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Freitag, 20. September 2019

DER NIEDERGANG DES FRAUENHELDEN (Drei Sabinen)

Zur Erinnerung (denn - offensichtlich - mache ich weiter mit diesem "Roman" - den "Drei Sabinen")

Drei Sabinen
Der mythologische Hintergrund: Der Raub der Sabinerinnen, die sich – angeblich – von ihren Räubern und Vergewaltigern zu Liebe und Ehe „überreden“ ließen? Vom Leben in Welten, in denen Männer Frauen haben und brauchen, besitzen und begehren, beherrschen und behüten. Und wie Frauen dort leben, in diesen Welten, sich wehren, betrügen und intrigieren, lieben und verraten, sich befreunden und beraten. Und wie solche Welten ins Wanken geraten, beizeiten, beiläufig, verheerend. 

Die Zeitebenen: Die 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die Gegenwart (um 2016 folgende). Noch weiter zurück: Line Leuchte/Nachkrieg (doch das ist eine andere Geschichte!).

Der Ort: Haselberg in der hessischen Provinz

Das bisherige Personal:
Die KlassenkameradInnen:
- die Bohnenstangen-Sabine, später Sabia Hart, erst verklemmt und verschlossen, später mondän und weltläufig 
- die Rapunzel-Sabine, zunächst verschollen, irgendwo in der Metropole
- die kleine Sabine, ansäßig, verheiratet mit dem Norbert, ebenfalls schon immer ansäßig Reisebüro-Mitinhaberin
- der Claus, früher mollig und gescheit, heute schlank und durchtrieben, Provinz-Politiker
- die Kerstin, nüchtern und gediegen, verheiratet mit dem Richter
- der schöne Klaus, Kerstins bester Freund
und
„Wir“  (die Klatsch- und Tratsch-Gesellschaft)

- der Pianist, Sabia Harts Teilzeitgeliebter, ein Mann, „der die Frauen liebt“
- ein Starlet, die Mutter des Claus
- Markus, der schwule Friseur, den die Sabia liebte

Was bisher geschah:
- die Rapunzel-Sabine, die mysteriös verschwunden war (womit irgendwie der Claus etwas zu tun hatte) taucht auf Facebook wieder auf; den Claus beunruhigt das:
- die Sabia, die früher eine hässliche Bohnenstange war, erscheint als Geliebte des berühmten und berüchtigten Pianisten mal wieder in der alten Heimat; der Pianist macht sich an die spröde Kerstin heran und weckt die Eifersucht der Sabia:
"Du Teufel" (Hart kämpft 2)
"Only date Gentleman" (Hart kämpft 3)
- die kleine Sabine ist SocialMedia-affin und macht, was der Norbert von ihr will, während der Norbert macht, was der Claus will, obwohl er nicht kapiert, worum es geht
- der Claus spinnt Intrigen analog und digtial, aber man weiß nicht, wovor er Angst hat, außerdem erfährt man, was er früher über seine Mutter, das Starlet, erzählt hat, die vielleicht in der Hauptstadt ein Porno-Star geworden ist

(- alle Sabinen, so weiß man, waren mal in den schönen Klaus verliebt, aber das ist lange her)




***

Wir waren von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen. Dem Augenschein vertrauend hatten wir angenommen, es sei die herbe Kerstin, die in diesem bösen Spiel, das der Pianist angezettelt hatte, das Opfer werden würde. Doch das kam ja ganz anders. Am Ende war es nicht einmal die Sabia, die am meisten zu leiden hatte, sondern er, der Schwerenöter, der Mann, der die Frauen liebte, der elegante und eloquente Schmierenkomödiant, als der er uns erschien, während andere ihn, wie wir wohl wussten, verehrten gerade für jene Imitation eines schon vor einem Jahrhundert ausgestorbenen Gentleman-Typs, die er ablieferte, in seinen Safari- oder Nadelstreifenanzügen, mit gestärkten Hemdenkragen und kunstvoll geschlungenen Krawatten, seinen seidenen Einstecktüchern und seinem Borsalino mit dem flotten Bändchen. Nur wenn man auf die Schuhe hinabsah, offenbarte sich das Verkommene dieser verjährten Lässigkeit. Er trug Budapester, selbstverständlich, doch selbst die besten Schuhe kommen in ein Alter, in dem sie nur noch abgelaufen aussehen. Wir wunderten uns, denn es hieß, er sei gut im Geschäft, Auftritte auf den bedeutendsten Bühnen und in den arriviertesten Konzertsälen waren auf seiner Homepage verzeichnet. Allerdings eben auch zwischendrin immer wieder jene Gastspiele in der Provinz, deren eines ihn in unsere Gegend, in die Heimat der Sabia, ehemals Bohnenstangen-Sabine, verschlagen hatte. Der Lebensstil des Pianisten, wahrscheinlich, so nahmen wir an, war dafür verantwortlich, dass es manchmal knapp wurde bei ihm; man munkelte, er habe keinen festen Wohnsitz, er belege ganzjährig eine Suite im 5-Sterne-Hotel in der Hauptstadt, nun ja, das kostete natürlich.

Der Pianist hatte sich zweifellos auch einen anderen Ausgang seines Spieles erwartet, vielleicht sogar keinen Ausgang, sondern ein fortwährendes Drama, in dem sich der 3. Akt immerzu wiederholte, die Heldinnen einander, begleitet von schauerlichem Tremolo, an die Gurgel gehen, im unerbittlichen Kampf um den Mann. Das war sein Traum gewesen, so nahmen wir an. Allerdings imaginierte er sich eben nicht als ein Stück männlichen Fleisches, das sie zwischen sich zerrissen in ihrer penthesileischen Gier, sondern vielmehr als einen auf einem Throne sitzenden Richter, dem sie sich zu Füßen warfen und um dessen wechselnde Gunst sie flehten, während er sich einmal von oben herab der einen, dann wieder der anderen zuwendete, lechzend nach den Wunden, die sie einander, wie er hoffte, zufügen würden. Es kam aber nicht so. Sie kämpften nicht, sie brachten ihm keine blutigen Wunden dar, an denen er sich laben konnten, sie kratzten nicht und schrien nicht und intrigierten nicht. 

Die Sabia war bereit. Sie hätte ihm mit Freuden alles geboten, was er sich wünschte und mehr. Sie hatte es bei anderer Gelegenheit bereits bewiesen. Die Sabia hatte gelernt von klein auf, dass sie geliebt wurde, wenn sie sich selbst erniedrigte, oder sie hatte gelernt, zu glauben, dass es Liebe war, die sie sich erniedrigen ließ. Sie war bereit. 

Doch Kerstin? Kerstin war eine Frau, bei der sich der Pianist vergriffen hatte. Auch wir hatten dies nicht geahnt. Auch wir hatten vermutet, sie werde ihm nicht standhalten können. Denn wir wussten oder glaubten es zu wissen, wie sehr es ihr an Erfahrung mangelte, mit Typen wie ihm, überhaupt mit Typen. Den Pianisten hatte sein Instinkt vollständig verlassen, als er Kerstin auswählte. Doch nehmen wir im Rückblick nicht länger an, dass er sie wählte. Er wählte ihren Begleiter, er wählte, dass sie eine begleitete Frau war, begleitet von einem Mann, den er für satisfaktionsfähig hielt, aber besiegbar. Er schätzte den anderen Mann ab, nicht die Frau. Die Blicke des anderen Mannes verliehen Frauen den Zauber, der ihn, den Pianisten, betörte, an dem er sich berauschte. Dass die Frau von einem anderen begehrte wurde, dem er sie streitig machen konnte, zog ihn unwiderstehlich an. 

Aber als er Kerstin an jenem Abend von seinem Bühnenplatz aus in der ersten Reihe die Beine übereinanderschlagen und sich ihrem Begleiter zuwenden sah, täuschte er sich vollkommen. Jene Zärtlichkeit, jene Aufmerksamkeit, die der Begleiter Kerstin entgegenbrachte, war nicht mit dem Begehren verbunden, das der Pianist als einzige Beziehungsbasis zwischen einer Frau und einem Mann kannte. (Außer der Mutterschaft, freilich, doch davon wird noch die Rede sein.)

Der Niedergang des alternden Frauenhelden begann an diesem Abend, an dem gerade er sich so auf der Höhe seines Könnens wähnte. Aber auch wir sahen es ja nicht. Sahen eine ganz andere Katastrophe voraus, Scheidung und Hausverkauf, einen sich verdrückenden Richter, einen erschütterten schönen Klaus. Und Kerstin, verloren und gerichtet, sich die Haare raufend in der Rückschau über ihre Naivität, ihre Treulosigkeit, ihre Verfehlung. Das kam nicht so. Auch der Sabia prophezeiten wir an jenem Abend bittere Tränen. Doch ein anderer sollte weinen, krächzen, seine Stimme verlieren, sein Gehör, seine seidene Geschmeidigkeit. Den Schlussakkord des Trauerspiels, das uns allerdings, zugegeben, eine Tragikomödie war, hörten wir dann nur aus der Ferne noch, nachhallend. 

Drei Jahre und sieben Monate nach diesem Abend wurde der Pianist, der ehemals berühmte, wie es hieß, tot in einer Pension in der Kleinstadt B. aufgefunden. Schon lange habe er, so schrieb man, keine Konzerte mehr gegeben. Vereinsamt und mittellos waren Worte, die vielfach benutzt wurden. Die Todesursache blieb in den Berichten unerwähnt. Wir nannten es unter uns „Auszehrung“, ein veraltetes Wort, das uns bei der Gelegenheit wie auf der Zunge zerging.

