Donnerstag, 10. Oktober 2019

HANNAH RYGGEN in der Schirn in Frankfurt: MEHR ALS "GEWEBTE MANIFESTE"

Ausstellungskatalog


Die Ausstellung der Wandteppiche der norwegischen Künstlerin Hannah Ryggen (1894-1970)  in der Frankfurter Schirn unter dem Titel „Gewebte Manifeste“ beeindruckt gerade dadurch, dass Ryggens Teppiche eben nicht nur sind, was der Ausstellungstitel behauptet. 


Hannah Ryggens Wandteppiche greifen zu ihrer Zeit aktuelle politische Ereignisse und Situationen auf und bewerten sie aus einer eindeutigen, kommunistischen Weltanschauung. Mit 72 Jahren, 1966, webte sie „Blut im Gras“, einen Teppich, auf dem sich rechts ein blutrotes Gitter durch grüne „Gras“-Wolle zieht und links auf lilafarbenem Hintergrund der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson mit Cowboy-Hut und Hund steht. Darunter hat sie den Titel „Blut im Gras“ eingewebt. Aber Ryggens Teppich besticht eben nicht, weil er bloß ihre Haltung zum Vietnam-Krieg illustriert, die sie in einem Brief festgehalten hat: „Die Armen sollen mit Geld, Blut und Tränen zahlen. Ich kann diesen miserablen Präsidenten in Lincolns Land der Freiheit nicht begreifen. Aber die meisten hier stehen auf seiner Seite, weil sie glauben, dass die USA sie vor dem Kommunismus schützen. Ja- die Welt ist nicht besser geworden als früher.“

Neben jedem der großformatigen Wandteppiche Ryggens ist eine Texttafel angebracht, die Aufschluss über den politischen oder sozialen Hintergrund der im Teppich gezeigten Inhalte gibt. Ryggens Haltung ist immer klar und eindeutig: gegen Kolonialismus und Faschismus, für Sozialismus und Kommunismus, gegen Krieg, für Frieden. Sie bezieht sich auf die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre („Fischen im Schuldenmeer“ 1933), Carl von Ossietzkys Tod in Haft („Tod der Träume“ 1936), setzt der deutschen Widerstandkämpferin Liselotte Hermann ein Denkmal („Liselotte Hermann enthauptet“ 1938) oder bezeugt die Inhaftierung ihres Ehemanns Hans Ryggen durch die Nationalsozialisten 1944 („Grini“ 1945). Ihre aufrechte Haltung verdient Respekt. Aber ihre Kunst geht nicht in dieser auf und die Wirkung der Wandteppiche von Hannah Ryggen überschreitet bei weitem diejenige eines zeitgebunden politischen Manifestes. 

Mich, die 1965 geborene, würden „Manifeste“ einer aufrechten Frau aus Norwegen bestenfalls historisch interessieren; Manifest gewordenen Kunstwerke hingegen, die bloß eine politische Haltung illustrierten, gar nicht. Hannah Ryggen mag ihre Werke auch als Manifeste verstanden und eingesetzt haben, spannender ist jedoch, dass und wie ihre politischen Überzeugungen sich in ihren künstlerischen und ästhetischen Entscheidungen zeigen; wie es ihr gelang, eine Form zu finden, durch die zeitgebundene Positionen in überzeitlich gültige übersetzt werden konnten. 

Um sich die „Inhalte“ der in Frankfurt ausgestellten Werke zu erschließen, muss die Betrachterin immer ganz dicht herantreten an die Texttafeln oder über die Audio-Features auf dem Handy abhören, was dargestellt ist. Sonst würde sie selten den historischen Hintergrund verstehen, allenfalls Churchill vielleicht erkennen auf „6. Oktober 1942“ (1943), eher nicht jedoch zum Beispiel Adenauer auf „Jul Kalve“ (1956), das gegen den Beitritt Norwegens zur NATO Stellung bezieht. Wenn die Betrachterin allerdings zurücktritt, um die Wandteppiche im Ganzen zu betrachten, dann wirken sie auch unabhängig von all diesem Hintergrundwissen. 

Diese Wirkung wird vor allem erzielt durch den Einsatz der Wollfarben. Die Beschäftigung mit der Herstellung der Wolle und ihrer Einfärbung nahm einen großen Teil des künstlerischen Schaffens Hannah Ryggens ein. Sie verwendete Wolle, die in der Region hergestellt wurde, in der sehr mit ihrem Mann und ihrer Tochter auf einem einsamen Hof lebte. Sie färbte diese Wolle selbst mit natürlichen Färbemitteln, die sie aus Pflanzen und Flechten herstellte, die sie sammelte. Männerurin war eine wichtige Basis ihrer Färberezepturen. Die Farben, die sie auf diese Weise herstellte, leuchten auf besondere Weise. Berühmt wurde ihr Blau, das „Pottblau“ oder „Pisseblau“, das so stark und vielfältig in vielen Teppichen hervorsticht oder Hintergründe bildet. 

Den Webstuhl, den sie verwendete, hatte ihr Mann Hans gebaut. Sie brachte sich das Weben selbst bei. Obwohl sie jahrelang Malstunden genommen hatte und über große technische Fertigkeiten verfügte, entschied sie sich bewusst für das Weben als Ausdrucksform. Sie verband mit ihrer Kunst das traditionelle (weibliche) Handwerk mit ihrem Wissen über kunsthistorische Ikonographie und die Entwicklungen der modernen Malerei. Das gewebte Bild bleibt dabei in einer anderen Weise „flächig“ als das gemalte Bild. Es wird aus Farbfeldern aufgebaut. Die Kette aus Leinen bildet den Untergrund auf dem die Wolle mit ihrer „Textur“ Formen bildet. Diese Formen sind zunächst schlicht, erinnern an naive Malerei und Volkskunst und beziehen sich ikonographisch und im Großformat dann doch auf die Traditionen der europäischen Malerei, auch christliche. Die Widerstandskämpferin Liselotte Hartmann hält ihr Kind wie eine „Maria mit dem Kinde“. 

Zugleich hebt diese Form des Wandteppiches, der häufig mit ornamentalen Bordüren verziert ist und traditionelle Webmuster verwendet, die Trennung zwischen Kunsthandwerk und „autonomer Kunst“, die das moderne Kunstverständnis bestimmt, auf. Sie besteht darauf, dass Kunst und Kunstproduktion nicht aus einem Gebrauchskontext herausgerissen werden sollen, dass das Kunstwerk im Dienst der Gesellschaft entsteht und ihr gehört. Hannah Ryggen hat konsequenter Weise daher ihre Werke nicht an private Sammler verkauft, sondern ausschließlich an öffentliche Einrichtungen. 
 

