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Freitag, 20. September 2019

DER NIEDERGANG DES FRAUENHELDEN (Drei Sabinen)

Zur Erinnerung (denn - offensichtlich - mache ich weiter mit diesem "Roman" - den "Drei Sabinen")

Drei Sabinen
Der mythologische Hintergrund: Der Raub der Sabinerinnen, die sich – angeblich – von ihren Räubern und Vergewaltigern zu Liebe und Ehe „überreden“ ließen? Vom Leben in Welten, in denen Männer Frauen haben und brauchen, besitzen und begehren, beherrschen und behüten. Und wie Frauen dort leben, in diesen Welten, sich wehren, betrügen und intrigieren, lieben und verraten, sich befreunden und beraten. Und wie solche Welten ins Wanken geraten, beizeiten, beiläufig, verheerend. 

Die Zeitebenen: Die 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die Gegenwart (um 2016 folgende). Noch weiter zurück: Line Leuchte/Nachkrieg (doch das ist eine andere Geschichte!).

Der Ort: Haselberg in der hessischen Provinz

Das bisherige Personal:
Die KlassenkameradInnen:
- die Bohnenstangen-Sabine, später Sabia Hart, erst verklemmt und verschlossen, später mondän und weltläufig 
- die Rapunzel-Sabine, zunächst verschollen, irgendwo in der Metropole
- die kleine Sabine, ansäßig, verheiratet mit dem Norbert, ebenfalls schon immer ansäßig Reisebüro-Mitinhaberin
- der Claus, früher mollig und gescheit, heute schlank und durchtrieben, Provinz-Politiker
- die Kerstin, nüchtern und gediegen, verheiratet mit dem Richter
- der schöne Klaus, Kerstins bester Freund
und
„Wir“  (die Klatsch- und Tratsch-Gesellschaft)

- der Pianist, Sabia Harts Teilzeitgeliebter, ein Mann, „der die Frauen liebt“
- ein Starlet, die Mutter des Claus
- Markus, der schwule Friseur, den die Sabia liebte

Was bisher geschah:
- die Rapunzel-Sabine, die mysteriös verschwunden war (womit irgendwie der Claus etwas zu tun hatte) taucht auf Facebook wieder auf; den Claus beunruhigt das:
- die Sabia, die früher eine hässliche Bohnenstange war, erscheint als Geliebte des berühmten und berüchtigten Pianisten mal wieder in der alten Heimat; der Pianist macht sich an die spröde Kerstin heran und weckt die Eifersucht der Sabia:
"Du Teufel" (Hart kämpft 2)
"Only date Gentleman" (Hart kämpft 3)
- die kleine Sabine ist SocialMedia-affin und macht, was der Norbert von ihr will, während der Norbert macht, was der Claus will, obwohl er nicht kapiert, worum es geht
- der Claus spinnt Intrigen analog und digtial, aber man weiß nicht, wovor er Angst hat, außerdem erfährt man, was er früher über seine Mutter, das Starlet, erzählt hat, die vielleicht in der Hauptstadt ein Porno-Star geworden ist

(- alle Sabinen, so weiß man, waren mal in den schönen Klaus verliebt, aber das ist lange her)




***

Wir waren von völlig falschen Voraussetzungen ausgegangen. Dem Augenschein vertrauend hatten wir angenommen, es sei die herbe Kerstin, die in diesem bösen Spiel, das der Pianist angezettelt hatte, das Opfer werden würde. Doch das kam ja ganz anders. Am Ende war es nicht einmal die Sabia, die am meisten zu leiden hatte, sondern er, der Schwerenöter, der Mann, der die Frauen liebte, der elegante und eloquente Schmierenkomödiant, als der er uns erschien, während andere ihn, wie wir wohl wussten, verehrten gerade für jene Imitation eines schon vor einem Jahrhundert ausgestorbenen Gentleman-Typs, die er ablieferte, in seinen Safari- oder Nadelstreifenanzügen, mit gestärkten Hemdenkragen und kunstvoll geschlungenen Krawatten, seinen seidenen Einstecktüchern und seinem Borsalino mit dem flotten Bändchen. Nur wenn man auf die Schuhe hinabsah, offenbarte sich das Verkommene dieser verjährten Lässigkeit. Er trug Budapester, selbstverständlich, doch selbst die besten Schuhe kommen in ein Alter, in dem sie nur noch abgelaufen aussehen. Wir wunderten uns, denn es hieß, er sei gut im Geschäft, Auftritte auf den bedeutendsten Bühnen und in den arriviertesten Konzertsälen waren auf seiner Homepage verzeichnet. Allerdings eben auch zwischendrin immer wieder jene Gastspiele in der Provinz, deren eines ihn in unsere Gegend, in die Heimat der Sabia, ehemals Bohnenstangen-Sabine, verschlagen hatte. Der Lebensstil des Pianisten, wahrscheinlich, so nahmen wir an, war dafür verantwortlich, dass es manchmal knapp wurde bei ihm; man munkelte, er habe keinen festen Wohnsitz, er belege ganzjährig eine Suite im 5-Sterne-Hotel in der Hauptstadt, nun ja, das kostete natürlich.

Der Pianist hatte sich zweifellos auch einen anderen Ausgang seines Spieles erwartet, vielleicht sogar keinen Ausgang, sondern ein fortwährendes Drama, in dem sich der 3. Akt immerzu wiederholte, die Heldinnen einander, begleitet von schauerlichem Tremolo, an die Gurgel gehen, im unerbittlichen Kampf um den Mann. Das war sein Traum gewesen, so nahmen wir an. Allerdings imaginierte er sich eben nicht als ein Stück männlichen Fleisches, das sie zwischen sich zerrissen in ihrer penthesileischen Gier, sondern vielmehr als einen auf einem Throne sitzenden Richter, dem sie sich zu Füßen warfen und um dessen wechselnde Gunst sie flehten, während er sich einmal von oben herab der einen, dann wieder der anderen zuwendete, lechzend nach den Wunden, die sie einander, wie er hoffte, zufügen würden. Es kam aber nicht so. Sie kämpften nicht, sie brachten ihm keine blutigen Wunden dar, an denen er sich laben konnten, sie kratzten nicht und schrien nicht und intrigierten nicht. 

Die Sabia war bereit. Sie hätte ihm mit Freuden alles geboten, was er sich wünschte und mehr. Sie hatte es bei anderer Gelegenheit bereits bewiesen. Die Sabia hatte gelernt von klein auf, dass sie geliebt wurde, wenn sie sich selbst erniedrigte, oder sie hatte gelernt, zu glauben, dass es Liebe war, die sie sich erniedrigen ließ. Sie war bereit. 

Doch Kerstin? Kerstin war eine Frau, bei der sich der Pianist vergriffen hatte. Auch wir hatten dies nicht geahnt. Auch wir hatten vermutet, sie werde ihm nicht standhalten können. Denn wir wussten oder glaubten es zu wissen, wie sehr es ihr an Erfahrung mangelte, mit Typen wie ihm, überhaupt mit Typen. Den Pianisten hatte sein Instinkt vollständig verlassen, als er Kerstin auswählte. Doch nehmen wir im Rückblick nicht länger an, dass er sie wählte. Er wählte ihren Begleiter, er wählte, dass sie eine begleitete Frau war, begleitet von einem Mann, den er für satisfaktionsfähig hielt, aber besiegbar. Er schätzte den anderen Mann ab, nicht die Frau. Die Blicke des anderen Mannes verliehen Frauen den Zauber, der ihn, den Pianisten, betörte, an dem er sich berauschte. Dass die Frau von einem anderen begehrte wurde, dem er sie streitig machen konnte, zog ihn unwiderstehlich an. 

Aber als er Kerstin an jenem Abend von seinem Bühnenplatz aus in der ersten Reihe die Beine übereinanderschlagen und sich ihrem Begleiter zuwenden sah, täuschte er sich vollkommen. Jene Zärtlichkeit, jene Aufmerksamkeit, die der Begleiter Kerstin entgegenbrachte, war nicht mit dem Begehren verbunden, das der Pianist als einzige Beziehungsbasis zwischen einer Frau und einem Mann kannte. (Außer der Mutterschaft, freilich, doch davon wird noch die Rede sein.)

