Dienstag, 19. Januar 2021

BLANKE WUT (2): Erzieherinnen als Kanonenfutter

Keine  Berufsgruppe ist derzeit mehr gefährdet als Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten: https://www.rnd.de/wirtschaft/corona-studie-der-aok-erzieher-und-betreuer-am-haufigsten-an-covid-19-erkrankt-4VWAN6I5JFBUZK7L3IL7ALV5WI.html

Man kann das wissen, wenn man will. Auch Papa und Mama vom kleinen Finn und der kleinen Louise können das wissen, wenn sie wollen. Denn Finns und Louises Eltern gehören zweifellos zur gebildeten Akademiker-Schicht, die gewöhnlich gut informiert ist. Wir wissen nicht, ob Finns und Louises Eltern diese Informationen einfach verdrängen oder - was wir für wahrscheinlicher halten - es ihnen schlicht egal ist. Finn und Louises Eltern formulieren gerne "Ich-Botschaften", das haben sie so gelernt. Sie sind überhaupt gut darin, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren und ihre Probleme publik zu machen. Ganz anders als die meisten Erzieherinnen, die auch deutlich weniger verdienen als Finn und Louises Eltern.

Finn und Louises Eltern sind inzwischen echt am Ende ihrer Kapazitäten. Deswegen: Finn und Louise müssen in die KITA. Zum Glück ist es ja in Hessen so geregelt, dass jede/r, der oder die sich nicht in der Lage sieht, die Kinder zu Hause zu betreuen, sie in die KITA bringen darf. Gut so! Kai Klose ist eben ein ganz Sozialer. Der denkt an Menschen wie Finn und Louises Mama und Papa. KITA-Öffnung ist Menschenrecht. Finn und Louise brauchen auch die Kontakte zu anderen Kindern. Und außerdem denken Finns und Louises Eltern jetzt auch besonders an die anderen Kinder, bei denen es zu Hause nicht so schön ist wie bei ihnen. Vor allem wegen denen muss die KITA offen bleiben, sonst kommt es zu ganz starken sozialen Verwerfungen. 

Es ist ja außerdem so: Wenn jetzt noch länger die KITA geschlossen bleibt, müssten Finn und Louises Eltern vielleicht auf den Sommerurlaub verzichten. Und das, obwohl sie doch schon die jährliche Skiwoche aufgeben mussten. Das ist zu viel verlangt. Die KITA muss offen sein und bleiben.

Die Erzieherinnen haben Finn und Louise ja auch so lieb. Lieber als ihr Leben und die Gesundheit ihrer eigenen Familie. Voller Freude drücken sie den süßen Finn bestimmt beherzt an die Brust, wenn er hinfällt,  denn sein Wohlbefinden ist ihnen wichtiger als Urlaub, Gesundheit, Leben. Ganz klar. Vor allem, weil auch Finn und Louise schon ganz wunderbar ihre Ich-Botschaften formulieren können. Den Eltern geht das manchmal tatsächlich auf die Nerven. Aber den Erzieherinnen doch nicht.

Finns und Louises Mama und Papa haben nur eins nicht bis zu Ende gedacht: Könnte sein, dass es nach der Pandemie weniger gesunde Erzieherinnen gibt und noch weniger Menschen, die den Beruf ergreifen wollen. Aber dann finden sie sicher jemanden aus Kasachstan, der Finn und Louise lieber hat als sein Leben. 


Donnerstag, 31. Dezember 2020

KEIN MENSCH IST EINE INSEL...

  

Hieß so nicht ein Roman von Johannes Mario Simmel, dem Bestseller-Autor, dessen Bände die Leihbibliothek der Evangelischen Kirchengemeinde füllten, in der ich zur Leserin sozialisiert wurde?

 

Simmel zitierte mit dem Titel des Romans, an dessen Inhalt ich mich nicht einmal mehr vage erinnere, ein Gedicht von John Donne, das dieser mitten in einer Pandemie (1623) schrieb:

 

No man is an island,

Entire of itself;

Every man is a piece of the continent, 

A part of the main.

If a clod be washed away by the sea,

Europe is the less,

As well as if a promontory were:

As well as if a manor of thy friend's

Or of thine own were.

Any man's death diminishes me,

Because I am involved in mankind.

And therefore never send to know for whom the bell tolls;

It tolls for thee.

 

Was könnte passender sein für diesen Jahreswechsel? 

 

Auf die Wahrheit, dass kein Mensch, keine Gesellschaft, keine Nation eine Insel ist, darauf hat uns die Pandemie mit aller Brutalität aufmerksam gemacht. Dass wir (Deutschland, in einem erweiterten Sinne vielleicht Europa insgesamt) uns aber als eine solche dachten, lässt unsere Gesellschaften der Ausbreitung des Virus weniger effektiv entgegentreten als es möglich wäre. Die Naturkatastrophe, so hatten wir uns weis gemacht, ist immer woanders. Wir spenden dann und fühlen uns gut und – überlegen! Jetzt müssen wir lernen, mit einem Geschehen umzugehen, dem keine individuellen Anpassungen und Entscheidungen beikommen können, das eine kollektive Antwort fordert. Darauf sind wir, die den Narzissmus in Erziehung und Gesellschaft seit zwei Jahrzehnten fördern und fordern, denkbar schlecht vorbereitet.

 

Und dennoch traf und trifft es mich mit voller Wucht: Auch mein inkorporierter Pessimismus hat sich im Frühjahr nicht ausmalen können, wie sehr unsere Gesellschaften versagen würden. Auf Ischgl und Heinzberg folgten die „Öffnungsdiskussionsorgien“ (man schalt das Wort, nicht die Debattierdummheit, die es bezeichnete), die Corona-Leugner-Demos, das Esoterik-Geschwurbel, die Freiheit-aber-ohne-Verantwortung-und-mit-Vollkasko-Gesänge, die Impfgegner und jetzt die Impfneider. Verfolgt man die Posts in Sozialen Medien, fällt es schwer, nicht zur Menschenfeindin zu werden. 

 

Im Analogen erlebe ich anderes: Verantwortungsbewusste junge Menschen, Solidarität, Freundlichkeit, Innovation und Resilienz. Alles ist anders als geplant und die meisten versuchen, Neues auszuprobieren, sich anzupassen, Rücksicht zu nehmen. „Homeoffice“ 

klappt besser als erwartet, auch wenn Videokonferenzen schrecklich ermüden. Schüler_innen und Student_innen nutzten die neuen Freiräume auch für eigenständiges Lernen, entwickelten neues Erkenntnisinteresse und Lust am Schreiben, obwohl ihnen der persönliche Austausch, die Kontakte sehr fehlten.