Mutterherz (1947)

Auch die Rolle der Frauen in der Gesellschaft steht dabei immer wieder im Zentrum von Hannah Ryggens Darstellungen: die Frau als Trophäe des wohlhabenden bürgerlichen Mannes, die aus ihrer Schönheit Macht bezieht und sich zugleich zur Ware degradiert in „Das goldene Lamm“ (1935), die alleinstehende Mutter an der Nähmaschine, die arbeitet und gleichzeitig liebevoll sich ihrem Kind zuwendet in „Unverheiratete Mutter“ (1937), die nackte, blaue Frau, die einen Soldaten zurück in seine Heimat führt in „Der Gebrauch der Hände“ (1949), die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern in „Mutterherz“ (1947).

Zu ihren Lebzeiten war Hannah Ryggen eine bekannte Künstlerin; sie vertrat Norwegen bei der Biennale in Venedig. Nach ihrem Tod geschah, was weiblichen Künstlerinnen und ihrem Werk nur zu häufig geschieht: Sie geriet in Vergessenheit. In ihrem Fall wird als Ursache dafür auch genannt, das sie Webarbeiten schuf, die als Kunsthandwerk galten und schon deshalb nicht Eingang in den Kunstkanon fanden. Erst jetzt wird sie nach und nach „wiederentdeckt“, wie es dann immer so heißt. 



Sonntag, 22. September 2019

"DAMIT IHR WISST, WIE´S WAR." Gabriele Tergits großartiger Familienroman "Effingers"



"Was ich mir wünsche ist, dass jeder deutsche Jude sagt: ja, so waren wir, so haben wir gelebt zwischen 1878 und 1939, und dass sie es ihren Kindern in die Hände legen mit den Worten: damit ihr wißt, wie's war."
Gabriele Tergit in einem Brief 

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Der Antisemitismus war immer schon da - in Gabriele Tergits Familienroman „Effingers“ und in Kragsheim, jener fiktiven Provinzstadt in Süddeutschland, wohin der 17jährige Paul Effinger 1878 an seine Eltern schreibt. Dort erinnert sich Pauls wortkarger Vater, der Uhrmacher, an die mittelalterlichen Pogrome gegen seine Vorfahren. Pauls ältester Bruder ist nach Großbritannien ausgewandert, weil er den Deutschen nicht traut. Der Techniker Paul und sein optimistischer Bruder Karl dagegen suchen ihr unternehmerisches und privates Glück im aufstrebenden Berlin der Gründerzeit. 

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Waldemar Goldschmidt: „Ich gehöre zu einer verachteten Rasse und bin ein Bürger zweiter Klasse in Deutschland. Aber ich habe einen Vorteil, der sich eines Tages zeigen wird: Ich bin durch meine bloße Existenz als Jude ein Zeuge für die Kraft des Geistes und der Gewaltlosigkeit.“
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Gabriele Tergit erzählt in „Effingers“ die Geschichte dreier deutscher jüdischer Familien: den aus Süddeutschland stammenden, konservativen Effingers und den liberalen Berliner Bankiersfamilien Oppner und Goldschmidt. Tergit erzählt von Unternehmertum und geschäftlichen Rückschlägen, von Familiengründungen und gescheiterten Ehen, von Weltkrieg und Zusammenbruch des Kaiserreichs, von weiblicher Emanzipation und künstlerischem Aufbruch, vom Aufstieg des Nationalsozialismus, von Vertreibung und Ermordung der jüdischen Familien. Gabriele Tergit hat diesen bedeutenden Roman noch auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Exil begonnen; 1951 ist er erstmals erschienen. 


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Der Sonntagmittag: „ ´Ein böses Zeichen, wenn auch für gute Sachen Reklame gemacht wird.´ ,Das ist der Zug der Zeit.´, sagte Karl. ´Was ist der Zug der Zeit?´, fragte Waldemar. ´Ein Zug blutjunger Männer, die immerzu Hurra schreien oder ein Zug bärtiger Männer mit Retorte und Rechenschieber, die uns ein besseres Leben lehren, mit elektrischem Licht und Kanalisation, ohne Krankheiten?“
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Das deutschsprachige Publikum war für diese groß angelegte Familiengeschichte über jüdische Deutsche in den 50er Jahren offenbar nicht bereit. In „Effingers“ werden die Angehörigen dieser fiktiven jüdischen Familien, von wenigen Überlebenden abgesehen, zu Opfern der nationalsozialistischen Mörder. Doch obwohl der Antisemitismus immer schon im Hintergrund spürbar ist, definiert weder der jüdische Glaube, noch die historische Zugehörigkeit zum Judentum die Protagonisten und Protagonistinnen des Romans. Gabriele Tergit schreibt den Roman aus der Perspektive einer allwissenden Erzählerin. Doch sie nutzt diese nicht aus, um ihre Figuren aus der Rücksicht zu determinieren.  

Wie alle große Literatur stellt Tergits Roman Individuen in den Mittelpunkt, die je Einzelnen in ihrer Not, ihrer Liebe, mit ihren Hoffnungen und Träumen, ihren Niederlagen und Sternstunden, ihrer Verzweiflung und ihrem Eigensinn. Während der grundsätzlich pessimistische, aber technikaffine Paul verbissen und zäh um sein Automobilunternehmen kämpft, die vielen Rückschläge mit verdoppeltem Arbeitseinsatz wettzumachen sucht, scheint sein Bruder und Kompagnon Karl stets auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, heiratet bei den reichen Oppners ein und genießt das Berliner Leben, die üppigen Mahlzeiten und zahlreichen Freizeitvergnügungen in vollen Zügen. 

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Frauenversammlung: „Denn selbst die gebildeten Frauen sind nur gebildet auf dem Gebiet dessen, was man als schöngeistig bezeichnet. Aber ihr habt endlich genug vom Vortrag über Rembrandt nach dem Nachmittagstee, der euch gerade noch genug Zeit lässt, um euch zur Abendgesellschaft umzuziehen. Hier beginnt die Pflicht gegen das eigene Ich, gegen die eigene Entwicklung zum Menschen.“
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Die Männer sind beunruhigt am Anfang des 20. Jahrhunderts, dass das tradierte patriarchale Geschlechterverhältnis ins Wanken gerät: „Die Gefahr“, so lässt Tergit einen Dr. Merkel schreiben, "in der Du dich befindest, ist ungeheuer. Du wirst von Stufe zu Stufe sinken. Ich aber segne diesen Krieg. Dieser ganzen Girlkultur der verdorbenen Großstadt wird ein Ende bereitet sein. Aus einem Stahlbad werden wir gereinigt hervorgehen.“  Auch die jüdischen Familien Effinger, Goldschmidt und Oppner verstehen sich als deutsche Nationalisten und stehen in dieser ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts fest auf der Seite ihres „Vaterlands“. Ihr Bruder in England, der seine zwei Söhne in diesem Krieg verlieren wird, bricht jedoch für immer mit den deutschen Verwandten. 

