Montag, 20. August 2018

So. Widerlich. Deutsch? (Belauschte Gespräche)

Breitbeinig sitzt der da und verzählt dem andächtig lauschenden Publikum aus grenzdebilen funktionalen Analphabeten seine "Frauengeschichten". "Echt jetzt", sagt der, "will die mich zurück, denk ich, kann mich mal die, weil ich hab´ ja längst ´ne 24jährige, die nervt mich aber auch." "24?", staunt die dickliche graue Jogginghose (keine Pissflecken, immerhin). "Jo.", grinst der. "Im Bett ist die gut. Aber echt jetzt, das wird mir zuviel, die schieß ich ab, das wird mir zu ernst." "Nationalität?", fragt die Dumpfbacke mit den aufgeklebten Glitzernägeln. "Italo." "Also eh nix ernstes." "Nee, und die will mich wieder zurück, die andere, aber da läuft nix, nicht mit mir." "Die Türkin?", fragt die Dumpfbacke. Er klappt die Beine noch ein bisschen weiter auseinander; die Bewunderung der Hirnbefreiten ringsum scheint ihm sicher. "Die denkt doch echt, ich sei so einer, bei dem sie machen kann, was sie will, der ihr alles erlaubt." Die Dumpfbacke wirft ein: "So deutsch, also oder wie?" "Genau. Wie ´ne Deutsche halt. Aber nicht mit mir.", sagt er. "Nicht mit mir. Wo sind wir denn?" 

Die reden deutsch miteinander, alle. Sonst könnte ich sie ja nicht verstehen. (Spart euch eure kritischen Kommentare, übrigens: Dass sie funktionale Analphabeten sind, ist kein Vorurteil, sondern Empirie.) Ich sollte da sozialpädagogische Impulse raus ziehen, aus der Situation. Missionarischen Eifer. Bekehrungsversuche unternehmen. Sie abholen, wo sie sind. (Pfui! Ich kann nicht mal mit meinen Wedges durch soviel Dung waten.) Sie sind sicher Opfer. (Zweifellos. Hart Geschlagene, vom Schicksal Gebeutelte, sieht sogar ein Blinder mit ´nem Krückstock, wie man so sagt.). Leider bin ich aber kein netter Mensch. Sondern ich. Und denke bloß: daran.  Meine Gewaltphantasien lassen sich nicht einhegen und das Einzige was für mich, die Deutsche (?), spricht, ist die sacht deprimierende Tatsache, dass ich fast immer träume statt zu handeln. Das aber radikal.

Sonntag, 12. August 2018

Vielleicht mach ich doch weiter. Mit UNS. (Aus der Werkstatt)

"Das Paradies war ein Garten", sagtest du, "vergiss das nicht." Ich hob fragend die Augenbrauen an. "Hortus conclusus." Da waren wir schon einmal, wusste ich. Nichts Neues unter der brennenden Sonne. Und doch...Die Grenzen zu bedenken, darauf wolltest du mich aufmerksam machen. Welche Grenzen setzen WIR? Denn. Ich habe mit diesem "Wir" gerungen, letzthin. Ich wollte es sprechen lassen. Das WIR, wenn es denn zur Sprache sich zu bringen vermöchte, könnte jenen Grund oszillieren lassen zwischen allwissender Perspektive, schwebend, und jener beinahe vollkommenen Ignoranz des ICH. Dachte ich. Diese unwissende Gewissheit, von der aus wir uns denken müssen, in Gemeinschaften und aus ihnen hinaus. 

Es gelang nicht. Die Grenzen mussten zu häufig verschoben werden, aus Garten Landschaften gestaltet, Fluchtpunkte ins Nichts, dabei immer wieder die Sehnsucht vorgreifend: Zurück in ein verständliches Paradies, fest ummauert. Wer waren wir denn? Eine Kohorte, regional verankert (nicht zu kenntlich), ländlich geprägt, Nachbarskinder, Schulkameradinnen, Samstagabendbadende, Enterpriseguckende, Dallidallihüpfer. Wir wussten von allen und allem zu viel und zu wenig. Und ausgerechnet ich hatte mir das vorgenommen, die dem schönen Klatsch mit soviel Ungeduld begegnete, der Spekulation um der Phantastik willen stets misstrauend, - das konnte ja nicht gut gehen. 

Drei Sabinen - der Raub des guten Willens um der Zukunft wegen, das Weitergebene: die kriegsversehrten Kriegsgewinnlereltern, Marschallplanversorgten, Eigenheimbauern, die über Bombenhagel, Schneegestöber und Hungerödeme nicht sprachen, außer in mahnenden Floskeln: "Iss dein Tellerchen leer." und "Pommernland ist abgebrannt." Waren deren Kinder: wir. Sorgten vor: Bausparverträge, Schulreform, Sprachlabor, Willywählen. Auf einem Stapel Autoreifen sitzt in der Erinnerung unserer Väter und Mütter ein schwarzer GI und verteilt Kaugummis. "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" Niemand.

Wer will denn schon fremd sein im eigenen Land? WIR. Denn das ging uns ja verloren, das wir gekannt hatten: Ulrike Meyfahrt startete für die BRD. Die gibt es nicht mehr. Hinter den Grenzzäunen wuchsen wir behütet auf. Und waren mit Interrail unterwegs in Europa. Oh, schöne Sommernachmittage. Vor unseren Fernsehern. Lauschend auf Streitereien in Nachbars Garten. 

Eine Trilogie aus diesem fiktiven Wir heraus wollte ich schreiben, von dieser Irritation her (dem allerersten Eintrag dieses Blogs). Drei Frauen, Sabinen: die kleine Sabine, die Brillen-Schlangen-Sabine, die Rapunzel-Sabine. Aus denen wurden: die geschwätzige Sabine, die schöne Sabine (Sabia Hart) und die verschwundene Sabine (jetzt auch auf Facebook). Zu unserem Personal sollten außerdem gehören: der politische Claus und der schöne Klaus, die spröde Kerstin, der geschäftige Norbert, der kluge Andreas, der wüste Pianist, die kranke Beate. Unter anderem. Alle gesehen und beschrieben, bedacht und erzählt vom wir aus, der Gemeinschaft der Gleichaltrigen, vor Ort gebliebenen. Ein kollektiver und provinzieller Blickwinkel. Was wir wissen können, ahnen und phantasieren. Was uns verborgen bleibt. Die unzuverlässigsten Erzähler_innen weit und breit. Eine einheitliche und vielfältige Perspektive zugleich. 

Das hat ja gar nicht hingehauen. Außer beim Claus. Der Claus ist gut. Gelungen. Das liegt daran, dass er so öffentlich lebt und so geschwätzig ist. Der Claus ist der Bösewicht in der Geschichte und ihr Held. Bisher. (Aber das kann ja nicht so bleiben.) Irgendwie geht's nicht weiter. 

Die verschwundene Sabine hat sich auch mir entzogen. Man kann einfach nicht wissen, was der Claus ihr angetan hat (oder auch nicht?). Und Frau Hart macht momentan auf Künstlerin, das tut ihr nicht gut, als Romanfigur. Ich mag die geschwätzige Sabine in ihrem Reisebüro, aber was soll man über die erzählen?

