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Sonntag, 26. Juni 2016

FRAUSEIN. Ein Gespräch mit Antje Schrupp auf bzw in 4 Teilen

Mit Antje Schrupp führte ich im Mai ein langes Gespräch über Frausein, die Bedeutung der biologischen Geschlechterdifferenz, Schwangerwerdenkönnen und Körperpolitik, das nun in vier Teilen vollständig auf der Internetplatfform beziehungsweise - weiterdenken erschienen ist.


Antje und ich vertreten unterschiedliche Standpunkte, vor allem mit Blick auf die Bedeutung  der biologischen-genetischen Voraussetzungen für den Begriff "Frau", aber auch wenn es darum geht, den gesellschaftlichen Ist-Zustand zu beschreiben und daraus Schlüsse für eine politische Positionierung zu ziehen. Es war ein spannendes und herausforderndes Gespräch, das mir geholfen hat, meine eigene Position - wenn auch, selbstverständlich, nicht endgültig - zu klären. Mehr noch als vorher ist mir deutlich geworden, wie eng für mich "Frausein" mit meiner Körperlichkeit, mit dem Bewusstsein schwanger werden zu können, der Monatsblutung, den Hormonschwankungen, der Erfahrung der "Wechseljahre" (hierzu gab es in letzter Zeit einige interessante Beiträge unter dem "Label" Menopausen-Bloggen, auf die ich unten verlinke) und - ja! - auch mit dem Schwangersein und Muttersein verbunden sind. Ich frage mich, wie sehr es schon Ausgrenzung ist, wenn ich Frausein auch und vor allem auf diese biologischen Voraussetzungen und Möglichkeiten beziehe - und andersherum, wie sehr jede andere Definition von "Frausein" (insbesondere die subjektive Selbstdefinition) nicht gerade gefährdet, was sie politisch bekämpft: die erneute und vielleicht noch klischeehaftere Zuschreibung des "Frauseins" an Gefühlslagen und Geschmacksfragen, an Selbstdarstellungscodes und kulturelle Prägungen. 

Wie immer, denke ich, geht eine jede auch in der Theoriebildung mindestens unbewusst "von sich selbst aus", kann die Bildung "blinder Flecken" aus dieser subjektiven Beschränktheit und Selbstbeschränkung gar nicht vermeiden. Ich lebe ein konservatives, d.h. hier dem Bewahren verpflichtetes Leben mit einem hohen Übereinstimmungsfaktor gegenüber traditionellen Vorstellungen und Prägungen der Geschlechterdifferenz: als heterosexuelle Frau in fester Beziehung mit Kindern. Die traditionelle Familie ist mir weniger Gefängnis als Zufluchtsort. Als Tochter eines stets "anwesenden Vaters" erlebe ich genetische Elternschaft nicht als arbiträr, sondern identitätsstiftend. Es fällt mir daher schwer, in neuen Familienkonstellationen, die diese Beziehung - die genetische Verwandtschaft - als beliebig begreifen (Leihmutterschaft, Samenspende, Ausschließlichkeit sozialer Elternschaft), das befreiende Moment stärker wahrzunehmen als die - aus meiner Perspektive - Gefährdung der Identität. 

Letztlich geht es bei all diesen Fragen um Freiheit. Je älter ich werde, desto gefährlicher erscheint es mir, Freiheit vor allem als Ausweitung der Wahlmöglichkeiten zu begreifen. Freiheit, so glaube ich, ergibt sich erst aus der Einsicht in unsere Beschränktheit und Beschränkungen. Sie kann sich nur da entfalten, wo wir die Verantwortung für die Folgen unserer Wahl übernehmen können. Dieser Spielraum scheint mir weniger groß, als "postmoderne" Theoreme (oder deren vereinfachte Rezeption) oder Queer-Theorien ihn sich auslegen. Wo er überdehnt wird, so glaube ich, wird weniger Freiheit erreicht als vernichtet. Denn wir begeben uns in neue Abhängigkeiten und Beziehungskonstrukte, für deren Verbindlichkeit wir keine Traditionen haben und keine Verantwortlichkeiten übernehmen wollen oder können. Das ist für diejenigen am gefährlichsten, die noch keine Stimme haben: die Ungeborenen. In unseren Theorie- und Rechtskonstrukten "schulden" wir ihnen, den "Nochnichtexistierenden", nichts. Genau darin sehe ich schon lange die Leerstelle, den "blinden Fleck" der meisten Theorien "über den Menschen": dass sie die Gebürtlichkeit unseres Lebens ausblenden. Keine/r von uns lebte, wenn nicht eine Frau auf sich genommen hätte, dieses noch nicht eigenständige Leben "auszutragen". Neue Technologieangebote machen sich diese (gedankliche, eben nicht faktische) Leerstelle zunutze, indem sie das menschliche Leben/die menschlichen Körper in eine Ware zu verwandeln suchen. Alles ist oder scheint modifizierbar (und käuflich) geworden. Noch aber gibt es die "elektrische Gebärmutter" nicht. Noch lebt kein Mensch auf dieser Welt, der nicht im Körper einer biologischen Frau, in einer Gebärmutter, seine Geburt erwartete. 

Kämpfe ich auf verlorenem Posten, wenn ich hoffe, dass es so bleibt? Meine Phantasie bewegt das Neue in Kopf und Herz. Mit Sternchen und Schnuppe habe ich vor Jahr und Tag ein "Geschwister"-Paar mir erdacht, für das nicht mehr gilt: eine Mutter hat uns geboren. Was das mit ihnen macht? Versuche ich schreibend weiter zu ergründen. (Was Zeit braucht und Mut, weil ich eine Zukunft erschauen und erfühlen will, gegen die ich mich sträube).

Es ist wichtig, dass es über solche existentiellen Fragen strittige Gespräche gibt, die nicht polemisch werden, sondern "beziehungsweise" miteinander um Antworten ringen (und damit selbstverständlich neue Fragen produzieren). Dafür danke ich Antje Schrupp! Und ich denke, das Gespräch geht, auf verschiedenen Ebenen und bei unterschiedlichen Anlässen, weiter. Meine Haltung bleibt vorläufig, tastend, kritisch gegenüber Gewissheiten und doch achtsam gegenüber den eigenen Zuwendungs- und Abwehrgefühlen. Ich versuche nicht, sie zu überwinden, sondern sie zu verstehen und dann - vielleicht - zu verändern. 


