Montag, 16. September 2019

BLOCKFARBE. GIFTGRÜNROT. Ein Traumbild. "Kennst du die Vetterliwirtschaft?"

"Wildwurf. Korsofliegen. Autoscooter." "Das ist der Volksfest-Alptraum."

"Mir träumte", sag´ ich, "ich trüge ein T-Shirt mit der Aufschrift

- Es gibt viele Götter oder keinen
auf keinen Fall gibt's einen. -

träumte ich also und ging damit über die Wasen." "Du lügst wie gedruckt. Du warst noch nie auf den Wasen." "Und das bleibt auch so. Im Traum aber", fahr ich fort, "gab das mächtig Ärger mit dem T-Shirt, denn ich hüllte mein Haar außerdem in eine Israel-Flagge." "Ach, komm. Das ist dermaßen konstruiert."

Ich kichere. Er hat ja recht. Niemals nicht verhülle ich mein Haar unter einer Flagge. Höchstens nehm´ ich eine Badekappe. (Ist das ein Knittelvers?) "Leider", provozier´ ich weiter, "traf ich auch Grönemeyer." "Geh." "Der raunte mir ins Ohr, ehrlich." "Ich sagte ihm, dass ich eine Diktatur bevorzuge, in der seine Lieder nur ganz leise gespielt werden dürfen." Jetzt musst du auch lachen, gelt? (In Wahrheit, wenn ich nicht träume, strebe ich eher eine Diktatur an, die Balkanpop verbietet, auch leisen. Hehe.)

"Außerdem", sag´ ich, "stieg ich, nachdem ich eine Runde Riesenrad gefahren war, in meinen rotglänzenden Lamborghini und brauste davon. Wie der Wind sich so in meinem Haar fing, brauste mir auch das Herz wie dem Werther auf den Wiesen bei Wetzlar." Du rollst die Augen jetzt, wegen der bemühten Alliterationen und so. Versteh´ ich ja - aber ich träume nicht so oft, kaum je kann ich mich daran erinnern und Alpträume, also Alpträume hab´ ich allerhöchstens alle 2 Jahre. Drum. Drum muss ich das jetzt erzählen. Holterdiepolter. "Sei mir gut. Es ist ja bloß..."

"Kennst Du die Vetterliwirtschaft?" "Jetzt brems dich mal ein." "Außerdem sah ich,", sprech´ ich unbeirrt weiter, "eine Krabbe, die Sex mit einem Roboter hatte." "Auf der Wasen?" "Kann sein." Immerhin wirst du jetzt zugeben, dass das ein Alptraum war. Aber hallo. Grönemeyer, Krabbe, Wasen, Werther. "Und was war mit den schönen Frauen? Und den Dirndln?" "Da waren keine Frauen, außer mir, mit meiner Flagge auf dem Kopf und dem lustigen Rundhals-T-Shirt." "Farbe?" "Rot. Natürlich Rot. Dazu trug ich meine giftgrüne Handtasche. Der Farbkontrast war gut. Auch mit der Flagge dazu. Blocking, heißt das, glaube ich, in der Modesprache." "Wer war denn da, auf der Wasen?" "Bloß bärtige Männer in Lederhosen und Jankerl mit schiitischen Turbanen." "Du bist so eine Effekthascherin." "Es war halt ein Alptraum." "Auf der Alb". "Schleich dich." 

Es ist mal wieder so weit. Wir nehmen uns das übel. Meine Träume. Und die ganzen Phobien, die sich da offenbaren. "Ich geb's ja zu, dass ich keine Menschenfreundin bin, aber ich schneide auch Katzen keine Schwänze ab, obwohl ich sie nicht leiden kann, ehrlich." "Und Hunde?" "Da waren keine Hunde." "Aber Katzen?" "Ich sag´ doch, es war ein Alptraum." Du überlegst. Und grinst. "Schön." 

Später wirst du mich nochmal darauf hinweisen, was für ein Glück ich hab´, dass ich nicht analysiert werde. Und meine Träume. Worauf das hinausläuft. Bei mir. Das will man ja auch nicht so genau wissen. 

"Ein richtiger Alptraum war's ja auch nicht, weil keine schwarze Null drin vorkam. Und keine schwarzen Vogelfrauen. Und keine braunen Hemden. So gesehen."

"Unterleibskäfer. Bleitreugewitter. Autozubehörlieferantin." "Ne."

Mittwoch, 7. August 2019

SOMMERFRISCHE. Konservierend.

Schaufenster in Lüneburg. Anreise.
Sommer  2019
Der Entschluss zur Sommerfrische. Keine Experimente mehr, keine unbekannten Destinationen. Im Sommer immer am selben Ort. Wohnen im Garten, in der Laube. 300m zum Strand hinunter. Den Strandkorb gleich für die ganze Zeit mieten, auch wenn das kaum was spart gegenüber den Tagespreisen. Wichtig ist: Routinen ausbilden. Diese ganzen Üblichkeiten (in memoriam Odo Marquard), die Verhandlungen überflüssig machen. Ein altes Paar sein, das sich nicht mehr alles sagen muss. (Wir reden trotzdem ziemlich viel.)

Wieder dieses Wohlbehagen angesichts des Mangels an Diversität. Alles sauber, wie mein Vater sagen würde. Kinder bringen ungefragt ihren Müll zum Mülleimer. Bälle fliegen nicht in die Strandkörbe der Nachbarn. Man entschuldigt sich höflich, wenn doch mal einer vor die Füße rollt. Väter bauen ehrgeizig Strandburgen. Mütter schleppen große Kühltaschen. Normfamilien, wo man hinschaut. Es wird auch viel gelesen. Taschenbücher, wg. Sand. Viel weniger BILD-Zeitung als in früheren Jahren. Kaum elektronisches Spielzeug. Trotzdem kein Gemaule von den Teenagern. Nirgendwo Ghetto-Blaster. Wirklich, nirgendwo. Dem Rauschen der Wellen macht niemand Konkurrenz. Nur die Möwen sind garstig. Räuber! Der Spiegel titelt mit MAD Boris. Das Bild gefällt mir. Ansonsten hat Annette Dittert schon vor einem Jahr alles gesagt, was es zu dem zu sagen gibt. 

