Freitag, 6. August 2010

UNSEREINER. Kriegsundführerkindeskinder



Wir sind die Kindeskinder der Führerwähler. Wir sind die Kindeskinder der Russlandkrieger. Wir sind die Kindeskinder der Parisbesetzer. Wir sind die Kindeskinder der Mörderbande. Wir.

Als Kinder gingen wir an der Hand der Kriegsundführerkinder, derer, die dem Führer geboren wurden, in deren Erstlesebuch zu lesen war: „Der Führer kommt zu Besuch“, die in Lackschühchen standen mit Blumensträußchen unterm Hakenkreuz, deren Mütter das Muttersein lernten aus: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Unsere Eltern. Denen die Kinderwelt zusammenbrach und doch weiterging: Das wird schon wieder, ein deutscher Junge weint nicht, es hätte auch schlimmer kommen können.

Wir sind die Kinder einer verstörten Generation. Unsere Eltern: Waisen, Flüchtlinge, Bombenopfer, Vergewaltigte, Versehrte, letzte Aufgebote,Trümmerbegrabene. Darüber sprechen die nicht. Das ist die Generation der Verdrängten und Verdränger,die uns großgezogen hat, in sich verkrampft und verschlossen das kindliche Trauma: Unsereiner schafft das schon.

Heike Schmitz, Jahrgang 1966, hat „Unsereiner“ ein Buch geschrieben, „Kriegsundführerkinder“ im Untertitel, ein Buch für und über diese Generation unserer Eltern, den Standpunkt suchend, von dem wir eingenommen sind, immer schon, als gewollt unfreiwillige Kinder der Kriegsundführerkinder. Schmitz´ Buch liest sich nicht leicht. Ohne Punkt und Komma spricht das sich aus, was da in uns spricht: Die oft gehörte Familiensaga der  „Wir sind wieder wer“, die fast jede kennt und doch so nicht auf sich bezogen hat. Obwohl mitgesessen im VW-Käfer zum Ostseeurlaub oder mit dem beigen Mercedes nach Rimini gebraust, das schon, doch angekommen im jugendlich frohen Europa natürlich. Was geht  das uns an,  „denen“ ihr Deutschland, dachten wir, mindestens bis 1989. Das Schweigen der Eltern kam uns nicht ungelegen.

Schmitz´ Ich-Erzählerin nimmt, um die Stimme zu finden, die über die Jahrzehnte in schrecklicher Kontinuität in uns, den Kriegsundführerkinder-Kindern spricht, Haltung an: Den Rücken durchgedrückt („Halt dich gerade!)“, stelle ich mir vor, steht sie fest immerzu auf der einen Terrassenstufe einer Dahlemer Villa, von oben herab schauend auf das Treiben der diskutierend tagenden Intellektuellen, den Ruf des davongekommenen Juden aus Odessa, Davids, ignorierend, steht dieses Ich-Sprachrohr standhaltend heldenhaft leer da („Wir halten durch.“) und verkörpert gleichsam die still gestellte, eingefrorene, weil verschwiegen durchgesetzte und gelebte Kontinuität der Kriegsundführerkinder vom Führerland ins Wirschaftswunderland: „Vonhierobenausgesprochen Kriegsundführerkindeskindisch mit meiner Siegerlaune und Treuepflicht meiner sorgsamen Beharrlichkeit und wennsauchganzargwird nie ohne ein unermüdliches Duschaffstdasschon wiekinderaufsichnehmend auchunsereinersagend.“

Der Anstrengung des Stillestehens, des Sichaufrechthaltens, des distanzlosen Wiedersprechens, durch die erst die Präsenz des Ungeheuren hinter der Sprachlosigkeit der Eltern erscheint, muss sich auch die Leserin/der Leser von Heike Schmitz´ Text unterziehen. Das spricht sich aus und fort, in einem fließenden Schwall, gegen den Davids Rufe von unten nicht ankommen können: Wie Großvater Willi, ungebrochen selbstherrlich die Enkelin immer wieder auffordert „Schreib das auf.“: „den Ton schreibdashin den indenmundgefahrenen mir auf der Zunge liegenden den hochfahrenden auffahrenden umsichschleudernden den eingeredeten und furchtbar gern abfälligen den wie aus Ungründen aufkommenden Ton der einzigfürwahr sich haltende der auszusprechende wie ein tönendes Erbe durch die Generationen geschleift der mit dem Ichsageeuch der mit dem Wennauchnureiner der mit den hingewüteten Drohungen der verschwörende und schmeichelnde unsereiner gegen alles wappnend so gestärkt eingestimmt so wütend draufgängerisch so einstimmig übergehoben abenteuerlustig abgelästert schreibdasauf.“ Oder wie die Großmutter Hilde geschickt aus der Hakenkreuzfahne eine Mädchenschürze näht, schmuckvoll fürs Foto im Familienalbum, immer wieder vorgezeigt. „aus den Flutenderbilder von den beschürzten Töchtern umrahmt zum GrußandenVater und geliebtenWilli aufgestellt mit diesen netten Schürzenaufweißemkleid schreibdasauf wie meine aus Reich Krieg und Führertum entlassene Mutteralskind im Photostudio ihrer Mutter zu Seite gesetzt stillschweigend mit ihrem Kleidchen die Nazizeit in Nachkriegszeit verwandelt von meiner Großmutter Fingerfertigkeit verwandelt die Fahne zurechtgeschnitten und aus Politik eine Mädchenschürze hausfraulich gezaubert das Weiß vom Rot getrennt...“

