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Sonntag, 4. November 2012

(Un-)Perfekte Paare (14): ELITE-PARTNER (2010)


Die beiden sind lokale A-Prominenz: Die edle Stute und der rotnasige Säufer. Die Sitzordnung ist so gewählt, dass es auch die Dümmste merken muss, wer hier das Sagen hat. Es gibt einen zentralen Tisch. Da sitzen nur Paare, die von Bedeutung sind. Selbstverständlich wurde zu dieser Veranstaltung überhaupt nur beste Gesellschaft gebeten (Jahreseinkommen nicht unter € 150.000), auch an den Nebentischen. Aber nicht jeder, der ordentlich verdient, schafft es in den inneren Zirkel. Da gehört schon noch etwas mehr dazu als ein sehr gutes Einkommen, ein heterosexuelle Partner, ein maßgeschneiderter Anzug oder ein Designer-Kostüm: Die richtigen Verbindungen, die entsprechenden Bürgen, Verwandtschaft, Bekanntschaft, Golf-Club, Weingut, Stiftungsvermögen, Ehrenämter, Ferien-Villa am Comer See.

Hier gelten noch die Prä-Gender-Regularien: Männer schaffen was und Frauen sehen nach was aus.* Wer eine Frau hat, die man vorzeigen kann, bringt sie mit. Wer eine hat, die sich selbstgeerbten Schmuck um den Hals hängen kann, führt sie aus. Frauen sind in diesem Milieu Trophäen: Schönheit oder Geld. Die Schönen sind teuer erkauft und fünfzehn bis zwanzig Jahre jünger als der Herr an ihrer Seite und die weniger Schönen sind Erbinnen von Einfluss oder Vermögen. Wer es bis hierher schafft, hat die weniger glamouröse oder weniger betuchte Frau, an die er beim Studium oder während der Aufstiegsphase vielleicht geraten war, längst abgeschrieben wie einen unvermeidlichen Wertverlust. Da lässt sich bisweilen sogar noch was draus machen: meine erste Frau, die frigide Emanze, meine erste Frau, die geile Schlampe, meine erste Frau, die geldgierige Hyäne, meine erste Frau, die verhuschte Versagerin. So eine erste, abgelegte Frau, wenn man denn eine hat, gibt zu vorgerückter Stunde einen dankbaren Gesprächsstoff her. 

Doch in Hörweite der langnasige Pferde-Frau, selbstverständlich, ist das Thema unangebracht. Es sei denn, der Alte bringt es auf. Ihm sieht sie das nach. Sie hat in diese Ehe mit- und eingebracht, was dem erfolgreichen Süchtigen aus einfachen Verhältnissen fehlte: die richtigen Beziehungen. Auch er hatte ihr genau das zu bieten, was sie brauchte und sich nicht selbst verschaffen konnte: den Hunger der Ungesättigten. Mehr. Weiter. Reicher. Mächtiger. Er wollte es und er konnte es. Sie wird das gefühlt haben, sofort. Ein Mann, der getrieben ist, gierig und leidenschaftlich. Vielleicht war das sogar mal sexuell anziehend. Dass er sich auch über sie so hergemacht hat. Ist lange her. Wie sie es stets schafft, die derben Bemerkungen ihres schon leicht angedüdelten Gatten auf arroganteste Weise zu ignorieren, ist bewundernswert. Das kann eine im Alter nicht mehr lernen. Das braucht Jahrzehnte. Eine ungebrochene Sozialisation in besseren Kreisen.

Sie überragt ihn um Haupteslänge. Ellenlange Beine, klapperdürres Gestell (jeden Tag 10 km Joggen im Taunus),  hohe Wangenknochen, griechische Nase, elegantes schwarzes Etuikleid, das ihre Hüftknochen betont. (Er reißt lautstark Zoten über Geschlechtsverkehr mit magersüchtigen Models, bei dem man sich gefährlich stößt. Die Herren lachen, manche gequält. Der eine oder die andere sondiert aus den Augenwinkeln die Reaktionen der Pferdedame. Sie wirkt ungerührt.) Um ihren faltigen, aber edel gestreckten Hals liegt dreifache eine Perlenkette, die kreischt: Echt! Echt! Echt!

Den ganzen Abend treffen sich ihre Blicke kein einziges Mal. Sie brauchen einander nichts mehr zu bestätigen. Unwahrscheinlich, dass sie noch ficken. Ihr macht das nichts aus, wenn er sich woanders schadlos hält. Sie traut ihm keinen Geschmack zu (Bei der Inneneinrichtung der Villa hatte er auch nix mitzureden, aber im Keller durfte er sich eine Bar einrichten. Eine überlebensgroße Nackte an der Wand, blond, Körbchengröße D oder mehr, rasierter Intimbereich, knallrot lackierter Hintergrund. Pop Art. Aber immerhin von einem aufstrebenden Künstler. Das hat sie geschickt lanciert.). Er ist leider auch nicht allzu diskret. Was kann man von so einem erwarten? Aber er weiß genau, was er an ihr hat. So viel Verstand und Ehrgeiz kann er sich gar nicht weg saufen, dass er das vergisst. 

Sie braucht dagegen keinen Liebhaber. Sie kann sich selbst helfen. Und hat sowieso andere Interessen. Geschmackvolle Freundinnen, das ist ihr am wichtigsten. Er hat sich eine Loge im Bundesligastadion gemietet. Warum denn nicht? Sie wird bestimmt keine Boutique eröffnen (Das ist was für die erworbenen Aufsteiger-Blondinen auf ihren Füße folternden Stöckelschuhen.) Sie steht einer Stiftung für krebskranke Kinder vor. Sie eröffnet demnächst eine mit Vorschusslorbeeren überhäufte Ausstellung zu den Malerinnen der Romantik. Sie verbringt viel Zeit bei der Maniküre. Hände sind wichtig. Er liebt nur sie, ungelogen, trotz allem. Nie hat er mehr Angst empfunden, als bei ihrer Brustkrebs-Diagnose. Das war hart. Er wäre, ahnt er, nach ihrem Verlust ruckzuck einem Weibsbild mit Silikonbrüsten und Schmollmund verfallen, das ihn vor jedermann lächerlich gemacht hätte. Sie ist die Beste.

Sie weiß, dass er nachher noch ins Südfass geht. Wer mit ihm zu tun hat und unter ihm aufsteigen will, wird sich anschließen. Manche müssen ihren Frauen wer weiß was erzählen, wenn sie mit ihm ins Bordell pilgern. Sie schaut sich um. Es gibt viele, Männer und Frauen, die sich über die Geschäftsbedingungen in diesem Milieu was vormachen müssen. Sie legt den Kopf in den Nacken und lächelt an die Decke. Die Mousse au chocolat ist großartig, wie immer hier. Sie liebt ihren Mann, wie er ist. Er macht kein Hehl aus seinen Neigungen: Gib mir mal ´ne Flasche Bier, lieber Skat als Schach, lieber Fußball als Golf. Zu ihrer Zeit konnte eine Frau aus ihrer Klasse zwar schon studieren, aber kaum was draus machen. Einem Gockel im Büro den Kaffee kochen. Oder einem Halbgott in Weiß assistieren. Sie hat sich umgeschaut und gewusst: Lächerlich mache ich mich nicht. Dafür hat sie sich den ausgesucht. Peinlichkeit ist sein Ressort. Sie hat sich nie für ihn geschämt. Sie hat das ganz richtig eingeschätzt. Er war geil, gierig und skrupellos. Da konnte ihre Mutter die Nase rümpfen über dessen Tischmanieren, so viel sie wollte. Er hatte die Energie, es ganz nach oben zu schaffen und sich dort zu halten. Was hätte sie mit diesen überzüchteten Blaßgesichtern aus dem Kultur- und Geldadel anfangen sollen, mit denen ihr Vater sie verbandeln wollte? Sie brauchte einen wie ihn und sie hat ihn sich geangelt. Sie hat ihn wirklich gern. Er sollte ein bisschen weniger trinken. Sie wird drauf achten, dass der Koch etwas fettärmer kocht. Das merkt der gar nicht. „Eine großartige Interpretation der Sinfonie in f-moll von Bruckner war das, in der Tat.“, sagt sie zu ihrem Tischnachbarn. Der Arme sucht verzweifelt nach unverfänglichem Gesprächsstoff mit der Gattin seines Chefs. Seine aufgebrezelte kleine Frau lässt sich vor Aufregung dauernd Wein nachschenken. Ihr Dekollete ist gemeingefährlich. Das hat ihr Mann auch schon gemerkt. Besser er geht ins Südfass. Wirklich besser.

Er trägt einen Allerweltsnamen: Müller, Schmidt, Bauer oder so. Das macht nichts. Man muss sich  seinen Namen nicht merken. Ihn vergisst man sowieso nicht. Ebenso wenig wie sie. Sie hat nie daran gedacht, ihren klangvollen Geburtsnamen beizubehalten oder so eine alberne Bindestrich-Verbindung dranzuhängen. Wer sie sieht, weiß ohnehin, aus welchem Stall sie kommt.  Was sie beide von den ganzen Speichelleckern, Luschen und Erbengemeinschaften hier unterscheidet, ist ihre unverdrossene und unverdrießliche Selbstgewissheit. Sie wissen, wer sie sind. Sie brauchen keinen Schein zu wahren. Elite-Partner. Echte!

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*Die Teilnahme an solchen Feiern beantwortet unmissverständliche die Soziologen-Frage, warum Frauen in den Führungsetagen nur spärlich vertreten sind.