 

Es war ein schwieriges Jahr. Auch ganz persönlich. Mein Vater erkrankte schwer. Auch meiner Mutter ging es nicht immer gut. Morel brach sich die Schulter und ich musste mit Tatütaa und Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert werden mit einer akuten Blinddarmfortsatzentzündung (hach, was für ein Wort fürs Galgenmännchen). Wir vermissten den Mastermind, den wir in Wien nicht besuchen konnten wegen Corona. Der Berufseinstieg für beide, Amazing und Mastermind  wurde durch die Pandemie erschwert, denn vieles musste online geklärt werden, informelle Gespräche und Kontakte entfielen oft. 

 

Und dennoch: Wir haben Glück gehabt und viel Grund dankbar zu sein. In einem Land zu leben, in dem ein Krankenwagen kommt, wenn man ihn ruft und die Solidargemeinschaft die Kosten dafür übernimmt, ist ebenso wenig eine Selbstverständlichkeit wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (fast vier Wochen fiel ich aus). Meinen Eltern geht es inzwischen besser, obwohl der Corona-Koller natürlich auch an ihnen zehrt. In meinem engeren Freundes- und Verwandtenkreis gibt es keine Corona-Leugner und Schwurbler, auch das betrachte ich als ein unverdientes Glück. 

 

Kein Mensch ist eine Insel… Das stimmt. Aber manchmal, in schweren Zeiten, legt man sich eine imaginäre zu. Eskapismus genießt in intellektuellen Kreisen keinen guten Ruf. Ich stehe dazu. Im Krankenhaus (deutschlandtypisch ohne WLAN, also mit mobilem Datenverbrauch, man gönnt sich ja sonst nix mehr) begann ich zu spielen. Inzwischen bin ich durchaus semi-süchtig. Ich baue mein Orchid-Island aus. Das Spiel heißt June´s Journey. Nichts beruhigt mich derzeit mehr, als auf meiner Insel mein Eisenbahnsystem zu erweitern, Pflanzen zu setzen und Gebäude zu planen. 

 

Deshalb mache ich auch hier Schluss und wünsche mit June und Amelia:




Mittwoch, 28. Oktober 2020

Verletzte Gefühle und ein toter Imam auf der Straße (Fiktion)

Stellt Euch mal vor:

Ideologisch verhetzt in meinem Unglauben ermorde ich auch offener Straße einen muslimischen Imam. Denn seit langem fühle ich mich durch die bösartigen Predigten in Moscheen gegen Ungläubige wie mich beleidigt und zutiefst in meinem Unglauben verletzt. Ein Foto des bestialisch von mir zugerichteten Opfers poste ich in den Sozialen Medien. Während die Muslime um den von mir ermordeten Imam trauern, nehmen dagegen überall in der Welt Ungläubige meine Tat zum Anlass, um sich über die Beleidigungen, denen sie seit Jahr und Tag ausgesetzt sind, zu beklagen. "Es ist doch wahr", sagen sie, "gegen uns Ungläubige wird unablässig in den Moscheen gehetzt, dieser rigorose und intolerante Eingottglaube führt dazu, dass unsere Integrität und Zugehörigkeit mal um mal in Frage gestellt wird, wir gesellschaftlich marginalisiert sind, wir im öffentlichen Raum unterpräsentiert bleiben und angefeindet werden. Kein Wunder, dass manche von uns sich radikalisieren." "Selbstverständlich", sagen sie, "distanzieren wir uns von der Gewalt und dem Mord. Aber dennoch beharren wir darauf, dass die Gläubigen in Zukunft auf diese Provokationen verzichten müssen, denn es kann nicht angehen, dass weiterhin Millionen von Menschen jeden Freitag in Moscheen beleidigt werden." Der ermordete Imam ist meinen Gesinnungsfreunden und - freundinnen schließlich schon bald keine weitere Zeile wert. "Das war nicht schön, was die getan hat", sagen die Gemäßigten unter den Ungläubigen, "aber wahr bleibt doch, das wir Ungläubigen uns wehren müssen, wenn unsere tiefsten Überzeugungen, unsere historisch gut begründete Liebe zur Gottesverleugnung und Blasphemie immer und immer wieder öffentlich angegriffen und verächtlich gemacht werden." 


***

Ja, stellt euch das mal vor. 

Und die Frage: Müssen die Ungläubigen sich radikalisieren?


___________________

Dass Ungläubige nicht fiktiv, sondern tatsächlich marginalisiert und stigmatisiert werden, zeigt sich u.a. daran, dass mir spontan keine einzige Staatschefin, kein einziger Staatschef im "säkularen Westen" eingefallen ist, die/der sich offen zu ihrem Unglauben bekennt.

Samstag, 19. September 2020

"Einem Dreck sein Dreck" (Wort-Schatz 23) (Wut-Rede)

"ich schlüg dich schier zwischen die orn 
das du furpas dein maul hieltst uber ein dreck mit dem gesicht auf den dreck fielst."
Fastnachtssp. 


Dreck macht böse. Mich mindestens macht der Dreck immer böser. Der Dreck befördert in mir die Gewaltphantasien. Ein Gang durch die dreckige Stadt entfesselt in mir die Menschenhasserin. Wie der Dreck auf der Straße liegt und der Wind den Dreck um die Gassen fegt und die Füße über den Dreck stolpern alle Schritt lang, breitet sich in mir von unten aufsteigend über die Knie und den Rumpf bis zur Schädeldecke hin eine düstere rote, dreckige Wutwolke aus, einem Feuersturm gleich, mit dem die Nachbarschaft, das Viertel, die Stadt, die Region im wilden Brand verschlungen werden könnte samt dieser Brut dreckiger Drecksäcke, die ihre Kippen aus den Autofenstern schnalzen und ihre Pizzakartons in die Vorgärten werfen und ihre vollgerotzten Masken in die Ecken pfeffern. 

"Sie kommen nicht mehr nach mit dem Reinigen.", sagt der Morel und verschärft mit dieser vernunftbetonten Einlassung noch meinen Hass. Denn "sie", damit meint er die von meinen Steuergeldern mitbezahlten Straßenreinigungskräfte und die Verwaltung, die ihre Einsätze lenkt und steuert. "Sie" also, unterstelle ich flugs dem Morel, hält er für die Schuldigen, während ich in Grund und Boden, also in den Dreck, stampfen möchte die Dreckschweine, die ihren verdammten Dreck in den öffentlichen Raum entsorgen. "Nein", sage ich, "sie sollen keineswegs mehr reinigen oder öfter. Stattdessen", sage ich, "soll es Strafen geben, so hart, dass das Drecksvolk sich vor Schiss die Hosen voll macht." Oder, denke ich, sie sollen im Dreck versinken, die Dreckbatze. 

