Samstag, 3. Juli 2010

TAGEBUCH (10)

Anspruchsdenken (und eine Liebeserklärung an C.)


Heute morgen war in der Post ein Brief von C. Als ich den Kasten öffnete und ihre großzügige Handschrift, die mit der Adresse fast den ganzen Umschlag bedeckte, erkannte, setzte mein Herzschlag einen Moment aus und im nächsten Moment schoss mir die Schamröte ins Gesicht. Ich freute mich und ich war verlegen, ach, schlimmer: Ich fühlte und wusste mich schuldig. Wie lange hatte ich mich bei C. nicht mehr gemeldet... Auf ihre letzten beiden liebevollen und besorgten Briefe hatte ich nicht reagiert. Und daher beginnt ihr heute eingetroffener Brief auch mit dem Satz: "Ich bin so traurig, dass ich seit langem nichts von Ihnen gehört habe..." Ich musste schlucken, als ich das las und beinahe wären mir sogar Tränen gekommen.

Es ist wahr, ich habe C. nicht geschrieben seit mehr als einem Jahr, obwohl oder weil ich gerade ihr so viel verdanke und auch so dankbar bin. Dabei vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht voller Freude an unsere gemeinsame Zeit in ********* denke, an die fruchtbaren Gespräche und ihre herzliche Aufmunterung, wann immer mich Selbstzweifel und auch - bisweilen - echte Verzweiflung plagten. Warum, warum nur fällt es mir so schwer, ihr zu schreiben? Warum bin ich es, die durch ihr Schweigen immer wieder so große Lücken in unsere Korrespondenz reißt?

Ich kann mich nicht mit Zeitmangel herausreden. Ich könnte und müsste die Zeit finden, ihr, die mir soviel bedeutet, regelmäßig zu schreiben, Zeugnis abzulegen, von dem wofür sie, gerade sie, sich immer interessiert hat: wie ich denke und lebe und mit mir ringe. Oft fange ich Briefe an C. an, beginne, schildere mein Alltagsleben, meine beruflichen Erfolge und Misserfolge, wie meine Kinder älter werden und eigene Wege gehen, wie meine Liebe sich ändert, kriselt und wächst. Dann lese ich das durch und zerreiße es - oder an besseren Tagen lege ich es einfach beiseite, mache mir weiß, ich werde später weiter schreiben, überarbeiten, um den Brief an C. dann abzuschicken. Aber meistens lasse ich ihn liegen, schicke ihr nichts, lasse sie im Ungewissen darüber, ob es mir gut geht. Das ist nicht recht, das weiß ich. Denn sie hat immer gezeigt,  dass sie Anteil nimmt an meinem Leben wie kaum eine sonst. Ich konnte und kann ihrer Unterstützung stets gewiss sein. Warum nur schaffe ich es nicht, ihr gerecht zu werden?

Und da ist sie: die Formulierung und der Grund, warum ich so versage. Ich verehre C. wie nur wenige andere Menschen. Ihre Intelligenz, ihr Wissen, ihr Widerspruchsgeist, ihre Kreativität sind mir ein Vorbild seit wir uns kennen. Ich sehe, dass sie in mir eine sieht, die ich glaube, nicht zu sein. Sie hält mich für ebenbürtig und spricht mich so an. Sie meint, dass ich kann, was sie mir zutraut. Das ist wunderbar. Aber ich kann, denke ich meistens, ihr nicht gerecht werden. Ich bin die nicht, die sie sieht. Mein Leben ist so gewöhnlich. Nichts von dem, was sie meinte, dass ich es leisten könne, habe ich in meiner eigenen Wahrnehmung erreicht. Zu feige bin ich immer gewesen und zu faul. Wenn ich die Briefe durchlese, die ich an sie entwerfe, dann denke ich, sie müsse enttäuscht sein, wenn sie von diesem gedankenlosen Alltagssein liest. Sie habe doch ein Anrecht darauf, zu erfahren, dass ich die werde, die sie schon immer als Möglichkeit in mir sah. 

Nie, nie hat C. mich unter Druck gesetzt. Nie hat sie mein Leben, wie ich es führe, mit Familie und Brotberuf, abgewertet. Immer hat sie ihrer Anerkennung Ausdruck verliehen für meine Bemühungen. Es spielt sich nur in meinem Kopf ab, dass ich glaube, ihr nicht zu genügen. Ich werde ihr schreiben. Ich werde dies schreiben. - Und wie sehr ich sie schätze und liebe und mich freue, dass sie mich immer noch mag.


