Donnerstag, 1. Juli 2021

Die Schande von Afghanistan - Wir lassen die Helferinnen und Helfer der Bundeswehr ungeschützt zurück

Die Bundeswehr ist raus aus Afghanistan. Das letzte Transportflugzeug hat Masar-i-Sharif verlassen. Vor den Toren der Stadt stehen die Taliban. Im Norden Afghanistan rücken die radikalen Islamisten von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt vor. 

Die Twitter-Blase:schweigt. Schweigt dröhnend. Nichts zu hören von den allzeit Empörten, den Seenotrettern, den Seebrücke-Bauern, den RefugeesWelcome-Verzückten. Nichts. Nichts. Nichts. 

Die Bundeswehr, ob wir als je einzelne diesem Einsatz zugestimmt haben oder nicht, war in unserem Auftrag in Afghanistan. Im Auftrag des deutschen Volkes, entsandt als Parlamentsarmee. In unserem Auftrag hat sie afghanische Männer und Frauen rekrutiert, um sie bei ihren Einsätzen zu unterstützen, als Lotsen, als Übersetzerinnen, als Ingenieurinnen, als Ärzte, als Pflegerinnen, als Verwaltungsangestellte. Alle diese Menschen, die für die Bundeswehr gearbeitet haben, und ihre Familie müssen jetzt um ihr Leben fürchten. Können nachts nicht schlafen aus Angst vor der Rache der Taliban. 

An Bord der letzten Flieger waren keine Afghaninnen und Afghanen. Das Bundesaußenministerium verspricht Visa. Wann? In der Bundesrepublik schämt man sich offensichtlich nicht, diese Frauen und Männer und ihre Familien zurückzulassen. Man spricht nicht einmal über diese bodenlose Verantwortungslosigkeit. Dass wir diese Menschen und ihre Familien nicht mit ausgeflogen haben, ist ein Verbrechen. Eines aber, das hier auf kaum einer Seele zu lasten scheint. 

Dieses Schweigen dröhnt. Und schmerzt. 

Zugleich bestätigt es mich in der Wahrnehmung, dass die grenzenlose Ausdehnung der Verantwortung von allen für alle letztlich in die Verantwortungslosigkeit führt. Man nimmt sich als verantwortlich wahr, wo es genehm ist, d.h. wo es moralische Distinkionsgewinne gegenüber politischen Gegnern einzustreichen gilt: Ertrinkende im Mittelmeer - unbedingt, Verdurstende in der Sahel-Zone - ein wenig, Bürgerkriegs-Tote in Syrien - etwas, Bürgerkriegs-Tote im Jemen - fast gar nicht. Und so fort. Die völlig überdehnte Verantwortungsbehauptung ermöglicht es, sich moralisch überlegen zu fühlen und gleichzeitig nie in die Pflicht genommen zu werden. Man hilft, wenn man will, und klagt an, wen man will, aber es gibt keine Zuständigkeiten.

Für die Helferinnen und Helfer der Bundeswehr in Afghanistan aber sind wir zuständig. Diese aus der Gefahr, in die wir sie gebracht haben, zu retten, wäre keine Bonus-Tat, für die man sich selbst belobigen könnte. Es wäre schlicht unsere Pflicht. 

Aber Pflichten anerkennen wir nicht. 

Die Schande von Afghanistan - sie wird auf uns als Gesellschaft lasten. 

Manche Soldatin, mancher Soldat wird in den kommenden Monaten und Jahren erfahren, dass ihre treuen afghanischen Kameradinnen und Kameraden gefoltert und getötet wurden. Auch mit diesem Trauma, da muss man keine Hellseherin sein,  werden wir als Gesellschaft sie allein lassen. 

Unser Außenminister (- oder -ministerin, falls es dann eine Frau sein wird), wird sicher ihrer "Besorgnis" Ausdruck verleihen, wenn der Vormarsch der Taliban weitergeht. Vielleicht werden auch einige wenige rechtzeitig in den Genuss der "großzügigen" Visa kommen. 

Aber: Ein Aufschrei wird ausbleiben. Keine Empörung, nirgends. Frau Emcke wird keine Rede halten, wetten? 



Freitag, 28. Mai 2021

BITTERBÖSE ENTTEUSCHUNG. (WORT-SCHATZ 24)

Diese Müdigkeit.

Und nicht allein. "Mütend", schrieb eine auf Twitter und es trendete gleich. Das geht offenbar vielen so. Es trifft meine Stimmung und bleibt doch eine unvollständige Bestandsaufnahme. 


ENTTEUSCHT


"ex errore rapere, aus der teuschung ziehen"

"emachte, indem er entteuscht ward, die wunderlichsten geberden." (Göthe)


Ich bin aus meiner Täuschung gezogen, unsanft, unerwartet, ungeschützt. Liege nun ramponiert und verdreckt am schlammigen Ufer des Teuschungssees und schäme mich meiner Entstellung. Versuche, vergebens, die Entblößung zu verbergen. 

Man macht halt irgendwie weiter. Muss ja. (Es sagt ja schon alles, diese Verwendung des "man", hinter dem sich das "Ich" verbirgt und unkenntlich und verantwortungslos zu machen sucht.)