"Das nervt", sagst Du. "Mach weiter. Oder lass es." 
Ich gebe Dir recht und kann doch nicht anders. Wer sind wir denn? Ich will die mal richtig abgrenzen können. Nicht immer so auf Menschheit machen, weißt Du. Einfach mal wieder irgendwo hingehören, wo nicht jede/r dazu gehören kann. Wir sein, - aber bitte schön: Bei uns war's ja auch nicht immer idyllisch. Manche blieben ewig Zugereiste, obwohl man noch nicht von PoC sprach oder Muslimen. Unsere Zugereisten kamen aus Magdeburg oder Königsberg. Zum Beispiel. 

"Lass mich doch ein bisschen unter uns bleiben.", sage ich. "Nur noch ein Weilchen." Du schüttelst den Kopf. So geht das nicht. So nicht. Wir wollen jetzt offen sein. Sagst Du. Ich gärtnere ich nicht. Aber ich mag Gärten. Wir könnten mal wieder zum Gartenfest einladen: Nudelsalat, Bratwürste, Rollbraten. Heutzutage reden wir über unsere erwachsenen Kinder. Frau Hart hat keine. Die kleine Sabine zwei (wie aus dem Bilderbuch, natürlich). Von der Rapunzel-Sabine wissen wir es nicht (aber sicher ist sie alleinerziehend, denken wir, wissen aber nicht warum).

Vielleicht mach´ ich doch weiter. Mit UNS.





Sonntag, 5. August 2018

I´ll be your mirror. Nico 1988


Venus im Pelz
, aus: Jutta Pivecka: Punk Pygmalion, 2014

Christa Päffgen, alias Nico, wurde 49 Jahre alt. Geboren wurde sie in demselben Jahr wie meine Mutter, 1938. Sie lebte ein Leben in einer Mode, Künstler- und Drogenwelt, das dem meiner Mutter kaum fremder sein könnte. Und dennoch, so glaube ich, wurde sie auch zur Ikone, weil in ihren Songs und in ihrer offensiven Verzweiflung etwas Ausdruck fand, was im Fühlen dieser Generation und ihrer Kinder Wiederhall fand, ein Echo: „I´ ll be your mirror.“

Susanna Nicchiarelli, 1975 geboren, hat einen Film über die letzten Jahre Christa Päffgens gemacht: Nico, 1988. Im Film wird die Rolle der Nico von der fantastischen dänischen Schauspielerin und Sängerin Trine Dryholm gespielt. Ein Film über eine Rock-Ikone, ein Model, eine Drogenabhängige, eine Mutter. Ein Film über eine talentierte Frau, inszeniert von einer talentierten Frau, gespielt von einer talentierten Frau. Ein Film über das Scheitern. Und die Stärke des Scheiterns. Über die Schönheit. Die Vergänglichkeit. Die Wut. Und die Zärtlichkeit. Über das Versagen. Und Weitermachen. Kein Happy End in Hörweite.

Das Gesicht Christa Päffgens und ihre verrauchte Stimme wurde zur Projektionsfläche ganzer Generationen von Männern (und einiger Frauen): das schöne Rätsel Frau, tiefgründig, unerforschlich, gefährlich traurig. Femme Fatale. Ein Abziehbild mythischer Frauenfiguren, die einen unwiderstehlich hinabziehen in ihre schaurig-schöne Unterwelt. Die niemals einen Point of View haben: Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „ohne Perspektive“, denn sie werden geschaut und gedeutet. Dazu müssen sie passiv sein und leer bleiben: „My heart is empty/ but the songs I sing/Are filled with love for you.“ Christa Päffgen aber hat getan, was in diesem Deutungssystem nicht geschehen darf, sie hat der „Muse“ des Künstler-Mannes eine eigene Stimme gegeben. Im Film lässt Nicchiarelli sie sagen: „My life started after the experience with the Velvet Underground.“

Nicchiarellis Film beginnt mit einer Einstellung, die das Kind Christa auf einer Wiese zeigt, am Horizont das brennende Berlin am Ende des Krieges, in der Luft die Geräusche der alliierten Flieger. Die ältere Christa, die von ihrem 20 Jahre zurück liegenden Mythos als Muse Warhols und Ikone der Velvet Undergrounds gleichermaßen zehrt und verzehrt wird, hat  - neben dem Heroin-Besteck – immer ein Aufnahmegerät dabei. Sie sammelt Geräusche und später im Film wird sie bekennen: Sie sucht nach diesem einen Sound, dem Sound der Niederlage, den das Kind vor den Toren von Berlin hörte. Der Film zeigt nicht, wie Christa aufwuchs im zerbombten Deutschland, wie sie als Model entdeckt wurde und nach New York kam. Christa Päffgen erfindet sich später Vergangenheiten und sucht doch immer nach diesem einen „echten“ Geräusch ihrer Kindheit, sie lauscht auf dessen Widerhall, den Widerhall des Schreckens und der Wirklichkeit. Diese Suche ist eingeschrieben in ihren Songs und es ist eine Suche, die sie mit vielen ihrer Generation teilt, die wie sie in ungeheurer Beschleunigung auftauchten aus dem totalen Zusammenbruch in eine fremde und völlig veränderte Welt, der sie sich nur anverwandeln konnten, indem sie sich vergaßen. 

Christa Päffgens Weg ist extrem und verantwortungslos. In verhuschten Rückblenden, die den Originalfilmschnipseln aus Warhols Factory angeglichen sind, wird gezeigt, wie sie ihren kleinen Sohn mit auf Partys nimmt, wo er sich unbeobachtet betrinkt. In einem Interview erfährt man, dass Christas Sohn bei seiner Großmutter in Frankreich aufgewachsen ist, nachdem er der drogenabhängigen Mutter weggenommen wurde. 

In Nicchiarellis Film folgt man Nico/Christa in ihrem letzten Lebensjahr auf einer chaotischen Tour mit einer zusammen gewürfelten Band durch den Kontinent. Der Manager, der in sie verliebt ist, hilft ihr dabei, den Kontakt zu ihrem Sohn wieder aufzunehmen, in der zweiten Hälfte begleitet der junge Ari seine Mutter und ihre Band auf dieser Tour. Ari begeht zum wiederholten Male einen Selbstmordversuch, seine Mutter hält den blutenden Jungen im Arm, aber im Krankenhaus, nach seiner Stabilisation, versucht sie die Geräusche des Messgerätes neben seinem Bett einzufangen. 

Trine Dryholm spielt und singt die Rolle der Nico ungeheuer intensiv und glaubwürdig. Die ganze Ambivalenz der Figur wird durch Dryholms Darstellung sichtbar gemacht: ihre Zartheit und Kläglichkeit, ihre Angst und ihr Stolz, ihre Verantwortungslosigkeit und ihre Wut. 

Nico, 1988 ist ein sehenswerter Film, nicht nur für jene, die ein nostaligisches Verhältnis zu dieser Zeit und dieser Musik haben, sondern auch für alle, die sich für  weibliche Perspektiven interessieren und für alle, die das (oder ein) Leben im Film nicht erklärt oder verklärt haben wollen, sondern gezeigt. 