Wir setzten alles in Bewegung, um herauszubekommen, wie das zugegangen war. Doch eine Quelle aus erster Hand stand uns nicht zur Verfügung. Kerstin schwieg. Wenige Monate nach jenem Abend nahm der Richter ein Sabbatjahr und Kerstin begleitete ihn auf seinen Reisen, die sie selbstverständlich bei der kleinen Sabine buchten. Es zog sie ans Nordkap und später fuhren sie mit der Sibirischen Eisbahn, sie waren in Jerusalem und am Toten Meer, kletterten auf die chinesische Mauer und tauchten in Australien. Nur hin und wieder wechselten sie die Kofferinhalte in Haselberg. Wir sahen sie nie. Nach diesem Jahr wurde der Richter befördert und sie verkauften das Haus am Kirchberg an einen Zugezogenen. Kerstin ließ sich selten blicken bei uns danach. Nur der schöne Klaus hatte noch regelmäßig Kontakt zu ihr. Doch wir erfuhren nichts von ihm, so sehr wir uns auch bemühten. Die kleine Sabine gab als Letzte auf, ihm schöne Augen zu machen. So blieb uns nur die Sabia. 

Doch deren Darstellung, die wir hier wiedergeben werden, ist mit Vorsicht zu genießen.  

Sonntag, 12. August 2018

Vielleicht mach ich doch weiter. Mit UNS. (Aus der Werkstatt)

"Das Paradies war ein Garten", sagtest du, "vergiss das nicht." Ich hob fragend die Augenbrauen an. "Hortus conclusus." Da waren wir schon einmal, wusste ich. Nichts Neues unter der brennenden Sonne. Und doch...Die Grenzen zu bedenken, darauf wolltest du mich aufmerksam machen. Welche Grenzen setzen WIR? Denn. Ich habe mit diesem "Wir" gerungen, letzthin. Ich wollte es sprechen lassen. Das WIR, wenn es denn zur Sprache sich zu bringen vermöchte, könnte jenen Grund oszillieren lassen zwischen allwissender Perspektive, schwebend, und jener beinahe vollkommenen Ignoranz des ICH. Dachte ich. Diese unwissende Gewissheit, von der aus wir uns denken müssen, in Gemeinschaften und aus ihnen hinaus. 

Es gelang nicht. Die Grenzen mussten zu häufig verschoben werden, aus Garten Landschaften gestaltet, Fluchtpunkte ins Nichts, dabei immer wieder die Sehnsucht vorgreifend: Zurück in ein verständliches Paradies, fest ummauert. Wer waren wir denn? Eine Kohorte, regional verankert (nicht zu kenntlich), ländlich geprägt, Nachbarskinder, Schulkameradinnen, Samstagabendbadende, Enterpriseguckende, Dallidallihüpfer. Wir wussten von allen und allem zu viel und zu wenig. Und ausgerechnet ich hatte mir das vorgenommen, die dem schönen Klatsch mit soviel Ungeduld begegnete, der Spekulation um der Phantastik willen stets misstrauend, - das konnte ja nicht gut gehen. 

Drei Sabinen - der Raub des guten Willens um der Zukunft wegen, das Weitergebene: die kriegsversehrten Kriegsgewinnlereltern, Marschallplanversorgten, Eigenheimbauern, die über Bombenhagel, Schneegestöber und Hungerödeme nicht sprachen, außer in mahnenden Floskeln: "Iss dein Tellerchen leer." und "Pommernland ist abgebrannt." Waren deren Kinder: wir. Sorgten vor: Bausparverträge, Schulreform, Sprachlabor, Willywählen. Auf einem Stapel Autoreifen sitzt in der Erinnerung unserer Väter und Mütter ein schwarzer GI und verteilt Kaugummis. "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" Niemand.

Wer will denn schon fremd sein im eigenen Land? WIR. Denn das ging uns ja verloren, das wir gekannt hatten: Ulrike Meyfahrt startete für die BRD. Die gibt es nicht mehr. Hinter den Grenzzäunen wuchsen wir behütet auf. Und waren mit Interrail unterwegs in Europa. Oh, schöne Sommernachmittage. Vor unseren Fernsehern. Lauschend auf Streitereien in Nachbars Garten. 

Eine Trilogie aus diesem fiktiven Wir heraus wollte ich schreiben, von dieser Irritation her (dem allerersten Eintrag dieses Blogs). Drei Frauen, Sabinen: die kleine Sabine, die Brillen-Schlangen-Sabine, die Rapunzel-Sabine. Aus denen wurden: die geschwätzige Sabine, die schöne Sabine (Sabia Hart) und die verschwundene Sabine (jetzt auch auf Facebook). Zu unserem Personal sollten außerdem gehören: der politische Claus und der schöne Klaus, die spröde Kerstin, der geschäftige Norbert, der kluge Andreas, der wüste Pianist, die kranke Beate. Unter anderem. Alle gesehen und beschrieben, bedacht und erzählt vom wir aus, der Gemeinschaft der Gleichaltrigen, vor Ort gebliebenen. Ein kollektiver und provinzieller Blickwinkel. Was wir wissen können, ahnen und phantasieren. Was uns verborgen bleibt. Die unzuverlässigsten Erzähler_innen weit und breit. Eine einheitliche und vielfältige Perspektive zugleich. 

Das hat ja gar nicht hingehauen. Außer beim Claus. Der Claus ist gut. Gelungen. Das liegt daran, dass er so öffentlich lebt und so geschwätzig ist. Der Claus ist der Bösewicht in der Geschichte und ihr Held. Bisher. (Aber das kann ja nicht so bleiben.) Irgendwie geht's nicht weiter. 

Die verschwundene Sabine hat sich auch mir entzogen. Man kann einfach nicht wissen, was der Claus ihr angetan hat (oder auch nicht?). Und Frau Hart macht momentan auf Künstlerin, das tut ihr nicht gut, als Romanfigur. Ich mag die geschwätzige Sabine in ihrem Reisebüro, aber was soll man über die erzählen?

"Das nervt", sagst Du. "Mach weiter. Oder lass es." 
Ich gebe Dir recht und kann doch nicht anders. Wer sind wir denn? Ich will die mal richtig abgrenzen können. Nicht immer so auf Menschheit machen, weißt Du. Einfach mal wieder irgendwo hingehören, wo nicht jede/r dazu gehören kann. Wir sein, - aber bitte schön: Bei uns war's ja auch nicht immer idyllisch. Manche blieben ewig Zugereiste, obwohl man noch nicht von PoC sprach oder Muslimen. Unsere Zugereisten kamen aus Magdeburg oder Königsberg. Zum Beispiel. 

"Lass mich doch ein bisschen unter uns bleiben.", sage ich. "Nur noch ein Weilchen." Du schüttelst den Kopf. So geht das nicht. So nicht. Wir wollen jetzt offen sein. Sagst Du. Ich gärtnere ich nicht. Aber ich mag Gärten. Wir könnten mal wieder zum Gartenfest einladen: Nudelsalat, Bratwürste, Rollbraten. Heutzutage reden wir über unsere erwachsenen Kinder. Frau Hart hat keine. Die kleine Sabine zwei (wie aus dem Bilderbuch, natürlich). Von der Rapunzel-Sabine wissen wir es nicht (aber sicher ist sie alleinerziehend, denken wir, wissen aber nicht warum).

Vielleicht mach´ ich doch weiter. Mit UNS.





Samstag, 8. Juli 2017

LINE LEUCHTE 1 (Was hat das mit den "Drei Sabinen" zu tun?*)

Wir können im Falle Karoline Pfeifers kaum durch Rückgriffe auf Briefe, Tagebücher, Notizen den Eindruck erwecken, was wir erzählen wollen, könne beglaubigt werden durch Dokumente, geschrieben von der eigenen Hand der Protagonistin. Denn Line hatte, mindestens in den letzten 30 Jahren ihres Lebens, nichts aufgeschrieben, nicht einmal hatte sie noch von eigener Hand die Beileidsbekundungen, die sie von Jahr zu Jahr häufiger zu verschicken hatte, verfasst. Die diktierte sie vielmehr erst der Tochter, später der Enkelin. Der Verdacht, dass Line in Wahrheit gar nicht schreiben konnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn das Schreiben spielte in Lines Leben, nachdem sie die Volksschule verlassen hatte, keine Rolle. Sie schob es auf ihre rauhen Hände, dass sie sich weigerte, einen Stift in die Hand zu nehmen, um die schwarz geränderten Karten zu beschriften. Vielleicht aber wusste sie auch längst nicht mehr, wie die Buchstaben zu malen waren. Lesen allerdings konnte Line: die Koch- und Haushaltskladden ihrer Mutter und Tanten, eng liniert und sorgfältig geführt in Sütterlinschrift, Lore-Hefte, die sie unter dem Spülstein verbarg und, von vorne bis hinten an jedem Sonntag, das Gemeindeblatt. Als Lines Todesanzeige im August 2001, wenige Wochen vor den Anschlägen auf das World Trade Center, in eben jenem Sonntagsblatt erschien, betrauerten zwei Töchter, ein Sohn, eine Schwiegertochter, ein Schwiegersohn, drei Enkelinnen und zwei Enkel die „nach langer schwerer Krankheit im Kreise der Familie Verstorbene“.  Das stand so da und war doch nur ein Schein, denn in Wahrheit hatte Line niemals ein Kind geboren, war ihr Leib unfruchtbar geblieben und die da zeichneten als ihre Kinder und Kindeskinder waren ihr nicht anverwandt. Den einen war sie Stiefmutter geworden in der zweiten Hälfte ihres Lebens und die anderen hatten sie als „Oma“ immer gekannt. Wer Line gewesen war, was sie verbarg und jenen immer verborgen bleiben sollte, die da an ihrem Grab standen, war die Tatsache, dass Line eine der großen Liebenden ihres Jahrhunderts gewesen war. 

Woher glauben wir das zu wissen? Wir sahen die Blicke und Gesten, vor allem die vermiedenen, mehr als ein halbes Jahrhundert.  Einige von uns wurden Zeuginnen jener beiden unvergesslichen, verräterischen Ausbrüche, auf die jedoch keine von uns jemals die beiden ansprach, weder auf den Vorfall im Jahre 1970, als Peter Leuchte seine Frau Antonia, genannt Toni, beinahe geschlagen hätte, noch auf Lines Weinkrampf an seinem Grab siebzehn Jahre später. Wir besitzen zwei Briefe, die ganz hinten in Lines Bibel abgelegt waren und einige verschwommene Fotos, die Peter Leuchte sorgsam vor seiner Frau in der untersten Schublade seines Schreibtisches im Laden versteckte, eines mit einer Widmung Lines darauf. Wir sind dennoch, trotz dieser dürftigen „Beweislage“  vom Wahrheitsgehalt unserer Erzählung überzeugt, davon auch, dass diese Liebesgeschichte, der wir den Namen „Line Leuchte“ geben werden, in Nichts den großen Liebesdramen der Literatur nachsteht, weder in ihrer Tragik noch, ja auch dies, in ihrer Komik. 