Was schrieb ich im im April 2020 noch so naiv: "... ich bin dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die sich in ihrer Mehrheit (bis jetzt) anders entschieden hat: Der Schutz des Lebens ist uns was wert. Auch des Lebens jener, die - vielleicht - nicht mehr so lange zu leben haben wie andere. "

Im Mai 2021 ist klar: In einer solchen Gesellschaft lebe ich nicht. Der Schutz des Lebens älterer und vorerkrankter Menschen war uns nicht so viel wert. Am heutigen Tag verzeichnet das RKI, dass in Deutschland bisher 88167 Menschen an Covid 19 gestorben sind. Am Ende der Pandemie werden es mit hoher Wahrscheinlichkeit über 100 000 Tote sein. Weltweit sind offiziell bisher mehr als 3,5 Millionen Menschen an dem neuartigen Corona-Virus gestorben. Der "Economist" weist in einer groß angelegten Recherche nach, dass diese Zahl bei Weitem zu niedrig angegeben ist. Die Redaktion geht eher von über 10 Millionen Toten weltweit aus. Dabei handelt es sich um den niedrigsten Schätzwert. Es könnten durchaus deutlich mehr Tote sein. Aus vielen Ländern liegen keine genauen Zahlen vor. Allein in Russland, zum Beispiel, ist die Übersterblichkeit 6 bis 7fach höher, viel mehr als die offizielle Zählung der Corona-Toten annehmen lässt. 

Die Pandemie dauert nun anderthalb Jahre. Auch wenn Hoffnung besteht, dass sie durch die Impfkampagnen in Nordamerika und Europa dort abklingt, geht sie rund um den Globus weiter. Es sieht so aus, als werde auch diese Pandemie, wie die "Spanische Grippe", am Ende um die 20 Millionen Menschen das Leben kosten.  

Ich hatte mich also getäuscht, als ich vom Fortschritt ausging. Davon, dass eine entwickeltere Gesellschaft eine solche Todesrate nicht zulassen werde. Wir werden so viel Tote zu beklagen haben (aber eben kaum beklagen, davon später), obwohl es gelang, in Rekordgeschwindigkeit Impfstoffe zu entwicklen. Der technologische Fortschritt wird uns als Gesellschaften retten, aber er wird ganz offensichtlich nicht begleitet von einem gesellschaftlichen Fortschritt, der es ermöglicht hätte, ihn solidarisch zu nutzen, um die Todesrate niedrig zu halten, um Menschenleben zu retten. 

Vielmehr hat sich gezeigt: Unsere Gesellschaften in Europa sind so organisiert, dass es möglich ist, für fast alle das komplette persönliche Leben über viele Monate brutal einzuschränken, sie auf Arbeitsleben und Kernfamilie zu reduzieren, aber unmöglich die Produktion und den Handel mit Gütern auch nur für wenige Wochen einzuschränken, um allen diese Grundrechtseingriffe auf Dauer zu ersparen. Überraschend auch: Offensichtlich funktioniert auch der entwickelte Kapitalismus so, dass wir als Arbeitskräfte gebraucht werden, weniger jedoch als Konsumenten. Denn es war vertretbar, den Einzelhandel, Gastronomie, Tourismus und Kultur langfristig dicht zu machen, nicht aber Fabriken und Büros. 

Man könnte das auch so ausdrücken (wenn es auch ein wenig simpel gedacht ist): Dieses "System" (politisch und ökonomisch) funktioniert offenbar ohne jede menschliche Lebensfreude. (Sicher hätte man Einzelhandel und Kultur vor der Digitalisierung nicht ganz so krass einschränken können, doch kann Digitales reale Begegnungen eben nicht ersetzen, wie sich je länger desto deutlicher zeigt.) Dass die Menschen durch diese Entleerung ihres Lebens, durch diese Reduktion auf ihren Wert als Arbeitskraft ausgelaugt sind, wird von der Politik dann noch als Begründung herangezogen, sogenannte "Lockerungen" jeweils überhastet zu verkünden, durch die Einschränkungen im Privaten immer weiter verlängert werden müssen. 

Ich bin bitter und böse. 

Entteuscht.

Was mich am meisten überrascht dabei, ist, dass es so tief sitzt und geht. Denn das zeigt mir, wie sehr ich - trotz aller Kritik - an diese Gesellschaft und ihre Optionen noch geglaubt habe. 

Das wäre jetzt vielleicht der Moment, radikal zu werden. Revolutionen zu fordern. Den Kapitalismus abschaffen. Oder so. 

Aber nein. 

Nicht nur, weil ich müde bin.

Ich glaube nicht daran. Das kommt nicht. Kein gutes Leben für alle. 

Man sorgt für sich selbst und die seinen. Zuerst und zuletzt. 

Biedermeier mit und ohne Brandstifter.

Max Stirner ist jetzt mein Mann: "Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht." 

Genau. "Man muss sehen, wo man bleibt." So Sprüche.

So geht "Entteuschung".

Ich kann das. 

Ich übe. 

Ich habe fertig.


Wir machen weiter. Optimismus macht sich breit. Die Sonne scheint, manchmal. Wir werden die Toten nicht beklagen. Diese Toten werden vergessen werden, verdrängt, von uns, so gut es geht, wie jene damals, die an der Spanischen Grippe starben. Denn es sind unsere Toten. Sie gehen auf unser Konto. Das muss man verdrängen. 

"Der Sommer wird gut."




Mittwoch, 5. Mai 2021

WEGETAUMLER. Suchanzeige

Aufgetaucht ist gestern wie aus dem Nichts: 

der WEGETAUMLER

Man weiß hier nicht wie oder woher. Jetzt ist er da. 

Der Wegetaumler gehört zur Spezies der Viechwörter. 