Wohnen im Garten. Weißtdunoch. Gartenlaube.
Fast schon zuviel Idylle.
Die Ostsee wie eine Badewanne. 20 Grad. Flach. Wie schön, als es eines Tages doch ein bisschen windet. Morel spricht von Sturm. Das ist maßlos übertrieben. Ich checke doch mal bei Twitter. Ist wie immer: Zeitgemäße Angeber brüsten sich mit der Unverschämtheit, Unbeherrschtheit und Unhöflichkeit von Kind 1, 2 oder 3. Und irgendwo läuft immer auch ein netter, kleiner Shitstorm. Ich denke darüber nach, meinen Account stillzulegen. Die Schnittmenge zwischen Twitterern und Sommerfrischlern ist verschwindend gering. Wer twittert, braucht interessantere Reiseziele. 

Weiße, alte Männer gelesen. Galsworthy: Forsyte-Saga. Und: Forsyte-Chronicles. Gigantisch. Ich kannte ja nur (z.T. zuerst durch die Verfilmungen) den ersten Band. Dabei hat der Mann weiter geschrieben bis fast zu seinem Tod (1933). Interessant, diese Zeitbilder von einem, der nicht wissen konnte, was kommt. Politische Debatten wie heute: Englischer Nationalismus. Die „soziale Frage“. Eine Oberschicht, die Haltung hat, aber keine Ahnung. (Heute fehlt ihr sogar die Haltung, siehe oben, siehe Boris). Eine Figur wie Soames Forsyte. Ein Vergewaltiger in der Ehe. Aber eben auch: ein verzweifelt Liebender, später dann seiner verwöhnten Tochter Fleur. („A modern Comedy“; spielt in den 2oer Jahren des 20. Jahrhunderts). Meine Lieblingsfigur: deren Ehemann Michael Mont, konservativer Abgeordneter im Parlament, Anhänger einer verqueren Ideologie, des „Foggartism“. Morel sagt, dass eine Galsworthy nachgebildete Figur auch in den Romanen von Anthony Powell eine Rolle spielt, die er wieder weiterliest (siehe: hier). Als ein Vertreter überkommener Welt- und Literaturansichten. 

Auf der Suche nach denen, den Überkommenen, den Konservierern (weil „konservativ“ ja inzwischen, fehlerhafter Weise, ein Synonym für „rechts“ geworden ist) scheine ich gegenwärtig zu sein. Eine Rückwendung nach vorn. Weil der gegenwartsbezogene Empörungswettlauf mich nur noch abstößt, geradezu körperlich. („Die schärfsten Kritiker des Kapitalismus kaufen beim Ökoversandhandel.“) Ich lese nicht (Belletristik), um mich über „Themen“ zu informieren. Ich lese, weil mir „die Menschen“ fremd sind und ich hoffen darf – lesend - , dass es so bleibt. 



Kempowski-Archiv Rostock
Noch mehr alte weiße Männer: Walter Kempowski. Wegen Rostock und so. Die deutsche Chronik. In der chronologischen Reihenfolge, nicht in der des Erscheinens oder Verfassens. Von „Aus großer Zeit“ bis „Herzlich Willkommen“. Der „schimpfte sich“ liberal und konservativ. Also nicht bunt. Es sind das Erinnerungsbücher in dem Sinne, dass sie die Leser_innen ins Erinnern bringen. Wie das so ist. Was man so sagt. Wie man nicht weiß, was man tut. („Vater unser immer Himmel“.) Wie das so geht, wenn Geschichte „gemacht wird“ (nur nicht von uns). Sprücheklopfer, wir alle. Diese bürgerlichen Hanseaten sind natürlich ganz anders als wir Hessen. Mein Urgroßvater hatte eine Ziegeleifabrik. Und 18 Kinder. Davon haben sogar wir noch profitiert (von der Fabrik). Dass wir alle Erben sind, ohne ein Recht, das Erbe auszuschlagen. Und Familien. Erbengemeinschaften eben, die sich nicht auflösen können. Und wieviel Trost da auch drin steckt. Trotz und wegen all der Verletzungen. Familienredeweisen: „Tadellöser“. „Gutmannsdörfer.“ Ich sag immer: „Nix als Ärger.“ Die Jungs nenn´ ich „Zwickel“, manchmal. Hessen loben nicht gern: „Man kann´s essen.“ „Do ko ma nix da geche sache.“ (Als habe man stundenlang nach einem Tadel gesucht.) Was mein Vater für Sprüche drauf hat: „Da glaubt jeder, er hätt den Marschallstab im Tornister.“ „Du weißt, wo der Maurer das Loch gelassen hat.“ Das Letzte gefällt dem Mastermind  besonders gut. „Schleich dich, müdes Besteck.“ Weiß der Herr, wo das herkommt. Ich hatte mir als Kind vorgenommen, dass ich unbedingt auch mal sagen will: „Ruhe auf den billigen Plätzen.“ zu meinen Kindern, wenn ich im bequemen Fernseh-Sessel sitze. Hat geklappt. Und „Ruhe im Karton“ rufen, abends.

In Rostock haben wir das Kempowski-Archiv besucht, klar. Kleines Häuschen im Klosterhof. Idyllisch und irgendwie passend unpassend. Walter Kempowski hat das noch selbst eingerichtet, berichtet die Dame. Kopien seiner Manuskripte in Aktordnern. Familienfotos. So sah die also aus, die Schwester Ulla. Und die Mutter („Wie isses schön.“), hübscher eigentlich als Edda Seipel, deren Bild sich aber immer vor dieses schieben wird, sogar bei Kempowski selbst, wie man in seinen Tagebüchern lesen kann. Von Eberhard Fechner, dem Regisseur der Verfilmung von „Tadellöser und Wolff“ und „Ein Kapitel für sich“ erinnere ich vor allem die Dokumentationen: "La Paloma". Warum werden die eigentlich nie mehr wiederholt? Die Öffentlich-Rechtlichen sitzen auf einem Schatz. (Da müsste man mal was machen. Ein Medienarchiv, gut erschlossen mit Tags und allgemein zugänglich. „Wenn ich im Lotto gewinne…“) Rostock ist nett hergerichtet, kein Vergleich zum Zustand 1990, wie ihn Kempowski bei der ersten Wiedereinreise in die DDR vorfand. Aber die Fußgängerzone jetzt halt wie überall, die bekannten Drogeriemärkte und Modeketten. Wann fing das an, dass alle Innenstädte gleich aussehen? Ich glaube, das war erst ab den 90ern so, auch im Westen. Ich würde ja auch mal nach Nartum fahren, jetzt, nach der Lektüre (bin jetzt bei den Tagebüchern). Mal sehen, ob sich der Morel davon überzeugen lässt. 