Noch mehr Links:
Menopausen-Bloggen

Mittwoch, 3. September 2014

"Alle Menschen werden Schwestern" (Links and more)

Auf bzw schreibt Franziska Schutzbach über das allseits  beliebte "Gutmenschen-Bashing". Es wird unter dem Label "PC", das die US-amerikanische Teaparty-Bewegung bekannt gemacht hat, auch gern von (äußerst - einseitig - belesenen) deutschen und französischen Linksintellektuellen, die es sich (selbst) hoch anrechnen "die Moral" (endgültig?) verabschiedet zu haben, dümmlich-aber-gebildet (eine Wortschöpfung, die ich mir eventuell patentieren lasse) angewandt. Denn den PC-"Kritiker_innen" erscheint (post-postmodern) alles vorstellbar ("Universalismus, ick hör dir wieder um die Ecke trapsen!"), außer freilich ein Funken von Einsicht in die eigene kulturelle und sonstige Begrenztheit und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Die Agenda (nicht einmal versteckt), die hier (kontinentaleuropäisch, gelegentlich eher "links") wie dort (angloamerikanisch, meist eher "rechts) hinter dem modus operandi steckt, ist schlicht: Vorneverteidigung der eigenen Privilegien und Denunziation aller Versuche von Anderen mit ihren Anliegen und Sichtweisen zu Wort zu kommen. Denn die verfolgenden Unschuldslämmer können eben per Eigendefinition (als "Mensch") höchstselbst alles aussprechen, ausschreiben, ausdenken und einbilden. Die "Anderen" (große Auswahl!) sind in deren Denken immer schon mit (und aus-)gedacht, ergo: "Alle Menschen werden Schwestern!" (Stimmt so!?)

Link zum Artikel von Franziska Schutzbach: Political Correctness. Geschichte einer Konstruktion.

Zwischenzeitlich übe ich Figurenpinkeln: Denn jede kann sich einbilden, ein Mann zu sein. "Aber wer legt schon Wert drauf." (Hidden agenda enclosed.) Wir bleiben unwillkommene Kronzeuginnen wider die Macht der Schrift, alle drei. Den Schriftbesitzern spucken wir in die Suppe oder aufs Papier. Manche lesen sich ein Leben zurecht. (Ich kann Emily Dickinson nicht leiden, obwohl sie gut ist.) Wenn ich ein Vogel wäre, könnte ich fliegen. Aber sie  (the other bird) schreibt davon, wie sie dem Kadaver ein Auge auspickt, das dann sacht in den Wüstensand fällt und in eine Kuhle purzelt. Es lässt sich am Bildschirm jede grausliche Szene in eine Gamer-Situation verwandeln. Auch das ist ein Triumph des Bösen, das die bloß Klugen verleugnen müssen, um gelehrt weiter plappern zu können. Ich frage mich, welche Geste hier passend wäre: Eine An-Deutung der Verständnislosigkeit die auf das Verstehen zielt. Und: Verstehen heißt nicht verzeihen. (Zuletzt landen wir stets bei Gemeinplätzen.) Ich stelle mir vor, wie ich als junger Mann im Jahre 1889 in einer Kutsche nach Stettin sitze, einer Frau verzweifelnd folgend, die ich geschwängert habe, aber nicht liebe. Unter meinen Füßen rattern die Räder über holprige Wege. Schlage ich jetzt die Beine über einander? 

Lost in between. 




Donnerstag, 14. August 2014

"SICH VERSTÄNDLICH MACHEN?" Einladung zu einer Tagung von bzw

Auf "Gleisbauarbeiten" ist es und wird es in den nächsten Tagen (mindestens bis zum Wochenende) ziemlich ruhig sein. Wir stecken mitten in den Besichtigungsterminen, um unser Haus zu verkaufen. Eine sonderbare Erfahrung. Verkaufsgespräche sind nicht so mein Ding und ich bin froh, dass sie nicht zu meinem beruflichen Anforderungsprofil gehören. Andererseits: Ich glaube auch hierbei daran, dass langfristig am zufriedensten und in diesem Sinne erfolgreichsten nicht diejenigen sind, die den größtmöglichen Profit einstreichen, sondern diejenige, die mit sich selbst "im Reinen" bleiben. Unser Haus ist schön, aber alt - und es gibt Einiges zu tun. Das versuchen wir den möglichen Käuferinnen und Käufern ehrlich zu vermitteln. Wir sind ein wenig überrascht und auch überfordert angesichts der großen Nachfrage. Hoffentlich finden wir Menschen, die gerne hier leben werden. Unsere Söhne, beide in diesen Wochen noch mal anwesend, stehen dem Verkauf zum Glück unsentimental gegenüber und freuen sich mit uns auf einen Neuanfang. Der Amazing, der für ein halbes Jahr in Spanien studieren wird, sucht noch immer einen Zwischenmieter für sein Gießener Zimmer. Vielleicht kennen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ja zufällig eine Studentin/einen Studenten, die/der dringend eine Bleibe in Gießen sucht. Dann leiten Sie den Link doch bitte weiter.


Warum ich aber tatsächlich heute doch mal kurz poste:

Die Redaktion von bzw (beziehungsweise weiterdenken) wird am Samstag, dem 28. Februar eine Tagung in Frankfurt/Main unter Titel "Sich verständlich machen?" veranstalten, die wir bei unserem vergangenen Redaktionstreffen in groben Umrissen bereits geplant haben. Ich freue mich sehr auf den Austausch und das Weiterdenken mit Leserinnen und Lesern und würde mich freuen, wenn ich auch einige der Leserinnen und Leser von "Gleisbauarbeiten" dort begrüßen könnte. Nähere Informationen gibt Antje Schrupp im "Blitzlicht" des Monats August auf bzw: HIER. Eine formale Ausschreibung mit Anmeldemöglichkeit erfolgt Ende des Jahres.

Und nun erst einmal bis Montag. Drücken Sie uns die Daumen!



Freitag, 8. August 2014

FROMME IDYLLEN oder DENK-PAUSE IN DER SÄKULAREN WERKSTATT ("Mehr Meer")

Ich mag Sommerregen. Ganz klischeehaft: Dancing in the rain. Manche Regengebiete dagegen legen sich düster übers Gemüt. Ihnen auszuweichen ist Selbstfürsorge. (Auch unter jenen männlichen Menschen, die haupt- und amtlich Philosophie betreiben/betrieben, also  Lebenszeit vor allem in Denk-, Lese- und Schreibzeit wandeln, ist die Fähigkeit genau dazu historisch wenig verbreitet gewesen. Man(n) stützte sich stattdessen traditionell auf Sklaven, Dienstboten und/oder verwandte und angeheiratete Frauen. Vor allem deshalb kann/konnte man(n) sich über die Menschheit, ihre Optionen und Begrenzungen, insbesondere die Bedeutung der Abhängigkeit, eine Menge Illusionen machen und nur aus einem sehr eingeschränkten Blickwinkel "urteilen". Es fällt bisweilen schwer, denen nicht selbst fälschlich verurteilend "den Prozess" zu machen. Denn immer wieder liest sie: Vielzitierte Namen weißer Männer. Ein sich selbstbestätigendes Karussell des Denkens, das Beweglichkeit nur suggeriert. Im deutschsprachigen Raum dürfte das Missverhältnis noch ein bisschen krasser sein, nicht nur in der gelehrten und gern belehrenden "Philo-Blogo-Sphäre" mit ihren sieben bis zehn deutsch-französischen Referenz-Denkern. Gelegentlich ziehen da und wie auch dort sehr trostlose Regengebiete auf. Ausweichen. Unterstellen.) Den Regen, den eine liebt, lässt sie sich gefallen. Sonst keinen (mehr). Ich trage oft einen gelben irischen Regenmantel, der aber im Sommer schwer wird und hitzig. Dann richte ich das Gesicht gen Himmel und nehme die Tropfen auf. Meistens jedoch stelle ich mich unter und lasse ihn vorüber gehen. 