Alles andere in Lines und Peters Leben ist gesichert. Beide verließen einen Radius von 80 km rund um Haselberg nie. Ihre Geburts- und Sterbeurkunden, die  Überschreibungen des Geschäfts und der Äcker an Lines Stiefkinder und Peters Neffen, die Aktordner mit Steuerbescheiden und Stromrechnungen wurden über die Jahre sorgfältig aufbewahrt. Es scheint keine Lücke zu geben. Zwei offenbar unspektakuläre Leben, die wie alle ihrer Generation zwar von Weltkrieg Nr. 2 geprägt wurden, jedoch dem Anschein nach weniger dramatisch, als es bei vielen anderen der Fall gewesen war. Wegen seiner Behinderung hatte Peter nicht zur Wehrmacht gemusst und Haselberg war auch noch in den letzten Kriegsjahren von Bombenangriffen verschont geblieben. 


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* Ich weiß es noch nicht. Das kollektive Erzähler-"Wir". Vielleicht. 

Fantastischer Claus?


Sonntag, 27. September 2015

Hart kämpft (3): "Only date Gentlemen." (Aus: DREI SABINEN *)

Sie konnte dem Pianisten nichts vorwerfen. Er hatte sie gewarnt, im Grunde schon bevor sie ihn kennenlernte. Er hatte, das sprach er nicht ungern an, eine Reputation. Ein Mann, der die Frauen liebte. Im Plural. Und also: keine. Sie hatte es gewusst und ihn gerade deshalb, nur deshalb, gewollt. Sie schämte sich auch dafür, vor allem aber, zumindest wenn und solange es gut lief, amüsierte sie sich. Mit denen, mit diesem: dem Liebhaber der Frauen. Er bestätige alles, ein für alle mal, hatte er lachend gleich bei ihrer ersten Begegnung gesagt und ihre Hand geküsst. Er konnte das: Handküsse verteilen, ohne lächerlich zu wirken. Weder sich noch die Frau, die er beehrte, setzte er mit diesen altmodischen Gesten der Ironie aus. Das war sonderbar. Der Zug zur Boshaftigkeit, der seinen Mundwinkeln so tief eingegraben war, hinderte ihn nicht daran, ein echter Gentleman zu sein. Und sie hatte ihm erwidert: "Das trifft sich gut, denn ich kann nicht treu sein."

"Only date Gentlemen." Sie hatte diesen Ratschlag der Englischlehrerin auf dem Schweizer Internat, in das ihr Vater sie danach abgeschoben hatte, damals beinahe überhört. Dem hässlichen, bebrillten Entlein, das sie gewesen war, galten diese Worte nicht. Sie hätte vorher auf jeden Fall ein "Make over" gebraucht - und hatte es ja dann auch bekommen. Sie lächelte in Erinnerung an Markus, der so aufrichtig jedes Klischee über den schwulen Friseurs bedient hatte und dabei wahrhaftig ihre erste (...und einzige, und einzige...) große Liebe gewesen war. Er hatte sie schön gemacht und für ihn war sie zum ersten Mal schön gewesen. Lauter Streicheleinheiten, keine Gier. Durch seine Augen im Spiegel hatte sie sich lieben gelernt. Das war von Dauer. Never ending love story. 

Aber er fickte André. Sie warf sich das vor, dass sie an seine Liebhaber immer nur, auch damals schon, denken konnte als Sexmaschinen. Sie weigerte sich, die ernst zu nehmen, als Lebensgefährten. Es tat einfach zu weh, sich vorzustellen, wie er mit denen bei einem Glas Wein saß und über sie redete: "Meine Freundin Sabia." Eine Wirklichkeit war: Sie war von keinem Mann je betrogen worden, nicht einmal von ihrem Vater. Ein jeder war in dieser Hinsicht ehrlich gewesen, weil er gewusst hatte, noch bevor etwas begann, dass er es sein konnte und musste mit ihr. Und doch, dachte Sabia, als sie damals die Turmtreppe hinaufstieg, hatten alle, alle sie verraten. Selbst Markus, vor allem Markus. Sie blieb ihnen, den Männern, denen sie willig verfiel, nämlich doch treu, selbstverständlich, und viel länger als es währte, für immer und immer und immer. Von keinem kam sie je los. Es hatte mit Markus angefangen. (Das stimmte nicht. Es war ja eben Markus gewesen, weil es keinen Anfang geben konnte.) Alle ihre Männer hatten ihr zu Füßen gelegen und sie war, nachdem Markus sie auf die Beine gestellt hatte, mit hohen Absätzen über sie hinweg getänzelt. Sie suchte sie aus. Mit Fleiß, Geschick und Gespür. Der Eifersucht hatten sie, so bestätigten sie einander immer von Beginn an, abgeschworen, den albernen Geheimnisse und exklusiven Schwüren. Auch sie, glaubte sie, musste sich nichts vorwerfen, auch sie hatte jeden gewarnt (Außer Markus, das war nicht nötig gewesen.) Und doch, und doch...

Es schien zunächst nichts Besonderes um den Pianisten zu sein. Ein Mann aus einer anderen Sphäre, Fernflüge, Begegnungen in teuren Hotels. Short term relationship. In ihren Erinnerungen wohnten sie alle, der Reigen schöner Männer, für immer und ewig. Er aber, der Pianist, war der erste, der ihr gewachsen war. Böse. Böse. Der sich einfach nicht in eine Erinnerung verwandeln ließ. Ein wahrhaft düsterer Pseudo-Darcy. Die perfekte Fassade. Die unbestechlichen Manieren und verwegenen Manierismen. Der Hochmut, der nicht fiel, denn - das war sein Geheimnis - : Hinter der Fassade war Nichts. Eine Leere, die ihm alle Macht verlieh. Über sie. Das hatte sie gesucht. Nicht die Tiefe. Kein Brüten. Die vollendete Unfruchtbarkeit eines Mannes, der nur sich selbst liebt - und: die Frauen. Sie war wie betrunken von ihm, nicht nur in der ersten Zeit, sondern bleibend. Er ließ sie schwanken und sich vergessen. Ängstlich fragte sie sich schon nach wenigen Monaten, ob er ihre Sucht nach ihm so sehr brauchte, wie sie seine Gemeinheiten. Sie hoffte es, aber sie ahnte, dass er noch etwas anderes suchte. Etwas in ihm lauerte hinter der Leere und wollte...Sie zitterte, wenn sie daran dachte, denn das konnte sie ihm niemals geben oder vergeben. 

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DREI SABINEN ist der (Arbeits?-)Titel eines Romanprojektes. Sein Ausgang nimmt es von hier:
- einer Wanderung durch den Märchenwald: KEIN STEG UND KEINE BRÜCKE
und hier:
und hier:
Wie alle meine Erzählungen hat auch diese vom Anfang her keinen "Plot". Mir erscheinen Bilder. Und Figuren. Drei Sabinen: die Bohnenstangen-Sabine, die kleine Sabine, die Rapunzel-Sabine. Und was aus ihnen wurde. Kinder in den 70er Jahren, die Rollschuh fahren und Brause schlecken. Ein Wehr. Disco. Der politische Claus mit C., der einmal ganz anders war, mopsig fast, bevor er gefährlich wurde. Ein paar Szenen. Unterhaltungen zumeist. Mittelgebirgslandschaft. Ein blutiger Finger, abgerissen, am Straßenrand. Der schöne Klaus mit K. Wiederbegegnungen in der Gegenwart. Unserer.
Ich erzähle diese Roman-Episoden aus der Perspektive eines "Wir". Ich weiß nicht, ob das durchzuhalten ist. Und warum es so sein muss. Noch nicht. 

Bisher:


Dienstag, 25. August 2015

Hart kämpft (Teil 2): "Du Teufel" (Aus: DREI SABINEN)*

Hart hatte durch den Pianisten den Schmerz wiedergefunden, als den nur sie die Liebe erkannte. Wir ahnten das, natürlich. Wir hatten den Mercedes mit Harts Vater am Steuer durch den Ort rollen sehen, die Mutter klein daneben mit riesiger Sonnenbrille.  Kein anderes Haus verdiente den Namen „Villa“, damals, als dieses Kuriosum am Hang mit den albernen Putti auf den Torpfosten und der grotesken Statue ohne Arme vor der runden Auffahrt und den halben Säulenattrappen neben der schweren Eingangstür („Echter  Carrara-Marmor!“, ließ Harts Vater immer wieder jeden wissen, der es schon wusste.) Wir hatten zwar keinen Geschmack, aber erkannten instinktiv den schlechten. Die Männer nickten Harts Vater zu und lachten gezwungen über seine Witze am VfB-Stammtisch, denn er war der größte Sponsor. Aber wenn er den Raum verließ, schürzten sie verächtlich die Lippen. Über Harts Mutter wurde im Kreise der Frauen nicht gelästert. Was er ihr genau antat und wie, wollte keine so genau wissen. Dass die Mutter der Bohnenstangen-Sabine ihre Rolle nicht freiwillig spielte, konnte jede sehen, die es nicht wollte.  Unter den dunklen Brillengläsern war sie immer verheult. Kein blaues Auge, soviel ist wahr, nie.  Stets leichte Solariumsonnenbräune. Wasserstoffblond. Mehr Twiggy als Marilyn allerdings, was „in“ war, damals, aber hierzulande nicht wirklich gefiel.  Immer neueste Mode, echter Schmuck. „Er lässt es sich was kosten.“, der Satz fiel. Die Schnapsflaschen im Abfallcontainer. Die Putzfrau hatte am Mundwasser geschnüffelt: „Purer Alkohol, sage ich euch.“ 

Wir sahen im Hartschen Mercedes  die jungen Frauen, kaum volljährig wirkten sie, durch das Tor die Auffahrt hinaufrollen. Kichernd und auf den hohen Absätzen sich kaum halten könnend stiegen sie zwischen den Attrappensäulen die Treppe hinauf, wo die Frau des Hauses sie erwartete mit einem erzwungenen Lächeln und Champagnerschalen. „Orgien“, flüsterten unsere Väter, nicht ganz ohne Neid. Frau Hart wurde bemitleidet, aber sie genoss keinen Respekt. Den erwies man vordergründig dem Ehemann, hinter dessen Rücken man aber den Kopf schüttelte. Es wurde der Rücksichtslosigkeit in unserem kleinbürgerlichen Milieu in jenen 70er Jahren noch nicht die Bewunderung zuteil, die ihr erst der sogenannte Neokapitalismus und das Privatfernsehen späterhin verschaffte.