Wunderbar erholsam war sie, diese überraschungsfreie Sommerfrische. Keine Neugier auf ausgefallene „Erlebnisse“ (Ha, gegeben Jochen Schweitzer, brauch ich nämlich nicht!). Das hilft vielleicht ja auch gegen die Vielfliegerei, so ein weises Achselzucken, wenn jemand von Tauchabenteuern auf Mauritius oder Spaziergängen im Dschungel von Borneo oder weißen Stränden vor Rio erzählt. „Wir waren in Kühlungsborn, wie jeden Sommer.“ Das bedeutungsvoll betonen, ganz exklusiv und so ein bisschen von oben herab. (Ist ja vulgär, dieses Fernreisen. Aber echt jetzt. Wer macht denn noch sowas?)

Jeden Abend das Gleiche.

PS. Ich habe übrigens nicht nur alte, weiße Männer gelesen. ´türlich. Auch alte weiße Frauen. Entdeckungen gemacht: Elizabeth Jane Howard und Gabriele Effinger. Davon demnächst. 

Freitag, 7. Juni 2019

ES WIRD TEUER UND UNSOZIAL. FridaysForFuture - Forderungen kritisch betrachtet

Dies sind die konkreten Forderungen der „FridaysForFuture“-Bewegung, die bis Ende 2019 (!) umgesetzt sein sollen (1):

1.    "Das Ende der Subventionen für fossile Energieträger
2.    1/4 der Kohlekraft abschalten
3    Eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen. Der Preis für den Ausstoß vonTreibhausgasen muss schnell so hoch werden wie die Kosten, die dadurch uns und zukünftigen Generationen entstehen. Laut UBA sind das 180€ pro Tonne CO2."

Ich teile diese Forderungen im Prinzip. Auch, weil ich mir deren Umsetzung leisten kann, ohne meinen Lebensstil wesentlich zu ändern. Das gilt aber eben nicht für alle. Und darüber müssten wir reden, statt – wie ich finde – uns an den bunten Bildern einer sympathischen Jugendbewegung zu berauschen. 

Schauen wir uns diese Forderungen genauer an: 

1.   Subventionen für fossile Energieträger (2)

Greenpeace identifiziert z.B. 38 Subventionen des deutschen Staates, die unmittelbar fossile Energieträger begünstigen und geht dabei von mehr als 46,2 Milliarden Euro aus. Am bedeutsamsten erscheinen hierbei die Subventionen für den Sektor Verkehr
- Energiesteuervergünstigung für Diesel
- Energiesteuerbefreiung für Kerosin (Flugverkehr)
- Mehrwertsteuerbefreiung für internationale Flüge
- Steuervorteile für den Gebrauch von Dienstwagen

Im Sektor Energie sorgen die Subventionen laut Greenpeace vor allem für einen niedrigen Preis beim Endverbrauer, so dass dieser mehr Energie verbrauchen kann. Das betrifft sowohl Gewerbe als auch Haushalte. 
                                                                                                                                  
Direkte Produktsubventionengibt es für die fossile Rohstoffgewinnung im Kohlebergbau. Die Absatzbeihilfen hierfür sind jedoch schon 2018 ausgelaufen. 


2.   ¼ der Kohlekraft abschalten

Hierzu gibt es von verschiedenen Fachleuten unterschiedliche Aussagen, was die Versorgungssicherheit mit Strom angeht. Problematisch erscheint in jedem Fall, dass die Nord-Süd-Stromtrassen, die notwendig wären, um mehr Windkraftstrom vom Norden in den Süden zu bringen, wo er gebraucht wird, nicht recht vorankommen, auch weil es regional dagegen viel Widerstand gibt. Gleichzeitig werden sukzessive Atomkraftwerke abgeschaltet, worüber in Deutschland ein breiter gesellschaftlicher Konsens herrscht. In jedem Fall würde bei einer Umsetzung dieses Vorschlags, selbst dann, wenn die Versorgungssicherheit (eventuell durch weiteren Import von Atomstrom oder sogar Kohlestrom aus dem Ausland?) gewährleistet werden könnte, der Strompreis deutlich steigen müssen. 


3.   Steuer auf alle Treibhausgasemissionen (180 € pro Tonne CO2)

Ein paar Beispiele:
2400 km im VW-Golf                                  382,0 kg
Telefonflatrate pro Monat                             89,6 kg
10 Packungen Toilettenpapier                     25,0 kg
Heizung pro Jahr (Durchschnitt)              3285,0 kg
250g Rindfleisch einmal pro Woche          175,0 kg
Flug Düsseldorf - Mallorca    (p.P.)             750,0 kg
Flug Düsseldorf – New York (p.P.)            3650,0 kg

 1 Tonne = 1000 kg

Durchschnittlich werden pro Person in Deutschland ca. 9,7 Tonnen CO2 jährlich ausgestoßen. 

Was passiert, wenn die FridaysForFuture-Forderungen umgesetzt werden:

Fliegen wird wesentlich teurer: Fernflüge unter 1500 €, innereuropäische Flüge unter 500 € wird es nicht mehr geben. 

Fleischkonsum wird sich ebenfalls merklich verteuern. 

Dasselbe gilt für die Strom- und  Heizungskosten sowie für  Benzin/Diesel-Kraftstoff. 

Teurer wird Mobilität, besonders für jene, die (viel) fliegen, aber auch für alle Autofahrer_innen, d. h. insbesondere für die ländliche Bevölkerung und zusätzlich für all jene, die ältere Autos fahren, die noch besonders viel Sprit verbrauchen. Außerdem werden wahrscheinlich auch weniger neue Wagen zugelassen, da deutlich mehr als 50% der neuzugelassenen Wagen Dienstwagen sind. 

Teurer wird vor allem auch wohnen. Der Aufschlag auf die Heizkosten betrüge pro Haushalt ca. 600 € im Jahr. Hinzu kommen deutlich steigende Stromkosten. Besonders betroffen wären schlecht isolierte Wohnungen mit veralteten Heizungen. Dies trifft vor allem wieder ärmere Bevölkerungsschichten.

                                   ***

Für mich persönlich könnte ich zwar sagen: Macht das mal! Ich fliege (fast) nie (zuletzt vor einigen Jahren). Ich fahre ein kleines Auto und das weniger als 3000 km im Jahr und meinen wöchentlichen Fleischkonsum kann ich mir ebenso weiter leisten, wie eine warme Wohnung und ein heißes Bad.