Der Niedergang des alternden Frauenhelden begann an diesem Abend, an dem gerade er sich so auf der Höhe seines Könnens wähnte. Aber auch wir sahen es ja nicht. Sahen eine ganz andere Katastrophe voraus, Scheidung und Hausverkauf, einen sich verdrückenden Richter, einen erschütterten schönen Klaus. Und Kerstin, verloren und gerichtet, sich die Haare raufend in der Rückschau über ihre Naivität, ihre Treulosigkeit, ihre Verfehlung. Das kam nicht so. Auch der Sabia prophezeiten wir an jenem Abend bittere Tränen. Doch ein anderer sollte weinen, krächzen, seine Stimme verlieren, sein Gehör, seine seidene Geschmeidigkeit. Den Schlussakkord des Trauerspiels, das uns allerdings, zugegeben, eine Tragikomödie war, hörten wir dann nur aus der Ferne noch, nachhallend. 

Drei Jahre und sieben Monate nach diesem Abend wurde der Pianist, der ehemals berühmte, wie es hieß, tot in einer Pension in der Kleinstadt B. aufgefunden. Schon lange habe er, so schrieb man, keine Konzerte mehr gegeben. Vereinsamt und mittellos waren Worte, die vielfach benutzt wurden. Die Todesursache blieb in den Berichten unerwähnt. Wir nannten es unter uns „Auszehrung“, ein veraltetes Wort, das uns bei der Gelegenheit wie auf der Zunge zerging.

Wir setzten alles in Bewegung, um herauszubekommen, wie das zugegangen war. Doch eine Quelle aus erster Hand stand uns nicht zur Verfügung. Kerstin schwieg. Wenige Monate nach jenem Abend nahm der Richter ein Sabbatjahr und Kerstin begleitete ihn auf seinen Reisen, die sie selbstverständlich bei der kleinen Sabine buchten. Es zog sie ans Nordkap und später fuhren sie mit der Sibirischen Eisbahn, sie waren in Jerusalem und am Toten Meer, kletterten auf die chinesische Mauer und tauchten in Australien. Nur hin und wieder wechselten sie die Kofferinhalte in Haselberg. Wir sahen sie nie. Nach diesem Jahr wurde der Richter befördert und sie verkauften das Haus am Kirchberg an einen Zugezogenen. Kerstin ließ sich selten blicken bei uns danach. Nur der schöne Klaus hatte noch regelmäßig Kontakt zu ihr. Doch wir erfuhren nichts von ihm, so sehr wir uns auch bemühten. Die kleine Sabine gab als Letzte auf, ihm schöne Augen zu machen. So blieb uns nur die Sabia. 

Doch deren Darstellung, die wir hier wiedergeben werden, ist mit Vorsicht zu genießen.  

Montag, 24. Dezember 2018

Revisited: "Ich küsse mein Leben in dich. Die Marten-Ehen". Version Dezember 2018 Teil 1

Wir dachten öfter an Heilmann im vergangenen Jahr 2018 n. C. Denn Heilmann blieb sterblich, wie wir, obwohl  er die Jahrhunderte durchreiste. Sein Schmerz beim Verlust seines Sohnes...Wir ahnten das damals nur. Heilmann sollte erzählen, stattdessen hatte er sich ausgeschwiegen. In den Rauhnächten, hoffen wir, werden wir die Melusine singen hören - und Heilmann könnte sich melden, erneut, aus dem Süden, vermutlich... 



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PROLOG

Eine Melusine kann nur bedingt über jene Augenblicke zu verfügen, in denen sich ihr Fischschwanz löst und sie auf Füßen steht, an Zeit und Raum indes ist sie nicht gebunden. Wir brauchten also einen Erzählers, um zu übersetzen: wie sie die Jahrhunderte und Kontinente durchstreifte, die Ozeane der Erde ihr Bassin nannte und jenen immer fand und immer verlor, dessen Antlitz ihr in der Tiefe verkündet worden war. 

An dieser Stelle kommt Heilmann ins Spiel. Noch ist er eine blasse Gestalt im verschatteten Eck des Raumes, fast mit der Wand verschwimmend. Wir ahnen nur, dass er zierlich ist, dass er kein Aufsehen erregt und manchmal sehen wir ihn, den so scheinbar Gelassenen, nervös seine Brille putzen. Heilmann weiß. Seine traurigen Augen sind es, denen Melusine folgte. Durch die blaue Tür. Hinter der Heilmann ihr zeigte, wer sie war. Oder zu sein vorgab. Wo das Wissen war, dass sie fürchtete, mit gutem Grund. Es wird nicht leicht sein zu verstehen, was zwischen Heilmann und Melusine geschieht. 

Ich möchte ihr manchmal zurufen: Sei vorsichtig. Doch sie geht einen Weg, der weiter und tiefer als jeder ist, den ich kenne. Sie schreibt mich, nicht ich sie. Und Heilmann, dachte ich zunächst, ist es, der die Feder führt. Aber so stimmt es nicht. Heilmanns Beitrag ist nicht lenkend. Heilmann lässt....Warten wir ab.


FEIER DER BEDEUTUNGSLOSIGKEIT (Abschied vom Fischschwanz)

Es war Monate her, seit Melusine Heilmann zuletzt gesehen hatte. Sie betrat mit der  Prinzessin am Arm die kleine Buchhandlung durch den Seiteneingang, den Heilmann ihr im Februar gezeigt hatte. Hinter einem offenen Holzverschlag öffnete sich vom Trottoir aus uneinsehbar eine Holztür, deren blauer Lack in breiten Placken absplitterte. Den Schlüssel verbarg Heilmann in einem Säckchen mit Reparaturwerkszeug, das an die Klinke gebunden war. Die Prinzessin gelangte auf diesem Weg direkt in die Küche, die Heilmann sich im Hinterzimmer eingerichtet hatte: zwei Kochplatten und eine Kaffeemaschine auf einem wackligen Campingtisch, in der Mitte des Raumes ein klobiger, verkratzter Eichentisch. Heilmann lehnte im Durchgang zur Buchhandlung, den Kopf lauschend zur Seite geneigt, als warte er tatsächlich darauf, dass die Türglocke den Eintritt eines Kunden ankündigte. Am Holztisch saßen die Avatare: Robert Werner, dessen Blondhaar immer noch füllig aus der Stirn gestrichen war, die graue Edith Achter, die sich mit Fleiß alle Farbigkeit aus Kleidung, Wangen und Haar getilgt hatte und  Krister Bergmann, der leise rhythmisch aus seinen Fettschichten heraus schniefte. Der Tisch war voll gestellt mit Kuchen- und Keksschachteln, Chipstüten, Wein- und Wasserflaschen, zwei Jägermeister-Fläschchen und einer geblümten Kaffeekanne. Heilmann hielt eine Weinflasche direkt in der Hand, Edith einen Kaffeepott im Schoß, Werner und Bergmann hatten Rotwein in Zahnputzbechern, auf denen „3x täglich“ stand, vor sich stehen. Sie saßen bewegungslos da und schwiegen. Keiner schaute auf, als die Prinzessin und Melusine hereinkamen. Falls Heilmann durch eine Bewegung der Weinflasche ein Signal des Erkennens von sich gab, war es so dezent gesetzt, dass es kaum bemerkt wurde. 