Soweit wir wussten, lebte Harts Mutter, trotzdem oder deswegen, noch, irgendwo an der Cote Azur. Während ihn der Schlag getroffen hatte, irgendwann Ende der 90er. Die Bohnenstangen-Sabine, seine Tochter, später Sabia Hart, erschien nicht zu seiner Beerdigung. Auch die Witwe, längst war sie da schon dem Hafen der entwürdigenden Ehe gen Mittelmeer entflohen, fehlte. Etwas, so ahnten wir, hatten sie gegen ihn in der Hand gehabt, Mutter und Tochter.  Schwerwiegend genug war dieses Wissen offenbar, um sie sicherzustellen beide, materiell wenigstens, schon vor seinem Ableben. Die Trauergemeinde war dennoch nicht klein gewesen. Peinlich nur, dass sich keine und keiner vorne ans Grab stellen wollte, als der Pfarrer die Abschiedsworte sprach vor dem Versenken. Lumpen lassen allerdings wollten sich die Herren vom VfB nicht. Sargträger boten sie auf und organisierten Trauerfeier und Weckessen. Im Testament wurde der Verein großzügig bedacht. Die Immobilie fiel an die Dorffußballer. Die Tochter erhielt, so hörten wir, den Pflichtteil. „Mehr als genug.“ Dass sie nicht kam, wurde ihr nicht vorgeworfen. Es galt zwar als stillos. Aber niemand erwartete von der Bohnenstange etwas anderes. Wenn wir gewusst hätten, wie sich das hässliche Entlein längst schon verwandelt hatte. Doch das erfuhren wir erst durch die Begegnung mit Kerstin und deren Folgen.

Zunächst schien es jedoch, als spiele der Pianist die Hauptrolle in der Tragikomödie, die sich anzubahnen begann. Er rief die Spröde an, die sich zierte, mit gutem Grund. Säuselte nicht, sondern befahl. Das war der Trick. „Ich sähe sie gern. Noch heute. Kommen Sie in mein Hotel. Ich erwarte sie um 18.00 in der Lobby.“ Sie widersprach, suchte nach Ausreden. Hatte sie noch nicht begriffen, wiewohl zu jenem Zeitpunkt schon über 40 Jahre alt, dass jede Rechtfertigung dem Angreifer Tür und Tor öffnete? Er war da schon drinnen, ließ nichts gelten. Es war gar keine Überredung notwendig, nur ein starker Wille und auf ihrer Seite die so lange unterdrückte Lust auf ein Abenteuer, uneingestanden freilich. So erklärten wir es uns später.

Er berichtete Hart unmittelbar nach dem Telefonat von seiner Verabredung mit ihrer, wie er sich spöttisch ausdrückte, „nur scheinbar so frigiden Freundin.“ Hart sprang sofort darauf an: „Sie ist nicht meine Freundin. Nie gewesen.“ „So ist sie immerhin, wage ich zu behaupten, deine Neigungsgenossin, glaubst du nicht? Sie wird mir verfallen wie du. Die Wette wage ich. Nach einem ersten Blick.“ „Du Teufel.“ „Du hälst nicht dagegen, bemerke ich, meine Teuerste.“ Er betonte das letzte Wort geradezu vulgär. Sie schlug nach ihm. „Ja“, lachte er, indem er ihren Arm auffing, „das wird mich teuer zu stehen kommen, du Feurige. Ich weiß es und bestehe darauf.“ Er zog sie an sich und sie ließ sich küssen. Eins führte zum anderen. Sie unterwarf sich mit Worten, für die sie errötete. Nichts brachten ihn mehr zum Lachen und in Fahrt als ihr Mangel an Selbstachtung. 

Kerstin ahnte nichts davon. Wirklich? Sie hatte unter der leichten Berührung dieses Mannes gezittert, als drohe er ihr mit Schlägen. Warum er sie wählte? War es bloßer Zufall, der ihm eine Frau zuführte, die Sabia gekannt hatte, als sie noch die Bohnenstange gewesen war? Spürte er, der Erfahrene und Gewiefte, sofort, dass die Verletztheit und die Verletzlichkeit seiner Geliebten nicht heftiger zu steigern waren als durch die Konkurrenz mit einer, die sie in ihrer mit so viel Aufwand zum Verschwinden gebrachten jugendlichen Unschönheit noch gekannt hatte? Oder sah er in der herben Frau, in unserer Kerstin, die so gar nichts mit der betörenden und verstörten roten Hart gemein zu haben schien, etwas, das uns all die Jahre entgangen war?


Kerstin war eine Mitläuferin. Immer dabei, nie beachtet. Still behütet. Ein unscheinbares, blasses Gesicht, kantige, aber geradlinige Züge, die an einem Mann sogar schön gewesen wären. Sie wirkte patent, klar, schlicht. Dabei klug. Klassenbeste. Prädikatsexamen. War nicht von zu Hause ausgezogen, sondern hatte sich im Parterre des Elternhauses eine Wohnung ausbauen und einrichten lassen bis sie den Richter heiratete. Ein zurückhaltender, höflicher Mann, viel beschäftigt. Mit dem baute sie ein Haus am Kirchberg, das beider Charaktere widerspiegelte: Modern, geradlinig, zugeknöpft. Nur die Hinterseite zum Garten hatte große Glasfenster. Über die Ehe hätten wir nichts zu sagen gewusst. Auch die Putzfrau konnte keinen Tratsch beitragen. Alles harmonisch – und öde, irgendwie. Nur ihre Freundschaft zu Klaus, dem schönen Klaus mit K, nicht dem politischen Claus mit C war rätselhaft intim. Die beiden waren schon in der Oberstufe unzertrennlich gewesen, aber niemals ein Paar. Wir vermuteten (in den frühen 90ern begann man bei Männern offen darüber zu reden, mit leicht anzüglichem Schmunzeln bisweilen) der schöne Klaus sei schwul. Das erwies sich als Irrtum, zumindest vordergründig, als er nach Italien auswanderte um einer dunkelhaarigen Schönheit willen. Diese Ehe ging schief und seit Jahr und Tag war der Klaus wieder da, hatte die Malerwerkstatt von seinem Vater übernommen und die Freundschaft mit Kerstin erneuert. Der Richter, häuslich veranlangt, schien nichts dagegen zu haben. So war es auch der schöne Klaus gewesen, der Kerstin zu jenem Konzert begleitet hatte, von dem aus die Katastrophe ihren Lauf nahm.


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* DREI SABINEN ist der (Arbeits?-)Titel eines Romanprojektes. Sein Ausgang nimmt es von hier:
- einer Wanderung durch den Märchenwald: KEIN STEG UND KEINE BRÜCKE
und hier:
und hier:
Wie alle meine Erzählungen hat auch diese vom Anfang her keinen "Plot". Mir erscheinen Bilder. Und Figuren. Drei Sabinen: die Bohnenstangen-Sabine, die kleine Sabine, die Rapunzel-Sabine. Und was aus ihnen wurde. Kinder in den 70er Jahren, die Rollschuh fahren und Brause schlecken. Ein Wehr. Disco. Der politische Claus mit C., der einmal ganz anders war, mopsig fast, bevor er gefährlich wurde. Ein paar Szenen. Unterhaltungen zumeist. Mittelgebirgslandschaft. Ein blutiger Finger, abgerissen, am Straßenrand. Der schöne Klaus mit K. Wiederbegegnungen in der Gegenwart. Unserer.
Ich erzähle diese Roman-Episoden aus der Perspektive eines "Wir". Ich weiß nicht, ob das durchzuhalten ist. Und warum es so sein muss. Noch nicht. 

Bisher:

Samstag, 7. März 2015

Hart kämpft (Teil 1) (DREI SABINEN)

Sie war und wollte eine auffällige Erscheinung sein. Immer Auftritt, aber im Inneren die Angst und die Depression stets auf der Lauer. „Ein heißer Feger“, flüsterte es hinter ihr her, wenn sie die Treppe hinaufstieg ins Turmhaus, wo die Schönen und Reichen und Gebildeten das Tanzbein schwangen. Lippen auf Alarmrot, die Nüstern gebläht, wie eine Zuchtstute das Haupt in den Nacken gelegt, eine edle Bewegung, dafür aber der Hals zu kurz, eigentlich. Sie kompensierte das mit einem Blick unter exakt geschwungenen Brauen aus giftgrünen katzenhochmütigen Augen. Das lockige Haar schwang um ihre Schultern in falschem Tizianrot. Sie wollte keine Naturgewalt sein, sondern das hohe Bild der zweiten Natur: Mehr Erotik als Sex, aber stets ein Angebot, unter der Hand, für den Mann, der das Alpha-Tier vorstellte oder den sie dazu machen konnte. Jede Geste zeigte an: „Ich bin der große Preis.“

So tauchte die wieder auf, die einmal die Bohnenstangen-Sabine gewesen war und sich jetzt Sabia Hart nannte, modelhaft, und keine konnte einer wie ihr ohne Vorurteile begegnen. So viel Schau, da ließ sich leicht an der Substanz zweifeln. Das war ein Fehler und nicht unser einziger. Sie hatte sich verwandelt und wir sogen die Luft ein. Doch das Spiel, das sie spielte, begriffen wir weder damals noch später. Die Kampfszene, in die sie eingestiegen war, vielleicht hatte einsteigen müssen, auch um unseretwegen, unserer Worte und Blicke willen, verstanden wir nicht. Sie wollte gesehen werden, aber die Blicke, die sie trafen und die sie verschoss, galten nicht gleich viel.