Man kann ihn sich taumelnd vorstellen, vielfüßig und gepunktet, ein semibetrunkener Tausendsassa. Keineswegs ein ungeheures Ungeziefer, vielmehr ein veritables, gleich wohl auch vandalisches Krabbelviech, unterwegs auf allen Parketten, schlitternd, silbrig, feinhaarig.

Wir wissen noch wenig über den Wegetaumler, wir müssen weiterträumen, um ihn zu ergründen. 

Wir petzen die Äuglein zu, mitten am Tag, wir simulieren ein Schnarchgeräusch, um ihn anzulocken. 

Wir bieten für ein Bild des Wegetaumlers, schwarzweiß oder bunt, egal, etwas auf. 

Melden Sie sich. Helfen Sie mit. 

Wege taumeln Sie! 

Reichen Sie die Ergebnisse Ihrer Forschungen ein unter:

melusinebarby@googlemail.com 

Machen Sie sich keine Sorgen: Alles bleibt unter uns. 






Dienstag, 19. Januar 2021

BLANKE WUT (2): Erzieherinnen als Kanonenfutter

Keine  Berufsgruppe ist derzeit mehr gefährdet als Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten: https://www.rnd.de/wirtschaft/corona-studie-der-aok-erzieher-und-betreuer-am-haufigsten-an-covid-19-erkrankt-4VWAN6I5JFBUZK7L3IL7ALV5WI.html

Man kann das wissen, wenn man will. Auch Papa und Mama vom kleinen Finn und der kleinen Louise können das wissen, wenn sie wollen. Denn Finns und Louises Eltern gehören zweifellos zur gebildeten Akademiker-Schicht, die gewöhnlich gut informiert ist. Wir wissen nicht, ob Finns und Louises Eltern diese Informationen einfach verdrängen oder - was wir für wahrscheinlicher halten - es ihnen schlicht egal ist. Finn und Louises Eltern formulieren gerne "Ich-Botschaften", das haben sie so gelernt. Sie sind überhaupt gut darin, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren und ihre Probleme publik zu machen. Ganz anders als die meisten Erzieherinnen, die auch deutlich weniger verdienen als Finn und Louises Eltern.

Finn und Louises Eltern sind inzwischen echt am Ende ihrer Kapazitäten. Deswegen: Finn und Louise müssen in die KITA. Zum Glück ist es ja in Hessen so geregelt, dass jede/r, der oder die sich nicht in der Lage sieht, die Kinder zu Hause zu betreuen, sie in die KITA bringen darf. Gut so! Kai Klose ist eben ein ganz Sozialer. Der denkt an Menschen wie Finn und Louises Mama und Papa. KITA-Öffnung ist Menschenrecht. Finn und Louise brauchen auch die Kontakte zu anderen Kindern. Und außerdem denken Finns und Louises Eltern jetzt auch besonders an die anderen Kinder, bei denen es zu Hause nicht so schön ist wie bei ihnen. Vor allem wegen denen muss die KITA offen bleiben, sonst kommt es zu ganz starken sozialen Verwerfungen. 

Es ist ja außerdem so: Wenn jetzt noch länger die KITA geschlossen bleibt, müssten Finn und Louises Eltern vielleicht auf den Sommerurlaub verzichten. Und das, obwohl sie doch schon die jährliche Skiwoche aufgeben mussten. Das ist zu viel verlangt. Die KITA muss offen sein und bleiben.

Die Erzieherinnen haben Finn und Louise ja auch so lieb. Lieber als ihr Leben und die Gesundheit ihrer eigenen Familie. Voller Freude drücken sie den süßen Finn bestimmt beherzt an die Brust, wenn er hinfällt,  denn sein Wohlbefinden ist ihnen wichtiger als Urlaub, Gesundheit, Leben. Ganz klar. Vor allem, weil auch Finn und Louise schon ganz wunderbar ihre Ich-Botschaften formulieren können. Den Eltern geht das manchmal tatsächlich auf die Nerven. Aber den Erzieherinnen doch nicht.

Finns und Louises Mama und Papa haben nur eins nicht bis zu Ende gedacht: Könnte sein, dass es nach der Pandemie weniger gesunde Erzieherinnen gibt und noch weniger Menschen, die den Beruf ergreifen wollen. Aber dann finden sie sicher jemanden aus Kasachstan, der Finn und Louise lieber hat als sein Leben. 


Donnerstag, 31. Dezember 2020

KEIN MENSCH IST EINE INSEL...

  

Hieß so nicht ein Roman von Johannes Mario Simmel, dem Bestseller-Autor, dessen Bände die Leihbibliothek der Evangelischen Kirchengemeinde füllten, in der ich zur Leserin sozialisiert wurde?

 

Simmel zitierte mit dem Titel des Romans, an dessen Inhalt ich mich nicht einmal mehr vage erinnere, ein Gedicht von John Donne, das dieser mitten in einer Pandemie (1623) schrieb:

 

No man is an island,

Entire of itself;

Every man is a piece of the continent, 

A part of the main.

If a clod be washed away by the sea,

Europe is the less,

As well as if a promontory were:

As well as if a manor of thy friend's

Or of thine own were.

Any man's death diminishes me,

Because I am involved in mankind.

And therefore never send to know for whom the bell tolls;

It tolls for thee.

 

Was könnte passender sein für diesen Jahreswechsel? 

