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Freitag, 28. Mai 2021

BITTERBÖSE ENTTEUSCHUNG. (WORT-SCHATZ 24)

Diese Müdigkeit.

Und nicht allein. "Mütend", schrieb eine auf Twitter und es trendete gleich. Das geht offenbar vielen so. Es trifft meine Stimmung und bleibt doch eine unvollständige Bestandsaufnahme. 


ENTTEUSCHT


"ex errore rapere, aus der teuschung ziehen"

"emachte, indem er entteuscht ward, die wunderlichsten geberden." (Göthe)


Ich bin aus meiner Täuschung gezogen, unsanft, unerwartet, ungeschützt. Liege nun ramponiert und verdreckt am schlammigen Ufer des Teuschungssees und schäme mich meiner Entstellung. Versuche, vergebens, die Entblößung zu verbergen. 

Man macht halt irgendwie weiter. Muss ja. (Es sagt ja schon alles, diese Verwendung des "man", hinter dem sich das "Ich" verbirgt und unkenntlich und verantwortungslos zu machen sucht.)

Was schrieb ich im im April 2020 noch so naiv: "... ich bin dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die sich in ihrer Mehrheit (bis jetzt) anders entschieden hat: Der Schutz des Lebens ist uns was wert. Auch des Lebens jener, die - vielleicht - nicht mehr so lange zu leben haben wie andere. "

Im Mai 2021 ist klar: In einer solchen Gesellschaft lebe ich nicht. Der Schutz des Lebens älterer und vorerkrankter Menschen war uns nicht so viel wert. Am heutigen Tag verzeichnet das RKI, dass in Deutschland bisher 88167 Menschen an Covid 19 gestorben sind. Am Ende der Pandemie werden es mit hoher Wahrscheinlichkeit über 100 000 Tote sein. Weltweit sind offiziell bisher mehr als 3,5 Millionen Menschen an dem neuartigen Corona-Virus gestorben. Der "Economist" weist in einer groß angelegten Recherche nach, dass diese Zahl bei Weitem zu niedrig angegeben ist. Die Redaktion geht eher von über 10 Millionen Toten weltweit aus. Dabei handelt es sich um den niedrigsten Schätzwert. Es könnten durchaus deutlich mehr Tote sein. Aus vielen Ländern liegen keine genauen Zahlen vor. Allein in Russland, zum Beispiel, ist die Übersterblichkeit 6 bis 7fach höher, viel mehr als die offizielle Zählung der Corona-Toten annehmen lässt. 

Die Pandemie dauert nun anderthalb Jahre. Auch wenn Hoffnung besteht, dass sie durch die Impfkampagnen in Nordamerika und Europa dort abklingt, geht sie rund um den Globus weiter. Es sieht so aus, als werde auch diese Pandemie, wie die "Spanische Grippe", am Ende um die 20 Millionen Menschen das Leben kosten.  

Ich hatte mich also getäuscht, als ich vom Fortschritt ausging. Davon, dass eine entwickeltere Gesellschaft eine solche Todesrate nicht zulassen werde. Wir werden so viel Tote zu beklagen haben (aber eben kaum beklagen, davon später), obwohl es gelang, in Rekordgeschwindigkeit Impfstoffe zu entwicklen. Der technologische Fortschritt wird uns als Gesellschaften retten, aber er wird ganz offensichtlich nicht begleitet von einem gesellschaftlichen Fortschritt, der es ermöglicht hätte, ihn solidarisch zu nutzen, um die Todesrate niedrig zu halten, um Menschenleben zu retten. 

Vielmehr hat sich gezeigt: Unsere Gesellschaften in Europa sind so organisiert, dass es möglich ist, für fast alle das komplette persönliche Leben über viele Monate brutal einzuschränken, sie auf Arbeitsleben und Kernfamilie zu reduzieren, aber unmöglich die Produktion und den Handel mit Gütern auch nur für wenige Wochen einzuschränken, um allen diese Grundrechtseingriffe auf Dauer zu ersparen. Überraschend auch: Offensichtlich funktioniert auch der entwickelte Kapitalismus so, dass wir als Arbeitskräfte gebraucht werden, weniger jedoch als Konsumenten. Denn es war vertretbar, den Einzelhandel, Gastronomie, Tourismus und Kultur langfristig dicht zu machen, nicht aber Fabriken und Büros. 

Man könnte das auch so ausdrücken (wenn es auch ein wenig simpel gedacht ist): Dieses "System" (politisch und ökonomisch) funktioniert offenbar ohne jede menschliche Lebensfreude. (Sicher hätte man Einzelhandel und Kultur vor der Digitalisierung nicht ganz so krass einschränken können, doch kann Digitales reale Begegnungen eben nicht ersetzen, wie sich je länger desto deutlicher zeigt.) Dass die Menschen durch diese Entleerung ihres Lebens, durch diese Reduktion auf ihren Wert als Arbeitskraft ausgelaugt sind, wird von der Politik dann noch als Begründung herangezogen, sogenannte "Lockerungen" jeweils überhastet zu verkünden, durch die Einschränkungen im Privaten immer weiter verlängert werden müssen. 

Ich bin bitter und böse. 

Entteuscht.

Was mich am meisten überrascht dabei, ist, dass es so tief sitzt und geht. Denn das zeigt mir, wie sehr ich - trotz aller Kritik - an diese Gesellschaft und ihre Optionen noch geglaubt habe. 

Man sorgt für sich selbst und die seinen. Zuerst und zuletzt. 

Biedermeier mit und ohne Brandstifter.

Max Stirner ist jetzt mein Mann: "Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht." 

Genau. "Man muss sehen, wo man bleibt." So Sprüche.

So geht "Entteuschung".

Ich kann das. 

Ich übe. 

Ich habe fertig.


Wir machen weiter. Optimismus macht sich breit. Die Sonne scheint, manchmal. Wir werden die Toten nicht beklagen. Diese Toten werden vergessen werden, verdrängt, von uns, so gut es geht, wie jene damals, die an der Spanischen Grippe starben. Denn es sind unsere Toten. Sie gehen auf unser Konto. Das muss man verdrängen. 

"Der Sommer wird gut."




Samstag, 19. September 2020

"Einem Dreck sein Dreck" (Wort-Schatz 23) (Wut-Rede)

"ich schlüg dich schier zwischen die orn 
das du furpas dein maul hieltst uber ein dreck mit dem gesicht auf den dreck fielst."
Fastnachtssp. 


Dreck macht böse. Mich mindestens macht der Dreck immer böser. Der Dreck befördert in mir die Gewaltphantasien. Ein Gang durch die dreckige Stadt entfesselt in mir die Menschenhasserin. Wie der Dreck auf der Straße liegt und der Wind den Dreck um die Gassen fegt und die Füße über den Dreck stolpern alle Schritt lang, breitet sich in mir von unten aufsteigend über die Knie und den Rumpf bis zur Schädeldecke hin eine düstere rote, dreckige Wutwolke aus, einem Feuersturm gleich, mit dem die Nachbarschaft, das Viertel, die Stadt, die Region im wilden Brand verschlungen werden könnte samt dieser Brut dreckiger Drecksäcke, die ihre Kippen aus den Autofenstern schnalzen und ihre Pizzakartons in die Vorgärten werfen und ihre vollgerotzten Masken in die Ecken pfeffern. 