Samstag, 27. Oktober 2012

(Un-)Perfekte-Paare (13): DER STRAND UND DAS MEER


 Jacques Demy und Agnès Varta

Ich sah einen Film und er machte mich glücklich: "Les Plages de Agnès" von Agnès Varda. „Ich will das Glück zeigen.“, sagt ein Filme machender Mann in diesem Film und ich glaube, die Frau, die diesen Film machte, wollte genau das auch. Sie wollte es, vielleicht, um diesen Mann, der ihr der „liebste Mensch“ gewesen war, zu ehren mit ihrem Film. Doch gab sie dem Film trotzdem nicht seinen Namen, sondern erzählt von sich aus, einer Frau, die Filme macht. Es war und ist außergewöhnlich, wie und dass den beiden dieses gemeinsame Leben und getrennte Arbeiten gelang, denn gewöhnlicher ist es, dass zwei Menschen, die auf demselben Gebiet tätig sind, einander als Konkurrenz empfinden und noch gewöhnlicher ist es, dass ein Mann mit einer Frau, die er als Konkurrenz betrachtet, nicht einmal befreundet, geschweige denn ihr in Liebe zugetan sein kann. 

Bei diesen beiden, offensichtlich, war es von Anfang an anders. Als sie einander kennenlernten, war sie nicht nur eine alleinerziehende Mutter, sondern auch schon eine Frau, die als Fotografin und Regisseurin ihre Ideen erfolgreich verwirklichte. Das hätte jedoch nichts bedeuten müssen, als sie sich ineinander verliebten; es gibt schließlich genügend Beispiele dafür, wie eine begabte Frau mit eigenem Einkommen sich dennoch einem männlichen „Genie“ und dessen Produktion willig unterwirft. In ihrem Film deutet sie nicht an, dass eine solche asymmetrische Beziehung zwischen ihm und ihr je möglich gewesen wäre. Er brauchte sie nicht als Spiegel. Es mag dabei eine Rolle gespielt haben, dass er ein Mann war, der Männlichkeit nicht auf traditionelle Weise interpretierte und dessen sexuelle Orientierung nicht eindeutig war.

Ob die Liebe zwischen zwei Menschen scheitert oder es gelingt, sie in eine gemeinsame Lebensform zu überführen, hängt von vielem ab und es kann kein Rezept dafür geben. Am Anfang ihres Films sagt Agnes Varda: „Könnte man in einen Menschen hineinblicken, sähe man Landschaften. Würde man in mich hineinsehen, wären es Strände.“ Und Jacques Demi, der Mann, den Agnès Varda liebte, sagt im Film über das Meer vor der Insel mit der Mühle, auf der Varda und er  viele schöne Tage verbrachten, es sei blau und grau, so wie er selbst. Vielleicht kommt es darauf an, dass sich zwei Menschen finden, deren innere Landschaften zueinander passen: der Strand und das Meer. Ein Mensch, der in sich die Strände fühlt, an die das Wasser brandet, wird auf Dauer nicht mit einem Menschen leben können, der sich auf einen schneebedeckten Berggipfel sehnt.

Agnès Varda wurde 1928 in Brüssel geboren, Jacques Demy (geboren 1931) wuchs in der Küstenstadt Nantes am französischen Atlantik auf. Sie heirateten 1962 und blieben bis zum Tod Demys, der 1990 an AIDS starb, zusammen. Sie erinnert sich an ihre Ferien als Kind an den Nordseestränden Belgiens. Vor den deutschen Truppen musste Vardas Familie fliehen, danach lebten sie auf einem Boot in einem Fischerort am Atlantik. Es war dasselbe Meer, an dem sie aufwuchsen, derselbe Salzgeschmack auf der Haut, dieselben Wolken, die in allen Grauschattierungen über den Himmel zogen. Es mag diese tief in beider Körperempfinden und Wahrnehmungsvermögen verankerte Liebe zu See und Sand, zu Wind und Wellen, zu Booten und Tauen dazu beigetragen haben, dass sie zueinander fanden. 

Varda und Demy waren der Nouvelle Vague des französischen Kinos über enge Freundschaften mit den großen Regisseur_innen und Schauspieler_innen dieser Epoche verbunden, bewegten sich mit ihren eigenen Filmen aber nicht im Zentrum dieser Bewegung. Ihrer beider Filme, so verschieden sie sind, wirken optimistischer, zärtlicher, fröhlicher und bunter, sind weniger fixiert auf die Autoren-Rolle des Regisseurs/der Regisseurin, bleiben stärker orientiert an der Idee des Filmemachens als Kollektiv und sind nicht so bemüht, sich gegen die Klischees und Traumwelten des Mainstream-Kinos abzusetzen.

Agnes Varda erzählt in ihrem Film „Die Strände von Agnès Varda“  davon, wie Jacques Demy nachdem er die Goldene Palme in Cannes für „Die Regenschirme von Cherbourg“ mit Catherine Deneuve (1964) erhalten hatte, nach Hollywood eingeladen wurde, um dort Filme zu machen. Sie ging mit ihm, „weil ich ihn liebte“, und deutet im film nur an, dass es in den Jahren in Hollywood nicht nur eine schöpferische Krise gab, sondern womöglich auch eine der Ehe. Sie gab einem Produzenten, der sie in die Wange kniff, eine Ohrfeige, danach hatte sie keine Chance mehr auf eine Finanzierung ihrer Filmprojekte durch amerikanisches Geld. Sie drehte mit Hilfe französischer Geldgeber einen Dokumentarfilm über die Graffitis in Los Angeles. Auch für Demy scheinen die Arbeitsverhältnisse an der Pazifikküste nicht ideal gewesen zu sein. Sein Film "The Model Shop" floppte. Vielleicht kam es in dieser Zeit zu einer Entfremdung des Paares. Vielleicht ging Jacques Demy dort Beziehungen ein, durch die er sich mit AIDS infizierte. Varda schweigt dazu; sie deutet nur an, dass beider Filme nach dieser Zeit düsterer und politischer wurden. An dieser Stelle ihres autobiographischen Filmes fügt sie unvermittelt die Wiederbegegnung mit einem amerikanischen Freundespaar ein, das seit mehr als 50 Jahren harmonisch miteinander lebt. Sie zeigt die beiden mit ihrer großen Familie in ihrem Gartenhaus in Kalifornien. Varda hat offenbar für die Erzählung von „Die Strände von Agnès Varda“ eine Entscheidung getroffen: Sie will die Möglichkeit des Glücks zeigen, eines gelingenden Lebens in Variationen, statt das Augenmerk auf  Misstrauen, Versagen und Zorn zu legen. Ob ein Leben gelingt, ist auch eine Frage der Perspektive, aus der es erzählt wird.

Ein Leben, in dem sich eine oder einer auf die Liebe einlässt, wird nicht von tiefer Traurigkeit verschont bleiben. Denn wer liebt, verliert. Agnès Vardas Film ist der Film einer alten Frau, die das Sterben und den Tod vieler enger Freunde und eben auch des ihr liebsten Menschen erleben musste. Der Trauer um diese geliebten Menschen wird in diesem Film viel Raum gegeben. Aber sie erzählt vor allem davon, wie ein Leben nur gelingen kann, wenn es sich auf die Liebe einlässt und damit eben auch auf die Gewissheit, dass der Abschied kommt und mit ihm die Trauer. Agnès Varda und Jacques Demy teilten einen schmalen Hofeingang in Paris, wo er rechts und sie links ihr Atelierbüro hatten, von wo aus sie ihre Filme erdachten und planten, sie verbrachten viele gemeinsame Tage mit Freunden und Familie auf einer Insel im Atlantik, wo sie gemeinsam den Wellen zuhörten, sie lebten getrennt voneinander und sie taten sich gegenseitig wohl auch sehr weh, sie zogen gemeinsam Agnes´ Tochter aus einer früheren Beziehung und ihrer beider Sohn auf, sie hatten einen großen Freundeskreis und ließen einander Spielraum. „Familie ist ein kompaktes Konzept“, sagt  Varda einmal im Film. Sie zeigt ihre Familie, die Lebensgefährten ihrer Kinder und ihre Enkelkinder, alle in weiß vor einem stilisierten Hintergrund. Es ist ein Traumbild der Liebe und es wird klar, dass die Liebe nicht darin besteht, den anderen zu „durchdringen“ und sich verfügbar zu machen. „Ich weiß nicht, wie gut ich diese Menschen kenne.“, sagt sie. Die Liebe lässt den anderen sein, sie hofft für ihn und wünscht ihm das Glück, wo er eben es findet. Der Film "Die Strände der Agnès" der 80jährigen Agnès Varda ist ein Film über Liebe, Familie, Freundschaft, Verlust und Trauer. Es ist ein Film über das gute Leben, das nur dem gelingen kann, der liebt, ohne sich absichern zu wollen gegen Verlust und Schmerz.

Donnerstag, 16. Februar 2012

(Un-)Perfekte Paare (12): "FREUNDE KAMEN OFT ZU UNS HERAUS..."

„Kennen Sie etwa eine Frau, die sich für ein Genie hält?“, so ähnlich hatte Thomas Meinecke kurz vor Beginn seiner Poetik-Vorlesung in Frankfurt am Main am Ende eines Interviews mit der Süddeutschen Zeitung gefragt. Die Frage war rhetorisch gemeint. Denn Meinecke wollte zeigen, dass die (Wahn-)Vorstellung vom Genie-Sein ein männlich codiertes Phänomen ist.

