Montag, 6. Dezember 2010

(Un-)Perfekte Paare (3): DIE ELTERN



Ob diese beiden Romantiker einander wohl taten, ob ihre Entscheidung ein Paar zu werden, Kinder zu zeugen und aufziehen, ein jedes von ihnen eher behinderte oder doch  beflügelte, lässt sich schwer beurteilen. Ihr gemeinsames Leben, die Verletzungen, die sie sich zufügten, wie schwer es ihnen fiel, den anderen zu ertragen: seine Pedanterie, ihre Sprunghaftigkeit, zeigen, dass keine Liebe immun ist gegen die Niederungen von Geiz, Stolz, Leichtsinn, Trotz und die ganze Banalität des Alltags. Viele ihrer Missverständnisse hatten mit ihren unterschiedlichen Temperamenten zu tun, andere wurzelten in einem Rollenverständnis, das auch heute noch das Verhältnis von Männern und Frauen prägt, insbesondere wenn sie Familien gründen. Männer fühlen sich in der Pflicht für die finanzielle Grundlage zu sorgen, Frauen übernehmen als Mütter die Sorge für Pflege und Erziehung der Kinder. Auch wenn sie versuchten, das zu teilen, gerieten sie hier an ihre Grenzen und überforderten sich, ein jedes sich selbst und einander. In diesen an der Pflicht auch laut oder leise (ver-)zweifelnden Menschen, die sie wurden, erkannten sie beide wohl öfter nicht mehr, den und der sie in Liebe verfallen waren. Was sie in einander sehen wollten, konnten sie offenbar als Vater und Mutter, Ehefrau und Ehemann nicht andauernd sein. Und mühten sich doch, die Liebe zu erhalten.


(ohne Datum)
So oft ich Deiner denke, gehn mir tausend Herzen auf und tausend Stimmen reden aus mir, und wo ich etwas Liebes höre denke ich Dein, so sei Dir denn in Deinem Namen B.B., liebe Bettina Brentano, liebe Beans Beor, tausendfach Glück gewünscht von Deinem Amans Amor, dass Du gewisslich zu uns kommst; vielleicht kann ich Dir viel Glück wünschen und wenig geben, aber was ich habe ist Dein.

November 1811
(...)
Mit jedem Druck der Feder
Drück ich Dich an mein Herz,
Bald tragen mich flüchtige Räder
Wieder zu Lust und Scherz.
Ich öffne leise die Türe,
Und weil es so dunkel ist,
Dir Leib und Schenkel berühre
Ob du dieselbe bist.

Verzeih allen Mutwillen
Deinem treuen Manne Achim Arnim

Anfang 1815
Lieber Arnim,
wie viel und (mit Sehnsucht) hab ich an Dich gedacht: nur einmal aber fortwährend; ich habe mich gewundert, dass ich Dich so ruhig konnte fahren lassen, jetzt in meiner schönsten Zeit, warum nicht 10 Jahre später, Du lieber, seidner Leib! (...)

Juni 1817
(...)– Sonst war das Ende Deiner Briefe wie Arme, die mich an Dein Herz schlossen, und diesmal hast Du nur geschrieben leb recht wohl. Arnim.
Leb also auch recht wohl.


Bettine

Aber ich bin doch böse, dass Du nichts anderes geschrieben hast, zärtlich bist du gar nicht gegen mich. Du drückst mir nur gern ein blaues Mal, und geküsst hast Du mich auch nie so recht, wie ich´s gern haben wollte.


Juli 1817
Also habe ich Dich nicht genug geküsst in meinem Briefe! Warum soll ich verbotene Früchte anschmachten? Aber ich komme wieder und dann ist alles erlaubt. (...) Nun sei tausendmal und abertausendmal geküsst und braun und blau gedrückt und alle Kinder dazu, dass es ein rechts Geschrei wird, als wär ich der Alp.