Die jüngere Generation der Effingers schließlich wird mit einer neuen Form des Antisemitismus konfrontiert werden, der sich nicht mehr auf christliche Ressentiments, sondern auf Rassenideologie stützt (und der dennoch ebenso nahtlos daran anschließen kann wie der gegenwärtige, teils als „Israelkritik“ verbrämte, teils muslimisch-religiös, teils anti-kapitalistisch/kolonialistisch begründete). Während die jungen Menschen nach dem 1. Weltkrieg noch darum kämpfen, sich in verwandelten gesellschaftlichen Verhältnissen und Moralvorstellungen zurecht zu finden, die nicht zuletzt das Geschlechterverhältnis betreffen, breitet sich diese Ideologie auch in ihrem unmittelbaren Umfeld mehr und mehr aus. 


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Gemütlicher Abend: „`Wir müssen uns darüber klar sein, wir lieben noch immer ein Deutschland, dass es nicht  mehr gibt. Wir glauben noch immer an den deutschen Humanismus, und wir lieben Kragsheim und Neckargründen. Wir werden den jetzigen Deutschen immer fremder.`“
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Gabriele Tergits Roman endet mit einem letzten bitteren Brief Pauls, der bereut, dass er nicht auf seine Frau gehört und Deutschland rechtzeitig verlassen hat. Alle Anstrengung dieses immer von Sorgen geplagten Unternehmerlebens umsonst: „Ich habe an das Gute im Menschen geglaubt. Das war der tiefste Irrtum meines verfehlten Lebens. Das haben wir nun beide mit dem Tode zu büßen.“ 

Dem folgt ein Epilog über den Frühling 1948, wenn „glückliche, neue Kinder spielen“ auf den Straßen Berlins. Die Spuren des jüdischen Lebens sind ausgelöscht. Beinahe. 

Doch sie, die Romanautorin Gabriele Tergit, wird das nicht stehen lassen. Mit „Effingers“ macht sie die Spuren wieder sichtbar. Zeit, dass dieser großartige Roman eine Leserschaft findet. In Deutschland.

Gabriele Tergit: Effingers. Mit einem Nachwort von Nicole Henneberg, Schönling&Co., 2019

Freitag, 20. September 2019

DER NIEDERGANG DES FRAUENHELDEN (Drei Sabinen)

Zur Erinnerung (denn - offensichtlich - mache ich weiter mit diesem "Roman" - den "Drei Sabinen")

Drei Sabinen
Der mythologische Hintergrund: Der Raub der Sabinerinnen, die sich – angeblich – von ihren Räubern und Vergewaltigern zu Liebe und Ehe „überreden“ ließen? Vom Leben in Welten, in denen Männer Frauen haben und brauchen, besitzen und begehren, beherrschen und behüten. Und wie Frauen dort leben, in diesen Welten, sich wehren, betrügen und intrigieren, lieben und verraten, sich befreunden und beraten. Und wie solche Welten ins Wanken geraten, beizeiten, beiläufig, verheerend. 

Die Zeitebenen: Die 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die Gegenwart (um 2016 folgende). Noch weiter zurück: Line Leuchte/Nachkrieg (doch das ist eine andere Geschichte!).

Der Ort: Haselberg in der hessischen Provinz

Das bisherige Personal:
Die KlassenkameradInnen:
- die Bohnenstangen-Sabine, später Sabia Hart, erst verklemmt und verschlossen, später mondän und weltläufig 
- die Rapunzel-Sabine, zunächst verschollen, irgendwo in der Metropole
- die kleine Sabine, ansäßig, verheiratet mit dem Norbert, ebenfalls schon immer ansäßig Reisebüro-Mitinhaberin
- der Claus, früher mollig und gescheit, heute schlank und durchtrieben, Provinz-Politiker
- die Kerstin, nüchtern und gediegen, verheiratet mit dem Richter
- der schöne Klaus, Kerstins bester Freund
und
„Wir“  (die Klatsch- und Tratsch-Gesellschaft)

- der Pianist, Sabia Harts Teilzeitgeliebter, ein Mann, „der die Frauen liebt“
- ein Starlet, die Mutter des Claus
- Markus, der schwule Friseur, den die Sabia liebte

Was bisher geschah:
- die Rapunzel-Sabine, die mysteriös verschwunden war (womit irgendwie der Claus etwas zu tun hatte) taucht auf Facebook wieder auf; den Claus beunruhigt das:
- die Sabia, die früher eine hässliche Bohnenstange war, erscheint als Geliebte des berühmten und berüchtigten Pianisten mal wieder in der alten Heimat; der Pianist macht sich an die spröde Kerstin heran und weckt die Eifersucht der Sabia:
"Du Teufel" (Hart kämpft 2)
"Only date Gentleman" (Hart kämpft 3)
- die kleine Sabine ist SocialMedia-affin und macht, was der Norbert von ihr will, während der Norbert macht, was der Claus will, obwohl er nicht kapiert, worum es geht
- der Claus spinnt Intrigen analog und digtial, aber man weiß nicht, wovor er Angst hat, außerdem erfährt man, was er früher über seine Mutter, das Starlet, erzählt hat, die vielleicht in der Hauptstadt ein Porno-Star geworden ist

(- alle Sabinen, so weiß man, waren mal in den schönen Klaus verliebt, aber das ist lange her)




