Dienstag, 28. April 2020

Corona-Post (Tag 51): BORIS P. (u.a.) hinter die Ohren geschrieben oder auf die Ohren gegeben

Juli Zeh ist auch dabei. Julian Nida-Rümelin und der unsägliche Antisemit Jakob Augstein, Boris Palmer natürlich und ein Andreas Rosenfelder, der das Virus als Metapher verstehen will und nach eigener Aussage jetzt in einer traumatisierten Gesellschaft lebt , wenig überraschend auch ein Herr Reichelt von der BLÖD-Zeitung und Kind Fürchterlich (enfant terrible) Frank Castorf.  Es ist doch so, sagen sie, der Preis sei zu hoch, den WIR jetzt zahlen sollen: Meistens daheim bleiben, kein Feierabendbierchen und gemeinschaftliches Lästern über Spießer, kein Fußball, keine Konzerte, konsumpromenieren nur mit Maske und dann auch noch dauernd Hände waschen. Andere beklagen das Leid der armen Kinderchen, seit 6 Wochen eingesperrt, meint Ministerpräsident Laschet (wovon ich gar nix gemerkt habe, weil hier, wo ich lebe, die Kinderchen sehr wohl die ganzen 6 Wochen über auf die Straße und in die Parks und in den Wald durften; aber vielleicht verwechselt er das mit Italien oder Spanien; der Mann wirkt ja insgesamt ziemlich verwirrt.) 

Es stehe die FREIHEIT auf dem Spiel, so stellen sie fest. Ihr Freiheitsbegriff ist dabei ein bisschen dürftig, denn er kommt offensichtlich ohne VERANTWORTUNG aus. Dass die Grenzen der Freiheit immer da gesetzt sind, wo die Wahrnehmung der Freiheitsrechte die Rechte anderer beeinträchtigt, haben sie wohl schon verstanden? Ich nehme mal an, auch Frau Zeh hält an der roten Ampel (vielleicht sogar, wenn sie den Standort der Ampel persönlich für unnötig hält). Aber JETZT geht ihr das mit den Vorschriften zu weit. Das erinnert sie dann doch zu sehr an eine Gesundheitsdiktatur, wie sie sich eine m schlecht geschriebenen Roman CORPUS DELICTI ausgedacht hat (Der Plot ist selten dämlich: Geht es doch um eine datengeile BigBrother-Diktatur, die jederzeit deine Temperatur kennt, aber unfähig ist, in ihren digitalen Archiven eine Transplantation abzuspeichern).  

Denn diesmal geht es um Einschränkungen, die nur einem Zweck dienen: dem Schutz des Lebens von Leuten, die vielleicht eh bald gestorben wären. Alte nämlich und Vorerkrankte.  Das Leben insgesamt wird ja maßlos überschätzt. Noch mehr aber das von Ungesunden. Diese „Störfaktoren“ für ein freies Leben aller anderen sollen gefälligst sich mal selber schützen, indem sie sich aus dem (öffentlichen) Leben fernhalten. Das kann man von dieser „Risikogruppe“ echt verlangen. Alte Leute mit geringer Lebenserwartung und ohne großen gesamtwirtschaftlichen Nutzen können doch nicht im Ernst erwarten, dass wegen ein paar Monaten oder Jahren oder einem einzigen Jahrzehnt, das sie eventuell noch hätten, alle anderen ihre Bewegungsfreiheit einschränken. Ist doch so, oder? In der WELT (Springer-Konzern wie die BLÖD-Zeitung) kann man lesen, dass „wir“ im Grunde ja auch schon Triage machen, bloß halt zugunsten der Alten. Denn es sterben – wahrscheinlich ?- irgendwo in den verschlossenen Häusern (Wo stehen die bloß? Bei mir gehen überall dauernd die Türen auf und zu.) mehr Frauen und Kinder an gewalttätigen Männern, die ohne Fußball auskommen müssen, als je zuvor. Es ist erstaunlich, wer in dieser Krise plötzlich sein weiches Herz für Frauen und Kinder entdeckt, die ihm/ihr sonst immer ziemlich am Allerwertesten vorbeigegangen sind.* Plötzlich muss deren imaginiertes Leid im Halb-Lockdown herhalten, um Herrn Professors und Frau Richterins Unbehagen an der ungewohnten Unbequemlichkeit des Lebens zu begründen. 

Beifall erhält die Fraktion „Diese Freiheit nehm ich mir“ von verzweifelten Abiturientinnen auf TikTok, die vor ihrem Abiball-Kleid (noch original im Schrank verpackt) rumheulen („Seit 13 Jahren freu´  ich  mich drauf.“), von trotzigen alten Männern, die sich für „hart im Nehmen“ halten, aber vor allem gerne austeilen, von libertär-kindischen Provozierern, die immer schon  keinen Bock hatten, sich „was sagen zu lassen“, vor allem nicht von Fachleuten zum Thema  (Stichwort: Diktatur der Virologen). Jetzt muss doch mal Schluss sein mit der Pandemie (Die Nachrichten sind ja auch so langweilig geworden!). Weiter muss es gehen. Raus müssen wir. Damit der Ball wieder rollt. Der Rubel auch. 

Ja, ich habe auch Angst, dass wir in eine Rezession geraten. Vielleicht sogar in eine Depression. Ich habe auch Angst, dass die Pandemie weltweit zu Hunger und einer Vervielfachung der Armut führen wird. Dass die Arbeitslosigkeit wieder zur Massenarbeitslosigkeit wird. Und dass der Nationalismus, der sich schon vor der Pandemie allseits breitmachte, dazu führen wird, dass die Folgen dieser Naturkatastrophe noch schlimmer werden, als sie es ohnehin sein werden. Und ich bin auch nicht so hart, dass ich keine Angst habe um mich und die meinen vor einer Krankheit, von der man wenig weiß und die gravierende Langzeitschäden haben kann. 

Gerade deshalb, weil ich Angst vor all dem habe, fehlt mir die Empathie für das Gejammer jener Vorgenannten. Auch ich wünsche mir, dass wir die Infektionszahlen so reduzieren können, dass Cafés, Restaurants und Hotels bald wieder aufmachen können. Es wird trotzdem schwer werden in vielen Branchen und für viele Unternehmen. Da wird unsere Solidarität wieder gefragt sein. Auf die Zehs, Nida-Rümelins, Castorfs, Augsteins und Palmers sollten wir auch dann eher nicht vertrauen. Denen wird sicher einfallen, warum Verzicht gerade von ihnen nicht verlangt werden kann.

Wofür ich sie aber aufrichtig verabscheue, ist ihre rücksichtlose Verachtung gegenüber einer Generation, für die der Wohlstand und die Freiheitsrechte, um deren Erhalt es ihnen vorgeblich geht, keineswegs eine Selbstverständlichkeit waren. Jene, die „sowieso“ bald gestorben wären, das sind Menschen wie meine Eltern, Kriegskinder mit ECHTEN Traumata (statt diesem: „Das arme Kind, wie soll ich ihm erklären, dass es nicht auf den schönen Spielplatz darf?), die gehungert haben und später viele Jahre gedarbt, deren Konsumverzicht nötig war, um den Wohlstand zu ermöglichen, in dem wir Jüngeren aufgewachsen sind, die zentralbeheizten Wohnungen und die Sommerurlaube, die wir für „normal“ und „unser Recht“ halten. Für meine Eltern sind diese letzten Jahre ihres Lebens die besten. So gut wie jetzt ist es ihnen tatsächlich noch nie gegangen, materiell nicht, aber auch nicht, was ihre persönlichen Freiheiten angeht. Jeder Tag, den sie haben, miteinander, mit uns, ist kostbar. Denn wir alle wissen, dass diese Zeit begrenzt ist. Ich kann mit Worten nicht ausdrücken, was ich empfinde, wenn Menschen die begrenzte Lebenszeit alter Menschen als Argument dafür benutzen, dass es auf diese Leben weniger ankäme. Ich könnte, was ich empfinde, nur handgreiflich ausdrücken. Aber das kann ich halt auch nicht.

Drum schreib´ ich es hier!

Ich vergesse und verzeihe Euch das nicht, Eure Worte nicht und Euer Verhalten nicht!

Aber ich bin dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die sich in ihrer Mehrheit (bis jetzt) anders entschieden hat: Der Schutz des Lebens ist uns was wert. Auch des Lebens jener, die - vielleicht - nicht mehr so lange zu leben haben wie andere. 


* Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist mir selbstverständlich nicht gleichgültig, wenn Frauen und Kinder im häuslichen Umfeld nun ungeschützter Gewalt ausgesetzt sind. Die Aufgabe an uns als Gesellschaft lautet dann: Wie kann Schutz für sie organisiert werden? Z.B., indem kurzfristig die Unterbringung in jetzt leerstehenden Hotels organisiert wird. Das Leid dieser Frauen und Kinder wird jedoch nicht durch zu wenig Freiheitsrechte für alle verursacht und verlängert, sondern viel eher dadurch - auch unabhängig von Corona -, dass die Täter zu uneingeschränkt "Freiheiten" für sich in Anspruch nehmen. 

Sonntag, 29. März 2020

CoronaPost (Tag 14): "Nach dem Krieg um halb sechs im ´Kelch´!"

Zu den Zoom-Meetings schalte ich immer die Kamera ein. Damit ich mich vorher ordentlich anziehe, das Haar richte, die Nase pudere. Sonst würde ich ja verludern. Ohne Morel wäre ich auch ohne Corona-Virus schon längst dem Fast Food verfallen. Aber Morel kocht, wie gewohnt, jeden Abend ein leckeres Abendessen. (Doch wir haben entschieden, dass wir nun mindestens einmal in der Woche in einem unserem Lieblingsrestaurants TakeAway-Boxen abholen wollen, was sie neuerdings anbieten. Denn wir wünschen uns, dass es diese Restaurants auch nach der Krise noch geben wird.)


In dieser Woche ist mir noch mehr bewusst geworden, wie privilegiert wir sind. Wir leben in einer geräumigen Wohnung mit Ausblick auf einen Park. Unsere Arbeitsplätze sind (zumindest bisher) sicher. Wir können beide im Home Office arbeiten. Ringsum uns hören wir von Freunden und Verwandten, dass sie in Kurzarbeit gehen mussten. Bei manchen wird es eng. Viele Selbstständige sind besonders hart getroffen. Manche wohnen weit von ihren Eltern entfernt und machen sich Sorgen um deren Verpflegung. Meinen Eltern habe ich gestern Lebensmitteln und Weidekätzchen gebracht + zwei Schlappohrschokoladenhasen aus meinem Lieblingscafé. (Es ist in einer früheren Apotheke untergebracht und sie liefern jetzt über den ehemaligen Nachtschalter aus.) Komische Situation war das, wie bei einer Lösegeldübergabe. Ich habe die Tüten im Hausflur abgestellt zwischen uns. Dann haben meine Eltern sie geleert und wieder zurückgestellt, gefüllt mit zwei der traditionellen Rührkuchen-Hasen, die meine Mama mir noch früh am Morgen gebacken hatte.

Telefonate mit Freunden beende ich jetzt mit dem Gruß des braven Soldaten Schwejk aus dem gleichnamigen Roman: "Nach dem Krieg um halb sechs im ´Kelch´." Nach der Pandemie sehen wir uns, wie wir uns immer getroffen haben, dort und dort und dort und trinken und essen und lachen miteinander.

Gestern haben der Morel und ich "Paddington" gestreamt. Bonbonbunt und lustig. Sowas brauchen wir jetzt. Hatte uns der Amazing, unser ältester Sohn, empfohlen. Gerade jetzt steht mir nicht der Sinn nach Mafia-Bossen, Mord und Totschlag-Krimis, Gangster-Epen. Eskapismus pur ist angesagt. Und ich habe angefangen die Serie "Anne with an E" anzuschauen, empfohlen in der Facebook-Gruppe "Feministische Filmkritik- Bechdle Test". Die bisher mit weitem Abstand beste Verfilmung dieser legendären Kinder- und Jugendbuchserie "Anne of Green Gables", die ich kenne. Die Bücher sind im angelsächsischen Raum mindestens so bekannt wie hierzulande Pippi Langstrumpf. Ich denke, dass Astrid Lindgren, die die Bücher kannte, inspiriert wurde durch "Anne of Green Gables". Die Titelfigur ist Waise und wird von einem älteren Geschwisterpaar, das eine Farm auf der kanadischen Prince-Edward-Insel betreibt, adoptiert. Anne ist eine Wort(er)finderin und Träumerin, die sich die Traumata ihrer Kindheit durch eine überbordende Phantasie und waghalsige Sprachkonstruktionen wegspricht und - schreibt. Beziehungen zwischen jungen Mädchen untereinander und älteren Frauen miteinander sind hier kein Beiwerk, sondern zentral für die Erzählung. Annes Leid, ihre Einsamkeit und ihre Außergewöhnlichkeit rühren an und beflügeln zugleich. 

Heute ist der erste Tag seit 2 Wochen, an dem ich mir wirklich frei nehme: Keine Video-Meetings, keine Korrekturen, keine Feedbacks, keine beruflichen Mails. 

Schönen Sonntag!


Montag, 23. März 2020

CoronaPost (Tag 7): Der böse Zwerg und die dumme Ferda

Langsam, ganz langsam lässt die Hektik nach, der Versuch, alles noch oder gerade jetzt online zu erledigen, was geplant war. Langsam stelle ich mich darauf ein, dass jetzt nicht die Zeit für Pläne ist. Dieses Zurückfahren ist positiv, einerseits, weil ich aufhöre, mich ständig unter Druck zu setzen. Andererseits wird so Raum geschaffen für die Angst, die ich in der ersten Woche noch beinahe vollständig unterdrücken konnte. Jetzt kommt sie hoch, gelegentlich, unvermutet, vorhin in einem Telefongespräch mit dem Mastermind, was mir besonders leid tut und verwerflich erscheint, denn ich will ihn nicht mit diesen, zumindest teilweise auch sehr irrationalen Ängsten belasten. Wegen einer überstandenen Herzmuskelentzündung nehme ich Tabletten gegen Folgeerscheinungen wie einen stets zu hohen Blutdruck. Seit der Erkrankung kenne ich auch Symptome wie Atemnot, die mir früher unbekannt waren. Und jetzt bemerke ich, wie sehr ich mich davor fürchte, angesteckt zu werden. Jede/r hat ja seine/ihre eigenen Panik-Trigger. Dieses ist meiner. Schon von jeher fürchte ich mich besonders stark davor, keine Luft mehr zu bekommen. Dieses dämliche Virus erfüllt alle meine Alptraum-Visionen: ertrinken oder ersticken, die Abschnürung der Atemwege, wie das Herz verzweifelt pumpt und der Kopf panisch anschwillt und das Gehirn dann weiß, erkennt: es wird nicht reichen, es reicht nicht...

Ich muss versuchen, das zu verdrängen. 

***

Heute Nacht hatte ich einen seltsamen Traum von einem Zwerg, etwa 30cm hoch, einem sehr bösartigen Zwerg mit roter Zipfelmütze und gelber Joppe, der mich packen wollte und der keine Ruh gab, egal wie ich ihn auszusperren versuchte, immer fand er ein Schlupfloch, sich zu nähern, schließlich rollte ich ihn, verzweifelt zeternd dabei, in Verbandsrollen ein, er wehrte sich heftig, aber ich war stärker und geschickter, obwohl er mir einige Blessuren beifügte, schließlich gipste ich ihn zu und ein (weiß nicht, wo der Gips herkam, auf einmal), bis er sich nicht mehr rühren konnte. Dann fragte ich mich, was ich tun sollte mit dem bösen Gipszwerg und ich packte ihn  in ein handelsübliches Paket, das ich fest verschnürte. Das schleppte ich in der Nacht (denn es war ja Nacht, wie mir im Schlaf noch einfiel, es war ja, beruhigte ich mich im Traum, alles nur ein Traum) hinunter zum Teich und versenkte es. Danach wurde ich doch unruhig. Was wenn jemand den Zwerg vermissen würde? Ich spürte mein Gewissen. Ich hatte den Zwerg ermordet. So war das. Und ich wollte doch nicht dafür büßen. Ich wollte davon kommen mit dem Mord. Es tat mir nicht leid, dass er tot war. Es tat mir leid, dass ich seinetwegen zur Mörderin geworden war. Ich wurde unruhig und schlug um mich. Und da wachte ich auf.