 

Auf die Wahrheit, dass kein Mensch, keine Gesellschaft, keine Nation eine Insel ist, darauf hat uns die Pandemie mit aller Brutalität aufmerksam gemacht. Dass wir (Deutschland, in einem erweiterten Sinne vielleicht Europa insgesamt) uns aber als eine solche dachten, lässt unsere Gesellschaften der Ausbreitung des Virus weniger effektiv entgegentreten als es möglich wäre. Die Naturkatastrophe, so hatten wir uns weis gemacht, ist immer woanders. Wir spenden dann und fühlen uns gut und – überlegen! Jetzt müssen wir lernen, mit einem Geschehen umzugehen, dem keine individuellen Anpassungen und Entscheidungen beikommen können, das eine kollektive Antwort fordert. Darauf sind wir, die den Narzissmus in Erziehung und Gesellschaft seit zwei Jahrzehnten fördern und fordern, denkbar schlecht vorbereitet.

 

Und dennoch traf und trifft es mich mit voller Wucht: Auch mein inkorporierter Pessimismus hat sich im Frühjahr nicht ausmalen können, wie sehr unsere Gesellschaften versagen würden. Auf Ischgl und Heinzberg folgten die „Öffnungsdiskussionsorgien“ (man schalt das Wort, nicht die Debattierdummheit, die es bezeichnete), die Corona-Leugner-Demos, das Esoterik-Geschwurbel, die Freiheit-aber-ohne-Verantwortung-und-mit-Vollkasko-Gesänge, die Impfgegner und jetzt die Impfneider. Verfolgt man die Posts in Sozialen Medien, fällt es schwer, nicht zur Menschenfeindin zu werden. 

 

Im Analogen erlebe ich anderes: Verantwortungsbewusste junge Menschen, Solidarität, Freundlichkeit, Innovation und Resilienz. Alles ist anders als geplant und die meisten versuchen, Neues auszuprobieren, sich anzupassen, Rücksicht zu nehmen. „Homeoffice“ 

klappt besser als erwartet, auch wenn Videokonferenzen schrecklich ermüden. Schüler_innen und Student_innen nutzten die neuen Freiräume auch für eigenständiges Lernen, entwickelten neues Erkenntnisinteresse und Lust am Schreiben, obwohl ihnen der persönliche Austausch, die Kontakte sehr fehlten.

 

Es war ein schwieriges Jahr. Auch ganz persönlich. Mein Vater erkrankte schwer. Auch meiner Mutter ging es nicht immer gut. Morel brach sich die Schulter und ich musste mit Tatütaa und Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert werden mit einer akuten Blinddarmfortsatzentzündung (hach, was für ein Wort fürs Galgenmännchen). Wir vermissten den Mastermind, den wir in Wien nicht besuchen konnten wegen Corona. Der Berufseinstieg für beide, Amazing und Mastermind  wurde durch die Pandemie erschwert, denn vieles musste online geklärt werden, informelle Gespräche und Kontakte entfielen oft. 

 

Und dennoch: Wir haben Glück gehabt und viel Grund dankbar zu sein. In einem Land zu leben, in dem ein Krankenwagen kommt, wenn man ihn ruft und die Solidargemeinschaft die Kosten dafür übernimmt, ist ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (fast vier Wochen fiel ich aus). Meinen Eltern geht es inzwischen besser, obwohl der Corona-Koller natürlich auch an ihnen zehrt. In meinem engeren Freundes- und Verwandtenkreis gibt es keine Corona-Leugner und Schwurbler, auch das betrachte ich als ein unverdientes Glück. 

 

Kein Mensch ist eine Insel… Das stimmt. Aber manchmal, in schweren Zeiten, legt man sich eine imaginäre zu. Eskapismus genießt in intellektuellen Kreisen keinen guten Ruf. Ich stehe dazu. Im Krankenhaus (deutschlandtypisch ohne WLAN, also mit mobilem Datenverbrauch, man gönnt sich ja sonst nix mehr) begann ich zu spielen. Inzwischen bin ich durchaus semi-süchtig. Ich baue mein Orchid-Island aus. Das Spiel heißt June´s Journey. Nichts beruhigt mich derzeit mehr, als auf meiner Insel mein Eisenbahnsystem zu erweitern, Pflanzen zu setzen und Gebäude zu planen. 

 

Deshalb mache ich auch hier Schluss und wünsche mit June und Amelia:




Mittwoch, 28. Oktober 2020

Verletzte Gefühle und ein toter Imam auf der Straße (Fiktion)

Stellt Euch mal vor:

Ideologisch verhetzt in meinem Unglauben ermorde ich auch offener Straße einen muslimischen Imam. Denn seit langem fühle ich mich durch die bösartigen Predigten in Moscheen gegen Ungläubige wie mich beleidigt und zutiefst in meinem Unglauben verletzt. Ein Foto des bestialisch von mir zugerichteten Opfers poste ich in den Sozialen Medien. Während die Muslime um den von mir ermordeten Imam trauern, nehmen dagegen überall in der Welt Ungläubige meine Tat zum Anlass, um sich über die Beleidigungen, denen sie seit Jahr und Tag ausgesetzt sind, zu beklagen. "Es ist doch wahr", sagen sie, "gegen uns Ungläubige wird unablässig in den Moscheen gehetzt, dieser rigorose und intolerante Eingottglaube führt dazu, dass unsere Integrität und Zugehörigkeit mal um mal in Frage gestellt wird, wir gesellschaftlich marginalisiert sind, wir im öffentlichen Raum unterpräsentiert bleiben und angefeindet werden. Kein Wunder, dass manche von uns sich radikalisieren." "Selbstverständlich", sagen sie, "distanzieren wir uns von der Gewalt und dem Mord. Aber dennoch beharren wir darauf, dass die Gläubigen in Zukunft auf diese Provokationen verzichten müssen, denn es kann nicht angehen, dass weiterhin Millionen von Menschen jeden Freitag in Moscheen beleidigt werden." Der ermordete Imam ist meinen Gesinnungsfreunden und - freundinnen schließlich schon bald keine weitere Zeile wert. "Das war nicht schön, was die getan hat", sagen die Gemäßigten unter den Ungläubigen, "aber wahr bleibt doch, das wir Ungläubigen uns wehren müssen, wenn unsere tiefsten Überzeugungen, unsere historisch gut begründete Liebe zur Gottesverleugnung und Blasphemie immer und immer wieder öffentlich angegriffen und verächtlich gemacht werden." 