***

Wir waren von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen. Dem Augenschein vertrauend hatten wir angenommen, es sei die herbe Kerstin, die in diesem bösen Spiel, das der Pianist angezettelt hatte, das Opfer werden würde. Doch das kam ja ganz anders. Am Ende war es nicht einmal die Sabia, die am meisten zu leiden hatte, sondern er, der Schwerenöter, der Mann, der die Frauen liebte, der elegante und eloquente Schmierenkomödiant, als der er uns erschien, während andere ihn, wie wir wohl wussten, verehrten gerade für jene Imitation eines schon vor einem Jahrhundert ausgestorbenen Gentleman-Typs, die er ablieferte, in seinen Safari- oder Nadelstreifenanzügen, mit gestärkten Hemdenkragen und kunstvoll geschlungenen Krawatten, seinen seidenen Einstecktüchern und seinem Borsalino mit dem flotten Bändchen. Nur wenn man auf die Schuhe hinabsah, offenbarte sich das Verkommene dieser verjährten Lässigkeit. Er trug Budapester, selbstverständlich, doch selbst die besten Schuhe kommen in ein Alter, in dem sie nur noch abgelaufen aussehen. Wir wunderten uns, denn es hieß, er sei gut im Geschäft, Auftritte auf den bedeutendsten Bühnen und in den arriviertesten Konzertsälen waren auf seiner Homepage verzeichnet. Allerdings eben auch zwischendrin immer wieder jene Gastspiele in der Provinz, deren eines ihn in unsere Gegend, in die Heimat der Sabia, ehemals Bohnenstangen-Sabine, verschlagen hatte. Der Lebensstil des Pianisten, wahrscheinlich, so nahmen wir an, war dafür verantwortlich, dass es manchmal knapp wurde bei ihm; man munkelte, er habe keinen festen Wohnsitz, er belege ganzjährig eine Suite im 5-Sterne-Hotel in der Hauptstadt, nun ja, das kostete natürlich.

Der Pianist hatte sich zweifellos auch einen anderen Ausgang seines Spieles erwartet, vielleicht sogar keinen Ausgang, sondern ein fortwährendes Drama, in dem sich der 3. Akt immerzu wiederholte, die Heldinnen einander, begleitet von schauerlichem Tremolo, an die Gurgel gehen, im unerbittlichen Kampf um den Mann. Das war sein Traum gewesen, so nahmen wir an. Allerdings imaginierte er sich eben nicht als ein Stück männlichen Fleisches, das sie zwischen sich zerrissen in ihrer penthesileischen Gier, sondern vielmehr als einen auf einem Throne sitzenden Richter, dem sie sich zu Füßen warfen und um dessen wechselnde Gunst sie flehten, während er sich einmal von oben herab der einen, dann wieder der anderen zuwendete, lechzend nach den Wunden, die sie einander, wie er hoffte, zufügen würden. Es kam aber nicht so. Sie kämpften nicht, sie brachten ihm keine blutigen Wunden dar, an denen er sich laben konnten, sie kratzten nicht und schrien nicht und intrigierten nicht. 

Die Sabia war bereit. Sie hätte ihm mit Freuden alles geboten, was er sich wünschte und mehr. Sie hatte es bei anderer Gelegenheit bereits bewiesen. Die Sabia hatte gelernt von klein auf, dass sie geliebt wurde, wenn sie sich selbst erniedrigte, oder sie hatte gelernt, zu glauben, dass es Liebe war, die sie sich erniedrigen ließ. Sie war bereit. 

Doch Kerstin? Kerstin war eine Frau, bei der sich der Pianist vergriffen hatte. Auch wir hatten dies nicht geahnt. Auch wir hatten vermutet, sie werde ihm nicht standhalten können. Denn wir wussten oder glaubten es zu wissen, wie sehr es ihr an Erfahrung mangelte, mit Typen wie ihm, überhaupt mit Typen. Den Pianisten hatte sein Instinkt vollständig verlassen, als er Kerstin auswählte. Doch nehmen wir im Rückblick nicht länger an, dass er sie wählte. Er wählte ihren Begleiter, er wählte, dass sie eine begleitete Frau war, begleitet von einem Mann, den er für satisfaktionsfähig hielt, aber besiegbar. Er schätzte den anderen Mann ab, nicht die Frau. Die Blicke des anderen Mannes verliehen Frauen den Zauber, der ihn, den Pianisten, betörte, an dem er sich berauschte. Dass die Frau von einem anderen begehrte wurde, dem er sie streitig machen konnte, zog ihn unwiderstehlich an. 

Aber als er Kerstin an jenem Abend von seinem Bühnenplatz aus in der ersten Reihe die Beine übereinanderschlagen und sich ihrem Begleiter zuwenden sah, täuschte er sich vollkommen. Jene Zärtlichkeit, jene Aufmerksamkeit, die der Begleiter Kerstin entgegenbrachte, war nicht mit dem Begehren verbunden, das der Pianist als einzige Beziehungsbasis zwischen einer Frau und einem Mann kannte. (Außer der Mutterschaft, freilich, doch davon wird noch die Rede sein.)

Der Niedergang des alternden Frauenhelden begann an diesem Abend, an dem gerade er sich so auf der Höhe seines Könnens wähnte. Aber auch wir sahen es ja nicht. Sahen eine ganz andere Katastrophe voraus, Scheidung und Hausverkauf, einen sich verdrückenden Richter, einen erschütterten schönen Klaus. Und Kerstin, verloren und gerichtet, sich die Haare raufend in der Rückschau über ihre Naivität, ihre Treulosigkeit, ihre Verfehlung. Das kam nicht so. Auch der Sabia prophezeiten wir an jenem Abend bittere Tränen. Doch ein anderer sollte weinen, krächzen, seine Stimme verlieren, sein Gehör, seine seidene Geschmeidigkeit. Den Schlussakkord des Trauerspiels, das uns allerdings, zugegeben, eine Tragikomödie war, hörten wir dann nur aus der Ferne noch, nachhallend. 

Drei Jahre und sieben Monate nach diesem Abend wurde der Pianist, der ehemals berühmte, wie es hieß, tot in einer Pension in der Kleinstadt B. aufgefunden. Schon lange habe er, so schrieb man, keine Konzerte mehr gegeben. Vereinsamt und mittellos waren Worte, die vielfach benutzt wurden. Die Todesursache blieb in den Berichten unerwähnt. Wir nannten es unter uns „Auszehrung“, ein veraltetes Wort, das uns bei der Gelegenheit wie auf der Zunge zerging.