Ich kenne eine. Frau. Die sich für ein Genie gehalten hat. Gertrude Stein thronte in Paris und wusste selbst denen, die hinter ihrem Rücken über sie lästerten, bei einer Begegnung das Gefühl zu verschaffen mit einer ganz außerordentlichen Frau zu verkehren, einer Frau außer der Ordnung nämlich in beinahe jedem Sinn (einer Frau, von der manche deshalb auch sagten, sie sei „eigentlich“ ein Mann). Es muss ziemlich anstrengend gewesen sein, auf diese monolithische Gestalt zu treffen, die trotz Dauermisserfolg ganz unbeirrt von ihrer eigenen Bedeutung und der ihres Schreibens überzeugt war und aus dieser Gewissheit herab sah auf die wuselig in ihre erotischen Abenteuer verstrickten, verzweifelt an ihrer Männlichkeit bastelnden Hemingway, Fitzgerald,  Anderson, Ford Madox Ford, Picasso und wie sie alle hießen. Sie müssen ihr, stelle ich mir vor, gelegentlich auch wie Aliens vorgekommen sein, in ihrer Fixierung auf die zwanghaften Wiederholungsrituale der Heterosexualität, auf Männlichkeitsmythen und -posen, in ihrer Angst vor der eigenen Homoerotik und ihrer Gier nach Bestätigung durch (immer jüngere) Frauen.  Für die allerdings interessierte Gertrude Stein sich auch nicht besonders. Vielmehr: Sie interessierte sich nicht für das, was diese Frauen in den Augen der Männer einzig auszeichnete und zu Frauen machte: Das Begehren dieser Frauen, von denen begehrt zu werden, muss ihr sonderbar irr vorgekommen sein. Und so ergab sich – neben dem Kunstwollen – eine weitere, etwas abstoßende Schnittmenge der Interessen zwischen diesen Männern und dieser einen, einzigartigen Frau:  die Mysogynie, in ihrem Fall klar und bestimmt gerichtet gegen die Hetero-Groupies;  in jenem der Männer durchsetzt mit Faszination und dem widerwärtigen Unterwerfungszwang.

Tatsächlich aber liebte sie Frauen und sie schrieb über Frauen und eine liebte sie besonders. Wenn man Gertude Steins Romane aufschlägt, dann fällt das auf, dass sie nichts zu erzählen hat über Männer. „Drei Leben“ (1909) sind die Leben von der „guten Anna“, die „leicht“ stirbt und von Melanchta, von der ein Jeff gar nichts versteht, die sich aber nie umbringt deshalb und von der „sanften Lena“ , „sanft, geduldig, lieb und deutsch“, die auch stirbt und ohne die ihr Mann sehr glücklich ist am Ende „mit seinen drei guten, sanften Kindern.“ So ist das. Es gibt nicht viel zu sagen zwischen den Geschlechtern und den Leuten und genau deshalb wird dauernd was gesagt und beteuert: „Nun er sagte Andrew sagte dass er nicht ohne Ida auskommen könne. Ida sagte ja, und wahrhaftig wenn sie ja sagte meinte sie ja. Ja, Andrew konnte nicht auskommen ohne Ida und Ida sagte ja. Sie wusste dass sie vielleicht plötzlich weggehen würde, aber sie sagte ja.“ (Ida, 1941) Und Ida geht und bleibt und man weiß nicht warum: „Wenn etwas passiert, fängt nichts an.“ Aber: „Bevor es passierte nun eine ganze Weile bevor es passierte lernte sie Frauen kennen.“ Das ist aber auch kein Grund. Aber vielleicht doch. Und auf Deutsch wird aus „Everybody Autobiography“ (1937) „Jedermanns Autobiography“ – so ist das eben. Im Deutschen.

Den ersten Erfolg hatte Gertude Sein mit einem Buch über die Frau, die sie liebte, über Alice B. Toklas, die sie im Alter von 33 Jahren kennenlernte und mit der sie von 1909 bis zu ihrem Tode im Jahr 1946 zusammenlebte. Stein schrieb als Toklas  („Autobiographie von Alice B. Toklas“, 1933) und Toklas schrieb ein Kochbuch („Alice B. Toklas´ Kochbuch“, 1954). Toklas schreibt: „Als Kochende wende ich mich an meinesgleichen und verhehle deshalb nicht, dass dieses Buch, das sich zusammensetzt aus Rezepten und Reminiszenzen, in den ersten drei Monaten einer hartnäckigen Gelbsucht zustande kam.“ Stein schreibt als Toklas über das Leben mit Toklas für Toklas. Toklas schreibt aus einem durch Krankheit freigeräumten Kopf für Köchinnen vom Kochen und vom Leben mit Gertrude Stein, die niemals kochte.

 „Ich selbst habe Gewalttaten nie leiden können, sondern immer Freude am Sticken und Gärtnern gehabt. Ich liebe Bilder, Möbel, Gobelins, Häuser und Blumen, sogar Gemüse und Obstbäume. Eine schöne Aussicht kann mir gut gefallen; doch ich sitze lieber so, dass ich ihr den Rücken zukehre.“ Alice B. Toklas - wie Gertrude Stein sie sah und für sie sprach. Gewalttaten bedeuten ihr wenig, meint Stein, aber: „Vom Mord zur Ermittlung ist es nur ein Schritt.“, schreibt dagegen Toklas zur Einleitung in das Kapitel „Wundervolle Suppen“. Sie essen gerne, beide, sie fahren gern Auto, sie sind unterwegs, in Frankreich und später auf Lesereisen in den USA, sie verbringen fast vierzig Jahre unzertrennlich miteinander. Die Biograph:innen haben immer behauptet, Toklas habe sich ganz im Hintergrund gehalten, als Steins Muse gewirkt und keine eigenen Ambitionen verfolgt. Wer das Kochbuch liest, wird das nicht glauben. Es war vielleicht einfach so, dass Toklas ihre Tätigkeiten nicht geringer schätzte als die Steins. Stein war eine bedeutende Autorin, wie Toklas eine bedeutende Köchin war. Sie tat, was alle guten Menschen tun, nämlich das, was sie tat mit Ernst, Hingabe und Überzeugung. Toklas´ Kochbuch endet mit den Sätzen:

„Der andere fragte mit nicht geringer Besorgnis: Aber Alice, haben Sie denn je zu schreiben versucht? Als ob ein Kochbuch irgendetwas mit Schreiben zu tun hätte.“

Und also hatte stattdessen Stein geschrieben:

„Ich bin eine ziemlich gute Hausfrau und eine ziemlich gute Gärtnerin und eine ziemlich gute Stickerin und eine ziemlich gute Sekretärin und eine ziemlich gute Herausgeberin und eine ziemlich gute Tierärztin für Hunde und immer soll ich alles auf einmal sein und ich finde es schwierig obendrein auch noch eine ziemlich gute Autorin zu sein.

Vor etwa sechs Wochen sagte Gertrude Stein, es sieht mir gerade nicht so aus, als ob du jemals deine Autobiographie schreiben würdest. Weißt du, was ich tun werde? Ich werde sie für dich schreiben. Ich werde sie einfach so abfassen wie Defoe, als er die Autobiographie Robinson Crusoes schrieb. Und das tat sie und hier ist sie.“

Tatsächlich gibt es die Frau, die sich für ein Genie hielt. Und ich glaube auch, dass noch mehr Frauen, auch ganz andere Frauen als Gertrude Stein (und jede ist ja anders) sich vielleicht als ein Genie sehen möchten, einige wenigstens. Das Problem ist nur: Es gibt nicht viele wie Alice B. Toklas, auf die so eine Frau treffen könnte (die Schwierigkeit verschärft sich jedenfalls noch, wenn diese Frau mehr heterosexuell orientiert ist, denn dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf einen trifft, der sie so sieht, wie Toklas Stein sah, praktisch gleich null). Denn es ist doch so: Es muss nicht die ganze Welt eine als Genie anerkennen, damit sie sich als eines fühlen kann. Das nicht. Aber eine braucht es schon. Eine, eine Einzige, die das Genie erkennt. Keine weiß, wer sie ist, solange niemand sie erkennt – und selbst dann bleiben Fragezeichen: „Das ist etwas Natürliches, vielleicht bin ich nicht ich auch wenn mein kleiner Hund mich kennt aber jedenfalls habe ich gern was ich habe und jetzt ist heute.“ ("Everybody´s autobiography")

Was hilft, gegen die Zweifel und die Ängste, heute und später, ist das „Wir“. Genie oder keins.

Freitag, 10. Februar 2012

(Un-)Perfekte Paare (11): DIE TOCHTER DES MEISTERS

In seinem Kupferstich-ComicStrip „Industry and Idleness“ erzählte William Hogarth mit dem Lebenslauf des „fleißigen Lehrlings“ grob seine eigene Liebesgeschichte nach: Ein fleißiger Lehrling schafft bei einem angesehenen Meister, gewinnt das Herz von dessen Tochter und steigt schließlich selbst zum überaus erfolgreichen Meister auf, ja übertrifft den Schwiegervater sogar noch, in dem er zum Bürgermeister von London gekürt wird. Eine Erfolgsgeschichte ohne Widerhaken, so scheint es, eine Paarbildungsstrategie, die auf trefflichste bürgerlichen Aufstiegswillen und Ehrbarkeit verbindet.

Der Maler und Kupferstecher Hogarth war den Weg dieses fleißigen Lehrlings gegangen. Vom Sohn eines Bankrotteurs hatte er es aus dem Schuldgefängnis zum prosperierenden Maler-Unternehmer geschafft. Nach seiner Lehre als Kupferstecher strebte er nach höheren Weihen als Maler und besuchte die Kunstakademie des Hofmalers Sir James Thornhill. Thornhill  war 1720 geadelt worden und sein Einkommen erlaubte es ihm, wie ein „country squire“ zu leben. Hogarth heiratete 1729 Thornhills Tochter Jane.