Ich suchte seinen Blick. Er schaute an mir vorbei auf Bergmanns Hand am Becher. Warum hatte er Bergmanns Fettschichten zwischen uns getürmt? Ich spürte, wie sich die Prinzessin an meinem Arm verkrampfte. Rasch schob ich ihr einen leeren Stuhl unter den Hintern, bevor sie loslegen konnte. „Setz dich doch.“ Das stoppte sie jedoch nur kurz. „In eine redselige Runde sind wir hier geraten.“, stieß sie, jetzt sitzend, hervor. Bergmanns Fettschichten wogten sanft. Heilmann setzte die Weinflasche an den Hals. Edith nahm einen Schluck aus ihrem Pott. Mir wurde klar, dass ich die Prinzessin hätte warnen müssen. Sie klopfte mit dem Absatz auf den Boden: "Ist da jemand?" Werners Mundwinkel zuckten. Noch immer konnte ich Heilmanns Blick nicht finden. Edith dagegen starrte mich an. Ihre Miene drückte Missbilligung, beinahe Hass aus. In dem Moment gab ich ihr Recht. Wir hatten hier nichts zu suchen. Die Prinzessin aber gab nicht auf: "Könnt ihr nicht reden? Seid ihr stumm?" Werner ließ sich zu einem: "Nein" hinreißen und Bergmann fragte tatsächlich: "Wollen Sie was trinken?". "Ja, gerne", antwortete die Prinzessin, als seien wir beim Kaffeeklatsch. "Eine Tasse Kaffee hätte ich gerne." Heilmann löste sich von der Wand und machte sich an der Kaffeemaschine neben den Kochplatten zu schaffen. Edith knallte ihren Pott hörbar auf den Tisch. "Scheiße", murmelte Heilmann. Er hatte das Kaffeepulver neben den Filter gegossen und eine Riesensauerei veranstaltet. Mit der Hand wischte er ein wenig vom Pulver auf den Boden.  Er sah Edith hilfesuchend an, doch die ignorierte ihn. "Kein Problem", sagte ich, "wir nehmen auch gern ein Glas Wasser." "Ist Kaffee aus?", fragte die Prinzessin, die noch nichts von dem Malheur mitbekommen hatte. "Ja, ja", sagte ich , schüttete ihr ein Glas ein und drückte es ihr in die Hand. "Melusine", rief sie jetzt, "sind wir in ein Kulturkrematorium geraten?" Edith verdrehte angeekelt die Augen. "Azar, bitte", flüsterte ich verzweifelt. "Darf man hier nur flüstern?", fragte die Prinzessin unverschämt in die Runde. "Schreien Sie ruhig ein bisschen rum.", antwortete Werner. Er zumindest amüsierte sich köstlich. Heilmann hatte sich neben mich gestellt und berührte mich am Ellenbogen. Die Prinzessin nahm Werners Antwort zum Anlass einen persischen Liebessang anzustimmen: melancholisch, schwülstig, schwer. Edith sagte laut: "Bei soviel erotischer Verlorenheit muss ich kotzen." Die Prinzessin ließ sich davon nicht irritieren. Heilmann zog mich zwischen die Philosophie-Regale in der Buchhandlung. "Was hast du dir dabei gedacht?", zischte er mir ins Ohr. "Du hast mir sehr geholfen.", antwortete ich. "Ich wollte dir danken, bevor..." "Undine geht..." "Melusine, Heilmann, diesmal ist es eine Melusine." Heilmann nahm die Brille ab. "Sie geht..." "Der Schwanz ist ab, Heilmann. Ich muss jetzt auf den Füßen laufen." "Es wird wehtun an den Sohlen." "Das hätte ich wissen können. Es war ein Irrtum." "Eine Illusion; das ist etwas anderes." "Das stimmt. Das habe ich gelernt. Unter anderem." "Warum hast du sie mitgebracht?" "Die Prinzessin aus dem Morgenland? Weil eine Melusine ohne Fischschwanz eine andere Frau braucht." "Du glaubst, an ihrem Arm könntest du zur Vordertür hinaus." "Und bliebe im Fenster zurück. Ja." Für einen Moment glaubte ich in Heilmanns Augen die Trauer zu sehen, derentwegen ich im Februar durch die blaue Tür gegangen war. "Das Kind..." "Kann dich von der Last nicht befreien, Heilmann. Du legst ihm zuviel auf." Zwischen den Regalen hatte Heilmann eine Pinnwand befestigt, an die er Fotos gesteckt hatte: sein Junge und er vor der blauen Tür. "Unsere Kinder: Sie leben...aber nicht uns fort, Heilmann. Vater sein heißt, überlebt zu werden. Und damit einverstanden sein." Er nickte. "Ich weiß." "Leb wohl", sagte ich und drückte seine Hand. Sie war fest und warm. Edith klapperte inzwischen immer lauter wütend mit dem Geschirr gegen den Gesang der Prinzessin. Bergmann kicherte. "Schaff sie weg.", sagte Heilmann. "Sonst geschieht hier noch ein Unglück." Ich nahm die Prinzessin am Arm, die ohne Unterlass weitersang, stieß Heilmann beiseite, der ein Philosophieregal mit sich riss und schritt im Lärm der polternden Kants, Heideggers, Foucaults, der dröhnenden Beats und des persischen Flehens, die Prinzessin am Arm, durch die Vordertür aus dem Laden. 

Als Melusine und die Prinzessin sich umdrehten, sahen sie hinter dem spiegelnden Schaufensterglas den schimmernden Körper einer Meerjungfrau liegen. Sie wussten genau, dass sie nicht dort gelegen hatte, als die Prinzessin und Melusine vor 40 Minuten aus dem Taxi vor Heilmanns Buchhandlung gestiegen waren.


Edith Achter

Edith war, ähnlich wie Melusine, unvermittelt in Heilmanns Leben getreten. Er hatte aus Gründen, die jetzt nicht mehr nachvollziehbar sind, im Juni eine Reise ins Westfälische unternommen. Das Verhältnis zu Melusine war zu diesem Zeitpunkt abgekühlt. Mit Edith, dachte Heilmann zunächst, hatte er das große Los gezogen. Denn Waise Edith, schwungvoll aus den Bodelschwingh´schen Anstalten getreten, gab sich schlagfertig und wortwitzig, wo immer sie auftauchte. Da aber lag auch das Problem. Heilmann bemerkte es leider zu spät. Edith war einfach immer da. Und sie musste immer das letzte Wort behalten. Ihr letztes Wort war nicht selten gewandt. Jedoch wusste es kaum einer mehr zu goutieren, da Edith, bis es fiel, alle zum Verstummen getrieben hatte. Denn Ediths Witz erschöpfte sich und andere darin, gehässig niederzumachen, was sie selbst nicht aufzubauen verstand. Leidenschaftlicher Hass entzündete sich bei Edith, wenn sie bei anderen ein Gelingen wahrnahm. Dabei ging es ihr nicht plump um Karriere, Gewinn, Sieg. So wenig subtil war Edith nicht. Sie ahnte und witterte das Gelingen auch dort, wo es nicht triumphierte: darin dass andere einander verstanden oder sich doch erfolgreich die Illusion des Verstehens wechselseitig zu verschaffen wussten. Aber auch wenn es einem gelang seiner Befangenheit, seiner Angst, seinen Qualen Ausdruck zu verleihen oder sich umgekehrt in seine Lust zu steigern, einen tollen Lauf zu nehmen, ausufernd sich zu verschwenden, wurde Ediths Missgunst bis zum äußersten gesteigert. Sie, allerdings, rechtfertigte ihr boshaft-selbstzertörerisches Dreinschlagen damit, dass sie die Wahrheit enthülle, das Profan-Hässliche unter der Schminke der Poesie freilege. Edith, soviel muss gesagt sein, war schön. Sie hatte es, dachte man, dachte auch sie, nicht nötig sich zu schminken. Jedoch nötigte ihre Unfähigkeit, lebendig zu sein oder auch nur das Lebendige zu dulden, sie, immer eine Maske und ein enges Korsett zu tragen. Gerade das hatte zu Beginn auf Heilmann sexy gewirkt. Doch war dies Empfinden längst dem Grauen gewichen, das Ediths steter Kampf gegen das Leben in ihm inzwischen auslöste. Dennoch kamen sie voneinander nicht los. Sie wollte, was in Heilmann lebendig geblieben war, abtöten, während er sich seine verbliebene Virilität und Vitalität in der Abwehr von Ediths Attacken stets aufs Neue bewies. So war er dazu übergegangen, auf Ediths Anwesenheit mit dem Erscheinen von Bergmann zu reagieren, dessen ungeheure Fettmassen ihr einerseits Anlässe boten, an denen zugleich ihre Verbissenheit jedoch kaum Spuren hinterließ.