Wir setzten alles in Bewegung, um herauszubekommen, wie das zugegangen war. Doch eine Quelle aus erster Hand stand uns nicht zur Verfügung. Kerstin schwieg. Wenige Monate nach jenem Abend nahm der Richter ein Sabbatjahr und Kerstin begleitete ihn auf seinen Reisen, die sie selbstverständlich bei der kleinen Sabine buchten. Es zog sie ans Nordkap und später fuhren sie mit der Sibirischen Eisbahn, sie waren in Jerusalem und am Toten Meer, kletterten auf die chinesische Mauer und tauchten in Australien. Nur hin und wieder wechselten sie die Kofferinhalte in Haselberg. Wir sahen sie nie. Nach diesem Jahr wurde der Richter befördert und sie verkauften das Haus am Kirchberg an einen Zugezogenen. Kerstin ließ sich selten blicken bei uns danach. Nur der schöne Klaus hatte noch regelmäßig Kontakt zu ihr. Doch wir erfuhren nichts von ihm, so sehr wir uns auch bemühten. Die kleine Sabine gab als Letzte auf, ihm schöne Augen zu machen. So blieb uns nur die Sabia. 

Doch deren Darstellung, die wir hier wiedergeben werden, ist mit Vorsicht zu genießen.  

Montag, 16. September 2019

BLOCKFARBE. GIFTGRÜNROT. Ein Traumbild. "Kennst du die Vetterliwirtschaft?"

"Wildwurf. Korsofliegen. Autoscooter." "Das ist der Volksfest-Alptraum."

"Mir träumte", sag´ ich, "ich trüge ein T-Shirt mit der Aufschrift

- Es gibt viele Götter oder keinen
auf keinen Fall gibt's einen. -

träumte ich also und ging damit über die Wasen." "Du lügst wie gedruckt. Du warst noch nie auf den Wasen." "Und das bleibt auch so. Im Traum aber", fahr ich fort, "gab das mächtig Ärger mit dem T-Shirt, denn ich hüllte mein Haar außerdem in eine Israel-Flagge." "Ach, komm. Das ist dermaßen konstruiert."

Ich kichere. Er hat ja recht. Niemals nicht verhülle ich mein Haar unter einer Flagge. Höchstens nehm´ ich eine Badekappe. (Ist das ein Knittelvers?) "Leider", provozier´ ich weiter, "traf ich auch Grönemeyer." "Geh." "Der raunte mir ins Ohr, ehrlich." "Ich sagte ihm, dass ich eine Diktatur bevorzuge, in der seine Lieder nur ganz leise gespielt werden dürfen." Jetzt musst du auch lachen, gelt? (In Wahrheit, wenn ich nicht träume, strebe ich eher eine Diktatur an, die Balkanpop verbietet, auch leisen. Hehe.)

"Außerdem", sag´ ich, "stieg ich, nachdem ich eine Runde Riesenrad gefahren war, in meinen rotglänzenden Lamborghini und brauste davon. Wie der Wind sich so in meinem Haar fing, brauste mir auch das Herz wie dem Werther auf den Wiesen bei Wetzlar." Du rollst die Augen jetzt, wegen der bemühten Alliterationen und so. Versteh´ ich ja - aber ich träume nicht so oft, kaum je kann ich mich daran erinnern und Alpträume, also Alpträume hab´ ich allerhöchstens alle 2 Jahre. Drum. Drum muss ich das jetzt erzählen. Holterdiepolter. "Sei mir gut. Es ist ja bloß..."

"Kennst Du die Vetterliwirtschaft?" "Jetzt brems dich mal ein." "Außerdem sah ich,", sprech´ ich unbeirrt weiter, "eine Krabbe, die Sex mit einem Roboter hatte." "Auf der Wasen?" "Kann sein." Immerhin wirst du jetzt zugeben, dass das ein Alptraum war. Aber hallo. Grönemeyer, Krabbe, Wasen, Werther. "Und was war mit den schönen Frauen? Und den Dirndln?" "Da waren keine Frauen, außer mir, mit meiner Flagge auf dem Kopf und dem lustigen Rundhals-T-Shirt." "Farbe?" "Rot. Natürlich Rot. Dazu trug ich meine giftgrüne Handtasche. Der Farbkontrast war gut. Auch mit der Flagge dazu. Blocking, heißt das, glaube ich, in der Modesprache." "Wer war denn da, auf der Wasen?" "Bloß bärtige Männer in Lederhosen und Jankerl mit schiitischen Turbanen." "Du bist so eine Effekthascherin." "Es war halt ein Alptraum." "Auf der Alb". "Schleich dich." 

Es ist mal wieder so weit. Wir nehmen uns das übel. Meine Träume. Und die ganzen Phobien, die sich da offenbaren. "Ich geb's ja zu, dass ich keine Menschenfreundin bin, aber ich schneide auch Katzen keine Schwänze ab, obwohl ich sie nicht leiden kann, ehrlich." "Und Hunde?" "Da waren keine Hunde." "Aber Katzen?" "Ich sag´ doch, es war ein Alptraum." Du überlegst. Und grinst. "Schön." 

Später wirst du mich nochmal darauf hinweisen, was für ein Glück ich hab´, dass ich nicht analysiert werde. Und meine Träume. Worauf das hinausläuft. Bei mir. Das will man ja auch nicht so genau wissen. 

"Ein richtiger Alptraum war's ja auch nicht, weil keine schwarze Null drin vorkam. Und keine schwarzen Vogelfrauen. Und keine braunen Hemden. So gesehen."

"Unterleibskäfer. Bleitreugewitter. Autozubehörlieferantin." "Ne."

Mittwoch, 7. August 2019

SOMMERFRISCHE. Konservierend.

Schaufenster in Lüneburg. Anreise.
Sommer  2019
Der Entschluss zur Sommerfrische. Keine Experimente mehr, keine unbekannten Destinationen. Im Sommer immer am selben Ort. Wohnen im Garten, in der Laube. 300m zum Strand hinunter. Den Strandkorb gleich für die ganze Zeit mieten, auch wenn das kaum was spart gegenüber den Tagespreisen. Wichtig ist: Routinen ausbilden. Diese ganzen Üblichkeiten (in memoriam Odo Marquard), die Verhandlungen überflüssig machen. Ein altes Paar sein, das sich nicht mehr alles sagen muss. (Wir reden trotzdem ziemlich viel.)

Wieder dieses Wohlbehagen angesichts des Mangels an Diversität. Alles sauber, wie mein Vater sagen würde. Kinder bringen ungefragt ihren Müll zum Mülleimer. Bälle fliegen nicht in die Strandkörbe der Nachbarn. Man entschuldigt sich höflich, wenn doch mal einer vor die Füße rollt. Väter bauen ehrgeizig Strandburgen. Mütter schleppen große Kühltaschen. Normfamilien, wo man hinschaut. Es wird auch viel gelesen. Taschenbücher, wg. Sand. Viel weniger BILD-Zeitung als in früheren Jahren. Kaum elektronisches Spielzeug. Trotzdem kein Gemaule von den Teenagern. Nirgendwo Ghetto-Blaster. Wirklich, nirgendwo. Dem Rauschen der Wellen macht niemand Konkurrenz. Nur die Möwen sind garstig. Räuber! Der Spiegel titelt mit MAD Boris. Das Bild gefällt mir. Ansonsten hat Annette Dittert schon vor einem Jahr alles gesagt, was es zu dem zu sagen gibt. 