Ich war beim großartigsten Konzert aller Zeiten; ich habe NICO gesehen! Kennst Du sie? Sie war ein deutsches Top-Fotomodell; Femme Fatale in den 60ern. Sie singt auf dem ersten Album von THE VELVET UNDERGROUND. Ich glaube, dass ich Dir schon in Berlin von ihr erzählt habe, aber trotzdem noch einmal: Andy Warhol hat die Band organisiert, Lou Reed + John Cale + zwei nicht ganz so bedeutende Musiker (von denen ich nichts mehr gehört habe) + NICO. Nico hat mit Reed, Cale, Bowie, Jackson Brown gespielt. Ich kannte vor dem Konzert das Velvet Album und einige ihrer eigenen Platten und ich dachte, ich würde eine starke, selbstbewusste Frau sehen, aber es war ganz anders: Sie ist ungefähr 40 Jahre alt und Du merkst, dass das Alter anfängt, ihr Sorgen zu machen. Sie wirkte total unglücklich auf mich und dann wuchs sie auf der Bühne und man spürte, wie sie ALLES wusste in ihrem Schmerz: Eine Göttin, die bitter und still auf eine Welt schaut, die sich einfach nicht ändert. Es gab einen Moment, Emmi, da dachte ich sogar, diese alte Frau könnte mich brauchen…“




Donnerstag, 28. Juni 2018

APOLOGIE DER NORMIES. Geschichte (und Lebbe) geht weiter!



Der Strand in Kühlungsborn leerte sich gestern um halb vier; offensichtlich war die Anziehungskraft des nationalen Männerfussballteams doch immer noch stark. Ich will das nicht kritisieren. Jede Gesellschaft braucht einigende Rituale. Wer das zu leugnen versucht oder gar bekämpft, grenzt auf dümmliche Weise Mehrheiten aus seiner Rechthaber-Minderheit aus, leider nicht einmal folgenlos. Denn Ermahnungen gegen fahnenseligen Überschwang, wie von Claudia Roth vorgebracht, erzeugen jenen bösen Trotz, der letztlich den vielerseits konstatierten und beklagten Rechtsruck verstärkt. (Ja, psst, ich kenne Eure Einwände gegen diese Deutung, Eure traurige Gewissheit, dass all diese Familienväter im Deutschlandtrikot, die ihre Töchter auf den Schultern zum Public Viewing tragen, ohnehin menschenfeindliche Faschisten sind, gegen die Ihr unverdrossen Euren heroischen Widerstand leistet, umzingelt in jenem Feindesland, das Ihr herabwürdigend ´Schland nennt, an dessen Institutionen, Rechtssysteme und Staatsvertreter sich aber seltsamer Weise stets alle Eure Forderungen und Klagen richten, aber ich, eben, teile diese Sicht nicht, keineswegs, sondern erachte sie als spiegelbildlich menschenfeindlich zu jenem von rechts gepflegten Rassismus, sorry, Leute!)

Mir allerdings ist der Männerfussball in den letzten Jahren egal geworden. Dabei habe ich das Spiel einmal geliebt. Aber Fifa, Uefa, DFB, Hooligans und öffentlich-rechtliches mediales Getöse haben in den letzten Jahren einfach so arg überzogen, dass mir der Spaß daran vergangen ist. Nur noch aus der Distanz verfolge ich das Geschehen und stelle mir die Frage, ob es jene von verschiedenen (männlichen, linksintellektuellen) Publizisten immer wieder beschworene Verbindung zwischen nationalem Fußball und nationaler Politik doch "irgendwie" (50 Cent in die Kaffeekasse) gibt: Werden Jogi Löw und Angela Merkel gleichzeitig stürzen?

Lustig für mich ist es zu sehen, wie in meiner Timeline die unverbrüchlichsten Linken sich wie eine Eins hinter Merkel, der Kanzlerin der "marktgerechten Demokratie", versammeln und sich kaum etwas sehnlicher wünschen als eine Fortsetzung von deren asymmetrischen Demobilisation. Mangels eines revolutionären Subjekts erscheint auch dem eingefleischtesten Marxisten offenbar die Einschläferung der Massen noch als das probateste Mittel. Leider verderben sie dann regelmäßig den Effekt, den ihre Protagonistin zu erzielen versucht, durch jene maximal zweieinhalb Tage dauernden Empörungsexzesse, während derer sie Dreiviertel der Bevölkerung bzw. deren politische Vertreter zu Rechtsextremisten erklären und "Wehret den Anfängen!" rufen.  Dabei verkennen sie auf dramatische Weise, dass gerade falls ihre Diagnose stimmt (nämlich dass wir berechtigte Angst vor einer Machtübernahme von Rechts haben müssen, mit allen Folgen für den - leider auch von linker Seite immer wieder geschmähten - demokratischen Rechtsstaat), Bündnisse gegen Rechts von Nöten sind, die auch liberale und konservative Demokratinnen und Demokraten mit einschließen. 

Wer ernsthaft glaubt, dass fast alle anderen (europaweit) faschistisch und/oder rassistisch sind, dem bleibt ja letztlich nur, die Koffer zu packen (offen indes die Frage nach dem Reiseziel). Alle anderen müssen Strategien entwickeln, um verfestigte Rechtsradikale auszugrenzen, ohne zugleich alle jene, die möglicherweise eine andere Migrationspolitik wollen als man selbst oder kulturelle Andersartigkeit nicht per se als Bereicherung, sondern auch als Stressfaktor erfahren, zu diesen in die Ecke zu drängen. Es zeugt nämlich nicht unbedingt von überlegener Moralität und Humanität sich für im Mittelmeer in Seenot Geratene als zwingend zuständig zu erklären, während man die in Not Lebenden jenseits des Äquators oder im Jemen zumindest weniger vehement als die "seinen" reklamiert. Wer "sichere Fluchtwege" nicht nur fordern, sondern ermöglichen will, wird erklären müssen, für wen sie eröffnet werden sollen und damit zugleich, für wen nicht, denn jenseits der Frage nach Geldreserven gibt es begrenzte Transportressourcen, Versorgungs- und Integrationskapazitäten, die nicht einfach kurzfristig dazu "gekauft" werden können, weil sie schlicht derzeit nicht vorhanden sind (Flugzeuge, Boote, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, angemessene Unterkünfte etc.pp.) Das Asylrecht kann keine gute und humane Einwanderungspolitik ersetzen, die schmerzhafte Entscheidungen verlangt, statt des schlichten "Open your borders, Europe". 

Ich habe hohen Respekt vor all jenen, die mitwirken, damit die Integration von Eingewanderten gelingt, vor jenen, die Verantwortung für Minderjährige übernehmen, die Arbeitsplätze bereitstellen und Menschen zu Ausbildung und Schulabschlüssen verhelfen. Weniger Respekt habe ich dagegen vor jenen überheblichen Moralist_innen, die stets Forderungen erheben, sich selbst aber bestenfalls kurzfristig bei angenehmen Events wie interkulturellen Festen oder gemeinsamem Kochen (mit handverlesenen, überdurchschnittlich gebildeten Zugewanderten, meistens überproportional vielen Frauen) blicken lassen, aber sich den täglichen Schwierigkeiten beim Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen und Gewohnheiten gern hurtig entziehen. Dass ein übergroßer Prozentsatz der Zugewanderten junge Männer sind, erschwert nicht nur die Integration hierzulande, sondern erzeugt bei mir zusätzlich erhebliche Zweifel daran, ob die gegenwärtige Form der Organisation bzw. Nicht-Organisation von Zuwanderung tatsächlich geeignet ist, den Bedürftigsten und Gefährdesten zu helfen. Gleichzeitig macht es mich wahnsinnig wütend, in meinem unmittelbaren Umfeld zu erleben, wie wenig von staatlicher Seite Integrationsleistungen von Zugewanderten anerkannt und honoriert werden (in dem Fall, auf den ich anspiele, geht es um eine junge Frau und deren Familie aus Afghanistan, die alle berufstätig sind oder mit großen Erfolgsaussichten weiterführende Schulen besuchen und dennoch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten). 