Im Mai, kurz vor Ediths erstem Auftritt, hatte Melusine erstmals eine Nachricht aus Moskau erhalten, kryptisch, die weiterzuleiten sei an Heilmann, wie ihr bedeutet wurde. Ihr Verhältnis zu Heilmann zu bestimmen, war ihr zu diesem Zeitpunkt gänzlich unmöglich. Sie waren einander, nachdem er ihr im Februar den Weg durch die blaue Tür gewiesen hatte, auf seltsame Weise nahe gekommen und doch sehr fern geblieben. Der kleine bebrillte Mann, der so auffällig bemüht war, keinen Raum einzunehmen, wirkte dennoch stets eigentümlich bedrohlich auf sie. Was sie erlebt hatte hinter der blauen Tür, sog sie unwiderstehlich an. Zugleich erhob sich gegen das Wissen, das wie ein Blitz gelegentlich in Heilmanns traurig verschatteten Augen auffunkelte, wenn er die Brille abnahm und sie durchdringend kurzsichtig fixierte, heftigste Abwehr. Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie notwendig nicht wissen müsse, um weiter den Weg durch die blaue Tür nehmen zu können. 

Melusine zu sein, offenbar, hing unmittelbar daran, an Heilmanns Tür zu glauben, also die Realität zu leugnen. Umgekehrt mussten Vorkehrungen getroffen werden, wie wieder hinauszukommen sei aus Heilmanns Laden. Denn Melusine, das darf man nicht vergessen, trug einen Fischschwanz. (Darum auch hatte Heilmann sich bei der ersten Begegnung so tief zu ihr hinab beugen müssen, weil sie diesen vor den neugierigen Blicken der Besucher durch eine über die vermeintlichen Beine gebreitete Wolldecke verbarg,  was bei einer Rollstuhlfahrerin im kühlen Februar nicht weiter auffiel. ---Doch von jener Begegnung ein andermal mehr.) Heilmann reagierte auf die erste Moskauer Nachricht gar nicht. Sie verstand das nicht, wiederholte die Meldung jedoch nie. 

Vielleicht, so dachte ich, war es ein Missverständnis, die Nachricht für ganz jemand anderen gedacht, weder gerichtet an Heilmann noch durch mich zu überbringen. Doch wiederholte sich das seltsame Geschehen. Die Verbindung zu Heilmann indessen war im Juni abgebrochen. Ich  ließ es auf sich beruhen. Hoffte erneut, es wolle sich nur jemand lustig machen, denn es war nicht verborgen geblieben, dass ich mit Heilmann in Kontakt gestanden hatte. Auch Edith, gebe ich zu, hatte ich kurzzeitig in Verdacht.

Doch setzte die Moskauer Verbindung sich unerwartet fort. Seit Tagen rumorte der Städtenamen in mir. Ich kramte Walter Benjamins „Moskauer Tagebuch“ aus dem Regal, las noch einmal Rainald Goetz´ Erzählung „Moskau“, durchstreifte die „Ästhetik des Widerstands“ nach Aufenthalten in Moskau. Und stieß schließlich auf das Verdikt gegen den sozialistischen Realimus: „Der Kampf um unsere Kunst muss gleichzeitig ein Kampf um die Überwindung des Hangs zur Kleinbürgerlichkeit sein.“ Dann traf gestern wieder eine Nachricht aus Moskau ein, weiterzuleiten erneut, wie es hieß, an Heilmann. Ein Bild diesmal nur. Unbegreiflich. Denn ich bin sicher: Dies Bild zeigt keinen Moskauer Himmel



Doch es kamen im Herbst keine neuen Nachrichten aus Moskau. Drohend braute sich ein Schweigen zusammen. Der Code ist verbrannt, wurde behauptet. Was ihr jedoch keiner mehr nehmen konnte: Eine hatte von Anbeginn an Pierre geliebt, dessen Eintreten im Gesicht der Fürstin „Unruhe und Furcht“ auslöste, eben deshalb. Der andere dagegen rief sie versehentlich "Natascha" einmal, als sie sich im Schnee wälzte. Die Namen vergingen. Wir wollen, beschworen sie einander ein andermal, nicht mehr daran denken, dass Moskau brannte. Doch die Flammen züngelten  lichterlohins Gebälk, als sie sich im Schlittengeläut umwandte. Sie fühlte das nun. War dort als im kalten Winter vor Moskau die Große Armee erfror. Die sich zurück schleppenden halbverhungerten Burschen aus dem Rhonetal überfielen dann wildgewordene Freischärler an der Oder. Eine Leiche am Ufer des Flusses mit durchlöcherten Socken. Melusine wird den großen Zeh, der bläulich ins Morgenlicht ragte, sehen, solange sie denken kann.Dort am Ufer fühlte sie seinen Blick auf sich gerichtet und wie im Märchen „duftete ihnen plötzlich jenes vergessene Glück entgegen, an das sie nicht mehr gedacht hatten, namentlich jetzt nicht.“

Ein anderer aber schrieb neunzehnhundertachtzig von Moskau aus: Solange ich denke, schrieb der, solange ich denke also, bin ich nicht, nein, bin ich nicht absolut vernichtet. Was aber heißt: ich denke? Unser Lehrer Klaus schrie voll Inbrunst: Ihr denkt doch nur, dass ihr denkt, schrie der uns an. Das leuchtete mir ein. Den verehrte ich tief, bis ich eines Tages auf seine Hände sah. Es war, als habe er gelesen: „Nüchternheit ist Lebensnorm.“ Da traute ich ihm nicht mehr. Denn richtiger war: „Bin nicht Logik, sondern fehlerhafte Suche.“ Das machte mich irre.

Letztlich geht es doch immer nur um die Frage: „Ist Revolution auch gütig denkbar?“ Das wurde verneint, dachte sie. Ein Versuch, ein Experiment, die Hoffnung, dass aus dem Bunker das Schmerzgeschrei sich befreit und zum revolutionären Gruß wird, Brüder und Schwestern. „Die Nacht auf dem harten Bette verlief ganz gut.“ Ausweichmanöver führten auf Abstellgleise. Bern. Brüssel. Paris. Spree Athen. Überall rührte sich die Humanität nur  verpelzt. Wir müssen lernen, die Winter nackt zu überstehen, sagte Edith und hakte sich unter. Heilmann bestand darauf, dass er ein Kind von ihr haben wolle. Das war nicht bedeutungslos. „Kein Kind also“, sagte Edith. „Denn deine Hand zittert. Nimmst du Hasch?“

Im Hotel Lux boten die Ratten ´42 alles an. Grünlich schimmerte Gaslicht über die Flure. „Wie konnte es dich zu jener Zeit nach Moskau verschlagen ?“, hatte er gefragt, die Lippen zusammen gezogen wie ein verhungernder Kater. Er freute sich nicht, sie hier zu sehen. Auch Moskau liegt am Meer, hatte sie geantwortet, wusstest du das nicht? Heilmann hatte die Achseln gezuckt.  Nun ja, die Kanäle... Sie war in diesem smaragdfarbenen Fetzen um ihn herum geschwebt und hatte gerufen: „Die Phantasie lebt, so lange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt.“ Heilmann hatte ihr den Mund zuhalten müssen. Jeder verrät hier jeden. „Ich muss“, klagte er, „zweiundvierzig Fragen beantworten, Melusine.“ „Was rät die Partei?“, fragte sie, da hätte er sie beinahe geschlagen.

Von Moskau sprach Melusine daher nicht, als sie Heilmann nach einem halben Jahrhundert in Berlin wieder traf. Später bereute sie das. Was wäre geschehen, wenn sie zusammen ans Fenster getreten wären, hinaus ins Schneegestöber zu schauen? Durch Heilmanns blaue Tür gegen das Rekonstruktionsbegehr und die Zeitkontrolle hätte in den Berliner Oktober der Moskauer Schnee des Jahres 1926 fallen können. Doch Heilmann, wusste sie, sonnte sich gerne im Süden. Im Januar 27 aber „herrschte herrlich warmes Wetter“ in Moskau. 