***

Ja, stellt euch das mal vor. 

Und die Frage: Müssen die Ungläubigen sich radikalisieren?


___________________

Dass Ungläubige nicht fiktiv, sondern tatsächlich marginalisiert und stigmatisiert werden, zeigt sich u.a. daran, dass mir spontan keine einzige Staatschefin, kein einziger Staatschef im "säkularen Westen" eingefallen ist, die/der sich offen zu ihrem Unglauben bekennt.

Samstag, 19. September 2020

"Einem Dreck sein Dreck" (Wort-Schatz 23) (Wut-Rede)

"ich schlüg dich schier zwischen die orn 
das du furpas dein maul hieltst uber ein dreck mit dem gesicht auf den dreck fielst."
Fastnachtssp. 


Dreck macht böse. Mich mindestens macht der Dreck immer böser. Der Dreck befördert in mir die Gewaltphantasien. Ein Gang durch die dreckige Stadt entfesselt in mir die Menschenhasserin. Wie der Dreck auf der Straße liegt und der Wind den Dreck um die Gassen fegt und die Füße über den Dreck stolpern alle Schritt lang, breitet sich in mir von unten aufsteigend über die Knie und den Rumpf bis zur Schädeldecke hin eine düstere rote, dreckige Wutwolke aus, einem Feuersturm gleich, mit dem die Nachbarschaft, das Viertel, die Stadt, die Region im wilden Brand verschlungen werden könnte samt dieser Brut dreckiger Drecksäcke, die ihre Kippen aus den Autofenstern schnalzen und ihre Pizzakartons in die Vorgärten werfen und ihre vollgerotzten Masken in die Ecken pfeffern. 

"Sie kommen nicht mehr nach mit dem Reinigen.", sagt der Morel und verschärft mit dieser vernunftbetonten Einlassung noch meinen Hass. Denn "sie", damit meint er die von meinen Steuergeldern mitbezahlten Straßenreinigungskräfte und die Verwaltung, die ihre Einsätze lenkt und steuert. "Sie" also, unterstelle ich flugs dem Morel, hält er für die Schuldigen, während ich in Grund und Boden, also in den Dreck, stampfen möchte die Dreckschweine, die ihren verdammten Dreck in den öffentlichen Raum entsorgen. "Nein", sage ich, "sie sollen keineswegs mehr reinigen oder öfter. Stattdessen", sage ich, "soll es Strafen geben, so hart, dass das Drecksvolk sich vor Schiss die Hosen voll macht." Oder, denke ich, sie sollen im Dreck versinken, die Dreckbatze. 

Das ist alles nicht gut. Dieser tiefe Groll, den ich empfinde. Wie der mich verdirbt. Und selber dreckig macht. Dem Dreck, der sich in den Städten ausbreitet, und mir unter die Haut geht, kann ich nur noch entkommen, indem ich mich zurückziehe. Indem ich also drinnen bleibe. Wenn das so weitergeht, werde ich mich a-sozialisieren. Um keine Menschenverächterin zu werden. Das ist auch nicht gut. 

Ich muss mir das mal aus dem System schreiben. Es macht was mit Menschen wie mir, wenn der öffentliche Raum zunehmend verdreckt. Es sorgt dafür, dass ich mich weniger und weniger um "die anderen" sorge. Denn obwohl ich weiß, dass "die anderen" nicht "alle" sind und wahrscheinlich nicht einmal die meisten, nimmt mein Körper, während er durch den Dreck watet, es anders wahr. Mein Körper empfindet Ekel. Und dieser Ekel überträgt sich auf diejenigen, die den Dreck produzieren. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Dreck wird meiner Erfahrung nach keineswegs überwiegend von denen produziert, die als unterprivilegiert gelten. Da bietet fast jede beliebige Autobahnraststätte hinreichend Anschauungsmaterial, um diese These zu widerlegen. Der Dreck ist ein Produkt von Narzissmus und Rücksichtslosigkeit in einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft.

Ich verachte jene, die darüber sinnieren, dass man "ein Bewusstsein für die Müllsituation" schaffen solle durch erzieherische Appelle oder die lustig bedruckte Mülltonnen im Abstand von 2m aufstellen, damit die Dreckmacher ihren Drecksarsch bloß nicht zu weit bewegen müssen, fast noch mehr als die Drecksäue. Deren Hybris, dass der Bosheit und Gedankenlosigkeit des Abschaums bloß mehr "Aufmerksamkeit" ihrerseits zuteil werden müsse, damit sich seine Einstellung ändere, ist nicht nur naiv, sondern auch widerlich selbstbezüglich und überheblich. 