Aber ich finde es  wichtig, dass niemand FridaysForFuture einfach aus Feelgood-Gründen unterstützt, ohne sich Rechenschaft abzulegen, was er/sie damit verlangt: Mietnebenkosten würden erstmal brutal steigen in 2020, Fleischkonsum müssten alle, außer den überdurchschnittlich Verdienenden, auf einmal die Woche reduzieren, Fliegen fiele für Menschen mit Normaleinkommen komplett flach (insbesondere für Familien, da mehrere Flüge aus einem oder zwei Einkommen nicht mehr zu bezahlen wären). Wer ein altes Auto fährt, ließe es am besten gleich stehen. Falls sie/er es zum Pendeln braucht und sich kein neues leisten kann, müssten monatliche Einsparmöglichkeiten an anderer Stelle gefunden werden.

Man kann jetzt einwenden: Dann müssen die 46,2 Milliarden plus CO2-Steuereinnahmen eben umgeschichtet werden. Aber das ist gar nicht so einfach, wie es aussieht. Subventioniert man direkt den Verbrauch von Normal- und Geringverdienern (Median-Einkommen in Deutschland brutto ca. 3500 €), fällt die Lenkungswirkung weg, die zu einem verminderten CO2-Austausch führen soll. Setzt man auf Investionen (in Nahverkehr, verbesserte Dämmung, energiesparende Geräte etc.), muss man mit einer Verzögerung der Wirkung rechnen: Neue Schienenwege, neue Züge, Radschnellwege etc. pp. müssen erst einmal geplant und dann gebaut werden. Die Maßnahmen sollen, laut FridaysforFuture aber schon 2020 umgesetzt werden. 

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Zur Erinnerung: Ich bin durchaus dafür, diese Forderungen umzusetzen. Aber eben nicht bis Ende 2019. Und ich verabscheue inzwischen wenig mehr, als die selbstgerechte Empörungsmentalität eines wohlsituierten, typischerweise oft protestantisch geprägten Milieus (aus dem auch ein guter Teil der FridaysForFuture-Demonstrierenden kommt), das mit beinahe religiöser Verve Maximalforderungen stellt, sich aber beharrlich weigert, konkret deren Folgen zu benennen, zu erklären und letztlich auch die berechtigte Wut jener auszuhalten, die von der Umsetzung dieser Forderungen in ihrem Alltag am meisten betroffen wären. Denen begegnet man eher mit der Haltung des Hauptmanns in Büchners Woyzeck gegenüber dem armen, ausgebeuteten Soldaten: "Er hat keine Moral." 

Man selbst hat recht und ist gerecht, weil man es sich leisten kann. Wie genau die eigenen Forderungen zeitnah so umgesetzt werden sollen, so dass auch weniger gutsitutierte Milieus sich damit einverstanden erklären könnten, das überlässt man doch lieber mal den verhassten Politiker_innen. Derweil lässt sich viel besser recht allgemein über „Downshifting“ reden oder über den Genuss am wieder entdeckten Selbsteingemachten („wie bei Oma“). Gleichzeitig ist aber klar, dass es nicht die Armen sind, die importierte Avocados kaufen oder nach Quinoa verlangen.

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Die Zeit drängt, sagen die Aktivist_innen. Wir sollen Panik haben. Effekt dieser Panikmache könnte jedoch sein, dass neben einer weiteren Verschärfung sozialer Ungleichheit, demokratische Standards und bürgerliche Freiheiten aufgegeben werden. 

Noch viel schwerer als den hiesigen Minderprivilegierten zu erklären, dass sie auf vieles verzichten sollen, was sich die Bessergestellten in den letzten Jahrzehnten wie selbstverständlich gegönnt haben, wird diese Erklärung gegenüber jenen 97% der Weltbevölkerung sein, die noch niemals geflogen sind, kein Auto haben und von funktionierenden sanitären Anlagen etc. nur träumen können. Kein Wachstum mehr? Das ist für alle diese Menschen keine Option. Und hinzu kommt noch: Ein weitere Zunahme der Weltbevölkerung (wie bisher) wird die Effekte von Einsparungen ohnehin zunichte machen. 

Nichts tun? Selbstverständlich ist das auch keine Option. Aber Maßnahme-Forderungen müssen mit konkreten Umsetzungsplänen verbunden werden. Und wer sich der Realität stellt, wird einsehen müssen, dass eine Erderwärmung um die 2 Grad praktisch ohne brutale Gewalt oder schlimmste soziale Verwerfungen in den Industrieländern und in den Entwicklungsländern nicht mehr zu erreichen ist. Daher ist es verantwortlich, neben Maßnahmen zur Verringerung des CO2-Ausstoßes auch viel mehr darüber nachzudenken, wie mit dessen schon jetzt unvermeidlichen Folgen umgegangen werden soll. 

Deshalb:  Ressourcen aus den „reichen“ Ländern müssen vermehrt in Entwicklungsländer fließen. In die Umsiedlung von Bevölkerungen aus küstennahen Regionen, in dortigen Küstenschutz, wo es möglich ist, in den Ausbau von Infrastruktur und nichtfossiler Energieversorgung dort, in Bildung, auch um die Geburtenraten zu senken. "Unsere" sogenannte Entwicklungshilfe müsste verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht werden; dahin müssten die eingesparten Subventionen zuerst fließen. (4)

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Und um auf den Maßnahmen-Katalog von FridaysForFuture einzugehen: Der Einstieg in diese Maßnahmen muss zeitlich so gestaffelt sein und erfolgen, dass es zuerst und prozentual am meisten diejenigen trifft, die mehr haben: Also Viel- und Fernflieger (Einführung einer speziellen CO2-Steuer auf Flüge), Abschaffung der Dienstwagen-Steuervorteile, eventuell erhöhte Mehrwertsteuer auf Luxusgüter (z.B. Luxusautos), deren Ertrag für Investitionen genutzt wird...


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Quellen:

Samstag, 25. Mai 2019

Wochenende-Rant. That´s not me ?

Wie die seit der Pubertät tiefverwurzelte Distanz zum gemeinen Mitmenschen, auch "Zeitgenoss/in/e" genannt, sich bei mir mit zunehmendem Alter verfestigt, beunruhigt mich schon. Denn es gab ja auch Zeiten, in denen ich mich bemüßigt fühlte, den Kontakt/die Kontakte zu vertiefen, mich zugänglicher zu machen - aber, wie Arya Stark in Game of Thrones in einer beispiellos verhunzten letzten Staffel (zugegeben schon Staffel 7 ließ nicht viel Hoffnung, aber die stirbt ja bekanntlich zuletzt), sagt: "That´s not me." Nämlich: Weltoffen, menschenfreundlich, divers und bunt. No, no, no - that´s not me.