"Sie kommen nicht mehr nach mit dem Reinigen.", sagt der Morel und verschärft mit dieser vernunftbetonten Einlassung noch meinen Hass. Denn "sie", damit meint er die von meinen Steuergeldern mitbezahlten Straßenreinigungskräfte und die Verwaltung, die ihre Einsätze lenkt und steuert. "Sie" also, unterstelle ich flugs dem Morel, hält er für die Schuldigen, während ich in Grund und Boden, also in den Dreck, stampfen möchte die Dreckschweine, die ihren verdammten Dreck in den öffentlichen Raum entsorgen. "Nein", sage ich, "sie sollen keineswegs mehr reinigen oder öfter. Stattdessen", sage ich, "soll es Strafen geben, so hart, dass das Drecksvolk sich vor Schiss die Hosen voll macht." Oder, denke ich, sie sollen im Dreck versinken, die Dreckbatze. 

Das ist alles nicht gut. Dieser tiefe Groll, den ich empfinde. Wie der mich verdirbt. Und selber dreckig macht. Dem Dreck, der sich in den Städten ausbreitet, und mir unter die Haut geht, kann ich nur noch entkommen, indem ich mich zurückziehe. Indem ich also drinnen bleibe. Wenn das so weitergeht, werde ich mich a-sozialisieren. Um keine Menschenverächterin zu werden. Das ist auch nicht gut. 

Ich muss mir das mal aus dem System schreiben. Es macht was mit Menschen wie mir, wenn der öffentliche Raum zunehmend verdreckt. Es sorgt dafür, dass ich mich weniger und weniger um "die anderen" sorge. Denn obwohl ich weiß, dass "die anderen" nicht "alle" sind und wahrscheinlich nicht einmal die meisten, nimmt mein Körper, während er durch den Dreck watet, es anders wahr. Mein Körper empfindet Ekel. Und dieser Ekel überträgt sich auf diejenigen, die den Dreck produzieren. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Dreck wird meiner Erfahrung nach keineswegs überwiegend von denen produziert, die als unterprivilegiert gelten. Da bietet fast jede beliebige Autobahnraststätte hinreichend Anschauungsmaterial, um diese These zu widerlegen. Der Dreck ist ein Produkt von Narzissmus und Rücksichtslosigkeit in einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft.

Ich verachte jene, die darüber sinnieren, dass man "ein Bewusstsein für die Müllsituation" schaffen solle durch erzieherische Appelle oder die lustig bedruckte Mülltonnen im Abstand von 2m aufstellen, damit die Dreckmacher ihren Drecksarsch bloß nicht zu weit bewegen müssen, fast noch mehr als die Drecksäue. Deren Hybris, dass der Bosheit und Gedankenlosigkeit des Abschaums bloß mehr "Aufmerksamkeit" ihrerseits zuteil werden müsse, damit sich seine Einstellung ändere, ist nicht nur naiv, sondern auch widerlich selbstbezüglich und überheblich. 

Die Dreckmacher machen soviel Dreck, weil es bequem ist. Man muss es unbequem machen. Und dreckig. 

Wahrscheinlich muss es erst noch ein bisschen schlimmer werden, bevor es besser wird. 

Wie bei so vielem. 

Bis dann:

"und acht sie für ein dreck."




Dienstag, 25. Februar 2020

WORT-SCHATZ (22): FREMD. Ein Plädoyer für mehr Fremdheit

nur ein fremdling, sagt man mit recht, ist der mensch hier auf erden. 

Göthe


Auch ich habe, wie viele andere, schockiert durch die rassistischen Morde in Hanau, gepostet: "Es waren keine Fremden." Um ein Zeichen zu setzen gegen die Wahrnehmung des Mörders und jener, die seine Gesinnungen teilen: Es sei 1. die Welt reinlich einzuteilen in "Fremde" und Zugehörige und 2. das "Fremde" und die "Fremden" seien minderwertig und nicht lebenswert. Das ist eine widerwärtige, menschenverachtende und zu bekämpfende Einstellung. 

Und doch...halte ich an einer Aussage fest, die ich im vergangenen Sommer, in der Sommerfrische - noch halb im Scherz - traf: 

Ich lese, weil mir „die Menschen“ fremd sind und ich hoffen darf – lesend - , dass es so bleibt. 


Das "Fremde" ist jenes, was ich lesend suche, dem ich im Leben jedoch bisweilen durchaus ausweiche. Ich teile das Bedürfnis nicht, mich dem "Fremden" zu nähern oder mich ihm anzugleichen. Ich will mich nicht identifizieren und keine Nähe herstellen. Im Gegenteil. Ich will mir - lesend - selbst "fremd" werden und mir die anderen und das andere - alle "Fremde", alles "fremd" - vom Leib halten. Ich will Distanz und Distanzierung - auch von mir selbst, von der allzu schnellen Übereinstimmung mit dem ersten, scheinbar "authentischen" Gefühl, von der Vereinnahmung durch die Verständnisseeligkeit der anderen, von der immer falschen Vergemeinschaftung und Verallgemeinerung. Immer schon fühle ich mich überall unwohl, schnell, wo sich alle einig sind oder zu sein scheinen, wo Harmonie unbarmherzig herrscht, wo es, wie es so schön und ironisch heißt, "menschelt", wo man sich an den Händen fasst und "lieb" hat und sein großes "WIR" findet und bestätigt.

(Ganz wahr ist das selbstverständlich nicht, denn ich möchte auch manchmal dazugehören, dabei sein, mich anschließen. Aber im Grunde genommen stimmt es schon, dass es mir stets unheimlich wird und immer schon geworden ist, wenn das "WIR" mehr als 10 Menschen umfasst. Dass dann die Fluchtreflexe einsetzen. Dass mir der Mensch als Masse immer schon Angst macht, auch wenn sich diese für das vermeintlich "Gute" einsetzt.)

Fremd ist, sagen die Grimms, was "von fernher" komme und/oder "nicht eigen" sei. Fremde Götter, fremde Speisen, fremde Länder, fremde Sitten, fremdes Eigentum. Das "Fremde" fasziniert und stößt ab, es weckt Begehren und Unbehagen, bereichert und beunruhigt. Das "Fremde" stellt in Frage, was gegeben ist, weil es zeigt, dass es auch anders sein könnte. Ganz anders. Ganz fremd. Das "Fremde" stiftet die Möglichkeit, sich selbst fremd zu werden. Identitäten aufzulösen. 