Die Dreckmacher machen soviel Dreck, weil es bequem ist. Man muss es unbequem machen. Und dreckig. 

Wahrscheinlich muss es erst noch ein bisschen schlimmer werden, bevor es besser wird. 

Wie bei so vielem. 

Bis dann:

"und acht sie für ein dreck."




Samstag, 22. August 2020

CORONA-POST: Blanke Wut

In der Lehranstalt gibt es den ersten Corona-Fall. Wen wundert´s? Dieser eine scheint noch eingrenzbar. 

Aber lange wird das nicht gehen. Gut, meine ich. Es geht eigentlich gar nicht. Aber wird halt gemacht. 

Am Ende wird gezählt werden müssen, wie viele Personen sich in Schulen in Hessen angesteckt haben, wie viele davon schwer erkrankt sind und wie viele gestorben. 

Die Klassenräume sind voll: 25, 27, 30 Schülerinnen und Schüler + Lehrkraft. Abstand durchschnittlich von mir gemessen: 40 cm.  Pulte werden notdürftig auseinander geschoben, wenn es irgend möglich ist, oft ist es das nicht. Maskenpflicht besteht nicht im Klassenraum. Plexiglastrennwände gibt es nicht. Von Klimaanlagen, Raumbefeuchtern etc. ganz zu schweigen. Wozu denn auch, man muss ja die Lufthansa und die TUI retten, gelle?

Streng getrennte Gruppen? Fehlanzeige. Das Kurssystem in der Oberstufe läuft "nach Plan". 

Schulleitungen in Nachbarstädten ordnen teilweise auf eigene Faust Maskenpflicht im Unterricht an, der Minister verkündet im Interview, das sei nicht rechtsfest und allenfalls freiwillig möglich. Meine Prophezeiung: Spätestens übernächste Woche wird er sie selbst verpflichtend für ganz Hessen anordnen. 

Das Land hat inzwischen den Hygieneplan 5.0 veröffentlicht. Schwerpunkt: Desinfektionsmittel, Seife, Papierhandtücher. Hände waschen. Allerdings: Schmierinfektionen spielen bekanntlich keine so große Rolle bei der Übertragung. Außerdem gibt es Handreichungen für den Distanzunterricht. Auf Videokonferenzen soll nur sparsam zurückgegriffen werden. Auf jeden Fall sind sie immer freiwillig. Es wird also keinen verbindlichen Stundenplan für Fernunterricht geben können. Im Grunde wird es keinen "Unterricht" (Austausch im Gespräch, Live-Vermittlung von Inhalten durch die Lehrkraft) geben, außer einzelne Lehrkräfte legen sich besonders ins Zeug und ein bisschen über die Vorgaben hinweg. Außerdem verweist man auf den Schulserver und YouTube-Videos, die Schülerinnen und Schüler sich mal zu Hause ansehen können. "Flipped Classroom", nur ohne Classroom. In der Hauptsache setzt man weiter auf Material- und Aufgabenversand über Plattformen und per Email. Lehrkräfte sollen Schüler_innen vor allem antelefonieren und "individuell" beraten. Die meisten Lehrkräfte unterrichten zwischen 70 und 120 Schülerinnen und Schüler. Wenn einzelne Gruppen in Quarantäne gehen, muss der übrige Unterricht weiterhin nach Stundenplan gehalten werden, vorbereitet und nachbereitet. Die Lehrkräfte können ja vielleicht spätabends oder nachts telefonieren. Das wird aber wahrscheinlich nur bedingt erfreuen. 

Endgeräte für bedürftige Schülerinnen und Schüler haben sich auch in der vergangenen 6 Wochen nicht materialisiert, sondern bleiben luftige Versprechungen.

Ich nehme an, im Kultusministerium wurden Überstunden gemacht. Viel Text wurde verfasst, kontrovers diskutiert, an Formulierungen gefeilt, an Jurist_innen zum Redigieren überstellt, nachverbessert und versandt. Ist doch schön. 

Es wird auch sicher wieder ein dolles Lehrer-Bashing geben.

Ich beachte die Vorschriften. 

Ansonsten:

In diesem Land ist Bildung immer sonntags in pastoralen Reden wichtig und montags scheißt ihr gemeinschaftlich drauf und lasst uns seit Jahren in verrotteten Gebäuden, schlechtester Akustik und üblem Raumklima immer mehr und mehr und mehr Aufgaben erledigen, deren sich der Rest der Gesellschaft, nämlich ihr, elegant entledigen will. 

Vielleicht entledigt ihr euch ja nun auch eines Teils des "faulen" Lehrpersonals. Mal schauen. 

Montag, 20. Juli 2020

Ein Strandleben ohne Strandkorb ist möglich, aber sinnlos. Zurück aus der Sommerfrische

Wieder zurück aus der Sommerfrische!