Das ist alles nicht gut. Dieser tiefe Groll, den ich empfinde. Wie der mich verdirbt. Und selber dreckig macht. Dem Dreck, der sich in den Städten ausbreitet, und mir unter die Haut geht, kann ich nur noch entkommen, indem ich mich zurückziehe. Indem ich also drinnen bleibe. Wenn das so weitergeht, werde ich mich a-sozialisieren. Um keine Menschenverächterin zu werden. Das ist auch nicht gut. 

Ich muss mir das mal aus dem System schreiben. Es macht was mit Menschen wie mir, wenn der öffentliche Raum zunehmend verdreckt. Es sorgt dafür, dass ich mich weniger und weniger um "die anderen" sorge. Denn obwohl ich weiß, dass "die anderen" nicht "alle" sind und wahrscheinlich nicht einmal die meisten, nimmt mein Körper, während er durch den Dreck watet, es anders wahr. Mein Körper empfindet Ekel. Und dieser Ekel überträgt sich auf diejenigen, die den Dreck produzieren. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Dreck wird meiner Erfahrung nach keineswegs überwiegend von denen produziert, die als unterprivilegiert gelten. Da bietet fast jede beliebige Autobahnraststätte hinreichend Anschauungsmaterial, um diese These zu widerlegen. Der Dreck ist ein Produkt von Narzissmus und Rücksichtslosigkeit in einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft.

Ich verachte jene, die darüber sinnieren, dass man "ein Bewusstsein für die Müllsituation" schaffen solle durch erzieherische Appelle oder die lustig bedruckte Mülltonnen im Abstand von 2m aufstellen, damit die Dreckmacher ihren Drecksarsch bloß nicht zu weit bewegen müssen, fast noch mehr als die Drecksäue. Deren Hybris, dass der Bosheit und Gedankenlosigkeit des Abschaums bloß mehr "Aufmerksamkeit" ihrerseits zuteil werden müsse, damit sich seine Einstellung ändere, ist nicht nur naiv, sondern auch widerlich selbstbezüglich und überheblich. 

Die Dreckmacher machen soviel Dreck, weil es bequem ist. Man muss es unbequem machen. Und dreckig. 

Wahrscheinlich muss es erst noch ein bisschen schlimmer werden, bevor es besser wird. 

Wie bei so vielem. 

Bis dann:

"und acht sie für ein dreck."




Samstag, 22. August 2020

CORONA-POST: Blanke Wut

In der Lehranstalt gibt es den ersten Corona-Fall. Wen wundert´s? Dieser eine scheint noch eingrenzbar. 

Aber lange wird das nicht gehen. Gut, meine ich. Es geht eigentlich gar nicht. Aber wird halt gemacht. 

Am Ende wird gezählt werden müssen, wie viele Personen sich in Schulen in Hessen angesteckt haben, wie viele davon schwer erkrankt sind und wie viele gestorben. 

Die Klassenräume sind voll: 25, 27, 30 Schülerinnen und Schüler + Lehrkraft. Abstand durchschnittlich von mir gemessen: 40 cm.  Pulte werden notdürftig auseinander geschoben, wenn es irgend möglich ist, oft ist es das nicht. Maskenpflicht besteht nicht im Klassenraum. Plexiglastrennwände gibt es nicht. Von Klimaanlagen, Raumbefeuchtern etc. ganz zu schweigen. Wozu denn auch, man muss ja die Lufthansa und die TUI retten, gelle?

Streng getrennte Gruppen? Fehlanzeige. Das Kurssystem in der Oberstufe läuft "nach Plan". 

Schulleitungen in Nachbarstädten ordnen teilweise auf eigene Faust Maskenpflicht im Unterricht an, der Minister verkündet im Interview, das sei nicht rechtsfest und allenfalls freiwillig möglich. Meine Prophezeiung: Spätestens übernächste Woche wird er sie selbst verpflichtend für ganz Hessen anordnen. 

Das Land hat inzwischen den Hygieneplan 5.0 veröffentlicht. Schwerpunkt: Desinfektionsmittel, Seife, Papierhandtücher. Hände waschen. Allerdings: Schmierinfektionen spielen bekanntlich keine so große Rolle bei der Übertragung. Außerdem gibt es Handreichungen für den Distanzunterricht. Auf Videokonferenzen soll nur sparsam zurückgegriffen werden. Auf jeden Fall sind sie immer freiwillig. Es wird also keinen verbindlichen Stundenplan für Fernunterricht geben können. Im Grunde wird es keinen "Unterricht" (Austausch im Gespräch, Live-Vermittlung von Inhalten durch die Lehrkraft) geben, außer einzelne Lehrkräfte legen sich besonders ins Zeug und ein bisschen über die Vorgaben hinweg. Außerdem verweist man auf den Schulserver und YouTube-Videos, die Schülerinnen und Schüler sich mal zu Hause ansehen können. "Flipped Classroom", nur ohne Classroom. In der Hauptsache setzt man weiter auf Material- und Aufgabenversand über Plattformen und per Email. Lehrkräfte sollen Schüler_innen vor allem antelefonieren und "individuell" beraten. Die meisten Lehrkräfte unterrichten zwischen 70 und 120 Schülerinnen und Schüler. Wenn einzelne Gruppen in Quarantäne gehen, muss der übrige Unterricht weiterhin nach Stundenplan gehalten werden, vorbereitet und nachbereitet. Die Lehrkräfte können ja vielleicht spätabends oder nachts telefonieren. Das wird aber wahrscheinlich nur bedingt erfreuen. 

Endgeräte für bedürftige Schülerinnen und Schüler haben sich auch in der vergangenen 6 Wochen nicht materialisiert, sondern bleiben luftige Versprechungen.

Ich nehme an, im Kultusministerium wurden Überstunden gemacht. Viel Text wurde verfasst, kontrovers diskutiert, an Formulierungen gefeilt, an Jurist_innen zum Redigieren überstellt, nachverbessert und versandt. Ist doch schön. 

Es wird auch sicher wieder ein dolles Lehrer-Bashing geben.

Ich beachte die Vorschriften. 