Kerstin, die einmal „die Schlaue“ gewesen war und nun ein Mittelstandsmusterleben in der Provinz führte, hatte den berühmten Pianisten, dessen Einspielungen sie sammelte, an jenem Abend hören wollen und den Freund überredet, sie zu begleiten. Von ihr hörten wir später, wie diese Begegnung mit der, die wir vor Zeiten Bohnenstangen-Sabine gerufen hatten, verlaufen war. Das meiste mussten wir uns zusammen reimen, denn Kerstin war keine gute Erzählerin. Mit geschlossenen Augen, so stellten wir uns vor, hatte Kerstin dem Spiel gelauscht, ihre Hand sanft und trocken in die ihres  Begleiters gelegt. Sie saßen in der ersten Reihe der Stühle, die an jenem Abend im Halbkreis auf den Tanzboden gestellt waren, um dem Pianisten eine Bühne zu schaffen, die Beine einander spiegelnd übereinander geschlagen, ihre Füße sich gelegentlich leicht berührend. Der Meister spielte gut, wenn auch, wie Kerstins Gefährte später feststellte, beinahe zu virtuos. Zu sehr, so fanden beide, war sich der Mann in jedem Augenblick seiner selbst und seiner Begabung bewusst, spielte vor, gab sich nicht aus. „Trotzdem, war´s gut.“, resümierten sie im Foyer danach. Nach dem Vortrag standen die geladenen Gäste noch eine Weile herum, Weingläser wurden ausgeschenkt, Brezeln aus Körben angeboten. Ein alter Bekannter stellte Kerstin den Pianisten vor.

Sie, so behauptete sie, sei überrascht gewesen wie dieser Mann sie taxierte, als sei sie solo gekommen, aus tiefliegenden, von schweren Lidern verschatteten, beinahe schwarzen Augen. Das dunkle geölte Haar und sein Monjou-Bärtchen, über das er sich fortwährend strich, verstärkten die, ohne Zweifel beabsichtigte, Reminiszenz auf einen ruchlosen Dandy der 20er Jahre. Seine Stimme war rauchig, ein heiseres Flüstern, als hätten sie beide etwas miteinander zu verbergen, so legte er ihr seine Hand auf den Unterarm: „Sie kennen meine Musik? N´ est pas?“ Die Bewegung hatte etwas Entblößendes. Kerstin fühlte sich nackt. Ein leichtes Tippen seiner Fingerspitzen, kaum spürbar. Dann ließ er wieder los.

Dieser Flirt aber, so stellte Kerstin es dar, galt nicht ihr, nicht wirklich, sondern dem, der sie begleitete, ihrem Mann, wie der Klaviervirtuose offenbar annahm, und ihr, der Roten, der schönen Sabia, seiner Frau. Die sie nicht war, andererseits, was eine Rolle spielte, die aber Kerstin an jenem Abend noch nicht durchschauen konnte. Wir waren nicht überzeugt, denn wir ahnten, wie sehr Kerstin, die Spröde, ihre eigene Anziehungskraft unterschätzte.

Was jedoch sicher stimmte: Das Spiel, das hier gespielt werden sollte, zwischen Hart und dem Pianisten, überforderte die schlaue Kerstin. Was sich an jenem Abend zwischen Sabia, Kerstin und dem Pianisten anbahnte, beruhte schon auf so tiefen Missverständnissen, dass sie auch später keine Erneuerung der alten Freundschaft - die in Sabias Augen ohnedies niemals bestanden hatte- je würde wieder auflösen können. Kerstins Begleiter reagierte nicht auf den Pianisten. Er sah wohl das Spielbrett, aber die Spieleröffnung, die ihm galt, entging ihm. „Magst du ein Glas Roten?“, fragte er und als Kerstin nickte, wandte er sich ab, unbesorgt, um sich in der Schlange anzustellen. Der Pianist lächelte, kein anderes Wort passt besser als: maliziös. Weniger galt seine Verachtung ihr, der kühlen Blonden, die der Verteidigung nicht wert zu sein schien, als dem anderen Mann, der den Kampf nicht angenommen hatte.

Hart dagegen nahm an. Mit dem Oberkörper lehnte sie sich leicht seitwärts gegen die Brust des Pianisten. Hätte sie ihren Arm, wie eine Bürgerliche des 19. Jahrhunderts im Stadtpark, unter seinen Arm geschoben und einen Schirm geschwungen, die Geste hätte nicht besitzanzeigender und abwehrender zugleich sein können. Sie hatte Kampfstellung bezogen. „Wir Künstler“, lächelte sie, „müssen euch sehr kapriziös erscheinen.“ Er genoss es, ungemein. „Aber warum denn, meine Liebe, darf ich Ihnen Sabia Hart vorstellen, eine sehr, sehr gute Freundin.“ Das war geschickt. Er sagte nicht: meine Freundin. Oder: meine Geliebte. Dennoch war es eindeutig: sehr, sehr, das e gezogen und das r gerollt. Aber auf eine Weise ausgedrückt, die die Geliebte auf Distanz hielt. Die Botschaft an Kerstin, der er tief in die Augen schaute, lautete: Wenn Sie wollen... Die ehemalige Bohnenstange bemerkte das wohl und fuhr die Krallen aus. „Wirk kennen uns“, ließ Kerstin ihn wissen, „von früher. Obgleich du dich“, wandte sie sich an Sabine-Sabia, „sehr verändert hast. Kaum wiederzuerkennen.“ Hart schnurrte. Das Angebot, das er Kerstin gemacht hatte mit den Augen, brachte sie in Wallungen. Das war der Preis, um den er zu haben war, und der seinen Wert steigerte. Dass er sie kämpfen ließ. Ohne die dauernden Kränkungen hätte sie ihn gar nicht haben wollen. 

Was ging in ihr vor an jenem Abend, als sie eine von uns zum ersten Mal wieder traf nach so langer Zeit? Sah sie in Kerstin ein Mäuschen, das es wagt, mit der Katze zu spielen? Wir hatten sie bedauert, früher, aber Kerstin schauderte es nun, wenn sie an den Blick dachte, mit dem Hart sie gemustert hatte. Durchdringend, gierig, verlangend. Spiel mit uns. Wags doch. Und was sah er? Die Beute eines anderen, um die es sich zu streiten lohnte? Es waren andere Frauen anwesend, schönere, teurere als Kerstin an jenem Abend. Warum sie? Die versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen: „Du bist Sängerin geworden?“, fragte sie. Hart legte den Kopf in den etwas zu breiten Nacken, als wolle sie jenen kleinen Makel durch die Dehnung ausgleichen, bevor sie Kerstin ihr breitestes Lächeln schenkte: „Du hast bestimmt von  meinem Engagement in H. gehört.“ Kerstin verneinte. Harts Züge erstarrten, jedoch nur für einen winzigen Moment. 

„Holst du mir meinen Mantel?“, wandte sich Kerstin, der kalt geworden war, an ihren Begleiter. Er strich sanft mit der Hand über ihren Rücken. „Müde?“ Sie nickte, erleichtert. Als er zur Garderobe ging, beugte sich der Pianist zu ihrem linken Ohr: „Wir werden uns wiedersehen.“, flüsterte er, die Lippen fast gegen ihre Muschel gepresst. Kerstin zitterte. Der Pianist lachte entspannt auf: „Sie sind eine wunderbare Zuhörerin.“  Er hob ihre rechte Hand seiner Nasenspitze entgegen und hauchte einen angedeuteten Kuss darauf. Hart neben ihm schüttelte sich kaum merklich, aber Kerstin war sich dennoch sicher, die Bewegung wahrgenommen zu haben. Kerstins Begleiter kam mit dem Mantel zurück und sie schmiegte sich  an ihn, strich mit ihrer Wange über seine Hand, die ihr den Ärmel half. Er suchte, ein wenig irritiert, ihren Blick. „Alles in Ordnung?“. Sie nickte und klammerte sich noch etwas enger an ihn. Sabine Hart legte ihr zum Abschied eine Hand auf den Arm: „Wir werden uns wiedersehen.“, wiederholte sie exakt die Worte des Pianisten.

Kerstin benutzte, als sie uns davon erzählte, nicht das Wort Flucht. Aber so etwas muss es gewesen sein. Sie glaube nicht, sagte sie, dass sie Sabine Hart, die Bohnenstange, die eine Rote geworden war, sinnlich, ergreifend, besessen von ihm, dem Pianisten, je wiedersehen werde. Sie jedenfalls, behauptete Kerstin, wolle das nicht. „Irgendwie“, sagte sie, und das Wort entlarvte sie mehr als das Zittern ihrer Stimme, machten die ihr Angst, diese unbekannte Sabine-Sabia und ihr Pianist. Damals ahnten wir noch nicht, was kommen würde. Aber keine von uns glaubte Kerstins Beteuerungen.

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Mittwoch, 11. Juni 2014

Die Rapunzel-Sabine ist auf Facebook! (DREI SABINEN)

Die Rapunzel-Sabine tauchte nach über 20 Jahren wieder in einer Facebook-Gruppe auf. Nach ihrem Profilbild hätte keine sie erkannt. Es war unscharf und im Gegenlicht aufgenommen, eine etwas mollige Frau in einem zu engen, silbrigen Spaghetti-Träger-Top, von dem die Bohnenstangen-Sabine, die sich jetzt Sabia nannte, jeder Frau über fünfundvierzig, die nicht regelmäßiges Hantel-Training machte, abraten würde, falls die sie sich jemals die Mühe gegeben hätte, anderen Frauen Ratschläge zu ihrem Outfit zu erteilen. 