Bloß heute mal, so ein beliebiger Samstag, kleiner Spaziergang durchs Netz: 

Auf dem Mount Everest staut sich die Menschenschlange, groteske Fotografien von bunten Funktionskleidungsträgern im höchsten Gebirg, wartend auf die Selfie-Chance vor blauem Himmel, Bucket-List abgehakt, weiter geht's. Kollateral-Schäden inklusive. Sorry, folks, not sorry.

Oder der Tweet von Boris Johnson zum Abgang von Theresa May (Nein, trotzdem, kein Mitleid hier. Denkt an die Windrush-Briten, denkt an ihre Bus-Kampagnen gegen Migranten! Vergesst nicht immer so schnell, Leute!)

Oder die begeisterten, mittelalten, alten Apologeten (my generation!) der Youtuber um @rezomusic, die ihr wohlfeiles Lob über diese jüngere Generation ausschütten. Freu mich schon auf all die Urlaubsfotos von denen ab Mitte Juni bis Mitte Oktober von herrlichen Destinationen rund um den Globus. Denn abenteuerlich muss das Mittelklasseleben bleiben und verbrauchernah. Letzteres vor allem. Denn wir haben uns als kritische Verbraucher was verdient und wollen das auch multikulturell, weltoffen und bunt ausleben (s.o.). (Merkt auf: Ich kritisiere hier nicht die Jüngeren; denen gestehe ich das Vorrecht auf platitüdenhafte Schlichtheit und versimpelnde Radikalität zu. Wer über 40 ist, sollte aber mal ein bisschen Verantwortung übernehmen, statt sich im Recht zu fühlen. Und sowieso: Gefühle sind  soooo langweilig, meine Lieben! Andererseits: Es können halt nicht alle denken, wie schon die alten Denker/innen wussten. Und deshalb: Schreibt's das Internet voller und bleibt öfter mal zu Hause. Könnt's euch ja da bunt machen. Auch keine Lösung?)

Ich bin alt und böse. Das hat auch seine Vorteile. Man hinterlässt mehr Schrammen, als man sich zuzieht, wenn die Karosserie eh nicht mehr ganz heil ist. Kann eine eher mal Karambolage spielen. Aber die Müdigkeit nimmt halt auch zu. Ich lese übrigens nie Thomas Bernhard. Sondern immer eher menschenfreundliche Texte. Trotz allem. Oder deswegen. "That´s not me." Denn nur die Gefühle der anderen (falls die denken könnten) wären nicht langweilig. (Man beachte den Konjunktiv.) Sich kennt man in meinem Alter ja genug. 

Im Grunde, denke ich dann, wenn ich von oben auf mich herabschaue, von der fleckenfrei weißen Decke, ist es ja so: Ich stör mich an der Ästhetik. Dem Prediger-Ton. Den ausschweifenden Gesten. Den trostlosen Anbauten. Dem schnörkellosen Sound. Den Vierteltönen. Diesen bequemen Hosen. Den Zöpfen. Der witzboldigen Humorlosigkeit (Böhmermann!) Dem stillosen Stil. Kein Spirit, nirgends. 

Von hier geht jetzt nix aus. 

.

Andermal?




Montag, 1. April 2019

In memoriam: Agnès Varda (1928-2019)

Agnes Varda im Deutschen Filmmuseum Frankfurt 

Ihre Filme liebe ich. Immer wieder haben sie mich glücklich gemacht. Zuletzt "Visages. Villages". Sie war auch eine faszinierende Gesprächspartnerin, eine, deren unaufbrauchbare Neugier ansteckend wirkte. Deren feministisches Selbstbewusstsein sich auf die Gewissheit stützen konnte, eine Frau zu sein (ohne *) und  sich von daher für Frauen (ohne *) zu interessieren: "L´un chante. L´lautre pas." (Ihr feministische Love-Friendship-Musical von 1977). Wie für andere. Und anderes. Und für die Freiheit, für die immer ein Preis zu zahlen ist. Auch das hat sie nie verschwiegen, sondern gezeigt: "Vagabond". Wie die Freude an den Beziehungen (und den Schmerz der Enttäuschungen, die unvermeidbar sind, wenn eine sich auf andere einlässt). 

"Der Strand und das Meer." Über Agnès Vardas Film "Les plages de Agnès" (2012)


Merci, Agnès!

Montag, 24. Dezember 2018

Revisited: "Ich küsse mein Leben in dich. Die Marten-Ehen". Version Dezember 2018 Teil 1

Wir dachten öfter an Heilmann im vergangenen Jahr 2018 n. C. Denn Heilmann blieb sterblich, wie wir, obwohl  er die Jahrhunderte durchreiste. Sein Schmerz beim Verlust seines Sohnes...Wir ahnten das damals nur. Heilmann sollte erzählen, stattdessen hatte er sich ausgeschwiegen. In den Rauhnächten, hoffen wir, werden wir die Melusine singen hören - und Heilmann könnte sich melden, erneut, aus dem Süden, vermutlich... 



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PROLOG

Eine Melusine kann nur bedingt über jene Augenblicke zu verfügen, in denen sich ihr Fischschwanz löst und sie auf Füßen steht, an Zeit und Raum indes ist sie nicht gebunden. Wir brauchten also einen Erzählers, um zu übersetzen: wie sie die Jahrhunderte und Kontinente durchstreifte, die Ozeane der Erde ihr Bassin nannte und jenen immer fand und immer verlor, dessen Antlitz ihr in der Tiefe verkündet worden war. 

An dieser Stelle kommt Heilmann ins Spiel. Noch ist er eine blasse Gestalt im verschatteten Eck des Raumes, fast mit der Wand verschwimmend. Wir ahnen nur, dass er zierlich ist, dass er kein Aufsehen erregt und manchmal sehen wir ihn, den so scheinbar Gelassenen, nervös seine Brille putzen. Heilmann weiß. Seine traurigen Augen sind es, denen Melusine folgte. Durch die blaue Tür. Hinter der Heilmann ihr zeigte, wer sie war. Oder zu sein vorgab. Wo das Wissen war, dass sie fürchtete, mit gutem Grund. Es wird nicht leicht sein zu verstehen, was zwischen Heilmann und Melusine geschieht. 

Ich möchte ihr manchmal zurufen: Sei vorsichtig. Doch sie geht einen Weg, der weiter und tiefer als jeder ist, den ich kenne. Sie schreibt mich, nicht ich sie. Und Heilmann, dachte ich zunächst, ist es, der die Feder führt. Aber so stimmt es nicht. Heilmanns Beitrag ist nicht lenkend. Heilmann lässt....Warten wir ab.