Achim Arnim



Dezember 1819
Liebe Bettine!
Zwei Briefe von Dir gaben mir Gewissheit, dass die Kinder an Keuchhusten leiden. Leider wusste ich das im voraus und hätte sie deswegen gern bis Neujahr hier behalten, auch habe ich gleich gegen das Einsperren in Berlin geredet, aber Du hörst selten, was ein Anderer spricht. (...) Sei herzlich geküsst und glaube mir, dass ich kein eitler Tor bin, sondern recht gut weiß, wo es hin und wieder den Gleichen fehlt. Der Himmel erheitere sich über Dich und die Kinder.

Achim Arnim


Juni 1820
Du lieber Rinderhirte des Admet, wie lange willst Du noch Deine Gräser im Tau besingen und beäugeln? Unterdessen turnieren Deine Söhne die Schule; Du solltest mit Deinen Ohren Siegmund hören, mit welcher Begeisterung er über die Eigenheiten der Lehrer spricht (...)fünftens habe ich „Die Gleichen“ wieder gelesen, und die Liebeszenen habe ich mir selbst laut vorgelesen, erst schüchtern und dann ernster, besser, und ich kann Dir sagen, wenn einer fähig ist, die tief wehmütigen Register vom Herzen tönen zu lassen, die dazu nötig sind, um sich ganz auszusprechen, so bin ichs. Du machst Dir nichts draus, dass grad in meinem Herzen Wurzeln fasst, was in tausend andern wie im trockenen Sand ruht; das kommt daher, weil Du großer mächtiger Geistesstrom über mich kleines Bächlein hinausbrausest, als ob ich nicht da wäre. Komm bald wieder, gedenk auch meiner unter Deinen Kühen, weder die braune noch die weiße, noch die scheckige ist Dir so innig gesinnt wie ich.

Bettine



Dezember 1823
Liebe Bettine!
So bleib ich denn noch einige Tage zum Besten des Landes und sende Dir die Weihnachtsgeschenke, nämlich: 30 Pfund Kalbfleisch, 25 Pfund Hammelfleisch, 18 Pfund Schweinefleisch, 4 Pfund Speck, 4 Würste, 44 Pfund Weizenmehl, 7 Pfund Buchweizengrütze, 56 Pfund Brot in 8 Stücken, 8 Gänse, 2 Puten, 6 Hähne, 1 Faß Sauerkohl, 2 Metzen Mohn, 15 Pfund Butter, 4 Pfund Schmalz, 2 Mandel frische Eier, 1 Faß alte Eier, 1 Hase.(...)


Dezember 1823 
(...) Schreiben kann ich nicht mehr, die Kinder plagen mich, dass ich bescheren soll, leb wohl und denke am Neujahrstag an mich. – Soeben ist beschert. Allgemeiner Jubel. Die Armgard ganz allerliebst, ich schicke Dir, was ich hab erübrigen können an Rosinen und Mandel.(...)


Novemer 1824
(...) Wenn nun gleich die Quelle des Verdrusses in Berlin noch reichlicher fließt, so ist doch da eine auftrocknende Kraft von mancherlei Zerstreuung, in welcher das bisschen eigenes Dasein vergessen wird. Die Kinder könnten Dir eine reichere Unterhaltung gewähren, wenn Du ihnen auch geistig etwas ein wolltest. Das erste Lied, die erste Zeichnung, die einem Kinde beigebracht, fordert gewiss so viel Kunstsinn, wie zu irgend einer Erfindung für die Welt nötig. Eltern stehn den Kindern näher als bezahlte Menschen, wenn sie Autorität bei ihnen haben. (...) Ich fühle, wie weit ich ab bin von dem, was ich den Kindern sein möchte; und wenn Du auch nichts mehr von mir lernst, als diese Überzeugung, so kannst Du mir doch schon sehr dankbar sein. Ich würde so etwas nicht aufschreiben, aber es lässt sich mit Dir nicht besprechen, denn da geht es, wie bei dem Sinen mancher Töne Tränen ohne Rührung vergießen muss, in sein Geweine über, das jede Art der geistigen Auffassung unmöglich macht. Allen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, dass dieser Brief in unrechte Hände fällt, verbrenne ihn sogleich im nächsten Kaminfeuer.(...) 