Nirgendwo könnte ich mich besser erholen als in "unserer" Gartenlaube in Kühlungsborn/Arendsee, bei den täglichen Spaziergängen am Strand und der Lektüre langer Texte im Strandkorb. Manchen ist es zu kalt an Nord- oder Ostsee. Gut, dass die nächstes Jahr hoffentlich wieder sonstwohin fahren/fliegen können, wo sie in der Sonne braten sollen. Ich dagegen liebe es, wenn die Temperaturen nicht über 25 Grad steigen, ein Bad im Meer keinem Badewannengefühl entspricht, sondern wirklich erfrischend ist und ringsum kein mediterraner Lärm tobt, sondern diese norddeutsche Unterkühltheit, für die Distanz kein neues Muss der Corona-Zeit ist, sondern selbstverständlich. Am Strand war es - anders als in der Presse behauptet - nicht überfüllt; Abstand wurde gewahrt; Müll ordentlich entsorgt und Familien wirkten nicht dysfunktional, sondern zugewandt und entspannt. Normies (vulgo: Spießer) on tour. Genau die Umgebung, in der ich mich wohl fühle, 

Aus dem heimatlichen Hessen-Land erreichten uns dagegen beunruhigende Nachrichten. Underperformer Beuth, hiesiger Innenminister, musste endlich eingestehen, was Insider längst wissen: Die hessische Polizei hat ein Rechtsextremismus-Problem. Eine gute Regierung, ein guter Innenminister hätte längst aufgeräumt, auch um diejenigen Polizistinnen und Polizisten zu schützen, die durch diese miesen und kriminellen "Kolleg_innen" gefährdet sind, nicht nur bezogen auf das Image. In einem Mafia-Milieu können anständige Menschen nämlich nicht anständig arbeiten. Stattdessen versuchte Beuth erneut, die Präsidentin des LKA, Sabine Thurau, zu mobben. Der Fisch stinkt vom Kopf her: Die hessische CDU und deren Ministerpräsident Bouffier geben sich - zusammen mit ihrem Koalitionspartner Bündnis90/Die Grünen - ein moderates Image. Gebrochen mit dem rechtsnationalen "Flügel" in den eigenen Reihen, vom ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch ("Wo kann man gegen die Ausländer unterschreiben?"-Wahlkampf 1998/99) über Martin Hohmann (jetzt AfD) bis zum jetzigen MdB Hans-Jürgen Irmer, haben sie nie. Bouffier hat da immer mitgemischt. Seine CDU ist die CDU der Steuerfahnder-Affäre wie der Thurau-Affäre, der Vertuschung rund um den Verfassungsschutzmann Temme im Zuge der NSU-Ermittlungen etc.ppp. geblieben. Und die Bündnis-Grünen haben drüber weggesehen. Rechtsstaatlichkeit schien weniger wichtig als ein wenig Umweltschutz hier und da. (Dieses Tauschsystem befürworten ja nicht wenige: Für "die gute Sache" muss man über den Rechtsbruch manchesmal hinwegsehen, Ende Gelände, gelle? Nur das dem einen oder der anderen die Sache der hessischen Grünen halt noch längst nicht "gut genug" ist.)

Und auf dem Frankfurter Opernplatz haben zunächst "friedlich Feiernde" am letzten Wochenende überraschenderweise (Scherz beiseite!) trotz eifrig aufgestellter Mülltonnen und Pissoirs gründlich Randale gemacht und Polizistinnen und Polizisten unter Gejohle angegriffen. Letztlich interessiert´s mich in meiner privilegierten Position einen Scheißdreck, was für sozioökonomische Faktoren zu dieser Brutalisierung und Vandalisierung beitragen mögen. Ich erkenne messerscharf: Ein Ausgangsverbot für Jungmänner (17-25 Jahre) ohne weibliche Begleitung plus Alkoholkonsumverbot im öffentlichen Raum löste das Problem wahrscheinlich umgehend. Es ist eben wie vor den Discos - man kann noch so viel über die Einlasskontrollen meckern: Wenn zu viele unbegleitete junge Männer in Gruppen eingelassen werden, gibt's Stunk. Wie überall, wo zu viele unbegleitete junge Männer sich rumtreiben. Alle Frauen wissen das, aus Erfahrung. Jetzt müsste man nur noch Verordnungen daraus ableiten. (Na, das gäbe ein Geschrei!)

Mir geht's gold. Nicht noch, sondern echt. Letztes Jahr habe ich Walter Kempowski gelesen in der Sommerfrische, dieses Jahr Hilary Mantels letzten Band der Trilogie über Thomas Cromwell "The mirror and the light" und Kurzgeschichten von Maeve Brennan sowie eine Biographie über sie. Darüber schreibe ich vielleicht noch. 

Als "Mama" bin ich jetzt offiziell im Ruhestand (oder darf es mir mal kurz einbilden) und super stolz. Die Söhne haben ihre Ausbildungen abgeschlossen. In diesem Blog spielten sie lange als "Amazing" und "Mastermind" mit. Seit sie nicht mehr bei uns wohnen, habe ich sie seltener erwähnt. Sie sind jetzt 26 bzw. 24 Jahre alt. Als ich begann im Blog zu schreiben, waren sie 16 und 14. Der "Amazing" hat sein 2. Staatsexamen in Jura bestanden ("mit Prädikat" - der Zusatz muss sein, weil das in Jura sozusagen der Goldstandard ist). Zukünftig sorgt er dafür, dass alle brav Steuern zahlen. Der "Mastermind" ist jetzt Master of Science in Psychologie und tritt im Herbst eine Stelle an der Universität Wien an. 

Es bleibt spannend. 