Fotografien wie die eben beschriebene aus dem Schmitz´schen Familienalbum, aber auch Führerbilder und Dokumente der Bombenangriffe begleiten den Text. Heike Schmitz hat ihrem Buch ein Zitat vorangestellt:. „Photographie ist dem Trauma darin verwandt, die Zusammenhanglosigkeit der Ereignisse festzuhalten. Sie ist das Medium der traumatischen Zeit. Es gibt darin kein davor und kein danach und keine sinnvolle Erzählung.“ Erst aus dieser Haltung heraus wird das gegenwärtig Gebliebene einer sprachlosen Verstörung sprechbar, um das es der gnadenlos Spätgeborenen, die hier schreibt, geht.

So weit geht diese Annahme des Standpunktes, diese Aufsichnahme der Haltung derer, deren Kindeskinder wir sind, dass sie mit deren Augen hinblickt, mit deren Kälte drauf sieht auf das ungeheuerliche Verbrechen, das hinter sprücheklopfender Selbstgewissheit sich verbirgt: „Wahrgenommen so ein nichtender Blick aus Führerkriegskindeskinderauge geworfen auf Verworfenes Gedemütigtes Todgeweihtes Verspottetes ein Himmlerkaltenbrunnerauge hier oben mir in den Höhlen steckend und träumend wie nur Träumenden hier wie dort sein lassen zugleich in die Nacktheit der Beäugten versetzend auf einmal ebenso eine Verworfene Selektierte zu den Entkleideten gehörend in der Vorstellung nackt ausgesetzt und zum Ausstellen gezwungen hineingeschlüpft in das Beäugte und Ausgemusterte aufgereiht zwischen Leibern für das beschlossene Ende hingestellt wie grenzenundschutzlos den Blicken der Tötenden ausgeliefert als Getötete mich Tötende ansehend als Tötende mich Getötete im Blick schreibdasauf mit dieser Augenkrankheit...“

Das ist kein Buch, das sich gut liest. Das ist kein Buch, das man gern liest. Das ist ein Buch, indem man sich liest. Schmerzlich. Wiedererkennbar. Wieder fühlbar. Dass wir so sind. Dass wir das sind: Kriegsundführerkindeskinder. Da oben stehend. Hier oben stehend. Angelernt und antrainiert die Herrenhaltung, das große Wort. WIR SIND WER. „Kann nicht k-a-p-i-t-u-l-i-e-r-e-n.“, wiederholt die Erzählende immer wieder. Diese Haltung kann sich nicht aufgeben. Unaushaltbar scheint es, hinunter zu gehen. Sich einzulassen, sich auszulassen, ausgelassen zu sein. Angst erschlägt, meist die anderen. „Ich wurde gesagt.“, endet Heike Schmitz´ Buch. Unsereinersichauflösend. 


Lesen Sie dieses Buch.



Kommentare:

  1. Es ist schon seltsam. Gerade vertiefe ich mich wieder einmal in die teils großartigen Dokumentationen zu Birkenau, um dem Zeitgeist nachzuspüren für meinen Beitrag zum "Niemandsland", da treffe ich auf Ihre Buchempfehlung. Der will ich nachgehen und lasse meinen Beitrag warten.

    (Den 3. Teil Ihrer Erzählung "Der Andere" erwarte ich interessiert und geduldig)

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  2. Klären Sie mich auf, ich weiß es wirklich nicht (sicher ist die Frage ganz dumm und ich müsste es wissen): Was ist "Niemandsland" (ein Buch, eine Seite, eine Serie?).

    Mich hat dieses Buch von Heike Schmitz erschüttert, weil ich in Fotos und Text wiedererkenne, widerwillig, was mich geprägt hat. Das Buch "Die Mutter und ihr Kind" (unter dem Titel erschien es in den 50er und 60er Jahren) wurde meiner Mutter in der "Bräuteschule" überreicht (so was gab´s wirklich!). Wie viel von diesem Mutterbild ist unbewusst eingegangen in meinen Blick auf mich selbst und den Blick, mit dem ich meine Kinder betrachte?

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  3. Ein Film, ein bosnischer Film..

    Nowheres Land...


    sehr guter Film...
    und passt sogar zum Thema, aber
    Sie würden das naturgemäß bestreiten :-)

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  4. Ich finde als bosnischen Film nur diesen hier:
    http://en.wikipedia.org/wiki/No_Man's_Land_(2001_film).
    Meinen Sie den? Es gibt scheinbar noch einen US-amerikanischen mit dem Titel "Nowhere Land", aber ich glaube, auf den beziehen Sie sich eher nicht.