Hier an der Ostsee in Kühlungsborn nahmen die Trikotträger und Fahnenschwenker das Ausscheiden der deutschen Mannschaft achselzuckend hin. "Die Leistung" hat eben nicht gestimmt. Die hier das Bild prägenden "biodeutschen Normalos", die Familien mit Kleinkindern, die älteren Paare in der Sommerfrische reagierten überwiegend kühl und abgeklärt. Das Wetter ist herrlich sommerlich, der Strand bleibt sauber, denn Müll wird wie selbstverständlich von allen in Mülltonnen entsorgt. Man trägt keine Ghettoblaster spazieren, um die Nachbarschaft zu beschallen und fährt keine tiefer gelegten Autos, mit denen man geräuschvoll durchstartet. Es wird nicht leidenschaftlich herumgebrüllt oder hemmungslos gegrillt und aus Aludosen gesoffen. Es ist, trotz gut gefüllter Promenade, recht still und beschaulich. Menschen mit Behinderung sind hier überdurchschnittlich sichtbar, weil ihnen Raum geschaffen und gelassen wird, beinahe beiläufig. Wer wie ich alltags im großstädtischen Rhein-Main-Gebiet lebt, erfährt diese hier, aber dort eben nicht, selbstverständliche Rücksichtnahme und vorsorgliche Distanziertheit gegenüber den Mitmenschen als ungeheuer stressmindernd und entlastend. Ist es ganz unwahrscheinlich, dass dieses Verhalten und diese Wahrnehmung auch mit der relativ hohen Homogenität des hiesigen Publikums zusammenhängt?

Diversität ist anstrengend. Vielfalt kann schrecklich nerven. Es geht aber kein Weg dran vorbei. Der Slogan der US-amerikanischen Faschisten "Kill all Normies" sollte daher nachdenklich stimmen: Der erklärte Hass von Rechten (wie einigen Linken) gilt eben vor allem der "Normalität", der relativen Zufriedenheit derjenigen, die Verantwortung übernehmen, ihr Können und Wissen in Dienst stellen. Breivik und Amri töteten bewusst solche Menschen, "Normies" eben.

Ein Ansatz, der solche Menschen unter Generalverdacht stellt, wenn oder weil sie "privilegiert" sind oder scheinen (z.B. weiß oder männlich sind) liefert diesem Hass Nahrung. Es ist nämlich kein Zufall, dass die Anführer der rechten Bewegungen so über die Maßen unattraktive, weiße Männer sind - klein oder dicklich, monströse Frisuren und häßliche Schnauzbärte, sich überschlagende Stimmen, schwacher Intellekt, mäßiger Wortschatz, fragwürdige Bildung (Putin, Orban Trump, Erdogan). "Normale" Menschen, die sich ihrer Schwächen bewusst sind und ihre Stärken verantwortlich nutzen, können die Leistungen anderer anerkennen, weil sie ihre eigenen richtig einschätzen. Der radikale Populist dagegen bedient das Ressentiment der Minderleister, die sich wenig anstrengen und immer Schuldige dafür suchen, wenn sie etwas nicht umsonst (also: bloß wegen ihrer Männlichkeit, Weißheit, Gläubigkeit oder so) kriegen. Die schätzen an ihren "neuen" Führern gerade, dass diese eben solche desinteressierten und unsympathischen Deppen sind, wie sie selbst, bloß mächtig und/oder reich. 

Ich glaube, dass es ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen diese antisozialen, rücksichtslosen, selbstgerechten Verweigerer von Leistung und Dienstbarkeit, Verantwortung und Disziplin geben muss. Eine Linke, die solche Begriffe immer nur bekämpft, stellt sich gegen jene "normalen" Menschen, die sich mühen, gute Mütter und Väter zu sein, Kaputtes zu Reparieren, ein Zuhause zu schaffen, Heimat für viele zu gestalten.  (Die SPD leidet bis heute verdient darunter, dass sie ihrer Stammwählerschaft mit den sogenannten Hartz-IV-Gesetzen genau jene Gleichgültigkeit gegenüber deren Anstrengungen demonstriert hat.) Denn es sind auch die, denen der Hass der Rechten (der Einheimischen wie der importierten Islamisten) gilt: Jene Menschen, für die Özil und Gündogan selbstverständlich deutsche Nationalspieler sind, die sich aber gerade deswegen über das Erdogan-Foto ärgern, jene, die sich über die Einladung zur Hochzeit ihres schwulen Neffen genauso freuen, wie über die zu derjenigen ihrer heterosexuellen Großnichte, die stolz sind, dass die aus Serbien stammenden Nachbarn ihnen genug vertrauen, um sie als Babysitter für die kleine Tochter einzusetzen, die lässig in der U-Bahn aufstehen, wenn der Schaffner sich rassistisch gegenüber einem Schwarzen verhält und ihn in den Senkel stellen, die sich zusammentun, um den Rollator der alten Frau mit Kopftuch aus dem Bus zu hieven - und die es dennoch oder gerade deswegen verunsichert, wenn Kriminelle scheinbar nicht abgeschoben werden können, wenn Menschen mit zig verschiedenen Identitäten bei verschiedensten Behörden registriert sind oder sie vor der Islamisten-Moschee um die Ecke vom Gehweg geschubst werden (meinem Vater so passiert in Frankfurt/Main). 

Es ist in einer sich selbst zur Elite ernennenden asozialen Geldmacher-Clique gelungen, den Leistungsbegriff von jedem Bezug auf gesellschaftliche Verantwortung zu entkleiden, ihn gleichzusetzen mit Erwerb und Vermögen. Teile der Linken sind darauf hereingefallen oder haben darauf hereinfallen wollen: Wer sich für sich selbst verantwortlich fühlt, wer soviel leistet, wie er/sie kann, wer sich kümmert und sorgt, der/die taugt ja nicht als Klientel fürsorglicher Paternalisierung. Was nicht gelungen ist, so glaube ich zumindest, ist der Mehrheit den Respekt für "echte" Leistungen abzugewöhnen: die "Normies" achten Menschen, die für andere Sorge tragen, Mütter, Väter, Großeltern, Freunde und Freundinnen, die einander helfen und sich kümmern, die Beziehungen pflegen und an ihnen festhalten, auch wenn es mal schwierig wird. Die "Normies" sind in diesem Sinne zutiefst konservativ und sie fühlen sich nicht zu Unrecht von einem politischen Establishment verraten, dem es nur noch darum zu gehen scheint, Interessenvertretung der Kapitalbesitzer oder (in geringerer Zahl) der tatsächlichen oder selbsterklärten "diskriminierten" Hilfeempfänger zu sein. 

Ob Merkel Löw folgt? Ich weiß es nicht. Ich habe sie lange Zeit für ihre Kaltschnäuzigkeit und ihren Machtwillen bewundert, für ihr pragmatisches Geschick, sich gegen männliche Machtmenschen durchzusetzen. Inzwischen entsetzt mich im Rückblick, wie sehr diese Politik die Fundamente der parlamentarischen Demokratie untergraben hat, indem politische Entscheidungen und Kehrtwenden nicht im Bundestag erstritten, sondern in Talkshows verkündet wurden. Merkel (und "wir", eine moralisierende, aber praktikable Lösungen verweigernde Linke, die sich nur noch um Minderheiten gesorgt, aber den "Normies" Verachtung gezeigt hat) haben unseren Anteil daran, dass die Rechte so erstarken konnte. So zumindest sehe ich es heute. 

