GELEIT-WORT

Dieses Blog hat als Fluchtpunkt das Jahr 1989. Vieles, was ich schreibe, ist offenbar mit der Suche danach verbunden, was 1989 mit mir, mit uns geschah, wie und warum, der Jahreswechsel 1989/90 mir rückblickend zum Bruch wird. Schon der erste Eintrag  kreiste um diese Frage (All die Jahre). 

Ich bin 1965 in der BRD geboren; gehöre also zu den Baby-Boomer-Jahrgängen: Kinder der goldenen 70er Jahre, in denen eine Ölkrise zu autofreien Sonntagen führte, an denen wir Rollschuh auf den Autobahnen fuhren. Wir haben von der Revolte der 68er profitiert, durch die nicht nur die Mini-Röcke, sondern auch eine neue Lockerheit in die Schrebergärten einzogen. Die 68er selbst aber saßen missmutig als verbeamtete Lehrer vor uns und versuchten uns den Spaß an Raumschiff Enterprise und Klimbim zu verderben. Deren Kulturpessimismus und auf Selbstgerechtigkeit reduzierte Ideologiekritik stießen uns ab. Gegen die entdeckten wir Edgar Wallace als Kult und lasen statt Adorno Foucault und Luhmann. Geschichte war zu Ende, das Subjekt eine elende Fiktion. Lasst uns auf tausend Plateaus spielen. Wir lachten uns schlapp über Helmut Kohls „geistig moralische“ Wende und die Voodonomics des Cowboy-Darstellers Reagan aus Hollywood. In diesem Trio wirkte einzig die Eiserne Lady nicht lächerlich. Tatsächlich zerschlug sie auf brutale Weise die englischen Unions. Aber Gewerkschaften waren eh uncool: die grauen Hosen und die ewigen Nelken. Die Gewerkschaftler hierzulande agierten als Anteilseigner der Deutschland AG, überzeugt davon, dass der Mensch vor allem ein paar DM mehr in der Tasche braucht, um glücklich zu sein. Wohlstandskinder, die wir waren, interessierte uns das nicht.  Wir wollten die Befreiung von der Arbeit, nicht deren verbesserte Bezahlung. Marx reloaded. Aber mit Spaßfaktor. 

Als – für uns völlig unerwartet – der sogenannte Ostblock zusammenbrach (Wir hätten es ahnen können, wenn wir dort nur einmal genauer hingeschaut hätten. Doch der Sex-Appeal von Honecker oder Breschnew hielt sich in überschaubaren Grenzen. Den Bruderkuss scheuten wir instinktiv.), mussten wir lernen: Geschichte wird gemacht. Nur nicht von uns. Wir machen einfach weiter unsere eigenen Sachen, dachten wir. Aber es stellte sich heraus: Es trat ein Kapitalismus seinen Siegeszug an, in dem unsere hoffnungslose Utopie der Kontigenz sich auflöste im totalen ökonomischen Verwertungszusammenhang. Das ging schleichend und wurde uns erst bewusst, als wir längst schon verinnerlicht hatten, dass Individualismus jetzt heiße: Optimiere dich selbst, steigere deinen Warenwert. Das Land, auf dessen verantwortungsloses Zahlen und Stillhalten wir uns vorbereitet hatten, existierte nicht mehr. Wir lebten jetzt in Deutschland. Mit den Stimmen der Sozialdemokraten wurde das Asylrecht abgeschafft, Genscher führte das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ins internationale Rechtsempfinden ein, so dass schließlich ein 68er-Steinewerfer und sein Brioni-Kanzler den ersten Bombenangriff deutscher Flieger nach 1945 anordneten, was aber – wie wir lernten - kein vom Grundgesetz doch verbotener Angriffskrieg sei, obgleich auf den Alpenpässen keine Serben gesichtet worden waren.

Ich schreibe „wir“, aber das ist selbstverständlich völliger Unsinn. Ein „Wir“ zu bilden, gerade das hatten „wir“ ja grundsätzlich abgelehnt vor 1989. Keine Organisationen, keine Interessenvertretungen, keine Identität, keine Kontinuität: Anything goes - Melancholie total. Ich muss aufhören damit, eine ganze Generation beschreiben zu wollen, wenn ich  mich suche jenseits der Resignation, die ich erst rückblickend auf das Ende des Jahr 1989 zurück datieren kann. „Das Private ist politisch.“ Selbst die Rückbesinnung auf diesen Feministinnen-Spruch macht mich skeptisch: Ist es nicht nur ein weiterer Versuch, das eigene Versagen historisch zu überhöhen?

Die (Gleis-)Bauarbeiten gehen weiter.