Ansonsten:

In diesem Land ist Bildung immer sonntags in pastoralen Reden wichtig und montags scheißt ihr gemeinschaftlich drauf und lasst uns seit Jahren in verrotteten Gebäuden, schlechtester Akustik und üblem Raumklima immer mehr und mehr und mehr Aufgaben erledigen, deren sich der Rest der Gesellschaft, nämlich ihr, elegant entledigen will. 

Vielleicht entledigt ihr euch ja nun auch eines Teils des "faulen" Lehrpersonals. Mal schauen. 

Montag, 20. Juli 2020

Ein Strandleben ohne Strandkorb ist möglich, aber sinnlos. Zurück aus der Sommerfrische

Wieder zurück aus der Sommerfrische!



Nirgendwo könnte ich mich besser erholen als in "unserer" Gartenlaube in Kühlungsborn/Arendsee, bei den täglichen Spaziergängen am Strand und der Lektüre langer Texte im Strandkorb. Manchen ist es zu kalt an Nord- oder Ostsee. Gut, dass die nächstes Jahr hoffentlich wieder sonstwohin fahren/fliegen können, wo sie in der Sonne braten sollen. Ich dagegen liebe es, wenn die Temperaturen nicht über 25 Grad steigen, ein Bad im Meer keinem Badewannengefühl entspricht, sondern wirklich erfrischend ist und ringsum kein mediterraner Lärm tobt, sondern diese norddeutsche Unterkühltheit, für die Distanz kein neues Muss der Corona-Zeit ist, sondern selbstverständlich. Am Strand war es - anders als in der Presse behauptet - nicht überfüllt; Abstand wurde gewahrt; Müll ordentlich entsorgt und Familien wirkten nicht dysfunktional, sondern zugewandt und entspannt. Normies (vulgo: Spießer) on tour. Genau die Umgebung, in der ich mich wohl fühle, 

Aus dem heimatlichen Hessen-Land erreichten uns dagegen beunruhigende Nachrichten. Underperformer Beuth, hiesiger Innenminister, musste endlich eingestehen, was Insider längst wissen: Die hessische Polizei hat ein Rechtsextremismus-Problem. Eine gute Regierung, ein guter Innenminister hätte längst aufgeräumt, auch um diejenigen Polizistinnen und Polizisten zu schützen, die durch diese miesen und kriminellen "Kolleg_innen" gefährdet sind, nicht nur bezogen auf das Image. In einem Mafia-Milieu können anständige Menschen nämlich nicht anständig arbeiten. Stattdessen versuchte Beuth erneut, die Präsidentin des LKA, Sabine Thurau, zu mobben. Der Fisch stinkt vom Kopf her: Die hessische CDU und deren Ministerpräsident Bouffier geben sich - zusammen mit ihrem Koalitionspartner Bündnis90/Die Grünen - ein moderates Image. Gebrochen mit dem rechtsnationalen "Flügel" in den eigenen Reihen, vom ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch ("Wo kann man gegen die Ausländer unterschreiben?"-Wahlkampf 1998/99) über Martin Hohmann (jetzt AfD) bis zum jetzigen MdB Hans-Jürgen Irmer, haben sie nie. Bouffier hat da immer mitgemischt. Seine CDU ist die CDU der Steuerfahnder-Affäre wie der Thurau-Affäre, der Vertuschung rund um den Verfassungsschutzmann Temme im Zuge der NSU-Ermittlungen etc.ppp. geblieben. Und die Bündnis-Grünen haben drüber weggesehen. Rechtsstaatlichkeit schien weniger wichtig als ein wenig Umweltschutz hier und da. (Dieses Tauschsystem befürworten ja nicht wenige: Für "die gute Sache" muss man über den Rechtsbruch manchesmal hinwegsehen, Ende Gelände, gelle? Nur das dem einen oder der anderen die Sache der hessischen Grünen halt noch längst nicht "gut genug" ist.)

Und auf dem Frankfurter Opernplatz haben zunächst "friedlich Feiernde" am letzten Wochenende überraschenderweise (Scherz beiseite!) trotz eifrig aufgestellter Mülltonnen und Pissoirs gründlich Randale gemacht und Polizistinnen und Polizisten unter Gejohle angegriffen. Letztlich interessiert´s mich in meiner privilegierten Position einen Scheißdreck, was für sozioökonomische Faktoren zu dieser Brutalisierung und Vandalisierung beitragen mögen. Ich erkenne messerscharf: Ein Ausgangsverbot für Jungmänner (17-25 Jahre) ohne weibliche Begleitung plus Alkoholkonsumverbot im öffentlichen Raum löste das Problem wahrscheinlich umgehend. Es ist eben wie vor den Discos - man kann noch so viel über die Einlasskontrollen meckern: Wenn zu viele unbegleitete junge Männer in Gruppen eingelassen werden, gibt's Stunk. Wie überall, wo zu viele unbegleitete junge Männer sich rumtreiben. Alle Frauen wissen das, aus Erfahrung. Jetzt müsste man nur noch Verordnungen daraus ableiten. (Na, das gäbe ein Geschrei!)

Mir geht's gold. Nicht noch, sondern echt. Letztes Jahr habe ich Walter Kempowski gelesen in der Sommerfrische, dieses Jahr Hilary Mantels letzten Band der Trilogie über Thomas Cromwell "The mirror and the light" und Kurzgeschichten von Maeve Brennan sowie eine Biographie über sie. Darüber schreibe ich vielleicht noch. 

Als "Mama" bin ich jetzt offiziell im Ruhestand (oder darf es mir mal kurz einbilden) und super stolz. Die Söhne haben ihre Ausbildungen abgeschlossen. In diesem Blog spielten sie lange als "Amazing" und "Mastermind" mit. Seit sie nicht mehr bei uns wohnen, habe ich sie seltener erwähnt. Sie sind jetzt 26 bzw. 24 Jahre alt. Als ich begann im Blog zu schreiben, waren sie 16 und 14. Der "Amazing" hat sein 2. Staatsexamen in Jura bestanden ("mit Prädikat" - der Zusatz muss sein, weil das in Jura sozusagen der Goldstandard ist). Zukünftig sorgt er dafür, dass alle brav Steuern zahlen. Der "Mastermind" ist jetzt Master of Science in Psychologie und tritt im Herbst eine Stelle an der Universität Wien an. 

Es bleibt spannend. 


Freitag, 10. Juli 2020

Auf der Höhe des Diskurses?: Yagoobifarah, PoC, ´Kopftuchmädchen´

Frage ich mal, dachte ich, die "Betroffenen". Das ist ja ein Privileg, wenn man "Betroffene" kennt und fragen kann, statt über ihre Betroffenheit bloß zu räsonieren. Es passte auch ganz gut, weil wir schon in anderen Zusammenhängen über die literarische Form der Satire uns auseinandergesetzt hatten und andererseits das Thema "Alltagsrassismus" den jungen Leuten, um eigener Erfahrungen willen und noch einmal heftiger wegen der Attentate in Hanau, auf der Seele brannte (Zur Erinnerung: Ich unterrichte an einer beruflichen Schule in Hanau.) Dabei war auch schon zur Sprache gekommen, wie oft Polizeigewalt als rassistisch wahrgenommen wird und wie wenig der Polizei (in Hessen) aus Gründen zu trauen ist. 

"Es ist einfach schon zuviel passiert", sagt R., "soviel, dass es eben dann mal zur Explosion kommt." Und A. berichtet, wie es auf Snapshot und Instagram in bestimmten Gruppen einen Überbietungswettbewerb gibt für Videos, in denen Polizist_innen angegriffen oder beleidigt werden. "Nicht, dass ich das gut finde." B. wirft ein, dass man aber unterscheiden müsse, zwischen rassistischer Polizeigewalt und "gerechtfertigter Polizeigewalt", die es ja auch gebe. Und nicht jede/r, den/die Polizeigewalt treffe, sei unschuldig daran. Polizist_innen würden bespuckt und beleidigt und angegriffen, das habe er selbst schon erlebt. Das sei auch schwer für die, dann immer ruhig zu bleiben. D. bekennt, dass sie sich bei der Polizei bewerben möchte. Die anderen finden das toll. Das halten sie nicht für einen Widerspruch zu dem, was sie vorher gesagt haben.

Ich zeige ihnen den Text von Hengameh Yagoobifarah in der taz mit dem Titel "All cops are berufsunfähig". Sie finden den unisono "krass". "Voll beleidigend". "Nicht in Ordnung". "Geht gar nicht." "Es sind nicht alle Polizisten Nazis." Es gibt keine unterschiedlichen Meinungen dazu im Raum. Keine/r verteidigt den Text. Obwohl sie vorher so ausführlich über Rassismuserfahrungen, auch durch die Polizei, gesprochen hatten. Ich berichte, dass der Bundesinnenminister erwägt, Strafanzeige gegen Hengameh Yagoobifarah (Hier gibt es einen kleinen Seitendiskurs zu Gendern, weil ich zunächst "die Autorin" sage, mich dann korrigiere, wir einigen uns darauf, von "der Person" zu sprechen) zu erstatten. Mein Deutschkurs (Altersmittel: 17) ist rechtssicherer als der Bundesinnenminister: "Das wird nix. Darf man sagen, sowas." "Ist Satire." "Beleidigend, aber erlaubt." "Blöd, aber nicht verboten."

Jemand hat Hengameh Yagoobifarah gegoogelt (Handynutzung ist erlaubt in diesen Corona-Zeiten :-)).  Wir kommen auf den Begriff "PoC". "Was ist das?" "People of Color". Niemand kennt den Begriff. Ich sage ihnen, dass die meisten von ihnen mit diesem Begriff gemeint sind. 
Wikipedia definiert: "beschreib(t) jene Individuen und Gruppen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und die die „gemeinsame, in vielen Variationen auftretende und ungleich erlebte Erfahrung [teilen], aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen der weißen Dominanzgesellschaft als ‚anders‘ und ‚unzugehörig‘ definiert [zu] werden.“ 

R. findet den Begriff nicht passend. Sie will nicht PoC sein, sagt sie. "Warum nicht?", frage ich. "Weil ich mich nicht durch meine angebliche Nichtzugehörigkeit definieren lassen will." "Alle, die Nicht-Weiß sind?", fragt S. "Meine Eltern sind ja aus Russland." "Dann gehörst du dazu", sagt R. "Aber ich bin doch weiß." M. ist auch verunsichert. "Und wir Albaner?" "Gehören alle dazu." "Nur die Deutschen nicht." "Gibt's hier ´echte´ Deutsche?" Man schaut sich um. "Du." B. grinst. "Das ist ja der Mist", sagt R. "Ich bin hier geboren." "Echte Deutsche gibt's nicht." "Wir sind ja alle anders." 

Von hier bewegt sich der Diskurs zum Thema "Deutschland". Dass "Deutschland" eigentlich ganz ok. ist. "Vor allem das Grundgesetz." "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ich will noch mal auf Alltagsrassismus zurückkommen. Das kommt mir jetzt zu idyllisch vor. Aber die sind schon weiter: Dass doch vieles so mühsam ist. Nicht nur der Alltagsrassismus. "Mein Vater", sagt R. "fand ja, dass ´Kopftuchmädchen´ nichts auf K-Pop-Konzerten zu suchen haben. Als ich gehen wollte. Und ich hab´ das akzeptiert. Aber meine Schwester, die lässt er jetzt gehen." Eigentlich will ich nochmal bei ´Kopftuchmädchen´ einhaken, aber jetzt dreht sich die Diskussion um die Privilegien der jüngeren Geschwister. Wird aus allen möglichen Kontexten bestätigt, wie viel leichter die es haben, nicht nur im Hinblick auf K-Pop. 

Ich fasse zusammen: Schon vorher wusste ich, dass mein Deutsch-Kurs durchschnittlich und insgesamt klüger und verfassungstreuer ist als der gegenwärtige Bundesinnenminister. Satire darf alles, kann aber blöd sein. K-Pop ist in und politisiert (siehe hier:), auch selbstbezeichnende ´Kopftuchmädchen´, woran sich nicht nur deren Väter gewöhnen müssen. 

Dienstag, 28. April 2020

Corona-Post (Tag 51): BORIS P. (u.a.) hinter die Ohren geschrieben oder auf die Ohren gegeben

Juli Zeh ist auch dabei. Julian Nida-Rümelin und der unsägliche Antisemit Jakob Augstein, Boris Palmer natürlich und ein Andreas Rosenfelder, der das Virus als Metapher verstehen will und nach eigener Aussage jetzt in einer traumatisierten Gesellschaft lebt , wenig überraschend auch ein Herr Reichelt von der BLÖD-Zeitung und Kind Fürchterlich (enfant terrible) Frank Castorf.  Es ist doch so, sagen sie, der Preis sei zu hoch, den WIR jetzt zahlen sollen: Meistens daheim bleiben, kein Feierabendbierchen und gemeinschaftliches Lästern über Spießer, kein Fußball, keine Konzerte, konsumpromenieren nur mit Maske und dann auch noch dauernd Hände waschen. Andere beklagen das Leid der armen Kinderchen, seit 6 Wochen eingesperrt, meint Ministerpräsident Laschet (wovon ich gar nix gemerkt habe, weil hier, wo ich lebe, die Kinderchen sehr wohl die ganzen 6 Wochen über auf die Straße und in die Parks und in den Wald durften; aber vielleicht verwechselt er das mit Italien oder Spanien; der Mann wirkt ja insgesamt ziemlich verwirrt.) 