Ich bin entspannt. Ganz gegen diese politische Diagnose. Der Sommerwind, die See, die Dominanz einer Normalität, von der mir durchaus bewusst ist, wie sehr sie auch Ausgrenzungen geschuldet ist und die mich dennoch für kurze Zeit so sehr entlastet, fühlen sich gut an, weich und gelassen. Das wird nicht vorhalten. Geschichte wird gemacht. Jetzt. Leider auch von uns, die wir uns aus ihr stehlen wollten.

Samstag, 12. Mai 2018

Manners, Profit, Fame and Freezing Blood. Englands Jane revisited. Hampshire 2018

Dieser Post erscheint mit einiger Verspätung, denn am Karfreitag rutschte ich über eine klatschnasse Treppenstufe im Garten von Chawton House und brach mir das Handgelenk. Das gab mir Gelegenheit zu einem kurzen Einblick in das viel kritisierte National-Health-System Großbritanniens, das in meinem Fall aber unbürokratisch und rasch den Bruch versorgte und die eingegipste Heimkehr mit dem geplanten Zug durch den Euro-Tunnel ermöglichte. Mit den Folgen des Bruches habe ich allerdings immer noch zu tun. Die Heilung ist langwierig, der Gips kam erst am letzten Dienstag ab und immer noch trage ich eine Armorthese; Physiotherapie beginnt erst in drei Wochen. 
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“The person, be it gentlemen or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid.” 



Winchester war einmal die Hauptstadt Englands. In der Kathedrale ließ sich William the Conqueror krönen. Und Jane Austen liegt hier begraben. Der Platz und die Grabplatte wurden ihr zugestanden, weil ihr Vater Pfarrer in Hampshire gewesen war. Dass sie Autorin auch schon zu ihren Lebzeiten recht erfolgreicher Romane war, bleibt auf der Platte unerwähnt. Aber ihre Bescheidenheit wird gerühmt. Wer Austens Briefe kennt, weiß jedoch, dass Englands Jane sehr wohl über gesundes Selbstbewusstsein als Schriftstellerin verfügte. An ihrer Beerdigung durften nur die männlichen Verwandten teilnehmen, ihre Schwester Cassandra, mit der sie ein Leben lang Bett und Zimmer geteilt hatte, musste zu Hause bleiben. Jane Austen hinterließ Cassandra all ihren weltlichen Besitz und sie war recht stolz darauf, in ihren letzten Lebensjahren nicht unbeträchtliche Einkünfte aus ihren Veröffentlichungen bezogen zu haben. 

In Winchester besuchten wir auch Winchester College, das älteste und bis heute eines der angesehensten und teuersten Jungen-Internate der Welt. Wykehamists (benannt nach William von Wykham, der das College 1382 gründete) aber, so erklärte uns die Führerin durch die Gebäude, stünden öffentlich nicht in der vordersten Reihe, wir würden ihre Namen kaum kennen, obwohl sie viele ranghohe Positionen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bekleideten. Anders als die Etonianer (z.B. David Cameron oder Boris Johnson) übernähmen sie jedoch eher dienende Funktionen in den Institutionen. Ein bisschen erzeugte sie den Eindruck, dass die intellektuell mindestens ebenbürtigen Wykehamists die Etonianern ihre Gesichter in die Kameras halten lassen, um im Hintergrund dann tatsächlich zu herrschen. "Trusty Servants" halt, deren Motto seit jeher lautete: "Manners make a man."


Hirvoverus. The Trusty Servant. Winchester College


A trusty servant's picture would you see,

This figure well survey, who'ever you be.

The porker's snout not nice in diet shows;

The padlock shut, no secret he'll disclose;
Patient, to angry lords the ass gives ear;
Swiftness on errand, the stag's feet declare;
Laden his left hand, apt to labour saith;
The coat his neatness; the open hand his faith;
Girt with his sword, his shield upon his arm,
Himself and master he'll protect from harm



In derselben Straße, in der sich hinter hohen Mauern das College verbirgt, steht das kleine gelbe Haus, in dem Austen starb, während unseres Besuches hinter einem Gerüst versteckt. Nur eine kleine Plakette erinnert hier an Englands bedeutendste Schriftstellerin.

Durch die Kathedrale von Winchester erhielten wir eine amüsante Führung von einem älteren Freiwilligen, der uns an den mittelalterlichen Fehden zwischen Bischöfen und Königstreuen, den wechselnden Allianzen im 100jährigen Krieg oder den Rosenkriegen teilhaben ließ. Ein Überblick allerdings fehlt mir immer noch, auch wenn ich versuche, mich zu orientieren. So viele Henrys und Richards und Williams, Elizabeths und Annes und Marys, so viele Familiennamen und Titel. 

Der Standort der Kathedrale war offenbar von Anfang an nicht sehr klug gewählt. Hinten rechts sackt sie seit Jahrhunderten ab. Von 1906 bis 1911 arbeitete der Taucher William Walker täglich (außer Sonntags) jeweils 2 x 3 Stunden im Schlamm, um das Fundament zu stabilisieren. Eine kleine Statue in der Kathedrale ehrt ihn, draußen ist in unmittelbarer Nähe ein gut besuchter Pub nach ihm benannt. 

Trotzdem läuft die Krypta im Winter und Frühling regelmäßig voll, aber hier gilt das tapfere britische Motto "Muddle through." Auch bei unserem Besuch stand die Statue "Sound II" von  Anthony Gormley mysteriös und dekorativ im Brackwasser und betrachtete kontemplativ das Wasser in ihren Händen. 





Bei einem Straßen-Antiquar fand ich diese schön illustrierte Sammlung von Briefen Jane Austens:



The Illustrated Letters, Selected and introduced by Penelope Hughes-Hallett, 1990

Die Business-Woman schreibt 1814 an Anna Austen: "Walter Scott has no business to write poems, especially good ones. It is not fair. He has fame and profit enough as a poet, and should not be taking the bread out of other peoples mouths. I do not like him, and do not mean to like Waverley - but fear I must..." Austen gibt ihrer Lieblingsnichte Fanny Liebesratschläge, sie lästert mit ihrer Schwester über Verwandte und Bekannte, sie korrespondiert mit Bruder Henry über die bestmögliche Vermarktung ihrer Werke. 

Wir besuchten das Jane Austen House in Chawton, wo die Autorin in der Lebensgemeinschaft mit drei anderen Frauen ihre produktivsten Jahre verbrachte. Seien Sie gewarnt: Wenn Sie an der Bushaltestelle aussteigen, müssen Sie eine Schnellstraße überqueren, ein lebensgefährliches Unterfangen. Kaum aber betreten Sie den kleinen Ort mit seinen reetgedeckten Häusern können Sie sich eine Zeit vorstellen, in der man sich zu Fuß oder mit einer kleinen offenen Kutsche fortbewegte, wie sie im Austen House zu besichtigen ist. Etwas außerhalb des kleinen Ortes, neben der malerischen Kirche, findet sich Chawton House, einer der Landsitze, die Janes, von einem reichen Verwandten adoptierter, Bruder Edward Austen Knight erbte. Zu seinem Besitz zählte auch das im Dorf gelegene Wohnhaus, das er seiner Mutter, seinen Schwestern und deren Freundin zum Wohnen zur Verfügung stellte. Jane unternahm regelmäßig den kurzen Spaziergang zum "Great House" mit seinem weitläufigen Garten, hütete Edwards zahlreiche Nachkommenschaft und nutzte die Bibliothek. 

