Dienstag, 20. Juli 2010

Reisejournal (5): Hampstead Heath

AUF DEM HÜGEL


Jane Campion hat in „Bright Star“ die Geschichte ihrer Liebe verfilmt: John Keats und Fanny Brawne. Diese Liebe inspirierte ihn zu den schönsten Gedichten, die er schrieb.


An Fanny (Sonett)


Ich schreie: hab Erbarmen! - Mitleid! - Liebe!
Liebe, die sich erbarmt und die nicht quält,
Beständige, arglose, offene Liebe,
Die makellos sich keine Maske wählt.


O gibt dich ganz! Sei mein - sei meinem Flehen!
Gestalt und Antlitz - süßer kleiner Mund -
Himmlische Augen, Hände, die verstehen,
Der warmen Brüste freudevolles Rund, -


Gib deine Seele - gibt dein ganzes All,
Halt nichts zurück, nichts - nichts!
Ich würde sterben! Und lebte ich, Dein elender Vasall
Ich würde doch an meinem Schmerz verderben!
Ich könnte meines Daseins Sinn nicht finden,
Mein Geist, mein Ehrgeiz würden stumpf erblinden!


Sie sind schön, diese Zeilen von Keats und die, an die sie gerichtet waren, wird - glaube ich - den Notruf, den er sendet, verstanden und ihre Hände ausgestreckt, ihn aufgenommen haben in sich, seinem Schmerz eine Wohnstatt angeboten haben. So dass ihm dieses Jahr noch blieb, in dem er schreibend sich unsterblich schuf und seiner Liebe zu ihr ein Denkmal setzte. Und doch: "Gib deine Seele - gib dein ganzes All", das ist ehrlich und grausam zugleich. Denn es heißt doch auch: Entäußere dich, übereigne dich, gib dich her. "Halt nichts zurück, nicht - nichts!" Nachher steht sie nicht nur mit leeren Händen da, sondern ist vernichtet. Die gibt´s nicht mehr, die sich ihm gibt. Es ist eine abgenutzte Metapher: dass man sein Herz verschenkt. Aber wer es wirklich tat, der weiß auch: Weg ist´s. Wer´s vergeben hat, bleibt herzlos zurück.

Der (männliche) Dichter löst sich das so: Der verschenkt sich nicht an die Geliebte, sondern an die Liebe. Von der fordert er´s immer zurück, hat er sie doch so schön besungen. Und die erneuert´s ihm auch, indem sie ihm erlaubt, - stirbt er nicht vorzeitig wie Keats - es wieder und wieder an eine andere vorübergehend zu heften. Nur ihr bleibt er treu, der Idee der Liebe, die er selbst geschaffen hat.

Geht es nur so? Dass die Liebeslyrik Verrat und Vernichtung des Liebes-Objekts ist, weil sie nicht mehr die eine Geliebte meint, sondern die Liebe selbst? Und könn(t)en und müss(t)en Frauen dann auch so schreiben? Wie soll aber ich nicht den Einen liebend besingen, sondern ein Bild? Wie soll ich nicht ersehnen, mich an eine ganz gewisse Brust zu schmiegen, sondern an die eines Apolls? Und fände sich überhaupt einer, der diese Rolle spielte, sich dahinräkelnd in ein Bild verwandelte, ein zu betrachtendes passives Es, in das sie sich imaginierte, was zu lieben sei? Und wäre der dann ihr noch "liebenswert"?

Heute werde ich nach Hampstead Heath fahren, dem von mir am meisten geliebten Stadtteil Londons, wo Keats lebte. Hier sang, schreibt Virginia Woolf, von der ich mich diesmal durch London führen lasse, "die Nachtigall. Hier wenn irgendwo waren Fieberanfälle und Ängste zu Hause und durcheilten dieses kleine grüne Stück Erde, über dem die bedrückende Ahnung von einem rasch herannahenden Tod und von der Kürze des Lebens, von Leidenschaft und Liebe und ihrer Qual schwebte."

CU.


(21.30 Uhr GMT)
Im Keat´s House spiegelte ich mich im Glas vor seiner Totenmaske. Er war ein zierlich-zarter Mann offenbar, jung und doch schon alt, gezeichnet von der Tuberkulose. Fanny und er lebten als Nachbarn in Hampstead Heath. Als ihm der Arzt sagte, er müsse in den nächsten Tagen das Bett hüten, schrieb er ihr: "You must, must come and see me..." Ein zerbrechlich fordernder Gebieter. Doch in dem Zimmer, das  zu ihrem Gedenken eingerichtet ist, sieht man: Sie verschwendete sich nicht vollständig an ihn. So lang er da war, gab sie, was er meinte, dass er´s brauchte. Doch schneiderte sie sich auch Kleider nach neuester Mode und mit ihrem Ehemann bereiste sie später den Kontinent und übertrug, was sie sah, nicht untalentiert in ihr "scrap book". Sie hat weiter gelebt. Und sich offenbar nicht nur "durchgelitten" wie eine Friederike. Diese englischen Mädchen sind praktisch und zäh und klug. Es ist nur romantizierende Dummheit, der eine solche Liebe weniger wert scheint.


