Dienstag, 19. Oktober 2010

EDITH ACHTER: VERKRAMPFTER KAMPF UM WIRKLICHKEIT

In „Feier der Bedeutungslosigkeit“ wurde Heilmann, Besitzer einer winzigen Buchhandlung im Prenzlauer Berg, in die Erzählung „Melusine featuring Armgard" (INHALTSANGABE) eingeführt - beziehungsweise aus ihr entfernt. Heilmann, wie es scheint, lernte Melusine/Armgard nach dem November 2009 kennen. Ich vermute, dass es Ende Januar 2010 war. Er spielt mithin für das Geschehen im Roman, der am 16. November 2009 endet, keine Rolle. 


D a s jedoch scheint nur so. Denn es ist sicher, dass ohne Heilmann nicht hätte geschehen können, was in der Vergangenheit von Melusine/Armgard geschehen ist. Wie das miteinander zusammenhängt, vermag nur zu sehen, wer die blaue Tür durchschreitet. Jedoch verließen wir die Buchhandlung, Sie erinnern sich ("Zur Feier der Bedeutungslosigkeit"), mit Melusine und der persischen Prinzessin durch den Vordereingang. Wir müssten weiter zurück, um zu verstehen, was Melusine Heilmann zu danken hat. Dazu wird es (bedauerlicherweise?) notwendig sein, das Umfeld Heilmanns näher kennenzulernen. Einer der Widerstände heißt Edith (Das war die graue Maus, erinnern Sie sich, die den schwülen Gesang der Prinzessin mit den kalten Worten kommentierte: „Bei soviel erotischer Verlorenheit muss ich kotzen.“ In Wirklichkeit ist Edith schön. Melusine und die Prinzessin allerdings konnten das nicht erkennen, damals.)


Anmerkung 25.07.2011: Edith heißt jetzt Almuth.


Edith Achter

Heilmann hatte mit Edith, dachte er zunächst, das große Los gezogen. Denn Waise Edith, schwungvoll aus den Bodelschwingh´schen Anstalten getreten, gab sich schlagfertig und wortwitzig, wo immer sie auftauchte. Da aber lag auch das Problem. Heilmann bemerkte es leider zu spät. Edith war einfach immer da. Und sie musste immer das letzte Wort behalten. Ihr letztes Wort war nicht selten gewandt. Jedoch wusste es kaum einer mehr zu goutieren, da Edith, bis es fiel, alle zum Verstummen getrieben hatte. Denn Ediths Witz erschöpfte sich und andere darin, gehässig niederzumachen, was sie selbst nicht aufzubauen verstand. Leidenschaftlicher Hass entzündete sich bei Edith, wenn sie bei anderen ein Gelingen wahrnahm. Dabei ging es ihr nicht plump um Karriere, Gewinn, Sieg. So wenig subtil war Edith nicht. Sie ahnte und witterte das Gelingen auch dort, wo es nicht triumphierte: darin dass andere einander verstanden oder sich doch erfolgreich die Illusion des Verstehens wechselseitig zu verschaffen wussten. Aber auch wenn es einem gelang seiner Befangenheit, seiner Angst, seinen Qualen Ausdruck zu verleihen oder sich umgekehrt in seine Lust zu steigern, einen tollen Lauf zu nehmen, ausufernd sich zu verschwenden, wurde Ediths Missgunst bis zum äußersten gesteigert. Sie, allerdings, rechtfertigte ihr boshaft-selbstzertörerisches Dreinschlagen damit, dass sie die Wahrheit enthülle, das Profan-Hässliche unter der Schminke der Poesie freilege. Edith, soviel muss gesagt sein, war schön. Sie hatte es, dachte man, dachte auch sie, nicht nötig sich zu schminken. Jedoch nötigte ihre Unfähigkeit, lebendig zu sein oder auch nur das Lebendige zu dulden, sie, immer eine Maske und ein enges Korsett zu tragen. Gerade das hatte zu Beginn auf Heilmann sexy gewirkt. Doch war dies Empfinden längst dem Grauen gewichen, das Ediths steter Kampf gegen das Leben in ihm inzwischen auslöste. Dennoch kamen sie voneinander nicht los. Sie wollte, was in Heilmann lebendig geblieben war, abtöten, während er sich seine verbliebene Virilität und Vitalität in der Abwehr von Ediths Attacken stets aufs Neue bewies.

Kommentare:

  1. Sie vergessen zu erwähnen, liebe Melusine, wie zärtlich sich Edith um das Widderkaninchen kümmert, das ihr ein abtrünnig gewordener Liebhaber vor langen Jahren als Zeichen seiner Ergebenheit schenkte, bevor er endgültig das Weite suchte.

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  2. In der Tat, das vergaß ich. Gut dass Sie mich daran erinnern!

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