Sonntag, 23. Mai 2010

TRABIS GETANKT - WIR KOMMEN.... (Herbst 1989)




Das Foto von Ende September 1989 zeigt sie auf der Strandpromenade,  zum ersten Mal in einem Damen-Jackett. PfefferundSalz sagt man zu dieser undefinierbaren Farbe. Auch das hatte sie gerade erst gelernt.

Ich trage es unentschlossen über einer engen Jeans. Die Haare sind noch sehr kurz, knapp der Punk-Phase entwachsen, nicht mehr tiefschwarz, sondern schon rotbraun gefärbt. Es wird einige Jahre dauern, bis Ich zum ursprünglichen Blond zurückkehren werde. Sie liegen wie eine Kappe um den Kopf, so kurz noch, dass sich die Naturlocken, die ich in späteren Jahren täglich mit dem Lockenstab glatt ziehen werde, nicht zeigen können. Die Augen habe ich versuchsweise zart umrandet, kein harter schwarzer Strich mehr. 

Wenn ich heute dieses Foto anschaue, erkenne ich, dass M. damals fast noch ein Mädchen gewesen ist. Sie ist 24 Jahre alt. Sie schaut so ernst. Sie hat sich entschieden, erwachsen zu werden. Die Examensarbeit ist geschrieben. 6 Wochen später wird sie die mündliche Prüfung bestehen. Sie hat versprochen, 5 Jahre zuvor versprochen, dass sie ab Januar 1990 in jedem Fall und in vollem Umfang selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen wird. Sie hat genügend Geld von den Semesterferienjobs gespart, um dieses Versprechen bis zum Sommer des kommenden Jahres auch dann halten zu können, wenn die Bewerbungen um eine feste Stelle nicht sofort erfolgreich sein werden. Es wird nicht leicht. Sie hat „brotlose Kunst“ studiert, wie ihr Vater sagt. Sie ist nicht zuversichtlich. Sie ist entschlossen. Sie wird dafür sorgen, dass die Eltern sich keine Sorgen machen müssen. Sie wird ihnen zeigen, dass „alles gut gegangen ist“: Das Risiko der „höheren Bildung“, der Verzicht auf einen „Brotberuf“, der Griff nach den Sternen.  „Wir sind so stolz auf dich.“ Das sollt ihr bleiben.

B., der dieses Foto aufgenommen hat, schien immer schon zu sein, was ich mir jetzt vorgenommen hatte: erwachsen. „Junger Freund“, sagte er im Hausflur zu meinem Mitbewohner. O weia. Aber als gütig habe ich empfunden, wie er auf mich schaut, klug und sicher. Dieses Foto zeigt mich in diesem Blick, den ich gern auf mich gerichtet sah: klein, unsicher und schutzbedürftig, mit großen Augen von unten her aufblickend. So sind alle Bilder, die du von mir gemacht hast. So wollte ich bei dir sein, für dich sein. Meinen Kopf an deiner Brust, höher rage ich nie. 

Doch jetzt will auch M. erwachsen werden. Leite mich. Immer bin ich ein bisschen „over the edge“, unbeherrscht und manchmal auch naiv, meinst du, in meinem Zorn wie in meiner Leidenschaft. Das hast du gern und amüsierst dich, wenn ich strauchle. Du hältst mich nicht fest. Zerrst niemals an mir. Scheinst dich nie zu verzehren. Was ich ersehne. Er ist so geschlossen. Das reißt sie hin. Dass er unbezwingbar wirkt. 

Dort an der Ostsee, in der Examenspause, wird die Wende vollzogen. Die von hier zurück fahren wird, bewirbt sich: mit besten Noten, klug, fleißig, ein wenig schüchtern, nicht zu selbstbewusst. Er, aus großbürgerlichem Hause, fühlt die Zwänge nicht. Er promoviert, schränkt seine Bedürfnisse ein, nimmt aber ohne Bedenken auch in seinem Alter Geld vom Vater. Die Herbsttage 1989 an der See sind stürmisch, doch in der winzigen Ferienwohnung sind wir uns wohlig nah. So könnte es gehen, scheint es euch, die auf Dauer angelegte Zweisamkeit. Stille Tage sind es, ihr lest viel. Sie liest Anna Karenina, er liest Niklas Luhmann „Liebe als Passion“. Man könnte das symbolisch deuten. Deshalb ist es vielleicht nicht wahr.

In der Wohnung gibt es keinen Fernseher. Dass sich draußen in der Welt ein historischer Umbruch vollzieht, erfahrt ihr jeden Tag durch die Schlagzeilen der BILD-Zeitung, wenn ihr am Kiosk vorbei hinunter zum Strand geht. „Trabis getankt, wir kommen....“, lest ihr. Ihr entschließt euch, abends um 20.00 Uhr im Aufenthaltsraum des Kurmittelhauses die Tagesschau zu sehen. Auf dem Gelände der Prager Botschaft wird es eng, seht ihr, so viele Ausreisewillige. Du prüfst zuschauend deine Gefühle. Die Prüfung führt zu nichts. Erst am 30. September, als Hans Dietrich Genscher vom Balkon der Botschaft aus verkündet: „....Ihre Ausreise....“ und seine Worte im Jubelgeschrei der dort Anwesenden untergehen, kommen dir plötzlich, völlig unerwartet Tränen. Wie einige Monate später, als die Mauer fällt. Da heulst du auch. Und schämst dich. Was verbindet dich denn mit diesen anderen Deutschen? Wolltest du jemals „deutsch“ sein? Das wählt man nicht. Aus den Augenwinkeln nimmst du wahr oder bildest dir ein, dass auch seine Augen feucht sind.

Deutschland erwacht. Und du wirst auf einmal sentimental. Lange hält das nicht vor, natürlich. Als die Volker brüllen: „Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht, dann gehen wir.“, musst du dich übergeben. Alles ist „ambivalent“- auch so ein Wort, dem du misstraust. Es kann viel Bequemlichkeit verdecken, den Unwillen, sich zu entscheiden. Und du hast dich entschieden. 

1989. Die Wende. Der Aufbruch. Der endgültige Abschied.

Es liegt in meiner Erinnerung eine tiefe Melancholie über den Herbsttagen des Jahres 1989. 

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