Freitag, 5. November 2010

MOSKAU IST AUCH KEINE METHODE

Es kamen keine neuen Nachrichten aus Moskau (Hier:). Drohend braute sich ein Schweigen zusammen. Der Code ist verbrannt, wurde behauptet.  Doch las sie nur wenige Tage später: Sie nannten ihn KriegundFrieden. Was ihr auch keiner mehr nehmen konnte: Sie hatte von Anbeginn an Pierre geliebt, dessen Eintreten im Gesicht der Fürstin „Unruhe und Furcht“ auslöste, eben deshalb. Der jedoch rief sie damals noch "Natascha", wenn sie sich im Schnee wälzte. Doch sollte davon später nie mehr die Rede sein. Diese Namen vergingen. Investments waren getätigt worden. Wir wollen, beschworen sie einander, nicht mehr daran denken, dass Moskau brannte. Doch die Flammen züngelten  lichterloh ins Gebälk, als sie sich im Schlittengeläut umwandte. Im kalten Winter vor Moskau fror die Große Armee. Als sie zurückschlich durchs verschneite Europa, überfielen die halbverhungerten Burschen aus dem Rhonetal wildgewordene Freischärler an der Oder. Eine Leiche am Ufer des Flusses mit durchlöcherten Socken. Melusine wird den großen Zeh, der bläulich ins Morgenlicht ragte, sehen, solange ich denke. Dort am Ufer fühlte sie seinen Blick auf sich gerichtet und wie im Märchen „duftete ihnen plötzlich jenes vergessene Glück entgegen, an das sie nicht mehr gedacht hatten, namentlich jetzt nicht.“

Ein anderer aber schrieb neunzehnhundertachtzig von Moskau aus: Solange ich denke, schrieb der, solange ich denke also, bin ich nicht, nein, bin ich nicht absolut vernichtet. Was aber heißt: ich denke? Unser Lehrer Klaus schrie voll Inbrunst: Ihr denkt doch nur, dass ihr denkt, schrie der uns an. Das leuchtete mir ein. Den verehrte ich tief, bis ich eines Tages auf seine Hände sah. Es war, als habe er gelesen: „Nüchternheit ist Lebensnorm.“ Da traute ich ihm nicht mehr. Denn richtiger war: „Bin nicht Logik, sondern fehlerhafte Suche.“ Das machte mich irre.

Letztlich geht es doch immer nur um die Frage: „Ist Revolution auch gütig denkbar?“ Das wurde verneint, dachte sie. Ein Versuch, ein Experiment, die Hoffnung, dass aus dem Bunker das Schmerzgeschrei sich befreit und zum revolutionären Gruß wird, Brüder und Schwestern. „Die Nacht auf dem harten Bette verlief ganz gut.“ Ausweichmanöver führten auf Abstellgleise. Bern. Brüssel. Paris. Spree Athen. Überall rührte sich die Humanität nur verpelzt. Wir müssen lernen, die Winter nackt zu überstehen, sagte Edith und hakte sich unter. Heilmann bestand darauf, dass er ein Kind von ihr haben wolle. Das war nicht bedeutungslos. Aber: „Nichtdinge beschäftigen den, den das Problem der Bezeichnung der Dinge beschäftigt, sein Problem ist Nichtproblem, nichtich sein ich.“ Kein Kind also, sagte Edith. Denn deine Hand zittert. Nimmst du Hasch?

Im Hotel Lux boten die Ratten ´42 alles an. Grünlich schimmerte Gaslicht über die Flure. Wie konnte es dich nach Moskau verschlagen, hatte er gefragt, die Lippen zusammen gezogen wie ein verhungernder Kater. Er freute sich nicht, sie hier zu sehen. Auch Moskau liegt am Meer, hatte sie geantwortet, wusstest du das nicht? Heilmann hatte die Achseln gezuckt.  Nun ja, die Kanäle... Sie war in diesem smaragdfarbenen Fetzen um ihn herum geschwebt und hatte gerufen: „Die Phantasie lebt, so lange der Mensch lebt, der sich zur Wehr setzt.“ Heilmann hatte ihr den Mund zuhalten müssen. Jeder verrät hier jeden. Ich muss, klagte er, zweiundvierzig Fragen beantworten. Kein Fischschwanz wird mich durch den Wolga-Donau-Kanal tragen, Melusine. Was rät die Partei?, fragte ich, da hätte er mich gerne geschlagen.

Von Moskau sprach Melusine daher nicht, als sie Heilmann nach einem halben Jahrhundert in Berlin wieder traf. Später bereute sie das. Was wäre geschehen, wenn sie zusammen ans Fenster getreten wären, hinaus ins Schneegestöber zu schauen? Durch Heilmanns blaue Tür gegen das Rekonstruktionsbegehr und die Zeitkontrolle hätte in den Berliner Oktober der Moskauer Schnee des Jahres 1926 fallen können. Doch Heilmann, wusste sie, sonnte sich gerne im Süden. Im Januar 27 aber „herrschte herrlich warmes Wetter“ in Moskau. Vielleicht wäre die Stadt uns näher gerückt. Ich hätte Heilmann erzählt, was Melusine dort noch gesagt hatte: „Ich bin ja ganz passiv.“ Er habe darauf geantwortet, er sei sich sicher, dass der gegen ihn erhobene Vorwurf ein Unsinn wäre. So hätten, dachte ich, wir an den See hinaus fahren können, um auch die Seelen zu untersuchen. Doch hört sich gerade das in meinen Ohren ganz falsch an. Alles sei möglich, hatte Heilmann gesagt. „So lag der See da, tief in sich versunken, sanft und erschöpft.“ Moskau, wusste sie mit plötzlicher Gewissheit, ist auch keine Methode.

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Was in „Melusine featuring Armgard“ strengste Chronologie rückwärts gelesen ist (16. November 2009 – 16.November 1989), löst sich hier auf. Ob Armgard/Anne am 17. November 2009 den Flug nach Sydney nahm oder zurück nach Neuglobsow fuhr, ist zwar für das Geschehen um Melusine nicht unerheblich. Was immer geschah, es hinderte die Fischschwänzige jedoch nicht im Februar Heilmann zu treffen, den sie offenbar, wie jetzt deutlich wird, schon aus Moskau kannte. Oder aber: dem jemand über Moskau eine Nachricht zu senden versucht, zu deren Medium er Melusine ernannt hat. Wir kennen den Code nicht.

Zitate aus:
Leo Tolstoi: Krieg und Frieden
Walter Benjamin: Moskauer Tagebuch
Peter Weiss: Ästhetik des Widerstands
Rainald Goetz: Moskau

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