***

Manche teilen jetzt so ein Zitat von Helmut Schmidt, sinngemäß sagte er (angeblich), dass sich in der Krise der Charakter zeige, was ja vielleicht sogar stimmt, obwohl es von Helmut Schmidt kommt (falls das zutrifft) und obwohl es so gern geteilt wird. Ich beobachte genau, was so in meine Timeline gespült wird und mein Elefantengedächtnis wird nicht vergessen. Heute z.B. Ferda Ataman (u.a. "Kartoffel-Expertin"),  deren Kolumnen im SPIEGEL ich ja schon länger nicht mehr lese, weil mich deren passiv-aggressiver Tonfall eh stört. Die entbödete sich nicht auf Twitter zu posten: "Ich habe irgendwie eine Ahnung, welche Bevölkerungsgruppen in Krankenhäusern zuerst behandelt werden, wenn die Beatmungsgeräte knapp werden." Im Kontext meinte sie offensichtlich jene Gruppe, die ihresgleichen PoC oder "Nichtweiße" nennt, obwohl 80% der Menschen, die sie damit bezeichnen will, den ersten Begriff nicht kennen und sich selbst auch eher als Weiße (was die Hautfarbe angeht) definieren würden (aber das nur nebenbei). Als ihr der Tweet nicht den erwarteten Beifall einbrachte, behauptete sie, dass es keine Unterstellung gegenüber dem medizinischen Personal sei, die sie da vorgetragen habe, sondern es lediglich um ihre "Rassismus-Bedenken" gehe und im schon gewohnten passiv-aggressiven Tone fuhr sie fort, sie verspreche "diese in Bezug auf die Coronakrise nicht mehr zu äußern". 

Es zeigt sich jetzt ziemlich gut, wer in einer Krisensituation in der Lage ist, seine eigenen Agenda zurückzustellen, eventuell auch (temporär) auszusetzen, um Lösungen für alle zu finden, für wen es, egal was kommt, egal was Not tut, darum geht, sich (weiterhin) ausschließlich für "identitäre" Gruppeninteressen einzusetzen (Keineswegs, bin ich überzeugt, damit sprechend für diejenigen, als deren Sprachrohr sich z.B. Ataman wähnt.) 

Es zeigt sich auch in der Krise, dass es nicht funktioniert, das Maß der Verletzlichkeit und Verletzungen allein durch die sogenannten "Betroffenen" definieren zu lassen. Auch in der Krise gibt es Unterschiede, manche sind weniger belastet als andere. Das gilt es zu berücksichtigen. Aber die Befindlichkeit (sei sie auch noch so gestört) von Eltern mit kleinen Kindern, die sich überfordert fühlen, ist jetzt eben weniger bedeutsam als die Befindlichkeit von Krankenpfleger_innen und Ärzten_innen. Die Belastung von Menschen, die in Kraftwerken in 14tägigen Schichten isoliert arbeiten müssen, ist höher als die von Home-Worker_innen, deren Putzhilfe nicht mehr kommen mag. Die Schwierigkeiten von alleinstehenden, alten, autochthon deutschstämmigen Menschen sind oftmals größer als die von gut familiär eingebundenen alten Menschen mit Migrationsgeschichte. Es geht nicht dem/derjenigen am Schlechtesten oder hat diejenige/derjenige am meisten zu tragen, die/der am meisten und nachdrücklichsten von sich reden macht. Oft ist es eher andersrum.

Man kann sich Mühe geben, genau hinzuschauen. Oder es lassen. Weil man eben immer schon weiß, wie alles ist. Weil man die eigenen Vorurteile in jeder neuen Situation immer nur bestätigt sehen kann. Weil man sich ohnehin nicht interessiert für das, was ist. Weil man ohnehin keine Lösungen will, sondern bloß die Perpetuiierung von Problemen, über die man sich recht jämmerlich definiert.


Zum Glück gibt es ja nicht nur die Ferdas. Sondern auch viele, die jetzt hinschauen, wer Hilfe tatsächlich braucht. Und wie sie organisiert werden kann.


Freitag, 20. März 2020

CoronaPost (Tag 4) : Erste Eindrücke nach dem Shutdown/To Thrive or Not To Thrive

Der vierte Tag seit dem Shutdown. Eigentlich schon der sechste. Denn als ich Freitagmorgen zur Schule fuhr und im Radio hörte, dass Bayern die Schulen schließt, war mir klar: Montag ist auch bei uns Schluss. Die hessische Landesregierung brauchte dann noch bis 17.30 Uhr, um es offiziell zu verkünden. Ich unterrichte an einer Beruflichen Schule. Da ich zur Risikogruppe gehöre, bin ich schon Montag nicht mehr zur Dienstversammlung gekommen. Freitagmittag noch habe ich meine Kurse auf Moodle, einer Online-Lernplattform, eingerichtet. Ich mag Moodle nicht. Es ist wenig intuitiv, optisch spröde, ein "mächtiges" Instrument, wie es heißt, kann viel, klar, aber eben aufgebaut wie ich mir das Innenleben des Kopfes eines KI-Roboters vorstelle: Verzeichnisse und Unterverzeichnisse, alles ist mit allem verbunden, aber vollkommen unsinnlich. Wer, wie ich, in Bildern denkt und die Sprache nicht (nur) als "Zeichensystem" versteht, hat's nicht leicht damit. Es ist nicht schwer zu bedienen, eigentlich, aber der Aufbau meinem Denken fremd. Außerdem ist es ein Tool für Kontrollfreaks, alles wird dokumentiert, mit Terminen versehen, alle Bearbeitungsweisen sollen antizipiert sein und möglichst nach Skalen "evaluiert" werden.  - Was eben gegenwärtig ohnehin der Trend ist im Bildungssystem und nicht nur in diesem. Wahrscheinlich wird dieser Trend durch diese Krise noch befeuert. Es nennt sich dann "individualisiertes Lernen", wenn jede/r sich Aufgaben auswählen und in unterschiedlicher Reihenfolge und unterschiedlichem Tempo lernen kann. Baukastenprinzip. Tatsächlich wird dabei alles standardisiert und addiert, nichts wächst. Es taugt für manches. (Schienennetze, Rechnungswesen, Managementkurse nach Modulsystemen.) Man kann so ausbilden, "trainieren" (wie die Lehrkraft hier ja auch "Trainer" heißt). Ich verstehe unter Lernen, unter Bildung (auch noch) etwas anderes, ein organisches Wachstum, Entwicklung, im Englischen sagt man "to thrive". Es ergibt sich aus dem lebendigen Gespräch, dem "Denken in Präsenz". Ich glaube, das geht auch Online, aber nicht auf Moodle. 





Die Schüler_innen empfinden unser Verhalten (das der Lehrkräfte), so vermute ich, als übereifrig. Ruckzuck war die sonst überschaubar gefüllte Moodle-Plattform mit Kursen und Materialien befüllt. Auch ich habe so reagiert. Bloß keinen Leerlauf. Gleich mal alles hochladen, was digital schon in den Dateien auf meinem Laptop schlummert. Und Aufgaben einstellen. Termine festlegen. Chatgruppen einrichten. Bloß kein Leerlauf. Neue Aufgaben kreieren, Lektionen anlegen, Tests konfigurieren. So ging das bis Dienstagfrüh. Bei ersten Versuch mit den Schüler_innen zu chatten oder per Videokonferenz Kontakt aufzunehmen, brach die Plattform zusammen. Jetzt habe ich mir ein 2monatiges Abo für Zoom zugelegt; das läuft. Aber ich fahre jetzt einen Gang runter. Diese hektische Hyperaktivität dient im Grunde nur dazu, den Schock zu verdrängen. Für "uns" in Hanau (in dieser Stadt unterrichte ich) kommt dieser Einschnitt nur wenige Wochen nach den rassistischen Morden. Während ich in den Tagen nach dem Attentat häufig geweint habe, immer wieder zwischendurch, eruptiv manchmal (2mal musste ich bei der Rückfahrt mit dem Auto an den Straßenrand fahren, so wurde ich von einem Weinkrampf überwältigt) finde ich gegenüber dieser Krise noch keinen Zugang zu meinen Gefühlen. Eine diffuse Mischung aus Ungläubigkeit, Angst, Verdrängung und hektischen Übersprungshandlungen. Der hilflose Versuch, durch atemlosen Medienkonsum zu verstehen, was geschieht, was zu tun ist, was jetzt (!) helfen kann. Welche Maßnahmen wann wie die richtigen, diejenigen sind, die am meisten Menschenleben retten und die Grundlagen unserer Gesellschaft nicht zerstören. Denn das ist möglich. Eine Wirtschaftskrise wie in den 20er Jahren. Nicht mehr relative, sondern absolute Armut auch bei uns. Nöte, die "wir", meine Generation nie gekannt haben. 