FEIER DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT (Abschied vom Fischschwanz)

Es war Monate her, seit Melusine Heilmann zuletzt gesehen hatte. Sie betrat mit der  Prinzessin am Arm die kleine Buchhandlung durch den Seiteneingang, den Heilmann ihr im Februar gezeigt hatte. Hinter einem offenen Holzverschlag öffnete sich vom Trottoir aus uneinsehbar eine Holztür, deren blauer Lack in breiten Placken absplitterte. Den Schlüssel verbarg Heilmann in einem Säckchen mit Reparaturwerkszeug, das an die Klinke gebunden war. Die Prinzessin gelangte auf diesem Weg direkt in die Küche, die Heilmann sich im Hinterzimmer eingerichtet hatte: zwei Kochplatten und eine Kaffeemaschine auf einem wackligen Campingtisch, in der Mitte des Raumes ein klobiger, verkratzter Eichentisch. Heilmann lehnte im Durchgang zur Buchhandlung, den Kopf lauschend zur Seite geneigt, als warte er tatsächlich darauf, dass die Türglocke den Eintritt eines Kunden ankündigte. Am Holztisch saßen die Avatare: Robert Werner, dessen Blondhaar immer noch füllig aus der Stirn gestrichen war, die graue Edith Achter, die sich mit Fleiß alle Farbigkeit aus Kleidung, Wangen und Haar getilgt hatte und  Krister Bergmann, der leise rhythmisch aus seinen Fettschichten heraus schniefte. Der Tisch war voll gestellt mit Kuchen- und Keksschachteln, Chipstüten, Wein- und Wasserflaschen, zwei Jägermeister-Fläschchen und einer geblümten Kaffeekanne. Heilmann hielt eine Weinflasche direkt in der Hand, Edith einen Kaffeepott im Schoß, Werner und Bergmann hatten Rotwein in Zahnputzbechern, auf denen „3x täglich“ stand, vor sich stehen. Sie saßen bewegungslos da und schwiegen. Keiner schaute auf, als die Prinzessin und Melusine hereinkamen. Falls Heilmann durch eine Bewegung der Weinflasche ein Signal des Erkennens von sich gab, war es so dezent gesetzt, dass es kaum bemerkt wurde. 

Ich suchte seinen Blick. Er schaute an mir vorbei auf Bergmanns Hand am Becher. Warum hatte er Bergmanns Fettschichten zwischen uns getürmt? Ich spürte, wie sich die Prinzessin an meinem Arm verkrampfte. Rasch schob ich ihr einen leeren Stuhl unter den Hintern, bevor sie loslegen konnte. „Setz dich doch.“ Das stoppte sie jedoch nur kurz. „In eine redselige Runde sind wir hier geraten.“, stieß sie, jetzt sitzend, hervor. Bergmanns Fettschichten wogten sanft. Heilmann setzte die Weinflasche an den Hals. Edith nahm einen Schluck aus ihrem Pott. Mir wurde klar, dass ich die Prinzessin hätte warnen müssen. Sie klopfte mit dem Absatz auf den Boden: "Ist da jemand?" Werners Mundwinkel zuckten. Noch immer konnte ich Heilmanns Blick nicht finden. Edith dagegen starrte mich an. Ihre Miene drückte Missbilligung, beinahe Hass aus. In dem Moment gab ich ihr Recht. Wir hatten hier nichts zu suchen. Die Prinzessin aber gab nicht auf: "Könnt ihr nicht reden? Seid ihr stumm?" Werner ließ sich zu einem: "Nein" hinreißen und Bergmann fragte tatsächlich: "Wollen Sie was trinken?". "Ja, gerne", antwortete die Prinzessin, als seien wir beim Kaffeeklatsch. "Eine Tasse Kaffee hätte ich gerne." Heilmann löste sich von der Wand und machte sich an der Kaffeemaschine neben den Kochplatten zu schaffen. Edith knallte ihren Pott hörbar auf den Tisch. "Scheiße", murmelte Heilmann. Er hatte das Kaffeepulver neben den Filter gegossen und eine Riesensauerei veranstaltet. Mit der Hand wischte er ein wenig vom Pulver auf den Boden.  Er sah Edith hilfesuchend an, doch die ignorierte ihn. "Kein Problem", sagte ich, "wir nehmen auch gern ein Glas Wasser." "Ist Kaffee aus?", fragte die Prinzessin, die noch nichts von dem Malheur mitbekommen hatte. "Ja, ja", sagte ich , schüttete ihr ein Glas ein und drückte es ihr in die Hand. "Melusine", rief sie jetzt, "sind wir in ein Kulturkrematorium geraten?" Edith verdrehte angeekelt die Augen. "Azar, bitte", flüsterte ich verzweifelt. "Darf man hier nur flüstern?", fragte die Prinzessin unverschämt in die Runde. "Schreien Sie ruhig ein bisschen rum.", antwortete Werner. Er zumindest amüsierte sich köstlich. Heilmann hatte sich neben mich gestellt und berührte mich am Ellenbogen. Die Prinzessin nahm Werners Antwort zum Anlass einen persischen Liebessang anzustimmen: melancholisch, schwülstig, schwer. Edith sagte laut: "Bei soviel erotischer Verlorenheit muss ich kotzen." Die Prinzessin ließ sich davon nicht irritieren. Heilmann zog mich zwischen die Philosophie-Regale in der Buchhandlung. "Was hast du dir dabei gedacht?", zischte er mir ins Ohr. "Du hast mir sehr geholfen.", antwortete ich. "Ich wollte dir danken, bevor..." "Undine geht..." "Melusine, Heilmann, diesmal ist es eine Melusine." Heilmann nahm die Brille ab. "Sie geht..." "Der Schwanz ist ab, Heilmann. Ich muss jetzt auf den Füßen laufen." "Es wird wehtun an den Sohlen." "Das hätte ich wissen können. Es war ein Irrtum." "Eine Illusion; das ist etwas anderes." "Das stimmt. Das habe ich gelernt. Unter anderem." "Warum hast du sie mitgebracht?" "Die Prinzessin aus dem Morgenland? Weil eine Melusine ohne Fischschwanz eine andere Frau braucht." "Du glaubst, an ihrem Arm könntest du zur Vordertür hinaus." "Und bliebe im Fenster zurück. Ja." Für einen Moment glaubte ich in Heilmanns Augen die Trauer zu sehen, derentwegen ich im Februar durch die blaue Tür gegangen war. "Das Kind..." "Kann dich von der Last nicht befreien, Heilmann. Du legst ihm zuviel auf." Zwischen den Regalen hatte Heilmann eine Pinnwand befestigt, an die er Fotos gesteckt hatte: sein Junge und er vor der blauen Tür. "Unsere Kinder: Sie leben...aber nicht uns fort, Heilmann. Vater sein heißt, überlebt zu werden. Und damit einverstanden sein." Er nickte. "Ich weiß." "Leb wohl", sagte ich und drückte seine Hand. Sie war fest und warm. Edith klapperte inzwischen immer lauter wütend mit dem Geschirr gegen den Gesang der Prinzessin. Bergmann kicherte. "Schaff sie weg.", sagte Heilmann. "Sonst geschieht hier noch ein Unglück." Ich nahm die Prinzessin am Arm, die ohne Unterlass weitersang, stieß Heilmann beiseite, der ein Philosophieregal mit sich riss und schritt im Lärm der polternden Kants, Heideggers, Foucaults, der dröhnenden Beats und des persischen Flehens, die Prinzessin am Arm, durch die Vordertür aus dem Laden. 