Die Facebook-Gruppe hatte der Norbert gegründet, aber vielleicht hatte er es auf Anraten oder gar Befehl von Claus getan. „Wir aus der Milchau“ hatte der Norbert die Gruppe genannt, aber praktisch jeden und jede eingeladen, die er kannte, also zum Beispiel auch alle die gar nicht aus Haselberg kamen, sondern nur mit ihm in der Kreisstadt aufs Gymnasium gegangen waren. Die Gruppe war offen und die Mitgliedschaft schnell gewachsen. Die kleine Sabine war natürlich von Anfang an dabei gewesen, schließlich war sie die Frau vom Norbert und als „Mädchen für alles“ in seinem Reisebüro direkt gegenüber dem Rathaus saß sie im Zentrum von Klatsch und Tratsch. Schon nach wenigen Wochen hatte die Gruppe fast 1000 Mitglieder, was vor allem dem Claus zu verdanken war, der zu den ersten zehn gehörte, die der Norbert eingeladen hatte. Böse Zungen behaupteten, dass der Claus den Norbert instruiert habe, die Gruppe als ein Wahlkampfplattform für ihn zu installieren. Wenn das stimmte, war es jedenfalls geschickt gemacht. Erstens war der Claus, als der Norbert die Gruppe gründete, gar nicht im Wahlkampf gewesen, sondern mitten in einer Legislaturperiode. Und zweitens wurde auf der Plattform am Anfang gar nicht über Lokalpolitik gepostet, sondern bloß alte Fotos aus der Milchau oder neue Fotos von der  Umgehungsstaße, der das High End, die altersschwache Disko am Ortseingang, im vergangenen Sommer zum Opfer gefallen war. Der Claus likte die alten Fotos, wenn er jemanden darauf erkannte und hielt sich ansonsten zurück. Trotzdem traten viele nur seinetwegen der Gruppe bei, weil sie es als Gelegenheit ansahen, öffentlich anzuzeigen, dass sie den Claus sozusagen „privat“ und „von früher“ kannten und also einen Draht zu ihm hatten, was, wie viele sagten, „jedenfalls nie schaden konnte“.

Und plötzlich war da die Rapunzel-Sabine aufgetaucht. Wie aus dem Nichts. Die Bohnenstangen-Sabine war von der kleinen Sabine, mit der sie nach wie vor Weihnachts- und Urlaubspostkarten tauschte, natürlich sofort eingeladen worden. Aber die Adresse oder Mail von der Rapunzel-Sabine hatte keine und es hatte auch keine nach ihr auf Facebook gesucht. Jedenfalls hätte keine das zugegeben. Trotzdem erhielt der Norbert als Administrator der Gruppe etwa ein Vierteljahr nach ihrer Gründung eine Anfrage von der Rapunzel-Sabine und schaltete sie sofort frei. Da sprach aus seiner Sicht nichts dagegen und auch die kleine Sabine war ganz aufgeregt, als er ihr davon erzählte. „Schau an. Die Rapunzel-Sabine. Die gibt´s auch noch.“, freute sie sich und schickte der Rapunzel-Sabine sofort eine Freundschaftanfrage. Sie musste zwei Tage warten, bis die Rapunzel-Sabine die Anfrage annahm, sagte sich aber, dass die vielleicht nicht so oft im Netz war. Die kleine Sabine dagegen hatte in einem Fenster immer die Facebook-Seite offen, wenn sie im Reisebüro war und ansonsten war sie mit ihrem Smartphone online. Aber es gibt ja, sagte sich die kleine Sabine, in „unserer Generation“ nicht wenige, die den neuen Kommunikationsmöglichkeiten skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen. Die kleine Sabine hielt sich viel darauf zugute, dass sie in der Hinsicht ganz offen war. Sie postete fröhlich und ein bisschen angeberisch  Urlaubsfotos von sich, dem Norbert und den Kindern. Wo sie nicht überall gewesen waren....Es gab da eine App, mit der man das eintragen und die Fotos verlinken konnte, damit hatte sich die kleine Sabine mal ein ganzes Wochenende befasst und Fotos und Urlaubsorte zurück bis in die 90er Jahre gepostet und verlinkt. Jedes Mal war aufgepoppt: Sabine ist in...New York, Shanghai, Malediven, Costa Rica, London, Paris, Vorarlberg, Rio de Janeiro, Thailand, Neuseeland...und ihre „Freunde“ hatte geliket und gescherzt: „Hoppst von einem Ort zum anderen?“ und sie hatte geantwortet: „Das war 1996“. Das hatte sie gemacht, bis ihre älteste Tochter, die schon nicht mehr zu Hause wohnte, ihr eine verärgerte PM geschickt und sie gebeten hatte, wenigstens sie nicht mehr auf den Fotos zu verlinken. „Das ist so peinlich, Mama.“ Seitdem war die kleine Sabine ein bisschen vorsichtiger geworden, stellte aber immer noch mal gern ein Bild von sich ein, wenn sie mit dem Norbert einen der tollen Kurztrips unternahm, die ihnen die Pauschalreise-Anbieter regelmäßig kostenlos oder zu günstigsten Konditionen zur Verfügung stellten. „Super-Feriendorf-Anlage im Burgenland.“, postete sie dann und sagte ein bisschen entschuldigend zum Norbert: „Als Werbung.“ 

Die kleine Sabine klickte sich in einer ruhigen Phase im Reisebüro durch die Facebook-Seite von der Rapunzel-Sabine. Die trug also immer noch ihren Mädchennamen. Bei „Beziehung“ hatte sie nichts angegeben und auch sonst war die Seite ziemlich unergiebig: Es gab nur das unscharfe Profil-Bild, sonst keine Fotos. Als Wohnort war „Frankfurt“ eingetragen. „Gar nicht weit weg“, dachte die kleine Sabine. Die Rapunzel-Sabine hatte 23 Freunde. Die meisten von denen hatten Blumen- oder Tier-Bilder für ihr Profil gewählt und gaben auf der allgemein zugänglichen Seite nichts über sich preis. Was die Rapunzel-Sabine jetzt arbeitete oder sonst so machte, konnte die kleine Sabine auf Facebook nicht herausfinden. Die Rapunzel-Sabine hatte bloß zwei Youtube-Videos gepostet: eine Live-Aufnahme von „Do you really want to hurt me“ von Culture Club und die See-Szene mit Colin Firth als Mr. Darcy. Das war´s. Die kleine Sabine war enttäuscht. Andererseits verspürte sie auch eine gewisse Schadenfreude. Die Rapunzel-Sabine war schließlich damals unter den drei Sabinen die schönste und klügste gewesen. Aber das hatte sich offenbar nicht ausgezahlt. Kaum Kontakte, nix Interessantes los bei der. Oder sie gehörte zu denjenigen, die sich auf Facebook rar machten und ihre deutschen Ressentiments dagegen pflegten. Die kleine Sabine verzog die Lippen: Das war so provinziell, fand sie. „In anderen Ländern...“, mit dieser Phrase begann die kleine Sabine viele Sätze und langweilte ihre Zuhörerschaft, indem sie ihre vorgebliche Weltläufigkeit und Vorurteilsfreiheit zur Schau stellte. Durch die trostlose Facebook-Seite von der Rapunzel-Sabine fühlte sich die kleine Sabine sehr ermuntert, der eine persönliche Nachricht zu schicken: „Toll, dass du da bist. Wie geht´s dir denn? Wir haben uns ja ewig (!!!) nicht gesehen. Melde dich doch mal. Frankfurt ist gar nicht weit. Da können wir uns mal treffen. Ich würde mich sehr freuen! LG Sabine B. (jetzt B., haha, früher D.)“


Die Rapunzel-Sabine antwortete erstmal nicht. Aber der Norbert bekam einen Anruf vom Claus, noch am selben Abend, an dem die Rapunzel-Sabine der Gruppe beigetreten war. „Was ist denn das mit der Rapunzel-Sabine? Wie kommt die in die Gruppe?“ „Wahnsinn“, freute sich der Norbert, „oder? Dass es die noch gibt.“ Aber der Claus war schlechter Laune, der Norbert merkte es schnell an diesem bellenden Ton: „Hast du die eingeladen?“ „Wie denn?“, fragte der Norbert zurück, „wir haben doch ewig nix mehr von der gehört. Seit sie damals...“ „Ich hätte auch lieber nix mehr von ihr gehört.“, sagte der Claus und legte auf. Der Norbert legte das Handy perplex auf den Tisch. Dass der Claus so reagierte wegen der Rapunzel-Sabine...Der kleinen Sabine, seiner Frau, erzählte er nichts von dem Gespräch. Irgendwie hatte er ein komisches Gefühl.


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Samstag, 22. März 2014

SUU GITT´S ! (Wäj merr bei us dahoam spreche dutt)


Facebook bildet. Zurück und vor. Als ich ein Kind war und eingeschult wurde, achtete mein Mama sehr drauf, dass ich "Hochdeutsch" (naja, die mittelhessische Variante davon) sprechen konnte. Was anderes hätte Frau P., die gestrenge Lehrerin, auch nicht akzeptiert. Platt konnte ich verstehen, aber schon bald nicht mehr sprechen. Auf Facebook hat sich nun eine "Heimatgruppe" gegründet, in der Bilder von jenem Ort gepostet werden, in dem ich aufgewachsen bin. Und in den Kommentaren wird auf Platt kommuniziert. Ich lern´s wieder. Und heimwehle (nur ein bisschen!). 

Auszug aus den Kommentaren:

"Off 'm Kerchekonggress traffe saich 3 ehemoaliche Parre'n voo A. Sääd de ieschd: Wäj aich do Parre woar,harr aich eammer 3 Flearrermäus ean de Kerch. Däj wud aich ned luus! Aich hat se gefoange,waajd ean de Wesderwaald gefoarn. Wäj aich hoamkoom,woarn se wearre do! Säd de Zwaade: Däj harr aich aach! Aich huu mer e Gewiir geliind,droff geschosse,oawwer naud devoo gehodd,wäj Licher ean de Kerchedegg! 
Säd de 3.:Aich sain se luus worrn. Wäj aich Sonndoag fiirm Goddesdeanst die Preerichd fiirbereid huu,sasse se en de iieschd Boank ean guggde maich goanz traarich oo. Do huu aich se genomme,gedaafd ean konfermiirt ean doann huu aich se ned mi gesee!" (J.R.)


