Donnerstag, 19. August 2010

BLUT AUF DEN FLIESEN (2003)

Sie lassen mich nicht los: der aufgescheuchte Blick des Jungen, der sich zu uns herumdreht, als wir die Zelle betreten und die Fotographie von seinem Opfer, das zerfetzte, blutgetränkte T-Shirt, die braun verklebten Haare, die Stirn und Nase verdecken, das verdrehte rechte Auge, der hoch gerutschte Rock, der einen lila Slip vorscheinen lässt, der Körper der Frau auf dem weiß gefliesten Boden. Untrennbar miteinander verbunden durch die Worte des Anstaltspfarrers: „Ich zeige Ihnen, was er getan hat.“; unvereinbar in meiner Vorstellung: das verstörte Kindergesicht und der geschundene Körper der Frau. Das  blasse Gesicht des Jungen, die aufgeworfen-trotzigen Lippen, der lose suchende Blick und das getrocknete Blut auf dem Messer (Foto Nr. 4)  fügen sich in meinem Kopf zu keinem Bild. Dazwischen steht unbegreiflich das Wort, das er immer wiederholt, das einzige deutsche Wort, das ihm flüssig von dem Lippen geht: Fliesenleger.

Es war kein Sexualdelikt. Bärbel T. war Murats Stiefmutter. Murat wuchs in Ostanatolien bei seiner Mutter auf. Sein Vater lebte seit Jahren in Deutschland, hatte sich von Murats Mutter scheiden lassen, in Deutschland Bärbel kennengelernt und sich wieder verheiratet. Seinen Sohn Murat sah er nur selten, bei den wenigen Besuchen in seinem Heimatdorf in Anatolien. Wie seine beiden Brüder arbeitete Murats Vater in Deutschland zunächst als Fliesenleger. Als sein Sohn 16 Jahre alt wurde, beschloss der Vater, dass er ihn bei sich haben wolle. Murat wurde in Ankara in ein Flugzeug gesetzt, am Flughafen holten ihn seine beiden Onkel ab. Sie fuhren ihn in das osthessische Dorf, in dem sein Vater mit Bärbel lebte. Bärbels Familie betreibt dort eine Metzgerei, in der inzwischen auch Murats Vater arbeitete. Das Zusammenleben gestaltete sich offenbar schwierig. Murat sprach nur wenige Worte Deutsch. Sein Vater und die Stiefmutter wollten, dass er im Familienbetrieb, der Metzgerei, mithalf. An einem Morgen (der Vater war zum Schlachthof gefahren, um frische Ware abzuholen) waren Murat und die Stiefmutter alleine im Laden. Durch das Schaufenster sah eine vorübergehende Passantin, wie Murat nach einem Fleischermesser griff und – so stellte später der Pathologe fest – 36 mal mit großer Kraft auf seine Stiefmutter einstach, auch als diese schon am Boden lag. Er habe, sagte die Frau aus, „sie regelrecht geschlachtet.“ Schließlich ließ er das Messer fallen, rannte aus dem Laden, über den Hof zum Wohnhaus, hinauf in sein Zimmer und legte sich auf sein Bett. So fand sein Vater ihn, als er nach Hause kam. Die Vernehmung gestaltete sich schwierig, nicht bloß wegen der Sprachbarriere. Murat wiederholte nur immerzu: „Hab ihr gesagt: Will Fliesenleger sein.“

Was anderes, sagt der Pfarrer mir, bevor er mich zu Murat in die Zelle lässt, habe er bis heute nicht gesagt.


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Jemand müsste sich dieser blutigen Geschichte annehmen, der sich ein Bild dazu/davon machen kann - und die Bilder stiftenden Worte finden, jemand wie Guido Rohm vielleicht; der Autor von "Blut ist ein Fluss".


Kommentare:

  1. Ja, vielleicht sollte ich es tatsächlich versuchen.

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  2. Ich habe es unter "Auto.Logik.Lüge.Libido" (Das bedeutet: Achtung, Fiktion!) abgelegt, obwohl ich "es" nicht "bearbeitet" habe (weil ich es nicht kann.) Lediglich einige Umstände sind hier -gegenüber dem, was man Realität nennt - verändert (aus nahe liegenden Gründen).

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