nicht kitschig. Und wenn doch. Mir doch egal:-).

    @read An Hat man mir auch immer gesagt: "Jeder singt". oder sogar "Jeder kann singen." Jede aber nicht. Ich meine: Ich gebe Laute von mir. Aber ich nenn das nicht Gesang . Ich liebe es jedoch, Chöre zu hören. Und bin gern dabei, wenn andere miteinander singen. Da kann es dann sogar passieren, das ich mitsumme. Der Knabe, der keiner mehr ist, hat viele Talente. Dieses eine hat er nicht. Aber er singt. Das stimmt. Manchmal. Wenn man es so nennen will.

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  5. Komisch wie du den Satz verstehst.

    Ich liebe es jedoch, Chöre zu hören. Und bin gern dabei, wenn andere miteinander singen. Da kann es dann sogar passieren, das ich mitsumme.

    Da singt doch immer was mit, hebt sich was an, auch ohne Stimme.

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    1. Ja, stimmt. In mir singt´s. Aber wenn ich es rausbringen will, hört es sich nicht an, wie das, was ich in mir höre. Und deshalb...
      So schlimm ist es nicht. Mehr. Eine verheilte Wunde.

      Als ich zur Grundschule ging, mussten wir immer vorsingen. Einzeln. Aufstehen und vorsingen. Davor habe ich mich sehr gefürchtet. In einem Buch hatte ich gelesen, dass man krank wird, wenn man eine ganze Tube Zahnpasta aufisst. Am Abend vor dem schrecklichen Vorsingen, habe ich eine ausgedrückt und mit viel Wasser heruntergespült. Es war eklig. Aber krank bin ich nicht geworden. Obwohl mir an dem Morgen ganz flau war. Meine Mutter hat aber richtig erkannt: "Das ist wegen dem Vorsingen." Ich musste hingehen. Aber sie hat auch gesagt: "Man muss nicht alles können." Es war ein Trost. Wenn auch nur ein schwacher.

      Es ist schade drum, sicher, weil es mir für eine Weile die Freude an der Musik genommen hat. Zumindest in der Schule. In der Kirche dagegen habe ich immer gerne Musik gehört und innerlich mitgesummt. So kommt es wohl zu diesem (Miss-) Verstehen.

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  6. Zugegeben: bei mir hört sich das auch nicht dolle an. Wäre es anders, ich würde wohl nicht nicht schreiben. Dein Sohn spielt Theather. Habe ich auch ein paar Mal, daher weiss ich, das ist auch so eine andere Weise.

    Witzig, mir hat auch mal jemand erzählt: Zahnpasta essen macht krank. Hat auch bei mir nicht funktioniert. Einzeln vorsingen musste ich nie aber Blockflöte einzeln vorspielen. Mann, war das Mist, ich hab's gehasst. Is ja irgendwie auch kein Instrument. Aber immerhin, man kann sich damit auf den Weg begeben. Ansonsten habe ich nur, wenn ich eine in die Hände bekam, die Quetschkommode gemüht. Aber auch das kann ich nicht!

    Niemand muss Alles können. Jeder kann was.

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