Postkarte von meiner Tauf- und Konfirmationskirche, 80er Jahre

(Es ist kein zweckfreies Wieder-Lernen: Ich werde in Teilen des Sabinen-Romans die Figuren Platt sprechen lassen. Danke, Facebook! ;- ) ) 

Montag, 22. April 2013

Starlet oder Die Kindheit von Claus (DREI SABINEN)


In jenem Sommer hing alles davon ab, Rollschuhfahren zu können. Sie jagten sich über die Schotterstraßen der Milchau und bretterten in halsbrecherischem Tempo den Kirchberg hinunter. Die kleine Sabine und die Rapunzel-Sabine trugen nur noch Röcke und Kleider, um den Ärger mit den Müttern wegen der Löcher an den Hosenknien zu vermeiden. Die Bohnenstangen-Sabine dagegen blieb bei ihren Jeans. Wahrscheinlich weigerte sich ihre Mutter, die ihr auch zu dem streichholzkurzen Bubenschnitt und der Hornbrille verholfen hatte, ihrer Tochter Kleider zu kaufen. Die Bohnenstangen-Sabine hielt sich schief auf den Rollenschuhen, wankte seitwärts den Berg hinauf, klammerte sich runter an den Geländern und Zäunen fest und fiel trotzdem oft genug hin. Ihre Jeans waren am Ende des Tages meist löchrig und die Spekulationen darüber, was ihr wohl zu Hause blühte, nahmen zu. Andererseits hatten die es ja, die Eltern von der Bohnenstangen-Sabine mit ihrem Prunkpalast und ihrem Hektar-Grundstück mit Waldblick. Wenn der Vater von der kleinen Sabine in seinem Käfer daran vorüber fuhr, sagte er immer: „Versichern lohnt sich.“ Die Mutter von der kleinen Sabine aber schüttelte unheilschwanger den Kopf und prophezeite: „Schnell konn´s vorbei sei.“ Die Bohnenstangen-Sabine war, trotz oder wegen der reichen Eltern, der echten Wrangler und den Pumas, die sie trug, in jenem Jahr nicht angesagt. Sie war aber dabei und wurde nicht ausgeschlossen, immerhin. Umgekehrt spielte es in dem Sommer noch keine Rolle, dass die Rapunzel-Sabine in der Siedlung wohnte, ihr Vater sich jeden Freitag nach der Arbeit in der Kneipe neben der Drahtfabrik zulaufen und ihre Mutter die Lockenwickler auch auf dem Weg zum SPAR drin ließ. Oder wahrscheinlich spielte es eine Rolle für die Rapunzel-Sabine, aber es spielte noch keine Rolle für ihren Rang unter den Mädchen und ihre Beliebtheit bei den Jungs.

Erst ein paar Jahre später würde alles anders werden: die schlaksige, ungeschickte Bohnenstange-Sabine mit der dicken Brille würde sich Kontaktlinsen einsetzen und ein ernst gemeintes Angebot einer Katalogmodel-Agentur ausschlagen. Die kleine Sabine würde Akne kriegen und fettige Haare und die Rapunzel-Sabine sich zuletzt gar nicht mehr aus dem Haus trauen, bevor sie - "Unbekannt verzogen" - die Gegend verließ. Dass und wie daran der Claus schuld war, allerdings, das würde wiederum erst 20 Jahre später heraus kommen.  In jenem Sommer aber gaben die kleine Sabine mit den blonden Locken und die Rapunzel-Sabine noch unverdrossen den Ton an und führten mit lauten Stimmen und schrillem Gelächter das Regiment, wenn die Horde auf ihren Rollschuhen die Runde zog, durch die Seitengassen der Milchaue eine Schleife zum Sportplatz, von da über die Bahnhofsstraße zur Unterführung, wo die Hauptstraße gequert wurde, grad auf der Höhe der Bäckerei, die dem Vater von dem anderen, dem schönen Klaus mit K gehörte, dann den Kirchberg hoch und die Erbsengasse runter, durch die schmale Schlitz über den Mittelweg wieder zur Hauptstraße. Da, gegenüber vom Café Bäumer, wo es die besten, aber auch unerschwinglich teuren Zitronenrollen gab (Die Mutter von der kleinen Sabine holte sich ganz selten welche, wenn ihr alles zuviel wurde.), hatte der Vater vom Clausi seinen Kioskladen und der war das Ziel von der Horde, die mit höllischem Lärm, angeführt von den beiden Sabinen, um jeden Mittag pünktlich ab drei nach der Mittagsruhe durchs Dorf zog.

Der Claus, der damals noch Clausi genannt wurde, konnte nicht Rollschuhfahren. Er war ein moppeliger Junge zu der Zeit, ein wenig prall um die Hüften und das Kinn. Von seiner Großmutter wurde er in Lederhosen gequetscht, die zu eng um die speckigen Oberschenkel schlossen. Dazu musste er peinliche karierte Hemden tragen, von denen er den ersten Knopf unterm Kinn erst aufzumachen wagte, wenn er um die Ecke gebogen war und die Großmutter ihn vom Küchenfenster aus nicht mehr sehen konnte. Was Jahre später als Folklore wieder „in“ sein mochte, war in den frühen 70ern einfach nur altmodischer Opa-Look. Dazu passten die dicken, selbstgestrickten Socken, die sie, die Oma, ihn auch im Sommer in die Sandalen stopfen ließ. Der Clausi war schlecht in jeder Sportart und wurde bei Mannschaftsspielen immer als letzter gewählt. Sein Rang in der Horde hätte ähnlich niedrig oder im Grunde noch niedriger sein müssen, als derjenige von der Bohnenstangen-Sabine, denn unter den Jungs war Sportlichkeit noch wichtiger als unter Mädchen.

Aber so war es nicht. Der Clausi war ein Groß- , Laut- und Fürsprecher, auch damals schon, als noch niemand was von seiner politischen Karriere ahnen konnte, obwohl oder weil er so rundlich, so bürstenhaarschnittig, so sommersprossig und so breitmaulfroschig war. Ein Mädchenschwarm war er trotzdem nicht, damals nicht, soviel steht fest. Aber es wurde auf ihn gehört und ihm gern zugehört, denn der Clausi hatte immer was zu erzählen. Wenn alle sich verausgabt hatten beim Rollschuhfahren und durch das Gekröll der Rollen auf den holprigen Schotterstraßen das halbe Dorf erschreckt, die Sittiche von ihren Stangen gefallen waren  und die Katzen sich in die hintersten Stallwinkel verzogen hatten, dann ging es zum Clausi in den Hof hinter dem Kiosk. Der Clausi hatte es geschafft, aus dem, was ihn eigentlich hätte verschüchtern und ausgrenzen müssen, aus dem Skandal, der ihn und seinen Vater betroffen hatte, eine ganz große Nummer, einen Serien-Roman zu machen, dessen Fortsetzungen sie jeden Nachmittag in diesem Sommer lauschen wollten, obwohl sie dem Clausi kein Wort glaubten. 

Freilich bot der Clausi auch immer gratis Gummischlangen, Schaumküsse oder Ahoj-Brause für alle aus dem Kiosk an. Aber sie kamen nicht aus Gier auf die Süßigkeiten jeden Nachmittag her. Wenn es das gewesen wäre, dann hätte sich ganz schnell auch Missgunst und Neid in ihr Verhältnis zum Clausi geschlichen, denn jeder Mäzen wird am Ende von seinen Günstlingen gehasst, wenn er sie von sich abhängig macht. Niemand will immer wieder in die Nehmer-Rolle gepresst werden.

Aber das war es eben nicht. Der Clausi erzählten ihnen hinter dem Kiosk im Hof, breitbeinig auf der Stufe sitzend, die in die Hinterstube führte, während sie auf dem Boden hockten und ihre angeleckten Finger in die Ahoj-Brause tupften, von seiner Mutter. Die Mutter vom Clausi war durchgebrannt. Die hatte ihren Mann, den dicken Heinz, dem der Kiosk gehörte, verlassen. „Wie de Heinz des schofft mi´m Clausi unso.“, hörten sie alle von Zeit zu Zeit in ihren Elternhäusern kopfschüttelnd sagen, mit jener Mischung aus aufrichtigem Mitgefühl, Bewunderung und boshafter Schadenfreude, wie sie unter Leute vorkommt, wo jeder jeden kennt oder doch zu kennen glaubt. Die Mutter vom Clausi hatte einen Koffer gepackt und war im Morgengrauen aus dem Haus gegangen, um den 5.30 Uhr-Zug in die Kreisstadt zu kriegen. Dem Heinz hatte sie, so ging das Gerücht und der Clausi hatte es hinter dem Kiosk bestätigt, einen Zettel hingelegt, da hatte nichts weiter drauf gestanden als: „Mir wird das hier zu eng. Pass auf den Clausi auf. Marianne“. „Wia a Murr des mache ka. De Bub afach so ala lasse.“, sagten die Leute. Aber der Clausi jammerte nicht. Zwar musste er jetzt das Zeug von der Oma tragen, aber tagsüber war er bei seinem Vater im Kiosk und las dort die Comics, für die das Taschengeld von den anderen nicht reichte, gratis. 

„Meine Mutter“, sagte der Clausi, „ist ein Starlet.“ Keine wusste, was ein Starlet war, aber der Clausi erklärte es gleich. Sie reiste mit den Stars herum, den ganzen berühmten, erzählte der Clausi. Immer, wenn sie Ilja Richters „Disco“ am Samstag geguckt hatten, konnte der Clausi danach erzählen, wie seine Mama bei einem Barbecue mit Ricky Shayne gewesen war oder für den Auftritt von SWEET Knöpfe an die Weste von Andy Scott genäht hatte. Was ein „Barbecue“ war, wussten sie auch nicht, aber der Clausi klärte sie darüber auf. Seine Mutter, erzählte Clausi eines Nachmittags sei jetzt mit dem Günther von TRUCK STOP zusammen und mit dem auf Tour. Außerdem werde sie in einem Sketch von Ilja Richter mitwirken, das würden sie noch sehen, demnächst, allerdings dürfe er nichts darüber verraten. Ganz im Vertrauen, ließ er später den einen oder die andere wissen, dass seine Mutter ihm ein Foto von sich im Kostüm einer römischen Priesterin, irgendwas mit Bestalin oder Westali oder so geschickt habe. Das richtige Wort wusste der Clausi nicht mehr so genau (Damals, in den frühen 70ern, gab es ja noch kein Internet zum Nachschauen und Latein hatten höchstens die Gymnasiasten ab der fünften Klasse. Der Clausi und die anderen gingen zu dieser Zeit aber noch in die Grundschule, wenn sie auch da die Großen waren.) Der Clausi sagte, seine Mutter habe auf dem Foto einen dollen Busen gehabt, über den sich der Stoff von dem römischen Gewand geballt habe und dafür bewunderten sie ihn gleich noch einmal mehr, dass er es gewagt und geschafft hatte, das Wort „Busen“ laut auszusprechen, ohne rot zu werden.

Der Clausi machte aus der Abwesenheit seiner Mutter eine fabelhafte Erzählung und verwandelte das mögliche Mitleid seiner Kameraden, noch bevor es sich entwickeln konnte, in Bewunderung, die ohne Neid auskam. Denn so toll die Abenteuer von der Marianne auch waren, die der Clausi für sie erfand, es war doch jedem und jeder lieber, wenn daheim eine Mama waltete, die Suppe kochte und Jeans wusch, über dreckige Fingernägel und Löcher in den Strümpfen schimpfte, Stullen schmierte und am Sonntag mit dem Papa an der Sell entlang spazierte und den Kinderwagen mit dem kleinen Brüderlein oder Schwesterlein dabei summend vor sich her schob. Kinder sind spießig und die Sabinen, die kleine und die Bohnenstangen-Sabine, die Sommersprossen-Kerstin und der flotte Thomas, der schöne Klaus mit K, die Jutta aus dem Fachwerkhäuschen und der starke Michi waren ganz gewöhnliche Dorf-Kinder. Nur die Rapunzel-Sabine vielleicht, weil bei ihr daheim  nicht mal der Hauch einer Familienidylle aufrecht erhalten wurde, fühlte ein wenig Neid, aber sie zeigte es jedenfalls nicht. 

Außerdem glaubte auch keine und keiner dem Clausi nur ein Wort von den Geschichten über die Marianne. Das sagten sie ihm aber nicht. Sie sagten auch untereinander nichts darüber, wie wenig sie davon überzeugt waren, dass die Marianne im Tour-Bus von Truck Stop unterwegs war. Sie ließen die Geschichten vom Clausi so stehen, wie er sie erzählte, und schauten am Samstag „Disco“ im Fernsehen noch lieber als früher, um in der Woche zu hören, was sich der Claus über die Stars und die Marianne, das Starlet, ausgedacht hatte. Den Erwachsenen, den Müttern und Vätern, die weiterhin gelegentlich seufzend über den armen Heinz lamentierten und die Marianne verfluchten, erzählte sie erst recht nichts von den Geschichten, die der Clausi über das Starlet, seine Mutter, erfand. Ob sich die Marianne seit jenem Tag, an dem sie mit ihrem Koffer die Hauptstraße entlang zum Bahnhof gegangen war, jemals wirklich beim Heinz oder beim Clausi gemeldet hatte, wusste man halt nicht.

In dem Jahr drauf aber war die Sensation perfekt und der Clausi stieg noch einmal in der Achtung aller. Denn eines Tages, mitten in den Sommerferien, weshalb viele, die in den Ferien an der Ostsee, am Garda- oder am Edersee waren, es nicht mit eigenen Augen hatten sehen können, hielt vor dem Kiosk vom Heinz ein schwarzer amerikanischer Schlitten und aus dem stieg die Marianne, die, wie die Oma vom Clausi missgünstig später erzählte, auch nicht schlanker geworden war, gekleidet in ein enges weißes Kostüm mit dicken schwarzen Punkten drauf, grad als sei sie aus einem 50er Jahre Film von der Leinwand geklettert, auf dem Kopf einen wagenradgroßen weißen Hut mit schwarzem Bändchen und dazu grellroten  geschminkten Lippen und lackierten Fingernägeln (Das war dann der Einstieg in den Color-Film). Die Marianne wurde nicht etwa chauffiert, sondern fuhr den Wagen selbst. Um den herum trippelte sie auf den Kiosk zu, aber der Heinz hatte sie schon vom Fenster gesehen und kam ihr auf dem Gehsteig entgegen. „Schließ ab“, habe die Marianne gesagt, berichteten die Zeugen später. „Wir müssen reden.“ Und der Heinz habe gehorcht, ohne den geringsten Einwand vorzubringen, sei in das Auto geklettert und mit ihr losgefahren.

Die Marianne, wie sie von den wenigen Augenzeugen beschrieben wurde, entsprach keineswegs dem Schönheitsideal der Zeit, das sich an einer Twiggy-Figur orientierte. Aber sie war, wie formuliert wurde, zweifellos „imposant“ und „brutal fraulich“. Der Heinz blieb fünf Stunden lang weg und der Kiosk geschlossen.Nach diesem Besuch, der sich nie wiederholte, fuhr der Clausi in den Ferien regelmäßig nach Berlin zur Marianne, die da, wie er behauptete, mit ihrem neuen Mann, einem Filmregisseur, in einer Villa wohne. Der Clausi verstieg sich dann zu der Behauptung, die Marianne sei ein Filmstar in den Filmen von ihrem Mann, aber das glaubte ihm nicht nur keine und keiner mehr, sondern man sagte ihm auch ins Gesicht, dass es gelogen war. Schließlich konnten die meisten mit dem Schülerticket seit der 5. Klasse in die Kreisstadt fahren und mindestens die Kinoplakate anschauen, die da aushingen und manchmal sogar einen Film sehen. Die Marianne war nie in einem, der dort gezeigt wurde.

In den Elternhäusern war von da an allerdings eine Erwähnung der Marianne tabu. Es hieß immer: „Der Clausi kann ja nix dafür.“ Das hätte der Einbruch sein können, der den Clausi nach all den Anstrengungen doch noch dem Mitleid oder gar dem Hohn ausgeliefert hätte. Er kriegte aber noch einmal die Kurve, indem statt Geschichten über die  Marianne zu erfinden, von Berlin erzählte, den Läden und den Kneipen, den Punks und den Drogen. Der Clausi ließ sich die Haare länger wachsen, wurde schlanker und sein Kinn kräftiger, die breiten Lippen, die einst ein bisschen wulstig gewesen waren, wurden sinnlich und die Sommersprossen auf seiner Nase verschwanden. Er hieß dann auch nicht mehr Clausi, sondern wurde der Claus. Am Ende, kann man sagen, sah er besser aus als der schöne Klaus mit K. Mit 16 waren die kleine Sabine und die Bohnenstangen-Sabine sogar mal gleichzeitig in ihn verliebt, etwa zu jener Zeit, als das mit der Rapunzel-Sabine passierte. Aber davon wussten sie ja damals nichts oder zumindest richteten sie sich so ein, als hätten sie nichts davon mitgekriegt.

Der dicke Heinz erlag einem Herzinfarkt, als der Claus 17 war. Die nächsten drei Jahre wohnte er bei seiner Oma, die ihm aber längst schon keinen Widerstand mehr entgegensetzte. Der Kiosk wurde dicht gemacht. Der Laden stand lange leer. Kurzzeitig war mal ein Plattenladen drin. Auch ein Billig-Kaufhäuschen ging drin pleite. Viele Jahre später eröffnete ein Handy-Shop. Mit dem Tod vom Heinz endeten die Reisen vom Claus nach Berlin. Von der Marianne hörte man nichts mehr. Auch nicht, als der Claus Karriere machte und zu mindestens regionaler Bekanntheit aufstieg. In seinem Lebenslauf, den er in die Flyer druckte, die an alle Haushalte verteilt wurden, gab er sich als Vollwaise aus. Niemand widersprach. „Der arme Claus.“, wurde manchmal gesagt. „Der hatte auch eine schwere Kindheit.“

In seinen Reden sprach der Claus davon, dass einer „mit meiner Herkunft“ wisse, was Chancengleichheit bedeute. „Ich war früh auf mich allein gestellt. Ich habe es geschafft. Das will ich für die vielen ermöglichen, denen es heute ähnlich geht. Wer sich anstrengt, soll bei uns seine Chance haben.“, sagt der Claus in seiner Standard-Rede für alle Fälle. Die Sabinen hörten ihm, wenn sie ihn hin und wieder bei einer seiner Reden lauschten, mit gemischten Gefühlen zu. Für die Bohnenstangen-Sabine, die längst in einer anderen Welt lebte und vom Claus nur hörte, wenn sie ihre Eltern besuchte, war er ein aufgeblasener Provinzfürst, über den sie sich amüsierte. Die kleine Sabine hielt ihn für einen Trickbetrüger, wie eh und je, und suchte unter der solariumgebräunten Haut und in dem weißbleckenden Kennedy-Lächeln nach dem dicklichen, raffinierten Jungen, den sie gekannt hatte. Die Rapunzel-Sabine vermied es aus Gründen, die nur sie selbst kannte, den Claus zu treffen. Aber sie schmiedete Rachepläne.

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Der Claus, auch wenn es nicht so aussieht, ist im Roman-Projekt über "Drei Sabinen" eine Nebenfigur. Er soll, lang bevor der Roman an sein Ende gelangt, aus diesem verschwunden sein. Aus Gründen, die selbst mir zum Teil verborgen blieben, war es aber nötig, ihm gerade deshalb so schnell wie möglich eine Kindheit zu erschreiben. Am Freitag traf ich - nicht zufällig, aber zufällig - jemanden und begriff, ohne dass dieses Gespräch sich um den Claus drehte, plötzlich einen Zusammenhang zwischen der Kindheit vom Claus und dem Politischen Tier. Die Betrügereien (man nennt das auch, glaube ich, "Durchstechereien", ein dolles Wort), die in diesem "Geschäft" dazu gehören oder zu gehören scheinen, und die Narbe, die ich davon getragen hatte, als ich mich dort einließ, schmerzten auf einmal nicht mehr.