Lese- und Denkabenteuer: Was Freiheit sei, Macht, Stärke und Gewalt, Gemeinschaft, Staat. Neubegründungen/Neubegehren im Vergleich. Die Grenzen des Auslaufmodells der Vertragsrechtstheorie von Hobbes bis Rawls aufgezeigt: Bei Shklar, Nussbaum, Muraro. Gemeinsamkeiten: Freiheit ohne Autonomie, die Bedürftigkeit des Menschen als Ausgangspunkt, der Wille zum Wählen statt zum Wissen. Differenzen: Gebürtigkeit als Voraussetzung, die Veränderung der  symbolische Ordnung, Rechtfertigungs- und Anschlussstrategien bzw. der Verzicht darauf. Vielleicht sollte ich auch noch mal bei Hannah Arendt reinschauen. Das klingt wie die Ankündigung eines spontanen Besuches. Mit Absicht. Inspiration statt Analyse. Was bedeutet es, etwas zu verstehen? Antworten anzuerkennen oder Fragen weiterzuspinnen

Es hört immer wieder auf. Zu regnen. Mir fehlt das Meer mehr. In diesem Jahr. Lesen. Schreiben. Was Freiheit sei, Macht, Stärke und Gewalt, Gemeinschaft, Staat. Wäsche waschen. Blumen gießen. Fersen pflastern.

Aartal
Drei Tage in der Nordeifel und im Aartal. Eine wesentlich misslungene, dreiteilige Ausstellung zu Karl dem Großen in Aachen, der es an einem durchgängigen didaktischen Konzept fehlt. Viele Exponate erschließen sich dem Laien ausschließlich durch den Audioguide, einzelne  gute Ausstellungsideen (Reisewege, Hofstaat) sind nicht durch einen "roten Faden" miteinander verbunden. Durch Offenlandschaften wandern bis die Fersen bluten (nicht bildlich). Überall Idylle totalitär, wundersam staubfrei. Aachen wurde schon im Winter 1944 von der US-amerikanischen Armee befreit. "Wusstest du das?" Auch die Briten rückten vor an den Rhein: Brückenköpfe des Liberalismus in pseudo-idealistische und postfaschistische Szenerien. Nach 60 Jahren immer noch restaurative Verletztheit allerorten. Strukturen, Ideologien und Ideale schlagen Menschen. Meistens tot.

Karl hingegen kannte kaum Landkarten. Wie stellte er sich sein wachsendes Reich vor? Eine Kette von Nahgebieten, Reisen von Fixpunkt zu Fixpunkt, alles horizontal, keine Draufschau. Er war immer unterwegs. Aber im Glauben fest. Fried behauptet, Karls Politik sei geprägt durch seine GottesFURCHT. Der König, der Gott auf Erden vertritt, angetrieben durch die Angst vor dem Urteil des HERRN im Jenseits. Dafür müssen Tausende Sachsen sterben. Die Heere und der hehre Glaube. Besser eine Seele retten als ein Leben. 

Jäger-Heil mit Häkelblume, Rursee
Eine Aussage, die ich nicht mehr hören, nicht mehr lesen kann: "Mit der Religion hat das nichts zu tun." Die Verbrechen der Krieger des "Islamischen Staates" haben selbstverständlich nichts mit dem Islam zu tun. Die Kreuzzüge der christlichen Fürsten im Mittelalter haben nichts mit dem Christentum zu tun. Dass sich manche Gläubige den Schlächtergott von Mose, der am Sinai 3000 "Ungläubige" hinrichten lässt, zum Vorbild nehmen, das hat nichts, gar nichts mit den abrahamitischen, auf einem exklusiven, eifersüchtigen Gott bestehenden Religionen zu tun, denn "unser" Gott ist gut und "unsere" Religion(en) friedfertig. Wer das nicht glaubt, verletzt die jeweils Gläubigen. Arg. Nicht körperlich, freilich, denn er haut ihnen ja nicht den Schädel ein oder schießt mit Raketen auf sie, das nicht, aber in ihrer Seele. Und: Siehe oben - Seelen sind wichtiger als Leben: "Mord als Gottesdienst".  "Der Fundamentalist" ist der Titel einer Erzählung aus der Reihe "Auto. Logik. Lüge. Libido", die schon länger in der Pipeline steckt und die ich - aus aktuellem Anlass - zur Zeit "überschreibe".

Iris hat eine Blog- und Twitterpause angekündigt. Schade. Ich hoffe, sie kommt bald zurück. Ich werde ihre Blogbeiträge sehr vermissen. 

Freitag, 1. August 2014

STATS. BROWSEN. (Bloggen macht Freude. Nicht nur.)

Auf beziehungsweise weiterdenken habe ich heute eine Buchempfehlung für ein Werk veröffentlicht, über das ich bereits 2010, unmittelbar nach Erscheinen, hier im Blog geschrieben hatte. Weil ich Heike Schmitz´ "unsereiner. kriegsundführerkinder" noch viel mehr Leserinnen und Leser wünsche. Zur Besprechung: Hier. Buchempfehlungen, wie die Mehrzahl aller Blogposts (inzwischen sind es in diesem Blog 1549), verschwinden nach wenigen Tagen oder Wochen in den Tiefen des Blogarchivs, werden nur selten von Suchmaschinen noch einmal hochgespült, so zuletzt mal - wegen eines auf Arte gezeigten Beitrags - zu meiner großen Freude meine über die großartige Janet Frame.

Antje Schrupp hat auf ihrem Blog Überlegungen zur Argumentation von Khola Maryam Hübsch für das muslimische Kopftuch angestellt, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Ich habe beruflich täglich mit Frauen zu tun, die aus religiösen Überzeugungen ein Kopftuch tragen. Nur selten ist das Tragen des Tuches Thema eines Gesprächs. Ich finde, es steht weder mir noch sonst jemandem zu, Frauen wegen ihrer Kleidung "zur Rede" zu stellen, handele es sich um ein Kopftuch oder um ein Bikini-Oberteil. Dennoch habe auch ich mich gelegentlich an einer bestimmten Begründung für das Tragen des Kopftuches gestört. Nämlich jener, die Antje Schrupp als diejenige von Kola Maryam Hübsch referiert: Das Tuch mache die Frau "reizarmer" für männliche Blicke und stabilisiere so das eheliche Treueversprechen bzw. die voreheliche Keuschheit. Dies Argumentation überzeugt mich nicht nur nicht, sondern sie betrifft mich als Nicht-Kopftuchträgerin auch, weil sie implizit behauptet, das offene Tragen des Haares oder Zeigen von Haut sei ein Signal an Männer und werde von denen zu Recht als sexuelle Aufforderung verstanden. Das ist ein Blick auf den weiblichen Körper und dessen Bekleidung, den ich ganz grundsätzlich ablehne, ob er von muslimischer Seite vorgetragen wird oder von Hugh Hefner. Nämlich einer, der im Körper der Frau und dessen Präsentation nichts anderes sehen kann als ein Zeichen an (heterosexuelle) Männer. (Vgl. hierzu auch: Mein Körper. Dein Körper. Ein Körper) Selbstverständlich halte ich auch einen Blick auf Männer, der ihnen nicht mehr zutraut, als simpelste Reaktionen auf ein primitives Zeichensystem, das jeder Primat erlernen könnte, für herabwürdigend. 