Januar 1831
Liebe Bettine!
Ich schreibe, weil Du im letzten Briefe den Wunsch ausdrückst, jeden Posttag Nachricht von mir zu haben, obgleich ich Dir wenig zu sagen weiß, als dass ich mich langsam bessere. Du scheinst inzwischen bei großen Kunstversuchen sehr vergnügt, was auch mir wohltut. Es ist Dein vierter Ansatz zum Ölmalen, vielleicht findest Du jetzt weniger Schwierigkeiten als früher, weil Du der Umrisse sicherer geworden bist. Ich wünsche guten Fortgang, küsse Dich und die Kinder.

Achim Arnim
  

18. Januar 1831 
Lieber Arnim,
Mir ist Dein Bleistiftschreiben kein beruhigendes Zeichen, und obschon ich in vollem Eifer der Malerei bin, die mir so ganz über Erwarten gelingt, so habe ich vorderhand alle Lust verloren und mein Bild beiseite gestellt, bis ich weiß, ob Dir´s wieder besser geht (...) Ich wollte doch nur, dass Du erst hier wärst, so wollte ich Dich gewiss nicht bald fortlassen. Wenn ich nun nicht die Überzeugung, habe, dass Du wirklich ganz auf der Besserung bist, so muss ich Dich besuchen. Die Kinder grüßen und ich küsse Dich von Herzen und mit der Sehnsucht, bei Dir zu sein.

Bettine

Drei Tage später starb Achim von Arnim kurz vor seinem 50. Geburtstag. Seine Witwe Bettina, geborene Brentano war nun alleinstehende Mutter mit sieben Kindern, von denen das jüngste gerade vier Jahre alt war. Erst nach seinem Tode wurde sie, die Schwester, Freundin und Ehefrau begabter und bedeutender Männer gewesen war, selbst eine berühmte Frau. 1834 veröffentlich sie „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, 1840 „Die Günderrode“, 1843 „Die Buch gehört dem König“.

Kommentare:

  1. liebe Melusine, interessante konversation, die du da herausgesucht hast. ich kenne den lebenslauf der beiden noch nicht. mich wunderts, weshalb sie mit 7 kindern anscheinend dennoch so lange zeiten getrennt leben mussten (?).

    ihre liebe scheint bis zum schluss sehr inniglich und frisch geblieben zu sein. der brief zur musischen kindeserziehung ist sehr aufschlussreich. "Die Kinder könnten Dir eine reichere Unterhaltung gewähren, wenn Du ihnen auch geistig etwas ein wolltest.[...] Eltern stehn den Kindern näher als bezahlte Menschen, wenn sie Autorität bei ihnen haben."- was bedeutet das denn? beklagt sich der vater, dass die mutter den kindern kuenstlerisch nichts abverlangt, bzw. nichts beibringt oder unterstuetzt er nur ihre auffassung, dass sie dies (musische erziehung) kuenftig verstaerken moechte?

    hier angeregt ich werde mich mal nach den gemalten bildern von ihr umsehen.

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  2. Sie mussten wohl nicht getrennt leben, aber sie waren zu unterschiedlich um dauerhaft beieinander zu sein. Er wollte das ererbte Gut wirtschaftlich wieder auf die Beine bringen; sie wünschte ihn als Dichter zu sehen. Sie brauchte Unterhaltung, Leben um sich, er sehnte sich nach Ruhe und Beschaulichkeit - aber wahrscheinlich vereinfacht auch so eine Beschreibung. Sie taten sich sicher oft sehr weh. Aber sie hatten alles auf das Gelingen dieses Lebensentwurfes gesetzt, da waren sie ja beide keine Kinder mehr, als sie das entschieden. Und immer kamen Kinder...Sie brachten sie alle durch - in der damaligen Zeit ein Wunder! --- Ich finde die Lektüre dieser Brief tröstlich und schrecklich zugleich: Es entlastet mich davon, mich völlig als Versagerin zu empfinden, aber es ist auch sehr traurig, dass selbst zwei so begabte und einander zugewandte Menschen einander in ihrer Entwicklung eher behinderten (so lese ich es), als beförderten.