Identitäre aller Lager müssen daher seit je darauf achten, die Reaktionen auf das Fremde zu kontrollieren: Fremden Göttern sollst Du nicht dienen, fremde Männer sollen "unsere" Frauen nicht haben, fremde Heere uns nicht besetzen. Solange das gelingt, lässt sich daraus ein religiöses oder politisches Süppchen kochen. Herrschaft hat, wer bestimmt, was "fremd" ist. Je simpler und polarer, desto wirkmächtiger, weil es so noch die/der Dümmste kapiert: Was nämlich "fremd" ist und bleiben soll.

Die Gegenseite reagiert nicht selten kaum weniger schlicht: Man solle, sagen sie, jeden "als Menschen" sehen, als sei das etwas Besonderes und als hafteten dem Attribut "menschlich" nur positive Konnotationen an. (Mitnichten!) #unteilbar, heißt es, müssten "wir" sein. (Man marschiert dann, wie auch am Sonntag in Hanau wieder, unverdrossen neben den rassistischen "Grauen Wölfen" und Erdogans faschistischen Anhängern). Man will die "Fremdheit" nicht ertragen oder woanders hin verlagern. "Fremd" ist, was unserer Gesinnung widerspricht. "Wir" selber aber sind uns eins. Identisch halt. Fremdeln nicht miteinander. Wer keinen Döner mag, ist ein Fremdenfeind. Noch nie in der Shisha-Bar gewesen? Schnell mal hin. Sari anprobieren. Fez auf den Kopf. Wir lieben thailändisch inspirierte Bowls und besuchen Bauchtanz-Kurse. (Man muss da allerdings auch sehr aufpassen, wo "cultural approbation" anfängt. Das wär´ dann auch schlecht.) Jede/r soll zu uns gehören. Und wir wollen zu jedem und jeder gehören. Wir wollen aufmerksam sein und zugewandt. Dem "Fremden" gegenüber besonders und stets. Wir sind WeltbürgerInnen und wollen, dass alle es werden. Fremdheit dulden wir nicht länger. Es gibt keine Fremden. Jede/r soll willkommen sein. 

Das ist mir fremd. Diese Offenheit. Ich bin eher verschlossen. Eine grummelnde Hessin. Nach außen hin eher überlaunig wirkend. (Das ist der Trick, um in öffentlichen Verkehrsmitteln auf jeden Fall Ansprachen von "Fremden" zu entgehen.) Ich verschränke gerne die Arme vorm Oberkörper und bin zufrieden, wenn es verstanden wird: Bleibt mir fremd! 

Das ist - auch - eine Charakterfrage, zugegeben. Und trotzdem mache ich ein Plädoyer daraus. Gerade jetzt. Gegen die "Menschenlei". Gegen das allzu einfache "Wir".  Für die Fremdheit. Dafür, mehr Fremdheit wahrzunehmen, nicht weniger. Mir ist ein jeder fremd, oft. Nicht selten bin ich es mir selbst. Fremdheit beunruhigt. Immer schon.: "Was de Bauer net kennt, frisst he net." Wo ich herkomme, waren zu Zeiten auch die schon "fremd", die auf der anderen Seite vom Fluss oder Berg gewohnt haben. Was fremd ist, ist oft unangenehm. 

Fremdheit nötigt zu Zurückhaltung. Man beschwert sich nicht, auch wenn man den Borretsch nicht so mag, den die russischstämmige Gastgeberin serviert. Man zwingt sich mitzuschunkeln, obwohl man diese lauten Bräuche höchst seltsam findet. Man zückt einen Geldschein und steckt ihn der Braut ans Kleid bei der türkischen Hochzeit mit einem eher unangenehmen Gefühl. Lieber hätte man ein schön verpacktes Geschenk überreicht. Das ist nämlich oft ziemlich anstrengend, wenn man sich den "Fremden" anpasst. Das erlebt man keineswegs meistens als Bereicherung. "Fremde" nerven. 

Nur wer sich selber öfter fremd wird, ist geübt darin, mit dieser Belastung umzugehen. Denn wer sich selber manchmal fremd wird, statt stets mit stabiler Identität andere zu missionieren, hat sich eingeübt in der einzigen Methode, auf die Zumutung von "Fremdheit" zu reagieren: Humor. Wer sich selber fremd werden kann, muss immer wieder mal über sich lachen. Und über seine eigene Befremdung. 

Es ist ein Kennzeichen, das die Identitären aller Lager ein: Ihre selbstgewisse Humorfreiheit. So kommt es, dass sie die Fremdheit entweder nutzen, um ihre Identität und die anderer einzugrenzen und zu bekräftigen oder - im anderen Lager - Fremdheiten zu leugnen und Differenzen zu moralisieren. Sie lachen nicht über sich. Und über andere nur schadenfreudig. 

Das antinomische Denken, das Fremde zu hassen oder es zu glorifizieren, lässt sich aufbrechen: Das Fremde ist komisch. So komisch, wie wir den Fremden sind. Man sollte sich viel öfter "befremdet" fühlen. Statt sich immer wieder weiszumachen, Bescheid zu wissen. Über das Fremde. Und die Fremden. Und über sich selbst. 

Lasst uns statt "Interkultureller Kompetenz" Befremdung üben!

Sonntag, 5. März 2017

NICHT DIREKT GEMEINT. ("Jetzt kann plötzlich alles passieren.") Ein Traumbild. und WORT-SCHATZ (21): PLÖTZLICH



Du magst es direkt, sagst du. Obwohl direkt ein hässliches Wort ist. Ich widerspreche dir leise. Denn so habe ich dich nie erlebt. Direkt.


Die Grimms kannten dieses Wort noch nicht. "Das halte ich für keinen Zufall." Ohne Umschweife. Verzicht auf Vermittlung: Mittellos. Es ist ein Wort für die Fastenzeit. Für die Fastenden. Für jene Distinguierten, häufig aus dem protestantischen Milieu, die sich auch dieses letzte Distinktionsmerkmal nicht versagen wollen in ihrer ostentativ zur Schau gestellten Demut der Reichen: Sehet her, wie ich mir´s versage! (Auto, Süßigkeiten, Social Media, Alkohol, Fleisch, Billigklamotten - "Nicht, dass ich sonst zu Primark gehe, außer..." - etc. ppp.) Direkte Umsetzbarkeit von gar nicht guten, nutzlosen (Un-)Taten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Direkt. ("Nur indirekt, sozusagen.")

Ich träume von diesen Leuten, sage ich dir. Du lachst. Ein bisschen schäbig, finde ich. "Ich möchte jetzt mal direkt etwas loswerden.", setze ich noch mal an. Damit bin ich dich los. Plötzlich. Löst du dich auf. Vor meinen Augen nur noch Helligkeit. Du löst dich nicht ins Dunkle, das ahnte ich immer schon. "Jetzt kann plötzlich alles passieren." "Schmarrn!"

Ein Flipchart wird aufgestellt im weißen Nichts. Rechts: "Direkt", Links: "Plötzlich". Ich versuche verzweifelt, mich zu erinnern: Wie konnte ich mich an diese Stelle verlieren? Wo bin ich fehlgegangen? Ein gackerndes Lachen aus dem Hinterhalt. Ich habe mich überreden lassen. Von einem sehr direkten Menschen. Unverblümt kam der "zur Sache". Prompt. Hop oder top. So. Dem hatte ich nichts entgegenzusetzen. Einmal, in seiner Gegenwart, war ich plötzlich weggetreten, wie ausgeblendet, sah noch seine Lippen sich bewegen, mit seinen direkten Fragen und direkten Ansagen, aber hörte nichts mehr. Als ich zurückkam, ebenso plötzlich, war nichts geschehen. Er sprach weiter und weiter. Alles verloren von da an. Ich wusste es, aber was hätte ich vorbringen können? Wir saßen in großer Runde. Hätte ich sagen sollen: Das ist mir zu direkt. ("Ja!")

Ich weiß seit langem, dass ich die Eindeutigen meiden muss. Das ist keine Idiosynkrasie. Sie gefährden mich in meiner Existenz. Sie bringen mich vom rechten Weg ab. Ich stolpere unter ihren unmissverständlichen Beteuerungen in undurchdringliche Dickichte. Je direkter sie rundweg aussprechen, was "Sache ist", häufig in dozierendem Ton, meist in missionarischer Absicht, desto ungewisser, verworrener, lustloser wird mir alles. Vor meinen Augen verschwimmt mir unter ihren Aussagen und rhetorischen Fragen die Welt. 



die sinnliche plötzlichkeit des widerspruchs zwischen mittel und zweck. 

Jean Paul



Denn meine Welt ist kryptisch. Zögerlich. Verfranst. Unaufgeräumt und noch nicht ausgeträumt. Wohin ich sehe: Plötzlichkeiten. Es kann einer das Herz erschrecken, wie plötzlich sich die Farben ändern, der Wind dreht, der Boden wankt. Ich kann hier jetzt keine Synonyme auf Flipcharts schreiben. Denn plötzlich bin ich daheim. Im Augenland, wo ich gezähmt werde. Wo alles sich ändern kann. Im Plötzlichen verbirgt sich die Möglichkeit dessen, was nicht geschieht. Es ist mehr und anders als "Schwarze Schwäne." Gegenwärtige Wundersamkeit. Ohne Aussage und Ansage. ("Versöhnt dich das nicht? Zeige dich doch! Ich verspreche dir, dass ich den Direkten den Rücken gekehrt habe.") Dieses unsagbare Glück, wenn plötzlich, alles, alles, alles unsinnig sinnlich wird...Der Schein eines unscheinbaren Augenblicks. ("Nicht wahr"?)

"Ich werde plötzlich da sein." 

Wieder. 

Man kann sich nicht trauen. Niemand. 

"Du, ich bin nicht traumatisiert. Mir geht´s gut."

Doch plötzlich....

Ich werde dir das nicht durchgehen lassen. Wir werden uns in die Augen sehen. Selbstverständlich. Aber nicht direkt!

Dienstag, 4. Oktober 2016

WORT-SCHATZ (20): DUMMHEIT

mir wird von alledem so dumm
als ginge mir ein Mühlrad im kopf herum

Göthe 


BenHuRum aka Thomas Hartmann

Wieviel Dummheit ist unentbehrlich?

Wir müssten mal über Dummheit reden.
Allerdings, scheint es, kann man über Dummheit nur im Konjunktiv reden.
Zu dumm.

"Die ausgeübte Dummheit ist in sich inkonsequent.", sagte BenHuRum schon vor 20 Jahren. Was nicht bewiesen werden braucht. Denn auch der Dumme mag kein Plumpsklo und lieber Zentralheizung. 
Wird man dumm geboren, heutzutage (hehe, 50 Cent ins Töpfchen für den guten Zweck, für jedes "heutzutage"), oder muss man sich arg anstrengen, es zu bleiben? 

Als den Dummen nur die halbe Welt gehörte, gab es noch Hoffnung.
Die Dummen stellen jene diskriminierte und diskriminierende Mehrheit, in der sich jede/r am längsten darüber bescheißen kann, ob sie/er dazu gehört. 
Die Dummen sind nämlich immer die Anderen.
"Das sehe ich genauso." 
Und: Schon Robert Musil wusste, dass es das Dummheitsparadox ist: Man kann nicht über Dummheit sprechen, ohne es zu werden - dumm.

Gegenwärtig wird aus diesem Paradox ein politisches Desaster. Das Dumme wabert. Selbstbewusst-bewusstlos nebelt es alles ein. Vielen scheint viel Dummheit attraktiv. Wer perdu und mit Fleiß dumm bleiben will, leistet sich einen Haufen (Scheiß- Assoziationen!) Meinungen. Und ist mit ihnen verdammt glücklich. Außer wenn´s stinkt. Und es stinkt meistens. Weswegen Dumme nicht nur dumm, sondern oft auch sehr wütend sind. "Die Dummheit ist ein Sachverhalt, welcher noch im Normbereich geistiger Fähigkeiten liegt." Und also keineswegs pathologisch. 
Das, wiederum, ist ein Fakt, der auch die weniger Dummen, zornig machen kann.

Folglich: Ist Dummheit selbstverschuldet? 
Der Dumme trägt seine Dummheit mal als Monstranz und mal als Wunde vor (sich her). "Dumm fickt gut." 
Denken hemmt. Verdummte aller Länder!  (vereinigen sich)

Der Vorwurf der Dummheit ist milder, heißt es, als der der Albernheit. Stimmt das? Wer albern ist, hat Spaß. An der Dummheit kann einer das Lachen vergehen. 

Die Optimisten glauben: Sie sind nicht so dumm, wie sie aussehen.

Wir müssten über Dummheit reden, um die Welt zu retten.

Wovon man nicht reden kann, darüber soll man schweigen. 
Dumm. 
Drum.

Samstag, 25. Juli 2015

ANKUNFT (6) / Wortschatz (19): (Sich) ANHEIMELN

dasz sie ietz und nicht anheimbs sei.


Um alle Heimligkeit wirkt etwas Unheimliches: Was uns anheimelt, umgibt uns mit jener sauer-süßen Aura, die den Duft des Todes schon ausstrahlt. Ich rieche es, wenn ich die Nase in meine vertrauten, ausgeknutschten und eingeschlafenen Kissen presse. Wo ich mich heimelig gemacht habe, ahne ich den Erstickungstod herbei. Inkonsequenz prägt mich auch hier: Ich schaffe emsig jene  Trautheit, in der ich anzukommen wünsche, aber doch nicht sterben will. So sesshaft bin ich und stetig, dass ich mich immer auf Trab halten muss. Ich habe als Anspruch an mich verinnerlicht, treu zu sein und verlässlich und möchte doch immerzu aus- und aufbrechen, lange bevor es mir heimisch genug wird.

Noch immer suche ich im neuen Heim des Nachts die Lichtschalter, die keine Routine blind schon findet. Hierhin begleitet haben mich Bilder, innere und äußere, die Wände zieren oder verunstalten oder gar nicht sichtbar werden, mich nur abbilden. Die Druck-„Hose“, gegen die das Audi rebelliert, ein Werk BenHuRums (aka Thomas Hartmanns)

Thomas Hartmann: Hose

aus den frühen 0er Jahren, hängt nun ebenso in der Küche, wie Tuborgs „Durstiger Mann“, der mich schon durch 4 Wohnungen und 25 Jahre lang begleitet.

Im Spiegel (14)

Über der goldgelben Chaiselongue hängt im Wohnzimmer neuerdings Charlotte Malcolm-Smith´ "Waiting Room", eine Mischung aus Skulptur-Gemälde-Installation:


Charlotte Malcolm-Smith: Waiting Room

Mein Hogarth-Ticket "Peeping at Nature" ist ergänzt worden um einen Original-Stich der "Strolling actresses dressing at a barn", die beide über dem kleinen Nähtischchen angebracht sind, das mein Großvater in den frühen 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts meiner nie gekannten leiblichen Großmutter als Verlobungsgeschenk angefertigt hat. Über dem Esstisch ist eine Fotogalerie, die – nur für Insider, also 2 – das "Paarleben" dokumentiert: Bahndamm/Gießen mit Pommes rotweiß (frühe 80er), der Turner-Blick auf Petworth Park (späte 80er), Bellini-Brunnen in Rom (2011, unser letzter gemeinsamer Urlaub mit den Kindern).

Neu-Anfang nach 17 Jahre. Ein Zimmer für mich allein. 



Es dünkt sich traulich. Es heimelt. Und stinkt zum Himmel. Wie immer zu Hause. Bin ich anheimgefallen der Sehnsucht danach, mich anheimisch zu machen. Was nie gelingen kann. Und dennoch werde ich´s anheimschen. Weil das Leben (nicht) dialektisch ist, (sondern) endlich.

Montag, 17. November 2014

Wortschatz: WISZBEGIERIG


Die Gier ist eine Sünde und unter den Gierigen sind die Wissbegierigen nicht die harmlosesten. Sie wollen wissen: Wieso, weshalb, warum? - Diese Fragen sind doch eher dumm. Wie? Wo? Was? Wozu? - könnten sie auch lauten, dann hätten sie Sinn, statt welchen zu machen. Oder? (Schweiz´risch zu sprechen mit lang gerolltem ´r´).

Die Anstalt des Lehrens und Lernens, eine Zwangsveranstaltung und über die Jahre ein Hort und Ort literarischer und tatsächlicher Demütigungen unwilliger und missbrauchter Zöglinge, namentlich in der humanistischen gymnasialen Form: schnarrender Offizierton, Gewaltformation, liederliche Bubenstreiche. Repression, Ressentiment und Regression. Gut dressiert oder wohlerzogen?

Gegen all das Wissen der Besserwisser und Kulturkenner besteht: Ich ging gerne hin, nicht nur um Freundinnen und Freunde zu treffen. Weil ich was wissen wollte. Wovon ich noch nichts wusste, nicht einmal wusste, oft, dass es sowas überhaupt zu wissen gab. Mich trieb weniger die Gier (oder: der Wille zum Wissen) als das Begehren. Nicht, "was die Welt im Innersten zusammen hält", fragte ich mich, sondern bloß: "Was es so alles gibt..." Und: "Wie das so geht? Wie die anderen was so ganz anders machen? Wie was ausschaut?" Das bloße Mehr. Meer. Weite. Horizont. 

Frau Otto, Latein, erzählte stundenlang spannend von Hannibals Zug über die Alpen. Elefanten verreckten im Schnee. Der Zimbo legte seine leere Aktentasche auf den Tisch, schnäuzte sich die Nase und sprach 90 Minuten druckreif über Platon. Manche schliefen ein. Ich lauschte gebannt. Catweazle schickte uns mit Mikrophonen zur Exorzistenjagd in die Fußgängerzone. Sein Bruder Manni bewarf uns mit Schlüsseln. Wir warfen im freien Fall Tennisbälle vom Schuldach und hobelten in der Werkstatt Bretter. Das Sprachlabor bewährte sich nicht.

Lauter Chancen, fand ich. Viele vertan. (Das will ich nicht wissen.) Wiszbegierig. Ich ging gerne hin. Meistens. War es mehr Vergnügen als Pflicht? Im Morgengrauen paukte ich die Vokabeln. Eine Welt, die größer, weiter und bunter wurde als das Dorf, als die Erzählungen der Männer im Zigarrenwinkel und der Frauen in der Waschküche. Die lernte ich in der Schule kennen. Später fand ich, dass Hanno Buddenbrook eine Heulsuse sei. Aber wahrscheinlich hatte das Sonntagskind, das ich blieb, einfach verdammt viel Glück. 

Montag, 11. März 2013

WORT-SCHATZ (16): Leistung


so wollen wir hiemit die leistung in künftigen
schuld- und gültverschreibungen einzuverleiben gänzlich verbotten haben.
policey-ordn. zu Frankfurt 1577


Leistung ist kein Wort, das Dichter in ihren Texten verwenden. Selbst die Prosaiker meiden es, als reiße das Wort den Text, der schöne Literatur sein will, hinab in eine hässliche aliterarische Vorhölle, wo die Marterwerkzeuge ausgebreitet sind, um ihn zu banalisieren, zu bagatellisieren und einzureihen in die Gliederkette der allumfassenden Verwertungszusammenhänge, denen zu entrinnen doch das künstlerische Schaffen an Semantik und Syntax gelten soll.

Anders ist es, wenn der gewöhnliche Dichter oder die gemeine Romanautorin von ihrer Arbeit spricht oder sprechen lässt (durch gewöhnliche und gemeine Kritiker_innen). Da ist viel von jener unablässigen und ernsthaften Arbeit im Weinberg des Wortes die Rede, der sie sich mit Haut und Haaren verschrieben haben. Es wird auch nie versäumt, die Zeit zu betonen, die investiert wurde, um sich das Werk abzuringen. Der Schriftsteller, die Schriftstellerin, das sollten die Leser_innen niemals vergessen, kennt keinen Feierabend. Vor so viel Leistungswillen muss eine schließlich doch den Hut ziehen! (Den sie nicht trägt.) Oder?

Es ist etwas Unheimliches um die Leistung und den „Leistungsgedanken“, denn wo immer er auftaucht, räkelt sich im Konnotationsversteck wohlig die Schuld. Wer wem weswegen etwas schuldet. Wer was leistet, hat was verdient. Mindestens Aufmerksamkeit. Wer nix leistet, soll auch nix kriegen. Sagen die Gläubiger. (Wer? Wir!). Leistung muss doch zählen. Nur wer sich anstrengt, kriegt den Lohn. Dann aber auf jeden Fall. Sonst stimmt was nicht mit dem System.