Wohnen im Garten. Weißtdunoch. Gartenlaube.
Fast schon zuviel Idylle.
Die Ostsee wie eine Badewanne. 20 Grad. Flach. Wie schön, als es eines Tages doch ein bisschen windet. Morel spricht von Sturm. Das ist maßlos übertrieben. Ich checke doch mal bei Twitter. Ist wie immer: Zeitgemäße Angeber brüsten sich mit der Unverschämtheit, Unbeherrschtheit und Unhöflichkeit von Kind 1, 2 oder 3. Und irgendwo läuft immer auch ein netter, kleiner Shitstorm. Ich denke darüber nach, meinen Account stillzulegen. Die Schnittmenge zwischen Twitterern und Sommerfrischlern ist verschwindend gering. Wer twittert, braucht interessantere Reiseziele. 

Weiße, alte Männer gelesen. Galsworthy: Forsyte-Saga. Und: Forsyte-Chronicles. Gigantisch. Ich kannte ja nur (z.T. zuerst durch die Verfilmungen) den ersten Band. Dabei hat der Mann weiter geschrieben bis fast zu seinem Tod (1933). Interessant, diese Zeitbilder von einem, der nicht wissen konnte, was kommt. Politische Debatten wie heute: Englischer Nationalismus. Die „soziale Frage“. Eine Oberschicht, die Haltung hat, aber keine Ahnung. (Heute fehlt ihr sogar die Haltung, siehe oben, siehe Boris). Eine Figur wie Soames Forsyte. Ein Vergewaltiger in der Ehe. Aber eben auch: ein verzweifelt Liebender, später dann seiner verwöhnten Tochter Fleur. („A modern Comedy“; spielt in den 2oer Jahren des 20. Jahrhunderts). Meine Lieblingsfigur: deren Ehemann Michael Mont, konservativer Abgeordneter im Parlament, Anhänger einer verqueren Ideologie, des „Foggartism“. Morel sagt, dass eine Galsworthy nachgebildete Figur auch in den Romanen von Anthony Powell eine Rolle spielt, die er wieder weiterliest (siehe: hier). Als ein Vertreter überkommener Welt- und Literaturansichten. 

Auf der Suche nach denen, den Überkommenen, den Konservierern (weil „konservativ“ ja inzwischen, fehlerhafter Weise, ein Synonym für „rechts“ geworden ist) scheine ich gegenwärtig zu sein. Eine Rückwendung nach vorn. Weil der gegenwartsbezogene Empörungswettlauf mich nur noch abstößt, geradezu körperlich. („Die schärfsten Kritiker des Kapitalismus kaufen beim Ökoversandhandel.“) Ich lese nicht (Belletristik), um mich über „Themen“ zu informieren. Ich lese, weil mir „die Menschen“ fremd sind und ich hoffen darf – lesend - , dass es so bleibt. 



Kempowski-Archiv Rostock
Noch mehr alte weiße Männer: Walter Kempowski. Wegen Rostock und so. Die deutsche Chronik. In der chronologischen Reihenfolge, nicht in der des Erscheinens oder Verfassens. Von „Aus großer Zeit“ bis „Herzlich Willkommen“. Der „schimpfte sich“ liberal und konservativ. Also nicht bunt. Es sind das Erinnerungsbücher in dem Sinne, dass sie die Leser_innen ins Erinnern bringen. Wie das so ist. Was man so sagt. Wie man nicht weiß, was man tut. („Vater unser immer Himmel“.) Wie das so geht, wenn Geschichte „gemacht wird“ (nur nicht von uns). Sprücheklopfer, wir alle. Diese bürgerlichen Hanseaten sind natürlich ganz anders als wir Hessen. Mein Urgroßvater hatte eine Ziegeleifabrik. Und 18 Kinder. Davon haben sogar wir noch profitiert (von der Fabrik). Dass wir alle Erben sind, ohne ein Recht, das Erbe auszuschlagen. Und Familien. Erbengemeinschaften eben, die sich nicht auflösen können. Und wieviel Trost da auch drin steckt. Trotz und wegen all der Verletzungen. Familienredeweisen: „Tadellöser“. „Gutmannsdörfer.“ Ich sag immer: „Nix als Ärger.“ Die Jungs nenn´ ich „Zwickel“, manchmal. Hessen loben nicht gern: „Man kann´s essen.“ „Do ko ma nix da geche sache.“ (Als habe man stundenlang nach einem Tadel gesucht.) Was mein Vater für Sprüche drauf hat: „Da glaubt jeder, er hätt den Marschallstab im Tornister.“ „Du weißt, wo der Maurer das Loch gelassen hat.“ Das Letzte gefällt dem Mastermind  besonders gut. „Schleich dich, müdes Besteck.“ Weiß der Herr, wo das herkommt. Ich hatte mir als Kind vorgenommen, dass ich unbedingt auch mal sagen will: „Ruhe auf den billigen Plätzen.“ zu meinen Kindern, wenn ich im bequemen Fernseh-Sessel sitze. Hat geklappt. Und „Ruhe im Karton“ rufen, abends.

In Rostock haben wir das Kempowski-Archiv besucht, klar. Kleines Häuschen im Klosterhof. Idyllisch und irgendwie passend unpassend. Walter Kempowski hat das noch selbst eingerichtet, berichtet die Dame. Kopien seiner Manuskripte in Aktordnern. Familienfotos. So sah die also aus, die Schwester Ulla. Und die Mutter („Wie isses schön.“), hübscher eigentlich als Edda Seipel, deren Bild sich aber immer vor dieses schieben wird, sogar bei Kempowski selbst, wie man in seinen Tagebüchern lesen kann. Von Eberhard Fechner, dem Regisseur der Verfilmung von „Tadellöser und Wolff“ und „Ein Kapitel für sich“ erinnere ich vor allem die Dokumentationen: "La Paloma". Warum werden die eigentlich nie mehr wiederholt? Die Öffentlich-Rechtlichen sitzen auf einem Schatz. (Da müsste man mal was machen. Ein Medienarchiv, gut erschlossen mit Tags und allgemein zugänglich. „Wenn ich im Lotto gewinne…“) Rostock ist nett hergerichtet, kein Vergleich zum Zustand 1990, wie ihn Kempowski bei der ersten Wiedereinreise in die DDR vorfand. Aber die Fußgängerzone jetzt halt wie überall, die bekannten Drogeriemärkte und Modeketten. Wann fing das an, dass alle Innenstädte gleich aussehen? Ich glaube, das war erst ab den 90ern so, auch im Westen. Ich würde ja auch mal nach Nartum fahren, jetzt, nach der Lektüre (bin jetzt bei den Tagebüchern). Mal sehen, ob sich der Morel davon überzeugen lässt. 