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  3. zu ihren bekannten gehoerten auch Liszt und George Sand... las ich gerade in einem interessanten manuskript des Bayrischen Rundfunks. da werden auch einige zusammenhaenge klar. fuer mich besonders aufschlussreich die passagen ueber ihre eigene bildung, ihren bildungsanspruch und ihre emotionale intelligenz/ das lernen von ihren freunden/ ihrem umfed.
    http://docs.google.com/viewer?a=v&q=cache:NEz_cIOSbdsJ:www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/deutsch/arnim/manuskript/arnim_manuskript.pdf+bettina+von+arnim+malte&hl=de&gl=de&pid=bl&srcid=ADGEESi7Nb7zNp9_Q2r2RE6eYHKPTHv4VSq5VimoTE0ebpaqkahgLkJxvWDlNwWDv68gZ8GPjmNNyaHyFwijP9OBADVVoqCV5MEjuB23atO0tkBcrbatQsjBDGipYX0mqW3EejEH8TBA&sig=AHIEtbRzb1Xd8jrB6E4ewe0PqawifjutVg

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  4. Danke für den Hinweis. Das Manuskript ist interessant und faktenreich, doch finde ich, dass es auch Klischees bedient und - aus meiner Sicht - überholte und verfälschende Lesarten vorschlägt. Wenn zum Beispiel davon die Rede ist, dass im Günderode- oder im Goethe-Buch Bettina v. Arnim es nicht so genau genommen habe mit der "Authentizität" der Korrespondenz, dann werden diese Texte vom Rezipienten immer noch nicht als das gelesen, was sie sind: nämlich Romane. Weder die Bettina noch die Günderode oder Goethe oder - noch viel interessanter - Aja Goethe, die in diesen Texten entworfen werden, sind "dokumentarisch wiedergegebene" Personen. Bettina v. Arnim nimmt vielmehr die Perspektive des schreibenden Kindes bzw. der Kindfrau spiegelbildlich zu jenem Klischeeblick ein, den sie auf sich geworfen sieht. Daraus geht eine Befreiung hervor, die was ganz anderes ist als "Emanzipation" im Sinne einer Adaption männlicher Lebensformen. Es ist eine, die unter Frauen, im Dialog der Frauen stattfindet: Aja - Bettine, Karoline - Bettine. Darin steckt die ganze Erfahrung der erwachsenen Mutter und Witwe, die die Autorin dieser Texte ist. Das wahrzunehmen, weigert sich bisher immer noch eine "männliche" Romantik-Rezeption, der Bettine das amüsant-lästige, frivol-verspielte Beiwerk, die Arabeske, zur "wahren Kunst" ist.

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  5. den eindruck kann ich bestaetigen. mir scheint sie, die ich gerade beginne, kennenzulernen, auch in die augenhoehe von George Sand zu gehoeren. sehr selbstbestimmt, kreativ, ihrer zeit weit voraus. ich wuesste zugern, ob es von den beiden auch einen briefwechsel gibt.

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  6. Die preußische Zensur hat den Briefwechsel mit Sand sofort unterbunden. Bettina v. Arnim war zu dieser Zeit politisch aktiv, engagierte sich gegen Armut, Unterdrückung, für Pressefreiheit und eine Liberalisierung und Demokratisierung der Gesellschaft. Sie hatte nicht nur mit der Zensur zu kämpfen, sondern auch mit den eigenen Söhnen, die sich für sie und ihr Engagement und auch dafür, wie und was sie schrieb, schämten.

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