Heute habe ich mich beim Anschauen der Statistiken zu meinen Blog gleichzeitig gefreut und den Kopf geschüttelt. Anlass für Freude war, dass eine Erzählung aus der Serie "Auto.Logik.Lüge.Libido." mehrfach angeklickt wurde, die mir besonders wichtig ist: "VERMISST. Großvaters blaue Kladde." Es ist halt, wie es ist: Während ein Rant ruckzuck die Tausend-Klick-Grenze überschreitet, werden diejenigen Texte, an denen mir weit mehr liegt, viel seltener gelesen. Allerdings von Leserinnen und Lesern, wie ich sehen kann, die regelmäßig auf dieser Seite sind und von einigen dieser auch mehrfach. Das freut mich. Es kommt eben beim Bloggen (mir) nicht darauf, möglichst viele Menschen zu erreichen, sondern einige, aber die besonders. 

Weniger freut mich, dass jemand (und es ist nicht schwer zuzuordnen, wer das sein mag) sich heute wieder mal ausführlich mit den Virtuellen Gender-Identitäten und damit verwandten Beiträgen befasst. Die Beweggründe (und Absichten) kann ich ahnen. Und es gefällt mir nicht. Aber so ist das halt auch. Beim (sich) Veröffentlichen. Trotz all der Verstellungen. Oder um ihretwillen. Ich verspreche mir heute jedenfalls selbst, auf nichts mehr aus dieser Ecke zu reagieren. Mit ein bisschen Glück kriege ich es nicht mal mit. Ich habe schon in anderen, nicht virtuellen Zusammenhängen, genug mit narzisstischen Überzeugungstätern zu tun, die (fast) alles auf sich beziehen. Im Netz kann eine solche viel leichter ignorieren. Das ist einer der Vorteile. 

Auch die nichtvirtuelle Welt hat indessen ihre Vorzüge. Zum Beispiel dieser sanfte Sommerhauch auf den Armen an so einem Tag, an dem die Terrasse zum zweiten Wohnzimmer wird. Und die Neffen, die sich als Spieleentwickler versuchen: "Expeditionen zu den Quellen des unbekannten Flusses" startet der G., während der E. die gestrandete Besatzung eines Schiffes über eine Menschenfresserinsel treibt. 



Sonntag, 22. Juni 2014

Samstag, 21. Juni 2014

MUTTERSTOLZ, MÜDIGKEIT, MATERIAL (irrelevanter Tagebucheintrag mit Link-Tipps)

Es gibt nichts zu berichten. Fast nichts. Die bleischwere Müdigkeit, die krank macht, fesselt mich weiter, nicht immer ans Bett. Und doch: BenHuRums Collagen werden ab kommenden Dienstag wieder regelmäßig erscheinen. Technische Probleme (Licht. Licht: zuviel, zuwenig.) konnten behoben werden. Weder zu Frank Schirrmachers Tod noch zur Fifa-Männer-WM fällt mir dagegen was ein. Beides Themen und Ereignisse, die einmal mehr die Existenz von beinahe verbindungslos nebeneinander existierenden Paralleluniversen aufzeigen. Was in der einen Welt Erschütterungen auslöst und eine fast unübersichtliche Flut von mehr oder minder peinlichen "Frank-und-ich"-Artikeln bzw. Experteninterviews, ist anderswo (z.B. hier) ziemlich irrelevant. 

Ich lese viel. Zuletzt: "Pust ihn um Joe"-Wegwerf-Krimis, außerdem: Anne Tyler: Dinner at the Homesick Restaurant,   Edith Wharton: The Old Maid,  Barbara Beuys: Die neuen Frauen. Revolution im Kaiserreich, Karim El-Gawhary: Frauenpower auf Arabisch, Martha Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit. Und schreibe eifrig (auch über das eine oder andere Gelesene). Nichts, was ich (schon) hier einstellen möchte oder kann. (Noch kann ich mich auch nicht entscheiden, welches "Projekt" ich weiter folge: den Dizzy-Krimi, den Sabinen-Heimat-Roman oder den ScienceFiction um das sonderbare Geschwisterpaar Sternchen und Schnuppe. "Du musst dich konzentrieren und fokussieren", sagt das Über-Ich. "Zerstreu dich", trällert das Es. "Hör auf mit dem Freudschen Bullshit und mach endlich was.", sagt das große ICH. "Gönn dir mal ´ne Pause und schlaf dich aus.", flüstert das kleine ich.) An Auftragsarbeiten sitze ich auch: Über Menstruation in unserer und anderen Kulturen, über Geschäfte mit "Reinheit vs. Unreinheit" und ein Produkt, das ich gerne schon 35 Jahre früher gekannt hätte: die Menstruationstasse

Bin außerdem stolz wie Bolle als Mutter (der Mastermind hat ein mastermindiges Abi hingelegt) und zugleich vom Abschiedsschmerz geplagt: das Nest wird leerer. Gestern Nacht ist das kluge Kind zum Ballermann aufgebrochen, obligatorische Abschlussfahrt mit voraussichtlich grenzwertigen Verhaltensauffälligkeiten. Das kluge Nichtmehr-Kind fühlt sich in dieser Umgebung "uninteressant", was eher für es spricht. Der Amazing geht im Herbst für ein Semester nach Valencia, europäisches Recht studieren. Wohin es den Mastermind verschlagen wird, ist weiter offen. Komplizierte Bewerbungen für Psychologie-Studiengänge über ein sogenanntes "Dialogorientiertes Verfahren" sind zu verfassen. Das geht nicht ohne Flüche. Das alternde Elternpaar entrümpelt derweil das zu verkaufende Haus weiter und hofft, den Umzug in die neue Wohnung noch in diesem Jahr über die Bühne zu bringen. (Die künftige Einrichtung wird um dieses Kunstwerk von Charlotte Malcolm-Smith herum geplant.)