Ich hätte Heilmann erzählt, was ich dort noch gedach hatte: „Ich bin ja ganz passiv.“Er habe darauf geantwortet, er sei sich sicher, dass der gegen ihn erhobene Vorwurf ein Unsinn wäre. So hätten, dachte ich, wir an den See hinausfahren können, um auch die Seelen zu untersuchen. Doch hört sich gerade das in meinen Ohren ganz falsch an. Alles sei möglich, hatte Heilmann gesagt. „So lag der See da, tief in sich versunken, sanft und erschöpft.“ Moskau, wusste ich mit plötzlicher Gewissheit, ist auch keine Methode.

Sonntag, 12. August 2018

Vielleicht mach ich doch weiter. Mit UNS. (Aus der Werkstatt)

"Das Paradies war ein Garten", sagtest du, "vergiss das nicht." Ich hob fragend die Augenbrauen an. "Hortus conclusus." Da waren wir schon einmal, wusste ich. Nichts Neues unter der brennenden Sonne. Und doch...Die Grenzen zu bedenken, darauf wolltest du mich aufmerksam machen. Welche Grenzen setzen WIR? Denn. Ich habe mit diesem "Wir" gerungen, letzthin. Ich wollte es sprechen lassen. Das WIR, wenn es denn zur Sprache sich zu bringen vermöchte, könnte jenen Grund oszillieren lassen zwischen allwissender Perspektive, schwebend, und jener beinahe vollkommenen Ignoranz des ICH. Dachte ich. Diese unwissende Gewissheit, von der aus wir uns denken müssen, in Gemeinschaften und aus ihnen hinaus. 

Es gelang nicht. Die Grenzen mussten zu häufig verschoben werden, aus Garten Landschaften gestaltet, Fluchtpunkte ins Nichts, dabei immer wieder die Sehnsucht vorgreifend: Zurück in ein verständliches Paradies, fest ummauert. Wer waren wir denn? Eine Kohorte, regional verankert (nicht zu kenntlich), ländlich geprägt, Nachbarskinder, Schulkameradinnen, Samstagabendbadende, Enterpriseguckende, Dallidallihüpfer. Wir wussten von allen und allem zu viel und zu wenig. Und ausgerechnet ich hatte mir das vorgenommen, die dem schönen Klatsch mit soviel Ungeduld begegnete, der Spekulation um der Phantastik willen stets misstrauend, - das konnte ja nicht gut gehen. 

Drei Sabinen - der Raub des guten Willens um der Zukunft wegen, das Weitergebene: die kriegsversehrten Kriegsgewinnlereltern, Marschallplanversorgten, Eigenheimbauern, die über Bombenhagel, Schneegestöber und Hungerödeme nicht sprachen, außer in mahnenden Floskeln: "Iss dein Tellerchen leer." und "Pommernland ist abgebrannt." Waren deren Kinder: wir. Sorgten vor: Bausparverträge, Schulreform, Sprachlabor, Willywählen. Auf einem Stapel Autoreifen sitzt in der Erinnerung unserer Väter und Mütter ein schwarzer GI und verteilt Kaugummis. "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" Niemand.

Wer will denn schon fremd sein im eigenen Land? WIR. Denn das ging uns ja verloren, das wir gekannt hatten: Ulrike Meyfahrt startete für die BRD. Die gibt es nicht mehr. Hinter den Grenzzäunen wuchsen wir behütet auf. Und waren mit Interrail unterwegs in Europa. Oh, schöne Sommernachmittage. Vor unseren Fernsehern. Lauschend auf Streitereien in Nachbars Garten. 

Eine Trilogie aus diesem fiktiven Wir heraus wollte ich schreiben, von dieser Irritation her (dem allerersten Eintrag dieses Blogs). Drei Frauen, Sabinen: die kleine Sabine, die Brillen-Schlangen-Sabine, die Rapunzel-Sabine. Aus denen wurden: die geschwätzige Sabine, die schöne Sabine (Sabia Hart) und die verschwundene Sabine (jetzt auch auf Facebook). Zu unserem Personal sollten außerdem gehören: der politische Claus und der schöne Klaus, die spröde Kerstin, der geschäftige Norbert, der kluge Andreas, der wüste Pianist, die kranke Beate. Unter anderem. Alle gesehen und beschrieben, bedacht und erzählt vom wir aus, der Gemeinschaft der Gleichaltrigen, vor Ort gebliebenen. Ein kollektiver und provinzieller Blickwinkel. Was wir wissen können, ahnen und phantasieren. Was uns verborgen bleibt. Die unzuverlässigsten Erzähler_innen weit und breit. Eine einheitliche und vielfältige Perspektive zugleich. 

Das hat ja gar nicht hingehauen. Außer beim Claus. Der Claus ist gut. Gelungen. Das liegt daran, dass er so öffentlich lebt und so geschwätzig ist. Der Claus ist der Bösewicht in der Geschichte und ihr Held. Bisher. (Aber das kann ja nicht so bleiben.) Irgendwie geht's nicht weiter. 

Die verschwundene Sabine hat sich auch mir entzogen. Man kann einfach nicht wissen, was der Claus ihr angetan hat (oder auch nicht?). Und Frau Hart macht momentan auf Künstlerin, das tut ihr nicht gut, als Romanfigur. Ich mag die geschwätzige Sabine in ihrem Reisebüro, aber was soll man über die erzählen?

"Das nervt", sagst Du. "Mach weiter. Oder lass es." 
Ich gebe Dir recht und kann doch nicht anders. Wer sind wir denn? Ich will die mal richtig abgrenzen können. Nicht immer so auf Menschheit machen, weißt Du. Einfach mal wieder irgendwo hingehören, wo nicht jede/r dazu gehören kann. Wir sein, - aber bitte schön: Bei uns war's ja auch nicht immer idyllisch. Manche blieben ewig Zugereiste, obwohl man noch nicht von PoC sprach oder Muslimen. Unsere Zugereisten kamen aus Magdeburg oder Königsberg. Zum Beispiel. 

"Lass mich doch ein bisschen unter uns bleiben.", sage ich. "Nur noch ein Weilchen." Du schüttelst den Kopf. So geht das nicht. So nicht. Wir wollen jetzt offen sein. Sagst Du. Ich gärtnere ich nicht. Aber ich mag Gärten. Wir könnten mal wieder zum Gartenfest einladen: Nudelsalat, Bratwürste, Rollbraten. Heutzutage reden wir über unsere erwachsenen Kinder. Frau Hart hat keine. Die kleine Sabine zwei (wie aus dem Bilderbuch, natürlich). Von der Rapunzel-Sabine wissen wir es nicht (aber sicher ist sie alleinerziehend, denken wir, wissen aber nicht warum).

Vielleicht mach´ ich doch weiter. Mit UNS.





Montag, 6. Juli 2015

Die Last der lauen Tage (oder: "I want you so much I could burst")


Wie tief er getaucht war, der dunkle Tom ("Your turn, my turn."). Ich dachte schon, ich könnte ihn nie wieder spüren: Um zu schreiben von dieser düsteren Liebe, die die Ehe beinahe sprengte und das kleine Glück am See zerstörte...:"He told me he could feel me. It made me feel myself again." All die Projektionen, die sie mit Liebe verwechselte: Anne/Armgard. Und in ihrem Schatten die Melusine, durch den See gleitend, dessen Oberfläche sich nur leise kräuselte. Es kräht kein Hahn danach, wenn es der das Herz zerreißt.