Man spricht im fiktionalen Text nicht von Leistung, weil sich die Kunst  - seit sie autonom ist -, dem Ethos der Arbeit mit Fleiß zu entziehen sucht. Aber – und darin liegt das Paradox – von diesem Fleiß muss außerhalb des Textes, im „Betrieb“ und im akademischen Diskurs, dennoch hinreichend die Rede sein, sonst kann kaum, was da entstanden ist, als ernsthaftes Werk gewürdigt werden. Der Gegensatz von Arbeit und Kunst – er ist im Werk zu betonen und außerhalb desselben einzuebnen. Denn es muss einfach stimmen (wo kämen wir sonst hin): Wer nicht hart gearbeitet hat, kann nichts geschaffen haben. Die Welt der Fiktionen selbst dagegen kennt keine Leistungsträger (es sei denn, sie werden durch Ironie und Sarkasmus böse abgestraft) und auch wer liest, leistet grade nix. (Traditionell – d.h. seit etwa 1800 -  ist das, die leistungsbefreite Zone, das Private,  die Welt der Frauen. Und sie sind auch – ganz überwiegend immer noch - die Leserinnen.) Lesen ist Vergeudung, Entzug der Produktivität, pure Rezeption. Aufnehmen statt herstellen. Schuldig! (Meine Großmutter war sicher, dass Gott den lesenden Müßiggang bestraft, wenn die Zeit gekommen ist: mit dem Entzug des Augenlichts. Es ist mehr als eine Ironie dieser Geschichte, dass sie das ihre verlor, als sie alt wurde. Denn, leider, leider, in der Kunst und anderswo: Leistung bringt am Ende eben doch nicht den sichern Lohn!)

Keine kann sich dem Leistungsdruck ganz entziehen. Facebook´s Sheryl Sandberg fordert die Frauen auf, die Führungsetagen zu erobern. Leistet was! Basha Mika hat auch schon mal in die Kerbe gehauen. Das ist der Druck, den Männer schon länger verspüren. „Arbeiten und nicht verzweifeln!“, hatte Thomas Carlyle, einer der ersten brutalen Propagandisten des kapitalistischen Arbeitsethos geschrieben. Das war ehrlicher. Schaffe, schaffe; Arsch zusammen kneifen! Die meisten Männer rücken trotzdem nicht in Führungsetagen auf. Egal, wie viel einer leistet: Es bleibt eine Reise nach Jerusalem. Den meisten wird der Stuhl unter dem Hintern weggezogen, lange bevor das Spiel um ist. Müssen Frauen das nachspielen? Wenn eine will, dann soll sie. Und ihre Gewinnchancen sollten wenigstens nicht schlechter sein, als die von männlichen Teilnehmern. Die meisten, trotz Carlyle et.al., spielen eh nicht so richtig mit vollem Einsatz, ob Männlein oder Weiblein. Die haben ihre Modelleisenbahnen, Fußballvereine, Chöre, Lesezirkel, Tanzvergnügen, Kaffeekränzchen, pflegen ihre Kinder und Eltern, kochen und waschen, pflanzen Bäumchen, keltern Apfelschnaps und verbringen viel Zeit vergnügt damit, Sachen zu machen, die sich nicht auszahlen, weder in Münze noch in sozialem Kapital.

So gesehen. Die ganzen Schuldverschreibungen haben doch nicht recht verfangen. Es gibt einen hartnäckigen Widerstand gegen das Leistungsprinzip. Er wird nur nicht gern gesehen. Von keiner Seite. Die einen wollen, dass die Hobby-Tänzer und Feierabend-Sängerinnen, die Autoschrauberinnen und Altherrenfussballer bis 70 für Geld arbeiten und möglichst nicht unter 60 Stunden die Woche. Die anderen verachten die uneigentliche „Freizeit“ und ihre Vergnügungen sowieso, weil sie dem Wahren, Guten, Schönen die Aufmerksamkeit angeblich abziehen. Während sich in den fiktiven Welten beinahe alles immer um das dreht, was sich dem ökonomisch verwertbaren Leistungswillen entzieht (Liebe, Sex, Tod, Selbstreflexion) wird behauptet, dass im sogenannten richtigen Leben das Leistungsprinzip alles und alle dominiert. Das ist Propaganda. Denn es ist so: Ob was gelingt, ist Glück (also Zufall und Einstellung). Nur: Wer sich nicht reckt und stellt, den kann das Glück nicht finden. Das Lied vom Lohn der Leistung dagegen wird deshalb so laut angestimmt, weil es falsch ist (und nicht nur klingt).

Von daher: Wahr sind fiktionale Texte, in denen viel geleistet und nix erreicht wird. Oder: In denen sich nur vergnügt wird und doch alles gut ausgeht. 

(„Sind das auch so Sätze aus der ´hohen´ Rollenprosa, die gut klingen und vollkommener Quatsch sind?“)


Schlussfolgerung
Allzu leistungsorientierte Streber_innen langweilen schnell. In jedem Metier.
Und: Leistung ist kein Abo auf Glück. Nicht einmal ein Los. 

(Meinen Söhnen gewidmet)

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Montag, 12. November 2012

WORT-SCHATZ (15): Verstellung




dasz sie gelenkig ist, verstellung leiden kann, 
nicht starr an hals und stirn 



Martin Opitz


Sie braucht dringend eine Verstellung. Wo ist die kleine Schraube, deren Drehung alles ein wenig und genau in die richtige Perspektive verschiebt? Den linken Fuß belasten, fest auf der ganzen Fußfläche stehen, rechts anheben, das Knie anwinkeln. Mit beiden Händen unter den Oberschenkel fassen. Druck und Gegendruck. Das stärkt die Schultermuskulatur. Starke Schultern sollten mehr tragen. Mein Nacken schmerzt, aber es hat mich niemand geschlagen. Dennoch erscheint plötzlich alles verschoben. Sie verändert willkürlich die Sitzungsordnung. Schiebt den eigenen Schreibsessel ins Zentrum. Sie saß noch nie alleine am gedeckten Tisch. Selbstsicher schaut sie in die Runde. So geht es trotzdem nicht. Der Stuhl muss weg, ein Sofa her. Die Froschperspektive. Unangenehm. Darauf kommt es ihr an.


Verstellung, liest sie, sei aus dem Schwedischen übernommen. Von dort kommen also nicht nur ekelerregenden Mordmethoden! In den heiligen Gemächern der Poesie dreht sich alles um die Verstellung. Symbolische Gestaltung ver- und enthüllt verstellend gewählteste Wahrheiten. Das kann sehr unleidlich wirken. Unschickliches gar gilt zuletzt als Entstellung (An dieser Stelle erhebt aber die Ästhetik des Hässlichen ihren berechtigten Einspruch.) 