Ein paar lesenswerte Texte habe ich in der vergangenen Woche im Netz gefunden:
- einen schon am letzten Wochenende erschienenen schönen Artikel über das dumme Geschwätz von der Macht der feministischen Horrortussi in der SZ
und natürlich 
- den Text von Chelsea Manning in der NYT über "The Fog Machine of War"
und - last but not least -
- eine feine Kampagne des hiesigen Fußballvereins gegen Homophobie (Ich benutze das Wort mal, wenn auch mit Bauchschmerzen, denn, wie mir nicht nur der Amazing immer wieder sagt: die Gemeinten leiden nicht unter einer krankhaften Angst vor Homosexuellen)

Mit diesen Link-Tipps verabschiede ich mich ins Wochenende! Wünsche Ihnen ein schönes, ganz egal ob die Männer-Fußball-WM und/oder der Tod des FAZ-Herausgebers und/oder die Menstruationstasse für Sie relevant sind. 


Samstag, 26. April 2014

Links and more: Unkraut-Kulturen, gutes Publikum: Auf Wiedersehen!, Weltreise in erster Person, mehr Wachstum für Care-Arbeit u.v.m.

Das Bloggen (aber nicht das Schreiben anderer "Sachen": z.B. Porträts junger Künstler, Mordgeschichten ) fällt mir derzeit eher zur Last. Vielleicht gar nicht so schlecht, denn desto mehr lese ich anderswo.

Hier ein paar Links auf spannende Texte, die ich in dieser Woche gelesen habe:

Anne Roth schreibt über (Un-)Kultur im Netz: 
"Dass wir damit rechnen müssen, im Hass der Couchpotatoes zu ertrinken, wenn wir wagen, missliebige Meinungen zu äußern, führt die Idee der Meinungsfreiheit allerdings völlig ad absurdum. Die Akzeptanz, dass die Kommunikationskultur im Netz „eben so ist“, hat Ähnlichkeiten mit der sozialen Kontrolle in Dörfern: alles wird gesehen, alles wird kommentiert. Für die Freiräume von Subkulturen ist kein Platz. Die sind aber nötig, damit neue Ideen entstehen und ausprobiert werden können. Es scheint zum Volkssport geworden zu sein, verbal auf Feministinnen und andere Minderheitenpositionen einzudreschen. Einfach schweigend zuzuschauen ist keine Option, wenn das Internet nicht zum Stammtisch werden soll."

Jos Diegel, mit dem ich eine Sonderausgabe von PUNK PYGMALION vorbereite, die zu seiner Ausstellung in der Galerie Söffing ab dem 6. Mai 2014 herauskommen wird, schreibt auf FAUST KULTUR über käufliche Künstler_innen und gekauftes Publikum ein Manifest, das eigentlich keines ist: 
"Gut, wir werden uns in einer völlig künstlichen Art ein Modell vom Mann, von der Frau, von Beziehungen, von Publikum errichten. Glotzt nicht so romantisch. Das Kunstwerk ist das einzige, das so sitzt, dass es alle Gesichter im Publikum sehen kann. Das ist die Geschichte von der Frage nach dem Publikum. Jetzt ist aber Zeit von der Idee eines Publikums Abschied zu nehmen. Sag auf Wiedersehen, Publikum. Du verschwindest noch nicht, nur weil ich mir die Augen zuhalte."



Alban Nikolai Herbst berichtet in DieDschungel über seine "Weltreise" von Australien um Kap Horn zurück nach Europa auf einem Luxusliner. Beinahe jeden Tag spannend zu lesen: "Eine sehr alte Frau, Raucherin auch sie, hager, wissend, hat sich der Gruppe angeschlossen, wird von ihr, die Gehbehinderte, aufmerksam und still umsorgt; sie erzählt Geschichten. Der Flugängstler ist quasi jeden Abend betrunken, aber auf eine Weise, die sein persönliches Unglück zu einem großen Spaß macht, über den er flucht: Ich muß etwas erleben, ich muß etwas erleben! Ein kräftiger, sehr durchtrainierter Mann von um die dreißig, vielleicht fünfunddreißig; bevor er zu trinken beginnt, trainiert er hart im Fitneßraum, mächtige Schultern, Oberarme wie Reifen von Trucks, der Rücken eines Profiboxers, kein Gramm Fett, die Seele aber Teddy. Ungeheuer freundlich, offen, vorbehaltlos. Gestern vesuchte er, mich von meinem Henry James wegzuziehen, damit ich mit ihnen, ihm und paar anderen, spielte. Das sind die Momente, in denen ich meine Fremdheit wieder spüre, mich ihrer aber schäme, weil ich vorbehaltlos nie sein kann, oder nur in ganz seltenen Fällen. Daß man ein Dichter ist und dieses immer Distanz bedeutet, vermag ich allein in der Musik zu überspringen, und im Sex."

Dorothee Markert-Knüfer schreibt auf beziehungsweise weiterdenken über ihre Erfahrungen mit Care-Arbeit im ausgehenden Patriarchat: 
"Während ich solche Erfahrungen mache, lese ich fast täglich in der Zeitung, was staatlicherseits alles unternommen oder versprochen wird, um mehr Frauen zu mehr Erwerbsarbeit zu bringen, möglichst alle in Vollzeit, damit sie der Wirtschaft zu mehr Wachstum und dem Staat zum Füllen der Sozialkassen verhelfen. Ich sehe, wie in dieser Richtung Druck ausgeübt wird, indem Frauen vor der Altersarmut gewarnt werden, die ihnen aufgrund der neuen Unterhaltsgesetze ja auch tatsächlich droht, wenn sie nicht bereit sind, durch Erweiterung ihrer Erwerbs-Arbeitszeiten die schon beginnende Care-Krise weiter voranzutreiben, anstatt ihre Entscheidungen am guten Leben für sich und ihre Familien auszurichten. Daher bin ich sehr froh über die Initiative „Care-Revolution“, die hoffentlich eine breite Gegenbewegung auslösen wird. Dies wird aber nur gelingen, wenn erwerbstätige und in Vollzeit care-arbeitende Frauen sich in dieser Frage nicht mehr gegeneinander aufhetzen lassen. Voraussetzung dafür wäre aber, dass erwerbstätige Frauen damit aufhören, die von ihnen verrichtete Care-Arbeit – so wie ich – zum Verschwinden zu bringen, indem sie sie „irgendwie“, recht und schlecht mal schnell nebenher erledigen, obwohl ihnen das selbst gar nicht gut tut."

***

Alles, was ich lese und sehe, verwebt sich zu einem sehr heterogenen, bunten, mal fröhlich-frechen, mal zerknistert-beschämten, mal still-traurigen Teppich aus Wort-Fäden, Satz-Gewerben, Blick-Winkeln und Augen-Aufschlägen, die weiterarbeiten (Soon to come: Here!): die Sucht nach den Cotswolds-Krimiserien-Schmonzetten (26, am Stück runtergelesen), Georg Büchner (die Briefe, momentan nur die Briefe), Barbara Beuys "neue Frauen" des 19. Jahrhunderts, das Ende der Welt und die beste Detektivin eben dieser (Sara Gran - die Zukunft des Kriminalromans! Davon später mehr.), Colm Toibins "Marias Testament" (die Mutter als Ketzerin wider die Passion des Sohnes?), Susanne Englmayers "Augenblicke eines Blinden" (Später! Auch davon mehr!) und Donna Tartts "Goldfinch" (noch nicht sicher, ob mich das fesseln kann). Manche Leute lesen ja so im Studiermodus.: Ein Buch pro Monat oder Halbjahr oder so. Aber gründlich! Analysieren (d.h. zerlegen) die Sätze und Absätze und Zusammenhänge etc. ppp. Nicht mein Ding. Ich verschlinge und verdaue. Verarbeiten heißt für mich: einverleiben. Und anders interessiert mich´s nicht. Was sich dem versperrt, ist ausgeschieden. (Kalauernde Wortspiele - auf die wollte ich doch eigentlich verzichten...)