Als Melusine und die Prinzessin sich umdrehten, sahen sie hinter dem spiegelnden Schaufensterglas den schimmernden Körper einer Meerjungfrau liegen. Sie wussten genau, dass sie nicht dort gelegen hatte, als die Prinzessin und Melusine vor 40 Minuten aus dem Taxi vor Heilmanns Buchhandlung gestiegen waren.


Edith Achter

Edith war, ähnlich wie Melusine, unvermittelt in Heilmanns Leben getreten. Er hatte aus Gründen, die jetzt nicht mehr nachvollziehbar sind, im Juni eine Reise ins Westfälische unternommen. Das Verhältnis zu Melusine war zu diesem Zeitpunkt abgekühlt. Mit Edith, dachte Heilmann zunächst, hatte er das große Los gezogen. Denn Waise Edith, schwungvoll aus den Bodelschwingh´schen Anstalten getreten, gab sich schlagfertig und wortwitzig, wo immer sie auftauchte. Da aber lag auch das Problem. Heilmann bemerkte es leider zu spät. Edith war einfach immer da. Und sie musste immer das letzte Wort behalten. Ihr letztes Wort war nicht selten gewandt. Jedoch wusste es kaum einer mehr zu goutieren, da Edith, bis es fiel, alle zum Verstummen getrieben hatte. Denn Ediths Witz erschöpfte sich und andere darin, gehässig niederzumachen, was sie selbst nicht aufzubauen verstand. Leidenschaftlicher Hass entzündete sich bei Edith, wenn sie bei anderen ein Gelingen wahrnahm. Dabei ging es ihr nicht plump um Karriere, Gewinn, Sieg. So wenig subtil war Edith nicht. Sie ahnte und witterte das Gelingen auch dort, wo es nicht triumphierte: darin dass andere einander verstanden oder sich doch erfolgreich die Illusion des Verstehens wechselseitig zu verschaffen wussten. Aber auch wenn es einem gelang seiner Befangenheit, seiner Angst, seinen Qualen Ausdruck zu verleihen oder sich umgekehrt in seine Lust zu steigern, einen tollen Lauf zu nehmen, ausufernd sich zu verschwenden, wurde Ediths Missgunst bis zum äußersten gesteigert. Sie, allerdings, rechtfertigte ihr boshaft-selbstzertörerisches Dreinschlagen damit, dass sie die Wahrheit enthülle, das Profan-Hässliche unter der Schminke der Poesie freilege. Edith, soviel muss gesagt sein, war schön. Sie hatte es, dachte man, dachte auch sie, nicht nötig sich zu schminken. Jedoch nötigte ihre Unfähigkeit, lebendig zu sein oder auch nur das Lebendige zu dulden, sie, immer eine Maske und ein enges Korsett zu tragen. Gerade das hatte zu Beginn auf Heilmann sexy gewirkt. Doch war dies Empfinden längst dem Grauen gewichen, das Ediths steter Kampf gegen das Leben in ihm inzwischen auslöste. Dennoch kamen sie voneinander nicht los. Sie wollte, was in Heilmann lebendig geblieben war, abtöten, während er sich seine verbliebene Virilität und Vitalität in der Abwehr von Ediths Attacken stets aufs Neue bewies. So war er dazu übergegangen, auf Ediths Anwesenheit mit dem Erscheinen von Bergmann zu reagieren, dessen ungeheure Fettmassen ihr einerseits Anlässe boten, an denen zugleich ihre Verbissenheit jedoch kaum Spuren hinterließ.



Im Mai, kurz vor Ediths erstem Auftritt, hatte Melusine erstmals eine Nachricht aus Moskau erhalten, kryptisch, die weiterzuleiten sei an Heilmann, wie ihr bedeutet wurde. Ihr Verhältnis zu Heilmann zu bestimmen, war ihr zu diesem Zeitpunkt gänzlich unmöglich. Sie waren einander, nachdem er ihr im Februar den Weg durch die blaue Tür gewiesen hatte, auf seltsame Weise nahe gekommen und doch sehr fern geblieben. Der kleine bebrillte Mann, der so auffällig bemüht war, keinen Raum einzunehmen, wirkte dennoch stets eigentümlich bedrohlich auf sie. Was sie erlebt hatte hinter der blauen Tür, sog sie unwiderstehlich an. Zugleich erhob sich gegen das Wissen, das wie ein Blitz gelegentlich in Heilmanns traurig verschatteten Augen auffunkelte, wenn er die Brille abnahm und sie durchdringend kurzsichtig fixierte, heftigste Abwehr. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie notwendig nicht wissen müsse, um weiter den Weg durch die blaue Tür nehmen zu können. 

Melusine zu sein, offenbar, hing unmittelbar daran, an Heilmanns Tür zu glauben, also die Realität zu leugnen. Umgekehrt mussten Vorkehrungen getroffen werden, wie wieder hinauszukommen sei aus Heilmanns Laden. Denn Melusine, das darf man nicht vergessen, trug einen Fischschwanz. (Darum auch hatte Heilmann sich bei der ersten Begegnung so tief zu ihr hinab beugen müssen, weil sie diesen vor den neugierigen Blicken der Besucher durch eine über die vermeintlichen Beine gebreitete Wolldecke verbarg,  was bei einer Rollstuhlfahrerin im kühlen Februar nicht weiter auffiel. ---Doch von jener Begegnung ein andermal mehr.) Heilmann reagierte auf die erste Moskauer Nachricht gar nicht. Sie verstand das nicht, wiederholte die Meldung jedoch nie. 