    Ich bin so unnatürlich, dass ich natürlich gar nichts bestreite. Erklären Sie mir, wie er zum Thema passt (der Film). Ich kenne ihn nicht.

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  5. Es geht in dem Film um die Absurdität des Krieges.
    Die Menschen dort verstehen sich "eigentlich", sie haben diesselbe Sprache, sie lachen über dieselben Scherze, sie haben am Ende sogar dieselben Probleme.
    Der Film ist absurd komisch. Er beschreibt auch die Auswirkungen des stumpfsinnigen Nationalismus.
    Denn Nationalismus ist kein deutsches Problem, es ist überall ein Problem wo er die Menschen in seinen Sog treibt.


    Rezensionen
    Aus der Amazon.de-Redaktion
    Bosnien 1993. Irgendwo haben sich die Frontlinien eingegraben, keiner kommt mehr vorwärts. In dieser Situation verliert eine bosnische Patrouille nachts im Nebel die Orientierung und wird am nächsten Morgen von den Serben zusammengeschossen. Nur einem Soldaten gelingt die Flucht in einen aufgegebenen Schützengraben, der zwischen den Linien im titelgebenden Niemandsland liegt. Als die Serben zwei Männer auf Erkundung zu dem Graben schicken, verkompliziert sich die Lage.

    Sie legen die scheinbare Leiche eines Bosniers auf eine Sprengmine, die erst losgeht, wenn Kameraden versuchen sollten, sie zu bergen -- was für eine hinterhältige, teuflische Idee! Als Ciki, der überlebende Bosnier, einen der Serben erschossen und den zweiten, Nino, verwundet hat, liefern sich beide einen Kleinkrieg, bis sich plötzlich der vermeintlich tote Bosnier auf der Mine bewegt: Er war nur bewusstlos. Jetzt befinden sich alle in einer schier ausweglosen Lage.

    Dieses verdienterweise mit 40 internationalen Preisen ausgezeichnete Erstlingswerk von Danis Tanovic, darunter dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2002, ist eine der treffendsten Kriegssatiren, die je gedreht wurden. Es führt die ganze Absurdität von kriegerischen Auseinandersetzungen vor Augen, die ab einem bestimmten Punkt zwangsläufig einzusetzen beginnt. So werfen sich Ciki und Nino gegenseitig vor, den Krieg begonnen und die Dörfer des jeweils anderen Volkes zerstört zu haben.

    Der Regisseur und Autor bezieht hierbei keine Partei. Es bekommt vielmehr jeder sein Fett weg: Die beiden gegnerischen Parteien, die sich in einen ausweg- und sinnlosen Kleinkrieg um Macht und Rache verrannt haben; die Medien, die das reale Drama wie eine fiktive Krimiserie für das Fernsehpublikum aufbereiten; und vor allem die UNO, deren nutzlose Anwesenheit -- da striktes Einmischungsverbot -- als bloßes Feigenblatt für scheinbares Eingreifen der führenden europäischen Politiker vor der Weltöffentlichkeit herhalten muss. Opfer all dieser Unmoral ist nicht nur die betroffene Zivilbevölkerung, sondern sind auch die Soldaten der UNO-Blauhelme, die den Wahnsinn vor Ort schließlich vertreten müssen.

    Trotz seines traurigen Themas ist dieser Film eine Tragikomödie, die den Sinn für das Komische auch in der schlimmsten Situation nicht verliert. Über all die Absurdität möchte man gleichzeitig lachen und weinen, und sich dann die Haare raufen ob der zynischen Gleichgültigkeit der verantwortlichen Politiker. Unbedingt empfehlenswert, denn dies ist eine allgemeingültige Parabel, anwendbar auf viele andere Konflikte weltweit. --Elke Wolter

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  6. http://www.amazon.de/No-Mans-Land-Branko-Djuric/dp/B0000E2619/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=dvd&qid=1281201558&sr=8-1


    da ist er....

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  7. @Melusine
    vor knapp einem Monat gaben Sie mir mit Ihrem Beitrag "ein verspätetes Vorwort?" einen wichtigen Impuls zum Nachdenken. Seitdem arbeite ich mich über die aktuelle Beitragsserie an den Kern heran.

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  8. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse Ihres "Heranarbeitens"; lassen Sie uns an den Überlegungen teilhaben?

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  9. Danke für den Hinweis, Melusine. Der Beitrag liest sich sehr interessant und ich werde mir das Buch kaufen und es lesen. Die Autorin ist fast mein Jahrgang...
    Ein Thema, was uns fast zu spät begann, zu interessieren. So spät, dass wir unsere Großmütter kaum noch fragen können.
    Gruß Susanne

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  10. Das freut mich sehr, dass Sie das Buch lesen wollen. Mich hat es sehr erschüttert. Und Sie haben Recht: "Ein Thema, was uns fast zu spät begann, zu interessieren." Herzlichen Gruß Melusine

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