Wunderbar erholsam war sie, diese überraschungsfreie Sommerfrische. Keine Neugier auf ausgefallene „Erlebnisse“ (Ha, gegeben Jochen Schweitzer, brauch ich nämlich nicht!). Das hilft vielleicht ja auch gegen die Vielfliegerei, so ein weises Achselzucken, wenn jemand von Tauchabenteuern auf Mauritius oder Spaziergängen im Dschungel von Borneo oder weißen Stränden vor Rio erzählt. „Wir waren in Kühlungsborn, wie jeden Sommer.“ Das bedeutungsvoll betonen, ganz exklusiv und so ein bisschen von oben herab. (Ist ja vulgär, dieses Fernreisen. Aber echt jetzt. Wer macht denn noch sowas?)

Jeden Abend das Gleiche.

PS. Ich habe übrigens nicht nur alte, weiße Männer gelesen. ´türlich. Auch alte weiße Frauen. Entdeckungen gemacht: Elizabeth Jane Howard und Gabriele Effinger. Davon demnächst. 

Freitag, 7. Juni 2019

ES WIRD TEUER UND UNSOZIAL. FridaysForFuture - Forderungen kritisch betrachtet

Dies sind die konkreten Forderungen der „FridaysForFuture“-Bewegung, die bis Ende 2019 (!) umgesetzt sein sollen (1):

1.    "Das Ende der Subventionen für fossile Energieträger
2.    1/4 der Kohlekraft abschalten
3    Eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen. Der Preis für den Ausstoß vonTreibhausgasen muss schnell so hoch werden wie die Kosten, die dadurch uns und zukünftigen Generationen entstehen. Laut UBA sind das 180€ pro Tonne CO2."

Ich teile diese Forderungen im Prinzip. Auch, weil ich mir deren Umsetzung leisten kann, ohne meinen Lebensstil wesentlich zu ändern. Das gilt aber eben nicht für alle. Und darüber müssten wir reden, statt – wie ich finde – uns an den bunten Bildern einer sympathischen Jugendbewegung zu berauschen. 

Schauen wir uns diese Forderungen genauer an: 

1.   Subventionen für fossile Energieträger (2)

Greenpeace identifiziert z.B. 38 Subventionen des deutschen Staates, die unmittelbar fossile Energieträger begünstigen und geht dabei von mehr als 46,2 Milliarden Euro aus. Am bedeutsamsten erscheinen hierbei die Subventionen für den Sektor Verkehr
- Energiesteuervergünstigung für Diesel
- Energiesteuerbefreiung für Kerosin (Flugverkehr)
- Mehrwertsteuerbefreiung für internationale Flüge
- Steuervorteile für den Gebrauch von Dienstwagen

Im Sektor Energie sorgen die Subventionen laut Greenpeace vor allem für einen niedrigen Preis beim Endverbrauer, so dass dieser mehr Energie verbrauchen kann. Das betrifft sowohl Gewerbe als auch Haushalte. 
                                                                                                                                  
Direkte Produktsubventionengibt es für die fossile Rohstoffgewinnung im Kohlebergbau. Die Absatzbeihilfen hierfür sind jedoch schon 2018 ausgelaufen. 


2.   ¼ der Kohlekraft abschalten

Hierzu gibt es von verschiedenen Fachleuten unterschiedliche Aussagen, was die Versorgungssicherheit mit Strom angeht. Problematisch erscheint in jedem Fall, dass die Nord-Süd-Stromtrassen, die notwendig wären, um mehr Windkraftstrom vom Norden in den Süden zu bringen, wo er gebraucht wird, nicht recht vorankommen, auch weil es regional dagegen viel Widerstand gibt. Gleichzeitig werden sukzessive Atomkraftwerke abgeschaltet, worüber in Deutschland ein breiter gesellschaftlicher Konsens herrscht. In jedem Fall würde bei einer Umsetzung dieses Vorschlags, selbst dann, wenn die Versorgungssicherheit (eventuell durch weiteren Import von Atomstrom oder sogar Kohlestrom aus dem Ausland?) gewährleistet werden könnte, der Strompreis deutlich steigen müssen. 


3.   Steuer auf alle Treibhausgasemissionen (180 € pro Tonne CO2)

Ein paar Beispiele:
2400 km im VW-Golf                                  382,0 kg
Telefonflatrate pro Monat                             89,6 kg
10 Packungen Toilettenpapier                     25,0 kg
Heizung pro Jahr (Durchschnitt)              3285,0 kg
250g Rindfleisch einmal pro Woche          175,0 kg
Flug Düsseldorf - Mallorca    (p.P.)             750,0 kg
Flug Düsseldorf – New York (p.P.)            3650,0 kg

 1 Tonne = 1000 kg

Durchschnittlich werden pro Person in Deutschland ca. 9,7 Tonnen CO2 jährlich ausgestoßen. 

Was passiert, wenn die FridaysForFuture-Forderungen umgesetzt werden:

Fliegen wird wesentlich teurer: Fernflüge unter 1500 €, innereuropäische Flüge unter 500 € wird es nicht mehr geben. 

Fleischkonsum wird sich ebenfalls merklich verteuern. 

Dasselbe gilt für die Strom- und  Heizungskosten sowie für  Benzin/Diesel-Kraftstoff. 

Teurer wird Mobilität, besonders für jene, die (viel) fliegen, aber auch für alle Autofahrer_innen, d. h. insbesondere für die ländliche Bevölkerung und zusätzlich für all jene, die ältere Autos fahren, die noch besonders viel Sprit verbrauchen. Außerdem werden wahrscheinlich auch weniger neue Wagen zugelassen, da deutlich mehr als 50% der neuzugelassenen Wagen Dienstwagen sind. 