Vielleicht, so dachte ich, war es ein Missverständnis, die Nachricht für ganz jemand anderen gedacht, weder gerichtet an Heilmann noch durch mich zu überbringen. Doch wiederholte sich das seltsame Geschehen. Die Verbindung zu Heilmann indessen war im Juni abgebrochen. Ich  ließ es auf sich beruhen. Hoffte erneut, es wolle sich nur jemand lustig machen, denn es war nicht verborgen geblieben, dass ich mit Heilmann in Kontakt gestanden hatte. Auch Edith, gebe ich zu, hatte ich kurzzeitig in Verdacht.

Doch setzte die Moskauer Verbindung sich unerwartet fort. Seit Tagen rumorte der Städtenamen in mir. Ich kramte Walter Benjamins „Moskauer Tagebuch“ aus dem Regal, las noch einmal Rainald Goetz´ Erzählung „Moskau“, durchstreifte die „Ästhetik des Widerstands“ nach Aufenthalten in Moskau. Und stieß schließlich auf das Verdikt gegen den sozialistischen Realimus: „Der Kampf um unsere Kunst muss gleichzeitig ein Kampf um die Überwindung des Hangs zur Kleinbürgerlichkeit sein.“ Dann traf gestern wieder eine Nachricht aus Moskau ein, weiterzuleiten erneut, wie es hieß, an Heilmann. Ein Bild diesmal nur. Unbegreiflich. Denn ich bin sicher: Dies Bild zeigt keinen Moskauer Himmel



Doch es kamen im Herbst keine neuen Nachrichten aus Moskau. Drohend braute sich ein Schweigen zusammen. Der Code ist verbrannt, wurde behauptet. Was ihr jedoch keiner mehr nehmen konnte: Eine hatte von Anbeginn an Pierre geliebt, dessen Eintreten im Gesicht der Fürstin „Unruhe und Furcht“ auslöste, eben deshalb. Der andere dagegen rief sie versehentlich "Natascha" einmal, als sie sich im Schnee wälzte. Die Namen vergingen. Wir wollen, beschworen sie einander ein andermal, nicht mehr daran denken, dass Moskau brannte. Doch die Flammen züngelten  lichterlohins Gebälk, als sie sich im Schlittengeläut umwandte. Sie fühlte das nun. War dort als im kalten Winter vor Moskau die Große Armee erfror. Die sich zurück schleppenden halbverhungerten Burschen aus dem Rhonetal überfielen dann wildgewordene Freischärler an der Oder. Eine Leiche am Ufer des Flusses mit durchlöcherten Socken. Melusine wird den großen Zeh, der bläulich ins Morgenlicht ragte, sehen, solange sie denken kann.Dort am Ufer fühlte sie seinen Blick auf sich gerichtet und wie im Märchen „duftete ihnen plötzlich jenes vergessene Glück entgegen, an das sie nicht mehr gedacht hatten, namentlich jetzt nicht.“

Ein anderer aber schrieb neunzehnhundertachtzig von Moskau aus: Solange ich denke, schrieb der, solange ich denke also, bin ich nicht, nein, bin ich nicht absolut vernichtet. Was aber heißt: ich denke? Unser Lehrer Klaus schrie voll Inbrunst: Ihr denkt doch nur, dass ihr denkt, schrie der uns an. Das leuchtete mir ein. Den verehrte ich tief, bis ich eines Tages auf seine Hände sah. Es war, als habe er gelesen: „Nüchternheit ist Lebensnorm.“ Da traute ich ihm nicht mehr. Denn richtiger war: „Bin nicht Logik, sondern fehlerhafte Suche.“ Das machte mich irre.

Letztlich geht es doch immer nur um die Frage: „Ist Revolution auch gütig denkbar?“ Das wurde verneint, dachte sie. Ein Versuch, ein Experiment, die Hoffnung, dass aus dem Bunker das Schmerzgeschrei sich befreit und zum revolutionären Gruß wird, Brüder und Schwestern. „Die Nacht auf dem harten Bette verlief ganz gut.“ Ausweichmanöver führten auf Abstellgleise. Bern. Brüssel. Paris. Spree Athen. Überall rührte sich die Humanität nur  verpelzt. Wir müssen lernen, die Winter nackt zu überstehen, sagte Edith und hakte sich unter. Heilmann bestand darauf, dass er ein Kind von ihr haben wolle. Das war nicht bedeutungslos. „Kein Kind also“, sagte Edith. „Denn deine Hand zittert. Nimmst du Hasch?“

Im Hotel Lux boten die Ratten ´42 alles an. Grünlich schimmerte Gaslicht über die Flure. „Wie konnte es dich zu jener Zeit nach Moskau verschlagen ?“, hatte er gefragt, die Lippen zusammen gezogen wie ein verhungernder Kater. Er freute sich nicht, sie hier zu sehen. Auch Moskau liegt am Meer, hatte sie geantwortet, wusstest du das nicht? Heilmann hatte die Achseln gezuckt.  Nun ja, die Kanäle... Sie war in diesem smaragdfarbenen Fetzen um ihn herum geschwebt und hatte gerufen: „Die Phantasie lebt, so lange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt.“ Heilmann hatte ihr den Mund zuhalten müssen. Jeder verrät hier jeden. „Ich muss“, klagte er, „zweiundvierzig Fragen beantworten, Melusine.“ „Was rät die Partei?“, fragte sie, da hätte er sie beinahe geschlagen.

Von Moskau sprach Melusine daher nicht, als sie Heilmann nach einem halben Jahrhundert in Berlin wieder traf. Später bereute sie das. Was wäre geschehen, wenn sie zusammen ans Fenster getreten wären, hinaus ins Schneegestöber zu schauen? Durch Heilmanns blaue Tür gegen das Rekonstruktionsbegehr und die Zeitkontrolle hätte in den Berliner Oktober der Moskauer Schnee des Jahres 1926 fallen können. Doch Heilmann, wusste sie, sonnte sich gerne im Süden. Im Januar 27 aber „herrschte herrlich warmes Wetter“ in Moskau. 

Ich hätte Heilmann erzählt, was ich dort noch gedach hatte: „Ich bin ja ganz passiv.“Er habe darauf geantwortet, er sei sich sicher, dass der gegen ihn erhobene Vorwurf ein Unsinn wäre. So hätten, dachte ich, wir an den See hinausfahren können, um auch die Seelen zu untersuchen. Doch hört sich gerade das in meinen Ohren ganz falsch an. Alles sei möglich, hatte Heilmann gesagt. „So lag der See da, tief in sich versunken, sanft und erschöpft.“ Moskau, wusste ich mit plötzlicher Gewissheit, ist auch keine Methode.