Was ich nicht leben kann, werde ich schreiben. Fing das so an? Wir hatten die Blicke vermieden, die uns entlarven könnten, einander vor allem. Was zum Schreiben führt, ist die Entsagung, das Versagen der Liebe. Das habe ich nie glauben wollen. Es muss doch auch vom Glück zu berichten sein. Aber jedes noch so eingebildete und herbei phantasierte Unglück wirkt glaubwürdiger. Ich kann mir das suggerieren. Als Ausflucht bilde ich mir ein, dieses jubelnd-heulend-zitternd Herz sei meine eigene Erfindung. Wir Schreibenden leben den Wahn, die Herrinnen unserer Geschichten zu sein, bis wir ihnen erliegen. Ich schmiege mich nächtens in die Kissen und träume von ungeküssten Küssen. Ein neues Kapitel der Ehe-Saga entsteht zur Zeit, ein Selbstgespräch der Sünderin unter den Wolken, die sich im See spiegeln: "Sometimes I want you so much I could burst..." 

Seitenaufrufe im Counter, die mich zurückführen an die Anfänge des Bloggens: "Der Freund meiner Freund ist ein Filou." Das Gespräch im Kommentarstrang mit Cazou: Frauen, die sich in den Sänger vergucken, Frauen, die auf den Leadgitarristen stehen, Frauen, die dem Bassisten verfallen, Frauen, die dem Drummer schöne Augen machen. Muster des Verliebens, die keinen Sinn machen, aber Wellen schlagen. (Ich sollte es mal mit einer reinen Frauenband versuchen.) Oder: Können eigentlich auch Nicht-Narzissten verzücken? Der grobe Charme der Selbstverliebten, dem wir erliegen. Wieder und wieder und wieder. Mir hatte es immer schon der Solist angetan, der die Augen niederschlägt. Kein Blick ins Publikum. Selbstgefangen. Unbefangen. Unfangbar. 

Ich habe noch nie den Anfang gemacht. So altmodisch bin ich. Lasse ich Anne sein. Der dunkle Ritter muss sie überfallen: "Das aufgescheuchte Wild". Ich arbeite an der Perspektive. Seiner. Ein Mann, der weiß, dass die Frau, die er will, nicht erobert, sondern überwältigt werden will. Woher weiß er das? Die Art, wie sie ihn nicht ansieht. Das Flattern ihrer Hände auf halber Höhe. Die linke Schulter, wie sie verkrampft. Dass sie ihn immer sieht und immer ausweicht. Er scheint nur so selbstbewusst. So ist er noch nie vorgegangen. So planlos. So rabiat. So verzweifelt. "I want you so much I could burst..."

Während ich schreibe, haben die Griechen mit NEIN gegen die Austeritätspolitik gestimmt, ist Jannis Varoufakis, der erste gut aussehende Finanzminister Europas (eine Sänger-Rampensau, nicht mein Beuteschema, also), zurückgetreten, hört man seit Tagen nichts aus der Ukraine, wo weiter geschossen wird, verteidigt der nationalistische griechische Verteidigungsminister die griechischen Verteidigungsausgaben, wird in Berlin vom dicken Siggi das Erbe Willy Brandts oberdreist verscherbelt, machen sich alle angeblich Sorgen um Europa und taumeln doch mit schlafwandlerischer Sicherheit auf ein Verhängnis zu. Bilde ich mir ein. Denn vielleicht geht ja noch einmal alles gut, im Sinne der Gläubiger, was also heißt schlecht im Sinne der meisten Menschen. Aber die interessieren ja nicht. Die marktkonforme Demokratie bleibt vielleicht trotz oder deswegen in Form. Vielleicht drehen sie tatsächlich nur eine nächste Runde. Vielleicht rumpelt weiter alles dahin. Das dachten wir schon einmal. Dass es immer so weiter geht, mehr schlecht als recht, aber weiter. Im selben Trott, unaufhaltsam. Ich kann selbstverständlich den großen Kladderadatsch nicht wünschen. Wer Konsequenzen fordert, muss den Preis zahlen können. Wer von uns hat dazu den Mut? Die Griechen? Es macht mir auch Angst, wenn Begriffe wie Ehre und Stolz als Motive politischen Handelns auftauchen. 

Das heiße Begehren nach etwas anderem wird wie stets auf lau gestellt. Mehr lässt die Feigheit nicht zu. "Love, music, wine and revolution." Letzteres, wie immer, abgesagt. Pragmatism rules. Wir haben immer noch viel zu verlieren. Ich schreibe mich derweil (Eskapismus rules, too) weiter, zurück in den Herbst des Jahres 1989 hinein. Als nichts begann, bevor schon alles verloren war. Blaupausen: Treuhand revisited. Ein Land wird geplündert und verramscht, nicht immer an die Meistbietenden. Niemand muss für solche Verbrechen bezahlen, das haben wir gelernt: Beamte, Berater, Bestatter. Später gehen sie auf Vortragsreisen. Von Kriegen berichten immer die Sieger.

Und Wahrheiten, die sich keine gern eingesteht: "Die Dame badet lieber lauwarm."





Versäumen Sie nicht, den Links zu folgen. So wird Netzliteratur gelesen. ;-). Nichts steht für sich allein. Alles ist mit allem kryptophantastisch verbunden. 


Freitag, 8. August 2014

FROMME IDYLLEN oder DENK-PAUSE IN DER SÄKULAREN WERKSTATT ("Mehr Meer")

Ich mag Sommerregen. Ganz klischeehaft: Dancing in the rain. Manche Regengebiete dagegen legen sich düster übers Gemüt. Ihnen auszuweichen ist Selbstfürsorge. (Auch unter jenen männlichen Menschen, die haupt- und amtlich Philosophie betreiben/betrieben, also  Lebenszeit vor allem in Denk-, Lese- und Schreibzeit wandeln, ist die Fähigkeit genau dazu historisch wenig verbreitet gewesen. Man(n) stützte sich stattdessen traditionell auf Sklaven, Dienstboten und/oder verwandte und angeheiratete Frauen. Vor allem deshalb kann/konnte man(n) sich über die Menschheit, ihre Optionen und Begrenzungen, insbesondere die Bedeutung der Abhängigkeit, eine Menge Illusionen machen und nur aus einem sehr eingeschränkten Blickwinkel "urteilen". Es fällt bisweilen schwer, denen nicht selbst fälschlich verurteilend "den Prozess" zu machen. Denn immer wieder liest sie: Vielzitierte Namen weißer Männer. Ein sich selbstbestätigendes Karussell des Denkens, das Beweglichkeit nur suggeriert. Im deutschsprachigen Raum dürfte das Missverhältnis noch ein bisschen krasser sein, nicht nur in der gelehrten und gern belehrenden "Philo-Blogo-Sphäre" mit ihren sieben bis zehn deutsch-französischen Referenz-Denkern. Gelegentlich ziehen da und wie auch dort sehr trostlose Regengebiete auf. Ausweichen. Unterstellen.) Den Regen, den eine liebt, lässt sie sich gefallen. Sonst keinen (mehr). Ich trage oft einen gelben irischen Regenmantel, der aber im Sommer schwer wird und hitzig. Dann richte ich das Gesicht gen Himmel und nehme die Tropfen auf. Meistens jedoch stelle ich mich unter und lasse ihn vorüber gehen. 

Lese- und Denkabenteuer: Was Freiheit sei, Macht, Stärke und Gewalt, Gemeinschaft, Staat. Neubegründungen/Neubegehren im Vergleich. Die Grenzen des Auslaufmodells der Vertragsrechtstheorie von Hobbes bis Rawls aufgezeigt: Bei Shklar, Nussbaum, Muraro. Gemeinsamkeiten: Freiheit ohne Autonomie, die Bedürftigkeit des Menschen als Ausgangspunkt, der Wille zum Wählen statt zum Wissen. Differenzen: Gebürtigkeit als Voraussetzung, die Veränderung der  symbolische Ordnung, Rechtfertigungs- und Anschlussstrategien bzw. der Verzicht darauf. Vielleicht sollte ich auch noch mal bei Hannah Arendt reinschauen. Das klingt wie die Ankündigung eines spontanen Besuches. Mit Absicht. Inspiration statt Analyse. Was bedeutet es, etwas zu verstehen? Antworten anzuerkennen oder Fragen weiterzuspinnen

Es hört immer wieder auf. Zu regnen. Mir fehlt das Meer mehr. In diesem Jahr. Lesen. Schreiben. Was Freiheit sei, Macht, Stärke und Gewalt, Gemeinschaft, Staat. Wäsche waschen. Blumen gießen. Fersen pflastern.