Bevor allerdings die Wahrheitsapostel, Wissenwoller und Idealisten die Herrschaft über das deutsche Denken und die deutsche Sprache übernahmen, war Verstellung schlicht eine gefragte und beliebte Verkleidungstechnik. Wer sich nachlässig kostümierte und zurechtmachte, den traf die Verachtung des Publikums. Da hat sich nach dem Tod der Gottschedin einiges verändert. Nicht zum Besten, auch nicht für das heterosexuelle Paarwesen.(Notiz im Hinterkopf: Für die Rubrik Un-Perfekte Paare- Gottsched und die Gottschedin.) Seither können Männer keinen Lidstrich mehr ziehen und sind stolz drauf, dass sie sich ungeschminkt in Gesellschaft wagen. Kaum einer schafft es noch stundenlang zu sprechen, ohne etwas zu sagen. (Heutzutage heißt das Small talk und was sich ein Intellektueller nennt, klopft sich auf die Schultern, die ungestärkten, und bestätigt sich wohlwollend die eigene Ungeschicklichkeit darin.) Man will nicht unterhalten ("Kulturindustrie"), ist aber dennoch gekränkt, wenn man als wenig unterhaltsam gilt. 

Es ist und war allerdings, so wusste Herder hellsichtig, keine Verstellung, dass "in vielen Gegenden die mannbaren Töchter zur beschwerlichen Ehe gezwungen werden müssen". Nein, das ist ein armseliger Mythos, der aber seit Jahr und Tag weitererzählt wird in mancher Männerrunde aus durchschaubarem Bedürfnis und mangelnder Verstellungskunst: Dass die Frauen sich bloß verstellen, wenn sie sich dem Zugriff entziehen. Stattdessen wäre männlicherseits zu lernen: Wie der Enttäuschung verstellend ein freundliches  Gesicht zu verleihen ist. (Ein wenig Rouge auf den Wangen kann Wunder wirken. Ich halte auch viel von Eyeconcealer.) Die Verstellung ist die Kunst, das Unangenehme ins Erträgliche zu verwandeln. Wer allerdings die Verstellung als Täuschung einsetzt oder die Maske zur metaphorischen Wahrheit verklären will, dem gehört sie vom Gesicht gerissen, damit sich die nackte Larve in aller Erbärmlichkeit zeigt. (Notiz: Die Geste der Entblößung). 

Nackt sei nackt. (Bloß nicht, das ist nur in Ausnahmefällen vertretbar.)

Was halten Sie von einem Menschen, der seine Rede mit den Worten "Ehrlich gesagt..." beginnt...?

Schlussfolgerung
Besser ein dezentes Make up als eine prunkvolle Maske. Bloß kein Botox, bloß nichts unter der Haut verstellen. 

(meinen Söhnen gewidmet)


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Sonntag, 21. Oktober 2012

WORT-SCHATZ (14): Wahn





sô übele nieman ist getân,ern habe doch zer schœne wân.
Freidank

Nicht erst seitdem jener heutzutage hoch verehrte Alt-Bundeskanzler, von dem seinerzeit die Honoratioren am Stammtisch sagten, er sei ein guter Mann, nur in der falschen Partei (womit sie einer Wahnvorstellung erlagen) zum Besten und zum Gehör der Nation gegeben hatte, wer Visionen habe, gehöre in die Anstalt, hat der Wahn einen schlechten Ruf. Man wähnt sich klüger und sicherer, solange man ihn nicht hat und ihm vor allem nicht erliegt. Der Wahn trübt den Blick und färbt die Wahrnehmungen falsch ein; der Wahn, so wird gewähnt, verstellt die Sicht auf die Wirklichkeit, deren Existenz er bezweifelt. Es gilt, sich von allem Wahn zu befreien, zugunsten einer heillosen Vernunft, die niemals träumend schläft.

Dabei war der Wahn ursprünglich, altenglisch und weiblich eine heitere, freudige Erwartung, eine Aussicht in himmelblaue Hoffnungen und liebendes Begehren, göttliche Fügung und geglückte Bestimmung. Doch das konnte in deutschen Landen, wo die Sehnsucht alsbald trüb und vernebelt daher kommen sollte, um gar ernsthaft die Herzen und Hirne mit seichter Traurigkeit zu erfüllen, wo wahnhaft nur noch sein mochte, wer lichtscheu verblasste und des Nachts den Mond anheulte, so nicht bleiben. Der Wahn wurde männlich, lustlos und krank. Sich im Liebeswahn zu verzehren, barg kein erfülltes Verlangen mehr, sondern führte zu traurigen Gedichten und therapeutischen Behandlungen.

Auch das Gold des Herbstes ist ein Wahn, wie er sich reich auf die geschlossenen Augenlider legt und mir alles mit Schönmut erfüllt. Hinter der Stirn bildet sich die Erwartung auf Schmorgerichte mit Knödeln, brodelnde Teekannen und den Biss in zitronige Küchlein. Es knistert ein wahnhaftes Feuer, das niemals zündelt. Wie groß und heilend ist der Wahn, wenn er lieb ist und liebend. Arg kann er aber auch lasten auf dem Gemüt, wenn er immer nur das Schlimme wähnt, das kommen mag, aber vielleicht gar nicht kommt. Der Wahn kann ein Troll sein, der auf der Seele trampelt. Dann wird er zu einem ekligen Schwefelnebel, der die ganze Welt grau und gemein erscheinen lässt. Wo die erwähnte Hoffnung sich in die wahnhafte Fixierung auf das Befürchtete verkehrt, ist der Wahn nur noch eine Krankheit. Wem aber der Wahn ausgetrieben wird, der verliert seine Einbildungskraft. Befreit vom Wahn und entlassen in die Wirklichkeit fehlt ihm der Sinn, den er fortan den andern vorwirft als Wahn.

Schlussfolgerung:
Bewahre Deinen Wahn-Sinn!


(Meinen Söhnen gewidmet)

Freitag, 27. April 2012

WORT-SCHATZ (13): Keck



du bist keck wie ein altes weib.

Georg Rodolph Weckerhin

Auch Anlaute haben Schicksale, entfremden sich ihrem Ursprung und werden merkwürdig alt, wenn ihre Verwandtschaft längst ausgestorben ist. Es keckert im „keck“ so kiebig gegen den harten Gaumen, kkkk---kkkk---kkk, das muss ein schrecklich Wort sein für Stotterer; das bleibt auch mir erst stecken bis es sich vordrängt unter der Zunge. Keck bringt dem Derben das Spiel und den Tanz bei, den keck ist nicht fein.Tiefer aus der Kehle klingt´s kecker und quicker, doch ist das heutzutage selten geworden. Keck ist, ganz keck gekichert, auf meiner Liste der Allzeit-Lieblingsworte vorn.

„Ein keckes Luder“ und ein „keckes Hütchen“ sind frech und frei, aber nicht gefährlich. Es detoniert keine Bombe, sondern ein Höllenfözchen, wenn eine keck daher kommt. Wer keck ist, lebt und ist noch nicht gestorben; keck gibt keine Ruh und lang noch nicht auf. Keck nimmt nichts ganz ernst, aber pikst wie ein Holzsplitter unter der Haut. Keck wuchert und sprießt, keck ist nicht gehegt und gepflegt, keck hasst die Sparsamkeit.