Kürzlich gesehen: Eine sehr gelungene Ausstellung zu Leben und Werk von Fritz Bauer im Jüdischen Museum in Frankfurt. BenHuRums (aka Thomas Hartmanns) undüstere Vögel (jetzt dichter zusammengeschoben unter der Decke), eigenartige Wäschehängung auf Balkonen....und und und. Ich war auch in "Lego. Der Film". Und nicht enttäuscht. 

***

Ich mag: Das Unvermittelte, die Mittelbarkeit und Differenzen. Wenn nichts zusammenpasst: Dann passt´s mir. Außer bei den Farben: Bei den Farben geht manches gar nicht. Zusammen. Und den Proportionen. Selbstverständlich. Aber auch da kommt es zu Täuschungen. Und Veränderungen. Eigen-Art-Ig.

Genug. Wenn Sie sich da durchklicken, ist Ihr Wochenende rum :-). 

Schönen Tag noch!



Mittwoch, 5. März 2014

DIFFERENZ ist keine Frage der IDENTITÄT

"Keine von uns hat sich für die Arbeit an der weiblichen Differenz begeistert, weil sie uns Identität gab..."

Auf beziehungsweise weiterdenken gibt es einen neuen Text zu Dorothee Markerts Serie über das neue Diotima-Buch: "Das Fest ist hier":

EINE POLITIK, DIE VON WEIT HER KOMMT

***


(Heute Favorit bei den Aufrufen auf dieser Seite überraschenderweise: Equipment of an Angel. Long time not thought about it. Still...)


Dienstag, 28. Januar 2014

Kurz verlinkt: "MEHR STOLZ, IHR FRAUEN!" (et.al.)

Antje Schrupps Überlegungen zum auch unter Feministinnen umstrittenen Thema Prostitution sind jetzt online: Prostitution ist kein Fall fürs Gesetz.

Barbara Duden hat "DieStandard" ein interessantes Interview gegeben: "Für uns war die Medizin der Hauptkampfplatz"  ("Gender und Emanzipation")

Helga Hansen zieht ein Jahr nach #Aufschrei Bilanz: "Ein Jahr nach #Aufschrei. Es schmerzt."

Auf beziehungsweise weiterdenken berichte ich von einem Gespräch mit Imke Meyer, die mehr als anderthalb Jahrzehnte Frauenbeauftragte in Hanau war: "Mehr Stolz, ihr Frauen!"

Auf Julius Henkels Blog kann frau/man im Kommentarstrang nachlesen, wie und was manche Mitmenschen so "denken" und mit welchem Müll sich Nicht-Heterosexuelle in unserer achso-toleranten Gesellschaft täglich rumschlagen müssen: Matheunterricht - Klaus und Peter heiraten!. (Achtung: Eklig! Die Kommentare!) Aufschlussreich (und ebenso abstoßend) in diesem Zusammenhang auch das Interview von Jens Lehmann, zu dem "11 Freunde" Stellung nimmt: "Duschen mit Betroffenen".


Bleiben Sie dran! (Es folgt heute noch ein BenHuRum. Später.)

Montag, 23. Dezember 2013

"DAS FEST IST HIER"....

ist der Titel des "neuen" Diotima-Buches: LA FESTA È QUI, das leider vorerst nur in italienischer Sprache verfügbar ist.

Aber: Dorothee Markiert macht mir und vielen anderen ein wunderbares Geschenk und veröffentlicht auf beziehungsweise weiterdenken eine Serie, in der sie die ihr wichtigsten Textstellen aus dem Buch zusammenfasst. Zu dieser Serie sind bisher zwei Artikel erschienen und ich freue mich schon auf jeden folgenden.

Im ersten Text geht Dorothee Markert auf die Einleitung des Buches von Chiara Zamboni ein. Zamboni, so schreibt Markert, verstehe das Buch als eine Einladung zu dem Fest: "In den Texten dieses Buches wird ein gemeinsames Bemühen deutlich, nach neuen Wegen zu suchen, um auszuweichen, den Ort zu wechseln und so die Logik der Macht zu untergraben. Es geht darum, nicht in Fallen zu tappen und sich auch nicht in die Erhaltung toter Dinge verwickeln zu lassen. Denn es ist ja offensichtlich, dass die alten politischen und wirtschaftlichen Institutionen sich selbst überlebt und ihre symbolische Kraft verloren haben, weshalb versucht wird, durch immer neue und immer einengendere Regelungen gegenzusteuern, die aber die Probleme nicht lösen und nur Leid für die Menschen bedeuten, die ihnen unterworfen sind." Das Denken, das in diesem Buch offenbar erprobt wird, ist eines, das sich nicht einbinden lassen will  in die vorhandenen Denk-Strukturen, in das "Abarbeiten" der "großen" Begriffe, sich nicht mit der (ewigen) (De-)Konstruktion des Falschen aufhalten will, sondern das Neue erproben:

Den Sprung. Um den geht es im zweiten Text, den Dorothee Markert eingestellt hat: "Beim Sprung auf der Stelle merken wir, dass das Fest hier ist." In diesem Text erläutert Markert, was mit dem Bild vom "Sprung auf der Stelle" gemeint ist, das Diana Sartori gefunden hat. Wichtig daran ist vor allem, nicht länger mit einem "Ich will da rein..." auf den Lippen an den Stäben zu rütteln. Es ist ja vielmehr so: Das Rütteln selbst und der Wunsch, "dazu zu gehören", da rein zu gelangen, bestätigen vielmehr und bewahren immer wieder jene symbolische Ordnung, die nicht mehr gilt. Springen heißt: Erkennen, dass die Stäbe nicht die Welt bedeuten und beschränken. "So können wir erst jetzt, nach dem feministischen Einschnitt, wahrnehmen, dass die weibliche Freiheit immer schon da war. Der Sprung verändert nämlich auch die Bedingungen der eigenen Unmöglichkeit. Was die Freiheit und den Sprung unmöglich zu machen schien, verliert im Rückblick das Zwingende und Unmöglichmachende. Denn: Es füllte nicht den ganzen Raum aus. Jene Ordnung, die etwas unmöglich machte, war im Rückblick keine Falle, sie war nicht alles. Ontologisch gesprochen ist jede Realität nicht alles, jenseits des Sprungs ist das immer wieder erkennbar - vorher nicht." Diese Erfahrung, so stellen die Diotima-Philosophinnen fest, gilt es auch fruchtbar zu machen in der aktuellen Debatte um den Kapitalismus. Auch hier gilt es zu erkennen und für eine politische Praxis zu nutzen, welche Teile unseres Lebens nicht durch den Kapitalismus geordnet und geregelt werden (auch und gerade, weil uns die Apologeten der letzten Atemzüge des Patriarchats von links und rechts weis machen wollen: Es gibt nichts anderes.)