Es stehe die FREIHEIT auf dem Spiel, so stellen sie fest. Ihr Freiheitsbegriff ist dabei ein bisschen dürftig, denn er kommt offensichtlich ohne VERANTWORTUNG aus. Dass die Grenzen der Freiheit immer da gesetzt sind, wo die Wahrnehmung der Freiheitsrechte die Rechte anderer beeinträchtigt, haben sie wohl schon verstanden? Ich nehme mal an, auch Frau Zeh hält an der roten Ampel (vielleicht sogar, wenn sie den Standort der Ampel persönlich für unnötig hält). Aber JETZT geht ihr das mit den Vorschriften zu weit. Das erinnert sie dann doch zu sehr an eine Gesundheitsdiktatur, wie sie sich eine m schlecht geschriebenen Roman CORPUS DELICTI ausgedacht hat (Der Plot ist selten dämlich: Geht es doch um eine datengeile BigBrother-Diktatur, die jederzeit deine Temperatur kennt, aber unfähig ist, in ihren digitalen Archiven eine Transplantation abzuspeichern).  

Denn diesmal geht es um Einschränkungen, die nur einem Zweck dienen: dem Schutz des Lebens von Leuten, die vielleicht eh bald gestorben wären. Alte nämlich und Vorerkrankte.  Das Leben insgesamt wird ja maßlos überschätzt. Noch mehr aber das von Ungesunden. Diese „Störfaktoren“ für ein freies Leben aller anderen sollen gefälligst sich mal selber schützen, indem sie sich aus dem (öffentlichen) Leben fernhalten. Das kann man von dieser „Risikogruppe“ echt verlangen. Alte Leute mit geringer Lebenserwartung und ohne großen gesamtwirtschaftlichen Nutzen können doch nicht im Ernst erwarten, dass wegen ein paar Monaten oder Jahren oder einem einzigen Jahrzehnt, das sie eventuell noch hätten, alle anderen ihre Bewegungsfreiheit einschränken. Ist doch so, oder? In der WELT (Springer-Konzern wie die BLÖD-Zeitung) kann man lesen, dass „wir“ im Grunde ja auch schon Triage machen, bloß halt zugunsten der Alten. Denn es sterben – wahrscheinlich ?- irgendwo in den verschlossenen Häusern (Wo stehen die bloß? Bei mir gehen überall dauernd die Türen auf und zu.) mehr Frauen und Kinder an gewalttätigen Männern, die ohne Fußball auskommen müssen, als je zuvor. Es ist erstaunlich, wer in dieser Krise plötzlich sein weiches Herz für Frauen und Kinder entdeckt, die ihm/ihr sonst immer ziemlich am Allerwertesten vorbeigegangen sind.* Plötzlich muss deren imaginiertes Leid im Halb-Lockdown herhalten, um Herrn Professors und Frau Richterins Unbehagen an der ungewohnten Unbequemlichkeit des Lebens zu begründen. 

Beifall erhält die Fraktion „Diese Freiheit nehm ich mir“ von verzweifelten Abiturientinnen auf TikTok, die vor ihrem Abiball-Kleid (noch original im Schrank verpackt) rumheulen („Seit 13 Jahren freu´  ich  mich drauf.“), von trotzigen alten Männern, die sich für „hart im Nehmen“ halten, aber vor allem gerne austeilen, von libertär-kindischen Provozierern, die immer schon  keinen Bock hatten, sich „was sagen zu lassen“, vor allem nicht von Fachleuten zum Thema  (Stichwort: Diktatur der Virologen). Jetzt muss doch mal Schluss sein mit der Pandemie (Die Nachrichten sind ja auch so langweilig geworden!). Weiter muss es gehen. Raus müssen wir. Damit der Ball wieder rollt. Der Rubel auch. 

Ja, ich habe auch Angst, dass wir in eine Rezession geraten. Vielleicht sogar in eine Depression. Ich habe auch Angst, dass die Pandemie weltweit zu Hunger und einer Vervielfachung der Armut führen wird. Dass die Arbeitslosigkeit wieder zur Massenarbeitslosigkeit wird. Und dass der Nationalismus, der sich schon vor der Pandemie allseits breitmachte, dazu führen wird, dass die Folgen dieser Naturkatastrophe noch schlimmer werden, als sie es ohnehin sein werden. Und ich bin auch nicht so hart, dass ich keine Angst habe um mich und die meinen vor einer Krankheit, von der man wenig weiß und die gravierende Langzeitschäden haben kann. 

Gerade deshalb, weil ich Angst vor all dem habe, fehlt mir die Empathie für das Gejammer jener Vorgenannten. Auch ich wünsche mir, dass wir die Infektionszahlen so reduzieren können, dass Cafés, Restaurants und Hotels bald wieder aufmachen können. Es wird trotzdem schwer werden in vielen Branchen und für viele Unternehmen. Da wird unsere Solidarität wieder gefragt sein. Auf die Zehs, Nida-Rümelins, Castorfs, Augsteins und Palmers sollten wir auch dann eher nicht vertrauen. Denen wird sicher einfallen, warum Verzicht gerade von ihnen nicht verlangt werden kann.

Wofür ich sie aber aufrichtig verabscheue, ist ihre rücksichtlose Verachtung gegenüber einer Generation, für die der Wohlstand und die Freiheitsrechte, um deren Erhalt es ihnen vorgeblich geht, keineswegs eine Selbstverständlichkeit waren. Jene, die „sowieso“ bald gestorben wären, das sind Menschen wie meine Eltern, Kriegskinder mit ECHTEN Traumata (statt diesem: „Das arme Kind, wie soll ich ihm erklären, dass es nicht auf den schönen Spielplatz darf?), die gehungert haben und später viele Jahre gedarbt, deren Konsumverzicht nötig war, um den Wohlstand zu ermöglichen, in dem wir Jüngeren aufgewachsen sind, die zentralbeheizten Wohnungen und die Sommerurlaube, die wir für „normal“ und „unser Recht“ halten. Für meine Eltern sind diese letzten Jahre ihres Lebens die besten. So gut wie jetzt ist es ihnen tatsächlich noch nie gegangen, materiell nicht, aber auch nicht, was ihre persönlichen Freiheiten angeht. Jeder Tag, den sie haben, miteinander, mit uns, ist kostbar. Denn wir alle wissen, dass diese Zeit begrenzt ist. Ich kann mit Worten nicht ausdrücken, was ich empfinde, wenn Menschen die begrenzte Lebenszeit alter Menschen als Argument dafür benutzen, dass es auf diese Leben weniger ankäme. Ich könnte, was ich empfinde, nur handgreiflich ausdrücken. Aber das kann ich halt auch nicht.