Und draußen dieser herrliche Frühling. Die Magnolie, die vor unserem Fenster blüht. Das Licht, das sich auf der Oberfläche des Teiches im Park vor unserem Haus bricht. Nichts passt zusammen. Vom Kindergarten ein paar Häuser weiter kein Geschrei mehr. Der Pausenhof des Gymnasiums gegenüber leer. Aber auf der Parkbank am Teich drängten sich vier Senioren noch gestern eng aneinander. Morel, der seit Dienstag im Homeoffice ist, kauft ein. Er berichtet, dass es wahr ist, was auf Twitter behauptet wird und ich für übertrieben hielt: Klopapier ist aus. Amazing wohnt nur wenige 100 Meter von uns entfernt. Gestern war er kurz hier (2m Abstand!). Auch er im Homeoffice. Seine Freundin, mit der er zusammenlebt, geht noch zu Gericht. Das Justizsystem wird aufrecht erhalten, zumindest teilweise. Mastermind schreibt an seiner Masterarbeit (Psychologie) und hat seinen Studienort verlassen, um bei seiner Freundin zu Hause zu sein. Meine Eltern sind zusammen und täglich in Kontakt mit uns. Doch der blaue Himmel wirkt wie FakeNews. Die Osterglocken und Narzissen strecken ihre Hälse nach der Sonne. Alles gedeiht (eine der möglichen Übersetzung für "to thrive") offenbar. Uns geht's gut. 

Es ist gut, dieser Tage dort und bei denen zu sein, wo man sein will. Eine Freundin hat es gerade noch nach Norwegen zu ihrem Lebensgefährten geschafft. 14 Tage Quarantäne sind Pflicht. Denn Deutschland ist Risikogebiet. (Umso absurder, dass das Robert-Koch-Institut immer noch Tests empfiehlt, wenn eine Person aus einem "Risikogebiet" eingereist ist; aber ich verstehe, dass z.Zt. offenbar nicht genügend Testkits und vor allem Personal zur Verfügung stehen, um die Tests auszuweiten.) Wir haben es daheim behaglich und sind gut versorgt. Was uns abverlangt wird, ist nichts im Vergleich zu früheren Generationen und Menschen in anderen Regionen der Welt. Noch.

Womit ich jetzt nichts anfangen kann: Politische und/oder philosophische Aktivist_innen, die in der Krise eine Chance vermuten, wie z. B. Durchbruch bei der Digitalisierung, Care Revolution, Durchsetzung des Bedingungslosen Grundeinkommens, mehr Entschleunigung im Alltag, das Ende des Kapitalismus...Große Entwürfe und Ausblicke, die selbstgerechte Bestätigung der immer schon gewussten eigenen Wahrheiten durch und in der Krise - ich verstehe sie gegenwärtig nicht einmal; in mir schaltet etwas unmittelbar auf stumm oder bricht das Lesen ab, wenn eine/r so daher schwadroniert. Stattdessen suche ich nach nachvollziehbaren Modellen, die zeigen wie und wodurch diese Krise so schnell wie möglich beendet werden kann. Denn ich will dieses Leben, das wir kannten, zurück. Mir zeigt diese Krise nichts anderes, als was ich auch schon vorher über mich wusste: Ich will keine Revolution. 

Doch auch der BenHuRum weist mich am Telefon darauf hin: Nach der Pest kam die Renaissance. 

To Thrive or Not To Thrive. 


Dienstag, 25. Februar 2020

WORT-SCHATZ (22): FREMD. Ein Plädoyer für mehr Fremdheit

nur ein fremdling, sagt man mit recht, ist der mensch hier auf erden. 

Göthe


Auch ich habe, wie viele andere, schockiert durch die rassistischen Morde in Hanau, gepostet: "Es waren keine Fremden." Um ein Zeichen zu setzen gegen die Wahrnehmung des Mörders und jener, die seine Gesinnungen teilen: Es sei 1. die Welt reinlich einzuteilen in "Fremde" und Zugehörige und 2. das "Fremde" und die "Fremden" seien minderwertig und nicht lebenswert. Das ist eine widerwärtige, menschenverachtende und zu bekämpfende Einstellung. 

Und doch...halte ich an einer Aussage fest, die ich im vergangenen Sommer, in der Sommerfrische - noch halb im Scherz - traf: 

Ich lese, weil mir „die Menschen“ fremd sind und ich hoffen darf – lesend - , dass es so bleibt. 


Das "Fremde" ist jenes, was ich lesend suche, dem ich im Leben jedoch bisweilen durchaus ausweiche. Ich teile das Bedürfnis nicht, mich dem "Fremden" zu nähern oder mich ihm anzugleichen. Ich will mich nicht identifizieren und keine Nähe herstellen. Im Gegenteil. Ich will mir - lesend - selbst "fremd" werden und mir die anderen und das andere - alle "Fremde", alles "fremd" - vom Leib halten. Ich will Distanz und Distanzierung - auch von mir selbst, von der allzu schnellen Übereinstimmung mit dem ersten, scheinbar "authentischen" Gefühl, von der Vereinnahmung durch die Verständnisseeligkeit der anderen, von der immer falschen Vergemeinschaftung und Verallgemeinerung. Immer schon fühle ich mich überall unwohl, schnell, wo sich alle einig sind oder zu sein scheinen, wo Harmonie unbarmherzig herrscht, wo es, wie es so schön und ironisch heißt, "menschelt", wo man sich an den Händen fasst und "lieb" hat und sein großes "WIR" findet und bestätigt.

(Ganz wahr ist das selbstverständlich nicht, denn ich möchte auch manchmal dazugehören, dabei sein, mich anschließen. Aber im Grunde genommen stimmt es schon, dass es mir stets unheimlich wird und immer schon geworden ist, wenn das "WIR" mehr als 10 Menschen umfasst. Dass dann die Fluchtreflexe einsetzen. Dass mir der Mensch als Masse immer schon Angst macht, auch wenn sich diese für das vermeintlich "Gute" einsetzt.)

Fremd ist, sagen die Grimms, was "von fernher" komme und/oder "nicht eigen" sei. Fremde Götter, fremde Speisen, fremde Länder, fremde Sitten, fremdes Eigentum. Das "Fremde" fasziniert und stößt ab, es weckt Begehren und Unbehagen, bereichert und beunruhigt. Das "Fremde" stellt in Frage, was gegeben ist, weil es zeigt, dass es auch anders sein könnte. Ganz anders. Ganz fremd. Das "Fremde" stiftet die Möglichkeit, sich selbst fremd zu werden. Identitäten aufzulösen. 

Identitäre aller Lager müssen daher seit je darauf achten, die Reaktionen auf das Fremde zu kontrollieren: Fremden Göttern sollst Du nicht dienen, fremde Männer sollen "unsere" Frauen nicht haben, fremde Heere uns nicht besetzen. Solange das gelingt, lässt sich daraus ein religiöses oder politisches Süppchen kochen. Herrschaft hat, wer bestimmt, was "fremd" ist. Je simpler und polarer, desto wirkmächtiger, weil es so noch die/der Dümmste kapiert: Was nämlich "fremd" ist und bleiben soll.

Die Gegenseite reagiert nicht selten kaum weniger schlicht: Man solle, sagen sie, jeden "als Menschen" sehen, als sei das etwas Besonderes und als hafteten dem Attribut "menschlich" nur positive Konnotationen an. (Mitnichten!) #unteilbar, heißt es, müssten "wir" sein. (Man marschiert dann, wie auch am Sonntag in Hanau wieder, unverdrossen neben den rassistischen "Grauen Wölfen" und Erdogans faschistischen Anhängern). Man will die "Fremdheit" nicht ertragen oder woanders hin verlagern. "Fremd" ist, was unserer Gesinnung widerspricht. "Wir" selber aber sind uns eins. Identisch halt. Fremdeln nicht miteinander. Wer keinen Döner mag, ist ein Fremdenfeind. Noch nie in der Shisha-Bar gewesen? Schnell mal hin. Sari anprobieren. Fez auf den Kopf. Wir lieben thailändisch inspirierte Bowls und besuchen Bauchtanz-Kurse. (Man muss da allerdings auch sehr aufpassen, wo "cultural approbation" anfängt. Das wär´ dann auch schlecht.) Jede/r soll zu uns gehören. Und wir wollen zu jedem und jeder gehören. Wir wollen aufmerksam sein und zugewandt. Dem "Fremden" gegenüber besonders und stets. Wir sind WeltbürgerInnen und wollen, dass alle es werden. Fremdheit dulden wir nicht länger. Es gibt keine Fremden. Jede/r soll willkommen sein. 