Aartal
Drei Tage in der Nordeifel und im Aartal. Eine wesentlich misslungene, dreiteilige Ausstellung zu Karl dem Großen in Aachen, der es an einem durchgängigen didaktischen Konzept fehlt. Viele Exponate erschließen sich dem Laien ausschließlich durch den Audioguide, einzelne  gute Ausstellungsideen (Reisewege, Hofstaat) sind nicht durch einen "roten Faden" miteinander verbunden. Durch Offenlandschaften wandern bis die Fersen bluten (nicht bildlich). Überall Idylle totalitär, wundersam staubfrei. Aachen wurde schon im Winter 1944 von der US-amerikanischen Armee befreit. "Wusstest du das?" Auch die Briten rückten vor an den Rhein: Brückenköpfe des Liberalismus in pseudo-idealistische und postfaschistische Szenerien. Nach 60 Jahren immer noch restaurative Verletztheit allerorten. Strukturen, Ideologien und Ideale schlagen Menschen. Meistens tot.

Karl hingegen kannte kaum Landkarten. Wie stellte er sich sein wachsendes Reich vor? Eine Kette von Nahgebieten, Reisen von Fixpunkt zu Fixpunkt, alles horizontal, keine Draufschau. Er war immer unterwegs. Aber im Glauben fest. Fried behauptet, Karls Politik sei geprägt durch seine GottesFURCHT. Der König, der Gott auf Erden vertritt, angetrieben durch die Angst vor dem Urteil des HERRN im Jenseits. Dafür müssen Tausende Sachsen sterben. Die Heere und der hehre Glaube. Besser eine Seele retten als ein Leben. 

Jäger-Heil mit Häkelblume, Rursee
Eine Aussage, die ich nicht mehr hören, nicht mehr lesen kann: "Mit der Religion hat das nichts zu tun." Die Verbrechen der Krieger des "Islamischen Staates" haben selbstverständlich nichts mit dem Islam zu tun. Die Kreuzzüge der christlichen Fürsten im Mittelalter haben nichts mit dem Christentum zu tun. Dass sich manche Gläubige den Schlächtergott von Mose, der am Sinai 3000 "Ungläubige" hinrichten lässt, zum Vorbild nehmen, das hat nichts, gar nichts mit den abrahamitischen, auf einem exklusiven, eifersüchtigen Gott bestehenden Religionen zu tun, denn "unser" Gott ist gut und "unsere" Religion(en) friedfertig. Wer das nicht glaubt, verletzt die jeweils Gläubigen. Arg. Nicht körperlich, freilich, denn er haut ihnen ja nicht den Schädel ein oder schießt mit Raketen auf sie, das nicht, aber in ihrer Seele. Und: Siehe oben - Seelen sind wichtiger als Leben: "Mord als Gottesdienst".  "Der Fundamentalist" ist der Titel einer Erzählung aus der Reihe "Auto. Logik. Lüge. Libido", die schon länger in der Pipeline steckt und die ich - aus aktuellem Anlass - zur Zeit "überschreibe".

Iris hat eine Blog- und Twitterpause angekündigt. Schade. Ich hoffe, sie kommt bald zurück. Ich werde ihre Blogbeiträge sehr vermissen. 

Freitag, 30. Mai 2014

NACH-BILD. Denn die Sehnsucht nach Authentizität ist nicht tot zu kriegen...

(Gestern Abend, als ich auf das Interview von Jos Diegel auf FAUST KULTUR verlinkte, das gerade frei geschaltet worden war, fühlte ich mich zu müde, um das feine Zitat, das ich als Überschrift aus dem Interview herausgegriffen hatte, zu kommentieren.)

KUNST/FIGUREN

Die Sehnsucht nach Authentizität ist nicht tot zu kriegen. Jede Inszenierung hat es mit ihr zu tun. Am meisten selbstverständlich: jede Selbst-Inszenierung. Wir leben bereits jenseits des Zeitalters der universalen Ästhetisierung der Lebenswelt, das vor ungefähr 300 Jahren anbrach. (Nicht alle merken es.) Die Welt, die wir zu kennen glauben, erklären wir uns anhand von Abbildern. So auch uns selbst. Freud hatte fast in allem Unrecht, aber er lieferte die Blaupausen, wie wir uns ´die anderen´ aus Metaphern erschaffen können. Erfahrungsverlust, von Pädagogen maulend beklagt, ist kein neues Phänomen der Smarthpone-Ära. Du bist immer nur der, den ich in dir sehe. Du bist das Bild, das ich mir mache. Ich bin das Bild, das ich dir vorspiele. (Für mich. Für dich ist es grad anders rum.)

ZEIG MIR DEIN GESICHT!

kreischte es schrill aus dem BIG BROTHER-Container, als wir vor solchen Stimmen noch erschrocken zusammen zuckten. Kontemplation vor dem Bild kann auch noch gespielt werden, freilich. Ist allerdings durchschaut: als eine Oberfläche von vielen. "Alles Geschmackssache!" Jede/r kann für 10 Minuten (oder waren es 5?) ein Künstler/eine Künstlerin sein. ("Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.") 

Alles kann schön sein, vor allem die Hässlichkeit. Im Bild. Als Bild. Diesen Abscheu hier teilen wir kaum mehr: "Ich erinnerte mich, wie mich beim Lesen, beim Betrachten der Bilder zuweilen die Empfindung von Ausweglosigkeit überkam, das ganze Misstrauen gegen eine Welt, die Mühsal und Ekel durch Formen und Farben bezwang." (Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands). Wir sind Oberflächenpolierer, keine Tiefenschürfer. Denn wir wissen schon: Da unten ist nichts. Außer: Noch mehr Oberflächen. 

Es ist lächerlich geworden, sich hinter Masken zu verstecken. Wir haben in die Innenseite der Maske gesehen, alle. "Spiel Dich selbst, aber mit Schmackes!" Wer jetzt noch jemand anderen spielt, hat nichts verstanden und verharrt starrsinnig im 20. Jahrhundert: "Das Verhältnis des Maskierten zu den Kritikern ist, wie gesagt, seit Jahrtausenden untersucht worden. Es ist das Verhältnis des Akteurs zum Publikum, der Praxis zur Theorie, der Politik zur Kontemplation, kurz das historische Verhältnis." (Vilém Flusser). Passé. Das Programm ist sichtbar. Die Inszenierung durchschaut. Die Innenseite der Maske. Wer vorspielen will, ohne Publikum zum sein, wer Publikum sein will, ohne zu mitzuspielen, hat heutzutage Pech gehabt. Runter von der Bank, mitgetanzt! ("Da bleiben manche halt daheim und trauen sich nicht mehr raus.") Betrug und Verrat waren zwei Seiten der Medaille. Gilt nicht mehr. Wo nicht mehr betrogen werden kann, kann auch nichts verraten werden. Das Private ist politisch? Das Politische ist privat. 

"Das Wesen der Geste (des Maskenwendens, M.B.) ist das Überschreiten des Theaters, also der Bühne, des Aktes, der Handlung, und es ist eine der ganz wenigen Gesten, in der sich die untheatralische, nachhistorische Daseinsform äußert."

***


In der Sonderausgabe von PUNK PYGMALION, deren Cover Jos Diegel gestaltet hat, sind dem Roman zwei Texte vorangestellt, einer von Jos Diegel (ohne Titel) und einer von mir über Jos, der den Titel trägt "Jos Diegel ist (k)eine Kunstfigur". Jos´  Text endet so:

"Für dich und deine Autorin sind Bücher nur dickere Briefe an Freunde, für dich sind Bücher Briefe an andere Bücher und deren ideale Leser. Bei mir ist das auch nicht anders. Aber du warst doch diejenige, die das alles inszeniert hat. Von Anfang an. Du hast dieses Bild gesehen. Hört auf die Aufstände von einst zu reproduzieren. Das Bild ist gut, weil es die Gewalt offenbart, die hier geschieht. Auch so ein Satz von dir."