Drum schreib´ ich es hier!

Ich vergesse und verzeihe Euch das nicht, Eure Worte nicht und Euer Verhalten nicht!

Aber ich bin dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die sich in ihrer Mehrheit (bis jetzt) anders entschieden hat: Der Schutz des Lebens ist uns was wert. Auch des Lebens jener, die - vielleicht - nicht mehr so lange zu leben haben wie andere. 


* Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist mir selbstverständlich nicht gleichgültig, wenn Frauen und Kinder im häuslichen Umfeld nun ungeschützter Gewalt ausgesetzt sind. Die Aufgabe an uns als Gesellschaft lautet dann: Wie kann Schutz für sie organisiert werden? Z.B., indem kurzfristig die Unterbringung in jetzt leerstehenden Hotels organisiert wird. Das Leid dieser Frauen und Kinder wird jedoch nicht durch zu wenig Freiheitsrechte für alle verursacht und verlängert, sondern viel eher dadurch - auch unabhängig von Corona -, dass die Täter zu uneingeschränkt "Freiheiten" für sich in Anspruch nehmen. 

Sonntag, 29. März 2020

CoronaPost (Tag 14): "Nach dem Krieg um halb sechs im ´Kelch´!"

Zu den Zoom-Meetings schalte ich immer die Kamera ein. Damit ich mich vorher ordentlich anziehe, das Haar richte, die Nase pudere. Sonst würde ich ja verludern. Ohne Morel wäre ich auch ohne Corona-Virus schon längst dem Fast Food verfallen. Aber Morel kocht, wie gewohnt, jeden Abend ein leckeres Abendessen. (Doch wir haben entschieden, dass wir nun mindestens einmal in der Woche in einem unserem Lieblingsrestaurants TakeAway-Boxen abholen wollen, was sie neuerdings anbieten. Denn wir wünschen uns, dass es diese Restaurants auch nach der Krise noch geben wird.)


In dieser Woche ist mir noch mehr bewusst geworden, wie privilegiert wir sind. Wir leben in einer geräumigen Wohnung mit Ausblick auf einen Park. Unsere Arbeitsplätze sind (zumindest bisher) sicher. Wir können beide im Home Office arbeiten. Ringsum uns hören wir von Freunden und Verwandten, dass sie in Kurzarbeit gehen mussten. Bei manchen wird es eng. Viele Selbstständige sind besonders hart getroffen. Manche wohnen weit von ihren Eltern entfernt und machen sich Sorgen um deren Verpflegung. Meinen Eltern habe ich gestern Lebensmitteln und Weidekätzchen gebracht + zwei Schlappohrschokoladenhasen aus meinem Lieblingscafé. (Es ist in einer früheren Apotheke untergebracht und sie liefern jetzt über den ehemaligen Nachtschalter aus.) Komische Situation war das, wie bei einer Lösegeldübergabe. Ich habe die Tüten im Hausflur abgestellt zwischen uns. Dann haben meine Eltern sie geleert und wieder zurückgestellt, gefüllt mit zwei der traditionellen Rührkuchen-Hasen, die meine Mama mir noch früh am Morgen gebacken hatte.

Telefonate mit Freunden beende ich jetzt mit dem Gruß des braven Soldaten Schwejk aus dem gleichnamigen Roman: "Nach dem Krieg um halb sechs im ´Kelch´." Nach der Pandemie sehen wir uns, wie wir uns immer getroffen haben, dort und dort und dort und trinken und essen und lachen miteinander.

Gestern haben der Morel und ich "Paddington" gestreamt. Bonbonbunt und lustig. Sowas brauchen wir jetzt. Hatte uns der Amazing, unser ältester Sohn, empfohlen. Gerade jetzt steht mir nicht der Sinn nach Mafia-Bossen, Mord und Totschlag-Krimis, Gangster-Epen. Eskapismus pur ist angesagt. Und ich habe angefangen die Serie "Anne with an E" anzuschauen, empfohlen in der Facebook-Gruppe "Feministische Filmkritik- Bechdle Test". Die bisher mit weitem Abstand beste Verfilmung dieser legendären Kinder- und Jugendbuchserie "Anne of Green Gables", die ich kenne. Die Bücher sind im angelsächsischen Raum mindestens so bekannt wie hierzulande Pippi Langstrumpf. Ich denke, dass Astrid Lindgren, die die Bücher kannte, inspiriert wurde durch "Anne of Green Gables". Die Titelfigur ist Waise und wird von einem älteren Geschwisterpaar, das eine Farm auf der kanadischen Prince-Edward-Insel betreibt, adoptiert. Anne ist eine Wort(er)finderin und Träumerin, die sich die Traumata ihrer Kindheit durch eine überbordende Phantasie und waghalsige Sprachkonstruktionen wegspricht und - schreibt. Beziehungen zwischen jungen Mädchen untereinander und älteren Frauen miteinander sind hier kein Beiwerk, sondern zentral für die Erzählung. Annes Leid, ihre Einsamkeit und ihre Außergewöhnlichkeit rühren an und beflügeln zugleich. 

Heute ist der erste Tag seit 2 Wochen, an dem ich mir wirklich frei nehme: Keine Video-Meetings, keine Korrekturen, keine Feedbacks, keine beruflichen Mails. 

Schönen Sonntag!