Das ist mir fremd. Diese Offenheit. Ich bin eher verschlossen. Eine grummelnde Hessin. Nach außen hin eher überlaunig wirkend. (Das ist der Trick, um in öffentlichen Verkehrsmitteln auf jeden Fall Ansprachen von "Fremden" zu entgehen.) Ich verschränke gerne die Arme vorm Oberkörper und bin zufrieden, wenn es verstanden wird: Bleibt mir fremd! 

Das ist - auch - eine Charakterfrage, zugegeben. Und trotzdem mache ich ein Plädoyer daraus. Gerade jetzt. Gegen die "Menschenlei". Gegen das allzu einfache "Wir".  Für die Fremdheit. Dafür, mehr Fremdheit wahrzunehmen, nicht weniger. Mir ist ein jeder fremd, oft. Nicht selten bin ich es mir selbst. Fremdheit beunruhigt. Immer schon.: "Was de Bauer net kennt, frisst he net." Wo ich herkomme, waren zu Zeiten auch die schon "fremd", die auf der anderen Seite vom Fluss oder Berg gewohnt haben. Was fremd ist, ist oft unangenehm. 

Fremdheit nötigt zu Zurückhaltung. Man beschwert sich nicht, auch wenn man den Borretsch nicht so mag, den die russischstämmige Gastgeberin serviert. Man zwingt sich mitzuschunkeln, obwohl man diese lauten Bräuche höchst seltsam findet. Man zückt einen Geldschein und steckt ihn der Braut ans Kleid bei der türkischen Hochzeit mit einem eher unangenehmen Gefühl. Lieber hätte man ein schön verpacktes Geschenk überreicht. Das ist nämlich oft ziemlich anstrengend, wenn man sich den "Fremden" anpasst. Das erlebt man keineswegs meistens als Bereicherung. "Fremde" nerven. 

Nur wer sich selber öfter fremd wird, ist geübt darin, mit dieser Belastung umzugehen. Denn wer sich selber manchmal fremd wird, statt stets mit stabiler Identität andere zu missionieren, hat sich eingeübt in der einzigen Methode, auf die Zumutung von "Fremdheit" zu reagieren: Humor. Wer sich selber fremd werden kann, muss immer wieder mal über sich lachen. Und über seine eigene Befremdung. 

Es ist ein Kennzeichen, das die Identitären aller Lager ein: Ihre selbstgewisse Humorfreiheit. So kommt es, dass sie die Fremdheit entweder nutzen, um ihre Identität und die anderer einzugrenzen und zu bekräftigen oder - im anderen Lager - Fremdheiten zu leugnen und Differenzen zu moralisieren. Sie lachen nicht über sich. Und über andere nur schadenfreudig. 

Das antinomische Denken, das Fremde zu hassen oder es zu glorifizieren, lässt sich aufbrechen: Das Fremde ist komisch. So komisch, wie wir den Fremden sind. Man sollte sich viel öfter "befremdet" fühlen. Statt sich immer wieder weiszumachen, Bescheid zu wissen. Über das Fremde. Und die Fremden. Und über sich selbst. 

Lasst uns statt "Interkultureller Kompetenz" Befremdung üben!

Donnerstag, 10. Oktober 2019

HANNAH RYGGEN in der Schirn in Frankfurt: MEHR ALS "GEWEBTE MANIFESTE"

Ausstellungskatalog


Die Ausstellung der Wandteppiche der norwegischen Künstlerin Hannah Ryggen (1894-1970)  in der Frankfurter Schirn unter dem Titel „Gewebte Manifeste“ beeindruckt gerade dadurch, dass Ryggens Teppiche eben nicht nur sind, was der Ausstellungstitel behauptet. 


Hannah Ryggens Wandteppiche greifen zu ihrer Zeit aktuelle politische Ereignisse und Situationen auf und bewerten sie aus einer eindeutigen, kommunistischen Weltanschauung. Mit 72 Jahren, 1966, webte sie „Blut im Gras“, einen Teppich, auf dem sich rechts ein blutrotes Gitter durch grüne „Gras“-Wolle zieht und links auf lilafarbenem Hintergrund der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson mit Cowboy-Hut und Hund steht. Darunter hat sie den Titel „Blut im Gras“ eingewebt. Aber Ryggens Teppich besticht eben nicht, weil er bloß ihre Haltung zum Vietnam-Krieg illustriert, die sie in einem Brief festgehalten hat: „Die Armen sollen mit Geld, Blut und Tränen zahlen. Ich kann diesen miserablen Präsidenten in Lincolns Land der Freiheit nicht begreifen. Aber die meisten hier stehen auf seiner Seite, weil sie glauben, dass die USA sie vor dem Kommunismus schützen. Ja- die Welt ist nicht besser geworden als früher.“

Neben jedem der großformatigen Wandteppiche Ryggens ist eine Texttafel angebracht, die Aufschluss über den politischen oder sozialen Hintergrund der im Teppich gezeigten Inhalte gibt. Ryggens Haltung ist immer klar und eindeutig: gegen Kolonialismus und Faschismus, für Sozialismus und Kommunismus, gegen Krieg, für Frieden. Sie bezieht sich auf die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre („Fischen im Schuldenmeer“ 1933), Carl von Ossietzkys Tod in Haft („Tod der Träume“ 1936), setzt der deutschen Widerstandkämpferin Liselotte Hermann ein Denkmal („Liselotte Hermann enthauptet“ 1938) oder bezeugt die Inhaftierung ihres Ehemanns Hans Ryggen durch die Nationalsozialisten 1944 („Grini“ 1945). Ihre aufrechte Haltung verdient Respekt. Aber ihre Kunst geht nicht in dieser auf und die Wirkung der Wandteppiche von Hannah Ryggen überschreitet bei weitem diejenige eines zeitgebunden politischen Manifestes. 

Mich, die 1965 geborene, würden „Manifeste“ einer aufrechten Frau aus Norwegen bestenfalls historisch interessieren; Manifest gewordenen Kunstwerke hingegen, die bloß eine politische Haltung illustrierten, gar nicht. Hannah Ryggen mag ihre Werke auch als Manifeste verstanden und eingesetzt haben, spannender ist jedoch, dass und wie ihre politischen Überzeugungen sich in ihren künstlerischen und ästhetischen Entscheidungen zeigen; wie es ihr gelang, eine Form zu finden, durch die zeitgebundene Positionen in überzeitlich gültige übersetzt werden konnten. 

Um sich die „Inhalte“ der in Frankfurt ausgestellten Werke zu erschließen, muss die Betrachterin immer ganz dicht herantreten an die Texttafeln oder über die Audio-Features auf dem Handy abhören, was dargestellt ist. Sonst würde sie selten den historischen Hintergrund verstehen, allenfalls Churchill vielleicht erkennen auf „6. Oktober 1942“ (1943), eher nicht jedoch zum Beispiel Adenauer auf „Jul Kalve“ (1956), das gegen den Beitritt Norwegens zur NATO Stellung bezieht. Wenn die Betrachterin allerdings zurücktritt, um die Wandteppiche im Ganzen zu betrachten, dann wirken sie auch unabhängig von all diesem Hintergrundwissen. 

Diese Wirkung wird vor allem erzielt durch den Einsatz der Wollfarben. Die Beschäftigung mit der Herstellung der Wolle und ihrer Einfärbung nahm einen großen Teil des künstlerischen Schaffens Hannah Ryggens ein. Sie verwendete Wolle, die in der Region hergestellt wurde, in der sehr mit ihrem Mann und ihrer Tochter auf einem einsamen Hof lebte. Sie färbte diese Wolle selbst mit natürlichen Färbemitteln, die sie aus Pflanzen und Flechten herstellte, die sie sammelte. Männerurin war eine wichtige Basis ihrer Färberezepturen. Die Farben, die sie auf diese Weise herstellte, leuchten auf besondere Weise. Berühmt wurde ihr Blau, das „Pottblau“ oder „Pisseblau“, das so stark und vielfältig in vielen Teppichen hervorsticht oder Hintergründe bildet. 

Den Webstuhl, den sie verwendete, hatte ihr Mann Hans gebaut. Sie brachte sich das Weben selbst bei. Obwohl sie jahrelang Malstunden genommen hatte und über große technische Fertigkeiten verfügte, entschied sie sich bewusst für das Weben als Ausdrucksform. Sie verband mit ihrer Kunst das traditionelle (weibliche) Handwerk mit ihrem Wissen über kunsthistorische Ikonographie und die Entwicklungen der modernen Malerei. Das gewebte Bild bleibt dabei in einer anderen Weise „flächig“ als das gemalte Bild. Es wird aus Farbfeldern aufgebaut. Die Kette aus Leinen bildet den Untergrund auf dem die Wolle mit ihrer „Textur“ Formen bildet. Diese Formen sind zunächst schlicht, erinnern an naive Malerei und Volkskunst und beziehen sich ikonographisch und im Großformat dann doch auf die Traditionen der europäischen Malerei, auch christliche. Die Widerstandskämpferin Liselotte Hartmann hält ihr Kind wie eine „Maria mit dem Kinde“. 

Zugleich hebt diese Form des Wandteppiches, der häufig mit ornamentalen Bordüren verziert ist und traditionelle Webmuster verwendet, die Trennung zwischen Kunsthandwerk und „autonomer Kunst“, die das moderne Kunstverständnis bestimmt, auf. Sie besteht darauf, dass Kunst und Kunstproduktion nicht aus einem Gebrauchskontext herausgerissen werden sollen, dass das Kunstwerk im Dienst der Gesellschaft entsteht und ihr gehört. Hannah Ryggen hat konsequenter Weise daher ihre Werke nicht an private Sammler verkauft, sondern ausschließlich an öffentliche Einrichtungen. 
 

Mutterherz (1947)

Auch die Rolle der Frauen in der Gesellschaft steht dabei immer wieder im Zentrum von Hannah Ryggens Darstellungen: die Frau als Trophäe des wohlhabenden bürgerlichen Mannes, die aus ihrer Schönheit Macht bezieht und sich zugleich zur Ware degradiert in „Das goldene Lamm“ (1935), die alleinstehende Mutter an der Nähmaschine, die arbeitet und gleichzeitig liebevoll sich ihrem Kind zuwendet in „Unverheiratete Mutter“ (1937), die nackte, blaue Frau, die einen Soldaten zurück in seine Heimat führt in „Der Gebrauch der Hände“ (1949), die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern in „Mutterherz“ (1947).

Zu ihren Lebzeiten war Hannah Ryggen eine bekannte Künstlerin; sie vertrat Norwegen bei der Biennale in Venedig. Nach ihrem Tod geschah, was weiblichen Künstlerinnen und ihrem Werk nur zu häufig geschieht: Sie geriet in Vergessenheit. In ihrem Fall wird als Ursache dafür auch genannt, das sie Webarbeiten schuf, die als Kunsthandwerk galten und schon deshalb nicht Eingang in den Kunstkanon fanden. Erst jetzt wird sie nach und nach „wiederentdeckt“, wie es dann immer so heißt. 



Sonntag, 22. September 2019

"DAMIT IHR WISST, WIE´S WAR." Gabriele Tergits großartiger Familienroman "Effingers"



"Was ich mir wünsche ist, dass jeder deutsche Jude sagt: ja, so waren wir, so haben wir gelebt zwischen 1878 und 1939, und dass sie es ihren Kindern in die Hände legen mit den Worten: damit ihr wißt, wie's war."
Gabriele Tergit in einem Brief 

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Der Antisemitismus war immer schon da - in Gabriele Tergits Familienroman „Effingers“ und in Kragsheim, jener fiktiven Provinzstadt in Süddeutschland, wohin der 17jährige Paul Effinger 1878 an seine Eltern schreibt. Dort erinnert sich Pauls wortkarger Vater, der Uhrmacher, an die mittelalterlichen Pogrome gegen seine Vorfahren. Pauls ältester Bruder ist nach Großbritannien ausgewandert, weil er den Deutschen nicht traut. Der Techniker Paul und sein optimistischer Bruder Karl dagegen suchen ihr unternehmerisches und privates Glück im aufstrebenden Berlin der Gründerzeit. 

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Waldemar Goldschmidt: „Ich gehöre zu einer verachteten Rasse und bin ein Bürger zweiter Klasse in Deutschland. Aber ich habe einen Vorteil, der sich eines Tages zeigen wird: Ich bin durch meine bloße Existenz als Jude ein Zeuge für die Kraft des Geistes und der Gewaltlosigkeit.“
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Gabriele Tergit erzählt in „Effingers“ die Geschichte dreier deutscher jüdischer Familien: den aus Süddeutschland stammenden, konservativen Effingers und den liberalen Berliner Bankiersfamilien Oppner und Goldschmidt. Tergit erzählt von Unternehmertum und geschäftlichen Rückschlägen, von Familiengründungen und gescheiterten Ehen, von Weltkrieg und Zusammenbruch des Kaiserreichs, von weiblicher Emanzipation und künstlerischem Aufbruch, vom Aufstieg des Nationalsozialismus, von Vertreibung und Ermordung der jüdischen Familien. Gabriele Tergit hat diesen bedeutenden Roman noch auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Exil begonnen; 1951 ist er erstmals erschienen. 


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Der Sonntagmittag: „ ´Ein böses Zeichen, wenn auch für gute Sachen Reklame gemacht wird.´ ,Das ist der Zug der Zeit.´, sagte Karl. ´Was ist der Zug der Zeit?´, fragte Waldemar. ´Ein Zug blutjunger Männer, die immerzu Hurra schreien oder ein Zug bärtiger Männer mit Retorte und Rechenschieber, die uns ein besseres Leben lehren, mit elektrischem Licht und Kanalisation, ohne Krankheiten?“
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Das deutschsprachige Publikum war für diese groß angelegte Familiengeschichte über jüdische Deutsche in den 50er Jahren offenbar nicht bereit. In „Effingers“ werden die Angehörigen dieser fiktiven jüdischen Familien, von wenigen Überlebenden abgesehen, zu Opfern der nationalsozialistischen Mörder. Doch obwohl der Antisemitismus immer schon im Hintergrund spürbar ist, definiert weder der jüdische Glaube, noch die historische Zugehörigkeit zum Judentum die Protagonisten und Protagonistinnen des Romans. Gabriele Tergit schreibt den Roman aus der Perspektive einer allwissenden Erzählerin. Doch sie nutzt diese nicht aus, um ihre Figuren aus der Rücksicht zu determinieren.  

Wie alle große Literatur stellt Tergits Roman Individuen in den Mittelpunkt, die je Einzelnen in ihrer Not, ihrer Liebe, mit ihren Hoffnungen und Träumen, ihren Niederlagen und Sternstunden, ihrer Verzweiflung und ihrem Eigensinn. Während der grundsätzlich pessimistische, aber technikaffine Paul verbissen und zäh um sein Automobilunternehmen kämpft, die vielen Rückschläge mit verdoppeltem Arbeitseinsatz wettzumachen sucht, scheint sein Bruder und Kompagnon Karl stets auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, heiratet bei den reichen Oppners ein und genießt das Berliner Leben, die üppigen Mahlzeiten und zahlreichen Freizeitvergnügungen in vollen Zügen. 

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Frauenversammlung: „Denn selbst die gebildeten Frauen sind nur gebildet auf dem Gebiet dessen, was man als schöngeistig bezeichnet. Aber ihr habt endlich genug vom Vortrag über Rembrandt nach dem Nachmittagstee, der euch gerade noch genug Zeit lässt, um euch zur Abendgesellschaft umzuziehen. Hier beginnt die Pflicht gegen das eigene Ich, gegen die eigene Entwicklung zum Menschen.“
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Die Männer sind beunruhigt am Anfang des 20. Jahrhunderts, dass das tradierte patriarchale Geschlechterverhältnis ins Wanken gerät: „Die Gefahr“, so lässt Tergit einen Dr. Merkel schreiben, "in der Du dich befindest, ist ungeheuer. Du wirst von Stufe zu Stufe sinken. Ich aber segne diesen Krieg. Dieser ganzen Girlkultur der verdorbenen Großstadt wird ein Ende bereitet sein. Aus einem Stahlbad werden wir gereinigt hervorgehen.“  Auch die jüdischen Familien Effinger, Goldschmidt und Oppner verstehen sich als deutsche Nationalisten und stehen in dieser ersten Katastrophe des 20. Jahrhunderts fest auf der Seite ihres „Vaterlands“. Ihr Bruder in England, der seine zwei Söhne in diesem Krieg verlieren wird, bricht jedoch für immer mit den deutschen Verwandten. 

Die jüngere Generation der Effingers schließlich wird mit einer neuen Form des Antisemitismus konfrontiert werden, der sich nicht mehr auf christliche Ressentiments, sondern auf Rassenideologie stützt (und der dennoch ebenso nahtlos daran anschließen kann wie der gegenwärtige, teils als „Israelkritik“ verbrämte, teils muslimisch-religiös, teils anti-kapitalistisch/kolonialistisch begründete). Während die jungen Menschen nach dem 1. Weltkrieg noch darum kämpfen, sich in verwandelten gesellschaftlichen Verhältnissen und Moralvorstellungen zurecht zu finden, die nicht zuletzt das Geschlechterverhältnis betreffen, breitet sich diese Ideologie auch in ihrem unmittelbaren Umfeld mehr und mehr aus. 


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Gemütlicher Abend: „`Wir müssen uns darüber klar sein, wir lieben noch immer ein Deutschland, dass es nicht  mehr gibt. Wir glauben noch immer an den deutschen Humanismus, und wir lieben Kragsheim und Neckargründen. Wir werden den jetzigen Deutschen immer fremder.`“
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Gabriele Tergits Roman endet mit einem letzten bitteren Brief Pauls, der bereut, dass er nicht auf seine Frau gehört und Deutschland rechtzeitig verlassen hat. Alle Anstrengung dieses immer von Sorgen geplagten Unternehmerlebens umsonst: „Ich habe an das Gute im Menschen geglaubt. Das war der tiefste Irrtum meines verfehlten Lebens. Das haben wir nun beide mit dem Tode zu büßen.“ 

Dem folgt ein Epilog über den Frühling 1948, wenn „glückliche, neue Kinder spielen“ auf den Straßen Berlins. Die Spuren des jüdischen Lebens sind ausgelöscht. Beinahe. 

Doch sie, die Romanautorin Gabriele Tergit, wird das nicht stehen lassen. Mit „Effingers“ macht sie die Spuren wieder sichtbar. Zeit, dass dieser großartige Roman eine Leserschaft findet. In Deutschland.

Gabriele Tergit: Effingers. Mit einem Nachwort von Nicole Henneberg, Schönling&Co., 2019

Freitag, 20. September 2019

DER NIEDERGANG DES FRAUENHELDEN (Drei Sabinen)

Zur Erinnerung (denn - offensichtlich - mache ich weiter mit diesem "Roman" - den "Drei Sabinen")

Drei Sabinen
Der mythologische Hintergrund: Der Raub der Sabinerinnen, die sich – angeblich – von ihren Räubern und Vergewaltigern zu Liebe und Ehe „überreden“ ließen? Vom Leben in Welten, in denen Männer Frauen haben und brauchen, besitzen und begehren, beherrschen und behüten. Und wie Frauen dort leben, in diesen Welten, sich wehren, betrügen und intrigieren, lieben und verraten, sich befreunden und beraten. Und wie solche Welten ins Wanken geraten, beizeiten, beiläufig, verheerend. 

Die Zeitebenen: Die 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die Gegenwart (um 2016 folgende). Noch weiter zurück: Line Leuchte/Nachkrieg (doch das ist eine andere Geschichte!).

Der Ort: Haselberg in der hessischen Provinz

Das bisherige Personal:
Die KlassenkameradInnen:
- die Bohnenstangen-Sabine, später Sabia Hart, erst verklemmt und verschlossen, später mondän und weltläufig 
- die Rapunzel-Sabine, zunächst verschollen, irgendwo in der Metropole
- die kleine Sabine, ansäßig, verheiratet mit dem Norbert, ebenfalls schon immer ansäßig Reisebüro-Mitinhaberin
- der Claus, früher mollig und gescheit, heute schlank und durchtrieben, Provinz-Politiker
- die Kerstin, nüchtern und gediegen, verheiratet mit dem Richter
- der schöne Klaus, Kerstins bester Freund
und
„Wir“  (die Klatsch- und Tratsch-Gesellschaft)

- der Pianist, Sabia Harts Teilzeitgeliebter, ein Mann, „der die Frauen liebt“
- ein Starlet, die Mutter des Claus
- Markus, der schwule Friseur, den die Sabia liebte

Was bisher geschah:
- die Rapunzel-Sabine, die mysteriös verschwunden war (womit irgendwie der Claus etwas zu tun hatte) taucht auf Facebook wieder auf; den Claus beunruhigt das:
- die Sabia, die früher eine hässliche Bohnenstange war, erscheint als Geliebte des berühmten und berüchtigten Pianisten mal wieder in der alten Heimat; der Pianist macht sich an die spröde Kerstin heran und weckt die Eifersucht der Sabia:
"Du Teufel" (Hart kämpft 2)
"Only date Gentleman" (Hart kämpft 3)
- die kleine Sabine ist SocialMedia-affin und macht, was der Norbert von ihr will, während der Norbert macht, was der Claus will, obwohl er nicht kapiert, worum es geht
- der Claus spinnt Intrigen analog und digtial, aber man weiß nicht, wovor er Angst hat, außerdem erfährt man, was er früher über seine Mutter, das Starlet, erzählt hat, die vielleicht in der Hauptstadt ein Porno-Star geworden ist

(- alle Sabinen, so weiß man, waren mal in den schönen Klaus verliebt, aber das ist lange her)




***

Wir waren von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen. Dem Augenschein vertrauend hatten wir angenommen, es sei die herbe Kerstin, die in diesem bösen Spiel, das der Pianist angezettelt hatte, das Opfer werden würde. Doch das kam ja ganz anders. Am Ende war es nicht einmal die Sabia, die am meisten zu leiden hatte, sondern er, der Schwerenöter, der Mann, der die Frauen liebte, der elegante und eloquente Schmierenkomödiant, als der er uns erschien, während andere ihn, wie wir wohl wussten, verehrten gerade für jene Imitation eines schon vor einem Jahrhundert ausgestorbenen Gentleman-Typs, die er ablieferte, in seinen Safari- oder Nadelstreifenanzügen, mit gestärkten Hemdenkragen und kunstvoll geschlungenen Krawatten, seinen seidenen Einstecktüchern und seinem Borsalino mit dem flotten Bändchen. Nur wenn man auf die Schuhe hinabsah, offenbarte sich das Verkommene dieser verjährten Lässigkeit. Er trug Budapester, selbstverständlich, doch selbst die besten Schuhe kommen in ein Alter, in dem sie nur noch abgelaufen aussehen. Wir wunderten uns, denn es hieß, er sei gut im Geschäft, Auftritte auf den bedeutendsten Bühnen und in den arriviertesten Konzertsälen waren auf seiner Homepage verzeichnet. Allerdings eben auch zwischendrin immer wieder jene Gastspiele in der Provinz, deren eines ihn in unsere Gegend, in die Heimat der Sabia, ehemals Bohnenstangen-Sabine, verschlagen hatte. Der Lebensstil des Pianisten, wahrscheinlich, so nahmen wir an, war dafür verantwortlich, dass es manchmal knapp wurde bei ihm; man munkelte, er habe keinen festen Wohnsitz, er belege ganzjährig eine Suite im 5-Sterne-Hotel in der Hauptstadt, nun ja, das kostete natürlich.

Der Pianist hatte sich zweifellos auch einen anderen Ausgang seines Spieles erwartet, vielleicht sogar keinen Ausgang, sondern ein fortwährendes Drama, in dem sich der 3. Akt immerzu wiederholte, die Heldinnen einander, begleitet von schauerlichem Tremolo, an die Gurgel gehen, im unerbittlichen Kampf um den Mann. Das war sein Traum gewesen, so nahmen wir an. Allerdings imaginierte er sich eben nicht als ein Stück männlichen Fleisches, das sie zwischen sich zerrissen in ihrer penthesileischen Gier, sondern vielmehr als einen auf einem Throne sitzenden Richter, dem sie sich zu Füßen warfen und um dessen wechselnde Gunst sie flehten, während er sich einmal von oben herab der einen, dann wieder der anderen zuwendete, lechzend nach den Wunden, die sie einander, wie er hoffte, zufügen würden. Es kam aber nicht so. Sie kämpften nicht, sie brachten ihm keine blutigen Wunden dar, an denen er sich laben konnten, sie kratzten nicht und schrien nicht und intrigierten nicht. 

Die Sabia war bereit. Sie hätte ihm mit Freuden alles geboten, was er sich wünschte und mehr. Sie hatte es bei anderer Gelegenheit bereits bewiesen. Die Sabia hatte gelernt von klein auf, dass sie geliebt wurde, wenn sie sich selbst erniedrigte, oder sie hatte gelernt, zu glauben, dass es Liebe war, die sie sich erniedrigen ließ. Sie war bereit. 

Doch Kerstin? Kerstin war eine Frau, bei der sich der Pianist vergriffen hatte. Auch wir hatten dies nicht geahnt. Auch wir hatten vermutet, sie werde ihm nicht standhalten können. Denn wir wussten oder glaubten es zu wissen, wie sehr es ihr an Erfahrung mangelte, mit Typen wie ihm, überhaupt mit Typen. Den Pianisten hatte sein Instinkt vollständig verlassen, als er Kerstin auswählte. Doch nehmen wir im Rückblick nicht länger an, dass er sie wählte. Er wählte ihren Begleiter, er wählte, dass sie eine begleitete Frau war, begleitet von einem Mann, den er für satisfaktionsfähig hielt, aber besiegbar. Er schätzte den anderen Mann ab, nicht die Frau. Die Blicke des anderen Mannes verliehen Frauen den Zauber, der ihn, den Pianisten, betörte, an dem er sich berauschte. Dass die Frau von einem anderen begehrte wurde, dem er sie streitig machen konnte, zog ihn unwiderstehlich an. 

Aber als er Kerstin an jenem Abend von seinem Bühnenplatz aus in der ersten Reihe die Beine übereinanderschlagen und sich ihrem Begleiter zuwenden sah, täuschte er sich vollkommen. Jene Zärtlichkeit, jene Aufmerksamkeit, die der Begleiter Kerstin entgegenbrachte, war nicht mit dem Begehren verbunden, das der Pianist als einzige Beziehungsbasis zwischen einer Frau und einem Mann kannte. (Außer der Mutterschaft, freilich, doch davon wird noch die Rede sein.)

Der Niedergang des alternden Frauenhelden begann an diesem Abend, an dem gerade er sich so auf der Höhe seines Könnens wähnte. Aber auch wir sahen es ja nicht. Sahen eine ganz andere Katastrophe voraus, Scheidung und Hausverkauf, einen sich verdrückenden Richter, einen erschütterten schönen Klaus. Und Kerstin, verloren und gerichtet, sich die Haare raufend in der Rückschau über ihre Naivität, ihre Treulosigkeit, ihre Verfehlung. Das kam nicht so. Auch der Sabia prophezeiten wir an jenem Abend bittere Tränen. Doch ein anderer sollte weinen, krächzen, seine Stimme verlieren, sein Gehör, seine seidene Geschmeidigkeit. Den Schlussakkord des Trauerspiels, das uns allerdings, zugegeben, eine Tragikomödie war, hörten wir dann nur aus der Ferne noch, nachhallend. 

Drei Jahre und sieben Monate nach diesem Abend wurde der Pianist, der ehemals berühmte, wie es hieß, tot in einer Pension in der Kleinstadt B. aufgefunden. Schon lange habe er, so schrieb man, keine Konzerte mehr gegeben. Vereinsamt und mittellos waren Worte, die vielfach benutzt wurden. Die Todesursache blieb in den Berichten unerwähnt. Wir nannten es unter uns „Auszehrung“, ein veraltetes Wort, das uns bei der Gelegenheit wie auf der Zunge zerging.

Wir setzten alles in Bewegung, um herauszubekommen, wie das zugegangen war. Doch eine Quelle aus erster Hand stand uns nicht zur Verfügung. Kerstin schwieg. Wenige Monate nach jenem Abend nahm der Richter ein Sabbatjahr und Kerstin begleitete ihn auf seinen Reisen, die sie selbstverständlich bei der kleinen Sabine buchten. Es zog sie ans Nordkap und später fuhren sie mit der Sibirischen Eisbahn, sie waren in Jerusalem und am Toten Meer, kletterten auf die chinesische Mauer und tauchten in Australien. Nur hin und wieder wechselten sie die Kofferinhalte in Haselberg. Wir sahen sie nie. Nach diesem Jahr wurde der Richter befördert und sie verkauften das Haus am Kirchberg an einen Zugezogenen. Kerstin ließ sich selten blicken bei uns danach. Nur der schöne Klaus hatte noch regelmäßig Kontakt zu ihr. Doch wir erfuhren nichts von ihm, so sehr wir uns auch bemühten. Die kleine Sabine gab als Letzte auf, ihm schöne Augen zu machen. So blieb uns nur die Sabia. 

Doch deren Darstellung, die wir hier wiedergeben werden, ist mit Vorsicht zu genießen.  

Montag, 16. September 2019

BLOCKFARBE. GIFTGRÜNROT. Ein Traumbild. "Kennst du die Vetterliwirtschaft?"

"Wildwurf. Korsofliegen. Autoscooter." "Das ist der Volksfest-Alptraum."

"Mir träumte", sag´ ich, "ich trüge ein T-Shirt mit der Aufschrift

- Es gibt viele Götter oder keinen
auf keinen Fall gibt's einen. -

träumte ich also und ging damit über die Wasen." "Du lügst wie gedruckt. Du warst noch nie auf den Wasen." "Und das bleibt auch so. Im Traum aber", fahr ich fort, "gab das mächtig Ärger mit dem T-Shirt, denn ich hüllte mein Haar außerdem in eine Israel-Flagge." "Ach, komm. Das ist dermaßen konstruiert."

Ich kichere. Er hat ja recht. Niemals nicht verhülle ich mein Haar unter einer Flagge. Höchstens nehm´ ich eine Badekappe. (Ist das ein Knittelvers?) "Leider", provozier´ ich weiter, "traf ich auch Grönemeyer." "Geh." "Der raunte mir ins Ohr, ehrlich." "Ich sagte ihm, dass ich eine Diktatur bevorzuge, in der seine Lieder nur ganz leise gespielt werden dürfen." Jetzt musst du auch lachen, gelt? (In Wahrheit, wenn ich nicht träume, strebe ich eher eine Diktatur an, die Balkanpop verbietet, auch leisen. Hehe.)

"Außerdem", sag´ ich, "stieg ich, nachdem ich eine Runde Riesenrad gefahren war, in meinen rotglänzenden Lamborghini und brauste davon. Wie der Wind sich so in meinem Haar fing, brauste mir auch das Herz wie dem Werther auf den Wiesen bei Wetzlar." Du rollst die Augen jetzt, wegen der bemühten Alliterationen und so. Versteh´ ich ja - aber ich träume nicht so oft, kaum je kann ich mich daran erinnern und Alpträume, also Alpträume hab´ ich allerhöchstens alle 2 Jahre. Drum. Drum muss ich das jetzt erzählen. Holterdiepolter. "Sei mir gut. Es ist ja bloß..."

"Kennst Du die Vetterliwirtschaft?" "Jetzt brems dich mal ein." "Außerdem sah ich,", sprech´ ich unbeirrt weiter, "eine Krabbe, die Sex mit einem Roboter hatte." "Auf der Wasen?" "Kann sein." Immerhin wirst du jetzt zugeben, dass das ein Alptraum war. Aber hallo. Grönemeyer, Krabbe, Wasen, Werther. "Und was war mit den schönen Frauen? Und den Dirndln?" "Da waren keine Frauen, außer mir, mit meiner Flagge auf dem Kopf und dem lustigen Rundhals-T-Shirt." "Farbe?" "Rot. Natürlich Rot. Dazu trug ich meine giftgrüne Handtasche. Der Farbkontrast war gut. Auch mit der Flagge dazu. Blocking, heißt das, glaube ich, in der Modesprache." "Wer war denn da, auf der Wasen?" "Bloß bärtige Männer in Lederhosen und Jankerl mit schiitischen Turbanen." "Du bist so eine Effekthascherin." "Es war halt ein Alptraum." "Auf der Alb". "Schleich dich." 

Es ist mal wieder so weit. Wir nehmen uns das übel. Meine Träume. Und die ganzen Phobien, die sich da offenbaren. "Ich geb's ja zu, dass ich keine Menschenfreundin bin, aber ich schneide auch Katzen keine Schwänze ab, obwohl ich sie nicht leiden kann, ehrlich." "Und Hunde?" "Da waren keine Hunde." "Aber Katzen?" "Ich sag´ doch, es war ein Alptraum." Du überlegst. Und grinst. "Schön." 

Später wirst du mich nochmal darauf hinweisen, was für ein Glück ich hab´, dass ich nicht analysiert werde. Und meine Träume. Worauf das hinausläuft. Bei mir. Das will man ja auch nicht so genau wissen. 

"Ein richtiger Alptraum war's ja auch nicht, weil keine schwarze Null drin vorkam. Und keine schwarzen Vogelfrauen. Und keine braunen Hemden. So gesehen."

"Unterleibskäfer. Bleitreugewitter. Autozubehörlieferantin." "Ne."