Seit 2003 beherbergt Chawton House das von Cisco-Gründerin Sandra Lerner gegründete  "Centre for the Study of Early Women's Writing 1600-1830" mit Original-Handschriften und Erst-Ausgaben vieler englischsprachiger Autorinnen. Bei unserem Besuch sahen wir eine spannende Ausstellung unter dem Titel "The Art of Freezing the Blood", die uns die Romane der weiblichen "Gothic"-Autorinnen näher brachte, auf die sich auch Austens "Northanger Abbey" bezieht. Chawton House hat einen wunderschön angelegten weitläufigen Garten, der bei Regenwetter aber auch Gefahren für ältere Besucherinnen bereit hält (s.o.)


If adventures will not befall a young lady in her own village, she must seek them abroad.” 
(Jane Austen, Northanger Abbey)



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Reise-Tipp: Wir übernachteten in Winchester im "The Old Vine", einem wunderbar altmodischen Pub mit 5  geräumigen Gästezimmern, die individuell gestaltet sind. Morgens gibt es kein Buffet, sondern Frühstück a la carte (auf Wunsch auch aufs Zimmer) mit fabelhaften, frischen Produkten aus Hampshire. Auch das Dinner können wir sehr empfehlen. 

Mittwoch, 28. März 2018

Trotz und Gelassenheit. London 2018

Während wir unsere Rollkoffer die High Street von Winchester hinunter ziehen, atme ich tief durch. So fühlt sich Ankommen an. Die Straßen sind voll, aber nicht überfüllt, es wird geredet, aber nicht geschrieen, gelaufen, aber nicht gerannt; wir sind draußen, raus aus London, big city, bunt, schrill, vielfältig- also alles, was erwünscht ist durch die "offene Gesellschaft", der sich verpflichtet fühlen soll, wer nicht als Rassist_in gelten will, einerseits, anderseits aber auch: teuer, elitär, abstoßend gegenüber all jenen, die sich das Hektische, Globale und Exotische nicht leisten können oder wollen, die alt sind, krank sind, scheu sind, verklemmt sind, traditionell gebunden sind. Allseits geforderte "Offenheit" , so habe ich - wieder einmal erfahren, fast körperlich - kostet was: Stressresistenz, Angstüberwindung, innere Abhärtung gegen die Zumutungen der Andersartigkeit (vulgo: jene arrogante Gleichgültigkeit, von der schon Simmel im Angesicht der Großstädte des 20. Jahrhunderts schrieb) und vor allem, allem - Geld, Geld, Geld.

London war großartig. Und widerlich. Wir sahen am ersten Abend in Theaterdistrict nahe des Leicester Square das Musical "Girl from the North Country".  Aus der U-Bahn-Station heraus kommend, fühlten wir uns im ersten Höllenkreis: Gedrängel, Geschrei, Geschubse, Gesaufe; Alt-Sachsenhausen an einem Samstagabend hoch 10. Dennoch oder deswegen gilt ein Theatererfolg in UK erst etwas, wenn die Inszenierung es hierher schafft, in den Theater District Londons. Drinnen im Noel Coward-Theater ist dann auch alles wieder ganz anders: zivilisierte Mittelklassemenschen, die sich flüsternd unterhalten. Ich bin kein Musical-Fan. Dieses Stück von Conor McPherson mit Songs von Bob Dylan jedoch schaffte es, mich fast bis zu Tränen zu rühren. Auch Morel ging es nicht anders Bei ihm jedoch wundert das weniger, verehrt er doch Bob Dylan auf beinahe religiöse Weise. Ich war skeptisch, trotz der guten Kritiken, die McPherson Inszenierung erhalten hatte. Denn ich verehre den Barden aus Minnesota so wenig wie irgendeinen. Aber ich erfuhr an diesem Abend, was ich schon geahnt hatte: Dass Dylans Songs weit über ihre pophistorische Bedeutung hinaus tragfähig sind, dass sie Gefühle und Gedanken weit jenseits ihrer biographischen und historischen Verortung transzendieren können, zeitlos gültig und zugleich konkret erfahrbar werdend. Allerdings, so glaube ich, nur dann, wenn sie durch Musiker_innen und Sänger_innen vorgetragen werden, deren Können das des Songwriters übersteigt. So wie an jenem Abend in London, als Sheila Atim "Tight connection to my heart/Have you seen my Love" auf eine Weise sang, wie ich es nie zuvor gehört hatte, oder Sam Reid und Claudia Jolly "I want you" vortrugen, das es einer das Herz brechen konnte. McPherson hatte von Dylan das Einverständnis erhalten, sich aus dessen Songbook frei zu bedienen (man kann vermuten, dass dies von Dylan - leider - keine Geste der Anerkennung ist, sondern bloß der Gleichgültigkeit) und er wählte nicht das Offensichtliche, sondern Songs, die im Kontext der Geschichte, die er erzählt, gänzlich neuen und unerwarteten Sinn entfalten. Die Erzählung ist vor Dylans Lebenszeit angesiedelt, auf diese Weise vollständig befreit von allen biographischen Zusammenhängen, wie McPherson im Programmheft betont. Allerdings wird ein geografisch-historischer Bezug hergestellt: Die Geschichte spielt in Duluth, Minnosata an den Großen Seen, dort wo Dylan aufwuchs. 


Zur Zeit der Depression führt Nick Laine (Game-of-Thrones-Darsteller Ciaran Hinds) dort ein heruntergekommenes Gasthaus, das mit Hypotheken belastet ist. Seine Frau Elizabeth (die grandiose, kleine Shirley Henderson) leidet unter einer psychischen Erkrankung, die sie regredieren lässt. Sohn Gene imaginiert sich eine Karriere als Schriftsteller, Ziehtochter Marianne ist schwanger und will den Vater des Kindes nicht nennen. Verzweifelt kämpft Nick gegen die drohende Obdachlosigkeit seiner Familie. Dass Marianne schwarz ist, von ihren Eltern im Gasthaus einfach zurückgelassen, verkompliziert die Situation noch. Außerdem leben im Gasthaus der Bankrotteur Burke mit seiner Frau und dem zurückgebliebenen erwachsenen Sohn. Eines Abends treffen ein Bibelverkäufer und ein schwarzer Ex-Boxer im Gasthaus ein und verändern die Dynamik zwischen den Bewohnern. Am Ende verlassen alle Nicks Gasthaus und ziehen weiter, in ungewisse und prekäre Lebensverhältnisse. "Girl from North Country" erzählt von den Sehnsüchten verarmter und bedrängter Menschen in einem durch Rassismus und Sexismus geprägten Umfeld. Und Dylans Songs, vorgetragen von einem hervorragenden Ensemble und einer brillanten, im Hintergrund der Bühne spielenden Band werden nicht als Illustration zu den Geschichten der Figuren eingesetzt, sondern bisweilen als Kontrapunkte, Erweiterungen, Dehnungen; sie eröffnen das Sehnsuchtspotential dieser Figuren, das in der erzählten historischen Situation keinen Platz hat, aber ihn hier erhält. In diesem Sinne, der völlig kitschfrei ist, kann man McPherson Stück als romantisch bezeichnen. 