Freitag, 10. Juli 2020

Auf der Höhe des Diskurses?: Yagoobifarah, PoC, ´Kopftuchmädchen´

Frage ich mal, dachte ich, die "Betroffenen". Das ist ja ein Privileg, wenn man "Betroffene" kennt und fragen kann, statt über ihre Betroffenheit bloß zu räsonieren. Es passte auch ganz gut, weil wir schon in anderen Zusammenhängen über die literarische Form der Satire uns auseinandergesetzt hatten und andererseits das Thema "Alltagsrassismus" den jungen Leuten, um eigener Erfahrungen willen und noch einmal heftiger wegen der Attentate in Hanau, auf der Seele brannte (Zur Erinnerung: Ich unterrichte an einer beruflichen Schule in Hanau.) Dabei war auch schon zur Sprache gekommen, wie oft Polizeigewalt als rassistisch wahrgenommen wird und wie wenig der Polizei (in Hessen) aus Gründen zu trauen ist. 

"Es ist einfach schon zuviel passiert", sagt R., "soviel, dass es eben dann mal zur Explosion kommt." Und A. berichtet, wie es auf Snapshot und Instagram in bestimmten Gruppen einen Überbietungswettbewerb gibt für Videos, in denen Polizist_innen angegriffen oder beleidigt werden. "Nicht, dass ich das gut finde." B. wirft ein, dass man aber unterscheiden müsse, zwischen rassistischer Polizeigewalt und "gerechtfertigter Polizeigewalt", die es ja auch gebe. Und nicht jede/r, den/die Polizeigewalt treffe, sei unschuldig daran. Polizist_innen würden bespuckt und beleidigt und angegriffen, das habe er selbst schon erlebt. Das sei auch schwer für die, dann immer ruhig zu bleiben. D. bekennt, dass sie sich bei der Polizei bewerben möchte. Die anderen finden das toll. Das halten sie nicht für einen Widerspruch zu dem, was sie vorher gesagt haben.

Ich zeige ihnen den Text von Hengameh Yagoobifarah in der taz mit dem Titel "All cops are berufsunfähig". Sie finden den unisono "krass". "Voll beleidigend". "Nicht in Ordnung". "Geht gar nicht." "Es sind nicht alle Polizisten Nazis." Es gibt keine unterschiedlichen Meinungen dazu im Raum. Keine/r verteidigt den Text. Obwohl sie vorher so ausführlich über Rassismuserfahrungen, auch durch die Polizei, gesprochen hatten. Ich berichte, dass der Bundesinnenminister erwägt, Strafanzeige gegen Hengameh Yagoobifarah (Hier gibt es einen kleinen Seitendiskurs zu Gendern, weil ich zunächst "die Autorin" sage, mich dann korrigiere, wir einigen uns darauf, von "der Person" zu sprechen) zu erstatten. Mein Deutschkurs (Altersmittel: 17) ist rechtssicherer als der Bundesinnenminister: "Das wird nix. Darf man sagen, sowas." "Ist Satire." "Beleidigend, aber erlaubt." "Blöd, aber nicht verboten."

Jemand hat Hengameh Yagoobifarah gegoogelt (Handynutzung ist erlaubt in diesen Corona-Zeiten :-)).  Wir kommen auf den Begriff "PoC". "Was ist das?" "People of Color". Niemand kennt den Begriff. Ich sage ihnen, dass die meisten von ihnen mit diesem Begriff gemeint sind. 
Wikipedia definiert: "beschreib(t) jene Individuen und Gruppen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und die die „gemeinsame, in vielen Variationen auftretende und ungleich erlebte Erfahrung [teilen], aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen der weißen Dominanzgesellschaft als ‚anders‘ und ‚unzugehörig‘ definiert [zu] werden.“ 

R. findet den Begriff nicht passend. Sie will nicht PoC sein, sagt sie. "Warum nicht?", frage ich. "Weil ich mich nicht durch meine angebliche Nichtzugehörigkeit definieren lassen will." "Alle, die Nicht-Weiß sind?", fragt S. "Meine Eltern sind ja aus Russland." "Dann gehörst du dazu", sagt R. "Aber ich bin doch weiß." M. ist auch verunsichert. "Und wir Albaner?" "Gehören alle dazu." "Nur die Deutschen nicht." "Gibt's hier ´echte´ Deutsche?" Man schaut sich um. "Du." B. grinst. "Das ist ja der Mist", sagt R. "Ich bin hier geboren." "Echte Deutsche gibt's nicht." "Wir sind ja alle anders." 

Von hier bewegt sich der Diskurs zum Thema "Deutschland". Dass "Deutschland" eigentlich ganz ok. ist. "Vor allem das Grundgesetz." "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ich will noch mal auf Alltagsrassismus zurückkommen. Das kommt mir jetzt zu idyllisch vor. Aber die sind schon weiter: Dass doch vieles so mühsam ist. Nicht nur der Alltagsrassismus. "Mein Vater", sagt R. "fand ja, dass ´Kopftuchmädchen´ nichts auf K-Pop-Konzerten zu suchen haben. Als ich gehen wollte. Und ich hab´ das akzeptiert. Aber meine Schwester, die lässt er jetzt gehen." Eigentlich will ich nochmal bei ´Kopftuchmädchen´ einhaken, aber jetzt dreht sich die Diskussion um die Privilegien der jüngeren Geschwister. Wird aus allen möglichen Kontexten bestätigt, wie viel leichter die es haben, nicht nur im Hinblick auf K-Pop. 

Ich fasse zusammen: Schon vorher wusste ich, dass mein Deutsch-Kurs durchschnittlich und insgesamt klüger und verfassungstreuer ist als der gegenwärtige Bundesinnenminister. Satire darf alles, kann aber blöd sein. K-Pop ist in und politisiert (siehe hier:), auch selbstbezeichnende ´Kopftuchmädchen´, woran sich nicht nur deren Väter gewöhnen müssen.