Danach ging ich schwimmen im "Mixed Pond" im Hampstead Park. Wie riesig der sich ausdehnt mit LIchtungen und Wäldern über die Hügel: Man kann sich vorstellen, wie der König mit Gefolgschaft hier Hirsche jagte. Der Mixed Pond ist der kleinste der Badeseen. Es gibt noch den Men´s Pond und den Ladie´s Pond (Das ist der schönste.) Hier kann seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebadet werden. Erfrischung wie auf dem Lande, fast mitten in der Großstadt. Ganz ohne Duschen und Spaßgeräte und Kiosk, bloß ein paar Holzumkleiden und ein Steg, das war´s. Wer hierher kommt, der will schwimmen, sonst nichts. Gerade richtig also für mich. Zum Trocknen blätterte ich in der aktuellen "Elle" und las noch einmal  ausgewählte Stellen aus "Gaudy Night" (davon morgen mehr).

Kommentare:

  1. "[...]weil sie nicht mehr die eine Geliebte meint, sondern die Liebe selbst?"

    Nicht der Dichter bzw. seine Ausrichtung auf die Geliebte oder die Liebe ist m.E. das Problem dabei, sondern die im Akt des Dichtens notwendige Ausrichtung des Dichters auf die Sprache. Sprache begeht immer Verrat am Objekt (egal welches dieses auch sei), denn das Wort verbindet mit diesem nichts ausser eine Konvention des Codes. Das Wort braucht die Geliebte nicht (oder wenn, dann nur als Auslöser), das Wort ist, um es überspritzt zu formulieren, nur sich selber treu.

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  2. Und doch ist es ja nicht gleichgueltig, ob sie (die Sprache) eine Rose verraet oder einen Menschen, dem man gesagt hat: Ich liebe dich. Und auch gibt es hierbei keine Geschlechterparitaet.

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  3. Dem Dichter ist es sicherlich nicht gleichgültig, aber der Sprache selbst? (Ich halte sie manchmal für ein Ungeheuer, und dann verfalle ich doch immer wieder ihren Lockereien, ich weiss, ich weiss :-)

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  4. Menschen atmen Worte aus, laden sinnlos aneinander gereihte Zeichen mit Bedeutung auf. Die Sprache kommt vom Sprechen, vom Knurren, Summen, Stöhnen, Keuchen; eben von all diesen Regungen menschlicher Emotionen, die nach einem Ausdruck verlangten. Das Handeln transformiert die Sprache. Arbeit ist Arbeit, wenn ich aber sage, sie macht frei, wird es plötzlich gefährlich. Hat die Sprache ihre Unschuld verloren, oder nicht viel eher jener, der sie in die Welt spuckt?

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  5. Die Sprache als Subjekt - ich verstehe das, aber ich w i l l das nicht. Ich will mich einem Menschen 'verschreiben' und keinem Wort. Auch darin liegt vielleicht ein Unterschied zwischen den Geschlechtern, von dem ich gar nicht zu wissen brauche, ob er 'natuerlich' ist oder kulturell bedingt. Er ist. Verpflichteten sich Frauen (nicht einzelne Ausnahmen, sondern als anerkanntese Ideal) 'der Sache' (dem Werk, dem Glauben, der Ideologie, der Berufung, dem Beruf) - wie saehe ein Alltagsleben aus?

    Ich moechte diese Gegensaetze aufheben, nein das geht nicht, ich meine: zum tanzen bringen - und die Art wie Sie schreiben - die Verfuehrung nicht in den Text hinein, sondern zum 'Kopf heben' aus ihm heraus, die scheint mir ein Weg.

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  6. @MelusineB:
    Wir sind nicht nur Wort, nicht nur Sprache. Sie können sich einem Menschen mit Ihrem Herzen, mit Haut und Haaren verschreiben, nicht aber mit Ihrem Denken. Darin liegt, glaube ich, unsere Hoffnung.

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  7. Ja, doch zugleich liegt da - aus der Perspektive einer Frau - auch das Problem. "Halt nichts zurück", schreibt er, Keats und er vertritt damit ein ganzes Produktionsmodell männlicher Künstler, die zwischen sich und das Ungeheuer Sprache die Muse "schalten"; die darf nicht "denken". Die Frau, die denkt und also "zurück hält", ist aber auch trainiert sich in den Bildern zu erkennen, die diese besingen. Das ist eine Falle.

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  8. Gibt es denn nicht auch den anderen, den der Muse verfallenen Dichter, den, der und den nichts zurückhält, den, dem sich die Muse zwischen ihn und die Sprache schiebt? Von der er und an die er erst schreiben kann, wenn die Muse ihn nicht mehr küsst?

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  9. Den gibt´s. Das ist aber nur dem tragisch, dem sie Muse ist (weil er schreiben w i l l), dem sie eine Frau ist, der freut sich einfach, so lange sie ihn küsst und dass er ihr verfällt, oder? Und für mich, von mir aus gesehen, ist "natürlich" noch mehr von Interesse, was "ihr" geschieht, wie sie ihn sieht und ihm verfällt und ob sie auch schreiben könnte, wenn sie wollte? Ob es nicht einen anderen Modus gibt, in dem sie zugleich beide denken könnten und das Unbedingte und das Bedingende, der Höhenflug und der Abwasch sich nicht nur nicht ausschließen, sondern auch nicht gegenseitig "herabwürdigen"?

    @Guido Rohm - Ich deute Ihre Worte so, dass Sie dem Subjekt-Charakter der Sprache misstrauen und sie zurückbinden an den/die, der/die spricht und also vor allem auch an dessen/deren Körper. Das gefällt mir. Die Sprache spricht nicht und auch nicht ein körperloser Geist. Sondern "wir" mit all unserer Bedingtheit, aus der uns auch kein Gedicht holt.

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