Das Noel-Coward-Theater, in dem Schauspieler-Legenden wie Cary Grant, Vivian Leigh, Laurence Olivier aufgetreten sind, bot dem Stück, dessen letzte Aufführung wir am 24. März besuchten, einen wunderschönen Rahmen. Ärgerlich allerdings, dass man meinte, am Eingang jenes Schild als "Trigger-Warnung" aufstellen zu müssen:



Ein neues "Juste Milieu", das sich hartnäckig weigert, seine eigene zentralistische Machtposition anzuerkennen, sondern sich albern retro-oppositionell gebärdet, verlangt unnachgiebig die Berücksichtigung aller seiner Prüderien in der Öffentlichkeit. Was es mit großer Geste tabuisiert, wird ihm desto härter als Trotzreaktion all jener entgegenschlagen, die sich nicht in seiner Mitte verorten können oder wollen, die auf ihrem Eigensinn, ihrer Sexualität, ihren Normen und Traditionen beharren und dabei von jenem Milieu noch nicht als paternalistisch zu betreuende Exoten entdeckt worden sind. 

Kew Gardens besuchten wir am Sonntag, wie zahllose britische Familien mit ihren kleinen Kindern auch. Zwischen den Narzissenteppichen trotzte ein kleiner Batman, der später unter den "not so vegetarian vegetables", den entzückenden Killer-Pflanzen, aber wieder ganz zufrieden wirkte. Am Eingang zur Bahnstation brannte ein Van aus, was die englischen Sonntagsspaziergängerinnen gelassen zur Kenntnis nahmen. Vergeblich suchte Morel später in den Londoner Gazetten nach einer Erwähnung des Vorfalls. In Chiswick suchten wir fast vergeblich nach Hogarth´ House, das eingeklemmt zwischen zeitgenössisch hässlichen Appartementbauten und einer 6spurigen Stadtautobahn nur schwer zu entdecken ist. Dass der Maler und Grafiker vom Erkerfenster des Hauses einmal auf weite Felder hinaussah, ist kaum mehr vorstellbar. Aber er hätte es sicher vermocht, auch dieser Situation eine satirische Pointe zu entlocken. 

Natürliche Naturfreunde. Harrods Schaufenster
Chiswick, so schien uns, ist der Prenzlauer Berg Londons, nur dass die Schraube noch ein wenig überdrehter angezogen wirkt. Während Viertel wie Chelsea, wo einst Mick Jagger tobte, Vivienne Westwood provozierte und die Hippies die Straßen bevölkerten, jenseits des Sloane Squares, wo die üblichen Edel-Marke-Boutiquen ein kaufkräftiges, aber uninspiriertes Publikum anlocken, wie tot wirkt, vermutlich, weil viele der ausrenovierten Backsteingebäude allenfalls noch als  Zweit-, Dritt- oder Viertwohnsitz genutzt werden, haben sich die wohlsituierten Doppelverdiener mit Kinderwunsch nach Chiswick (oder in ähnliche Stadtteile) zurückziehen müssen, wo eine Familienwohnung allerdings auch nicht unter 800.000 Pfund zu haben ist, inklusive Risse in der Decke und Schimmelflecken überall. Man, so stellen wir uns vor, plagt sich also in der City in einem 50-Stunden-oder -mehr-Job (beide Eltern, ein Gehalt allein finanziert so ein Leben nicht), hetzt sich ab, um die Kinder irgendwo abzuholen, wo sie tagsüber betreut werden, richtet sich prächtige Küchen ein, die man fast nie nutzt, achtet auf organische Klamotten, kauft den Kindern Bio-Eisund fliegt um die Welt, geschäftlich wie  privat. In Chiswick, selbstverständlich, ist man liberal, liebt das Exotische, vor allem kulinarisch und modisch. Die offene Gesellschaft kostet Nerven und Lebenszeit, sie hinterlässt einen gigantischen ökologischen Fußabdruck und tiefe Ringe unter den Augen. Derweil müssen die Putzkräfte, die die halbherzig renovierten Reihenhäuser in Schuss halten, wahrscheinlich drei Stunden mit dem Bus unterwegs sein am Abend in ihre weit außerhalb gelegenen noch schäbigeren Quartiere. 

"A hidden gem" im hektischen London ist die grandiose Wallace Collection, der wir einen ganzen langen Vormittag widmeten. Wie im John Sloane Museum wird hier eine Sammlung präsentiert, die bis zum heutigen Tag den Eigensinn jener ausstrahlt, die sie zusammentrugen. Statt auf weißen Wänden Einzelstücken einen übertriebenen Platz einzuräumen, der ihre Bedeutung überhöht (und sie nicht selten sogar parodiert), findet sich hier ein Zusammenspiel von Möbeln, Sammelvitrinen und eng gehängten Bildern (Schwerpunkte bilden die italienische, französische und niederländische Malerei des 17.- 19. Jahrhunderts). In jeden Raum führt eine kurze Beschreibung über seine Geschichte und Ausstattung ein, Sitzgelegenheiten überall laden dazu ein, die ausführlichen Beschreibungen zur Provenienz und zum Kontext der verschiedenen Artefakte, die in Foldern dargelegt werden, gründlich zu studieren. Don´t miss it.


Wallace Collection London

Wir hatten interessante Tage in London. "Man kann", so schrieb ich 2010 in diesem Blog, London nicht lieben. Wenigstens ich kann es nicht. Aber ich liebte vieles in London." So bleibt es. 

Nun genießen wir den langsameren, gediegeneren Rhythmus, mit dem uns Winchester in Hampshire empfangen hat. See you soon.


Verwandte Links
St. Pancras (2010)
Unterwelt (2010)
Oxford Street (2010)
Über Schönheit: Sehen und gesehen werden (2010)
Rude Britain (2010)
"Taming the Screw" in Coram´s Field (2010)
Abschied von London (2010)

und:

die Serie über die Graphiken von William Hogarth; alles unter dem Label:

Hogarth








Dienstag, 20. Februar 2018

IDA. Ein Bildungsroman (1)

Als Ida Lenko 8 Jahre und 33 Tage alt war, beschloss sie, Mörderin zu werden. Der Bus, in dem Ida saß, hielt an der Haltestelle Ecke Goethestraße/Benediktusweg. Ida hatte die Wange an die mit einer Eisschicht bedeckte Fensterfront gelehnt und mummelte sich enger in ihren Schal, als die Mitteltür sich öffnete und Samet zustieg. Ida schob das Kinn noch tiefer in die grobe, graue Wolle und zog mit der rechten Hand ihre Mütze tiefer ins Gesicht. Samet setzte sich neben sie, ohne sie zu erkennen. Er achtete nicht auf kleine Mädchen (oder Buben), sondern tackerte unablässig auf seinem Handy herum. Gewöhnlich stieg Ida am Eichendorff-Platz aus, aber sie wagte es nicht, Samets Aufmerksamkeit durch eine Bewegung oder ein Räuspern auf sich zu lenken. Also blieb sie sitzen und hoffte darauf, dass Samet nicht allzu viele Haltestellen weiterfahren würde. Ida hielt dabei die ganze Zeit über die Augen krampfhaft geöffnet, gegen den heftigen Impuls, sie für einen Augenblick ausatmend zu schießen. Denn sie wusste, welches Bild sie hinter geschlossenen Lidern erwartete. In der Corneliusstraße schließlich, gegenüber vom Eingang ins Barthelomäus-Zentrum, stieg Samet aus, nicht ohne Ida achtlos mit seiner Ellenbogenspitze anzustoßen. Ida zuckte zusammen, etwas zu heftig, und sie fürchtete schon, dass Samet deswegen aufblicken würde, aber er war zu vertieft in seine Handykommunikation, um sich ablenken zu lassen. Ida fuhr noch eine Haltstelle weiter, um dann zurück zu laufen in ihr Viertel, die Wohnblocks hinter dem mit Linden gesäumten Eichendorff-Platz. Ida zurrte ihren Ranzen fester auf ihren Rücken. Ihre Nasenspitze war weiß vor Kälte und Hass.