Die Autorin gehört zu mir. Nicht: die Autorin bin ich. Was ich gesagt habe, habe ich nicht gewollt, aber ernst gemeint.  ("Haut das in den Stein.") Der Text über Jos Diegel beginnt mit: Selbstreflexion.

"Jeder beschäftigt sich mit sich selbst und die anderen sind das Publikum. Weiß er das? In Echt und Farbe. Wer endlich mal identisch und authentisch werden will, muss sich in eine Kunstfigur verwandeln. Und: Ernst nehmen."

Wir sind alle Rosenthal-Effekte. Wo eine Zukunft ist, wird Sünde sein.


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Virtuelle Gender-Identitäten. Maskenwenden (Januar 2012)
Ausgesetzt. Warum Emanzipation wehtut (März 2012)


Serien
Gesten
Hörigkeit
Auto.Logik.Lüge.Libido

Montag, 19. Mai 2014

WERBEUNTERBRECHUNG. 2 Filme und mein Buch :-): "Die Autorin hat sich nicht verabschiedet."

Heute Abend zeigt Arte gleich zwei Filme, für die ich noch einmal werben möchte. Zu beiden habe ich ausführlich (nach den Kino-Besuchen) hier auf Gleisbauarbeiten geschrieben.


Um 20.15 läuft Andreas Dresens "HALT AUF FREIER STRECKE". (Link zur Besprechung des Films im Blog: Hier.)



Um 22.00 Uhr wird Pedro Almodovars "DIE HAUT IN DER ICH WOHNE" gezeigt. (Link zur Besprechung des Films im Blog: Hier.)



Seit Jane Campions "An Angel at my Table" letzte Woche auf Arte wiederholt wurde, ist zum beliebtesten Post dieser Seite (d.h. zu jenem, der am häufigsten aufgerufen wird) übrigens ein Text geworden, den ich ganz am Anfang meiner Bloggerei (im Juni 2010) geschrieben habe: "Entdecken Sie Janet Frame!" Auch diese Aufforderung wiederhole ich gerne!


***

Illustration aus PUNK PYGMALION "We are the dead"
Zu meinem Roman PUNK PYGMALION gibt es inzwischen einige Rezensionen, über die ich mich sehr gefreut habe. Ein Verriss ist (noch?) nicht dabei, so dass ich nicht beweisen kann, dass ich auch auf einen solchen verlinken würde (gekränkt und betroffen, selbstverständlich, aber kommentarlos). 


Jana Volkmann rezensiert den Roman auf "Freitag" als Liebesroman: „Punk Pygmalion“ erzählt von Liebenden, die einander konsumieren – die sich einander einverleiben, bis zum Verschwinden des Anderen im Eigenen und umgekehrt."



Elk von Lyck auf LitOff legt den Schwerpunkt auf die Verbindung zweier literarischer Formen: dem traditionellen Briefroman und dem, was er "Bloglit" nennt: "Das Internet lehrt uns, dass die Wirklichkeit nicht starr ist, sondern sich in jeder Sekunde neu erfindet. Auch die Sichtweisen auf unsere Welt sind nicht einheitlich, jeder hat seine eigene Perspektive - und wechselt sie im Laufe seines Lebens mehrfach. Deshalb lässt sich nur schwer sagen, was wahr ist, was erfunden ist und was individuelle Wahrnehmung ist. Punk Pygmalion spielt mit den unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung, verweigert sich aber endgültigen Antworten. Wer diese Grundhaltung teilt, wird mit einer spannenden, geschickt konstruierten Geschichte belohnt, die gerade weil sie so unwahrscheinlich ist, unwahrscheinlich viel Spaß macht."



Dietmar Hillebrandt (Bücherblogger) geht - neben anderem - vor allem auf die Spannung zwischen Identität und Fiktion ein: "Gerade aber aus der Inkongruenz der Identitäten, den inneren Zwiespälten der Figuren entwickelt sich die nie abreißende Spannung, weil immer wieder nach psychologischen Gründen für Übergriffigkeiten und Fälschungen vermeintlicher Täter gesucht wird. Licht und Schatten fallen gleichermaßen auf die handelnden Personen, als seien sie Verwandte der bildhauerischen Statuen Ansgars und Lars´. Dies erzählerisch bis zum Schluss in einer lebendigen Schwebe halten zu können, ist die eigentliche Leistung des Romans und bei aller Irritation ein Genuss für seine Leser."



Iris von Iris Blütenblätter gestaltet ihre Buchbesprechung als einen Brief an die Blogherausgeberin M.: "Liebe M., deiner Geschichte zu folgen, geht nicht ohne Aufgabe von Distanz und Selbstschutz. Jedenfalls was mich betrifft. Und dass es tatsächlich deine Geschichte ist, mehr als Emmis, mit deren Briefen es begann, wird nach und nach deutlich. Du treibst ein Spiel auf mehreren Ebenen. Ja, du willst es wirklich wissen. Keine verfügbare Rolle, in die du nicht wenigstens probehalber schlüpfst. Ein Verwechslungsspiel, ein Tausch, ein Vermischen von Fiktion und Realität. Ein Konglomerat aus dem, was war und dem, wie es hätte sein können. Aber niemals Lüge. Alles, auch die Masken, auch die Umschreibungen dienen letztlich der Wahrheitsfindung. Denn du willst dich nicht länger mit Vermutungen und Deutungsversuchen zufriedengeben, liebe M. Du willst es endlich wissen. Du willst kennen."


Antje Schrupp stellte fest, wie unterschiedlich die Wirkung des Lesens im Netz und Lesen im Buchformat "am Stück" doch immer noch sind. Sie bevorzugt Binge-Reading."Aber jetzt, so am Stück! Fand ich das spannend wie einen Krimi (es geht auch in der Tat darum, dass versucht wird, Sachen herauszufinden). Zum Leben erweckt wird die punkige Atmosphäre der 1980er Jahre, rückblickend aus der Abgeklärtheit der 2010er Jahre. Es geht um Wahrheit und Lüge, um Liebe und Einbildung, um Projektion und Authentizität."



Eva Jancak von literaturgeflüster interessiert sich für Blog-Romane und fand PUNK PYGMALION "experimenteller, verwirrender, vielschichtiger und für alle Interessierten, die wissen wollen, was im Netz alles möglich ist, das dann zu Papier wird, sehr empfehlenswert."



Jos Diegel schreibt in der Sonderausgabe des Romans, deren Cover er gestaltet hat , an die Autorin, die ich (nicht?) bin: "Es ist ein kleines Wunder, deine Autorin wurde erfasst von dem was sie macht, Briefe schreiben, so wie der Text von der Realität erfasst wurde. Wenn M. nicht die Autorin per se ist, dann ist sie zumindest diejenige, die sie repräsentiert. Ihre mögliche Autorinnenschaft überlagert ihre Figur im Buch. Man hätte sagen können Deine Figuren sind nur falsche Fünfziger und Blüten. Man hätte auch sagen können, das sind sie nicht, sondern das sie moderne Götter sind, weil so wie sie in deinen Geschichten unser Leben definieren, sind sie die Schlüssel, die uns Zugang zu irgendeiner Natur von irgendeinem Ursprung zu irgendeiner Ganzheit in irgendeinem Universum eröffnen. Und, und, und, das hätte man alles sagen können. Ein Jahrzehnt später könnte man in irgendeinem Essay schon wieder schreiben, das ist das Ende der Autorin. Sie hatte sich davon verabschiedet Geschichten heraufzubeschwören, die von ihrer Biografie und ihren Neigungen zeugen. Tatsächlich hat es nie etwas wie das Ende dieser Autorin gegeben. Wir brauchen sie doch und das Wissen, das sie das ist, um das alles zu verstehen, was da passiert. Dass sie da irgendwo hinter und zwischen den Zeilen sitzt. Diese Autorin hat sich nicht verabschiedet."



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Das ist faszinierend. Und ein Geschenk. Wie unterschiedlich der Roman gelesen wird. Und wie er zugleich kenntlich wird in all diesen Besprechungen als das, worum es mir ging/geht.