Hogarth konfrontiert in der viele Jahre später entstandenen Bildergeschichte „Industry and Idleness“ die Geschichte des fleißigen mit der eines faulen Lehrlings, dessen Weg am Galgen endet. Doch diese oberflächlich einseitige Propaganda für Arbeitsmoral und gegen Müßiggang bleibt in dieser Bildergeschichte in Wahrheit ambivalent. Den bürgerlichen Arbeits-Helden lässt Hogarth auf dem Höhepunkt seines Erfolges als Person verschwinden: Er ist nur noch Amt. Auf den Bildern rückt er als eine winzige, unkenntlich gewordene Figur in den Hintergrund. Der fleißige Mann  bleibt auf diesen Bildern stets gefangen in Innenräumen und Kutschen, allein der „Faule“ genießt frische Luft und kann sich draußen bewegen.

Hogarth hat von sich selbst rückblickend geschrieben, er habe als Lehrling eine „faule Natur“ gehabt. Auch das Kunststudium beim geschätzten Thornhill, so gesteht er, habe er nur oberflächlich betrieben, denn „ein regelrechtes Studium erfordert so viel Zeit, dass nichts für die Lebensgenüsse übrig bleibt.“ Zu den Genüssen, die er sich nicht verbieten wollte, gehörte offenbar auch die lust- und freudvolle Beziehung zu Miss Jane Thornhill. Anders als jenem von ihm erfundenen braven Herrn Goodchild nämlich wurde Hogarth die Braut nicht vom Meister als Belohnung für Fleiß und Unterwürfigkeit zugeführt. Jane Thornhill entschied sich gegen den Willen ihres Vaters für den jungen William Hogarth  und verließ ihr Elternhaus, um sich auf das Lebensabenteuer mit diesem noch völlig unbekannten Maler einzulassen.

Wir wissen nicht viel über Jane Hogarth, die auf späten Porträts, die ihr Mann von ihr fertigte, wie eine strenge Matrone wirkt. Als junge Frau aus besten Verhältnissen, die mit dem Studenten ihres Vaters durchbrannte, bewies sie jedenfalls Mut. Wahrscheinlich hat Hogarth sie auch auf einem Subskriptionsticket dargestellt, mit dem er 1743 für sein bis dato ehrgeizigstes Projekt „Marriage-a-la-Mode“ warb. Das Blatt zeigt eine Vielzahl von „Characters and Caricaturas“. In der Mitte der zweiten Reihe von unten erkennt man William Hogarth selbst und seinen Freund, den Autor Fielding, die einander angrinsen. Als „Brüder im Geiste“ sind sie offenbar angetreten, um mit neuen Gattungen und Genres das Establishment und sein Kunst- und Literaturverständnis zu erschüttern. Aber Hogarth Kopf ist mit einem anderen Kopf, der gleichsam aus seinem Hinterkopf erwächst, verbunden. Dieses Halbporträt zeigt eine Frau. Während die Männer einander angrinsen, lächelt die Frau still in sich hinein. Hogarth hat sich und diese Frau wie einen klassischen Janus-Kopf gezeichnet, als stelle sie den liebevolleren Teil seines Wesens vor, den, der Distanz hält, zum Männerkampf um Macht, Geld, Position. Zeitgenossen waren überzeugt, der Kopf zeige Jane Hogarth.

In vielen von Hogarth´  Stichen spielen Frauen eine wichtige Rolle. Nie stellen sie eine Gegenposition „natürlicher Empfindsamkeit“ zur männlichen Arbeitswelt vor. Vielmehr sind es oft selbstständige Frauen, die für ihr eigenes Einkommen sorgen. Diese Frauen vermitteln zwischen jenen beiden Ansprüchen, denen auch Hogarth sich ausgesetzt fühlte: dem Bedürfnis nach Versorgung, Anerkennung, Status und Freude an Verschwendung, Genuss, Lust. Anders als nach ihm romantische Autoren legte sich Hogarth in diesem Konflikt keine androgyne „Natur“ zu, mit der er sich das Weibliche als quasi-„natürliche“ Gegenposition zur Arbeitswelt des Mannes gleichsam einverleibte, sondern band sich mit der Gestalt der Frau, seiner Frau, dem Kopf Janes an die Lebenswelt, in der beide Ansprüche ihr Recht behalten: Hingabe und Pflicht.

Jane Hogarth führte nach seinem Tod das „Unternehmen Hogarth“ erfolgreich weiter. Wie eine Löwin bekämpfte sie seine Verächter und setzte sich für seine Anerkennung als Maler ein. Es gibt eine Anekdote über die alte Witwe, die Besuchern das fast impressionistische Gemälde „Shrimp girl“ vorführte, um zu beweisen, wie gut Hogarth „Fleisch“ habe malen können: 



„There´s  flesh and blood for you!“

Mittwoch, 25. Januar 2012

(Un-)Perfekte Paare (10): THERE ARE NO SIGNPOSTS IN THE SEA

Virginia Woolf wurde heute vor 130 Jahren geboren. Ganz, allerdings, stimmt das nicht, denn sie wusste genau, dass unsere Geschichte weiter zurückreicht als bis zu jenem Tag, an dem wir aus einem mütterlichen Leib gepresst werden. Die fiktive Biographie  ihrer Geliebten Vita Sackville-West, die sie verfasste, birgt das Wissen darum, wie sich die Traditionen, Träume und Enttäuschungen aus  Jahrhunderten in unsere Körper einschreiben. Viriginia Woolf, die in einem Haushalt aufwuchs, in dem regelmäßig „bedeutende Männer“ (wie Henry James, Sidgwick, Watts, Burne-Jones) zu Gast waren,  die um Teetische saßen, rauchten und sich scheinbar zwanglos verständigten, brauchte keine zu sagen, dass der Mensch zwei ist (und mehr). Über jene Männer, denen das junge Mädchen lauschte, schrieb sie später: „Und ich, die mit am Tisch saß, war völlig außerstande, irgendwelche Zusammenhänge zu erkennen. Es gab so viele verschiedene Welten – aber alle lagen mir so fern.“ Das prägte ihr Werk: Die Erfahrung, dass das Geschlecht, als das wir gelesen werden und uns selber erfahren, uns ausmacht und beschränkt - und dennoch jeder Mann und jede Frau Möglichkeiten in sich trägt, die unverwirklicht bleiben müssen, wenn wir uns festschreiben lassen auf jene Mann/Weib-Dichotomie, die fast zwangsläufig Heterosexualität als Norm setzt und alles gleichgeschlechtliche Begehren in den Subtext bannt.

I am reduced to a thing that wants Virginia.

(In ihre Photographie verliebte ich mich – unsterblich möchte ich sagen – mit 17 Jahren. Bis zum heutigen Tag ist die Postkarte, die ich damals in einem Buchladen kaufte, an eine Schublade meines Sekretärs gelehnt. Wie oft habe ich mit dem kleinen Finger ihr markantes Profil nachgezeichnet, über die tiefen Lider gestrichen, die halbgeöffneten Lippen berührt, die Kurve des Kinns genommen, um endlich jene Stelle zu erreichen, nach der ich mich sehne, den Schatten am Übergang zwischen Kieferknochen und schlankem Hals. Im Frühherbst 1990 stand ich in einem Trenchcoat am River Ouse, in dem sie sich ertränkte. An keinem Ort der Welt habe im mich je mehr angekommen gefühlt als in ihrem Haus bei Lewes in den South Downs. Das bleibt – )

Wie die Traurigkeit fortbesteht, dass die Liebe eines guten Mannes, in dessen Obhut sie sich begeben hatte, sie nicht retten konnte; eine Traurigkeit aber, in die sich stets auch ein Hauch von Zorn mischt, denn etwas in mir fühlt parteiisch mit jenem Mann, mit Leonard Woolf, der alles versuchte. Virginia Stephen hatte Leonard Woolfs Heiratsantrag nicht angenommen, ohne ihm freimütig zu gestehen, wie wenig sie ihn körperlich begehrte. Sie behauptete dennoch stets, dass die Ehe glücklich geworden sei. Er konnte ihr viel geben – und wie viele Frauen hatte sie gelernt, es zu lieben,  geliebt zu werden. Was ihn vor anderen Männern vor allem ausgezeichnet haben dürfte, war die Fähigkeit, mehr Interesse und Hingabe zu zeigen für das, was sie tat, als für das, was er mit ihr machen wollte.

Im Dezember 1922,  im Alter von 40 Jahren, lernte Viriginia Woolf Vita Sackville-West kennen. Der Geliebten setzte sie in der Roman-Biographie, die für mich ihr schönstes und bedeutendstes Werk ist, ein Denkmal: Orlando. Von Vita Sackville-Wests literarischen Ambitionen hielt Virginia Woolf wenig. Sie verhielt sich in dieser Beziehung wie viele Männer, wenn sie eine Frau begehren: fasziniert von Vitas Adel, ihrer Schönheit, ihrer Abenteuerlust, aber ohne Interesse für ihre Gedankenwelt und Ausdrucksformen.

Vita Sackville-West stammte aus ältestem englischem Adel; sie sah sich selbst als legitime Erbin von Knole House, dem gigantischen Familienlandsitz in Kent. Als Frau jedoch blieb sie von der Erbfolge ausgeschlossen. Sie führte eine offene Ehe mit dem Diplomaten Harold Nicolson, in der beide ohne Versteckspiel und Betrug ihr gleichgeschlechtliches Begehren mit anderen Partnern und Partnerinnen auslebten.

Vitas adelige Herkunft und der damit verbundene Habitus übten auf Virginia eine ambivalente Anziehungskraft aus, weil darin Momente von Freiheit erlebbar wurden, die ihr selbst aufgrund ihrer bürgerlichen Sozialisation verwehrt blieben: ein Hang zum Luxus, der sich um Schulden nicht schert, sexuelle Freizügigkeit und Toleranz, die keinen unauflöslichen Widerspruch zwischen Familie und homoerotischem Begehren schaffen, ein Selbstbewusstsein, dass sich auf Privilegien von Jahrhunderten stützt,  Schönheit, die sich ihrer Wirkung unverkrampft bewusst ist und diese nutzt, Tatkraft und Mut, die sich nicht selbst  durch Grübelei und Skrupel ausbremsen:

 „I like her & being with her, & the splendour – she shines in the grocer´s shop in Sevenoaks with a candle lit radiance, stalking on legs like beech trees, pink glowing, grape clustered, pearl hung. That is the secret of her glamour, I suppose. Anyhow she found me incredibly dowdy, no woman cared less for personal appearance – no one put on things in the way I did. Yet so beautiful, & c. What is the effect of all this on me? Very mixed. There is her maturity & full breastedness: her being so much in full sail on the high tides, where I am coasting down backwaters, her capacity I mean to take the floor in any company, to represent her country, to visit Chatsworth, to control silver, servants, chows, dogs; her motherhood (...), her being in short (what I have never been) a real woman.“

Im Zentrum von Woolfs Begehren steht die Sehnsucht nach „maternal protection“. Es geht um die Entdeckung der symbolischen Mutter in der anderen Frau, um eine andere, noch kaum erprobte Gründung des „Ich“, die nicht auf der Leugnung der Leiblichkeit (des mütterlichen Schoßes) und dem Vatermord beruht. Das „Ich“, das hier geboren werden soll, die Autorschaft, die sich in Orlando erschreibt, ist daher als Gegenentwurf zur Kopf-Selbstgeburt des (männlichen) Künstlers zu verstehen. Nur diese Rückbindung macht die geschlechtliche Ambiguität Orlandos glaubwürdig, die eben keine Travestie ist, kein Versuch sich selbst über das Andere auszudrücken, es zu überschreiben (also nicht: Flaubert als „Madame Bovary“).

I was in a queer mood, thinking myself very odd: but now I am a woman again - as I always am when I write.

Orlando, von dem im ersten Satz des Romans gesagt wird, sein Geschlecht sei unverkennbar „wenngleich die Mode der Zeit es eher verkleidete“, wechselt  seine geschlechtliche Identität nicht zufällig. „It was a change in Orlando herself that dictated her choice of woman´s dress and of a woman´s sex“, erklärte Virginia Woolf später. Dass Geschlecht ein Konstrukt ist, setzt Woolf voraus. Aber wir sind auch nicht „Menschen“, bevor wir ein Geschlecht haben. Gegen diesen Universalismus, der in Wahrheit nichts anderes behauptet, als dass der Standpunkt und Blickwinkel des weißen, europäischen Mannes der humane ist, richtet sich Woolfs Werk. Das Konstrukt der Zweigeschlechtlichkeit aber veränderte mit der Epochenschwelle im 18. Jahrhundert Form und Balance: Von nun an wurden Weiblichkeit und Männlichkeit als „natürliche“ Gegensätze gelesen. Indem Orlando an dieser Schwelle als ihr geschlechtliches Schicksal das Frausein wählt, wählt sie nicht die „Natur der Frau“, sondern triumphiert über diese. Denn sie wird eine Frau sein mit dem kulturellen Gedächtnis eines Mannes. Ich bin ein Weib,...bin endlich ein wirkliches Weib.“ Der Erbfolge-Prozess wird entschieden: „´. ..Geschlecht? Ah! Was ist´s mit dem Geschlecht? Mein Geschlecht´, las sie mit einiger Feierlichkeit vor, ´wird unbestreitbar und ohne jeden Schatten eines Zweifels – was habe ich dir vor einem Augenblick gesagt, Shel?´ - für weiblich erklärt.“ – Die Frau Orlando tritt das Erbe an, um Mutter zu werden. Das ist die Utopie der fiktiven Biographie, die damit endet, dass sie ihre schönen Brüste dem Mond entblößt: „so dass ihre Perlen brannten wie phosphoreszierende Leuchtkugeln in der Dunkelheit.“

As a woman I have no country. As a woman my country is the whole world.

Vita Sackville-West erbte Knoles nie. Noch immer ist es utopisch, dass Weiber wie wir das Erbe der patriarchalischen Kultur unversehrt antreten, denn wir bringen kein männliches Gedächtnis mit, um diese Aneignung zu bewerkstelligen. Geschichte müsste umgeschrieben werden, so dass, wie in Virginia Woolfs „Orlando die Möglichkeiten erkennbar würden und nicht die Ergebnisse festgestellt. Die erotische Anziehungskraft zwischen den beiden Frauen verging. Die Freundschaft hielt – bis zu Virginias Tod. Und darüber hinaus, möchte ich glauben. Denn so wie wir weiter zurückreichen als bis zu unserem Geburtstag, so reichen wir auch hinaus über den Tag unseres Todes. Virginia Woolf hat mir „Ein Zimmer für mich allein“ gegeben und Vita Sackville-West schuf mit Sissinghurst einen Garten, der meine Welt schöner macht.



Donnerstag, 13. Oktober 2011

(Un-)Perfekte Paare (9): UMGEBLASEN - "ÜBER DIE MACHT DER LIEBE"

Der kleine Mann lehnte die Paradoxie der romantischen Liebe mit Nachdruck ab. „Einer nur und einer angehören...“ – das schien ihm herabwürdigend für einen Mann von Geist: Sein ganzes Glück in einer Frau zu sehen, von ihrem Augen-Blick seinen Herzschlag bestimmen zu lassen und unter ihrem Lächeln ein Kribbeln auf der Haut zu spüren, für das keine physikalische Ursache zu finden war. „Ist die Macht der Liebe unwiderstehlich, oder kann der Reiz einer Person so stark auf uns wirken, dass wir dadurch unvermeidlich in einen elenden Zustand geraten müssen, aus welchem uns nichts als der ausschließende Besitz dieser Person zu ziehen im Stande ist?“, fragte er provozierend in einer kurzen Brieffolge über „Die Macht der Liebe“. Das sei natürlich vollkommener Quatsch. Der Werther war gerade erschienen und es schien dem Vernunftmenschen angebracht, der (männlichen) Jugend ins Gewissen zu reden, sich von derlei Machwerken nicht vom rechten Pfade abbringen zu lassen: „Nach dieser Untersuchung“, hält er mit (pseudo-)wissenschaftlicher Geste fest, „behaupte ich mit völliger Überzeugung: die unwiderstehliche Gewalt der Liebe, uns durch einen Gegenstand entweder höchst glücklich oder höchst unglücklich zu machen, ist poetische Faselei junger Leute, bei denen der Kopf noch im Wachsen begriffen ist.“ In Wirklichkeit sei halt alles Geschlechtstrieb, der allerdings außergewöhnlich stark sein könne (sein eigener insbesondere; er hielt das täglich mit geheimen Zeichen in seinen Sudelheften fest; wie oft er onanierte oder Geschlechtsverkehr mit Dienstbotinnen hatte). Auch mache zweifellos, die „Erfüllung des Geschlechtstriebes höchst glücklich“. Indes - er schrieb das nicht in ganz so groben Worten - sei es doch im Grunde einerlei in welches Loch man sein männliches Trieborgan stecke.

Alles komme nun also darauf an, für den vernünftigen Mann, meinte er, den Sexualtrieb korrekt zu unterscheiden von dieser literarischen Fiktion der „schwärmenden Liebe“, die Männer zu Schwächlingen mache. Wie das zu bewerkstelligen sei, darauf wolle er im zweiten Teil seiner Brieffolge genauer eingehen. Er schließt den ersten Briefbogen mit den Worten „Man verteidigt Liebe und verwirft Liebe, und eine Partei versteht dieses und die andere etwas anderes. Soweit diesen Morgen.“ Am nächsten Tage, 9.00 Uhr exakt, setzt er fort: Freilich sei die Illusion der romantischen Liebe anziehend für die „guten Mädchen“, die dergleichen Geschichtchen läsen und – leider – auch für die „mädchenmäßigen Jungen“, die dergleichen Zeug produzieren. Jedem mit Verstand werde aber ohne weiteres klar, um welchen Schmarrn es sich hier handele: „Die Benennungen sind nur insofern wahr, insofern es wahr ist, dass Mädchen Göttinen sind.“ Der ganze Trubel, behauptet er, komme daher, dass das Weibliche unzulässig aufgewertet werde. Richtiger hätten es die Griechen gemacht, denen noch klar gewesen sei, wozu Frauen da sind: „Sie brauchten sie, die organisierten Fleischmassen zu zeugen, aus denen sie selbst nachher Helden, Weise und Dichter formten, und ließen sie übrigens gehen.“ Er wird richtig sauer, wenn er gegen diese männlich-klare Haltung das gegenwärtige Gehabe der Weichlinge hält: „Mir läuft die Galle über, wenn ich unsere Barden das Glück des Landmannes beneiden höre. Du willst möchte ich immer sagen, glücklich sein wie er, und dabei ein Geck sein wie Du, das geht freilich nicht. Arbeite wie er, und wo deine Glieder zu zart sind zum Pflug, so arbeite in den Tiefen der Wissenschaft, lies Eulern oder Hallern statt Goethe, und den stärkenden Plutarch statt des entnervenden Siegwarts, und endlich lerne dein braunes Mädchen genießen, wie dein braunes Brot – von Hunger verklärt und gewürzt, wie dein Landmann tut, so wirst du glücklich sein wie er.“ Immerhin, gibt er noch zu, sei es ja möglich, dass aus der Triebbefriedigung sich so was wie Liebe ergäbe. Das komme, weil „die Person“  - also: das Mädchen – sich in „unserer Kultur“ ja den Liebhaber - also: den Mann – notwendig als „einzigen Gesellschafter“ nehmen müsse. So binde sie schließlich den Mann an sich durch „tausend andere Dinge“, als „Ratgeber, Freund, Handlungskompagnon, Bettkamerade, Spielsache, lustiger Bruder (Schwester klingt nicht)“. Daraus entstehe dann eine „reine Schuldigkeit“, so dass am Ende auch der Vernünftige, nun denn: eben - liebeGut gebrüllt, Lichtenberg! Und immerhin: Die Verhältnisse sind selten klarer und ungenierter dargelegt worden, die sich gerade die romantischsten Liebhaber oft zunutze gemacht haben, um selber polyamor unterwegs zu sein, vom Frauchen daheim aber „Treue“ einzufordern. 

Es haben diese harschen Briefe jedoch einen Subtext, der die Abfuhr Georg Christoph Lichtenbergs an die Liebesmacht relativiert. Die Briefe sind an eine konkrete Frau gerichtet, an die Frau seines Freundes, an Dorothea Friederike Baldinger. Teile der Briefe hat er sich zurückerbeten, so dass er sie vernichten konnte. Im ersten Überlieferten beginnt er: „So wie ich vorgestern angefangen hatte, kann und mag ich nicht fortfahren.“ Es handelt sich bei den an uns gelangten Texten also um ein allgemeingültiges „Fundament“, das er legen will, nachdem er vielleicht sehr viel privater sich vorher geäußert hatte. Er übereignet dieses nur scheinbar stabile Fundament der Adressatin ausdrücklich zum „Umblasen“: „Ich wage viel damit, wenn ich je viel bei Ihnen gegolten habe, denn ich wage alles zu verlieren. Sie sollen nicht allein meine Gedanken über Verlieben und Macht des Frauenzimmers hier in einem Auszuge sehen, sondern ich will Ihnen auch einen kurzen Entwurf meiner Methode zu philosophieren geben, um mir bei Ihnen nicht sowohl die Überzeugung wegen der ersteren zu erleichtern, als die Vergebung.“

Friederike Baldinger müsse sich, so schlägt er vor, um ihn recht zu verstehen, in ein Neutrum verwandeln, „weder Mann noch Frau, bloß eine vernünftige Seele“. Indem er aber Friedrike Baldinger entsexualisiert und ihre Beziehung als eine platonische Freundschaft festschreibt, legt er selbst sozusagen schon die Lunte, mit der sie – so sie wollte – das ganze Gebäude „umblasen“ könnt. Denn „Über die Macht der Liebe“ betont ja gerade die Macht der sexuellen Triebe. Von Friedrike Baldinger ist ein Brief überliefert, den man als eine späte Antwort auf diese Aufforderung lesen kann. Als „Hexe“ bestellt sie sich den Kopf des Briefschreibers, um dessen Rumpf sich eine andere „Hexe“ kümmern solle.

„Gestern gieng es mir mit Ihnen wie jenem verliebten Mädgen, dem ihr geliebter untreu geworden war, daß sich indeß nach einem andern umgesehen hatte, um jenen zu vergessen, weil er sie verschmähte. Daß aber bei seinem unverhofften anblik des erstern sich doch selbst gestehen musste: alte Liebe rostet nicht: So tanzte mir gestern dass Hertz im leibe, oder viel mehr die Seele im Kopfe, für Freuden, als sie sich under meinem Fenster so unerwartet meinem Auge auf einmal darstellten. Ihr Anblick schob mir, gleich einem Schatten Spiele an der Wand, eine Menge Bilder vor, womit Ihr Witz meiner armen Seele sonst so manches Fest gegeben hatte – aber weg war der Professor wie ein süsser Traum. ich gönne ihnen alles was Ihnen Freude macht, den daß Leben ist kurtz: sagte der weise Salomo und genos es.
Aber das Ihre freuden so schlechterding auf dem schaden Ihrer Freunde gegründet sind – daß ist doch unchristlich. Sonst gabs Hexen (erzählt mir immer meine Kindmagd) die die Leute ohne Kopf darstellen konnten. Wenn ich dieses Kunststück noch lernen könnte so sollten Sie bei verriegelten Türen immer ohne Kopf gehen. Ich würde mir aber für meine Mühe den Kopf ausbitten und einer andern Hexe gern das übrige lassen, weil ich glaube nicht alle Hexen könnten Ihren Kopf so gut brauchen wie ich.
Nach dieser Liebeserklärung werden Sie noch einmal so galant sein und mir Ihren lieben Kopf selber bringen, den ich so lange gerne mündlich hätte wiederhaben mögen, wie sehr er nach einer so langen schmerzlichen Trennung vermisst wird.“

Quelle: Wikipedia
Wir wissen nix Genaues nicht über die Beziehung Georg Christoph Lichtenbergs zu Dorothea Friederike Baldinger. Sie war die Ehefrau seines Freundes. Er schrieb ihr „Über die Macht der Liebe“. Immerhin war da – vielleicht – ein Flirt (– und mehr)?





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Freitag, 7. Oktober 2011

(Un-)Perfekte Paare (8): LEIDENSCHAFT FÜR DIE FREIHEIT

Waren die anderen alle Idioten? Wohl kaum, doch - in seinen Augen - sittlich verkommen. Sie hatten sich und ihr Denken korrumpieren lassen, fühlte er, durch Macht und Vorrecht, die ihnen unverdient zugefallen waren und ihnen die Möglichkeit gaben über andere nach Belieben zu herrschen. Um die Annehmlichkeiten dieser verrohten Willkürherrschaft nicht einzubüßen, legten sie sich eine Theorie zurecht, die ihren Untertanen die Menschlichkeit absprach, die Fähigkeit zu Triebkontrolle und vernünftigem Denken. Es wäre, so propagierten sie, fahrlässig gewesen, diesen niederen Wesen die vollen Mitbestimmungsrechte zu gewähren; gerade auch in deren eigenem Interesse sei daran festzuhalten, dass sie am rechten Platze blieben und früh schon unterwiesen würden im Gehorsam gegenüber ihren Herren. Insbesondere, so lehrten sie und legten im bürgerlichen Recht fest  (nicht ohne Eigennutz, wie er ihnen nachwies) sei darauf zu achten, dass diese von der Natur benachteiligten Wesen keine Verfügungsgewalt erhielten über Einkommen und Besitz.

Als 1869 endlich die Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika abgeschafft wurde, schrieb er: „There remain no legal slaves  except the mistress of every house.“ Das nahm man ihm ziemlich übel. Denn gerade seine Parteigänger, die bürgerlichen Liberalen, stifteten einen engen Zusammenhang zwischen einer demokratisch zu verfassenden Öffentlichkeit und einer herrschaftlich konzipierten Ehe daheim. Da sahen sie keinen Widerspruch: Denn das Wesen, mit dem sie Tisch und Bett teilten, war ja, sobald sie es aus der Obhut des Vaters übernahmen, kein eigenständiges Subjekt sondern ein Teil des Eigentums oder ein Teil des „Ganzen“, als das der Mann sich selbst sah.

John Stuart Mill bekämpfte die hausväterlichen Sklavenhalter nicht nur theoretisch. Die Frau, die er liebte, lernte er früh kennen. Sie, Harriet Taylor, obwohl erst 22 Jahre alt, war schon verheiratet. 19 Jahre lang blieb sie seine „Seelenfreundin“; eine platonische Liebe, so wird berichtet. Beinahe jeden Abend verbrachte er bei ihr. Der Ehemann trug es mit großer Gelassenheit.  Erst nach dessen Tod lebten sie zusammen und heirateten 1851. Ob es dann zu körperlicher Liebe kam, ist unklar. Schon 1859 starb sie an Tuberkulose in Avignon.

Gemeinsam schrieben sie: The subjection of women (dtsch: Die Hörigkeit der Frauen). Auch bei anderen "seiner" Werke gilt sie als Co-Autorin. Dass sie unter seinem Namen erschienen, war ihm wohl unangenehm, dennoch versteckte selbst er sich hierbei hinter der Aussage, dass es beim Gleichklang der Gedanken zweier Menschen nicht darauf ankäme, wer die Feder führe. Dafür zu sorgen, dass auf den Titeln der Bücher nicht wie selbstverständlich nur ein Name, nämlich der seine, prangte, darauf wäre es aber halt schon angekommen!

Beide erkannten klar, wie im 19. Jahrhundert geschickt „die Natur“ gegen die Gleichberechtigung der Frauen ins Feld geführt wurde, deren Ablehnung die Verfechter der Aufklärung in einen Selbstwiderspruch gebracht hatte. Sie beschrieben auch einfühlsam, wie die enge Gemeinschaft der Unterdrückten mit dem Unterdrücker im gemeinsamen Heim hervortrieb, was wir heutzutage als Stockholm-Syndrom beschreiben würden: die Identifikation der Geisel mit dem Geiselnehmer. Sie zeigen die psychologischen Verwundungen auf, die eine Jahrhunderte lange Abhängigkeit der Frauen vom männlichen Urteil schlug: wie Frauen auch sich selbst mit den Augen eines Mannes sehen gelernt haben, wie Frauen ihr Selbstwertgefühl erst über die Anerkennung eines Mannes als begehrenswerte Frau gewinnen, wie Frauen aus der Unterwerfung Lust  ziehen.

Das besondere Verdienst von John Stuart Mill und Harriet Taylor liegt jedoch darin, dass sie auch auf die Verwundungen hinweisen, die diese Ordnung der Geschlechter den Männern zufügt.  Sie zeigen, wie die Herrschaft, die er über die Frau hat, die „ihm gehört“, notwendig zur Verachtung derselben führt, eben weil sie sich ihm unterwirft und von ihm abhängig ist.

„Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist genau dasselbe wie zwischen dem Feudalherrn und dem Vasallen, nur dass der Vasall nicht zu so unbegrenztem Gehorsam verpflichtet war. Mag die Hörigkeit auf den Charakter des Vasallen gut oder böse gewirkt haben: Niemand kann sich der Wahrnehmung verschließen, dass der dadurch auf den Lehnsherrn geübte Einfluss überwiegend nachteilig gewesen ist, mochte er zu der Einsicht gelangen, dass seine Vasallen in Wirklichkeit im überlegen waren, oder fühlen, dass er über Leuten, die ebenso gut waren wie er selbst, nicht infolge seines Verdienstes oder eigener Arbeit als Gebieter stand, sonder lediglich weil er, wie Figaro sagt, die Mühe gehabt hatte, geboren zu werden. Die Selbstvergötterung des Monarchen oder Feudalherren findet ihresgleichen in der des Mannes.“

Frau schlendert durch die Straßen der Stadt, heutzutage, - und sieht immer noch allenthalben arme Irre, die um sich selbst und ihre Männlichkeit wie um ein goldenes Kalb kreisen, sich spreizen, aufblähen, dreist tun, stolz auf nix als ihren Penis sind, von dem sie annehmen, er statte sie immerhin mit einer Überlegenheit aus, die ihnen keine nehmen könne. Stuart/Taylor wissen auch schon, dass es in der Regel gerade solche Männer sind, die besonders „männlich“ auftrumpfen, die vor andern Männern kuschen müssen. Sie enttarnen hellsichtig das – bis heute ja immer wieder gern gehörte - „Lob der starken Frau, die hinter jedem starken Mann steht“ als das, was es ist: Eine widerliche Schmeichelei, die nur dem Erhalt der bestehenden Herrschaftsstruktur dient. „Man erklärt die Frauen für besser als die Männer – ein leeres Kompliment, das jeder Frau von Geist ein bitteres Lächeln entlocken muss, da es kein anderes Verhältnis im Leben gibt, wo es hergebrachte, für recht und naturgemäß gehaltene Ordnung ist, dass diejenigen, welche man für die Besseren erklärt, den Schlechteren gehorchen müssen.“

Wer liest, was die beiden über das Geschlechterverhältnis wussten, der versteht, warum die Erfüllung der Forderung nach rechtlicher Gleichstellung der Frau, die sie gemeinsam formulierten, die über Jahrhunderte geprägte psychologische Deformation nicht so schnell heilen kann. Es gibt noch viel zu tun.

Trotz allem verbreitet Taylor/Stuarts „Die Hörigkeit der Frau“ Hoffnung, dass eine liebende Beziehung zwischen Mann und Frau, in der sie einander nicht  hindern sich zu entfalten, sondern sich wechselseitig beflügeln, möglich ist. Dass beider Freiheit dafür Voraussetzung ist, war das gemeinsame Credo dieser beiden großen Liberalen. Es trübt die Dankbarkeit und Hoffnung bei der Lektüre von „Die Hörigkeit der Frau“ jedoch, dass jene Beziehung zwischen Mann und Frau, die Taylor/Mills utopisch vorstellen, eine rein geistige zu sein scheint. Die Sexualität zwischen Mann und Frau wird nur negativ als mögliches Gewaltverhältnis in der patriarchalischen Ehe angedeutet. Dass und warum diese beiden den Sex ausklammerten, vielleicht um diese Utopie erschreiben und erleben zu können, bleibt tragisch – und stellt vor eine Aufgabe, die mir immer noch ungelöst erscheint.
Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/J_S_Mill_and_H_Taylor.jpg


Versuchsanordnungen mit meinen Mitteln:

Montag, 15. August 2011

(Un-)Perfekte Paare (7): "...ein Löwe... zu meiner Rechten, eine Wölfin zur Linken und ein Bär mir zu Füßen, alle halb über mich her..."

Eine „ménage a tròis“ stellte er sich vor. Karoline schien bereit dazu. Seine Ehefrau war unentschieden. Er wirkt schwach in den Briefen an Freunde, in denen er um Rat ersuchte. Seine erotischen Phantasien plagten ihn. Die Frau an seiner Seite konnte sie nicht befriedigen; für die Frau, nach der er sich sehnte, war er nicht stark genug. Er wollte in der Liebe „Geist und Leib nicht trennen“. Ihre Poesie und ihre Sinnlichkeit hätten beidem Flügel verleihen können. Doch sein Geist suchte Festigkeit statt Fluss, sein Leib Nahrung statt Lust. Er kränkelte. Er entsagte; so wie Männer das tun, wenn sie einer Frau, die sie begehren, der sie sich aber nicht gewachsen fühlen, den Laufpass geben: mit großer Geste. Er sei insofern „allerdings strafbar“, als er sich habe tatsächlich „diesen jugendlichen Leib und diese Schätze eines reinen und reichen Gemütes...zuzueignen“ versucht. Die Liebe eines Mannes seiner Zeit und Art kann sich selbst anders als ein Besitzverhältnis nicht denken. Die Frau, die ihn berühren will, soll ihm gehören. Dass diesem Zugriff Anderes noch im Wege stand, als seine alternde Angetraute -  vielleicht haben sie es beide geahnt.

Karoline von Günderode
1789-1806
Mein Blick auf diese Geschichte ist parteiisch. Creuzer konnte die  Leidenschaft nicht beherrschen, jedoch auch aus ihr keine Funken schlagen. Es liegt – in meinen Augen – ein trotzig-kindlicher Zug um seinen Mund: ein Junge, der sich schon im Voraus selbst bedauert, um das, was seine Schwachheit ihm versagt; der aber für den eigenen Verzicht die Umwelt verklagt. Er hatte sicher auch viel auszustehen. Sie war kein sanftes Gemüt, keine anschmiegsame Stütze in Kampf des Aufsteigers um Amt und Anerkennung. Sie war nicht gut darin, wozu Frauen da waren. Und sie wusste das wohl und konnte es sogar schreiben: „Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir...ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd.“

Als er sie kennenlernte, ein junger Altertumsforscher ohne feste Anstellung, genoss sie im Freundeskreis schon den Ruf einer Dichterin. Dennoch musste sie sich rumplagen mit der Mahnung Clemens Brentanos, Schelling zu lesen, schicke sich nicht für eine junge Frau wie sie. Sie las viel, sie lauschte und dachte und schrieb. Zwar veröffentlichte sie unter männlichem Pseudonym, doch im Freundeskreis wußte man, was für Karoline die Welt war. Ihr Talent wurde geachtet, doch auch die jungen Romantiker hatten  wenig übrig für den Anspruch eines weiblichen Wesens, die Literatur zum Mittelpunkt des eigenen Lebens zu machen. Sie wünschten sich Frauen, die sich für Kunst und Literatur interessierten, vielleicht sogar gelegentlich selbst zur Feder und Pinsel griffen. Doch im Grunde war eine Frau dazu da, den Mann, den sie liebte, zu bewundern.

Ihre Freundin Bettina Brentano fand den Creuzer hässlich. Auch der Günderode ist er wohl nicht als ein Adonis erschienen. Die Anziehungskraft dieses Mannes lag offenbar auf anderem Gebiet. Er vermochte ihr Begehren zu entfachen, weil er sich nach ihr verzehrte, aus  seinem unbefriedigenden Ehejoch.  Für eine Weile glaubte sie wohl, er sei bereit, sich ihrem Werk zu widmen, sein Wissen über das Altertum könne ihre Dichtkunst beflügeln, seine Tätigkeit als Herausgeber könne ihrer Lyrik Bekanntheit verschaffen. Sie suchten gemeinsam den Urmythos. Sie versprach ihm, ihn durch ihre Verse unsterblich zu machen.

Wie ist ganz mein Sinn befangen,
Einer, Einer anzuhangen;
Diese Eine zu umpfangen
Treibt mich einzig nur Verlangen;
Freude kann mir nur gewähren,
heimlich diesen Wunsch zu nähren,
Mich in Träumen zu bethören,
Mich in Sehnen zu verzehren,
Was mich tödtet zu gebähren.

Friedrich Creuzer
1771-1858
Der Einzige  hatte sie dies Gedicht genannt und es dann noch rasch in Die Einzige umbenannt, um Creuzer nicht zu kompromittieren. Nein, er war ihr nicht gewachsen.  Als sie sich tötete am Ufer des Rheins, brach er den Druck der Sammlung „Melete“, an der sie gemeinsam gearbeitet hatten, ab und versuchte alle noch vorhandenen Exemplare zu vernichten. Doch wenn man liest, was er ihr schrieb, so versteht man ein wenig, warum sie, die Einsame, für deren hochfliegende Träume kein Platz in einer hausfraulichen Existenz war, sich so an ihn band: „Auch bist Du unübertrefflich, wenn du den geheimen Sinn des Räthsels singst, das wir Leben nennen, jene Heimlichkeit des Daseyns und die innerste eigenste Gewohnheit eines schönen Gemüthes.“

Er schien sie zu verstehen, doch blieb sein Horizont begrenzt und sein Mut war klein. Ihre Pläne, mit ihm nach Ägypten zu fliehen oder sich als Mann verkleidet auf eine Reise nach Russland zu begeben, schockierten ihn. Sie schrieb ihm: „Mir war, ich läge zu Bett, ein Löwe lag zu meiner Rechten, eine Wölfin zur Linken und ein Bär mir zu Füßen, alle halb über mich her und in tiefem Schlaf, da dachte ich, wenn diese Tiere erwachten, würden sie sich gegeneinander ergrimmen und sich und mich zerreißen, es ward mir fürchterlich bange, und ich zog mich leise unter ihnen hervor und entrann. Der Traum scheint mir allegorisch. Was denken Sie davon?“ Diesen wilden Bestien wich er aus.

Aber welcher Mann hätte die Stärke besessen, ihr recht zu antworten? Man sollte nicht ungerecht sein gegen den armen Creuzer, dem sie mit dem Dolchstoß in ihr Herz eine ewige Last aufgebürdete. Was ihn mir aber so verhasst macht, ist der letzte Bruch, zu dem er sie zwang. Was sie hätte retten können, ließ er sie von sich stoßen. Er fühlte, dass die Frauen, solange sie einander in Freundschaft zugetan waren, trotz aller Marginalisierung stark und unbezwingbar waren. Die Eifersucht ließ ihn etwas erkennen, was nur wenige Männer bemerken. Einige Tage, bevor er sie endgültig verließ, forderte er Karoline von Günderode auf, Bettina Brentano die Tür zu weisen: „So hörst du noch immer die Bettine an, die Du doch selbst schwatzhaft nennst und die ich eine Kokotte nenne...“

Bettina Brentano hat den Bruch geheilt und der Karoline von Günderode ein Denkmal gesetzt, ohne das ihr Name vielleicht verloren gegangen wäre. In ihrem Briefroman „Die Günderode“, fast dreißig Jahre nach deren Freitod erschienen, erzählt sie die Freundschaft nicht von diesem Endpunkt her, sondern aus der Perspektive des liebend-geliebten Kindmädchens, das sie war, welches in der etwas älteren Günderode, eine gefährlich-gefährdete schöne Seele erkannte. Was die Günderode als Dichterin antrieb, das Streben nach Reinheit des Ausdrucks, wurde ihr als weiblicher Mensch zum Verhängnis: dass sie die Wirklichkeit in ihrer Verschmutzung nicht annehmen konnte. Bettina, verheiratete von Arnim, bricht darüber keinen Stab. Sie endet das Buch mit einem Brief, indem Bettina der Karoline aus dem winterlichen Marburg von einem geretteten Rosenstock schreibt: „...denn das Bild mit den Rosen, es war, als hätt mein Genius es bestellt, dass ich´s recht fassen solle, wie Du die Tempelhalle geweiht achtest, von der Du weißt, dass inner ihren Mauern die Opferflamme lodert, der Tempel ist nur dann heilig, wenn er den Menschen, den eigenen Leib darstellt – und des Gottes Lehren den eigenen Geist. – (....) Und eben sah ich noch die Studenten ins Kolleg gehen, und sie waren recht verwundert, dass der Rosenstock nicht mehr da war. Ich sah´s ihnen an, es war ihnen leid, sie hatten nun schon acht Tage hintereinander die Rosen gezählt.- Wartet nur, ihr werdet ihn bald ausfindig machen, und dann werden die Artigsten unter euch meine Rosen in der Weste tragen dürfen.“

Donnerstag, 21. April 2011

(Un-)Perfekte Paare (6): DER BUCKLIGE UND DAS MÄDCHEN

Maria Dorothea Stechard, geboren 1765, die Tochter eines aus Thüringen eingewanderten Leinwebers, war Blumenverkäuferin in Göttingen. Als sie Georg Christoph Lichtenberg zum ersten Mal begegnete, war sie 12 Jahre alt. Kurz nach ihrer Konfirmation nahm der Professor Lichtenberg sie ganz zu sich. Fortan bis zu ihrem Tod lebte sie mit ihm in seiner Wohnung im Haus des Verlegers Dietrich. Im August 1782 starb sie.

Die Geschichte des Mädchens mit dem kleinwüchsigen, buckligen Physiker ist der Nachwelt vor allem in zwei Briefen überliefert, die dieser ein Vierteljahr nach ihrem Tod an den Philosophen Garve und an seinen alten Schulfreund Amelung schrieb. Männliche Leser dieser Briefe (unter ihnen Walter Benjamin) haben sich seit je das dort Erzählte zu einer beinahe romantischen Liebesgeschichte umgedeutet. Doch was Lichtenberg tatsächlich, sorgsam verteilt auf die beiden Briefe, gesteht und bereut, ist  ein Fall von nur notdürftig verdeckter Kinderprostitution. Er wird, so schreibt er an Garve, „kaum ohne Tränen durch die Erzählung durchkommen können, aber Sie müssen wissen, bester Freund, ich hoffe, dadurch mich vor meinem Gewissen bey Ihnen von einer grosen Schuld Last zu befreyen.“ Lichtenberg hatte die kleine Blumenhändlerin getroffen, als drei Engländer ihr auf der Gasse unsittliche Anträge machten. Da nahm er sie, „um sie von diesem Handel abzuziehen“, beiseite und machte ihr seinen Vorschlag: „Ich sprach sie endlich allein, und bat sie, mich im Hause zu besuchen; sie gienge keinem Purschen auf die Stube sagte sie. Wie sie aber hörte, dass ich ein Professor wäre, kam sie an einem Nachmittage mit ihrer Mutter zu mir. Mit einem Wort, sie gab den Blumenhandel auf, und war den gantzen Tag bei mir.“ 


Es ging aus der Sicht des Mädchens und seiner Eltern um materielle Sicherheit und die Stellung im Hause eines Professors. Die wenigen Male, in denen durch die Sudelbuch-Eintragungen die eigene Stimme der jungen Stechardin zu hören ist, erzählen davon, wie sie darum ringt, sich im Hause des Professors zu behaupten. Erhobenen Hauptes weigerte sie sich, als Taufpatin neben einer Bediensteten zu stehen und klingelte vom Salon aus die Dienstboten herbei, die sie, die kleine Geliebte des Herrn Professor, warten ließen. In ihrem letzten Lebensjahr erinnerte sie Lichtenberg immer wieder an sein Versprechen, dass er sich „auch vor der Welt mit ihr verbinden wollte“. Das allerdings, was aus ihrer Sicht der gerechte Preis ihres Entgegenkommens war, drohte er seinen Standesgenossen gleichsam an: „Ich liebe das Mädchen, und fürwahr wenn es mir die Leute arg machen, so lasse ich sie mir antrauen, und dann mögen sie sprechen, was sie wollen.“ Bevor es dazu kam, starb sie.

Der kleine, hoch begabte und sensible Mann litt unter seiner kümmerlichen Gestalt. Sich Frauen von gleichem Rang erotisch zu nähern, fiel ihm schwer, wiewohl einige ihn durchaus charmant fanden. Gleichzeitig war er getrieben von einer überdurchschnittlich aktiven Libido. In seinen heimlichen Sudel- und Tagebüchern hielt er über die Jahrzehnte in einer verschlüsselten Zeichensprache pedantisch Onanie, ehelichen und außerehelichen Geschlechtsverkehr fest. Da er sich an die bürgerlichen Frauen nicht herantraute, waren es Mägde, Aufwärterinnen und Blumenmädchen, mit denen er sexuell verkehrte. Die Kehrseite seines ausgelebten Begehrens war eine die Sudelbücher durchziehende Abwertung der gebildeten Frau. In Göttingen, wo er lehrte, begegnete er jenem Frauentyp, der in der Frühaufklärung kurzzeitig modisch wurde: die „Universitätsmamsellen“, wie er sie nannte, die Töchter seiner Kollegen: Meta Forkel, Philline Gatterer, Caroline Michaelis, Therese Heyne. Sie alle wurden durch ihre „natürlichen Erzieher“, die Väter, ausgebildet und in Lichtenbergs Augen „verbildet.“ 

Maria Dorothea Stechard musste, um für sein Erziehwerk zu taugen, die Tochter eines Vaters und einer Mutter sein, die selbst für Bildung nicht sorgen konnten, weil sie Mühe hatten, die Tochter zu ernähren. Lichtenberg wusste das auch genau: „Kein Mädchen schenkt ihr Herz weg, sie verkauft es entweder für Geld oder Ehre, oder vertauscht es gegen ein anderes, wobei sie Vorteil hat, oder doch zu haben glaubt.“ Er bildete sich die Jungfer Stechardin zur Gefährtin aus, lehrte sie seine physikalischen Apparate zu säubern und ihm bei seinen Experimenten zu assistieren. Nach Abschluss der „Ausbildung“ konnte sie ihm nun „Ratgeber, Freund, Handlungskompagnon, Bettkamerade, Spielsache, lustiger Bruder sein“. Es mag wohl sein, dass von seiner Seite aus Liebe wurde, was als Kaufakt begonnen hatte. Nicht einmal auszuschließen ist, dass auch sie ihm, der sie nicht nur sexuell benutzte, sondern aufrichtig an der Erweiterung ihres Horizontes interessiert war, liebevolle Gefühle entgegenbrachte.

Selbstporträt Lichtenbergs
Doch erst posthum in den Briefen an Amelung und Garve wird aus dem „Katzen-Mädgen“, dass er sich für Bett und Labor gekauft hatte, eine „Himmlische“. Seine Trauer erst verleiht der Geschichte den Hauch romantischer Liebe. Anders als die „Genie-Poeten“ der Empfindsamkeit und später der Romantiker ringt Lichtenberg aber in diesen Briefen auch darum, dass Liebesempfinden an die konkrete Person, an Maria Dorothea Stechard, zu binden, statt es zu abstrahieren zur „reinen Liebe“. Es ist tragisch, dass er, der sich eine Liebesbeziehung vorstellen konnte und sie wohl auch zu verwirklichen suchte, die Freundschaft und Sexualität verband, sie aufgrund seiner Hemmung nur in einem Verhältnis zu leben vermochte, dass durch ein steiles Machtgefüge gekennzeichnet war: der bucklige Herr Professor und das arme, schöne Mädchen.