Montag, 23. März 2020

CoronaPost (Tag 7): Der böse Zwerg und die dumme Ferda

Langsam, ganz langsam lässt die Hektik nach, der Versuch, alles noch oder gerade jetzt online zu erledigen, was geplant war. Langsam stelle ich mich darauf ein, dass jetzt nicht die Zeit für Pläne ist. Dieses Zurückfahren ist positiv, einerseits, weil ich aufhöre, mich ständig unter Druck zu setzen. Andererseits wird so Raum geschaffen für die Angst, die ich in der ersten Woche noch beinahe vollständig unterdrücken konnte. Jetzt kommt sie hoch, gelegentlich, unvermutet, vorhin in einem Telefongespräch mit dem Mastermind, was mir besonders leid tut und verwerflich erscheint, denn ich will ihn nicht mit diesen, zumindest teilweise auch sehr irrationalen Ängsten belasten. Wegen einer überstandenen Herzmuskelentzündung nehme ich Tabletten gegen Folgeerscheinungen wie einen stets zu hohen Blutdruck. Seit der Erkrankung kenne ich auch Symptome wie Atemnot, die mir früher unbekannt waren. Und jetzt bemerke ich, wie sehr ich mich davor fürchte, angesteckt zu werden. Jede/r hat ja seine/ihre eigenen Panik-Trigger. Dieses ist meiner. Schon von jeher fürchte ich mich besonders stark davor, keine Luft mehr zu bekommen. Dieses dämliche Virus erfüllt alle meine Alptraum-Visionen: ertrinken oder ersticken, die Abschnürung der Atemwege, wie das Herz verzweifelt pumpt und der Kopf panisch anschwillt und das Gehirn dann weiß, erkennt: es wird nicht reichen, es reicht nicht...

Ich muss versuchen, das zu verdrängen. 

***

Heute Nacht hatte ich einen seltsamen Traum von einem Zwerg, etwa 30cm hoch, einem sehr bösartigen Zwerg mit roter Zipfelmütze und gelber Joppe, der mich packen wollte und der keine Ruh gab, egal wie ich ihn auszusperren versuchte, immer fand er ein Schlupfloch, sich zu nähern, schließlich rollte ich ihn, verzweifelt zeternd dabei, in Verbandsrollen ein, er wehrte sich heftig, aber ich war stärker und geschickter, obwohl er mir einige Blessuren beifügte, schließlich gipste ich ihn zu und ein (weiß nicht, wo der Gips herkam, auf einmal), bis er sich nicht mehr rühren konnte. Dann fragte ich mich, was ich tun sollte mit dem bösen Gipszwerg und ich packte ihn  in ein handelsübliches Paket, das ich fest verschnürte. Das schleppte ich in der Nacht (denn es war ja Nacht, wie mir im Schlaf noch einfiel, es war ja, beruhigte ich mich im Traum, alles nur ein Traum) hinunter zum Teich und versenkte es. Danach wurde ich doch unruhig. Was wenn jemand den Zwerg vermissen würde? Ich spürte mein Gewissen. Ich hatte den Zwerg ermordet. So war das. Und ich wollte doch nicht dafür büßen. Ich wollte davon kommen mit dem Mord. Es tat mir nicht leid, dass er tot war. Es tat mir leid, dass ich seinetwegen zur Mörderin geworden war. Ich wurde unruhig und schlug um mich. Und da wachte ich auf.

***

Manche teilen jetzt so ein Zitat von Helmut Schmidt, sinngemäß sagte er (angeblich), dass sich in der Krise der Charakter zeige, was ja vielleicht sogar stimmt, obwohl es von Helmut Schmidt kommt (falls das zutrifft) und obwohl es so gern geteilt wird. Ich beobachte genau, was so in meine Timeline gespült wird und mein Elefantengedächtnis wird nicht vergessen. Heute z.B. Ferda Ataman (u.a. "Kartoffel-Expertin"),  deren Kolumnen im SPIEGEL ich ja schon länger nicht mehr lese, weil mich deren passiv-aggressiver Tonfall eh stört. Die entbödete sich nicht auf Twitter zu posten: "Ich habe irgendwie eine Ahnung, welche Bevölkerungsgruppen in Krankenhäusern zuerst behandelt werden, wenn die Beatmungsgeräte knapp werden." Im Kontext meinte sie offensichtlich jene Gruppe, die ihresgleichen PoC oder "Nichtweiße" nennt, obwohl 80% der Menschen, die sie damit bezeichnen will, den ersten Begriff nicht kennen und sich selbst auch eher als Weiße (was die Hautfarbe angeht) definieren würden (aber das nur nebenbei). Als ihr der Tweet nicht den erwarteten Beifall einbrachte, behauptete sie, dass es keine Unterstellung gegenüber dem medizinischen Personal sei, die sie da vorgetragen habe, sondern es lediglich um ihre "Rassismus-Bedenken" gehe und im schon gewohnten passiv-aggressiven Tone fuhr sie fort, sie verspreche "diese in Bezug auf die Coronakrise nicht mehr zu äußern". 

Es zeigt sich jetzt ziemlich gut, wer in einer Krisensituation in der Lage ist, seine eigenen Agenda zurückzustellen, eventuell auch (temporär) auszusetzen, um Lösungen für alle zu finden, für wen es, egal was kommt, egal was Not tut, darum geht, sich (weiterhin) ausschließlich für "identitäre" Gruppeninteressen einzusetzen (Keineswegs, bin ich überzeugt, damit sprechend für diejenigen, als deren Sprachrohr sich z.B. Ataman wähnt.) 

Es zeigt sich auch in der Krise, dass es nicht funktioniert, das Maß der Verletzlichkeit und Verletzungen allein durch die sogenannten "Betroffenen" definieren zu lassen. Auch in der Krise gibt es Unterschiede, manche sind weniger belastet als andere. Das gilt es zu berücksichtigen. Aber die Befindlichkeit (sei sie auch noch so gestört) von Eltern mit kleinen Kindern, die sich überfordert fühlen, ist jetzt eben weniger bedeutsam als die Befindlichkeit von Krankenpfleger_innen und Ärzten_innen. Die Belastung von Menschen, die in Kraftwerken in 14tägigen Schichten isoliert arbeiten müssen, ist höher als die von Home-Worker_innen, deren Putzhilfe nicht mehr kommen mag. Die Schwierigkeiten von alleinstehenden, alten, autochthon deutschstämmigen Menschen sind oftmals größer als die von gut familiär eingebundenen alten Menschen mit Migrationsgeschichte. Es geht nicht dem/derjenigen am Schlechtesten oder hat diejenige/derjenige am meisten zu tragen, die/der am meisten und nachdrücklichsten von sich reden macht. Oft ist es eher andersrum.

Man kann sich Mühe geben, genau hinzuschauen. Oder es lassen. Weil man eben immer schon weiß, wie alles ist. Weil man die eigenen Vorurteile in jeder neuen Situation immer nur bestätigt sehen kann. Weil man sich ohnehin nicht interessiert für das, was ist. Weil man ohnehin keine Lösungen will, sondern bloß die Perpetuiierung von Problemen, über die man sich recht jämmerlich definiert.


Zum Glück gibt es ja nicht nur die Ferdas. Sondern auch viele, die jetzt hinschauen, wer Hilfe tatsächlich braucht. Und wie sie organisiert werden kann.