Teurer wird vor allem auch wohnen. Der Aufschlag auf die Heizkosten betrüge pro Haushalt ca. 600 € im Jahr. Hinzu kommen deutlich steigende Stromkosten. Besonders betroffen wären schlecht isolierte Wohnungen mit veralteten Heizungen. Dies trifft vor allem wieder ärmere Bevölkerungsschichten.

                                   ***

Für mich persönlich könnte ich zwar sagen: Macht das mal! Ich fliege (fast) nie (zuletzt vor einigen Jahren). Ich fahre ein kleines Auto und das weniger als 3000 km im Jahr und meinen wöchentlichen Fleischkonsum kann ich mir ebenso weiter leisten, wie eine warme Wohnung und ein heißes Bad.

Aber ich finde es  wichtig, dass niemand FridaysForFuture einfach aus Feelgood-Gründen unterstützt, ohne sich Rechenschaft abzulegen, was er/sie damit verlangt: Mietnebenkosten würden erstmal brutal steigen in 2020, Fleischkonsum müssten alle, außer den überdurchschnittlich Verdienenden, auf einmal die Woche reduzieren, Fliegen fiele für Menschen mit Normaleinkommen komplett flach (insbesondere für Familien, da mehrere Flüge aus einem oder zwei Einkommen nicht mehr zu bezahlen wären). Wer ein altes Auto fährt, ließe es am besten gleich stehen. Falls sie/er es zum Pendeln braucht und sich kein neues leisten kann, müssten monatliche Einsparmöglichkeiten an anderer Stelle gefunden werden.

Man kann jetzt einwenden: Dann müssen die 46,2 Milliarden plus CO2-Steuereinnahmen eben umgeschichtet werden. Aber das ist gar nicht so einfach, wie es aussieht. Subventioniert man direkt den Verbrauch von Normal- und Geringverdienern (Median-Einkommen in Deutschland brutto ca. 3500 €), fällt die Lenkungswirkung weg, die zu einem verminderten CO2-Austausch führen soll. Setzt man auf Investionen (in Nahverkehr, verbesserte Dämmung, energiesparende Geräte etc.), muss man mit einer Verzögerung der Wirkung rechnen: Neue Schienenwege, neue Züge, Radschnellwege etc. pp. müssen erst einmal geplant und dann gebaut werden. Die Maßnahmen sollen, laut FridaysforFuture aber schon 2020 umgesetzt werden. 

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Zur Erinnerung: Ich bin durchaus dafür, diese Forderungen umzusetzen. Aber eben nicht bis Ende 2019. Und ich verabscheue inzwischen wenig mehr, als die selbstgerechte Empörungsmentalität eines wohlsituierten, typischerweise oft protestantisch geprägten Milieus (aus dem auch ein guter Teil der FridaysForFuture-Demonstrierenden kommt), das mit beinahe religiöser Verve Maximalforderungen stellt, sich aber beharrlich weigert, konkret deren Folgen zu benennen, zu erklären und letztlich auch die berechtigte Wut jener auszuhalten, die von der Umsetzung dieser Forderungen in ihrem Alltag am meisten betroffen wären. Denen begegnet man eher mit der Haltung des Hauptmanns in Büchners Woyzeck gegenüber dem armen, ausgebeuteten Soldaten: "Er hat keine Moral." 

Man selbst hat recht und ist gerecht, weil man es sich leisten kann. Wie genau die eigenen Forderungen zeitnah so umgesetzt werden sollen, so dass auch weniger gutsitutierte Milieus sich damit einverstanden erklären könnten, das überlässt man doch lieber mal den verhassten Politiker_innen. Derweil lässt sich viel besser recht allgemein über „Downshifting“ reden oder über den Genuss am wieder entdeckten Selbsteingemachten („wie bei Oma“). Gleichzeitig ist aber klar, dass es nicht die Armen sind, die importierte Avocados kaufen oder nach Quinoa verlangen.

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Die Zeit drängt, sagen die Aktivist_innen. Wir sollen Panik haben. Effekt dieser Panikmache könnte jedoch sein, dass neben einer weiteren Verschärfung sozialer Ungleichheit, demokratische Standards und bürgerliche Freiheiten aufgegeben werden. 

Noch viel schwerer als den hiesigen Minderprivilegierten zu erklären, dass sie auf vieles verzichten sollen, was sich die Bessergestellten in den letzten Jahrzehnten wie selbstverständlich gegönnt haben, wird diese Erklärung gegenüber jenen 97% der Weltbevölkerung sein, die noch niemals geflogen sind, kein Auto haben und von funktionierenden sanitären Anlagen etc. nur träumen können. Kein Wachstum mehr? Das ist für alle diese Menschen keine Option. Und hinzu kommt noch: Ein weitere Zunahme der Weltbevölkerung (wie bisher) wird die Effekte von Einsparungen ohnehin zunichte machen. 

Nichts tun? Selbstverständlich ist das auch keine Option. Aber Maßnahme-Forderungen müssen mit konkreten Umsetzungsplänen verbunden werden. Und wer sich der Realität stellt, wird einsehen müssen, dass eine Erderwärmung um die 2 Grad praktisch ohne brutale Gewalt oder schlimmste soziale Verwerfungen in den Industrieländern und in den Entwicklungsländern nicht mehr zu erreichen ist. Daher ist es verantwortlich, neben Maßnahmen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes auch viel mehr darüber nachzudenken, wie mit dessen schon jetzt unvermeidlichen Folgen umgegangen werden soll. 

Deshalb:  Ressourcen aus den „reichen“ Ländern müssen vermehrt in Entwicklungsländer fließen. In die Umsiedlung von Bevölkerungen aus küstennahen Regionen, in dortigen Küstenschutz, wo es möglich ist, in den Ausbau von Infrastruktur und nichtfossiler Energieversorgung dort, in Bildung, auch um die Geburtenraten zu senken. "Unsere" sogenannte Entwicklungshilfe müsste verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht werden; dahin müssten die eingesparten Subventionen zuerst fließen. (4)

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Und um auf den Maßnahmen-Katalog von FridaysForFuture einzugehen: Der Einstieg in diese Maßnahmen muss zeitlich so gestaffelt sein und erfolgen, dass es zuerst und prozentual am meisten diejenigen trifft, die mehr haben: Also Viel- und Fernflieger (Einführung einer speziellen CO2-Steuer auf Flüge), Abschaffung der Dienstwagen-Steuervorteile, eventuell erhöhte Mehrwertsteuer auf Luxusgüter (z.B. Luxusautos), deren Ertrag für Investitionen genutzt wird...


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Quellen: