Samstag, 19. September 2020

"Einem Dreck sein Dreck" (Wort-Schatz 23) (Wut-Rede)

"ich schlüg dich schier zwischen die orn 
das du furpas dein maul hieltst uber ein dreck mit dem gesicht auf den dreck fielst."
Fastnachtssp. 


Dreck macht böse. Mich mindestens macht der Dreck immer böser. Der Dreck befördert in mir die Gewaltphantasien. Ein Gang durch die dreckige Stadt entfesselt in mir die Menschenhasserin. Wie der Dreck auf der Straße liegt und der Wind den Dreck um die Gassen fegt und die Füße über den Dreck stolpern alle Schritt lang, breitet sich in mir von unten aufsteigend über die Knie und den Rumpf bis zur Schädeldecke hin eine düstere rote, dreckige Wutwolke aus, einem Feuersturm gleich, mit dem die Nachbarschaft, das Viertel, die Stadt, die Region im wilden Brand verschlungen werden könnte samt dieser Brut dreckiger Drecksäcke, die ihre Kippen aus den Autofenstern schnalzen und ihre Pizzakartons in die Vorgärten werfen und ihre vollgerotzten Masken in die Ecken pfeffern. 

"Sie kommen nicht mehr nach mit dem Reinigen.", sagt der Morel und verschärft mit dieser vernunftbetonten Einlassung noch meinen Hass. Denn "sie", damit meint er die von meinen Steuergeldern mitbezahlten Straßenreinigungskräfte und die Verwaltung, die ihre Einsätze lenkt und steuert. "Sie" also, unterstelle ich flugs dem Morel, hält er für die Schuldigen, während ich in Grund und Boden, also in den Dreck, stampfen möchte die Dreckschweine, die ihren verdammten Dreck in den öffentlichen Raum entsorgen. "Nein", sage ich, "sie sollen keineswegs mehr reinigen oder öfter. Stattdessen", sage ich, "soll es Strafen geben, so hart, dass das Drecksvolk sich vor Schiss die Hosen voll macht." Oder, denke ich, sie sollen im Dreck versinken, die Dreckbatze. 

Das ist alles nicht gut. Dieser tiefe Groll, den ich empfinde. Wie der mich verdirbt. Und selber dreckig macht. Dem Dreck, der sich in den Städten ausbreitet, und mir unter die Haut geht, kann ich nur noch entkommen, indem ich mich zurückziehe. Indem ich also drinnen bleibe. Wenn das so weitergeht, werde ich mich a-sozialisieren. Um keine Menschenverächterin zu werden. Das ist auch nicht gut. 

Ich muss mir das mal aus dem System schreiben. Es macht was mit Menschen wie mir, wenn der öffentliche Raum zunehmend verdreckt. Es sorgt dafür, dass ich mich weniger und weniger um "die anderen" sorge. Denn obwohl ich weiß, dass "die anderen" nicht "alle" sind und wahrscheinlich nicht einmal die meisten, nimmt mein Körper, während er durch den Dreck watet, es anders wahr. Mein Körper empfindet Ekel. Und dieser Ekel überträgt sich auf diejenigen, die den Dreck produzieren. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Dreck wird meiner Erfahrung nach keineswegs überwiegend von denen produziert, die als unterprivilegiert gelten. Da bietet fast jede beliebige Autobahnraststätte hinreichend Anschauungsmaterial, um diese These zu widerlegen. Der Dreck ist ein Produkt von Narzissmus und Rücksichtslosigkeit in einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft.

Ich verachte jene, die darüber sinnieren, dass man "ein Bewusstsein für die Müllsituation" schaffen solle durch erzieherische Appelle oder die lustig bedruckte Mülltonnen im Abstand von 2m aufstellen, damit die Dreckmacher ihren Drecksarsch bloß nicht zu weit bewegen müssen, fast noch mehr als die Drecksäue. Deren Hybris, dass der Bosheit und Gedankenlosigkeit des Abschaums bloß mehr "Aufmerksamkeit" ihrerseits zuteil werden müsse, damit sich seine Einstellung ändere, ist nicht nur naiv, sondern auch widerlich selbstbezüglich und überheblich. 

Die Dreckmacher machen soviel Dreck, weil es bequem ist. Man muss es unbequem machen. Und dreckig. 

Wahrscheinlich muss es erst noch ein bisschen schlimmer werden, bevor es besser wird. 

Wie bei so vielem. 

Bis dann:

"und acht sie für ein dreck."




Samstag, 22. August 2020

CORONA-POST: Blanke Wut

In der Lehranstalt gibt es den ersten Corona-Fall. Wen wundert´s? Dieser eine scheint noch eingrenzbar. 

Aber lange wird das nicht gehen. Gut, meine ich. Es geht eigentlich gar nicht. Aber wird halt gemacht. 

Am Ende wird gezählt werden müssen, wie viele Personen sich in Schulen in Hessen angesteckt haben, wie viele davon schwer erkrankt sind und wie viele gestorben. 

Die Klassenräume sind voll: 25, 27, 30 Schülerinnen und Schüler + Lehrkraft. Abstand durchschnittlich von mir gemessen: 40 cm.  Pulte werden notdürftig auseinander geschoben, wenn es irgend möglich ist, oft ist es das nicht. Maskenpflicht besteht nicht im Klassenraum. Plexiglastrennwände gibt es nicht. Von Klimaanlagen, Raumbefeuchtern etc. ganz zu schweigen. Wozu denn auch, man muss ja die Lufthansa und die TUI retten, gelle?

Streng getrennte Gruppen? Fehlanzeige. Das Kurssystem in der Oberstufe läuft "nach Plan". 

Schulleitungen in Nachbarstädten ordnen teilweise auf eigene Faust Maskenpflicht im Unterricht an, der Minister verkündet im Interview, das sei nicht rechtsfest und allenfalls freiwillig möglich. Meine Prophezeiung: Spätestens übernächste Woche wird er sie selbst verpflichtend für ganz Hessen anordnen. 

Das Land hat inzwischen den Hygieneplan 5.0 veröffentlicht. Schwerpunkt: Desinfektionsmittel, Seife, Papierhandtücher. Hände waschen. Allerdings: Schmierinfektionen spielen bekanntlich keine so große Rolle bei der Übertragung. Außerdem gibt es Handreichungen für den Distanzunterricht. Auf Videokonferenzen soll nur sparsam zurückgegriffen werden. Auf jeden Fall sind sie immer freiwillig. Es wird also keinen verbindlichen Stundenplan für Fernunterricht geben können. Im Grunde wird es keinen "Unterricht" (Austausch im Gespräch, Live-Vermittlung von Inhalten durch die Lehrkraft) geben, außer einzelne Lehrkräfte legen sich besonders ins Zeug und ein bisschen über die Vorgaben hinweg. Außerdem verweist man auf den Schulserver und YouTube-Videos, die Schülerinnen und Schüler sich mal zu Hause ansehen können. "Flipped Classroom", nur ohne Classroom. In der Hauptsache setzt man weiter auf Material- und Aufgabenversand über Plattformen und per Email. Lehrkräfte sollen Schüler_innen vor allem antelefonieren und "individuell" beraten. Die meisten Lehrkräfte unterrichten zwischen 70 und 120 Schülerinnen und Schüler. Wenn einzelne Gruppen in Quarantäne gehen, muss der übrige Unterricht weiterhin nach Stundenplan gehalten werden, vorbereitet und nachbereitet. Die Lehrkräfte können ja vielleicht spätabends oder nachts telefonieren. Das wird aber wahrscheinlich nur bedingt erfreuen. 

Endgeräte für bedürftige Schülerinnen und Schüler haben sich auch in der vergangenen 6 Wochen nicht materialisiert, sondern bleiben luftige Versprechungen.

Ich nehme an, im Kultusministerium wurden Überstunden gemacht. Viel Text wurde verfasst, kontrovers diskutiert, an Formulierungen gefeilt, an Jurist_innen zum Redigieren überstellt, nachverbessert und versandt. Ist doch schön. 

Es wird auch sicher wieder ein dolles Lehrer-Bashing geben.

Ich beachte die Vorschriften. 

Ansonsten:

In diesem Land ist Bildung immer sonntags in pastoralen Reden wichtig und montags scheißt ihr gemeinschaftlich drauf und lasst uns seit Jahren in verrotteten Gebäuden, schlechtester Akustik und üblem Raumklima immer mehr und mehr und mehr Aufgaben erledigen, deren sich der Rest der Gesellschaft, nämlich ihr, elegant entledigen will. 

Vielleicht entledigt ihr euch ja nun auch eines Teils des "faulen" Lehrpersonals. Mal schauen. 

Montag, 20. Juli 2020

Ein Strandleben ohne Strandkorb ist möglich, aber sinnlos. Zurück aus der Sommerfrische

Wieder zurück aus der Sommerfrische!



Nirgendwo könnte ich mich besser erholen als in "unserer" Gartenlaube in Kühlungsborn/Arendsee, bei den täglichen Spaziergängen am Strand und der Lektüre langer Texte im Strandkorb. Manchen ist es zu kalt an Nord- oder Ostsee. Gut, dass die nächstes Jahr hoffentlich wieder sonstwohin fahren/fliegen können, wo sie in der Sonne braten sollen. Ich dagegen liebe es, wenn die Temperaturen nicht über 25 Grad steigen, ein Bad im Meer keinem Badewannengefühl entspricht, sondern wirklich erfrischend ist und ringsum kein mediterraner Lärm tobt, sondern diese norddeutsche Unterkühltheit, für die Distanz kein neues Muss der Corona-Zeit ist, sondern selbstverständlich. Am Strand war es - anders als in der Presse behauptet - nicht überfüllt; Abstand wurde gewahrt; Müll ordentlich entsorgt und Familien wirkten nicht dysfunktional, sondern zugewandt und entspannt. Normies (vulgo: Spießer) on tour. Genau die Umgebung, in der ich mich wohl fühle, 

Aus dem heimatlichen Hessen-Land erreichten uns dagegen beunruhigende Nachrichten. Underperformer Beuth, hiesiger Innenminister, musste endlich eingestehen, was Insider längst wissen: Die hessische Polizei hat ein Rechtsextremismus-Problem. Eine gute Regierung, ein guter Innenminister hätte längst aufgeräumt, auch um diejenigen Polizistinnen und Polizisten zu schützen, die durch diese miesen und kriminellen "Kolleg_innen" gefährdet sind, nicht nur bezogen auf das Image. In einem Mafia-Milieu können anständige Menschen nämlich nicht anständig arbeiten. Stattdessen versuchte Beuth erneut, die Präsidentin des LKA, Sabine Thurau, zu mobben. Der Fisch stinkt vom Kopf her: Die hessische CDU und deren Ministerpräsident Bouffier geben sich - zusammen mit ihrem Koalitionspartner Bündnis90/Die Grünen - ein moderates Image. Gebrochen mit dem rechtsnationalen "Flügel" in den eigenen Reihen, vom ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch ("Wo kann man gegen die Ausländer unterschreiben?"-Wahlkampf 1998/99) über Martin Hohmann (jetzt AfD) bis zum jetzigen MdB Hans-Jürgen Irmer, haben sie nie. Bouffier hat da immer mitgemischt. Seine CDU ist die CDU der Steuerfahnder-Affäre wie der Thurau-Affäre, der Vertuschung rund um den Verfassungsschutzmann Temme im Zuge der NSU-Ermittlungen etc.ppp. geblieben. Und die Bündnis-Grünen haben drüber weggesehen. Rechtsstaatlichkeit schien weniger wichtig als ein wenig Umweltschutz hier und da. (Dieses Tauschsystem befürworten ja nicht wenige: Für "die gute Sache" muss man über den Rechtsbruch manchesmal hinwegsehen, Ende Gelände, gelle? Nur das dem einen oder der anderen die Sache der hessischen Grünen halt noch längst nicht "gut genug" ist.)

Und auf dem Frankfurter Opernplatz haben zunächst "friedlich Feiernde" am letzten Wochenende überraschenderweise (Scherz beiseite!) trotz eifrig aufgestellter Mülltonnen und Pissoirs gründlich Randale gemacht und Polizistinnen und Polizisten unter Gejohle angegriffen. Letztlich interessiert´s mich in meiner privilegierten Position einen Scheißdreck, was für sozioökonomische Faktoren zu dieser Brutalisierung und Vandalisierung beitragen mögen. Ich erkenne messerscharf: Ein Ausgangsverbot für Jungmänner (17-25 Jahre) ohne weibliche Begleitung plus Alkoholkonsumverbot im öffentlichen Raum löste das Problem wahrscheinlich umgehend. Es ist eben wie vor den Discos - man kann noch so viel über die Einlasskontrollen meckern: Wenn zu viele unbegleitete junge Männer in Gruppen eingelassen werden, gibt's Stunk. Wie überall, wo zu viele unbegleitete junge Männer sich rumtreiben. Alle Frauen wissen das, aus Erfahrung. Jetzt müsste man nur noch Verordnungen daraus ableiten. (Na, das gäbe ein Geschrei!)

Mir geht's gold. Nicht noch, sondern echt. Letztes Jahr habe ich Walter Kempowski gelesen in der Sommerfrische, dieses Jahr Hilary Mantels letzten Band der Trilogie über Thomas Cromwell "The mirror and the light" und Kurzgeschichten von Maeve Brennan sowie eine Biographie über sie. Darüber schreibe ich vielleicht noch. 

Als "Mama" bin ich jetzt offiziell im Ruhestand (oder darf es mir mal kurz einbilden) und super stolz. Die Söhne haben ihre Ausbildungen abgeschlossen. In diesem Blog spielten sie lange als "Amazing" und "Mastermind" mit. Seit sie nicht mehr bei uns wohnen, habe ich sie seltener erwähnt. Sie sind jetzt 26 bzw. 24 Jahre alt. Als ich begann im Blog zu schreiben, waren sie 16 und 14. Der "Amazing" hat sein 2. Staatsexamen in Jura bestanden ("mit Prädikat" - der Zusatz muss sein, weil das in Jura sozusagen der Goldstandard ist). Zukünftig sorgt er dafür, dass alle brav Steuern zahlen. Der "Mastermind" ist jetzt Master of Science in Psychologie und tritt im Herbst eine Stelle an der Universität Wien an. 

Es bleibt spannend. 


Freitag, 10. Juli 2020

Auf der Höhe des Diskurses?: Yagoobifarah, PoC, ´Kopftuchmädchen´

Frage ich mal, dachte ich, die "Betroffenen". Das ist ja ein Privileg, wenn man "Betroffene" kennt und fragen kann, statt über ihre Betroffenheit bloß zu räsonieren. Es passte auch ganz gut, weil wir schon in anderen Zusammenhängen über die literarische Form der Satire uns auseinandergesetzt hatten und andererseits das Thema "Alltagsrassismus" den jungen Leuten, um eigener Erfahrungen willen und noch einmal heftiger wegen der Attentate in Hanau, auf der Seele brannte (Zur Erinnerung: Ich unterrichte an einer beruflichen Schule in Hanau.) Dabei war auch schon zur Sprache gekommen, wie oft Polizeigewalt als rassistisch wahrgenommen wird und wie wenig der Polizei (in Hessen) aus Gründen zu trauen ist. 

"Es ist einfach schon zuviel passiert", sagt R., "soviel, dass es eben dann mal zur Explosion kommt." Und A. berichtet, wie es auf Snapshot und Instagram in bestimmten Gruppen einen Überbietungswettbewerb gibt für Videos, in denen Polizist_innen angegriffen oder beleidigt werden. "Nicht, dass ich das gut finde." B. wirft ein, dass man aber unterscheiden müsse, zwischen rassistischer Polizeigewalt und "gerechtfertigter Polizeigewalt", die es ja auch gebe. Und nicht jede/r, den/die Polizeigewalt treffe, sei unschuldig daran. Polizist_innen würden bespuckt und beleidigt und angegriffen, das habe er selbst schon erlebt. Das sei auch schwer für die, dann immer ruhig zu bleiben. D. bekennt, dass sie sich bei der Polizei bewerben möchte. Die anderen finden das toll. Das halten sie nicht für einen Widerspruch zu dem, was sie vorher gesagt haben.

Ich zeige ihnen den Text von Hengameh Yagoobifarah in der taz mit dem Titel "All cops are berufsunfähig". Sie finden den unisono "krass". "Voll beleidigend". "Nicht in Ordnung". "Geht gar nicht." "Es sind nicht alle Polizisten Nazis." Es gibt keine unterschiedlichen Meinungen dazu im Raum. Keine/r verteidigt den Text. Obwohl sie vorher so ausführlich über Rassismuserfahrungen, auch durch die Polizei, gesprochen hatten. Ich berichte, dass der Bundesinnenminister erwägt, Strafanzeige gegen Hengameh Yagoobifarah (Hier gibt es einen kleinen Seitendiskurs zu Gendern, weil ich zunächst "die Autorin" sage, mich dann korrigiere, wir einigen uns darauf, von "der Person" zu sprechen) zu erstatten. Mein Deutschkurs (Altersmittel: 17) ist rechtssicherer als der Bundesinnenminister: "Das wird nix. Darf man sagen, sowas." "Ist Satire." "Beleidigend, aber erlaubt." "Blöd, aber nicht verboten."

Jemand hat Hengameh Yagoobifarah gegoogelt (Handynutzung ist erlaubt in diesen Corona-Zeiten :-)).  Wir kommen auf den Begriff "PoC". "Was ist das?" "People of Color". Niemand kennt den Begriff. Ich sage ihnen, dass die meisten von ihnen mit diesem Begriff gemeint sind. 
Wikipedia definiert: "beschreib(t) jene Individuen und Gruppen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind und die die „gemeinsame, in vielen Variationen auftretende und ungleich erlebte Erfahrung [teilen], aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen der weißen Dominanzgesellschaft als ‚anders‘ und ‚unzugehörig‘ definiert [zu] werden.“ 

R. findet den Begriff nicht passend. Sie will nicht PoC sein, sagt sie. "Warum nicht?", frage ich. "Weil ich mich nicht durch meine angebliche Nichtzugehörigkeit definieren lassen will." "Alle, die Nicht-Weiß sind?", fragt S. "Meine Eltern sind ja aus Russland." "Dann gehörst du dazu", sagt R. "Aber ich bin doch weiß." M. ist auch verunsichert. "Und wir Albaner?" "Gehören alle dazu." "Nur die Deutschen nicht." "Gibt's hier ´echte´ Deutsche?" Man schaut sich um. "Du." B. grinst. "Das ist ja der Mist", sagt R. "Ich bin hier geboren." "Echte Deutsche gibt's nicht." "Wir sind ja alle anders." 

Von hier bewegt sich der Diskurs zum Thema "Deutschland". Dass "Deutschland" eigentlich ganz ok. ist. "Vor allem das Grundgesetz." "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ich will noch mal auf Alltagsrassismus zurückkommen. Das kommt mir jetzt zu idyllisch vor. Aber die sind schon weiter: Dass doch vieles so mühsam ist. Nicht nur der Alltagsrassismus. "Mein Vater", sagt R. "fand ja, dass ´Kopftuchmädchen´ nichts auf K-Pop-Konzerten zu suchen haben. Als ich gehen wollte. Und ich hab´ das akzeptiert. Aber meine Schwester, die lässt er jetzt gehen." Eigentlich will ich nochmal bei ´Kopftuchmädchen´ einhaken, aber jetzt dreht sich die Diskussion um die Privilegien der jüngeren Geschwister. Wird aus allen möglichen Kontexten bestätigt, wie viel leichter die es haben, nicht nur im Hinblick auf K-Pop. 

Ich fasse zusammen: Schon vorher wusste ich, dass mein Deutsch-Kurs durchschnittlich und insgesamt klüger und verfassungstreuer ist als der gegenwärtige Bundesinnenminister. Satire darf alles, kann aber blöd sein. K-Pop ist in und politisiert (siehe hier:), auch selbstbezeichnende ´Kopftuchmädchen´, woran sich nicht nur deren Väter gewöhnen müssen. 

Dienstag, 28. April 2020

Corona-Post (Tag 51): BORIS P. (u.a.) hinter die Ohren geschrieben oder auf die Ohren gegeben

Juli Zeh ist auch dabei. Julian Nida-Rümelin und der unsägliche Antisemit Jakob Augstein, Boris Palmer natürlich und ein Andreas Rosenfelder, der das Virus als Metapher verstehen will und nach eigener Aussage jetzt in einer traumatisierten Gesellschaft lebt , wenig überraschend auch ein Herr Reichelt von der BLÖD-Zeitung und Kind Fürchterlich (enfant terrible) Frank Castorf.  Es ist doch so, sagen sie, der Preis sei zu hoch, den WIR jetzt zahlen sollen: Meistens daheim bleiben, kein Feierabendbierchen und gemeinschaftliches Lästern über Spießer, kein Fußball, keine Konzerte, konsumpromenieren nur mit Maske und dann auch noch dauernd Hände waschen. Andere beklagen das Leid der armen Kinderchen, seit 6 Wochen eingesperrt, meint Ministerpräsident Laschet (wovon ich gar nix gemerkt habe, weil hier, wo ich lebe, die Kinderchen sehr wohl die ganzen 6 Wochen über auf die Straße und in die Parks und in den Wald durften; aber vielleicht verwechselt er das mit Italien oder Spanien; der Mann wirkt ja insgesamt ziemlich verwirrt.) 

Es stehe die FREIHEIT auf dem Spiel, so stellen sie fest. Ihr Freiheitsbegriff ist dabei ein bisschen dürftig, denn er kommt offensichtlich ohne VERANTWORTUNG aus. Dass die Grenzen der Freiheit immer da gesetzt sind, wo die Wahrnehmung der Freiheitsrechte die Rechte anderer beeinträchtigt, haben sie wohl schon verstanden? Ich nehme mal an, auch Frau Zeh hält an der roten Ampel (vielleicht sogar, wenn sie den Standort der Ampel persönlich für unnötig hält). Aber JETZT geht ihr das mit den Vorschriften zu weit. Das erinnert sie dann doch zu sehr an eine Gesundheitsdiktatur, wie sie sich eine m schlecht geschriebenen Roman CORPUS DELICTI ausgedacht hat (Der Plot ist selten dämlich: Geht es doch um eine datengeile BigBrother-Diktatur, die jederzeit deine Temperatur kennt, aber unfähig ist, in ihren digitalen Archiven eine Transplantation abzuspeichern).  

Denn diesmal geht es um Einschränkungen, die nur einem Zweck dienen: dem Schutz des Lebens von Leuten, die vielleicht eh bald gestorben wären. Alte nämlich und Vorerkrankte.  Das Leben insgesamt wird ja maßlos überschätzt. Noch mehr aber das von Ungesunden. Diese „Störfaktoren“ für ein freies Leben aller anderen sollen gefälligst sich mal selber schützen, indem sie sich aus dem (öffentlichen) Leben fernhalten. Das kann man von dieser „Risikogruppe“ echt verlangen. Alte Leute mit geringer Lebenserwartung und ohne großen gesamtwirtschaftlichen Nutzen können doch nicht im Ernst erwarten, dass wegen ein paar Monaten oder Jahren oder einem einzigen Jahrzehnt, das sie eventuell noch hätten, alle anderen ihre Bewegungsfreiheit einschränken. Ist doch so, oder? In der WELT (Springer-Konzern wie die BLÖD-Zeitung) kann man lesen, dass „wir“ im Grunde ja auch schon Triage machen, bloß halt zugunsten der Alten. Denn es sterben – wahrscheinlich ?- irgendwo in den verschlossenen Häusern (Wo stehen die bloß? Bei mir gehen überall dauernd die Türen auf und zu.) mehr Frauen und Kinder an gewalttätigen Männern, die ohne Fußball auskommen müssen, als je zuvor. Es ist erstaunlich, wer in dieser Krise plötzlich sein weiches Herz für Frauen und Kinder entdeckt, die ihm/ihr sonst immer ziemlich am Allerwertesten vorbeigegangen sind.* Plötzlich muss deren imaginiertes Leid im Halb-Lockdown herhalten, um Herrn Professors und Frau Richterins Unbehagen an der ungewohnten Unbequemlichkeit des Lebens zu begründen. 

Beifall erhält die Fraktion „Diese Freiheit nehm ich mir“ von verzweifelten Abiturientinnen auf TikTok, die vor ihrem Abiball-Kleid (noch original im Schrank verpackt) rumheulen („Seit 13 Jahren freu´  ich  mich drauf.“), von trotzigen alten Männern, die sich für „hart im Nehmen“ halten, aber vor allem gerne austeilen, von libertär-kindischen Provozierern, die immer schon  keinen Bock hatten, sich „was sagen zu lassen“, vor allem nicht von Fachleuten zum Thema  (Stichwort: Diktatur der Virologen). Jetzt muss doch mal Schluss sein mit der Pandemie (Die Nachrichten sind ja auch so langweilig geworden!). Weiter muss es gehen. Raus müssen wir. Damit der Ball wieder rollt. Der Rubel auch. 

Ja, ich habe auch Angst, dass wir in eine Rezession geraten. Vielleicht sogar in eine Depression. Ich habe auch Angst, dass die Pandemie weltweit zu Hunger und einer Vervielfachung der Armut führen wird. Dass die Arbeitslosigkeit wieder zur Massenarbeitslosigkeit wird. Und dass der Nationalismus, der sich schon vor der Pandemie allseits breitmachte, dazu führen wird, dass die Folgen dieser Naturkatastrophe noch schlimmer werden, als sie es ohnehin sein werden. Und ich bin auch nicht so hart, dass ich keine Angst habe um mich und die meinen vor einer Krankheit, von der man wenig weiß und die gravierende Langzeitschäden haben kann. 

Gerade deshalb, weil ich Angst vor all dem habe, fehlt mir die Empathie für das Gejammer jener Vorgenannten. Auch ich wünsche mir, dass wir die Infektionszahlen so reduzieren können, dass Cafés, Restaurants und Hotels bald wieder aufmachen können. Es wird trotzdem schwer werden in vielen Branchen und für viele Unternehmen. Da wird unsere Solidarität wieder gefragt sein. Auf die Zehs, Nida-Rümelins, Castorfs, Augsteins und Palmers sollten wir auch dann eher nicht vertrauen. Denen wird sicher einfallen, warum Verzicht gerade von ihnen nicht verlangt werden kann.

Wofür ich sie aber aufrichtig verabscheue, ist ihre rücksichtlose Verachtung gegenüber einer Generation, für die der Wohlstand und die Freiheitsrechte, um deren Erhalt es ihnen vorgeblich geht, keineswegs eine Selbstverständlichkeit waren. Jene, die „sowieso“ bald gestorben wären, das sind Menschen wie meine Eltern, Kriegskinder mit ECHTEN Traumata (statt diesem: „Das arme Kind, wie soll ich ihm erklären, dass es nicht auf den schönen Spielplatz darf?), die gehungert haben und später viele Jahre gedarbt, deren Konsumverzicht nötig war, um den Wohlstand zu ermöglichen, in dem wir Jüngeren aufgewachsen sind, die zentralbeheizten Wohnungen und die Sommerurlaube, die wir für „normal“ und „unser Recht“ halten. Für meine Eltern sind diese letzten Jahre ihres Lebens die besten. So gut wie jetzt ist es ihnen tatsächlich noch nie gegangen, materiell nicht, aber auch nicht, was ihre persönlichen Freiheiten angeht. Jeder Tag, den sie haben, miteinander, mit uns, ist kostbar. Denn wir alle wissen, dass diese Zeit begrenzt ist. Ich kann mit Worten nicht ausdrücken, was ich empfinde, wenn Menschen die begrenzte Lebenszeit alter Menschen als Argument dafür benutzen, dass es auf diese Leben weniger ankäme. Ich könnte, was ich empfinde, nur handgreiflich ausdrücken. Aber das kann ich halt auch nicht.

Drum schreib´ ich es hier!

Ich vergesse und verzeihe Euch das nicht, Eure Worte nicht und Euer Verhalten nicht!

Aber ich bin dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die sich in ihrer Mehrheit (bis jetzt) anders entschieden hat: Der Schutz des Lebens ist uns was wert. Auch des Lebens jener, die - vielleicht - nicht mehr so lange zu leben haben wie andere. 


* Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist mir selbstverständlich nicht gleichgültig, wenn Frauen und Kinder im häuslichen Umfeld nun ungeschützter Gewalt ausgesetzt sind. Die Aufgabe an uns als Gesellschaft lautet dann: Wie kann Schutz für sie organisiert werden? Z.B., indem kurzfristig die Unterbringung in jetzt leerstehenden Hotels organisiert wird. Das Leid dieser Frauen und Kinder wird jedoch nicht durch zu wenig Freiheitsrechte für alle verursacht und verlängert, sondern viel eher dadurch - auch unabhängig von Corona -, dass die Täter zu uneingeschränkt "Freiheiten" für sich in Anspruch nehmen. 

Sonntag, 29. März 2020

CoronaPost (Tag 14): "Nach dem Krieg um halb sechs im ´Kelch´!"

Zu den Zoom-Meetings schalte ich immer die Kamera ein. Damit ich mich vorher ordentlich anziehe, das Haar richte, die Nase pudere. Sonst würde ich ja verludern. Ohne Morel wäre ich auch ohne Corona-Virus schon längst dem Fast Food verfallen. Aber Morel kocht, wie gewohnt, jeden Abend ein leckeres Abendessen. (Doch wir haben entschieden, dass wir nun mindestens einmal in der Woche in einem unserem Lieblingsrestaurants TakeAway-Boxen abholen wollen, was sie neuerdings anbieten. Denn wir wünschen uns, dass es diese Restaurants auch nach der Krise noch geben wird.)


In dieser Woche ist mir noch mehr bewusst geworden, wie privilegiert wir sind. Wir leben in einer geräumigen Wohnung mit Ausblick auf einen Park. Unsere Arbeitsplätze sind (zumindest bisher) sicher. Wir können beide im Home Office arbeiten. Ringsum uns hören wir von Freunden und Verwandten, dass sie in Kurzarbeit gehen mussten. Bei manchen wird es eng. Viele Selbstständige sind besonders hart getroffen. Manche wohnen weit von ihren Eltern entfernt und machen sich Sorgen um deren Verpflegung. Meinen Eltern habe ich gestern Lebensmitteln und Weidekätzchen gebracht + zwei Schlappohrschokoladenhasen aus meinem Lieblingscafé. (Es ist in einer früheren Apotheke untergebracht und sie liefern jetzt über den ehemaligen Nachtschalter aus.) Komische Situation war das, wie bei einer Lösegeldübergabe. Ich habe die Tüten im Hausflur abgestellt zwischen uns. Dann haben meine Eltern sie geleert und wieder zurückgestellt, gefüllt mit zwei der traditionellen Rührkuchen-Hasen, die meine Mama mir noch früh am Morgen gebacken hatte.

Telefonate mit Freunden beende ich jetzt mit dem Gruß des braven Soldaten Schwejk aus dem gleichnamigen Roman: "Nach dem Krieg um halb sechs im ´Kelch´." Nach der Pandemie sehen wir uns, wie wir uns immer getroffen haben, dort und dort und dort und trinken und essen und lachen miteinander.

Gestern haben der Morel und ich "Paddington" gestreamt. Bonbonbunt und lustig. Sowas brauchen wir jetzt. Hatte uns der Amazing, unser ältester Sohn, empfohlen. Gerade jetzt steht mir nicht der Sinn nach Mafia-Bossen, Mord und Totschlag-Krimis, Gangster-Epen. Eskapismus pur ist angesagt. Und ich habe angefangen die Serie "Anne with an E" anzuschauen, empfohlen in der Facebook-Gruppe "Feministische Filmkritik- Bechdle Test". Die bisher mit weitem Abstand beste Verfilmung dieser legendären Kinder- und Jugendbuchserie "Anne of Green Gables", die ich kenne. Die Bücher sind im angelsächsischen Raum mindestens so bekannt wie hierzulande Pippi Langstrumpf. Ich denke, dass Astrid Lindgren, die die Bücher kannte, inspiriert wurde durch "Anne of Green Gables". Die Titelfigur ist Waise und wird von einem älteren Geschwisterpaar, das eine Farm auf der kanadischen Prince-Edward-Insel betreibt, adoptiert. Anne ist eine Wort(er)finderin und Träumerin, die sich die Traumata ihrer Kindheit durch eine überbordende Phantasie und waghalsige Sprachkonstruktionen wegspricht und - schreibt. Beziehungen zwischen jungen Mädchen untereinander und älteren Frauen miteinander sind hier kein Beiwerk, sondern zentral für die Erzählung. Annes Leid, ihre Einsamkeit und ihre Außergewöhnlichkeit rühren an und beflügeln zugleich. 

Heute ist der erste Tag seit 2 Wochen, an dem ich mir wirklich frei nehme: Keine Video-Meetings, keine Korrekturen, keine Feedbacks, keine beruflichen Mails. 

Schönen Sonntag!


Montag, 23. März 2020

CoronaPost (Tag 7): Der böse Zwerg und die dumme Ferda

Langsam, ganz langsam lässt die Hektik nach, der Versuch, alles noch oder gerade jetzt online zu erledigen, was geplant war. Langsam stelle ich mich darauf ein, dass jetzt nicht die Zeit für Pläne ist. Dieses Zurückfahren ist positiv, einerseits, weil ich aufhöre, mich ständig unter Druck zu setzen. Andererseits wird so Raum geschaffen für die Angst, die ich in der ersten Woche noch beinahe vollständig unterdrücken konnte. Jetzt kommt sie hoch, gelegentlich, unvermutet, vorhin in einem Telefongespräch mit dem Mastermind, was mir besonders leid tut und verwerflich erscheint, denn ich will ihn nicht mit diesen, zumindest teilweise auch sehr irrationalen Ängsten belasten. Wegen einer überstandenen Herzmuskelentzündung nehme ich Tabletten gegen Folgeerscheinungen wie einen stets zu hohen Blutdruck. Seit der Erkrankung kenne ich auch Symptome wie Atemnot, die mir früher unbekannt waren. Und jetzt bemerke ich, wie sehr ich mich davor fürchte, angesteckt zu werden. Jede/r hat ja seine/ihre eigenen Panik-Trigger. Dieses ist meiner. Schon von jeher fürchte ich mich besonders stark davor, keine Luft mehr zu bekommen. Dieses dämliche Virus erfüllt alle meine Alptraum-Visionen: ertrinken oder ersticken, die Abschnürung der Atemwege, wie das Herz verzweifelt pumpt und der Kopf panisch anschwillt und das Gehirn dann weiß, erkennt: es wird nicht reichen, es reicht nicht...

Ich muss versuchen, das zu verdrängen. 

***

Heute Nacht hatte ich einen seltsamen Traum von einem Zwerg, etwa 30cm hoch, einem sehr bösartigen Zwerg mit roter Zipfelmütze und gelber Joppe, der mich packen wollte und der keine Ruh gab, egal wie ich ihn auszusperren versuchte, immer fand er ein Schlupfloch, sich zu nähern, schließlich rollte ich ihn, verzweifelt zeternd dabei, in Verbandsrollen ein, er wehrte sich heftig, aber ich war stärker und geschickter, obwohl er mir einige Blessuren beifügte, schließlich gipste ich ihn zu und ein (weiß nicht, wo der Gips herkam, auf einmal), bis er sich nicht mehr rühren konnte. Dann fragte ich mich, was ich tun sollte mit dem bösen Gipszwerg und ich packte ihn  in ein handelsübliches Paket, das ich fest verschnürte. Das schleppte ich in der Nacht (denn es war ja Nacht, wie mir im Schlaf noch einfiel, es war ja, beruhigte ich mich im Traum, alles nur ein Traum) hinunter zum Teich und versenkte es. Danach wurde ich doch unruhig. Was wenn jemand den Zwerg vermissen würde? Ich spürte mein Gewissen. Ich hatte den Zwerg ermordet. So war das. Und ich wollte doch nicht dafür büßen. Ich wollte davon kommen mit dem Mord. Es tat mir nicht leid, dass er tot war. Es tat mir leid, dass ich seinetwegen zur Mörderin geworden war. Ich wurde unruhig und schlug um mich. Und da wachte ich auf.

***

Manche teilen jetzt so ein Zitat von Helmut Schmidt, sinngemäß sagte er (angeblich), dass sich in der Krise der Charakter zeige, was ja vielleicht sogar stimmt, obwohl es von Helmut Schmidt kommt (falls das zutrifft) und obwohl es so gern geteilt wird. Ich beobachte genau, was so in meine Timeline gespült wird und mein Elefantengedächtnis wird nicht vergessen. Heute z.B. Ferda Ataman (u.a. "Kartoffel-Expertin"),  deren Kolumnen im SPIEGEL ich ja schon länger nicht mehr lese, weil mich deren passiv-aggressiver Tonfall eh stört. Die entbödete sich nicht auf Twitter zu posten: "Ich habe irgendwie eine Ahnung, welche Bevölkerungsgruppen in Krankenhäusern zuerst behandelt werden, wenn die Beatmungsgeräte knapp werden." Im Kontext meinte sie offensichtlich jene Gruppe, die ihresgleichen PoC oder "Nichtweiße" nennt, obwohl 80% der Menschen, die sie damit bezeichnen will, den ersten Begriff nicht kennen und sich selbst auch eher als Weiße (was die Hautfarbe angeht) definieren würden (aber das nur nebenbei). Als ihr der Tweet nicht den erwarteten Beifall einbrachte, behauptete sie, dass es keine Unterstellung gegenüber dem medizinischen Personal sei, die sie da vorgetragen habe, sondern es lediglich um ihre "Rassismus-Bedenken" gehe und im schon gewohnten passiv-aggressiven Tone fuhr sie fort, sie verspreche "diese in Bezug auf die Coronakrise nicht mehr zu äußern". 

Es zeigt sich jetzt ziemlich gut, wer in einer Krisensituation in der Lage ist, seine eigenen Agenda zurückzustellen, eventuell auch (temporär) auszusetzen, um Lösungen für alle zu finden, für wen es, egal was kommt, egal was Not tut, darum geht, sich (weiterhin) ausschließlich für "identitäre" Gruppeninteressen einzusetzen (Keineswegs, bin ich überzeugt, damit sprechend für diejenigen, als deren Sprachrohr sich z.B. Ataman wähnt.) 

Es zeigt sich auch in der Krise, dass es nicht funktioniert, das Maß der Verletzlichkeit und Verletzungen allein durch die sogenannten "Betroffenen" definieren zu lassen. Auch in der Krise gibt es Unterschiede, manche sind weniger belastet als andere. Das gilt es zu berücksichtigen. Aber die Befindlichkeit (sei sie auch noch so gestört) von Eltern mit kleinen Kindern, die sich überfordert fühlen, ist jetzt eben weniger bedeutsam als die Befindlichkeit von Krankenpfleger_innen und Ärzten_innen. Die Belastung von Menschen, die in Kraftwerken in 14tägigen Schichten isoliert arbeiten müssen, ist höher als die von Home-Worker_innen, deren Putzhilfe nicht mehr kommen mag. Die Schwierigkeiten von alleinstehenden, alten, autochthon deutschstämmigen Menschen sind oftmals größer als die von gut familiär eingebundenen alten Menschen mit Migrationsgeschichte. Es geht nicht dem/derjenigen am Schlechtesten oder hat diejenige/derjenige am meisten zu tragen, die/der am meisten und nachdrücklichsten von sich reden macht. Oft ist es eher andersrum.

Man kann sich Mühe geben, genau hinzuschauen. Oder es lassen. Weil man eben immer schon weiß, wie alles ist. Weil man die eigenen Vorurteile in jeder neuen Situation immer nur bestätigt sehen kann. Weil man sich ohnehin nicht interessiert für das, was ist. Weil man ohnehin keine Lösungen will, sondern bloß die Perpetuiierung von Problemen, über die man sich recht jämmerlich definiert.


Zum Glück gibt es ja nicht nur die Ferdas. Sondern auch viele, die jetzt hinschauen, wer Hilfe tatsächlich braucht. Und wie sie organisiert werden kann.


Freitag, 20. März 2020

CoronaPost (Tag 4) : Erste Eindrücke nach dem Shutdown/To Thrive or Not To Thrive

Der vierte Tag seit dem Shutdown. Eigentlich schon der sechste. Denn als ich Freitagmorgen zur Schule fuhr und im Radio hörte, dass Bayern die Schulen schließt, war mir klar: Montag ist auch bei uns Schluss. Die hessische Landesregierung brauchte dann noch bis 17.30 Uhr, um es offiziell zu verkünden. Ich unterrichte an einer Beruflichen Schule. Da ich zur Risikogruppe gehöre, bin ich schon Montag nicht mehr zur Dienstversammlung gekommen. Freitagmittag noch habe ich meine Kurse auf Moodle, einer Online-Lernplattform, eingerichtet. Ich mag Moodle nicht. Es ist wenig intuitiv, optisch spröde, ein "mächtiges" Instrument, wie es heißt, kann viel, klar, aber eben aufgebaut wie ich mir das Innenleben des Kopfes eines KI-Roboters vorstelle: Verzeichnisse und Unterverzeichnisse, alles ist mit allem verbunden, aber vollkommen unsinnlich. Wer, wie ich, in Bildern denkt und die Sprache nicht (nur) als "Zeichensystem" versteht, hat's nicht leicht damit. Es ist nicht schwer zu bedienen, eigentlich, aber der Aufbau meinem Denken fremd. Außerdem ist es ein Tool für Kontrollfreaks, alles wird dokumentiert, mit Terminen versehen, alle Bearbeitungsweisen sollen antizipiert sein und möglichst nach Skalen "evaluiert" werden.  - Was eben gegenwärtig ohnehin der Trend ist im Bildungssystem und nicht nur in diesem. Wahrscheinlich wird dieser Trend durch diese Krise noch befeuert. Es nennt sich dann "individualisiertes Lernen", wenn jede/r sich Aufgaben auswählen und in unterschiedlicher Reihenfolge und unterschiedlichem Tempo lernen kann. Baukastenprinzip. Tatsächlich wird dabei alles standardisiert und addiert, nichts wächst. Es taugt für manches. (Schienennetze, Rechnungswesen, Managementkurse nach Modulsystemen.) Man kann so ausbilden, "trainieren" (wie die Lehrkraft hier ja auch "Trainer" heißt). Ich verstehe unter Lernen, unter Bildung (auch noch) etwas anderes, ein organisches Wachstum, Entwicklung, im Englischen sagt man "to thrive". Es ergibt sich aus dem lebendigen Gespräch, dem "Denken in Präsenz". Ich glaube, das geht auch Online, aber nicht auf Moodle. 





Die Schüler_innen empfinden unser Verhalten (das der Lehrkräfte), so vermute ich, als übereifrig. Ruckzuck war die sonst überschaubar gefüllte Moodle-Plattform mit Kursen und Materialien befüllt. Auch ich habe so reagiert. Bloß keinen Leerlauf. Gleich mal alles hochladen, was digital schon in den Dateien auf meinem Laptop schlummert. Und Aufgaben einstellen. Termine festlegen. Chatgruppen einrichten. Bloß kein Leerlauf. Neue Aufgaben kreieren, Lektionen anlegen, Tests konfigurieren. So ging das bis Dienstagfrüh. Bei ersten Versuch mit den Schüler_innen zu chatten oder per Videokonferenz Kontakt aufzunehmen, brach die Plattform zusammen. Jetzt habe ich mir ein 2monatiges Abo für Zoom zugelegt; das läuft. Aber ich fahre jetzt einen Gang runter. Diese hektische Hyperaktivität dient im Grunde nur dazu, den Schock zu verdrängen. Für "uns" in Hanau (in dieser Stadt unterrichte ich) kommt dieser Einschnitt nur wenige Wochen nach den rassistischen Morden. Während ich in den Tagen nach dem Attentat häufig geweint habe, immer wieder zwischendurch, eruptiv manchmal (2mal musste ich bei der Rückfahrt mit dem Auto an den Straßenrand fahren, so wurde ich von einem Weinkrampf überwältigt) finde ich gegenüber dieser Krise noch keinen Zugang zu meinen Gefühlen. Eine diffuse Mischung aus Ungläubigkeit, Angst, Verdrängung und hektischen Übersprungshandlungen. Der hilflose Versuch, durch atemlosen Medienkonsum zu verstehen, was geschieht, was zu tun ist, was jetzt (!) helfen kann. Welche Maßnahmen wann wie die richtigen, diejenigen sind, die am meisten Menschenleben retten und die Grundlagen unserer Gesellschaft nicht zerstören. Denn das ist möglich. Eine Wirtschaftskrise wie in den 20er Jahren. Nicht mehr relative, sondern absolute Armut auch bei uns. Nöte, die "wir", meine Generation nie gekannt haben. 

Und draußen dieser herrliche Frühling. Die Magnolie, die vor unserem Fenster blüht. Das Licht, das sich auf der Oberfläche des Teiches im Park vor unserem Haus bricht. Nichts passt zusammen. Vom Kindergarten ein paar Häuser weiter kein Geschrei mehr. Der Pausenhof des Gymnasiums gegenüber leer. Aber auf der Parkbank am Teich drängten sich vier Senioren noch gestern eng aneinander. Morel, der seit Dienstag im Homeoffice ist, kauft ein. Er berichtet, dass es wahr ist, was auf Twitter behauptet wird und ich für übertrieben hielt: Klopapier ist aus. Amazing wohnt nur wenige 100 Meter von uns entfernt. Gestern war er kurz hier (2m Abstand!). Auch er im Homeoffice. Seine Freundin, mit der er zusammenlebt, geht noch zu Gericht. Das Justizsystem wird aufrecht erhalten, zumindest teilweise. Mastermind schreibt an seiner Masterarbeit (Psychologie) und hat seinen Studienort verlassen, um bei seiner Freundin zu Hause zu sein. Meine Eltern sind zusammen und täglich in Kontakt mit uns. Doch der blaue Himmel wirkt wie FakeNews. Die Osterglocken und Narzissen strecken ihre Hälse nach der Sonne. Alles gedeiht (eine der möglichen Übersetzung für "to thrive") offenbar. Uns geht's gut. 

Es ist gut, dieser Tage dort und bei denen zu sein, wo man sein will. Eine Freundin hat es gerade noch nach Norwegen zu ihrem Lebensgefährten geschafft. 14 Tage Quarantäne sind Pflicht. Denn Deutschland ist Risikogebiet. (Umso absurder, dass das Robert-Koch-Institut immer noch Tests empfiehlt, wenn eine Person aus einem "Risikogebiet" eingereist ist; aber ich verstehe, dass z.Zt. offenbar nicht genügend Testkits und vor allem Personal zur Verfügung stehen, um die Tests auszuweiten.) Wir haben es daheim behaglich und sind gut versorgt. Was uns abverlangt wird, ist nichts im Vergleich zu früheren Generationen und Menschen in anderen Regionen der Welt. Noch.

Womit ich jetzt nichts anfangen kann: Politische und/oder philosophische Aktivist_innen, die in der Krise eine Chance vermuten, wie z. B. Durchbruch bei der Digitalisierung, Care Revolution, Durchsetzung des Bedingungslosen Grundeinkommens, mehr Entschleunigung im Alltag, das Ende des Kapitalismus...Große Entwürfe und Ausblicke, die selbstgerechte Bestätigung der immer schon gewussten eigenen Wahrheiten durch und in der Krise - ich verstehe sie gegenwärtig nicht einmal; in mir schaltet etwas unmittelbar auf stumm oder bricht das Lesen ab, wenn eine/r so daher schwadroniert. Stattdessen suche ich nach nachvollziehbaren Modellen, die zeigen wie und wodurch diese Krise so schnell wie möglich beendet werden kann. Denn ich will dieses Leben, das wir kannten, zurück. Mir zeigt diese Krise nichts anderes, als was ich auch schon vorher über mich wusste: Ich will keine Revolution. 

Doch auch der BenHuRum weist mich am Telefon darauf hin: Nach der Pest kam die Renaissance. 

To Thrive or Not To Thrive. 


Dienstag, 25. Februar 2020

WORT-SCHATZ (22): FREMD. Ein Plädoyer für mehr Fremdheit

nur ein fremdling, sagt man mit recht, ist der mensch hier auf erden. 

Göthe


Auch ich habe, wie viele andere, schockiert durch die rassistischen Morde in Hanau, gepostet: "Es waren keine Fremden." Um ein Zeichen zu setzen gegen die Wahrnehmung des Mörders und jener, die seine Gesinnungen teilen: Es sei 1. die Welt reinlich einzuteilen in "Fremde" und Zugehörige und 2. das "Fremde" und die "Fremden" seien minderwertig und nicht lebenswert. Das ist eine widerwärtige, menschenverachtende und zu bekämpfende Einstellung. 

Und doch...halte ich an einer Aussage fest, die ich im vergangenen Sommer, in der Sommerfrische - noch halb im Scherz - traf: 

Ich lese, weil mir „die Menschen“ fremd sind und ich hoffen darf – lesend - , dass es so bleibt. 


Das "Fremde" ist jenes, was ich lesend suche, dem ich im Leben jedoch bisweilen durchaus ausweiche. Ich teile das Bedürfnis nicht, mich dem "Fremden" zu nähern oder mich ihm anzugleichen. Ich will mich nicht identifizieren und keine Nähe herstellen. Im Gegenteil. Ich will mir - lesend - selbst "fremd" werden und mir die anderen und das andere - alle "Fremde", alles "fremd" - vom Leib halten. Ich will Distanz und Distanzierung - auch von mir selbst, von der allzu schnellen Übereinstimmung mit dem ersten, scheinbar "authentischen" Gefühl, von der Vereinnahmung durch die Verständnisseeligkeit der anderen, von der immer falschen Vergemeinschaftung und Verallgemeinerung. Immer schon fühle ich mich überall unwohl, schnell, wo sich alle einig sind oder zu sein scheinen, wo Harmonie unbarmherzig herrscht, wo es, wie es so schön und ironisch heißt, "menschelt", wo man sich an den Händen fasst und "lieb" hat und sein großes "WIR" findet und bestätigt.

(Ganz wahr ist das selbstverständlich nicht, denn ich möchte auch manchmal dazugehören, dabei sein, mich anschließen. Aber im Grunde genommen stimmt es schon, dass es mir stets unheimlich wird und immer schon geworden ist, wenn das "WIR" mehr als 10 Menschen umfasst. Dass dann die Fluchtreflexe einsetzen. Dass mir der Mensch als Masse immer schon Angst macht, auch wenn sich diese für das vermeintlich "Gute" einsetzt.)

Fremd ist, sagen die Grimms, was "von fernher" komme und/oder "nicht eigen" sei. Fremde Götter, fremde Speisen, fremde Länder, fremde Sitten, fremdes Eigentum. Das "Fremde" fasziniert und stößt ab, es weckt Begehren und Unbehagen, bereichert und beunruhigt. Das "Fremde" stellt in Frage, was gegeben ist, weil es zeigt, dass es auch anders sein könnte. Ganz anders. Ganz fremd. Das "Fremde" stiftet die Möglichkeit, sich selbst fremd zu werden. Identitäten aufzulösen. 

Identitäre aller Lager müssen daher seit je darauf achten, die Reaktionen auf das Fremde zu kontrollieren: Fremden Göttern sollst Du nicht dienen, fremde Männer sollen "unsere" Frauen nicht haben, fremde Heere uns nicht besetzen. Solange das gelingt, lässt sich daraus ein religiöses oder politisches Süppchen kochen. Herrschaft hat, wer bestimmt, was "fremd" ist. Je simpler und polarer, desto wirkmächtiger, weil es so noch die/der Dümmste kapiert: Was nämlich "fremd" ist und bleiben soll.

Die Gegenseite reagiert nicht selten kaum weniger schlicht: Man solle, sagen sie, jeden "als Menschen" sehen, als sei das etwas Besonderes und als hafteten dem Attribut "menschlich" nur positive Konnotationen an. (Mitnichten!) #unteilbar, heißt es, müssten "wir" sein. (Man marschiert dann, wie auch am Sonntag in Hanau wieder, unverdrossen neben den rassistischen "Grauen Wölfen" und Erdogans faschistischen Anhängern). Man will die "Fremdheit" nicht ertragen oder woanders hin verlagern. "Fremd" ist, was unserer Gesinnung widerspricht. "Wir" selber aber sind uns eins. Identisch halt. Fremdeln nicht miteinander. Wer keinen Döner mag, ist ein Fremdenfeind. Noch nie in der Shisha-Bar gewesen? Schnell mal hin. Sari anprobieren. Fez auf den Kopf. Wir lieben thailändisch inspirierte Bowls und besuchen Bauchtanz-Kurse. (Man muss da allerdings auch sehr aufpassen, wo "cultural approbation" anfängt. Das wär´ dann auch schlecht.) Jede/r soll zu uns gehören. Und wir wollen zu jedem und jeder gehören. Wir wollen aufmerksam sein und zugewandt. Dem "Fremden" gegenüber besonders und stets. Wir sind WeltbürgerInnen und wollen, dass alle es werden. Fremdheit dulden wir nicht länger. Es gibt keine Fremden. Jede/r soll willkommen sein. 

Das ist mir fremd. Diese Offenheit. Ich bin eher verschlossen. Eine grummelnde Hessin. Nach außen hin eher überlaunig wirkend. (Das ist der Trick, um in öffentlichen Verkehrsmitteln auf jeden Fall Ansprachen von "Fremden" zu entgehen.) Ich verschränke gerne die Arme vorm Oberkörper und bin zufrieden, wenn es verstanden wird: Bleibt mir fremd! 

Das ist - auch - eine Charakterfrage, zugegeben. Und trotzdem mache ich ein Plädoyer daraus. Gerade jetzt. Gegen die "Menschenlei". Gegen das allzu einfache "Wir".  Für die Fremdheit. Dafür, mehr Fremdheit wahrzunehmen, nicht weniger. Mir ist ein jeder fremd, oft. Nicht selten bin ich es mir selbst. Fremdheit beunruhigt. Immer schon.: "Was de Bauer net kennt, frisst he net." Wo ich herkomme, waren zu Zeiten auch die schon "fremd", die auf der anderen Seite vom Fluss oder Berg gewohnt haben. Was fremd ist, ist oft unangenehm. 

Fremdheit nötigt zu Zurückhaltung. Man beschwert sich nicht, auch wenn man den Borretsch nicht so mag, den die russischstämmige Gastgeberin serviert. Man zwingt sich mitzuschunkeln, obwohl man diese lauten Bräuche höchst seltsam findet. Man zückt einen Geldschein und steckt ihn der Braut ans Kleid bei der türkischen Hochzeit mit einem eher unangenehmen Gefühl. Lieber hätte man ein schön verpacktes Geschenk überreicht. Das ist nämlich oft ziemlich anstrengend, wenn man sich den "Fremden" anpasst. Das erlebt man keineswegs meistens als Bereicherung. "Fremde" nerven. 

Nur wer sich selber öfter fremd wird, ist geübt darin, mit dieser Belastung umzugehen. Denn wer sich selber manchmal fremd wird, statt stets mit stabiler Identität andere zu missionieren, hat sich eingeübt in der einzigen Methode, auf die Zumutung von "Fremdheit" zu reagieren: Humor. Wer sich selber fremd werden kann, muss immer wieder mal über sich lachen. Und über seine eigene Befremdung. 

Es ist ein Kennzeichen, das die Identitären aller Lager ein: Ihre selbstgewisse Humorfreiheit. So kommt es, dass sie die Fremdheit entweder nutzen, um ihre Identität und die anderer einzugrenzen und zu bekräftigen oder - im anderen Lager - Fremdheiten zu leugnen und Differenzen zu moralisieren. Sie lachen nicht über sich. Und über andere nur schadenfreudig. 

Das antinomische Denken, das Fremde zu hassen oder es zu glorifizieren, lässt sich aufbrechen: Das Fremde ist komisch. So komisch, wie wir den Fremden sind. Man sollte sich viel öfter "befremdet" fühlen. Statt sich immer wieder weiszumachen, Bescheid zu wissen. Über das Fremde. Und die Fremden. Und über sich selbst. 

Lasst uns statt "Interkultureller Kompetenz" Befremdung üben!

Donnerstag, 10. Oktober 2019

HANNAH RYGGEN in der Schirn in Frankfurt: MEHR ALS "GEWEBTE MANIFESTE"

Ausstellungskatalog


Die Ausstellung der Wandteppiche der norwegischen Künstlerin Hannah Ryggen (1894-1970)  in der Frankfurter Schirn unter dem Titel „Gewebte Manifeste“ beeindruckt gerade dadurch, dass Ryggens Teppiche eben nicht nur sind, was der Ausstellungstitel behauptet. 


Hannah Ryggens Wandteppiche greifen zu ihrer Zeit aktuelle politische Ereignisse und Situationen auf und bewerten sie aus einer eindeutigen, kommunistischen Weltanschauung. Mit 72 Jahren, 1966, webte sie „Blut im Gras“, einen Teppich, auf dem sich rechts ein blutrotes Gitter durch grüne „Gras“-Wolle zieht und links auf lilafarbenem Hintergrund der amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson mit Cowboy-Hut und Hund steht. Darunter hat sie den Titel „Blut im Gras“ eingewebt. Aber Ryggens Teppich besticht eben nicht, weil er bloß ihre Haltung zum Vietnam-Krieg illustriert, die sie in einem Brief festgehalten hat: „Die Armen sollen mit Geld, Blut und Tränen zahlen. Ich kann diesen miserablen Präsidenten in Lincolns Land der Freiheit nicht begreifen. Aber die meisten hier stehen auf seiner Seite, weil sie glauben, dass die USA sie vor dem Kommunismus schützen. Ja- die Welt ist nicht besser geworden als früher.“

Neben jedem der großformatigen Wandteppiche Ryggens ist eine Texttafel angebracht, die Aufschluss über den politischen oder sozialen Hintergrund der im Teppich gezeigten Inhalte gibt. Ryggens Haltung ist immer klar und eindeutig: gegen Kolonialismus und Faschismus, für Sozialismus und Kommunismus, gegen Krieg, für Frieden. Sie bezieht sich auf die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 30er Jahre („Fischen im Schuldenmeer“ 1933), Carl von Ossietzkys Tod in Haft („Tod der Träume“ 1936), setzt der deutschen Widerstandkämpferin Liselotte Hermann ein Denkmal („Liselotte Hermann enthauptet“ 1938) oder bezeugt die Inhaftierung ihres Ehemanns Hans Ryggen durch die Nationalsozialisten 1944 („Grini“ 1945). Ihre aufrechte Haltung verdient Respekt. Aber ihre Kunst geht nicht in dieser auf und die Wirkung der Wandteppiche von Hannah Ryggen überschreitet bei weitem diejenige eines zeitgebunden politischen Manifestes. 

Mich, die 1965 geborene, würden „Manifeste“ einer aufrechten Frau aus Norwegen bestenfalls historisch interessieren; Manifest gewordenen Kunstwerke hingegen, die bloß eine politische Haltung illustrierten, gar nicht. Hannah Ryggen mag ihre Werke auch als Manifeste verstanden und eingesetzt haben, spannender ist jedoch, dass und wie ihre politischen Überzeugungen sich in ihren künstlerischen und ästhetischen Entscheidungen zeigen; wie es ihr gelang, eine Form zu finden, durch die zeitgebundene Positionen in überzeitlich gültige übersetzt werden konnten. 

Um sich die „Inhalte“ der in Frankfurt ausgestellten Werke zu erschließen, muss die Betrachterin immer ganz dicht herantreten an die Texttafeln oder über die Audio-Features auf dem Handy abhören, was dargestellt ist. Sonst würde sie selten den historischen Hintergrund verstehen, allenfalls Churchill vielleicht erkennen auf „6. Oktober 1942“ (1943), eher nicht jedoch zum Beispiel Adenauer auf „Jul Kalve“ (1956), das gegen den Beitritt Norwegens zur NATO Stellung bezieht. Wenn die Betrachterin allerdings zurücktritt, um die Wandteppiche im Ganzen zu betrachten, dann wirken sie auch unabhängig von all diesem Hintergrundwissen. 

Diese Wirkung wird vor allem erzielt durch den Einsatz der Wollfarben. Die Beschäftigung mit der Herstellung der Wolle und ihrer Einfärbung nahm einen großen Teil des künstlerischen Schaffens Hannah Ryggens ein. Sie verwendete Wolle, die in der Region hergestellt wurde, in der sehr mit ihrem Mann und ihrer Tochter auf einem einsamen Hof lebte. Sie färbte diese Wolle selbst mit natürlichen Färbemitteln, die sie aus Pflanzen und Flechten herstellte, die sie sammelte. Männerurin war eine wichtige Basis ihrer Färberezepturen. Die Farben, die sie auf diese Weise herstellte, leuchten auf besondere Weise. Berühmt wurde ihr Blau, das „Pottblau“ oder „Pisseblau“, das so stark und vielfältig in vielen Teppichen hervorsticht oder Hintergründe bildet. 

Den Webstuhl, den sie verwendete, hatte ihr Mann Hans gebaut. Sie brachte sich das Weben selbst bei. Obwohl sie jahrelang Malstunden genommen hatte und über große technische Fertigkeiten verfügte, entschied sie sich bewusst für das Weben als Ausdrucksform. Sie verband mit ihrer Kunst das traditionelle (weibliche) Handwerk mit ihrem Wissen über kunsthistorische Ikonographie und die Entwicklungen der modernen Malerei. Das gewebte Bild bleibt dabei in einer anderen Weise „flächig“ als das gemalte Bild. Es wird aus Farbfeldern aufgebaut. Die Kette aus Leinen bildet den Untergrund auf dem die Wolle mit ihrer „Textur“ Formen bildet. Diese Formen sind zunächst schlicht, erinnern an naive Malerei und Volkskunst und beziehen sich ikonographisch und im Großformat dann doch auf die Traditionen der europäischen Malerei, auch christliche. Die Widerstandskämpferin Liselotte Hartmann hält ihr Kind wie eine „Maria mit dem Kinde“. 

Zugleich hebt diese Form des Wandteppiches, der häufig mit ornamentalen Bordüren verziert ist und traditionelle Webmuster verwendet, die Trennung zwischen Kunsthandwerk und „autonomer Kunst“, die das moderne Kunstverständnis bestimmt, auf. Sie besteht darauf, dass Kunst und Kunstproduktion nicht aus einem Gebrauchskontext herausgerissen werden sollen, dass das Kunstwerk im Dienst der Gesellschaft entsteht und ihr gehört. Hannah Ryggen hat konsequenter Weise daher ihre Werke nicht an private Sammler verkauft, sondern ausschließlich an öffentliche Einrichtungen. 
 

Mutterherz (1947)

Auch die Rolle der Frauen in der Gesellschaft steht dabei immer wieder im Zentrum von Hannah Ryggens Darstellungen: die Frau als Trophäe des wohlhabenden bürgerlichen Mannes, die aus ihrer Schönheit Macht bezieht und sich zugleich zur Ware degradiert in „Das goldene Lamm“ (1935), die alleinstehende Mutter an der Nähmaschine, die arbeitet und gleichzeitig liebevoll sich ihrem Kind zuwendet in „Unverheiratete Mutter“ (1937), die nackte, blaue Frau, die einen Soldaten zurück in seine Heimat führt in „Der Gebrauch der Hände“ (1949), die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern in „Mutterherz“ (1947).

Zu ihren Lebzeiten war Hannah Ryggen eine bekannte Künstlerin; sie vertrat Norwegen bei der Biennale in Venedig. Nach ihrem Tod geschah, was weiblichen Künstlerinnen und ihrem Werk nur zu häufig geschieht: Sie geriet in Vergessenheit. In ihrem Fall wird als Ursache dafür auch genannt, das sie Webarbeiten schuf, die als Kunsthandwerk galten und schon deshalb nicht Eingang in den Kunstkanon fanden. Erst jetzt wird sie nach und nach „wiederentdeckt“, wie es dann immer so heißt.