"Der geeignete Ort zum Sprung ist immer da, wo wir sind."


Lesen Sie mit!

Diotima, La festa é qui, Napoli 2012
Zusammenfassungen von Dorothee Markert in loser Folge auf beziehungsweise weiterdenken

Sonntag, 15. September 2013

Freitag, 13. September 2013

DAS finde ich gut:


DEKLARATION DER 10 (statt kulturpessimistischer Vergangenheitsverklärung eine Zukunftsvision für die Literatur)


und das auch:

FEMINISMUS. Unbehagen

Montag, 9. September 2013

"Und was machen die Frauen?" - DRAMA-QUEENS, oder was?

In der Lärmende Akademie riechen sie sonderbar und inszenieren sich als Opfer, was sonst? Reden aber frech daher. Frauen halt. Männerstimmen quasseln aus dem OFF dazu.

STEINSCHLAG IM GEBIRG oder "Frauen riechen nach Fisch" (Mini-Drama 4)

Das nächste Mal muss das anders werden.

Es wird weiter geschabt. Any suggestions? (Palimpsest-Vorlagen)


BenHuRum, zuerst auf Gleisbauarbeiten veröffentlicht am 1. März 2011

Ich stelle diese Collage hier nochmals ein, weil in den Kommentar auf sie Bezug genommen wird.


Sonntag, 8. September 2013

AFFIDAMENTO UND DISFIERI - (M)Ein Rückblick auf die DENKUMENTA 2013


Idee und Kreation: Eleonora Bonacossa
Text: Ina Pretorius
Serviette: Bildungshaus St. Arbogast
Goldene Wolle: Großmutter von Regula Farner
Roter Garn: Ur-Großmutter von Regula Farner
Der Feminismus, den ich meine, ist einer der Abkehr von jenem Gestus, der für sich in Anspruch nimmt, für andere, gar für ALLE anderen, reden zu können, oft in bester, in fürsorglichster Absicht. Für diese andere Art zu sprechen, die weder behauptet: „Was ich denke ist autonom und subjektiv.“, noch sich anmaßt zu sagen: „Ich habe denkend so von mir abgesehen, dass ich das Objektive, das Allgemeine, das Weibliche oder gar das Menschliche zum Ausdruck bringen kann“, für ein solches Sprechen von sich aus, aber auf die Andere, den Anderen zu, ein Sprechen aus der Differenz also, das Verbindung und Verbindlichkeit sucht, statt sie per se auszuschließen oder  schlicht vorauszusetzen, muss allererst eine Sprache gefunden werden. Auf der DENKUMENTA lag ein Buch auf dem Büchertisch, das ich lange schon lesen wollte, Dorothee Markerts brillante Übersetzung von Chiara ZambonisUnverbrauchte Worte.  Seither lese ich darin, immer wieder unterbrochen durch andere Aufgaben und Notwendigkeiten, aber mit wachsender Begeisterung und Beglückung.

Die DENKUMENTA habe ich als einen Ort erlebt, von dem die Suche nach dieser Sprache ausgehen kann, eine Suche, die Vertrauen braucht, Optimismus entwickelnd, gegen die Wahrscheinlichkeit und für die Möglichkeiten. Die Begegnungen zwischen 70 Frauen und zwei Männern, das gemeinsame Denken, das Lachen und Essen, Tanzen und Singen, Wandern und Waten, auch sich zurückziehen und für eine Weile allein bleiben, waren geprägt von einer Haltung, die die Differenz nicht überwinden, sondern leben will. (Ich, zum Beispiel, habe gedacht, gelacht, gegessen, gewandert, im Wasser gewatet, mich zurückgezogen, aber nicht gesungen und nicht getanzt.) Der schönste Moment für mich war jener, als Eleonora Bonacossa beschrieb, wie sie 2002 in Salzburg begriffen habe: „Das Patriarchat ist zu Ende, wenn wir nicht mehr daran glauben.“

Außerhalb von feministischen Zusammenhängen (und gelegentlich auch in diesen) wird „das Patriarchat“ häufig schlicht als „Herrschaft des Mannes“ übersetzt. Es war sehr entlastend auf der DENKUMENTA weiterdenken zu können, ohne immer wieder über diesen Irrtum aufklären zu müssen. „Das Patriarchat“ sichert keineswegs einer Mehrheit der Männer oder Männern im Allgemeinen die Herrschaft; im Gegenteil: Auch die meisten Männer bleiben im Patriarchat notwendig Knechte. Das Patriarchat, an das wir nicht mehr glauben und das damit zu Ende geht, ist vielmehr eine bestimmte Art zu denken, die von Dichotomien wie Herr und Knecht, Geist und Körper, Freiheit und Abhängigkeit ausgeht und zwischen diesen eine klare Hierarchie entwickelt, zum Beispiel: Philosophie ist bedeutender und menschlicher als Ackerbau; geistige Arbeit hat selbstverständlich einen höheren Wert als körperliche Arbeit; die „richtige“ Theorie ist wichtiger als die „richtige“ Praxis, Freiheit ist nur als Gegensatz zur Abhängigkeit vorstellbar. Die Dichotomie der Geschlechter ist diesem Denken nur ein – wenn auch konstitutives – Element. Die geistigen Höhenflüge der patriarchalen Denker waren immer schon undenkbar ohne das Wirken der Sklav_innen und/oder Hausfrauen, die sich all der Dreckarbeit annahmen, für die sich der Geist des Herrn zu schade war und blieb. Das Denken der Patriarchen hat immer schon die Mutter und ihre Sexualität unterdrücken, verleugnen und verschwinden lassen müssen.

Doch bleibt ein solch polemisches Sprechen wider das patriarchale Denken selbst noch der Sprache des Patriarchats verhaftet. Es geht nämlich weder darum, die Frauen in die „höhere Sphäre“ zu versetzen (also klassische „Gleichstellungspolitik“), noch die falsche Ordnung einfach umzudrehen mit Parolen wie „Zurück zur Natur“ oder indem Gefühle gegen die Vernunft in Stellung gebracht werden. Was vielmehr zu lernen, wofür Orte und Sprache zu schaffen sind, ist das Denken des DAZWISCHEN.