Heinrich von Kleist: Die Wahrheit ist, dass ich das, was ich mir vorstelle, schön finde, nicht das, was ich leiste. (Lektüren. Worte des Tages, 3. Juli 2010)

Kommentare:

  1. ...und vielleicht wagen Sie, ihr zu schreiben über Ihre Zweifel. Sie würden C. wohl keine Enttäuschung bereiten, im Gegenteil. Sich der eigenen Zweifel anzunehmen ist sehr forderndes Bemühen. Wie gut, dass es Menschen gibt, die solches Bemühen respektieren und fördern. Sie beschreiben C. als eine solche Person, jedenfalls nach Ihrem dargestellten Empfinden. Ich mag mir vorstellen, dass Ihnen C. gerne eine vertrauliche Dialogpartnerin sein kann. Wie viele können das schon? Wie viele bleiben auf dem vermeintlich stabilen Boden der Rationalität kleben: "Es gibt doch keinen sachlichen Grund für Zweifel!"

    C. erscheint mir in der Imagination als etliche Jahre älter als Sie, mit viel Wissen um Ihre Anliegen und einer Menge Gespür. C. erscheint mir auch als Frau, die mit herangetragenen Vorbehalten sicher und förderlich für die Beziehung umgeht.

    Vielleicht sollte ich auch lieber schweigen, liebe Melusine. Ich weiß es nicht. Doch sicher ist, auch schweigend geht Leben zu Ende. Sehen Sie, und da begegnet mir Erich Fried wieder einmal.

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  2. Ja, lieber Hans, genau das habe ich vor. Sie haben das sehr gut erfasst. Und so wie Sie C. beschreiben, gerade so ist sie. Als würden Sie sie und meine Freundschaft mit ihr kennen...
    Danke für Ihre aufmunternden Worte. Mein schlechtes Gewissen plagt mich schon sehr...

    Übrigens: ich schreibe an der Geschichte, zu der Sie mich angeregt haben. Aber ich komme viel langsamer voran, als ich dachte. Das geht mir immer so: Ich habe einen Plan, aber wenn ich ihn ausführen will, ergeben sich Wendungen und Windungen, die ich nicht voraussah. (Deshalb spiele ich auch so schlecht Schach...) Haben Sie noch Geduld?

    Herzliche Grüße M.B.

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  3. Sie ist eine treue Freundin, die C.
    Sie nimmt sich auch Ihres schlechten Gewissens liebevoll an.

    Herzlichst
    H.

    PS: An einer Geschichte ist das Werden wichtig, nicht das Veröffentlichen - meine ich. Das ist mir heilig, Geduld spielt da keine Rolle.

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  4. Es wird... und dauert.

    Lieben Gruß in den Sonntag.

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  5. Klingt furchtbar: ach, wie ich das kenne, und das hilft aber tatsächlich, wenn vielleicht nur eine kurze Weile und ein bisschen, zu sehen, dass es Anderen auch so geht; und weil ich gerade bei Klischees bin: Frauen sind da wohl doch immer noch offener und ehrlicher usw. Bla. - War halt mein erster Eindruck; ist natürlich Subjektiefsinn...

    Aber ist toll, eine solche C. zu haben; außerdem finde ich meine "These" bestätigt, dass man am besten "Therapie" mit "Begleitung" übersetzen sollte, dann kann das nämlich alles sein... jede(r)... die Nachtschwester, der Hausmeister, die Aushilfe im Buchladen usw.

    Und der Spruch von Kleist ist auch cool: Künstler sind im Grunde ein Leben lang damit "beschäftigt", auch oder gerade die "Größten" (das ist ja wohl wieder furchtbar relativ), das "Geleistete" an das "Vorgestellte" wenigstens anzunähern, denn zu erreichen ist es nicht...

    So - nun hatte ich auch noch meine "abrundende" Sonntagslektüre - und bedanke ich mich gar artig dafür!

    Das Fossil
     

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  6. Lieber Hans,

    wie ritterlich Sie sind! (Ich meine Ihren Beitrag in Die Dschungel.) Sie haben schon verstanden, wie ich es gemeint habe. Aber wenn ich ehrlich bin, dann habe ich auch geahnt, dass es verletzen wird und das zumindest in Kauf genommen.

    Wegen "unserer" (darf ich sie so nennen?) Geschichte: das fordert mich richtig - ich recherchiere:Pensionen, Straßennamen, Bilder, Idiome... Ich bin die Strecke, die ich beschreibe, einmal gefahren, aber das ist lange her und war zu einer anderen Jahreszeit und unter ganz anderen Umständen. Eigentlich dachte ich, ich schreibe das einfach so runter. Aber mit "Austerlitz" ist eine Dimension dazu gekommen (gebunden an "vermischte" Erinnerungen und Geschichte), die ich nicht erwartet hatte, jetzt aber nicht ausblenden kann und will. Das ist richtig spannend für mich, weil ich den Weg selbst noch nicht kenne. Danke für diese Anregung, die so unerwartete Wendungen nimmt.

    Herzliche Grüße, Honsa!

    M.B.

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  7. Lieber Hans, so wie Sie mir damals rieten, so habe ich es auch gemacht. Vielen Dank! Es ist gerade so gewesen, wie Sie erwartet hatten. - Und als ich diesen Post suchte, weil ich Ihnen mitteilen wollte, dass ich C. in der kommenden Woche treffen werde und wie sehr ich mich darauf freue, da wurde mir klar, wie lange Sie jetzt schon auf den 3. Teil von "Der Andere" warten. Ich auch, glauben Sie mir. Vielleicht muss ich es machen, wie bei Baader, Meinhof & die Zwergwerfer (wobei das aber nur ein dreister Spaß war) und einfach weglassen, womit ich nicht klar komme. Hier ist es der Film bzw. die Filme, die Vera und Klima im Dunkeln anschauen. Ich will sie beschreiben, aber es gelingt einfach nicht. Weglassen?

    Herzliche Grüße
    Melusine

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  8. Weglassen.
    Und bitte missverstehen Sie meine beharrliche Geduld nicht als Gleichgültigkeit, bloß, weil ich nicht nachfragte... (ein Gedichtvortrag schwebt mir im Ohr - muss auch erst gepflückt werden)

    Liebe Melusine,

    dass Sie es anscheinend wagten, C. Ihre Zweifel zu schreiben (so verstehe Ihre jüngste Mitteilung) und sich gar auf ein Treffen mit ihr freuen können, möchte ich gerne mit einem anerkennenden und zustimmenden Nicken würdigen. Wieder und wieder habe ich nun Ihre Liebeserklärung an C. gelesen und da fiel mir schließlich ein, was ich einmal aus einem Buch geschöpft hatte (wenn ich nur wüsste, aus welchem) und sinngemäß etwa so wiedergeben kann:

    "Als Liebende sehen wir die besten Möglichkeiten in den anderen nicht nur hinein, wir lieben sie aus ihm heraus. Mit der Zeit kann es der andere dann auch benennen."

    Das, glaube ich, ist Ihnen in den Begegnungen mit C. zugestoßen. (sag' ich ganz bewusst so :) C. hat Ihre besten Möglichkeiten in Sie hinein gesehen. Für das "Herauslieben" war aber nicht ausreichend Zeit (oder Nähe?). Deshalb vielleicht wollten sich Ihre Zweifel nicht lösen.
    Ich mag mir vorstellen, dass es nächste Woche ein weich fließendes Wiedersehen mit C. geben wird.

    Se srdečným pozdravem
    Honza

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  9. Lieber Honza,

    das "Weglassen" allein löst nicht mein Problem noch nicht ganz, denn was im Film zu sehen sein sollte, war ja, wer Jakub war oder besser: was er denen war, die sein Verschwinden nicht verwinden konnten und auch, wie die Leerstelle, die es riss, sich ins Leben derer fraß, die über seine Existenz nicht unterrichtet wurden. ---- Ich arbeite daran, doch nun fahre ich erst einmal für einige Tage nach Berlin und dort werde ich sicher nur gedanklich weiter daran schreiben können.

    "Das Herauslieben" - ja, es ist etwas daran, dass immer erst werden kann, was als Fiktion (auch als Illusion, wenn man so will, beginnt). C. war in einer wichtigen Phase meines Lebens die Frau, die ich brauchte, um an mich zu glauben - und Sie haben Recht: es währte nicht lange genug und wurde nicht nah genug, um dauerhaft meine Zweifel in dieser Hinsicht zu lösen. Man muss vorsichtig sein damit, so etwas zu verallgemeinern: aber diesen Teil von mir, den konnte nur eine Frau in mir sehen und wecken, glaube ich.

    Viele herzliche Grüße
    Melusine

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