Keck sind meine drallen Glieder, der fleischige Schwung über meinen Hüften und die Narbe an meinem Nabel.  Keck ist kein fades Gericht und keine trübe Brühe; keck gewürzt ist halb gewonnen. Keck traut sich was und hält auf sich, keck spannt die Wadenmuskeln und spitzt die Zehen.

Schlussfolgerung
Lass dir das kecke Wohlbehagen nicht verdrießen!

(meinen Söhnen gewidmet)

Freitag, 23. März 2012

WORT-SCHATZ (12): Häkelei



da kommt der wind, und häkelt es vom haid,
es steigt, es flattert, und es ist verschwommen.

Annette von Droste Hülshoff

Wie so vieles verschwindet auch das Häkeldeckchen. Der Schnettwittchen-Kontrast von dunkel gemasertem Holz, auf dem zierliche weiße Spitzendeckchen aufliegen, ist aus der Mode geraten. Wo orientalisches Ornament (industriell gefertigt) sich als Zitat sogar bei Ikea halten kann, ist diese mitteleuropäische Handarbeit, die jede noch so unwahrscheinliche Gefahr des  horror vacui aus der Innenraumgestaltung verbannt, wohl endgültig passé. Kein kleines Mädchen wird heutzutage mehr gezwungen, die Häkelnadel in die Hand zu nehmen, um das traute Heim zu verzieren.

Das Mädchen, das ich war, heulte dagegen nicht selten über einer Häkelei, wenn ihm die ungelenke Handarbeit in der Schultasche verschmutzt war und als Schande vorgewiesen werden musste vor der ganzen Klasse. Einzig dass meine Mutter keinen  Wert darauf legte, eine Tochter zu haben, die fein häkeln konnte, rettete mich. Denn ich war zwar rebellisch, aber längst kein unabhängiger Geist. Hätte sie sich gewünscht, dass ich auf diesem Gebiet reüssierte, wäre ich mir ungenügend vorgekommen. Es entstand ein Paar überaus hässlicher braungelber Topflappen, die sie nach wenigen Wochen in einer Schublade verschwinden ließ. Wenn es ganz bitter wurde, überredete sie Tante Mariechen, mir „zur Hand zu gehen“. In Wahrheit machte die mir dann das Werkstück fertig, das ich im Schulranzen transportierte und das nie so unzerdrückt, fein und rein ankam, um es der Lehrerin vorzulegen, wie sie es mir übergeben hatte.

Ich sehe die kleinen Deckchen dennoch gern und bewahre eines sorgfältig auf, das ich von der Oma geerbt habe. Es ist das Filigrane und Löchrige, das mich anzieht, das Spitzenschlüpfrige und Durchlässige, der unnötigste Schleier, der nichts verdeckt. So sehr die Häkeleien eine biedermeierliche Innenwelt heraufbeschwören, aus der man sich nicht nach draußen traut, so sehr erinnern sie an ein Lebensgefühl, dem noch kein Zwang zur Effizienz bis ins Privateste eingeschrieben war. So kann ich mit Annette von Droste-Hülshoff sagen: „Ein Zauber häkelt mich wieder, arbeite mich ab und bin matt genug.“ Die Häkelei webt eine nur scheinbar lose Verbindung, die alles einlullen kann und die Welt heimelig verschrumpelt.

Doch traurig wird mir ums Herz, denke ich daran, dass mit der Handarbeit auch das Wort verloren gehen wird. Keiner wird sich mehr lose weibliche Seelen anhäkeln, nichts Gehäkeltes wird sich verhaken und kein Unterarmmuskel sich spannen um sich beim andern sachte einzuhäkeln. Niemandem wird nach den Augen gehäkelt werden mit todbringenden Häkelnadeln und keine einzige mehr gehäkelt für schlechtes Betragen. Es wird nur noch geschimpft und gemäkelt, nur noch gestochen und gepikst, angebunden und zugebunden, gewebt und vernäht werden.

Eine Verrohung der Sitten wird zu beklagen sein, die auch nicht wirkungslos am literarischen Leben vorüber gehen wird; das heißt: wahrscheinlich ihre verheerende Wirkung längst unerkannt und unwiderstehlich entfaltet. Denn schon Jean Paul wusste: „Wie in einem Roman, so häkeln sich im Leben tausend leise zusammengerückte Geringfügigkeiten endlich fest in einander.“  Das konnte er nur sagen und schreiben, solange jede seiner Leserinnen mit einem Häkelhaken wohl umzugehen wusste.

Jetzt wird nicht mehr locker aneinander gehäkelt, sondern eine sorgfältig austarierte Konstruktion entwickelt, strukturiert und analysiert, keine Wendung zu viel und kein Zacken zu wenig, keine Spitzchen und Stößchen. Man ist modern und sogar postmodern und gar nicht gemütlich. Ich bin dafür. Und vermisse doch ein wenig das duftig-zarte Elfenkleid der überflüssigen Häkelei.

Schlussfolgerung:
Häkel dich fest, aber bleib locker.


Stereotype, wie wir sie lieben


 (meinen Söhnen gewidmet)

Mittwoch, 21. Dezember 2011

WORTSCHATZ (11): Biedermann

man saget recht, mein guter freund,frembdes geld ist biedermans feind.
(Rollenhagen: Vom Reichen Mann)







Disproportionalität, Krüppelwalmdach, aufgeklebte Fenstersprossen, verdickte Gläser, Pseudoklinker, gestutzter Gefängniszaun – Unverhältnismässigkeit, Duckmäusertum, Verstellung, Angstkultur, Anpasserei – für eine halbe Million Euro kann ein Architekt Gesinnung und Haltung seines Bauherrn ausdrücken. Das ist im vorliegenden Fall auf geradezu beispielhafte Weise geschehen. 

Fakt ist, wenn man sich in der bundesdeutschen Provinz umschaut, dass dieses Haus nicht nur das abstoßende Selbstverständnis einer Schein-Elite repräsentiert, sondern auch den Wunschtraum der Volker, die sich seine Verwirklichung nur ansatzweise oder gar nicht leisten können. Die böse Allianz derer da oben mit denen da unten wird am Bau überdeutlich sichtbar.

Biedermann und Biederfrau wollen herrschaftlich vor Flachbildschirmen sitzen und kleinlich denken. Man nimmt, was man kriegen kann, und bedient sich redlich, wenn man kann. Nur die scheinheilige Empörung des Titten-BILD-Blattes ist an Widerlichkeit nicht zu überbieten. Dass der Sinn für Bedürfnisse und Bedarf, von denen her das Wort „bieder“ ursprünglich kommt, den Bedürftigen und den Besitzenden verlorengegangen ist, daran hat die Redaktion dieses Schandblattes einen unerheblichen, aber nachweisbaren Anteil.

Wulff soll Präsident bleiben. Das Volk hat ihn verdient. Man soll nehmen, wen man kriegen kann. 

Schlussfolgerung:
Bleib nicht bieder und "natürlich", sei anspruchsvoll und kunst-reich.


(meinen Söhnen gewidmet)