Samet war frei. Samet lief herum und zockte auf seinem Handy. Samet frass wahrscheinlich gleich Döner im DummDumm, baggerte kichernde dumme Weiber an, die in kurzen Rücken vorbei schlenderten, und hieb seinen Kumpeln, die sich wieder um ihn scharen würden, auf den Rücken: „Brudär, Alter.“ Jona aber hatte, als Ida letzte Woche bei ihm gewesen war, das Gesicht mit der versehrten Seite zur Wand gedreht und, wie seit dem Nikolaustag, kein Wort mit ihr gesprochen, keines mit ihr und keines mit seiner Mutter, seiner Schwester, seinem Onkel. Jona war verstummt, während Samet sich also wieder einen schönen Tag machte.  

Deshalb wollte Ida, dass Samet tot wäre und dass sie ihn umgebracht hätte. Ida stellte sich vor, während sie die Straße hinuntertrabte, wie sie Samet ein Messer zwischen die Rippen stieß, wie sie Samet vor die Straßenbahn schubste, wie sie Samet mit einem Spaten erschlug. Aber Ida wusste auch, dass nichts davon passieren würde, denn Ida begriff sehr wohl, dass sie zu klein und zu schwach war, um Samet anzugreifen. Man müsste, dachte sie, ihn vergiften. Das müsste ich können, dachte Ida, während sie mit dem Fahrstuhl in den 8. Stock fuhr. Sie schloss die Wohnungstür auf. Ihre Mutter schlief noch nach der Nachtschicht, aber Marian, der schon auf die Gesamtschule ging, saß in der Küche und schlürfte Suppe. „Samet ist frei.“, sagte Ida und knallte ihren Ranzen in die Ecke. Marian blickte nicht einmal auf. „Was hast du denn gedacht?“ „Dass er im Knast verrottet, das Arschloch.“, sagte Ida. „Jugendstrafrecht“, murmelte Marian. Ida hatte keine Ahnung, wovon er redete, aber sie erinnerte sich, dass ihre Mutter schon direkt nach dem verheerenden Nikolaustag gesagt hatte: „Der läuft bald wieder hier rum.“ Er hatte vergnügt ausgesehen im Bus, fand Ida. Sie nahm sich einen Teller Suppe und setzte sich Marian gegenüber.

Beide löffelten schweigend den Eintopf in sich hinein, den Mama am Sonntag vorgekocht hatte.  Man müsste ihn vergiften, dachte Ida. Wenn ich das nur könnte. Und Ida beschloss zu lernen. Wie man einen vergiftet. Am besten so, dass es niemand merkt. Ida hatte keine Ahnung, wie und wo man so etwas lernen konnte. Aber sie war sicher, dass sie es herausfinden würde. Selbstverständlich durfte man nicht direkt danach fragen. Sie war ja nicht blöd. Man konnte nicht zu Frau Wagenhaupt gehen und sagen: „Wie und wo lerne ich jemanden zu vergiften?“ Nachdem sie den Suppenteller leer gegessen hatte, putzte Ida sich im Bad die Zähne. Im Schrank standen die Schmerztabletten, die Mama manchmal nahm. Zu viele davon waren giftig. Besonders für Kinder. Das hatte Mama warnend gesagt. In Arzneimitteln ist also Gift, dachte Ida. Man müsste nur wissen, was genau drin ist und wie es wirkt. Es gibt bestimmt ganz viele verschiedene. Wenn ich mich da auskennen würde, dann könnte ich Samet vergiften.

Am nächsten Tag, dem 3. Februar 2008, fragte Ida nach der Deutschstunde Frau Wagenhaupt, was man lerne müsse, um Arzneimittel zu machen. Frau Wagenhaupt sah Ida sehr freundlich an. Sie mochte Ida, die wissbegierig und schnell von Begriff war, eine Ausnahme unter ihren Grundschülerinnen und –schülern, von denen viele keine 5 Minuten stillsitzen konnten. „Da muss man Pharmazie studieren“, sagte Frau Wagenhaupt, „oder Chemie.“  Ida legte ihr Hausaufgabenheft auf den Tisch und zog einen Stift aus der Jackentasche. „Wie schreibt man das?“, fragte sie. Frau Wagenhaupt diktierte ihr das Wort geduldig. „Wie heißt man, wenn man das studiert hat?“, fragte Ida. „Pharmazeutin.“, sagte Frau Wagenhaupt. „Oder Apothekerin.“  „Aha“, sagte Ida. „Willst du das werden?“, fragte Frau Wagenhaupt. „Ja“, sagte Ida. So ein ernsthaftes, ehrgeiziges, kleines Ding, dachte Frau Wagenhaupt. Aber ich traue ihr das zu. Wenn sie sich aus ihrem Milieu lösen kann. „Du kannst das schaffen, Ida“, sagte sie zutraulich. „Du schaffst bestimmt die Empfehlung für das Gymnasium, wenn du so weitermachst.“  Ida nickte. Sie steckte das Hausaufgabenheft ein und bedankte sich bei Frau Wagenhaupt für die Auskunft. Frau Wagenhaupt sah ihr wohlwollend nach, als sie den Raum verließ.

Ida googlte am Nachmittag auf Marians Laptop nach „Pharmazie“. Das stimmte also, was Frau Wagenhaupt gesagt hatte. Das war die Richtung. Ida rechnete: Ich bin in der 3. Klasse. Das heißt, ich muss noch 9 Jahre zur Schule gehen, mindestens, und dann studieren. Noch mal 6 Jahre. Aber vielleicht kann ich ja schon nach 3 oder 4 Jahren genug, um Samet zu vergiften. Es wird trotzdem schwer, dachte Ida. Denn ich muss Samet ja die ganze Zeit im Auge behalten, damit ich weiß, wo er ist, wenn ich ihn dann vergiften kann. Ida kniff die Augen zusammen. Das würde sie schon schaffen. Wie sagte Mama immer: „Ida hat Durchhaltevermögen.“ Marian nannte das „starsinnig“. Das war Ida. Sie war schüchtern und ängstlich, sie traute sich nicht Samet oder irgendwem was ins Gesicht zu sagen, und das war auch vernünftig, denn Ida war selbst für ihr Alter klein und schmächtig. Aber Ida war auch geduldig und nachtragend und starsinnig. Wie Marian sagte. Ida würde das durchziehen. Lernen und fleißig sein, Samet im Auge behalten, und aufs Gymnasium gehen, dabei Samet im Auge behalten und studieren, immer Samet im Auge behalten, bis sie ihn vergiften konnte.


Und Ida schaffte das, wie sich zeigen sollte, auch wenn dann alles ganz anders kam und Samet nicht der erste wurde, den sie vergiftete.