Der Beitrag der Frauen zu diesem Denken ergibt sich aus der Erfahrung im (noch) herrschenden Denken immer nur als „das Andere“ vorzukommen. Aus dieser Erfahrung lässt sich eine Tradition von Verfahren und Formen, wie dieses Denken zu unterlaufen ist, entwickeln. Diese Tradition können Frauen gemeinsam entdecken und fruchtbar machen, auf vielfältige Weise, durch die Schriften von Vorgängerinnen, durch die Weitergabe von Techniken des Handarbeiten, Kochens und Schmückens, durch die Anerkennung der Autorität der Mütter, im Wissen um die Gebürtigkeit: Affidamento. Die Fähigkeit zum Affidamento stellt damit eben jene andere Art Art, sich denkend zu nähern, zur „Analyse“ vor; (ein Wort, das Lessings Schwager Mylius nicht umsonst als „Zerstückelung“ ins Deutsche übersetzt hat). Dabei ist Affidamento keineswegs kritiklose Übernahme, sondern die Fähigkeit, sich in der Differenz zueinander zu erkennen.

Auf der DENKUMENTA ergab sich die Möglichkeit eines solchen Denken aus den Beziehungen der Frauen und Männer zueinander. Für mich war wichtig, dass Antje Schrupp etwas ausgesprochen hat, was ich vorher nur schwer in Worte fassen konnte: Diese Beziehungen sind kein „Netzwerk“. Ihre Basis sind nicht Zusammenschlüsse  als strategische Bündnisse mit bestimmten Zielvorstellungen (wie beispielsweise Parteien). Die Beziehungen, die sich in diesem Denken verweben, sind zunächst stattdessen Beziehungen zwischen zwei Personen, die sich aufeinander beziehen und eben nicht auf „eine Sache“. Aus diesen konkreten Beziehungen zwischen zwei Menschen ergeben sich dann immer wieder Überschneidungen mit anderen, es bilden sich an bestimmten Stellen des Denkens und Handelns „Knäuel“, wo zwei, drei, vier, viele miteinander Weiterdenken können, um sich dann auch wieder zu trennen, in anderen Beziehungen neu zu finden und wieder aufzulösen. So kann ein Denken entstehen, dem es nicht darum geht, etwas zu „widerlegen“, „niederzureißen“, „abzulösen“, also sich immer wieder in die fatalistische Abfolge der (gewaltsamen) Revolutionen einzureihen. Mir ist im Anschluss an die DENKUMENTA noch einmal auf neue Weise klargeworden, dass hierin auch der entscheidende Unterschied zwischen dem Gebrauch der Worte  „Dekonstruktion“ und "disfieri(Luisa Muraro; damit ist gemeint, etwas – ein Gewebe – auflzuösen, aufzutrennen, im übertragenen Sinne „ent- machen“, „ent-machten“) besteht. Denn bei letzterem geht es eben nicht darum, etwas als das „Falsche“ zu entlarven und zu zerstören, sondern es aus seiner „Verstrickung“ zu lösen, wie einen Faden aus einem Gewebe, um daraus etwas Neues zu stricken oder zu weben, aber immer so, dass wieder Fäden lose hängen bleiben, an denen gezogen werden kann. Es ist Denken, das nicht „Recht haben“ will, sondern sich selbst als Vorläufiges, als gemeinsam zu Umschreibendes, zu Verwendendes, wieder Aufzulösendes begreift, ein Denken jenseits der Begriffe, eine Bewegung auf die Namen zu, in dem Bewusstsein allerdings, dass wir ihrer niemals habhaft werden, dass sie sich uns nicht als Besitz öffnen, sondern durch Gebrauch.

Die Unordnung, die sich aus der Auflösung des Patriarchats ergeben hat, die  Zerfallserscheinungen einer immerhin Jahrtausende alten Art und Weise, sich die Welt zu erklären, macht vielen Angst, nicht nur Männern. Wenn nicht mehr gilt, was  bisher gesagt, wie die Worte bisher definiert wurden, dann kommt das Enteignungen gleich. Was (Herrschafts-)Wissen war, wird obsolet.  Auf der DENKUMENTA war praktisch erlebbar, was diesen Verlusten gegenüber steht: Die Lust am NEUBEGEHREN; die Hoffnung auf die Entdeckung der DIFFERENZEN, die Chance, das DAZWISCHEN endlich denken zu können, statt sich immer wieder in die unfruchtbaren Kämpfe um das Entweder-Oder zu begeben.

Am Anfang und am Ende von allem steht die DANKBARKEIT. Ohne die Fähigkeit zur Dankbarkeit wird es kein gutes Leben geben.

Danke den Veranstalterinnen der DENKUMENTA  für diese Erfahrung!

Luisa Muraro: Die Menge im Herzen, € 12,50 (antiquarisch)

Links zu weiteren Rückblicken auf die Denkumenta aus anderer Perspektive:
Hier.

Donnerstag, 5. September 2013

Die DENKUMENTA hat jetzt ein Blog:

DENKUMENTA. Gutes Leben im ausgehenden Patriarchat

Nachtrag 8.9. 2013:

Nach und nach werden die ersten Eindrücke und Berichte von der Denkumenta in verschiedenen Blogs veröffentlicht. 

Ich werde auch hier darauf verlinken:

Katrin Wagner: Denkumenta und "Frau" mit/ohne Sternchen
Matthias Jung: Differenz und Verbundenheit. Rückblick auf die Denkumenta
Cornelia Weber: Nie musste ich überlegen, wann sage ich was wann wo...

Montag, 2. September 2013

"Und was machen die Frauen jetzt?" NOCH MEHR LÄRM IN DER AKADEMIE

Sie muss nicht jeden Fehler dreimal machen. Und außerdem: Jede Ehe ist anders. Trotzdem: Wegen der Liebe muss eine sehr tief in die Trickkiste greifen.

Tiefer!

Wie jeden Montag in Ihrer Akademie: Frauen dramatisieren. Das dritte Mini-Drama ist da.

Heute: DIE DRITTE EHE oder "Jedes Wort ist ein Abtasten der Körper"

Sonntag, 1. September 2013

"Ich habe kein idyllisches Verhältnis zum Feminismus." (Luisa Muraro)


Ein Labyrinth wächst und verändert sich...Gestalten gestalten...



Kein Idylle. Aber Dankbarkeit dafür, anfangen zu können mit dem guten Leben -
mit den anderen Frauen, ihre Autorität zu spüren, an ihrem Wissen teilzuhaben und sich gemeinsam zu vergewissern: "Das Patriarchat ist am Ende." 

Manche wissen es leider noch nicht. 
Gelegentlich müssten wir wohl Anzeigen schalten, um daran zu erinnern. Ungefähr so: 

"Um das Jahr 2000 herum verstarb, nach langer, schwerer Krankheit  

das PATRIARCHAT.

Es ruhe in Frieden."

(Auch mal in den Mainstream-Medien, die vorwiegend Männer lesen. Für die ist das doch auch interessant.)



Vielen herzlichen Dank den Organisatorinnen der DENKUMENTA

Ursula Knecht (Layrinthplatz Zürich)
Caroline Krüger (Philosophin aus Zürich)

und

dem gastgebenden Team der


Denn: Gutes Essen und Gastlichkeit gehören zum guten Leben dazu:





Es geht weiter: